Freitag, 28. Februar 2014

Fastelovend zesamme!

Zwischen Gemeindekarnevalsfeiern, Predigt- und Büttenredenschreiben (ich finde beides nicht dasselbe) und kostümbedingten Einsichten ("Mit Tütü ist wie mit Talar - man geht automatisch anders!") ein kleiner Gruß aus der protestantischen Fastnachtsforschung - ich empfehle besonders den Leitartikel...


 

Freitag, 21. Februar 2014

Donnerstag, 20. Februar 2014

Sieben Wochen ohne Theaterdonner

Der Kirchengeschichtler frohlockt über die quasi-reformationszeitlichen Verhältnisse: Wittenberg ruft - und alle schreien. Das Zentrum für evangelische Predigtkultur schlägt eine Fastenaktion vor: Sieben Wochen ohne große Worte. Das Ganze ist gewissermaßen verpartnert mit der diesjährigen Fastenaktion der EKD, die ihrerseits unter dem Motto Sieben Wochen ohne falsche Gewissheit "raus aus fragloser Routine und halben Wahrheiten, zum Nachfragen und Neudenken locken" möchte. Das Predigtzentrum schlägt vor, in der Fastenzeit asketisch mit den "großen Worten" umzugehen, jenen geprägten Begriffen aus Frömmigkeit und Theologie, die im fachwissenschaftlichen Diskurs unumgänglich sind, auf der Kanzel bedeutungsschwanger daherkommen, aber oft genug, wie es Dietmar Wischmeyer und Oliver Welke in ihrem übrigens sehr empfehlenswerten Buch Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk. Deutsche Helden privat (Berlin 2013, 108ff.) so hübsch ausdrücken, letztlich nur "dieses nickende Wissen [...] bei den Schäfchen" und "dieses unnachahmbare Wir-Gefühl der Ahnungslosigkeit, für das sie alle so lieben" verursachen. Die Begründung ist so simpel wie einleuchtend, das Ziel so ehrenhaft wie nachvollziehbar:
"Kaum eine Predigt kommt ohne Große Worte aus: Barmherzigkeit, Hoffnung, Kreuz … Manchmal funktionieren sie wie Platzhalter, aus denen die Inhalte längst ausgewandert sind. Die Predigtsprache gerinnt in Substantiven. Wie kann sie wieder lebendig, anschaulich und konkret werden?"
(So formuliert auf der Begleithomepage des Projekts: www.ohne-grosse-worte.de)

Wer mitmachen möchte, kann sich eine Karte zuschicken lassen, auf der die 49 großen Begriffe, die es zu vermeiden gilt, abgedruckt sind:

(c) Zentrum für evangelische Predigtkunst

Vielleicht vorneweg: Man kann, was die Auswahl der Begriffe im Einzelnen angeht, sicherlich geteilter Meinung sein. Ich zum Beispiel finde, dass Gott und Jesus keine Begriffe, sondern Namen sind. Und sicherlich betreffen betreffen manche Begriffe die eigene Predigtpraxis mehr als andere - das ist aber im Übrigen bei allen Fastenempfehlungen so: In manchen neo-orthodoxen Gemeinden gehört es vor der Fastenzeit fast zum guten Ton, einander zu informieren: "Ich faste auf..." Ich war bei sowas immer fein raus und habe zum Beispiel "auf" Kaffee und Zigaretten gefastet. Ich war auch meistens einer der wenigen, der das komplett die sieben Wochen durchgehalten hat, was bei einem bekennenden Kaffeehasser und Nichtraucher auch keine große Kunst ist. Aber im Großen und Ganzen ist das doch eine ganz hübsche Idee, eine Art rhetorisches Trainingsprogramm (wie ja im Protestantismus generell das Fasten eher eine freiwillige und nach Bedarf zu definierende und dosierende geistliche Übung ist). Und ein auf eine überschaubare Zeitspanne angelegtes Experiment in einer Zeit, in der ansonsten oft und gern gerade die "großen Worte" explizit zum Thema gemacht werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dachte ich. 

Haha. Denn dann ging es los in den sozialen Medien, meist erst dann, wenn traditionelle reaktionäre Bedenkenträgermedien die Meldung entdeckt und sich ausführlichst darüber ausgelassen hatten. Ich zitiere mal meine Lieblingsstellen - dass es sich hierbei um Originalzitate handelt, möge man mir einfach glauben, ich verzichte auf genaue Quellenangaben, weil ich finde, dass es ein Akt der Nächstenliebe ist, Menschen nicht auf jeden Mumpitz, den sie in den Äther blasen, festzulegen:
"Die spinnen doch diese Protestanten seit jeher..." 
"Die EKD ist seit 50 Jahren nicht mehr ernst zu nehmen - und in 100 Jahren eh vollkommen verschwunden. Also, wen kümmerts?" 
"Den Gemeindegliedern, deren Pfarrer sich daran halten wollen, kann ich nur empfehlen: Fastet vom Gottesdienstbesuch. Das Opfer, das ihr dabei bringt, wäre wahrscheinlich nicht allzu groß." 
"Mit ihrer "Roten Liste" können die EKD Glaubensfastenden _kein_ Glaubenszeugnis über Jesus Christus ablegen, aber über Wotan und Thor können sie ja dann ganz unverbindlich plaudern. Chapeau !" 
"Man sollte dem Potestanten sagen es wäre besser für ihn gewesen, bis Ende der Fastenzeit ganz zu schweigen, oder mal bei den Kirchenvätern sich zu informieren, oder wenigstens mal 40 Tage so zu fasten wie es 400-1500 n.Chr alle Christen gemacht haben. Wenn der Computer mit Viren befallen ist, muss man das System neu installieren, sollte aber tunlichst vermeiden andere damit anzustecken." 
Und so weiter. Das große Übel von web 2.0 ist ja, dass es vielen Zeitgenossen vom unangenehmen Typus des "Leserbriefschreibers" eine bis dato nicht gekannte Öffentlichkeit bietet und suggeriert, dass jedwedem Flackern im Großhirn automatisch der Rang einer begründeten Meinung zukommt. Aber als demokratisch-freiheitlich gesinnter Mensch sagt man sowas natürlich nicht laut, sondern fragt sich im Stillen, ob verbaldiarrhöinduzierte Hyperemesis als Berufskrankheit durchgeht, seufzt so vor sich hin und macht ein paar Fleißaufgaben, weil ja niemand am eigenen Beißreflex ersticken soll. Also:

WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DER KANZELSPRACHE?


Alle, die in der Initiative per se Abzulehnendes, da Neuartiges und den damit unvermeidlich verbundenen Untergang des christlichen Abendlandes zu wittern meinen, seien hiermit beruhigt. Ich zitiere einfach mal aus ein paar Jährchen Predigtratgeberliteratur:

(c) zazzle.de
"Theologische Stilistik verklausuliert, verschließt die Predigt, statt ihren Inhalt zu verstehen zu geben. [...] Sofern die semantische Welt, aus der der Prediger seine Formulierungen bezieht, keine Einstiegsmöglichkeiten bietet, gewinnt sie für den Hörer auch nicht an Gestalt; die "existiert" für ihn nicht. Der Prediger führt zwar vor, wie gewandt er sich in seiner Welt bewegen kann; aber dem Hörer signalisiert er damit unter Umständen - und ohne es zu wollen -, daß das Ganze wohl eine Nummer zu hoch und der Glaube letztlich eine Sache für "Auskenner" ist. [...] Ein solcher Predigtstil liegt in dichter Nachbarschaft zu christlich-religiöser Phraseologie, in der man nur noch vage eine theologische Motiviertheit, geschweige denn eine im Evangelim begründete Predigtintention erkennen kann. [...] Dieser Stil ist sowohl in semantischer wie in theologischer Hinsicht als eine Art Rauschen zu beschreiben, das es nicht möglich macht, Genaueres zu verstehen, das aber ständig vorgibt, daß es etwas zu verstehen gebe. [...] Was im Rahmen theologischer Systeme plausibel ist, kann außerhalb dieses Systems völlig unverständlich sein. Freilich - auch solches Reden bleibt nicht ohne Wirkung; es kann z.B. zur faktischen Exkommunikation der Predigthörer führen, also eine 'asoziale Note' haben. Wer sich der 'Sprache Kanaans' bedient, ist sich womöglich der sozialen Komponente sprachlichen Handelns nicht hinreichend bewußt."
(Wilfried Engemann, Einführung in die Homiletik, Tübingen/Basel 2002 [UTB 2128], 34-36.328f.)

"Spreche ich so, dass es auch mein Nachbar verstünde, mein Hausarzt oder der Schaffner im Bus? Oder rede ich im frommen Jargon? [...] Dagegen ist in manchen, unterschiedlichen kirchlichen Milieus ein Jargon üblich, der für Außenstehende nicht nur schwer verständlich ist, sondern obendrein abstoßend. Da wird z.B. in der Sprache der Lutherbibel geredet [...]. Da werden die sonst aus der Sprache längst ausgewanderten grammatischen Endungen munter weiter gebraucht [...] Natürlich wissen wir auch alle, wer der "reiche Jüngling" und die "blutflüssige Frau waren. Die "Epheser" sind uns so vertraut wie der FC Bayern. Wir danken Gott nicht, wir bitten ihn: "Hab Dank..." [...] Die Reihe ließe sich nahezu brenzenlos fortsetzen. Abgesehen von der Unverständlichkeit für nicht Eingeweihte ist die Gefahr des frommen Jargons die uneingestandene gedankliche Unklarheit: Ich benutze unter Umständen Begriffe, die Klarheit suggerieren ("Heil", "Sünde", "Barmherzigkeit", "Gerechtigkeit"), bei näherem Hinschauen aber alles andere als klar sind." 
(Michael Herbst/Matthias Schneider, ...wir predigen nicht uns selbst. 
Ein Arbeitsbuch für Predigt und Gottesdienst, Neukirchen-Vluyn ²2002, 159f.)

