Dienstag, 23. April 2013

Ach ja, der Brautvater...

... in dieser lieben Sommerszeit

Im Bergischen wird der Regen wärmer, im Rheinland jagen Pollen durch die Luft - Eingeweihte merken daran: Es wird Frühling und bald auch Sommer. Pfarrerinnen und Pfarrer haben noch einen anderen untrüglichen Beweis, dass die Saison des ausschlagenden Grüns und der lauen, mückengeschwängerten Abende naht: Die Anrufbeantworter füllen sich mit Anfragen wegen kirchlicher Trauungen, in den Kalendern schwindet ein freier Samstag nach dem anderen dahin.

Natürlich ist jeder Traugottesdienst auch für uns schwarz Tragende eine ganz einmalige Angelegenheit, auch, wenn es für uns ein bisschen mehr "Alltag" ist als (hoffentlich) für Braut und Bräutigam. Aber: Bestimmte Fragen müssen bei jedem Mal geklärt und gesprochen werden, und ein Gesprächsthema ist immer wieder der Wunsch der Braut, ihr Vater möge sie zum Altar führen. Ich habe da eine eigene Meinung zu, aber machen wir zunächst einmal kurz den Sprung in die Geschichte: Wo kommt diese Sitte eigentlich her?

Der Brunnen der Vergangenheit: Gar nicht so tief...

Einen ersten Meilenstein auf diesem Weg rückwärts finden wir in den späten
www.der-denver-clan.de
Achtzigerjahren und zwar, genauer gesagt, in der damaligen Medienlandschaft: MTV geht auf Sendung, Thomas Gottschalk übernimmt "Wetten, daß..?" - und ganz Europa verfolgt gebannt die Intrigen und Schicksale US-amerikanischer Oberschichtsfamilien und beschert Serien wie Dallas, Denver Clan (Dynasty), Springfield Story (Guiding Light) und Falcon Crest traumhafte Einschaltquoten. Weil es dort meistens um große Gefühle und um Glamour geht, wird natürlich in großem Stil und Pomp und Prunk geheiratet, bis der
Schleier qualmt. 

So gut wie jedes Mal ist Wagners Brautmarsch ("Treulich geführt") zu hören, und so gut wie jedes Mal führt der Brautvater (oder eine andere männliche Bezugsperson) die Braut down the aisle, an deren Ende ein Pfarrer, Priester oder Freund der Familie, der sich die entsprechenden Rechte vom Standesamt geholt hat, wartet und irgendwann am Ende etwas sagt wie: "Kraft des mir verliehenen Amtes erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau." Das ist übrigens einer der Sätze, die in einer kirchlichen
paralyzedwithjoy.blogspot.com
Trauung hierzulande nicht gesagt werden. Sie ergeben beim nochmaligen Hinhören eigentlich auch wenig Sinn; in einem deutschen Sketch aus jener Zeit fragt der Bräutigam zu Recht: "Ach, und was waren wir vorher? Hund und Katze, oder was?!"


Jedenfalls beginnt hier die eigentlich so wohltuend altmodisch anmutende Tradition ihren Siegeszug durch Deutschland: Untersuchungen zeigen, dass der Wunsch, der Brautvater möge die Braut zum Altar führen, genau in den späten Achtzigern eingesetzt hat und seitdem immer häufiger geäußert wird.  

Kristian Fechtner fasst diese Entwicklung folgendermaßen zusammen: 
Es handelt sich in unserem Kontext also um eine Art selbsterfundenen Traditionalismus, der für die Spätmoderne nicht untypisch ist. 
(K. Fechtner, Kirche von Fall zu Fall. Kasualien wahrnehmen und gestalten, Gütersloh ²2011, 167)

Dass sich dieser Brauch erst seit gut zwanzig Jahren hierzulande verbreitet, bedeutet nicht, dass es in der einheimischen Geschichte keine Vorformen und Anknüpfungspunkte be. Dafür müssen wir aber noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit vordringen, genauer gesagt ins Mittelalter. 

... oder doch?

Mittelalter also. Raubritter- und Burgfräuleinromantik in den höheren Ständen, Knechtschaft und Darben in den niederen. Solche oder ähnliche Assoziationen weckt diese nicht ganz so leicht abzugrenzende Epoche, ob sie der historischen Situation gerecht werden, sei mal dahin gestellt, aber im Mittelalter stoßen wir auf den Brauch der Muntehe, der ein Licht darauf wirft, was der kulturelle Hintergrund der Brautübergabe ist: Salopp gesagt übergibt der Erstbesitzer (Vater) dem neuen Besitzer (Ehemann) eine zu einem vorher ausgehandelten Preis verkaufte Ware (Frau). Die Trauung besiegelt also ein für beide Seiten (sprich: beide Männer bzw. Familien) lukratives Geschäft - wer hier die Nase über die unromantischen alten Zeiten rümpfen will, sei daran erinnert, dass rein weltgeschichtlich betrachtet unsere romantisierte Vorstellung einer Liebesheirat eher ein Ausnahmephänomen ist. 

