Montag, 30. Juni 2014

Stell dir vor: Freiheit - Predigt über 1Kor 9,16-23

Stell dir vor, du bist frei. 
Nichts, was dich hält, 
nichts, was dich bindet, 
an dir zerrt und klebt. 
Alle Ketten zerrissen, 
auch die kleinen, 
die hübschen, 
die goldenen, 
rasseln an dir herunter, 
und du machst einen Schritt 
über sie hinweg 
hinaus ins Offene, 
der Kopf klar, 
das Herz weit, 
der Blick frei 
du atmest tief ein… 
…und aus… 
du streckst die Arme, 
schüttelst die Beine, 
und gehst los. 
Wo gehst du hin? 

Liebe Gemeinde, wie wäre das? Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn? In unserem heutigen Predigttext begegnet uns ein Mensch, der genau das lebt: Anders sein. Einen alternativen Lebensstil pflegen. Das Alte hinter sich lassen, Sicherheiten aufgeben und Freiheit gewinnen. Es ist vielleicht nicht der, von dem man das als erstes erwarten würde, mit dem man so einen Lebensstil in Verbindung bringen würde. Es geht um Paulus, der in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth und allen, die seinen Brief lesen, einen faszinierenden Einblick gibt in das, was ihn antreibt. Ich lese ein bisschen mehr als nur das, was heute als Predigttext vorgeschlagen ist: 

Ihr wisst doch: Die, die im Tempel Dienst tun, bekommen ihren Unterhalt von den Einkünften des Tempels; und die, die am Altar den Opferdienst verrichten, bekommen einen Anteil an den Opfergaben. 14 Genauso hat es der Herr auch im Hinblick auf die angeordnet, die das Evangelium verkünden: Sie haben das Recht, von der Verkündigung des Evangeliums zu leben. 15 Ich aber habe nichts von dem, was mir zusteht, in Anspruch genommen. Und ich schreibe das auch nicht in der Absicht, mich in Zukunft von euch versorgen zu lassen. Lieber würde ich sterben, als dass ich mir meinen Ruhm von jemand zunichte machen lasse! Mein Ruhm besteht ja nicht darin, dass ich das Evangelium verkünde. Das ist schließlich eine Verpflichtung, der ich nicht ausweichen kann – wehe mir, wenn ich sie nicht erfülle! 17 Hätte ich diese Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen, könnte ich einen Lohn dafür erwarten. Ich habe sie aber nicht gewählt; sie ist mir übertragen worden: Gott hat mir die Aufgabe anvertraut, seine Botschaft zu verkünden. 18 Heißt das dann, dass ich überhaupt keinen Lohn bekomme? O doch: Mein Lohn besteht genau darin, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und keinerlei Gebrauch von dem Recht mache, das ich als Verkündiger dieser Botschaft habe. 19 Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. 20 Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. 21Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. (Das bedeutet allerdings nicht, dass mein Leben mit Gott nicht doch einem Gesetz untersteht; ich bin ja an das Gesetz gebunden, das Christus uns gegeben hat.) 22 Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten. 23 Das alles tue ich wegen des Evangeliums; denn ich möchte an dem Segen teilhaben, den diese Botschaft bringt. 

Liebe Gemeinde, ich habe ein bisschen überlegt, ob ich wirklich heute über diesen Text predigen kann. Ab Dienstag, ab dem 1. Juli, bin ich auf Lebenszeit verbeamtet, die Urkunde liegt schon zuhause – und es fühlt sich komisch an. Irgendwie gemischt. So ein bisschen nach Ankommen, ein bisschen nach Zufriedenheit über ein erreichtes Berufsziel. Ich fühle mich sicher, meine Dienstherrin, die evangelische Kirche, hat sich verpflichtet, für mich zu sorgen. Das gibt mir ein bisschen Bewegungs- und Gestaltungsfreiheit, vielleicht sogar mehr als in der so genannten „freien“ Wirtschaft, die „Gelassenheit des Öffentlichen Dienstes“ – wir Pfarrer werden nicht nach Leistung bezahlt, unsere Gehaltszulagen bemessen sich nicht nach der Zahl der Gottesdienstbesucher, wir erhalten keine Prämien für jedes geworbene Mitglied oder jedes getaufte Kind. Das ist gut so, weil ich glaube, dass sich vieles Entscheidende in unserer Arbeit nicht aufrechnen, in Zahlen ausdrücken und sein Wert mathematisch darstellen lässt. 

