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Sonntag, 7. April 2019

Zur Causa Jana

EIN ÜBERFÄLLIGES PROJEKT - UND EIN ERWARTBARER SKANDAL


Seit ziemlich genau einem Jahr gibt es das Projekt "Jana glaubt", ein von EKD, GEP und aej erdachtes und von einer externen Medienfirma produziertes Video-Projekt, bei dem Jana Highholder, Medizinstudentin und Slam-Poetin, über ihren Glauben erzählt. Ein solches Projekt war längst überfällig, weil die verfassten Kirchen das Internet im Allgemeinen und youtube und Podcast-Plattformen im Besonderen gemeinhin den in dieser Hinsicht weitaus umtriebigeren Geschwistern von eher rechtsaußen überlassen. 

Die meisten Menschen, auch die meisten evangelischen Gemeindeglieder, werden davon wenig mitbekommen haben - bis vor einigen Wochen, als sie sich mit der Pfarrerin Hanna Jacobs ein kontroverses Streitgespräch über die Frage: "Müssen sich Frauen unterordnen?"  geliefert hat, noch dazu am Weltfrauentag. 

Schon der Titel der Folge scheint aus der Zeit gefallen. "Müssen sich Frauen unterordnen?" (gemeint ist natürlich: unter Männer) ist eine Frage, die seitens der evangelischen Kirche in aller entschiedenen Breite Gott sei Dank seit Jahren mit einem klaren "Nein!" beantwortet wird - auch, wenn Alltagsdiskriminierung in der Kirche kaum weniger selten sein dürfte als im Rest der Gesellschaft. Es ist aber auch eine Frage, wie sie in evangelikalen Kreisen in aller Regelmäßigkeit gestellt wird, ähnlich wie "Ist es eine Sünde, wenn ich mich in der Sauna nackt zeige?" oder "Darf ich als Christ in ein chinesisches Restaurant gehen, wenn da eine Buddha-Statue steht?" Also eine Frage, die für den allergrößten Teil der Menschen in Deutschland nicht nur keine Rolle spielt, sondern vollkommen abwegig erscheint. Nun ist dieses evangelikale Milieu die geistliche Heimat von Jana Highholder - Till-Reimer Stoldt hat in der WELT schon vor drei Monaten auf diesen potenziellen Interessenskonflikt hingewiesen: 

"Gleichwohl wirkte das Votum der EKD wie eins gegen den eigenen Klub [...]. Daher meidet [Jana] manches Thema, das Evangelikalen am Herzen, liberalen Protestanten aber bleischwer im Magen liegt – etwa die Frage, ob Christen vor der Ehe enthaltsam leben sollen (was Jana bejaht, in EKD-Kreisen aber eher verpönt ist). Einen Bogen schlägt sie auch um Themen wie die Unfehlbarkeit der Bibel (für Evangelikale unbestreitbar, für die EKD falsch) oder um die Frage, ob alle Menschen in den Himmel kommen (für Evangelikale fast ausgeschlossen, für die meisten Mitglieder der EKD sehr wahrscheinlich)."

Die EKD ist also ein kalkulierbares Risiko eingegangen. Seit einigen Wochen schlagen die Wochen hoch, Hanna Jacobs zum Beispiel hat im (an dieser Stelle wärmstens empfohlenen) WORTKOLLEKTIV-Podcast ihre Eindrücke vom Gespräch noch einmal geschildert und auch in einem Artikelkompendium von Christ und Welt neben anderen medialen Schwergewichten der kirchlichen Szene Stellung bezogen. 

Ich bin noch ein bisschen unentschieden, wie ich die ganze Sache finde. Auf der einen Seite ärgern mich Janas Aussagen: Ich finde sie theologisch falsch und gesellschaftlich verheerend, und ich bin ein großer Anhänger vom Bild der Kirche als safe space, also als einem Raum, an dem Menschen vor diskriminierenden Äußerungen sicher sein können (dankbar bin ich trotzdem dem Evangelischen Zentrum für Männer und Frauen, für das Ruth Heß unlängst in einem Facebook-Post um ein differenziertes Verständnis von Janas Aussagen geworben hat). Auf der anderen Seite frage ich mich manchmal, ob safe spaces in medialen Kontexten überhaupt realisierbar sind, und ob sie nich an manchen Stellen ein etwas hübscherer Ausdruck für "Wagenburgmentalität" oder zumindest "Echokammer" sind. Ich würde mir wünschen, dass die Frage nach der Stellung der Frau ausdiskutiert ist. Wie andere Fragen auch. Aber der öffentliche Diskurs der letzten Jahre legt doch nahe, dass das alles andere als erledigt ist, und dass gesellschaftliche und theologische Errungenschaften keinen Ewigkeitscharakter haben, sondern immer wieder neu erkämpft werden müssen. Und dass die theologische und milieumäßige Vielfalt, die die EKD unter ihrem Dach beheimatet, solche ständigen Diskurse braucht.