Warum ich dagegen bin

Falls es noch nicht ganz klar geworden sein sollte: Ich bin ja dagegen. Und zwar unter anderem aus diesem Grund: Die Vorstellung, dass die Frau eine Ware ist, die sich zunächst im Besitz des Vaters, dann des Ehemannes befindet, widerstrebt all dem, was Kirche und Gesellschaft in den letzten Jahren in Sachen Gleichstellung erkannt und zum Teil mühsam erlernt haben. Wenn ich Brautpaare darauf anspreche, wehren sie sich aus gutem Grund gegen eine solche Deutung und betonen dagegen, dass die Trauung den Beginn eines neuen Lebensabschnitts markiert. Das kann ich bedingt nachvollziehen (selbst wenn sich im Alltag von Paaren, die seit Jahr und Tag zusammen leben, zumindest äußerlich nicht viel ändert), nur: Dann wäre der richtige Ort dafür das Standesamt, denn in der Kirche wird seit 1876 keine Ehe mehr geschlossen, sondern eine zuvor eingegangene Ehe oder Lebenspartnerschaft gesegnet. Selbst in Schweden, wo kirchliche Trauungen juristisch bindend sind, wird in Teilen der Kirche (zum Beispiel Stockholm) ausdrücklich von diesem Brauch abgeraten - was zu einigem Streit im Vorfeld von Prinzessin Viktorias Hochzeit vor einigen Jahren geführt hat.
Mir geht es aber auch um die Außenwirkung - es ist ja mitnichten so, dass die völlige gesellschaftliche und ethische Gleichstellung von Mann und Frau in allen Teilen und Submilieus der Gesellschaft gleichermaßen anerkannt wäre. Und hier hat die Kirche den Auftrag zum öffentlichen Zeugnis. Das bedeutet nicht, in den Gefälligkeitskanon politischer Korrektheit einzustimmen, sondern auch mit der äußeren Ordnung ihrer Zeremonien und Institutionen (Barmen III) das zu bekennen, was sie als evangeliumsgemäß und Gott-gewollt erkannt hat. Dass die Einsicht, dass Frauen kein "Besitz" sind, dazu gehört, setzen wir einfach mal stillschweigend voraus. Deswegen treten im evangelischen Traugottesdienst vorzugsweise zwei erwachsene Menschen, die einander aus Gottes Hand angenommen haben, Seite an Seite zum Altar. Deswegen kann, darf und soll die Braut allein laufen. 

Warum ich noch dagegen bin

Neben diesen (wenn man so will) politischen Einwänden habe ich auch und vor allem seelsorgliche Bedenken: Es ist heutzutage üblich, dass die Wahl des Brautkleids ein ganz eigener, von viel Organisationsaufwand und Geheimnistuerei umkränzter Brauch ist und der Bräutigam seine Frau erst in der Kirche in ihrem Brautkleid sieht.  Dieser Moment ist ein besonderer, und ich finde, dass beide bei dieser Begegnung das Recht auf Schutz und Intimität haben. Die ist aber nicht gegeben, wenn diese Erstbegegnung vor aller Augen und unter dem piepsenden Blitzlichtgewitter zahlloser Digitalkameras stattfindet. Mal ganz abgesehen davon, dass der Bräutigam eine geraume Zeit ziemlich verloren vorne am Altar rumstehen muss, bis seine Frau Position bezogen, der Organist das Signal verstanden hat und der Gottesdienst beginnen kann. Ich habe noch keinen Bräutigam erlebt, der auf Nachfrage erklärt hätte, dass ihm das nichts ausmachen würde. Und umgekehrt nur ganz wenige Paare, die im Vorhinein ausführlicher darüber gesprochen hätten. 
Wenn man den Wunsch vieler Paare nach einer perfekten Inszenierung ernst nimmt (ich bin ja mal gespannt, wann die rehearsal dinners bei uns Einzug halten), dann muss man auch aus dramaturgischer Sicht einwenden: Nicht jede Braut, nicht jeder Brautvater ist so laufstegerfahren, dass sie es schaffen, ohne weiteres den richtigen Takt zu finden und in angemessenem Tempo den Mittelgang herunterzuschreiten.
 