Und dann kommt Paulus. Sagt: Ja, es ist gut, dass Menschen vom Evangelium leben können. Dass die Predigerinnen und Prediger den Rücken frei haben und sich auf ihre Aufgabe konzentrieren können. Aber: Ich, Paulus, ich verzichte darauf. Denn meine Predigten sind keine Leistungen, die ich mir bezahlen lasse, und mein Leben als Apostel ist kein Job, für den ich mich entschieden habe wie für irgendeinen anderen. 

Ich kann die Spannung nicht ganz auflösen, will es auch gar nicht. Aber, liebe Gemeinde, mich trösten zwei Dinge: Zum Einen: Paulus schreibt sehr deutlich: Das ist mein Weg, andere können das anders halten. Ich finde das eine sehr verheißungsvolle Haltung, nicht nur in dieser Frage. Was ich noch ermutigender finde: Selbst, wenn die Sicherheit der Institution wegfällt, ist das nicht das Ende. Selbst, wenn Prediger wie Paulus einer anderen Arbeit nachgehen, wird das Evangelium verkündigt, gibt es Orte, an denen Menschen gesagt bekommen, dass Gott sie liebt. 

Das macht mir Mut im Blick auf unsere Kirche. Wir leben noch in einer sehr bequemen Situation. Wir haben Geld, wir haben sogar einen gewissen Status. Kirche hat einen vergleichsweise guten Ruf, gerade hier in unserer Gemeinde. Wenn ich Menschen erzähle, dass ich Pfarrer bin, dann passiert das manchmal, dass Leute einem ihren ganzen Frust, ihre ganzen Meinungen zu Religion allgemein und dem Christentum rauslassen. Aber das sind die Ausnahmen. Ein Großteil hat irgendeine Form von Respekt, Pfarrer, das ist was. Und mit Lebenszeitverbeamtung sowieso. Aber das muss nicht überall so sein. Ich war ja die letzten Monate ein paar Mal in Ostdeutschland unterwegs – da ist das anders. Da sind ganz viele Strukturen, die wir selbstverständlich finden, weggebrochen, da haben Leute einfach keine Erfahrungen mit Kirche, weder gute noch schlechte. Und selbst da gibt es verheißungsvolle Aufbrüche, Gemeinden, die ohne traditionellen Ballast neue Wege zu den Menschen finden. Auch, wenn wir irgendwann einmal unseren Status als Behördenkirche nicht mehr halten können, wenn vielleicht irgendwann die Kirchensteuer wegfällt – selbst dann werden Menschen Gottesdienste feiern, Brot und Wein teilen und miteinander und mit Jesus Christus Großartiges erleben und die Fahne der Hoffnung hoch halten in dieser Welt – wenn nicht in Kirchen, dann in Privatwohnungen, leeren Geschäftslokalen oder Kellerräumen, wie das anderswo der Fall ist. 

Und doch bleibt ein Stachel, doch juckt es irgendwie ein bisschen, wenn man die Worte von Paulus nachklingen lässt. Wie ist das eigentlich mit meiner Freiheit? Die ganze Woche, immer, wenn ich nochmal den Text gelesen habe, ging mir das alte Sprichwort nicht aus dem Kopf: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und ich glaube, wir tun gut daran, als Kirche immer wieder zu fragen, in welche Abhängigkeiten wir uns begeben, auch und gerade finanziell. Vorhin, in der Evangelienlesung, haben wir eine großartige Geschichte gehört, wie die Blinden und Lahmen und Kinder das Haus Gottes zurückerobern und den ganzen Tempel mit ihrem schrägen, unkoordinierten, aber aus vollem Herzen kommenden Gesang erfüllen. Und diese Begebenheit hat eine Vorgeschichte gehabt: Unmittelbar vorher spielen sich andere Szenen im Tempel ab: Jesus räumt auf, im wahrsten Sinne des Wortes, er schmeißt die Verkaufstische und die Theken der Wechselstuben um und vertreibt die Händler aus dem Tempel, er zerschlägt die ganze und für den Tempel sehr lukrative Geschäftemacherei, zerschneidet das fein gesponnene Netz aus Kauf und Verkauf – aber macht so den Weg frei für Neues und Bewegendes und Wunderschönes. 