DAS PROBLEM LIEGT WOANDERS


Ich kann Erik Flügge gut verstehen, wenn er (im besagten ZEIT/C&W-Artikelkompendium) sagt:
"Ein Grundproblem der kirchlichen Kommunikation ist, dass sich Formate ständig vor dem persönlichen Geschmack und dem persönlichen Glauben anderer rechtfertigen müssen. Schnell wird alles, was persönlich nicht gefällt, theologisch angegriffen. "Zu flach", "zu konservativ", "zu liberal" oder "zu undifferenziert" sind all die Dinge, die man persönlich einfach nicht schauen will."
Ich kann ihn auch verstehen, weil ich mich selbst getroffen fühle - ich gehöre schließlich auch zu denen, die gern den status confessionis ausrufen, wenn es um Fragen von Gender und sexueller Vielfalt geht. Wenn man statt Jana Highholder irgendjemanden in den Ring geschickt hätte, der oder die mit salbungsvoller Stimme sorgfältig gewählte und von einem paritätisch besetzten Gremium redigierte Sätze in die Kamera sagt, hätte man es auch lassen können, das gibt es bereits zur Genüge. Nur sind solche Formate medial wenig marktgängig - und, Hand aufs Herz, auch meistens nicht wirklich interessant. Wenn Stoldt in der WELT den Eindruck hat, es "gäbe es unter 21,5 Millionen EKD-Mitgliedern keinen geeigneten Kandidaten", dann trifft er, glaube ich, den Kern des Problems. 

Ich habe mich oft gefragt, warum ich zur eigenen Erbauung meistens US-amerikanische oder manchmal englische Podcasts oder youtube-Predigten höre. Zum Einen liegt das sicher daran, dass es, wegen der zitierten Übermacht evangelikal-fundamentalistischer Angebote, kaum etwas Deutschsprachiges gibt, das ich irgendwie interessant finde, geschweige denn relevant. Woanders werde ich da fündig und freue mich auf Neues von Barbara Brown-Taylor, Walter Brueggemann, Nadia Bolz-Weber, Anna Carter Florence, Anne Lamott oder Heidi Neumark. Ich frage mich seit längerem, warum das so ist, was mich bei ihnen anspricht, das ich anderswo vermisse. Und ich glaube, es liegt an der Sprache. Meinem Eindruck nach fehlt im Deutschen ein bestimmtes Sprachregister komplett, nämlich eins, das es möglich macht, alltagsnah, unaufgeregt, berührend und bewegend über den Glauben zu sprechen, ohne in theologische Floskeln, akademische Sprache, Poesie oder Betulichkeit zu verfallen.

Der gemeinsame Nenner von den hier zitierten Kolleg*innen ist, dass sie eine äußerst konkrete Sprache sprechen. Da Sprache vom Denken nicht zu trennen ist, hängt das natürlich auch mit der Theologie zusammen: Der deutschsprachige Mainstream-Protestantismus hat "Glauben" weitestgehend mit "Weltanschauung" übersetzt und damit Kategorien wie "Beziehung" und "Erfahrung" ausgeklammert. Vielleicht ist das die Voraussetzung dafür, eine schweigende und nur mehr oder weniger interessierte Mehrheit der Mitglieder bei der Stange zu halten und nicht zu verschrecken. Damit aber fallen derzeit relevante Kommunikationsstrategien wie Storytelling quasi automatisch weg oder werden zumindest zu einer extrem schweren Aufgabe. Konkrete Sprache fällt im protestantischen Mainstream sehr schnell unter den Verdacht der Freikirchlerei - kein Wunder, dass dieses Milieu so gut wie keine Menschen hervorbringt, die willens oder in der Lage sind, öffentlich über ihren Glauben zu sprechen. Insofern löst das Format "Jana glaubt" keine Probleme, aber es schafft auch keine neuen - sondern lässt nur bereits bestehende Probleme deutlich hervortreten. Wenn im Fahrwasser der jetzt gerade aufgebrandeten Diskussion mehr Menschen an die Öffentlichkeit treten, vielleicht sogar ein bisschen Offenheit, Einseitigkeit und Angreifbarkeit wagen, ist das nicht der schlechteste Dienst, den Jana Highholder der EKD erwiesen hat.