Was geht?

Die (manche/n überraschende) Krux ist ja, dass ich als Pfarrer nicht wie Weddingplanner, Hochzeitsagentur und Cateringfirma ein Dienstleister bin, dessen gut bezahlte Aufgabe es ist, jeden Wunsch der Kunden zu erfüllen. Ich habe eine Verantwortung in drei Richtungen: Den Menschen, die mir anvertraut sind, der Kirche, die mich berufen hat, und mir selbst und meinen theologischen Überzeugungen gegenüber. Deswegen fällt es mir im genannten Fall schwer, einfach so zu sagen: "Joar, machen wir!" Aber in der praktisch-theologischen Debatte hat sich in den letzten Jahren ein schönes Motto bewährt: "Interpretation statt Konfrontation" - statt uns gegenseitig unsere jeweiligen Go's und No-Go's vor den Kopf zu knallen, machen wir uns auf einem gemeinsamen Weg, an dessen Ende wir idealer Weise zu einem Konsens kommen: Was geht?

Ein solcher Konsens kann auch in Sachen "Brautübergabe" gefunden werden. Und jetzt muss ich ja eingestehen, dass ich weiter oben die Sache um der lieben Polemik Willen ein bisschen vereinfacht habe. Da gibt es zum Beispiel die Mutter, die ihren schwulen Sohn im Segnungsgottesdienst nach vorne bringen und damit deutlich machen will, dass sie nach einem langen und schwierigen Weg der Auseinandersetzung seine Partnerwahl nicht nur akzeptiert, sondern auch unterstützt. Solche Familiengeschichten erfahren in einem Traugottesdienst ihre theologische Aufwertung - im genannten Fall haben wir es allerdings anders gelöst und die Mutter beim Segen über die Brautleute beteiligt. Und damit fühle ich mich am wohlsten - es gibt noch weitaus mehr Punkte, an denen im Gottesdienst die besondere Bedeutung einzelner Menschen deutlich gemacht und gewürdigt werden kann.
 
Eine andere Möglichkeit, auf die ich mich in meiner reformierten Borniertheit gerade noch einlassen kann, ist eine Mischform: Der Bräutigam wartet unter der Empore, dort nimmt er seine Frau von ihrem Vater in Empfang - und dann ziehen wir gemeinsam ein. 

 Was sind Eure Erfahrungen? Was geht? Was geht nicht? Und wer geht mit wem?
 

Kommentare:

  1. … danke für die gute Zusammenfassung! Das deckt sich weitgehend mit meinen Gedanken und Erfahrungen. Nur die am Schluss erwähnte Mischform kannte ich noch nicht. Die könnte mein Notausstieg werden, für die Zukunft …

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  2. Kollegialer Nachtrag: Jetzt hatte ich nacheinander zwei Paare, die eigentlich die "Die Frau hat vier Kamele gekostet, hier hast du sie"-Variante wollten. Und dann folgende Form richtig gut fanden: Das Hochzeitspaar zieht gemeinsam ein, aber Eltern, Trauzeugen usw. gehen voraus. Offenbar lag da in beiden Fällen das Motiv "Begleitung durch die Familie" ganz obenauf, das eben auch auf andere Weise gut aufgegriffen werden kann. Merke ich mir …

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  3. Insbesondere protestantische Theologen und Theologinnen wenden gern ein, die Braut würde bei dieser Form des Einzuges wie das Eigentum des Vaters behandelt, das er an den Bräutigam weiter gibt. Doch solche Einwände sind seltsamer, theoretischer Unsinn. Frauen, die diese Form des Einzugs wählen, drücken damit im Gegenteil damit ihre liebevolle Verbundenheit zu ihren Eltern aus.

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    1. Nun ja, so ganz kommt man nicht drumherum, dass das der historische Sitz im Leben ist. Und die Frage wäre in so einem Fall für mich: An welchen anderen Punkten im Leben drückt die Frau ihre liebevolle Verbundenheit zu ihren Eltern dadurch aus, dass sie sich ans Händchen nehmen und irgendwohin führen lässt..?

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    2. Natürlich streitet jede Braut ab, dass es um einen Besitzwechsel ginge. Wenn es aber um liebevolle Verbundenheit mit den Eltern gehen soll, warum wird dann nicht auch der Bräutigam von seiner Mutter hereingeführt?

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    3. Ich glaube, das liegt u. a. daran, dass die medialen Vorbilder fehlen - im Fernsehen sieht man nun einmal anderes.

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