Und ich glaube, die Frage nach der Freiheit kann und sollte jeder und jede für sich ganz persönlich stellen, die Frage: Wo hält mich meine Sehnsucht nach Sicherheit davon ab, das zu tun, was ich als das Richtige empfinde? Und beim Predigtschreiben hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mir Menschen über die Schulter gucken, die mir begegnet sind, und die genau diese Frage mit sich herum geschleppt haben. 

Da ist die junge Frau, die gerade in einer neuen Firma angefangen hat, und die langsam einen Einblick in das Firmenleben bekommt, sie kriegt mit, wie ihr Chef Mitarbeitende schikaniert oder Bilanzen schönt. Und sie traut sich nicht, etwas zu sagen, weil sie noch in der Probezeit ist. 

Da ist der junge Mann, der unsterblich verliebt ist – aber seine Liebe geheim halten muss, weil sie nicht in das Leben passt, dass seine Familie für ihn vorgesehen hat und weil er nicht weiß, ob er die Kraft hat, sich aus dem Netz von Konventionen und Traditionen herauszuziehen. 

Ich musste aber in der letzten Woche auch an andere Menschen denken. An solche, die irgendwann einen Schnitt gemacht haben, zum Beispiel einen sicheren Job gekündigt und sich einen Lebenstraum erfüllt haben, die einer inneren Stimme gefolgt sind, weil ihr Wunsch, ihre Berufung so stark waren. Paulus sagt klipp und klar: Ich habe meine Aufgabe nicht erwählt, sie ist mir übertragen worden – Gott hat mich beauftragt. Nicht jeder würde das vielleicht so sagen, aber ich glaube, dass gar nicht wenige Menschen genau das erleben. 

Ich denke an zwei Studenten bei uns an der Hochschule. Beide mehr als zehn Jahre älter als ich, aber sie quälen sich gerade durch die Sprachkurse, die man am Anfang des Studiums hinter sich bringen muss. Der eine war Journalist, ein sehr erfolgreicher sogar. Die andere war Juristin, mit zwei überdurchschnittlichen Examina, mit der ihr alle Türen offen gestanden hätten. Beide haben sehr sichere Karrierewege verlassen, haben sich entschlossen, diese Sicherheiten aufzugeben, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Beide haben keine Chance, jemals verbeamtet zu werden, dafür sind sie zu alt. Und trotzdem… 

Was mir bei vielen solcher Menschen auffällt: Viele von ihnen machen nach ihrem karrieretechnischen Spurenwechsel irgendetwas im weitesten Sinne Soziales, irgendetwas, bei dem sie mehr oder anders mit Menschen zu tun haben. So wie Paulus, den es auch zu den Menschen hintreibt. Er sagt von sich: Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude – und so weiter, und er zählt eine ganze Reihe von verschiedenen Menschen auf, und könnte bestimmt noch weit länger weitermachen, als es in diesem Brief steht. 

Man kann das hinterfragen, und viele, die den Brief von Paulus gelesen haben und heute noch lesen, werden sich im Stillen gedacht haben: Naja, wer für alles und jeden offen ist, kann ja nicht ganz dicht sein. 
Man kann aber auch diese innere Freiheit bewundern, die es Paulus ermöglicht, sich auf ganz fremde Menschen, mit völlig anderen Lebensentwürfen, anderen Werten und Traditionen, einzulassen.

Stell dir vor, du bist frei. 
Nichts, was dich hält, 
nichts, was dich bindet, 
an dir zerrt und klebt. 
Alle Ketten zerrissen, 
auch die kleinen, 
die hübschen, 
die goldenen, 
rasseln an dir herunter, 
und du machst einen Schritt 
über sie hinweg 
hinaus ins Offene, 
der Kopf klar, 
das Herz weit, 
der Blick frei 
du atmest tief ein… 
…und aus… 
du streckst die Arme, 
schüttelst die Beine, 
und gehst los. 
Wo gehst du hin? 