 




Samstag, 28. Mai 2016

Gängige Sprachkritik und spannende Biografie: Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit



„Auf Dresdens Straßen liegt das Christuskind. Totgetreten von 15.000 Demonstranten im eisig kalten Schnee. Es ist vergessen wie ein Haufen Dreck. Keiner blickt zu ihm herunter, das Volk marschiert über die zertrümmerten Knochen hinweg. [...] Das ganze Land spricht von den selbsternannten Verteidigern des Christentums im Abendlande. Doch wer wie sie den Fremden das Obdach verweigert, der ist kein Christ.“ 

Diese großen, ärgerlichen und wahren Sätze standen, soweit ich weiß, 2014 in keiner Weihnachtspredigt, aber auf dem Blog von Erik Flügge. Vielleicht wegen dieser Sätze (und wegen der großartigen Currywurst-Wahlkampagne von Squirrel&Nuts) bin ich geneigter, ihm zuzuhören, als ich das sonst bin, wenn wieder jemand sagt, dass wir Theologen schlecht sprechen. Weiß ich ja selbst, und sage ich ja auch immer wieder. Und liest man ja auch immer wieder (hier und hier und hier und so). Den Startschuss machte vor einem Jahr ein Blogpost mit dem Titel „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache.“ Der Text darunter ventilierte zum größten Teil Altbekanntes, aber mich hat damals der Titel angefixt. Weil selten so deutlich gesagt wird, dass das Überleben der „Kirche des Wortes“ an der Sprache hängt. Mehr, außer ein paar Riten und Handauflegungen, die allesamt aber wieder an Sprachhandeln rückgekoppelt werden, haben wir ja nicht. 

Umso mehr wundert es mich, dass im Theologiestudium so wenig Wert auf Sprache gelegt wird. Klar gibt es immer mal wieder Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben oder Sprecherziehung. Aber sonst? Reiner Preul hat das einmal in aller Deutlichkeit gesagt: 

„Es ist gelegentlich vorgekommen, dass Studierende mich gefragt haben, ob ich sie für den Pfarrberuf für geeignet halte. Ich habe dann unter anderem auch nach ihrer Deutschnote gefragt. War diese nicht besser als ausreichend, dann habe ich zwar nicht direkt abgeraten – Schulnoten sind bekanntlich nicht immer gerecht -, aber doch Bedenken geäußert. Wenn wem das Wort nicht hinreichend zu Gebote steht, wer Schwierigkeiten mit dem flüssigen und präzisen Ausdruck in seiner eigenen Sprache hat, der wird sich als Pastor oder Pastorin arg quälen müssen.“ 
 (Reiner Preul, Pfarrerinnen und Pfarrer als eloquente und gebildete Zeitgenossen, in:
Regina Sommer/Julia Koll (Hg.), Schwellenkunde. Einsichten und Aussichten für den Pfarrberuf im 21. Jahrhundert,
FS Ulrike Wagner-Rau, Stuttgart 2012, 104-116, Zit. 104). 

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht nicht um schillernd perfekte Kunstsprache (oder Sprachkunst), die so glatt ist, dass man daran abrutscht, oder so gewaltig, dass sie jedem Zuhörenden die Sprache verschlägt. Dass in Bibel und Kirchengeschichte immer wieder Menschen mit Sprachfehlern zu Wortführern (Moses, Paulus, Melanchthon) und Legastheniker zu Bestsellerautoren (Gollwitzer) werden, sollte zu denken geben, ebenso wie die Einwände der dialektischen Theologen, die vor fremdem Feuer auf Gottes Altar warnten. Aber darum geht es auch nicht, wenn ich Erik Flügge richtig verstehe. Er stößt sich nicht an Sprechfehlern, sondern an den Manierismen von Leuten, die aufgrund ihres Bildungsgrades eigentlich in der Lage wären, es besser zu können, die aber durch ihre Art des Sprechens und des Argumentierens Distanz herstellen, wo Nähe angebracht wäre, und Banalisieren, wo es ans Eingemachte geht. 

Und so beginnt das Buch, nach dem erneuten Abdruck seines oben erwähnten Blogeintrags, mit dem hoffnungsvollen Bekenntnis: „Ich glaube noch daran, dass eine Predigt wirken kann“ (10). Dass als Anlass dieser Hoffnung dann Beispiele aus politischen Reden und historisch fragwürdige Lutherbilder zitiert werden, mag dem Anliegen geschuldet sein, aus einem pointierten Kurztext möglichst schnell ein vielgelesenes Buch zu machen. Aber es zeigt auch die Aporie: „Diese Texte sind zwar selten, aber sie entstehen immer wieder neu. Nur leider hört man sie seit Jahrzehnten nicht mehr aus Deutschlands kirchlichen Kreisen.“ Um es vorneweg zu sagen: Eine direkt praxisfähige Antwort im Sinne einer griffigen How-To-Anweisung, von ein paar Thesen in der Mitte des Buchs abgesehen, gibt es nicht („Es hilft nur die Flucht nach vorne: Ein eigener Gedanke muss her.“), aber auch sonst bleibt das Buch lesenswert, weil überall kleine Zwischenbemerkungen eines mit einem Bein außerhalb der Kirche Stehenden eingestreut sind, bei denen man sich ertappt fühlt und fragen lassen muss: Muss das eigentlich so sein? 