"[V]ielleicht ist die Korrektheit das eingefleischteste Laster der Prediger. Ich hege den Verdacht, daß der Korrektheit eine ungezählte Zahl von Seelen geopfert werden, und ich erhebe Protest gegen eine eine Menschen opfernde Korrektheit. [...] Der Gegensatz zu Korrektheit heißt darum auch nicht Schlampigkeit, sondern Freiheit. Korrekte Predigten sind unfrei und ohne befreiende Kraft. Korrektheit riecht immer ein wenig nach Gefängnis und Gefangenschaft. [...] Artikuliert sich solche Gefangenschaft auf der Kanzel, weht Gefängnisluft in die Gemeinde. In solcher Gefängnisluft erstickt das Evangelium. Dann hören Mencshen vielleicht eine Predigt über das Evangelium, das Evangelium selbst bleibt stumm. Dies nenne ich die Menschen opfernde Korrektheit: dem Prediger ist es wichtiger, richtig zu predigen, als daß Menschen zur Freiheit kommen und über dem Evangelium froh werden. Seien Richtigkeit kommt vor der Rettung der andern. - WIll man solch predigende Korrektheit theologisch erklären, wird man sie als "Dienst des Buchstabens" verstehen, der damit beginnt, daß der Prediger sich von Regeln beherrschen läßt, statt daß er sie beherrscht. Im Endeffekt macht er aus dem Evangelium Gesetz und aus dem Gesetz Gesetzlichkeit. [...] Die Beliebigkeit und Häufigkeit einer auf der Kanzel gebrauchten Wendung sagt nichts aus über ihre Wahrheit, wohl aber verrät jede Floskel eine Wahrheit, indem sie eine Aussage macht über die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Predigers."
(Rudolf Bohren, Predigtlehre, Gütersloh [1980] 61993, 403.416)

"Es ist gutt, das einer nur predige iuxta analogiam fidei. Ad simplicem modum contionandis e omnes contionatores debent assuefacere, und sollen bey sich beschließen, das sie predigen jungen, unvorstendigen leuten, pawern, die eben so wenig vorstehen als die jungen under 12, 13, 14, 20 jaren, denen man allein predigt. Das ist auch der grosseste haufe. Das dieselbige vorstehen ader etwas daras fassen mugen und ihr leben beßern. [...] Man sol sich aldohin accomodiren ad auditores, und das feilet gemeinglich allen predigern, das sie predigen, das das gemeine volck gar wenig daraus lerne. [...] Einfeldig zu predigen, ist eine große kunst. Christus thuts selber; er redet allein vom ackerwerck, vom senffkorn, und brauchet eitel grobe, pewrische similitudines."
(Martin Luther, Tischrede vom 23. Juli 1539, in: WAT 4, 447).



Halten wir das doch erstmal fest: Die Warnung vor unverständlichen Phrasen, und klingen sie auch noch so biblisch, ist so alt die das Nachdenken über die evangelische Predigt selbst. Und: Die Wahrheit einer Predigt bemisst sich nicht an der Anzahl der in ihr behaupteten theologischen Richtigkeiten, die charakterlich entsprechend disponierte Menschen mit Bademeisterfrömmigkeit auf einer internen Checkliste abhaken können. Die Problematik hat Peter Bukowski (Predigt wahrnehmen. Homiletische Perspektiven, Neukirchen-Vluyn (4)1999, 149) schön auf den Punkt gebracht: "Jeder Predigthörer kenn den Effekt, den Passagen dieser Art bei ihm auslösen. Man kann (im besten Fall) den Eindruck, es war alles richtig, ja man hätte jeden Satz unterschreiben können, und doch hat einen das Gehörte nicht angesprochen. Warum nicht? Weil man das alles so oder so ähnlich schon oft gehört hat. Wenn wir nach solchen Predigten sagen: 'Heute war wieder alles richtig', dann verstehen wir 'richtig' als Schimpfwort. Das liegt daran, daß sich Aussagen - unbeschadet der Sachgemäßheit ihres Inhalts - abnutzen. Informationen sind nämlich nicht konservierbar, im Gegenteil, sie büßen mit dem Grad ihrer Bekanntheit von ihrer Wirkungskraft ein."

Soviel erstmal zur sprachlichen Korrektheit der Predigt. Aber da ist ja noch die Sache mit dem Fasten.



WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DEM FASTEN?


Manche Kritik entzündet sich an dem Missverständnis, das Zentrum für evangelische Predigtkultur wolle als Einrichtung der EKD den in den Gliedkirchen Predigenden irgendetwas vorschreiben. Es ist ein bisschen langweilig, dass man das immer wieder betonen muss, aber es sei trotzdem gesagt: Dazu gibt es überhaupt kein Mandat - und deswegen auch keinen Grund zur Sorge. Die Kirchenordnung stellt nämlich eindeutig fest: "Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind im Rahmen der kirchlichen Ordnung in der Verkündigung und in der Seelsorge selbstständig" (Art 51, Abs 1 KO.EKIR).

Davon abgesehen, lohnt (wie immer!) der Blick in die Kirchen- und Theologiegeschichte 
 - was sich die Reformatoren zu dem Thema gedacht haben, ist durchaus anregend. Die hatten ja überhaupt nichts gegen Askese, eher im Gegenteil. Ihre Kritik richtete sich nur gegen das Fasten als Pflichtübung spätmittelalterlicher Frömmigkeit und gegen das Missverständnis, es würde daran, wie wir vor Gott stehen, im Kern irgendetwas ändern - sie konnten sich dabei u.a. auf Jesaja 58 berufen. Huldrych Zwingli etwa stellt in seiner Schrift Von Erkiesen und Freiheit der Speisen (1522) fest, dass keine kirchliche Obrigkeit das Recht hat, den Gläubigen das Fasten aufzuerlegen: "Und sind wir under kein gsatz verbunden, denn das gsatz der liebe, und fryheit der spysen schadt der liebe des nächsten nüt, so sy recht gelert und erkent wirt, so sind wir demselben gbott oder gsatzt nüt schuldig."

In CA XXVI stellen die Reformatoren fest, "daß ein jeglicher schuldig ist, sich mit leiblicher Übung, wie Fasten und anderer Arbeit, so zu halten, daß er nicht Ursache zu Sündigen gebe, nicht, daß er mit solchen Werken Gnade verdiene. [...] Und wird also nicht das Fasten verworfen, sondern daß man ein notigen Dienst daraus auf bestimmte Tage und Speisen, zu Verwirrung der Gewissen, gemacht hat." Die CA liegt damit ganz auf der Linie Luthers, der im Kleinen Katechismus etwas eingängiger schreibt: "Fasten und leiblich sich bereiten ist zwar eine feine äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden", an anderer Stelle, im Sermon von den guten Werken, ausdrücklich vor geistlicher Überanstrengung warnt und daher rät: "[W]enn er fände, dass ihm vom Fasten der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde […], so soll er das Fasten ganz gehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zur Gesundheit nötig ist."

UNTERM STRICH...


... gilt also wieder einmal der gut paulinische Grundsatz: Prüfet alles und behaltet das Beste. Will sagen: Die Fastenaktion ist eine gute und, wie ich finde, inspirierende Möglichkeit, die eigene Predigtpraxis auf ihre Floskellastigkeit und Lebensnähe hin zu überprüfen. Dass das einfach wird, hat ja niemand behauptet - und wer trotz Nachtschichten und wortschöpferischer Schwerstarbeit am Schreibtisch immer noch große Worte in seinem Manuskript findet, der möge doch bitte, ehe "dass ihm der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde, essen und schlafen" gehen.

Und wem der Kamm immer noch nicht abgeschwollen ist, wer immer noch meint, sich schon über Predigten ärgern zu müssen, die noch gar nicht geschrieben sind, dem sei an dieser Stelle empfohlen, sich an anderer Stelle in Askese zu üben:



Montag, 17. Februar 2014

Sola Gratia

Es ist später Abend. Beißend kalter Wind schneidet durch Luft, Kleider und Glieder, schießt nadelspitze Regentropfen in jeden Winkel. Autos rasen vorbei, ein Lichtkegel, quietschende Reifen, eine Pfütze springt mir entgegen, klammert sich an mir fest, läuft mir langsam die Beine hinunter. Ein schwarzer Spalt zwischen zwei Häusern, eine kleine Gasse, ohne Namen, ohne Straßenlaternen. Ein kurzes Zögern, den Kragen hochgeschlagen, dann ein paar schnelle Schritte. Um die scharfkantige Ecke, um abgeblätterten Putz und verwaschenes Graffiti herum, hinein in das Dunkel der Gasse. Dann, endlich, das Haus. Unscheinbar, abgeklebte Fensterscheiben, weißblau flackernde Leuchtschrift, elektrisches Summen in unruhigen Intervallen. H… bsss… I… bss… M… und aus. Zwischen umgestürzten Mülltonnen eine Treppe, ein paar Stufen hoch. Glitschig, schwarzer Asphalt, steil. Mein Atem ein paar Stöße weißer Wolken. Eine schwere Eisentür, einen schwarze, glatte Wand. Der Wind sticht in den Augen. Wo ist die Klingel? Ich hebe den nassschweren Arm, poche leise, noch einmal, härter. Steif gefrorene Fingerknöchel zerspringen am kalten Metall, rutschen ab, noch einmal. Nichts. „Ähm“, mache ich. Nichts. „Meine Freunde sind schon drin“, versuche ich, etwas lauter, etwas schneller, damit der Wind meine Worte nicht auf halbem Weg packen und wegreißen kann. Nichts. „Verstehen Sie mich? Do you understand me? Ich muss da rein.“ Nichts. Ich mache kurz die Augen zu, atme tief ein, hinter der Tür höre ich leise Musik und Lachen. Ich will rein. Baue mich auf, ziehe mich hoch, mache meine Stimme tief und erwachsen: „Ich kenne den Chef. Ihr lasst mich besser rein.“ Zücke mein Handy und halte es hoch, falls mich irgendjemand durch eine Kamera beobachtet. „Ich kann auch anrufen“, drohe ich, „dann wird es ungemütlich!“ Nichts. Stecke das Handy in die Tasche, hole einen Schein raus. „Okay“, lenke ich ein. „Wieviel?“ Nichts. Gebe mich loyal. „Da kann man doch irgendwas machen. Hey, komm, ich bin wer weiß wie lange durch den Regen gelaufen… Ich will einfach nur rein, ein bisschen Spaß haben, ich mach bestimmt keinen Ärger.“ Nichts. Lautes Lachen von drinnen, Musik, dann wieder von der Straße quietschende Reifen. Ich schlage mit den Armen aus, lache gekünstelt. „Sesam, öffne dich“, rufe ich halb im Scherz, halb verzweifelt. „Komm jetzt, ich unterschreibe auch Eure Mitgliedskarte oder was auch immer ich tun muss.“ Nichts. Regen fällt mir auf den Kopf, macht ihn schwer, tropft runter auf meine Schultern, zieht sie nach unten, nimmt mich mit. Ich lasse mich auf die Stufe fallen, kalter, harter Beton. Über meine Schulter hinweg gucke ich zur Tür. „Ist egal, was ich tue, oder?“ frage ich leise vor mich hin. „Ich kann Männchen machen, soviel ich will, das bringt mich nicht rein, oder?“ Drehe mich weg, stehe langsam auf, mein Fuß tastet nach der nächst tieferen Treppenstufe. „Nein.“, sagt eine Stimme hinter mir. Eigentlich gar nicht unsympathisch, aber das ist jetzt auch egal. Mein Fuß sackt auf die nächste Stufe. Eine Hand berührt mich an der Schulter. Langsam drehe ich mich um. Eine Gestalt ist aus der Tür herausgetreten, steht mit mir im Regen, im Wind, in der Kälte. Hinter ihm, der Türrahmen und was dahinter ist, ein leuchtendes, goldenes Viereck, Wärme flutet ins Nasse, streichelt mir ins Gesicht, Lachen, Musik, Gesprächsfetzen flattern aus der Tür und tanzen um meinen Kopf. „Die Tür geht nur von innen auf“, erklärt er, fast entschuldigend. „Aber ist jetzt auch egal. Kommst du?“ Er hält mir die Hand hin. Für einen kurzen Moment zögere ich, sehe ich einen Fleck in seiner Handfläche, wie eine Narbe, dann legt sich meine Hand in seine. Seite an Seite gehen wir zur Tür, ich bleibe kurz stehen, sehe Gestalten innen drin, fröhlich, sauber, edel, strahlend und gucke meine nassen Jeans hinunter auf meine matschigen Schuhe. „Handtücher gibt’s drinnen“, sagt er und nickt mir zu: „Wenn einer fragt, sag einfach, du gehörst zu mir“, sagt er und zieht mich über die Schwelle rein ins Warme. 

(c) Andrea Damm / pixelio.de

Sonntag, 16. Februar 2014

Der Preacher Slam!

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Eine Woche ist er schon her, der erste Düsseldorfer Preacher Slam, bei dem in der Neanderkirche in der Altstadt Pfarrer_innen und Slam Poets das Publikum ihre Texte unters Volk brachten. Jaja, der Erfahrungsbericht kommt ein bisschen spät, aber ich wollte warten, bis die Videos online waren - es gilt ja immer noch das gesprochen Wort. In einem Satz: Es hat ganz phänomenal viel Spaß gemacht! Der gesamte Parkettbereich der Kirche (deren Architektur mein reformiertes Herz pochen lässt!)  knallevoll mit knapp 300 Leuten, ein von der ersten Minute an ganz hinreißendes Publikum, das an die goldene Regel des Poetry Slam - Respect the Poets! - eigentlich gar nicht erinnert werden musste. Gutdraufige Moderatoren, die mir schon allein durch ihren beständigen Kampf mit den Grundrechenarten das gute Gefühl gaben: Die Welt zu Gast bei Freunden! Der Adrenalinpegel bei den Slammenden (zumindest bei mir) wurde durch das fortlaufende Auslosen der Reihenfolge auf angenehm hohem Niveau gehalten, aber schon mit dem Auftritt des Opferlamms wich das Lampenfieber einem Gefühl, das ich bis dato vor allem als Beschwichtigungsparole bei den Bundesjugendspielen kannte: "Dabeisein ist alles." Denn das stimmt echt! Es war einfach, mit den anderen mitzufiebern, zuzuhören, in Sprachbildern und Wortkaskaden zu baden, zutiefst gerührt (danke, Anke und Becci!) und vor Lachen geschüttelt zu werden. Und in sich die schönste aller Formen des Neides zu spüren, wenn man beim Hören eines Textes denkt, dass man den gerne selbst geschrieben hätte - und anzuerkennen, dass man das nicht gekonnt hätte und einfach nur froh ist, den hören zu dürfen.

In der ersten Runde trafen drei Slammer auf zwei Vertreter der Pastoralliga, in der zweiten Runde, nach einer dringend nötigen Pause ging es andersherum weiter. Tendenziell zeichnete sich ein höherer Punktedurchschnitt für die Profipoet_innen ab, was ich ihnen von Herzen gönne, aber gleichzeitig auch schade fand, weil ich die Texte der Kolleg_innen, die ja nun speziell für diesen Anlass geschrieben waren, ganz großartig fand. Und ich habe mir lange Gedanken gemacht, ob es nur die Slamerfahrung ist, die hier eine Rolle spielt - zu einer wirklichen Antwort bin ich nicht gekommen.

Die Spannung steigt: Runde Zwei.


Nachdem in der ersten Runde zwei Amtsgeschwister den Reigen eröffnen durften - mir war das ganz recht, denn ich habe ja gelernt, dass die Bewertungen zum Ende hin tendenziell ansteigen -, wurde es in der zweiten Runde ernst. Der erste Pfarrer wird ausgelost, die Spannung steigt - "ich bin's nicht." Dafür aber the best Vikarsmentor ever (das Zusammentreffen hatte ja schon im Vorhinein den Spaß fast bis ins Unendliche gesteigert), der mit einem grandiosen Text über das entjungferte Universum und dessen prüde Mutter nicht unbedigt die Punktzahl bekam, die er verdient hätte, der aber im Blick auf Satzlänge und Aufnahmebereitschaft des Publikums auch sehr hoch gepokert hatte. Direkt danach: El maestro und unser Coach, der Zymny, mit dem genialen Grundgedanken, wie wohl ein Kind die ihm nicht verständlichen Teile einer Predigt durch eigenes Wissen auffüllt. Und ich überlege fieberhaft, wie auch schon nach dem monumentalen Auftritt von Lasse Samström in der Runde vorher, ob mein Text nicht mehr dadaistische Elemente braucht, ob ich einfach ein paar Silben vertausche oder ein paar Vokalisen ins Mikro brülle. Der nächste Pfarrer - wieder geht der Kelch an mir vorüber. Der letzte Slammer, Sowaswiequasipotenziellerzukünftigerkollege Bleu Broode, singt zwischendrin, genau wie Sulaiman Masomi, und wie ja auch schon Julia Engelmann in dem Video da, und das Publikum rast. Ein Gedanke formt sich in meinem Kopf, dann bin ich auch schon dran, betrete die Bühne, entscheide kurz und schmerzlos - und eröffne mit ein paar Takten aus dem Soundtrack eines Films meiner späten Kindheit. Ob das Publikum Schweinchen Babe kennt, weiß ich nicht, aber: Et läuft!

Aaaand the winner is...



... haha, me! Interessanter Weise wiederholt sich etwas, das auch schon beim Kirche²-Slam in Hannover passiert ist: Die Profipoeten liegen weit vorn, der Slam scheint beschlossene Sache, dann betritt als allerletztes ein_e Theolog_in (in Hannover war es ja Christina Brudereck) die Bühne und räumt ab. Ich freue mich wie ein Schneekönig (auch darüber, dass die Siegertrophäe richtiger Schnaps ist und kein Killepitsch), fühle mich aber auch ein bisschen nach Schummeln - denn richtig poetisch war mein Text eigentlich nicht, trotz mancher Knittelverse, eher ein Stück Stand-Up und sehr klar auf punchlines hin geschrieben. Aber freuen tu' ich mich trotzdem, auch und vor allem über die Stimmung am Ende. Eine Zugabe habe ich natürlich nicht, aber, was soll's, Musik läuft ja erwiesener Maßen ganz gut, und warum hat man sonst vor Jahren mal fast oder sogar ein bisschen Gesang studiert. Der Abend klingt in gemütlicher Runde in den niegelnagelneuen Räumen der Jugendkirche aus, und ich bin voll Siegestaumel und diebischer Freude, dass ich den Pokal von Düsseldorf nach Köln (ha!) hole. 

Was ich mitnehme?


Falls jemand es noch nicht gemerkt haben sollte: Ich reflektiere ja für mein Leben gern - die déformation professionelle des postmodernen Theologen! Und das Ganze stand ja durchaus auch unter erklärtem Forschungsinteresse. Was also nehme ich aus dem Ganzen mit, im Blick auf das Predigen, aber auch darüber hinaus? Mal abgesehen von den Auslosungstischtennisbällen, die fürderhin meinen Schreibtisch zieren sollen?


Fangen wir mit dem Letzten an. Was mich sehr überrascht und extremst gefreut hat, war die Kollegialität - nicht nur hinter (in der Neanderkirche eher neben) der Bühne, sondern schon beim Workshop: Die Neugier auf die Texte der Kolleg_innen, der Spaß miteinander und das gute Gefühl, gemeinsame Sache zu machen. Dieses schöne Gefühl umgibt das Projekt "Predigt und Poetry Slam" insgesamt, übers Internet waren schon vorher Reaktionen von Pfarrer_innen gekommen, auf die bisherigen lyrischen Versuche auf der Kanzel und die Reflexion darüber, die von großer Lust aufs Ausprobieren und aufs Predigen allgemein erzählten - schönere Rückmeldungen habe ich eigentlich noch nie bekommen, und wenn das der Effekt ist, dann, bitte, Leute: Probiert aus, tobt euch aus - und teilt es mit anderen! Vielleicht ist diese Freude über die gemeinsame Arbeit an Sprache und Wörtern übers Internet und mit der damit verbundenen räumlichen Distanz einfacher als auf Pfarrkonventen - aber ich glaube, dass inspirierender Austausch über das eigene Predigen auch dort möglich ist, und wünsche mir, dass ich so etwas noch oft erleben darf! 