Montag, 23. Juni 2014

Für den besten aller Zwecke

(c) commons.wikimedia.org

Normalerweise halte ich mich mit Spendenaufrufen zurück. Aber es gibt eben auch Projekte, die einem am Herzen liegen. Dazu gehören Initiativen, die sich der Verständigung zwischen Christen und Juden (und Muslimen) verschrieben haben. Ich bin stolz darauf, Mitglied einer Landeskirche zu sein, die in dieser Hinsicht prophetisch vorangeschritten ist und mit dem Synodalbeschluss von 1980 viele Steine ins Rollen und manche zum Weichen gebracht hat. 

Zu den besonderen Initiativen, die in diesem Geist arbeiten, gehört die kleine Siedlung Nes Ammim im Norden Israels. Ich werde dort endlich auch mal hinfahren, Ende des Jahres wird es hier viel darüber zu lesen geben. Wer schon vorher mehr über die Arbeit dort wissen will, kann sich im Internet informieren: Auf den offiziellen Seiten (www.nesammim.org/ und www.nesammim.de/) gibt es viel zu entdecken, der Studienleiter Rainer Stuhlmann bietet auf seinem Blog fundierte, nachdenkliche, herausfordernde Reflexionen über das Leben und Arbeiten vor Ort - und spricht immer mal wieder im Deutschlandradio über seine Erfahrungen. 

Um vor Ort mobil zu bleiben, benötigt der Verein Nes Ammim Deutschland e.V. Spenden für die Anschaffung eines dringend notwendigen Kleinbusses. Spenden, die unter Stichwort "Auto" eingehen, sind steuerabzugsfähig. Kontodaten sind IBAN: DE17 3506 0190 1010 9880 19, BIC: GENODED1DKD.

Wer von den mitlesenden Kolleg_innen noch nach guten Kollektenzwecken sucht oder Sonderkollekten zu bestimmen hat, wer nicht weiß, was er oder sie sich zum Geburtstag wünschen soll - hier wäre ein echt gutes, professionell und engagiert geleitetes Projekt, das sehr konkret Hilfe gut gebrauchen kann. 

Als kleines Schmankerl: Wer eine Einzelspende von 500 EUR oder mehr nachweisen kann, bekommt einen eigenen Cartoon zum Thema seiner/ihrer Wahl - entweder komplett handgezeichnet oder digital mit Recht zur Veröffentlichung. Wenn das mal kein Anreiz ist... ;-)

Mittwoch, 11. Juni 2014

Smultronställe

Ein besonders schönes schwedisches Wort, für das es meines Wissens keine direkte Übersetzung gibt, ist smultronställe. Wörtlich übersetzt heißt das "Walderdbeerstelle". Gemeint ist ein Ort, an dem ich mich wohl fühle und Kraft tanken kann, allerdings auch einer, den ich ein kleines bisschen für mich haben will - smultronställen sind kleine Geheimnisse, die nicht übermäßig eifersüchtig bewacht, aber doch wertvoll gehalten werden wollen. Das kann ein Café sein, das irgendwo versteckt liegt und zum Innehalten einlädt, aber auch eine Waldlichtung, ein Felsen mit einer besonderen Aussicht, eine vergessene Bank unter der Blätterkuppel einer Trauerweide. Oder der Lieblingsplatz in der Kirche. Wenn ich, wie jetzt, lange überlegen muss, wo meinen nächsten greifbaren smultronställen sind, dann weiß ich: Es wird wieder Zeit, neue auszuprobieren, mit ein bisschen offeneren Augen durch die Gegend zu laufen, und ab und zu Probe zu sitzen.


Immerhin: Eine smultronställe im ganz wörtlichen Sinn habe ich gestern nur 200 Meter von meiner Haustür entfernt direkt am Bürgersteig gefunden. Zum Innehalten und Dableiben lädt die Stelle nicht unbedingt ein, und beim Fotografieren wurde ich misstrauisch durch den angrenzenden Gartenzaun beäugt. Aber irgendwie hat mir gestern die Einsicht gereicht: Auch hier gibt's smultron. Dann kann die Welt so schlimm nicht sein. Made my day!