Da geht es um den ständigen Verständigungs- und Überzeugungszwang: „Kirche hält es nicht aus, das die Menschen am Ende einer Veranstaltung unüberzeugt, zweifelnd, nicht glaubend bleiben. Man versucht mit immer mehr Nachdruck das Verständnis des Gegenübers zu erzwingen. Der muss doch glauben! – Und so scheitert die Verkündigung.“ (14f.). Nebenbei: Sätze wie dieser entspannen mich beim Lesen, weil sie zeigen, dass auch ein Kommunikationsprofi nicht immer nur Gold im Mund führt. Das macht das Ganze ehrlich: „Auch mein Text ist Teil der Bürgerlichkeit“ (22). Oder auch: „Hier sitze ich nun und weiß selbst die Antwort nicht“ (29) – Letzteres bezogen auf die alte Frage nach der Adressatenbezogenheit am Beispiel eines Kindergottesdienstes. 

Bei vielem von dem, was Flügge beschreibt, finde ich mich wieder: Im Klagen über die olle Rose von Jericho (33ff.). Oder über das Existieren am Rand der Kirche: „Ich bin kirchenfern – so fern man nur sein kann, denn Kirche hat Menschen, die so leben wie ich, schon lange aufgegeben. […] Nur eine Sache kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten: Warum ich mich mit Gott und seiner Kirche beschäftige, obwohl sie Menschen wie mich schon längst aufgegeben hat.“ (18). Oder in der simplen Feststellung: „Wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr für eure Kirche sprecht, klingt’s plötzlich scheiße.“ (8) 

Vieles von dem, was Flügge beschreibt, ist in den letzten Jahrzehnten auch in der Homiletik ausführlich diskutiert worden, Martin Nicol und Alexander Deeg haben im Besonderen auch Perspektiven zur Abhilfe vorgestellt. Spannend ist, dass Flügge auch hier den Finger in die Wunde legt und mit der Klarsichtigkeit eines frühen Josuttis feststellt: „[O]hne Performativität ist alles theologische Tun recht langweilig. Die emotionale Methodik bietet hier einen Ausweg. Hält man einen Impuls, an dessen Ende zwanzig Menschen weinend vor einem sitzen, dann spürt man endlich wieder auch als Theologe oder Theologin Macht. [...] Ich stelle die Frage: Geht es wirklich um das Erleben des anderen, oder um das Sich-selbst-als-mächtig-Erleben?“ (36). 

Flügge unterstellt hier eine kirchenpolitische Dimension: „Je stärker ich mich Symbolen bediene, desto weniger bin ich gezwungen, mich selbst zu positionieren. Wenn ich etwas bebildere, so überlasse ich den Adressierten die Entscheidung über die genaue Interpretation und mache mich im besten Sinne innerkirchlich unangreifbar. […] Welcher Bischof würde wohl wegen ein paar Kraftsteinen zum klärenden Gespräch einladen? – Wegen ein paar markigen [sic] Worten kann das durchaus passieren.“ (39). 
Hier ist die Perspektive sehr deutlich eine katholische, in evangelischen Gefilden hat man seit langer Zeit keine Lehrbeanstandungsverfahren mehr zu befürchten. Aber auch bei uns gibt es Konfliktvermeidungsstrategien, die dazu führen, dass Predigerinnen und Prediger selten so offen und deutlich so richtige und angreifbare Dinge sagen wie Margot Käßmann („Nichts ist gut in Afghanistan!)“ oder Christiane Quincke („Pforzheim war keine unschuldige Stadt.“). Und so sind die systemimmanenten Faktoren, die Flügge als so lähmend für inner- und außerkirchliche Kommunikation wahrnimmt („Um den heißen Brei“, 43-46), auch aus evangelischer Sicht lesenswert, wenn auch ernüchternd. 

Und so geht eigentlich im Ganzen weiter. Das Buch liest sich flüssig runter, natürlich auch deswegen, weil das meiste nicht neu ist. Nur eben hübsch pointiert gesagt. Man nickt manches Mal heftig und freut sich, weil da jemand das in Worte fasst, was einen selbst so kolossal stört. Man schüttelt schadenfroh lächelnd den Kopf, weil dem Autor manche Formulierungen auch nur so halb gelingen. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, warum wir so harmlos sind. Man wird mitgenommen zu Begegnungen mit Menschen in der Kirche, und gerät dort ins Stocken, wo Flügge selbst an analytische und rhetorische Grenzen stößt und ratlos fragt: „Und was nun?“ 

Das macht das Buch für mich lesens- und kaufenswert: Das mehr als nur zwischen den Zeichen durchschimmernde Selbstporträt des Autors als junger Mann, der an einem kaum zu definierenden Ort seiner Kirche unterwegs ist und damit, jetzt kommt die Kirchenhistoriker wieder durch, eine überaus seltene Quelle der Selbstdarstellung eines mobilen Performers im Dunstkreis der Amtskirche. Man kann den Jargon der Betroffenheit als einen weiteren Beitrag zur kirchlichen Sprachwelt lesen. Dann lohnen sich die 16 EUR für 160 Seiten nicht so wirklich, das meiste kann man sich auch aus seinem Blog und diversen Interviews selbst zusammenklauben. Man kann es aber auch als kirchlich-religiöse Biografie lesen, und dann lohnt es sich ganz außerordentlich. Finde ich. Und lese meine Predigt für morgen zum x-ten Mal kritisch Korrektur.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Nochmal #yallacsu...