Was ich auch mitnehme, ist neues Vertrauen in das gesprochene Wort. Klar ist das unser Metier, aber manchmal nagen sie doch, die Anfragen an das Genre der Predigt in Zeiten der Clipkultur. Dass sich beides nicht ausschließt, nehme ich aus den Reaktionen auf die Videos vom Preacher Slam mit, die in sozialen Netzwerken von den verschiedensten Leuten kommentiert und geteilt werden und damit dazu veranlassen können, die Mauer von Skepsis, die institutionelle Religiosität in der Postmodernen umgibt, zu durchbrechen. Ich nehme auch größere Freiheit mit im Blick auf das Experimentieren mit Sprachstilen, Genres, Färbungen, Tonfällen - neben allem anderen ist das, zumindest für mich, eine gute Übung, von einem salbungsvollen Kanzelton wegzukommen. Und mehr Mut zum Fragment. Denn es bleibt ja nicht aus, dass in poetischer Sprache bestimmte Dinge ungesagt, bestimmte Aspekte unbedacht bleiben - und sich gleichzeitig Räume öffnen, die die Zuhörenden im Idealfall zum eigenen Nachdenken und Nachspüren ermutigen, zu eigenen Begegnungen mit dem Wort und - jetzt fange ich an zu träumen - zum eigenen Formulieren, Dichten, Ausdruck. Christian Lehnert sagt dazu sehr schön: "Gedichte entstehen dort, wo die Sprache versagt, wo ich nichts mehr sagen und doch nicht schweigen kann." Eine nicht zu leugnende Erfahrung vom Preacher Slam ist auch, dass auch die Texte von Pfarrer_innen nach ihrem Unterhaltungswert gemessen werden. Ich glaube nicht, dass sich letzten Endes daran entscheidet, ob eine Predigt gut ist oder schlecht - sehr wohl aber, ob Menschen besser zuhören können oder nicht. Eindrücklich war auch die Erfahrung, ohne Kanzel und Talar, ohne architektonischen und textilen Schutz, für das, was man zu sagen hat, einzustehen und, damit verbunden, Subjektivität zu wagen. Ich glaube ja immer noch, dass es beim Predigen und im Gottesdienst auch etwas Objektives gibt, das von außerhalb unserer Verfügbarkeit und Erfahrung auf uns trifft, aber ich möchte auch ernst nehmen, was einige Gemeindeglieder neulich beim Predigtnachgespräch sagten: "Mich interessiert, was Dir der Text bedeutet - um mich dann auf meine eigene Weise davon ansprechen zu lassen." Die Überlegungen von Manfred Josuttis zum "Ich" auf der Kanzel sind gerade in dieser Hinsicht für mich noch einmal ganz neu interessant geworden. Schließlich nehme ich auch die Frage nach der Performance mit. Auch die Predigt will gestaltet sein, Andrea Bieler und Hans-Martin Gutmann schreiben (und bringen damit einen großen Teil meiner Gedanken ganz zielgerichtet und wunderbar auf den Punkt):
"Die Predigt existiert nur im Augenblick ihrer Performance. Sie kann auch nicht jenseits leiblicher Ausdrucksform erfasst werden. Als Text ist sie nur Manuskript. Predigen ist eine verbale, somatische Handlung, in der mittels der Modulierung der Stimme und der Bewegung des Körpers etwas gesagt wird. Im leblichen Sprechen werden Informationen vermittelt. Jedoch nicht nur Informationen, sondern auch Metaphern, Bilder, Poetisches, durch die wir Dinge über Gott und die Welt sagen, die nur so und nicht anders gesagt werden können. [...] Predigerinnen ringen in einer Welt, die in öffentlichen Diskursen dem instrumentellen Sprachraum die Vorherrschaft lässt, um den Raum medialer Sprache, sie formen Hoffnung auf das Kommen Gottes und die Auferstehung des Fleisches in konkrete Erzählungen; sie gießen das Vertrauen in die Rechtfertigung des "Überflüssigen" in narrative und poetische Formen; sie artikulieren die Klage über die unerlöste Kreatur und darin bringen sie auch die Welt der nackten Tatsachen zur Sprache."
(A. Bieler, H.M. Gutmann, Rechtfertigung des "Überflüssigen". Die Aufgabe der Predigt heute, Gütersloh 2008, 222f.)

Wie geht's weiter?

Jahaa, gute Frage. Für mich persönlich natürlich mit den oben gestellten Fragen und Weiterdenksportaufgaben, mit der wahrscheinlich nie endenden, sondern immer nur an Zwischenstationen ankommenden Suche nach Ausdrucksformen, die dem grundlegenden Paradox der Predigt (Karl Barth still rulez!) und den Anforderungen einer postmodernen Gottesdienstgemeinde gerecht werden. Und ich freue mich, in den nächsten Wochen mir ein paar Slams aus Publikumssicht anzugucken. Ende Mai geht es zum Predigt-Slam-Workshop ins Zentrum für evangelische Predigtkultur nach Wittenberg.

Und, ganz aktuell und vielleicht das Spannendste: In unserer Gemeinde wollen wir die Verse schmieden, solange sie heiß sind. Und wagen ein Experiment am 23.3. um 18 Uhr in der Christuskirche in Köln-Dellbrück: Gottesdienst meets Poetry Slam oder, besser, Spoken Word (weil wegen Bewertung und so): Klavier und Schlagzeug statt Orgel, gestraffte und offenere Liturgie, und die Predigt besteht aus mehreren fünfminütigen Texten, die verschiedene Leute zu einem vorgegebenen Bibelvers (angepeilt ist: "Und Gott sah, dass es gut war.") geschrieben haben und performen. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen - stay tuned, das wird nicht das Letzte gewesen sein, was hier zu dem Thema gesagt worden ist. Und wer sich selbst der Herausforderung stellen will, wende sich vertrauensvoll an mich!

Und zum guten Schluss - natürlich ein kleiner Eindruck für all diejenigen, die nicht dabei waren oder es gerne nochmal sehen wollen. Mit herzlicher Empfehlung auch der anderen tollen Texte und Menschen. Viel Spahaß!


Donnerstag, 13. Februar 2014

Was Matthias Mattussek heimlich von Birgit Kelle denkt.

Es fällt im Moment manches Mal nicht leicht, die Conténance zu wahren beim Blick ins Fernsehen oder in die Tages- und Wochenpresse. Allzu häufig will sich ein Gähnen dem Gesicht entringen, wenn zum x-ten Mal ein- und dasselbe ventiliert wird, wenn die an sich hoch geschätzte Olivia Jones kenntnislos vom "Rückfall ins Mittelalter" spricht und so tut, als sei damit irgendetwas gesagt. Wenn Hartmut Steeb, Martin Lohmann oder der schwäbische Volksschullehrer Gabriel Stängle als repräsentative Vertreter abendländischen Christentums gehandelt werden. Und so weiter. Es ist das Übliche, die Debatte hat durch eine Veränderung in der Diskussionskultur neuen Schub bekommen: Wenn jetzt jemand halb entschuldigend, halb kämpferisch bekennt, er fände es eklig, wenn zwei Männer sich küssten, dann nicken integrationswillige LGTBQIs nicht mehr, sondern fragen nach, ob der Betreffende womöglich ein charakterliches Problem hat - oder ein therapeutisches, wenn er derartige Affekte für einen validen Rechtsgrundsatz hält.   

Und man sitzt da und denkt: Irgendeine von den üblichen Nasen fehlt doch noch in diesem Reigen (Alice Schwarzer hält sich ja derzeit aus gutem Grund medial eher bedeckt), aber wer? Und dann knallt es einem aus der WELT entgegen - natürlich, der Mattussek! In seinem Artikel geht es, wie in allen seinen Schriften, vor allem um Matthias Mattussek. An einer Stelle spricht er von Birgit Kelle, und wie bei so vielen, so scheint auch bei ihm durch, dass er sie vor allem wegen ihres vierfachen Mutterseins für qualifiziert hält. Das verrät was über das Frauenbild jenes Milieus, dem Frau Kelle sich so gern an den Hals schreibt und das auch Mattussek ab und zu gerne mit kleinen Schmankerln verköstigt. An einer Stelle stutzt der_die im deutschen Metaphernwald ortskundige Leser_in (stolpern Sie über das gender gap? Gut, ich auch!), denn da schreibt er:
Sie dachte wohl in der Sendung, sie sei vom Eis, nachdem sie gleich eingangs betont hatte, dass sie schwule Freunde habe, und dass sie selbstverständlich nichts gegen Schwule habe, dass sie sie tolerieren würde, [...].
Hoppla. Hat Mattussek Kelle gerade als Kuh bezeichnet? Ich denke schon.

Übrigens: Wie man hier und da lesen kann, hat die EKD die ad-hoc-Kommission, die ein Papier zum Thema Sexualethik vorbereiten soll, vorerst auf Eis gelegt. Ich finde das gut, denn es schien eine Zeit lang, dass dieses Papier unter ähnlich klandestinen Bedingungen entstehen würde wie das Familienpapier. Aus diesem publizistischen wie ekklesiologischen Debakel hat man offensichtlich gelernt. Ich finde es aber auch gut, weil ich glaube, dass das Thema fürs Erste abgefrühstückt und der Brunnen vergiftet ist. Für die nächstens einzuläutende Fastenzeit werden sich die Kirchengeschichten daher in Askese üben, was den Themenkomplex Sexualethik angeht, und sich verstärkt der Flüchtlingsthematik zuwenden.

Dienstag, 11. Februar 2014

Neeeon. Echt jetzt, oder?