Es gibt für mich auch literarische smultronställen. Texte, in denen die Worte ein wenig zur Seite rücken und Platz für mich machen, Sprachbilder, die mich zum Drinverkriechen einladen, wie in eine Höhle aus Bettdecken und Kissen, Gedanken, die es in mir weit werden und mich durchatmen lassen. Dazu gehört für mich zum Beispiel Jesaja 25,4: Denn du bist der Geringen Schutz gewesen, der Armen Schutz in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten wie ein Unwetter im Winter. Oder das Abendgebet, das ich früher oft gebetet habe. Und vielleicht heute einfach wieder aus der mentalen Mottenkiste hole. Schon allein deshalb, weil es mich an das Kinderbuch erinnert, mit dem wahrscheinlich ein nicht geringer Teil meiner ganz privaten Theologie irgendwie zu tun hat: Nils Holgersson.

I frid vill jag lägga mig ner
och i frid ska jag somna in.
Ty du, Herre, låter mig bo i trygghet
under dina vingars skugga.

(In Frieden lege ich mich hin,
und in Frieden schlafe ich ein.
Denn Du, Herr, lässt mich in Geborgenheit wohnen
unter dem Schatten deiner Flügel.)

Dienstag, 10. Juni 2014

Mitgliederwerbung bei Kirchens?

Das Drollige am Cartoonszeichnen ist ja, dass die Wirklichkeit einen manchmal rechts und links überholt. So wie neulich: Da sitze ich so da und überlege, schon seit längerer Zeit, an irgendwelchen Ideen zum Thema "Mitgliedschaft", "Finanzen", "Verwaltungsstrukturreform" und dergleichen herum. Und dann kommt sowas:


Die evangelische Kirchengemeinde Lechenich im beschaulichen Erftstadt verspricht denjenigen Mitgliedern Prämien, die ihrerseits Mitglieder werben. Drauf gestoßen hat mich ein Radiofeature (mp3 hier), das ich zunächst für eine gar nicht mal so schlechte Satire hielt. Wirft man einen Blick auf die Website der Gemeinde, dann stellt man fest: Die machen das echt! Und die ADACesque Aufmachung ist alles andere als Zufall, denn, so erklärt der zuständige Kollege:
Wir sind Kirche Jesu Christi und leben aus dem Glauben, sagen Sie? Wir sind doch nicht beim ADAC, entrüsten Sie sich? Aber warum nicht von dem Automobilclub lernen? Schließlich hat der mit seinen ‚gelben Engeln' auch erst einmal eine Anleihe im Religiösen aufgenommen. Und ist damit ziemlich erfolgreich! Auch ich zahle meinen Mitgliedsbeitrag beim Club. Nicht weil ich in allem der unbedingten und umweltschädigenden Mobilität huldige, und auch nicht weil ich überzeugter Automobilist bin. Sondern ich will die Serviceangebote des Clubs nutzen. So verschieden sind Club und Kirche gar nicht. Beide stellen ihren Mitgliedern viele Angebote zur Verfügung. Beide sind dazu auf Mitgliedsbeiträge angewiesen. Beide sind zur Stelle, wenn's mal nicht richtig läuft. Beide beanspruchen öffentliches Interesse für ihre Anliegen. Beide wollen eine Solidargemeinschaft bilden.
Hm-hm. Ich finde es ja mehr als mutig, nach den ganzen Skandälchen der letzten Monate überhaupt irgendetwas vom Stapel zu lassen, das irgendwie an den ADAC erinnern könnte. Zumal ich diese Idee mit den "gelben Engeln" seit jeher bescheuert finde. Aber, vielleicht ist das in Lechenich anders und die Leute stehen auf solche Vergleiche, who knows? Hoffentlich die Verantwortlichen!