... ob das Anliegen nicht doch subversiver war, als wir alle anfangs dachten...?


Mittwoch, 10. Dezember 2014

#yallaCSU und der lange Schatten des Pfingstfestes

Wie es die Kolleg_innen in Bayern wohl im nächsten Jahr machen..?


Mehr zu Pfingsten und die Freiheit der Sprache...

Dienstag, 8. Juli 2014

Kirchenschwedisch - ein bisschen Fachvokabular für Interessierte

(c) kirchengeschichten.blogspot.de - Tack mamma för den fina bilden ;-).

In NRW sind die Sommerferien gerade losgegangen, und so manche Ferienfreizeit führt nach Schweden. Woher die unleugbare Sympathie für dieses Land unter Kirchenmenschen kommt, harrt noch einer genaueren Untersuchung; meine Arbeitshypothese ist, dass Schweden seit den 1970ern ein beliebtes Reiseziel gerade für Familien aus einem bildungsbürgerlichen und/oder alternativen Milieu gewesen ist und viele Pfarrer_innen und andere Hauptamtliche dort als Kind gewesen sind. Aber das sind Vermutungen, um die es jetzt auch gar nicht geht. Jedenfalls: Manch Eine_r hat sich ja vielleicht im Vorhinein ein paar Sätze in der Landessprache reingepaukt. Den oft in Reiseführern zu lesenden Satz, dass „die Schweden sich sehr freuen, wenn man sich die Mühe macht, ihre Sprache zu sprechen“, möchte ich an dieser Stelle ein bisschen relativieren: Natürlich hat es etwas mit Höflichkeit zu tun, dass man nicht einfach auf Leute zuläuft und sie auf Deutsch vollquatscht. Von daher ist es sicherlich gut und richtig, wenigstens ein paar Standardphrasen dreschen zu können, allen voran richtig und oft „Danke“ (tack) zu sagen – das tun Schwed_innen nämlich gewohnheitsmäßig weitaus öfter als Deutsche oder andere Kontinentaleuropäer. Nur: Die meisten Einheimischen können besser Englisch als die meisten Deutschen, und wahrscheinlich auch besser Deutsch als sie Schwedisch. Von daher sollte man sich nicht täuschen lassen, selbst wenn das Gegenüber artig bekundet, dass man ja sehr gut Schwedisch könne, wartet er oder sie meist darauf, in eine Sprache zu wechseln, in der die Kommunikation flüssiger läuft. Aber für alle, die schon ein bisschen was können, denen aber das Vokabular fehlt, um aus der eigenen Berufs- und Lebenswelt zu erzählen, gibt es hier einen kleinen Ausflug ins Kirchenschwedische. Vielleicht wird das bei Bedarf und Interesse auch noch einmal ausgebaut, mal sehen. Ein bisschen was an Grundlagenwissen ist vorausgesetzt, d.h. ich erspare mir in den meisten Fällen Hinweise zu Aussprache und Grammatik. Jetzt aber los. 

Kirche und Gemeinde 

„Kirche“ kann im Deutschen ja so einiges meinen: Das Gebäude, die Institution, das theologische Konzept. Im Schwedischen ist es zum Glück genau so, und es gibt auch nur ein Wort: kyrka, auf Hinweisschildern und Landkarten oft als k:a abgekürzt. Wenn sie größer und Sitz eines Bischofs (biskop) und damit die Hauptkirche einer Diözese (stift) ist, dann domkyrka. Gerade in ländlichen Gebieten liegt um die Kirche herum der kyrkogård (wörtlich: „Kirchhof“), also der Friedhof. Ähnliches gilt für das Wort Gemeinde (församling), damit kann eine kleinere Verwaltungseinheit innerhalb einer Religionsgemeinschaft (samfund), aber auch die konkret versammelte Schar von Gottesdienstbesucher_innen gemeint sein. Im Gegensatz zum Deutschen ist damit aber nie die Kommunalgemeinde gemeint. Eine Gemeinde kann ihrerseits in mehrere Bezirke (distrikt) aufgeteilt sein, und ist Teil eines Kirchenkreises (kontrakt), der vom Superintendenten (kontraktsprost) geleitet wird.