Die NEON, ein Stern-Ableger und sozusagen die BRAVO der Generation Praktikum, ist mehrfach und zu Recht für herausragende Reportagen ausgezeichnet worden. Manchmal schießt sie auch den einen oder anderen Bock. So zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe:

Im Zuge der Debatten um das Hitzlsperger-Outing, die Anti-Regenbogen-Petition des Volksschullehrers Stängle veröffentlicht das Magazin unter der etwas reißerischen Überschrift "Die Offenbarung" (auf dem Titelblatt und im Inhaltsverzeichnis "Oh Gott, ich bin schwul!") investigative Kabinettstückchen des Journalisten Philipp Hauner. Der hat bayerische Beichstühle abgeklappert, sich dort geoutet und die Gespräche im Anschluss protokolliert. Die erkenntnisleitende Fragestellung dabei lautet: "Wie denkt eigentlich die katholische Basis, das Bodenpersonal des Herrn, über Homosexualität?" (29). Im NEON-Redaktionsblog erklärt Hauner etwas ausführlicher, wie es zu der Idee kam und wie die Durchführung konkret aussah.

Martin Müller / pixelio.de


Die Gesprächsprotokolle sind ohne Zweifel interessant zu lesen, auch und gerade, weil sie sehr unterschiedlich sind. Da gibt es natürlich die Empfehlung, zölibatär zu leben. Da werden Broschüren des ominösen Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft, das unter der Fuchtel der noch viel ominöseren Kinderärztin Christl Vornholt steht, verteilt. Aber da begegnet man auch katholischen Amtsbrüdern, die ernsthaft mit der Frage ringen, die sich ihrer eigenen Gratwanderung bewusst sind ("Wollen Sie jetzt einen seelsorglichen Rat oder wollen Sie eine offizielle Vorlesung in Kirchenrecht? Das wäre jetzt nämlich ein ordentlicher Unterschied", 30) oder sehr wertschätzend mit der Thematik und vor allem dem Menschen, der ihnen gegenüber sitzt, umgehen ("... letztlich hat Gott Sie so geschaffen, das dürfen Sie schon einmal ganz positiv sehen. Und er hat keinen Fehler gemacht, als er Sie in die Welt gesetzt und gerufen hat und ausgestattet hat mit der der Fähigkeit zu lieben", ebd.) und zu einem verantwortlichen Umgang mit Sexualität raten. Ein paar drollige Episoden gibt es auch, wenn etwa ein Priester sagt, "interessanter Weise [sei Papst Franziskus] ja auch ein wesentlich männlicherer Typ, der nicht das Effeminierte von Papst Benedikt hat" (32).

Im Magazin wird das nicht weiter kommentiert, im Videointerview erklärt der Autor, er habe "schon ein schlechtes Gewissen gehabt", weil sein Gegenüber ja nicht wisse, wen er vor sich hat, das würde jedoch durch den journalistischen Mehrwert wettgemacht, denn "andererseits ist diese Situation im Beichtstuhl eine sehr authentische". Er beschreibt seine eigene Nervosität, aber auch, wie die Gespräche sein Bild von der katholischen Kirche verändert haben, weil er erkannt habe, "dass es tolle Leute gibt, die wirklich die Nöte oder Ängste der Menschen erkennen [...] und ernst nehmen [...] und auch in der Lebenswelt zuhause sind, die wir alle kennen."

Vielleicht ist das für manche Leser_innen, deren Bild von der katholischen Kirche vor allem durch Talkshowauftritte von Martin Lohmann oder die Skandalberichterstattung um Tebartz-van Elst und Meisner geprägt ist, tatsächlich etwas Neues, so etwas wie eine "Offenbarung": Katholische Priester sind nicht per se die Unmenschen, zu denen sie in den Medien manchmal und dann auch gern gemacht werden. Hurra. 

Ich frage mich trotzdem: Ist das legitim? Der Beichtstuhl ist zumindest juristisch einer der am stärksten geschützten Räume in der Gesellschaft (nebenbei: auch das evangelische Kirchenrecht kennt den Unterschied zwischen seelsorglicher Schweigepflicht und Beichtgeheimnis), und es ist schlimm genug, dass es Fälle gibt, in denen das seitens einzelner (!) Priester auf das Widerwärtigste missbraucht wurde. Aber missbraucht Hauner diesen geschützten Raum nicht auch, auf eine ganz eigene und sicherlich weniger desaströse Weise? Mal abgesehen davon, dass er vielleicht Zeitfenster und Gesprächsgelegenheiten blockiert, die Menschen in einer wirklichen Notlage besser gebraucht hätten.

Ein Priester, der in echter Solidarität mit dem Rat suchenden Menschen so klar und eindeutig von der geltenden kirchlichen Lehrmeinung abweicht, ihr sogar (mit gutem Recht, wie ich finde) widerspricht, geht ein großes Risiko ein. Er kann dabei nämlich auch an den Falschen geraten, an einen erzkonservativen Eiferer, der ihn im Nachhinein bei seinen Vorgesetzten anschwärzt. Das gibt es, katholische Krankenhäuser erlebten vor einigen Jahren den Fall, dass selbst ernannte Lebensschützer Strohfrauen als angebliche Vergewaltigungsopfer in die Kliniken einschleusten, um die Rechtgläubigkeit der behandelnden Ärzte im Blick auf die "Pille danach" zu überprüfen. Bis zur endgültigen Klärung dieser Frage im Januar 2013 begaben sich die Ärzte mit der Verschreibung in ein hohes persönliches Risiko.

Und ich glaube, dass die Angst davor, dogmatische und kirchenrechtliche Mauern im diakonischen und seelsorglichen Handeln einzureißen, größer wird, wenn die Verantwortlichen erleben, wie der geschützte Raum eines seelsorglichen oder ärztlichen Beratungsgesprächs seitens der Konfidenten gewaltsam aufgebrochen wird, und sei die Motivation eine noch so aufklärerische. Deswegen finde ich die Reportage äußerst problematisch und die Grenzen des ethisch Vertretbaren deutlich überschreitend.

Wie seht Ihr das?

Sonntag, 9. Februar 2014

Poetischer Selbstversuch II: Predigt über 2Petr 1,16-21

Und nochmal ging es mit den Gedanken zur homiletischen Verwertbarkeit des Phänomens Poetry Slam auf die Kanzel. Diesmal sind ein paar Grundentscheidungen anders ausgefallen, die Predigt ist bewusst in mehrere Texte zerlegt, die durch kurze Anmoderationen und musikalische Impulse deutlich voneinander unterschieden sind. Im Grunde also der Versuch, eine kleine Slam-Session mit einer Person nachzuspielen. Ob mich diese Variante überzeugt hat, kann ich noch nicht genau sagen, aber sie hat zu einigen Überlegungen geführt, die ich in den nächsten Tagen auch hier noch öffentlich anstellen werde. Jetzt geht es aber erstmal ab nach Düsseldorf zum PreacherSlam - darüber wird hier sicher auch noch das eine oder andere zu lesen sein. Jetzt erstmal viel Spaß beim Angepredigtwerden!

 

Beim Poetry Slam beginnt es oft mit dem Satz: Ich habe einen Text mitgebracht. 
Das muss nach den Regeln immer ein eigener sein. 
Bei einer Predigt ist es anders, auch bei einer Predigt, die sich inspirieren lässt von den Dichtern und Kämpfern, die in den Discos und Kneipen und auf den Bühnen um die richtigen Worte ringen. 
Ich habe mehrere Texte mitgebracht, und der erste ist nicht mein eigener. Gott sei Dank. Denn für mich ist es wichtig, dass wir im Gottesdienst auch Worten begegnen, die nicht unsere eigenen sind. Der Text steht in der Bibel, und ich habe ihn mitgebracht, weil er heute dran ist, aber auch, weil ich ihn in der letzten Woche liebgewonnen habe und glaube, dass da Wichtiges drinsteht. Geschrieben hat ihn jemand, der sich Petrus nennt, und wer vorhin bei der Lesung aufgepasst hat, erkennt, worauf er sich bezieht. 

0. DER BIBELTEXT


Denn wir haben uns nicht etwa auf klug ausgedachte Geschichten gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen und seine Macht offenbaren wird. Nein, wir haben seine majestätische Größe mit eigenen Augen gesehen. Wir waren nämlich dabei, als er von Gott, dem Vater, geehrt wurde und in himmlischem Glanz erschien; wir waren dabei, als die Stimme der höchsten Majestät zu ihm sprach und Folgendes verkündete: »Dies ist mein geliebter Sohn; an ihm habe ich Freude.« Wir selbst haben die Stimme gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren – diese Stimme, die vom Himmel kam. Darüber hinaus haben wir die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig ist. Ihr tut gut daran, euch an sie zu halten, denn sie ist wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint. Haltet euch an diese Botschaft, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt.  
 

1. ZU SPÄT GEBOREN?


Ich hätte in Woodstock gern im Matsch gespielt, 
gesoffen, geschwoft und die Freiheit gefühlt. 
Als in Berlin die Mauer fiel, 
war ich sieben, 
bin deshalb in Köln und im Bett geblieben. 
Das Wunder von Bern, 
das hätte ich gern 
selbst gesehn, doch das liegt mir zu fern, 
genau wie der Welt erster Weihnachtsstern. 
Mit Elvis hätt ich gerne Pizza gegessen, 
bei Bach unter der Leipziger Orgel gesessen, 
doch die waren schon tot 
lang vor meiner Geburt, 
das wird halt nichts mehr, 
es ist zu lang her. 
Luthers fünfundneunzig Thesen 
hab ich erst an der Uni gelesen, 
überhaupt: Reformation, Revolution, 
das war alles schon lang vor meiner Zeit 
oder weit weg, viel zu weit. 
Ach, wat wor dat fröher schön, doch in Colonia, 
singt Ostermanns Willi, und ich so: Haha, 
kann sein, ich hab keine Ahnung, ich habs nicht gesehn, 
konnte vor so vielen Bühnen nie stehn. 
Beim Londoner LiveAid-Konzert war ich drei, 
ich war, kurz gesagt, nie dabei, 
hab niemals gejubelt in so einer Nacht, 
von der man später dann sagt: 
Hier wurde Geschichte gemacht. 