Die abzugreifenden Prämien sind mit Fantasie und Liebe ausgesucht und mit Verslein aus der Bibel und der Kirchengeschichte garniert, ein paar davon würde ich sogar selbst nehmen. Bis auf die Espresso-Kaffeemaschine. Erstens mag ich keinen Kaffee, zweitens finde ich die Kapselautomaten aus umweltethischer Sicht bedenklich (von wegen Aluminium und Plastik und so). Vielleicht unbewusst gelingt der Gemeinde auch ein gekonnter Rekurs auf die Geschichte im Jubiläumsjahr des Weltkriegsausbruchs: Das vermeintliche Lutherzitat ("Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen") stammt nicht von Luther persönlich, sondern wurde im Ersten Weltkrieg, möglicherweise um das kriegs- und krisengebeutelte Lutherjahr 1917 herum, als patriotische Durchhalteparole kolportiert und Luther untergeschoben. Aber wer wird denn da kleinlich sein.

Im Radiointerview (nochmal: hier) erklärt der zuständige Pfarrer den erwarteten gemeindepädagogischen Mehrwert, denn "wer ein neues Mitglied werben will, muss argumentieren und Vorteile benennen können", schließlich musste sich, so der Reporter, die Gemeinde erst selber über gute Gründe für eine Kirchenmitgliedschaft im Klaren werden.
"Diese sieben Gründe für eine Mitgliedschaft in einer Sprache auszudrücken, die Menschen nicht abschreckt, sondern die kurz und präzise auf den Punkt bringt, worauf es uns ankommt... das haben wir so in den Vorgaben im Internet und in kirchlichen Verlautbarungen nirgends gefunden."
So eine Ansage macht natürlich neugierig auf das, was am Ende rausgekommen ist. Die sieben Gründe, die sich die Kollegen da aus den Rippen geschnitten haben, stehen dankenswerter Weise auch gleich auf dem Flyer mit drauf:


Ich muss sagen: Diesen ekklesiologischen Sommerschlussverkauf finde ich das eigentlich Bestürzende an der Aktion, oder, etwas sachlicher gesagt: Es ist aus theologischer Sicht nicht unproblematisch, wenn Kirche für sich selbst wirbt - noch dazu und gerade unter Verzicht auf alle theologischen oder christologischen Kategorien. Denn Kirche ist nun mal kein Selbstzweck, auch wenn wir selbst immer wieder gern so tun. Mein atheistischer Nachbar fragte nach probeweiser Lektüre des Flyers erstaunt: "Warum schreiben die denn nichts von Gott? Das ganze Andere kriege ich doch in allen Vereinen auch?" Ich kann dem nichts hinzufügen, geschweige denn entgegnen. Und so arg innovativ sind die Begründungen auch nicht, immer mal wieder kommen vorzugsweise Landeskirchen auf die Idee, kurz und bündig und peppig und griffig und sonstwie die Vorteile einer Kirchenmitgliedschaft (oder des Christseins? Who f*** knows...?) zusammen zu fassen, ob es jetzt sieben Merksätze sind oder zehn (Württemberg) oder gar zwölf (EKD). Solche Versuche bewegen sich meist anmutig tänzelnd zwischen Originalität, bodenständiger Nachvollziehbarkeit, pausbäckiger Banalität, ranwanzender Übergriffigkeit und schierer Dämlichkeit hin und her, aber meist scheint es ja doch um Klärungsprozesse nach Innen zu gehen. Von daher - wenn's der Wahrheitsfindung dient...

Nun denn, unterm Strich? Ich finde die Aktion nicht ganz so verwerflich wie vielleicht so manch Anderer. Ich finde die Umsetzung problematisch - aber ich freue mich über eine Gemeinde, die sich von der demografischen Entwicklung nicht einschüchtern lässt wie das Kaninchen von der Schlange. Und ich warte auch auf Antworten auf die Frage, die der Lechenicher Kollege seinen Kritikern entgegen hält:
Vielleicht haben Sie dann andere Ideen, wie wir dem Schwund unserer Gemeinde entgegenwirken können.
Ich bezweifle stark, dass das mit der ADAC-Masche funktioniert. Aber ich finde den Versuch charmant, traditionell pietistisch-evangelikale Gemeindeaufbaustrategien (Volksmission und so) in andere Bilderwelten zu überführen. 

Was sagt Ihr?