Billdals kyrka am Rand von Göteborg - "meine" alte Kirche. Bild: stefanity@photobucket.com


Berufe und Personen 

In der Gemeinde leben und arbeiten eine Reihe von Menschen. Zum Beispiel Pfarrerinnen und Pfarrer, beide nennt man (weil in Schweden Berufsbezeichnungen grundsätzlich unisex sind) präst, also wörtlich „Priester“, und das ist in der Tat auch so gemeint, weil sie, ähnlich wie ihre anglikanischen Kolleg_innen, geweiht werden. Deswegen spricht man auch von prästvigning, nicht von „Ordination“. Das Wort pastor gibt es natürlich auch, klingt aber sehr nach Freikirche (frikyrka). 
Innerhalb der Priesterschaft wird je nach Aufgabe weiter differenziert: Der oder die kyrkoherde (wörtlich „Kirchenhirte“) ist so etwas wie ein hauptamtlicher Presbyteriumsvorsitzender; sie sitzt im Kirchenvorstand (kyrkoråd), der etwas anders gewählt wird als in Deutschland, und ist Chef oder Chefin der gesamten Gemeinde. Wenn es in einem Bezirk mehrere Pfarrer_innen gibt, ist eine den anderen übergeordnet und heisst dann distriktspräst, ansonsten spricht man von komminister (mit Betonung auf dem letzten „i“). In der Regel sind die Pfarrerinnen am Kollarhemd (frimärksskjorta) erkennbar, aber hier muss man auf die Farbe gucken: Ist das Hemd grün, handelt es sich um einen diakon, ist es in Rot- oder Lilatönen gehalten, hat man eine Bischöfin (biskop), vielleicht sogar die Erzbischöfin (ärkebiskop) vor sich sitzen. Die stammt allerdings aus dem westfälischen Herdecke und wird deutsch mit einem sprechen. 



Bevor man geweiht wird, studiert man Theologie (läsa teologi) und macht eine Ausbildung am Predigerseminar (pastoralinstitut), entweder in Lund oder Uppsala. Danach ist man Vikarin oder Pfarrer z.A. und arbeitet zunächst mit reduzierter Stundenzahl als pastorsadjunkt. Übrigens haben auch in Schweden die Assessmentcenter Einzug gehalten, jede_r angehende Theolog_in muss an einer uttagningskonferens teilnehmen.

Daneben gibt es natürlich eine Reihe anderer Berufsgruppen: Im Gemeindebüro (församlingsexpedition) sitzen Sekretäre (sekreterare), kamrer (Verwaltungsmitarbeiter), manchmal auch ein klockare, also ein „Glöckner“. Ursprünglich war das eine Art Küster oder Mesmer, gerade an der Westküste hat aber die traditionelle Aufgabe des Kollektenzählens Überhand genommen, sodass der Glöckner hier eine Art Schatzkirchmeister ist. Der Küster heißt schlicht vaktmästare, also „Hausmeister“. Auf dem Gemeindeamt haben aber auch andere Mitarbeitende ihr Büro, etwa die Organisten und/oder Kantoren (heißen genauso), also die Kirchenmusiker (kyrkomusiker). Daneben gibt es in der Regel auch Gemeindepädagogen (församlingspedagog), mit ähnlichen Aufgaben befasst sind die „Gemeindeassistenten“ (församlingsassistent). Oft gibt es einen Kindergarten (förskola) mit entsprechendem Personal (förskollärare). 

Im Gottesdienst 

Gottesdienst (gudstjänst, mit kurzem „u“) wird meist mehrfach wöchentlich gefeiert, allerdings differenziert man hier ähnlich wie in der katholischen Kirche: Streng genommen meint gudstjänst den Wortgottesdienst, ansonsten spricht man auch hier von Messe (mässa), und da von Wochenmesse (veckomässa), wenn sie alltags, von Hochamt (högmässa), wenn sie sonntags stattfindet. Den Anfang macht meist ein Lektor (kyrkvärd), der die Anwesenden begrüßt und zu Gebet und Stille einlädt („Nu stillar vi oss inför gudstjänsten“). Dann ziehen unter stehendem Gemeindegesang die Hauptbeteiligten ein, meist geht ein Jugendlicher mit Tragekreuz voraus, dann folgen die Übrigen, am Ende der/die Liturg/in mit dem Abendmahlsgeschirr. Man verneigt sich vor dem Altar (altare), dann geht jeder an seinen Platz. Gebete werden in der Regel mit dem Rücken zur Gemeinde gesprochen, Lesungen und Predigt (predikan) von Ambo (heißt auch so) oder, falls vorhanden, von der Kanzel (predikstol) aus. Zum Abendmahl (nattvard) begibt man sich zum Altarring (altarring), meist wird die Kommunion kniend empfangen, in Kombination mit Wandelkommunion: Wer fertig ist, steht auf und macht Platz für den Nächsten, der dann Brot und Wein (bröd och vin) empfängt. In Schweden werden fast durchgehend glutenfreie Oblaten gereicht und starker Wein bevorzugt, etwa Marsalla). 