Und wenn sie erlauben, 
dann stell ich die Frage – 
Wie soll ich das glauben, 
wenn andere sagen: 
Mensch, als ich da saß, 
das war echt der Hammer, 
dass Du da nicht bei warst-
was für ein Jammer.  

2. MORGENGRAUEN

Am Morgen eines allzu früh begonnenen Tages stehe ich im unanständig hell ausgeleuchteten Badezimmer. Die Bestandsaufnahme ist ernüchternd, beim Blick in den Spiegel glotzt mich halb ungläubig, halb angewidert ein Gesicht an, das ich nur ungern als das meine anerkenne. Morgengrauen. In Klammern: Es ist mir unbegreiflich, warum manche Menschen ausgerechnet von „Herrgottsfrühe“ meinen sprechen zu müssen, wenn sie diese Unzeit meinen, irgendwo zwischen sechs und sieben, an der sich der Tag noch nicht entschieden hab, ob er so richtig beschissen wird oder einfach nur blöd. Das Gegenteil ist der Fall, verständige Zeitgenossen sprechen deshalb mit Recht von einer unchristlichen Uhrzeit. Aber zurück zu mir. Au weia. Das Gesicht ist pansig und bleich, die Augen zugequollen, und dass ich mir nur die Haare kurz schneiden und eine Armeejacke anziehen müsste, um an Karneval als nordkoreanischer Nachwuchsdiktator zu gehen, ist nur ein schwacher Trost an diesem Morgen. Mein Blick wandert runter zur Leibesmitte, das bisschen Restlaune verabschiedet sich in den Keller, denn auch der Bauch würde gut zu diesem Kostüm passen und müsste gar nicht groß ausgestopft werden. In der Ausbildung hat man uns gesagt, wir sollten lernen, nein zu sagen – mir ist erst später aufgefallen, dass sie dabei vor allem an Geburtstagsbesuche bei älteren Damen dachten, bei denen man das vierte und auch das fünfte Stück Kuchen angeboten bekommt. Oder an Sitzungen, bei denen man sich fest vorgenommen hat, mal nicht so viel zu reden, bei denen aber nur Chips, Salzstangen, Plätzchen und andere Kalorienbomben bereit stehen, um die Futterluke ersatzweise zu beschäftigen. Ich taste nach einem Zettel auf dem Waschbeckenrand. Darauf stehen Sätze. Ich hole tief Luft, auch das macht sich im Spiegel nicht so gut. „Wow, siehst du heute gut aus!“ sage ich laut. Mein Gegenüber starrt mich ungläubig an. Ich versuche ein Lächeln. Als ich das desaströse Ergebnis im Spiegel sehe, lasse ich das besser bleiben. Nächster Satz: „Du bist ein ganz toller Mensch!“ Das Gesicht im Spiegel ein einziges Fragezeichen – von wem redet der?! Noch ein Versuch: „Heute wird ein wunderbarer Tag.“ Die Wirkung, die auch dieser Satz auf mein zerknautschtes Spiegelbild hat, kann man sich denken. Die Sätze habe ich aus dem Internet, die Seite gehört einem Motivationstrainer und Coach, der mir verspricht, wie sich in meinem Leben alles zum Guten wendet, wenn ich nur seinem Zehn-Punkte-Programm folge. Diese Sätze waren nur Teil einer kostenlosen Vorschau, für eine richtige Wirkung hätte ich mir wahrscheinlich das ganze Programm für nur 69,99 EUR runterladen müssen. Ich lasse den Zettel sinken und den Kopf und die Laune. Das Projekt Selbstmotivation erkläre ich für gescheitert, weil ich mir die ganzen Sätze, die ich mir selber sagen soll, selbst nicht glauben kann, nicht mit dem Blick, nicht um diese Zeit. Ich schlurfe in die Dusche, da ist es warm, und ich lasse mich in Ruhe. Früh am Morgen ist das besser so.   

3. WORTE, DIE IN MEINEM HERZEN EINEN STERN AUFGEHEN LASSEN.

Es gibt Worte, die in meinem Herzen einen Stern aufgehen lassen. 
Worte, die, ohne dass ich’s selber fassen 
könnte meine Kreise störn. 
Und die Staubwolken, die Kondensstreifen, die Windschatten durchkreuzen, 
die ich hinter mir herziehe, 
wenn ich renne, rase, stolper, fliehe, 
Während ich versuche, meinen Marktwert zu erhöhn, 
im Fitnessclub fluche und beim Kalorienzähln, 
Während ich ständig mich selbst optimiere, 
mich sorgfältig, sorgsam, sorgenvoll geniere, 
um nicht den Ruf zu ruinieren, 
den Credit zu verlieren, 
den ich mir mühsam erkaufe, ersaufe, ertausche, 
mit den richtigen Likes, dem richtigen Style, 
den richtigen Fotos mit den richtigen Leuten, 
Pickel und Narben und Wunden kaschiere, 
mich mit Selbstbräuner beschmiere, 
um nur noch Schokoladenseiten zu haben. 
Und renne und laufe von morgens bis abends, 
um der Erste zu sein, um der Beste zu sein… 
Und renne und laufe von morgens bis abends, 
und renne und laufe von morgens bis abends. 

Und dann gibt es Worte, die, wenn ich sie hör, 
auf heilsame Weise ganz leise mein Kreisen störn, 
mich aus meiner Spur heben, mir Raum geben, 
mich atmen lassen und ahnen lassen, 
dass der Himmel bewohnt 
ist, dass Hoffnung sich lohnt 
und dass mein eigener Horizont 
noch lange nicht die letzte Grenze ist. 
Worte, die in meinem Herzen einen Stern aufgehen lassen, 
die mich tief berührn und die mich verführn 
in den Himmel zu schauen und zu spürn, 
dass in mir ein Licht wohnt, 
das ich selbst nicht angezündet habe. 
Worte, die andere Menschen mir sagen, 
die mit mir mein Suchen und Fragen ertragen – 
oder es lang vor mir schon getan haben. 
Ein Echo aus alten Geschichten, 
die sich aus dem Staub aufrichten, 
sich erheben, mich mitnehmen, 
hineinziehen in ein Geschehn, 
für das ich eigentlich zu spät geboren bin, 
ich will noch sagen: Ich war nicht dabei, 
und merke, ich bin schon mittendrin, 
und beginne zu begreifen, 
was sie meinen, wenn sie sagen, 
dass jeder, 
der den Zeugen hört 
selbst auch zum Zeugen wird. 

X. NOCHMAL: DER BIBELTEXT


Denn wir haben uns nicht etwa auf klug ausgedachte Geschichten gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen und seine Macht offenbaren wird. Nein, wir haben seine majestätische Größe mit eigenen Augen gesehen. Wir waren nämlich dabei, als er von Gott, dem Vater, geehrt wurde und in himmlischem Glanz erschien; wir waren dabei, als die Stimme der höchsten Majestät zu ihm sprach und Folgendes verkündete: »Dies ist mein geliebter Sohn; an ihm habe ich Freude.« Wir selbst haben die Stimme gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren – diese Stimme, die vom Himmel kam. Darüber hinaus haben wir die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig ist. Ihr tut gut daran, euch an sie zu halten, denn sie ist wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint. Haltet euch an diese Botschaft, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt.  
Amen.

Montag, 3. Februar 2014

Selbstversuch SlamPredigt - Rückblick, Ausblick, Seeblick.

Joar, da hat die Gemeinde aber mal was erleben dürfen: Poetryslampredigt auf der ganz normalen Sonntagskanzel. Hollarididudeljö, möchte man mit Loriot sagen (zweites Futur bei Sonnenaufgang). Das Texten und, vielmehr natürlich noch, das Performen war schon eine spannende Sache, ebenso die Reaktion der Leute, und in dieser ungefähren Reihenfolge notiere ich jetzt einfach mal meine Beobachtungen, Erfahrungen und Fragen:

DAS TEXTEN.


(c) Marvin Siefke / pixelio.de
Die Idee war ursprünglich gar nicht, auf der Kanzel Poetry Slam zu spielen, dafür kenne ich Genre und Szene zu wenig, fand ich. Irgendwie kam es aber dann doch dazu, als ich in der Predigtvorbereitung zu Mk 4,35-41 an der Frage der Jünger hängen blieb: "Wer ist er eigentlich?" Die Frage finde ich berechtigt und (zumal im christologisch-dramaturgischen Duktus des Markusevangeliums) interessant, weil sie sich doch eigentlich jedem aufdrängt, der irgendwas mit dem Christentum zu tun hat. Und dann war da irgendwo im Hinterkopf ein Versfragment, ein einsam klingendes Reimpaar (ich tippe auf Revoluzzer-Tempelputzer), und damit war das Fabulieren auch schon in vollem Gange. Und es passte dann auch inhaltlich/dramaturgisch gut, am Anfang eine Kaskade von Jesusbildern und christologischen Hoheitstiteln auf die Hörer_innen einprasseln zu lassen und die inhaltliche Herausforderung von 2000 Jahren Christologiegeschichte durch eine akustische wiederzugeben. Relativ schnell war auch der Gedanke da, sich an den Verben weiterzuhangeln, mich also an dem in der Geschichte geschilderten Handeln Jesu zu orientieren (narrative Christologie!) - immerhin ist es ausdrücklich er, der die Handlung in Gang setzt. Zwei weitere Aspekte, die mir im Kopf herumschwirrten und zwar nicht unbedingt expressis verbis genannt wurden, aber im Hintergrund tatkräftig mitgearbeitet haben, sind die deutlich exorzistische Kolorierung des Rettungswunders und der Ansatz der Pyrotheologie (putziger Name). Relativ schnell war dann auch der erste Teil fertig - ich hatte, in Nicol'scher Diktion, einen Move. Einen Move. Für einen sechsminütigen Slambeitrag oder eine Kurzandacht hätte der vielleicht sogar ausgereicht, aber ich hatte eben noch gute zehn Predigtminuten zu füllen. Also war für mich erst einmal wieder aktiver Konsum angesagt, und ich verbrachte einige Stunden bei youtube auf der Suche nach Anregungen.     