Am Schluss spricht der Liturg den aaronitischen Segen (välsignelse), mit trinitarischem Schluss und Kreuzzeichen (korstecken), danach ziehen alle wieder aus. Die Kinder sind während des Großteils des Gottesdienstes meist im Kindergottesdienst (söndagsskola). Das Vaterunser (Herrens bön) existiert momentan in zwei Varianten, einer älteren (Fader vår) und einer jüngeren (Vår fader), wobei letztere nach einer längeren Übergangszeit auch in den Auslandsgemeinden nun eingeführt wird. Wer sich mal einen schwedischen Gottesdienst angucken möchte, kann das entweder in den vier Auslandsgemeinden in Deutschland (Berlin, Frankfurt, Hamburg, München) tun, oder sich einen Fernsehgottesdienst im Internet angucken - www.svt.se/gudstjanst/.

(c) Arne Hyckenberg / dagen.se

Ein absolutes Muss ist das Kirchenkaffee hinterher (kyrkkaffe), bei dem es meistens mehr zu essen gibt als die in Deutschland üblichen Kuchen und Plätzchen (kakor); meist steht Brot, Butter, Käse und Marmelade auch bereit. Gesungen wird natürlich auch, das Gemeindelied heißt psalm und steht im psalmbok; wenn man die biblischen Psalmen betet, spricht man vom psaltarpsalm (das „p“ wird in beiden Fällen nicht gesprochen).

Die liturgische Gewandung in Schweden entspricht weitestgehend der in der anglikanischen Kirche: Zum Gottesdienst trägt man alba und stola, vor dem Abendmahl wird eine Kasel (mässhake) übergestreift. Es gibt auch Talar (kaftan) und Beffchen (elva), diese finden aber höchstens noch bei Beerdigungen (begravning, jordfästning) Verwendung. In Wortgottesdiensten wird auch oft Rochette (röcklin) mit Stola getragen. Zu besonderen Alltagssituationen haben die Kolleg_innen neben dem Kollarhemd noch eine andere Option: In Schweden ist es noch vielerorts üblich, bei Einladungen einen Dresscode (klädkod) auszugeben. Bei hohen diplomatischen oder akademischen Feiern, manchmal auch bei Hochzeiten, wird hier högtidsdräkt gefordert, also noch eine Stufe über der Abendkleidung. Konkret heißt das: Frack und Ballkleid, oder aber Gesellschaftsuniform, Volkstracht – und bei Pfarrerinnen und Pfarren, sofern vorhanden, Lutherrock (prästrock).

Andere Aktivitäten 

Auf jeden Fall gibt es Konfirmandenunterricht (konfirmandundervisning), wenn man in diesem Rahmen auf Freizeit fährt, nennt man das (konfirmand-)läger. Und mitunter gibt es auch Sommerfreizeiten, die nennt man entsprechend sommarläger. Oft sind hier jugendliche Teamer beteiligt, so genannte konfirmand- oder hjälpledare. Interessanter Weise gibt es im Schwedischen kein direktes Wort für „ehrenamtlich“, deswegen spricht man meist von frivillig, freiwillig. In einer singenden Nation wie Schweden gibt es natürlich den einen oder anderen Chor (kör), zum Beispiel einen Kinder- oder Jugendchor (barnkör, ungdomskör). Auch in Schweden gibt es natürlich die eine oder andere Sitzung (möte). 


Soweit erstmal. Wie gesagt, bei Interesse demnächst mal mehr!

Montag, 7. April 2014

Der Esperanto-Stammtisch in der Moni ihrem Laden

Aus dem ungemütlichen Wintermatsch trete ich in ein Café, das irgendetwas mit "Laden" im Namen trägt und den Charme der friedensbewegten Achtzigerjahre atmet: Eine zusammengewürfelte Einrichtung, an den Wänden alte Protestplakate ("Wir sind bedroht durch Abgastod!"), aus knarzenden Lautsprechern stolpern wenig eingängige Weltmusikklänge und erinnern mich an meine eurozentrische Weltsicht. Über der Theke, auf den Tischen bieten mir Speise- und Getränkekarten, zum Teil handgeschrieben, zum Teil in vermeintlich peppigem Comic Sans Serif gedruckt und mit lustigen Smileys versehen, "Knobi-Brot :-)" und "Süße Fairsuchungen :-)" an. Ich werde freundlich begrüßt von einer hageren und mit selbstgebasteltem Schmuck verzierten Mittfünfzigerin in einer Art Sari, deren hennarot gefärbtes Haar über die Schultern wallt, ich nenne sie heimlich "die Moni". Zettel und Plakate leuchten an den Pinwänden in allen Farben des Regenbogens und informieren mich darüber, dass in der Sporthalle der GGS Lintzow montagsabends Kreistänze getanzt werden, dass Marlene Schmidt-Krusowski nicht nur Hilfe im Haushalt, sondern auch echte fernöstliche Massage anbietet und vorletzten Donnerstag in der Buchhandlung "Eulenspiegel" der österreichische Philosoph Dr. Alois Martin Brenner über die Lösung aller Weltprobleme durch organisch angebauten Hanf referiert hat. Ich lasse mich an einem Tisch nieder, die Moni bedauert, dass man aus politischen Gründen keine Cola im Hause habe, sie mir aber "totaaal leckere Süßholzbrause" empfehlen könne. Wi-Fi gibt es natürlich auch nicht, man wolle schließlich, dass die Menschen miteinander reden.