HÖREN, SEHEN, LERNEN UND ABGRENZEN.


Den Wissenschaftler in meinem Kopf kann und will ich ja gar nicht so richtig ausschalten, und wenn ich mir an die fünfzig Poetry Slam-Videos angucke, neige ich natürlich zum Analysieren, Systematisieren, Typisieren - und im Moment übrigens auch, curse you, poets!, zum Reimen. Ich will mich gar nicht groß in Milieustudien vertiefen, und meine Beobachtungen sind sicherlich nur bedingt repräsentativ. Ein paar wiederkehrende Dinge fallen mir auf: Es gibt offenbar Schablonen, stilbildende Vortragsarten. Eine bestimmte Art von Sprechgesang assoziieren auch einige, die sich nicht viel in der entsprechenden Szene rumtreiben, mit Poetry Slam. Mich interessieren mehr die narrativen Texte - die klingen, selbst wenn sie auswendig aufgesagt werden, oft und wahrscheinlich bewusst wie abgelesen. Das finde ich spannend, und wenn ich demnächst daran denke, werde ich mal irgendwo in Fachzeitschriftendatenbanken suchen, ob sich nicht die Erzählforschung schon dieses Phänomens angenommen hat, merke aber: Für mich ist Erzählen etwas anderes als Vortragen

Was mir auch vor allem bei den anfänglichen Selbstpräsentationen auffällt, ist eine Neigung zum understatement in Sprache und Gesamtauftreten, die im krassen Gegensatz zu der manchmal virtuosen Wortakrobatik steht. Dazu gehört auch eine modische Uniformität - und wenn Kleider wirklich Leute machen, bin ich schon lange ein Slammer, denn ich besitze gleich mehrere Kapuzenpullis, Beanies und Jeans sowie den einen oder anderen RiesenmonsterstrickschalinSchlangeKaaGröße. All das scheint zur notwendigen Grundausstattung zu gehören. Und ich frage mich, oder, ich sag's besser gleich, bin mir ziemlich sicher, dass die Glaubwürdigkeit der Vortragenden beim Publikum viel mit den fast ritualisiert erscheinenden Demonstrationen zu tun haben: "Ich bin Eine_r von Euch". Und da komme ich ans Grübeln und bin mir fast sicher, dass ich bei der Zielgruppe von Poetry Slams, sollten sie sich mal in einen Gottesdienst verirren, schon durch meine gottesdienstliche Arbeitskleidung verloren habe, noch bevor der Kanzelgruß fertigdeklamiert ist - vielleicht, weil ich im Talar so wenig von mir preisgebe.

(c) maedchenschatz.blogspot.de

Ich gucke und gucke und lerne viel, spreche halblaut manche Dinge nach, variiere, probiere aus, erfinde lustige Wörter, habe zwischendurch tierischen Spaß und erinnere mich selbst daran, dass ich immer schon anregen wollte, eine Must-Read-Liste für Prediger_innen zusammen zu tragen, um bei Großmeister_innen der Gegenwartssprache und Erzählkunst (wer's wissen will: Wiglaf Droste, Sibylle Berg, Max Goldt, Walter Moers) zu lernen. Und überhaupt sollten mehr Leute Peter Fox hören.

Aber ich schweife ab. In einer Doku zum Thema werden drei Grundsätze genannt: Spontaneität - Subjektivität - Kompromisslosigkeit. Dass der erste und der letzte immer so lupenrein befolgt werden, zweifle ich spontan und kompromisslos an. Aber der zweite... joar, auf jeden Fall. Subjektiv, sicherlich manchmal auch ein bisschen selbstreferenziell und nabelschaufreudig. In dem Zusammenhang fällt mir auch ein, dass ich wenige bis keine Zitate höre, oder wenn, dann nur solche, die ich nicht als solche erkenne. Und hier sehe ich schon einen grundlegenden Unterschied zur Predigt, die ja in aller Regel nicht eine freie Aneinanderreihung von Gedanken und Befindlichkeiten zu einem Thema eigener Wahl ist, sondern sich, mal ganz allgemein gesprochen, auf eine literarische Vorlage mit irgendwie normativem Charakter bezieht. Wie wirkt sich das auf die sprachliche Gestalt meiner Predigt aus? Die Frage ist für mich tatsächlich offen.

WEITER: TEXTEN.


Ich entscheide mich, weil ich in der Predigt ja die Zeit habe, Passagen mit unterschiedlicher Dynamik, Covers und Remixes von Stilen, die mir gefallen haben, einfließen zu lassen. Den Aufzählungstext am Anfang, etwas Stand-Up-Anekdötchenhaftes in der Mitte, engagiertes Reimen mit subjektiver Note und einem "Baby, Du bist Du"-crescendo zum Ende hin. Und stelle fest: Dann passiert da aber ganz schön viel, holla. Und Arbeit macht's auch, aber ich habe Spaß in Tüten, wälze, zum ersten Mal bei einer Predigtvorbereitung, Reimlexika, forsche nach Synonymen, tauche hier und da in einen flow, finde eine gute Balance zwischen den Forderungen "Liebe deinen Text" und "Kill your darlings". Ab und zu flattern Mahnungen aus alten Predigtlehrbüchern auf meinen Schreibtisch, die vor dem Fabulieren warnen, vor der eitlen Freude an der eigenen Sprache. "Rhetorik ist fremdes Feuer auf Gottes Altar", solche Sachen. Neenee, halte ich entgegen, ich sitze ja nicht da und freue mich wie ein Schneekönig über meine ach-so-gelungenen Formulierungen (naja, nicht nur zumindest), sondern ich ringe ja um eine angemessene Sprache, um (Barmen!) die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Also bitte. Natürlich haben die Altvorderen auch recht, wenn sie vor der Gefahr des Herumlaberns warnen. Aber ich nehme mir dann vor, genau das eben nicht zu tun. OK?
Erwähnte ich schon das mit dem Spaß? Ja, achso, naja, aber es sei nochmal gesagt: Ich habe lange nicht mehr so intensiv an einzelnen Formulierungen gefeilt, immer wieder umgestellt, Nuancen verändert, herumgefrickelt, hab' ausprobiert, aussortiert, austariert und wegradiert... und es fängt schon wieder an - curse you, poets!
Zwischendurch lese ich Partien laut, sitzend, stehend, rumlaufend, probiere verschiedenen Tempi, verschiedene Tonlagen und Pausen durch, und merke ganz deutlich: Er will raus. Der Text drängt zur Performance.

Günther Gumbold / pixelio.de

DIE PERFORMANCE.

Jahaaa. Zum ersten Mal seit meiner allerersten Predigt habe ich Vortragsanweisungen in meinem Manuskript stehen. Pausenzeichen, Unterstreichungen, Bögen, Haken, Ausrufezeichen, Klammern, kleine Männchen mit großen Gesten (für das Feeling). Vor der Performance aber kommt die Anmoderation, das Warming-Up mit dem Publikum. Das ist im Gottesdienst anders als beim Slam, ich habe mit den Leuten ja schon gesprochen. Aber ich erkläre doch kurz, dass die Predigt etwas anders wird als sonst (weil ich auf Fortbildung war - in den ersten zwei Minuten darf man kalauern, habe ich irgendwo gehört oder selbst entschieden), erzähle ein bisschen zum Thema Poetry Slam und bitte die Leute, wie das Publikum in den slammenden Kneipen und Diskos zu bewerten: Kann das was? Lohnt es sich, da weiterzumachen? Hat mir das gefallen? Und so weiter. Gerne am Ende des Gottesdienstes. Die Konzentration ist enorm, kein Mucks ist zu hören. Ich lese den Bibeltext, dann meine christologische Kaskade - und stelle fest: Das Setting verändert Vieles. Der Talar, die Kanzel, ein Mikrofon, das man sich fast hinter die Backenzähne klemmen muss und das einem nicht wirklich viel Freiheit lässt und dann doch wieder zum lauten Deklamieren verführt und letzten Endes zwischendurch ausfällt. Ich merke auch so eine Tendenz zum Ausbalancieren: Wollte ich bei der Performance eigentlich die einzelnen Teile deutlich voneinander absetzen, klingt es bei nochmaligem Kontrollhören doch sehr ausgeglichen und alles einander ähnlich. Das führt etwa dazu, dass die Reaktion auf lustige Passagen eher verhalten ist, weil viele noch an anderen, dichteren Stellen zu hängen scheinen. Auch das mit den langen Sätzen gelingt mir nicht so richtig - was das angeht: Mir ist aufgefallen, dass in manchen Texten bei Poetry Slams stellenweise sehr lange Sätze vorkommen, was auf der Kanzel und bei allen anderen Gelegenheiten eigentlich als no-go und Zumutung für die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörenden gilt. Wenn aber vereinzelt solche langen Sätze kommen, dann werden sie lustvoll zelebriert, durch bewusste Überphrasierung in ihre Bestandteile zerlegt und dem Publikum zugänglich gemacht, der Slammer inszeniert sich als Führer durch ein Dickicht aus verschlungenen Pfaden. Das hat was, definitiv. Sollte aber, finde ich, wie jedes Stilmittel nur dann eingesetzt werden, wenn man begründen kann, warum man es an dieser Stelle zu brauchen meint. Genauso wie fast gerappte Passagen, die großen Spaß machen und auf der Kanzel eine Dynamik reinbringen, wie sie dort sonst selten vorkommt.

Was den Kontakt zu den Zuhörenden angeht, bin ich mir unsicher. Ich merke, dass ich stärker am Manuskript klebe als sonst, introvertierter bin - und dass die sechs Minuten, auf die sich deutsche Poetry Slammer_innen begrenzen, wahrscheinlich schon eine Art Obergrenze markieren. Andererseits: Die Gemeinde ist extrem konzentriert, man merkt den Leuten an, dass sie zuhören wollen - was, glaube ich, auch mit der informellen Begrüßung am Anfang der Predigt zu tun hat, zumindest legt ein Teil der Rückmeldungen das nahe:

FEEDBACK.


Vorneweg direkt gleich mal: Es lohnt sich total, die Gemeinde einzubeziehen. In meiner Anmoderation (die ich beim nächsten Mal etwas kürzer und weniger apologetisch halten würde) habe ich von einem Experiment und Wagnis gesprochen und um Rückmeldungen gebeten. Die Verabschiedung an der Kirchentür nach dem Gottesdienst dauert weitaus länger als sonst, weil sehr viele Leute etwas zu sagen haben. Und das nehme ich, unabhängig von dem Slam-Experiment, mit: Es ist gut, die Leute mit ins Boot zu holen. Eigene Unsicherheit zuzugestehen (ohne sich gleich prophylaktisch für den Auftritt zu entschuldigen), die Menschen als die kompetenten Hörer_innen anzusprechen, die sie sind, und sich mit ihnen gemeinsam auf einen Weg zu machen - in unserem Fall auf die Suche nach angemessenen neuen Formen der Verkündigung. 
Denn das liegt Vielen offensichtlich sehr am Herzen. Die meisten Rückmeldungen sind überaus positiv - true story: Der Gesamttenor ist sogar weitaus positiver, als ich das erwartet hätte. Die einzelnen Statements sind dabei ausgesprochen differenziert, stark auf das eigene Erleben bezogen, bieten aber auch Vorschläge zur Performance, sind sehr konstruktiv und irgendwie... solidarisch. Alle sind sich einig, dass die Kirche aktiv nach neuen Formen der Verkündigung suchen muss und dabei auch kreativ mit Sprache spielen darf - bei dem doch tendenziell eher höheren Altersdurchschnitt dieser Gottesdienstgemeinde hätte ich das nicht für selbstverständlich gehalten, lasse mich aber wieder einmal eines Besseren belehren. Wahrscheinlich hatte der niederländische Kollege recht, der uns im Sommer sagte: "Nicht die Jungen sind die Flexiblen, sondern die Alten!"
Viele haben sich selbst als sehr konzentriert beim Hören wahrgenommen, auf meine Rückfrage hin, ob sie es zu anstrengend fanden, verneinen die meisten aber, der Tenor geht eher in die Richtung: Dafür kommen wir irgendwie doch auch hierher. Sehr positiv gewürdigt wird auch der Verzicht auf typische Kanzelsprache (deren Anteil ich beim Hören doch stärker finde als erhofft).
Die meisten kritischen Anmerkungen beziehen sich auf den Umgang mit dem Mikrofon, stellenweise sei in manchen Teilen der Kirche nichts zu hören gewesen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches in dieser Kirche, und ich würde mir wünschen, die Gemeindeglieder hätten mehr Mut, sich bemerkbar zu machen.
Manche überlegen aber auch in eine ähnliche Richtung wie ich, halten die Kanzel tendenziell für ungeeignet und schlagen das Mikro im Altarraum vor (das auch weitaus besser funktioniert) - "dann können Sie viel mehr mit dem ganzen Körper arbeiten". 

Mir fällt noch einmal der Umgang mit der Publikumswertung bei Poetry Slams ein: Die höchste und die niedrigste Punktzahl werden nicht mitgezählt, um Parteilichkeiten, Unpässlichkeiten und Grundsatzkonflikte nicht allzu viel Einfluss zuzugestehen. Eine einzelne Rückmeldung ist nur negativ, wird aber, das finde ich sehr hilfreich, äußerst wertschätzend vorgetragen. Der/die Betreffende würdigt den Wortwitz, findet aber, dass die "Botschaft" oder der "Inhalt" dahinter gänzlich zurückgetreten sei. Die ihm/ihr Nachfolgenden widersprechen energisch, aber ich möchte die dahinter stehenden Befürchtungen und die Sorge um die inhaltliche Qualität der gottesdienstlichen Predigt sehr ernst nehmen, und gleichzeitig in der Zusammenfassung der Rückmeldungen nicht überbewerten. Denn es scheint mir hier um eine grundsätzliche Anfrage an ungewohnte (unerhörte?) Predigtformen zu gehen. Solche (höflich ausgedrückt) "grundsätzlichen Anfragen" habe ich selbst auch - wenn ich in einem Gottesdienst zum Beispiel mit einer Sprechmotette belästigt werde, dann werde ich diesen Gottesdienst blöd finden, egal, was da sonst noch alles gelaufen ist. 

Unterm Strich: Die allermeisten Rückmeldungen waren wirklich positiv, und ich gehe mit einem warmen Gefühl nach hause. Nicht, weil ich meine eigene Performance so gediegen fand, sondern weil ich davon gerührt bin, wie sehr unsere Gemeindeglieder bereit sind, mit uns Predigenden unterwegs zu sein, wie sehr auch sie von Fragen um die Zukunft ihrer Kirche bewegt sind. Und das macht mir Mut, mich auch mit unfertigen Gedanken und Formen auf die Kanzel zu stellen.


MEIN FAZIT.

In einem Satz? Ich würd's wieder tun. Und werde es auch, am nächsten Sonntag. Ein Gottesdienstbesucher stellte fest, dass der Text von gestern (Mk 4) für so eine Art der Performance nun auch auch sehr geeignet sei. Jetzt am Sonntag ist der zweite Petrusbrief dran - ich seh mal, was der kann. Ich werde mir auch überlegen, ob ich nicht die Kanzel verlasse. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jede Sonntagspredigt jetzt so sein kann und soll - darum ging es ja von Anfang an auch gar nicht. Aber ich möchte mich weiter inspirieren lassen von den Wortkünstler_innen der Slam-Bühnen. Und ich überlege im Hinterkopf, ob man da nicht ein Format für Jugendgottesdienste draus entwickeln kann, drei Slammer_innen, die zu jeweils einen eigenen Text zu einem vorgegeben Thema oder Bibelvers performen. Nicht als die bereits bekannte Form "Pfarrer_innen gegen Poetryslammer_innen", sondern als genuine Predigtform. Mal sehen, wo die Gedanken noch hinwollen. Hintergrund dieser Überlegungen ist auch, dass mich generell frage (gut reformiert möchte ich ja die Liturgie immer der Predigt unterordnen), welcher liturgische Rahmen da passen würde.

Den oben hinterfragten "Zwang zur Subjektivität" finde ich bei näherer Betrachtung gar nicht so schlimm. Als Prediger kann ich mir ein bisschen Freiheit davon gönnen, indem ich relativ viel zitiere, parafrasiere, parodiere, mich auf Bewährtes stützen kann - und ich finde, dass so Worte aus der Tradition, Gesangbuchverse, aber auch Bibeltexte (schon allein so eine Wortkette wie "Wunder-Rat! Gott-Held! Ewig-Vater! Friede-Fürst!" drängt ja zur Performance!) noch einmal neu zu Gehör gebracht werden können. 
Das Gebot der Subjektivität bringt mich aber auch dazu, persönlich zu werden. Das ist immer ein Balanceakt, weil es immer auch die Gefahr gibt, zu privat und damit für die Zuhörenden entweder belanglos oder übergriffig zu werden, aber das Problem scheint es beim Poetry Slam auch zu geben. Und es ist ja durchaus bekannt, das Predigthörende auch die persönliche Auskunft der/des Predigenden darüber schätzen, wie er oder sie den Glauben im Alltag lebt - oder auch daran scheitert. In oben erwähnter Doku findet Maximilian Humpert, selbst sehr profilierter Slammer aus Remscheid, es "generell immer gut bei Slams, wenn Leute persönlich werden. Ich mag das einfach, wenn man merkt, dass die Leute das gerade wirklich so meinen, weil [...] wenn sich etwas echt anfühlt, dann berührt mich das mehr [...] und ich freue mich darüber, wenn Leute sich das trauen.

Wie bereits weiter oben erwähnt, glaube ich, dass das Maß an Authentizität, das die Besucher eines Slams den Performenden zusprechen, stark von der Selbstanmoderation und dem Vortragsstil abhängen. Ich glaube, dass viele dieser Sprachformen schon eine gewisse Stufe der Ritualisierung oder (im nur gut gemeinten Sinne) Schablonisierung erreicht haben und bestimmte Wendungen oder Klangmuster direkt am Anfang den geneigten Zuhörenden signalisieren: Jetzt wird es echt und bedeutsam. Und bei mir wirklich offen ist da die Frage nach liturgisierten Grußformeln. Ich ahne eine Relevanz, eine spezifisch theologische Form des understatements darin, dass man sich als Prediger_in das erste Wort nehmen lässt und, zumindest formelhaft, der Bibel den Vortritt lässt. Aber ich frage mich auch, ob es nicht Menschen gibt, für die man sich gerade damit von vorneherein disqualifiziert. Auch deswegen bin ich schwer dafür, mit Sprachformen, Tonfällen und Vortragsweisen zu experimentieren.

Was mich auch noch begleitet, ist die Frage nach dem Open-Mic-Prinzip der meisten Slams (Meisterschaften ausgenommen): Wer kann, der darf. So etwas fehlt bei uns schlicht und ergreifend. Wenn ich mir das endlose "Zeugnisgeben" in manchen Freikirchen anhöre, finde ich das auch gar nicht schlecht - aber der Grundsatz beim Poetry Slam, auch unbekannten Autor_innen und Talenten eine Bühne zu geben, lässt mich doch noch einmal erneut fragen, wie es denn um unser Priestertum aller Gläubigen im Gottesdienst eigentlich bestellt ist.

Und zum Abschluss: Ich predige gern. Sehr gern sogar. Und ich mag es, mit einem biblischen Text unterwegs zu sein, damit zu ringen, zu sehen, was er mit mir und ich mit ihm mache. Und doch habe ich seit langem nicht mehr mit so viel Spaß an einer Predigt gesessen. Das war richtig Arbeit, und andere Dinge sind dafür liegen geblieben. Aber, hey, das finde ich dann irgendwie auch wieder angemessen. Ich würd's wieder tun.