Aus einer Ecke im hinteren Teil des Raums dringt vielstimmiges Gemurmel. Um zwei aneinander geschobene Tische sitzen ein paar Menschen, die meisten von ihnen älteren Semesters. Lange silberweiße Haare glänzen im Kerzenschein, ein Großteil hat sich dem stammtischeigenen Dresscode angepasst und trägt Norwegerpulli oder Lehrercord mit Ärmelschonern. Die Menschen unterhalten sich einigermaßen schleppend, überdeutlich wie eine Sprachlernschallplatte artikulieren sie etwas, das klingt, als ob ein polnisches Kindergartenkind in einer sich irgendwie am Spanischen orientierenden Fantasiesprache vor sich hin brabbelt. In Monis Ladencafé trifft sich der örtliche Esperanto-Stammtisch, der weltverbesserliche Freundeskreis jener drolligen Plansprache, die nach dem Willen ihres mit nicht allzu viel Sprachgefühl belasteten Erfinders, einem Bialystocker Augenarzt, Ende des 19. Jahrhunderts die Menschen (oder, in der Sprache seiner Zeit, die "Völker") zusammenführen sollte.




Ich habe mich (in der Pubertät flirtet man ja mit so manchen Abstrusitäten) mal ein wenig mit Esperanto beschäftigt und kann durchaus ein bisschen rührselige Sympathie für die um internationale Verständigung bemühten Fans dieses Projekts aufbringen. Im Gesamturteil überwiegt aber meine grundlegende und überaus herzliche Abneigung: Ästhetische Maßstäbe sollte man weder an die Sprechenden, noch an die Sprache selbst anlegen, ein gruseliges Gemisch aus Signaturlauten europäischer Sprachen (vornehmlich Polnisch, Deutsch und Spanisch), dessen Phonetik an Scheußlichkeit nur noch durch sein krudes Schriftbild übertroffen wird. Die Plansprache ist durchzogen von logischen Fehlschlüssen und willkürlichen Bestimmungen, die behauptete Universalität wird durch die sich rein europäischer Vorbilder bedienende Wortschöpfungspraxis Lüge gestraft. Den an sich oft ganz furchtbar netten Anhänger_innen gefriert das treuherzig-weltoffene Lächeln, sobald es um spitzfindige Fragen der Sprachpraxis (soll man jetzt komputero oder komputilo sagen?) oder die großen Richtungsstreits der Bewegung (soll Esperanto weltweite offizielle Hilfssprache werden oder Kennzeichen und Kristallisationspunkt einer eigenen Kultur sein?) geht.

Als die Moni mir noch eine Süßholzbrause bringen will, lehne ich dankend ab und zahle. Beim Rausgehen fällt mein Blick noch einmal auf die immer noch lebhaft diskutierenden Senioren am Esperantotisch. Eigentlich sehen sie ganz nett aus, wirken engagiert. Wenn da nicht dieses absolut bekloppte Hobby wäre... Und in dem Moment fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: Endlich weiß ich mal, wie Kirche von Außenstehenden wahrgenommen wird!

Dienstag, 25. März 2014

Nachlese zum Dingens...Gottesdienst: Es war sehr gut!


Zu den besonders beglückenden Erfahrungen kreativen Arbeitens, und das Entwickeln und Ausprobieren neuer Gottesdienstformen fällt ja auch darunter, gehören diese Momente, in denen alles anders läuft als geplant - und es dann trotzdem oder gerade deswegen richtig gut wird. Manchmal ist es aber auch schön, wenn Konzepte sich als tragfähig erweisen. So, wie das vorgestern der Fall war beim hier schon ausführlichst beschriebenen Spoken-Word-Gottesdienst (oder "Gottesdienst mit Poetry-Slam-Elementen" oder wie auch immer man das jetzt genau nennen soll - wie sagt man auf Schwedisch so schön? Kärt barn har många namn - Ein liebes Kind hat viele Namen...).

DER ABLAUF


Wie geplant, war der liturgische Rahmen auf Wesentliches konzentriert, gewissermaßen als Gegengewicht zum wortfokussierten Verkündigungsteil. In der Praxis bedeutete das: Freie Begrüßung, die zum liturgischen Votum überleitete und an wichtigen Gelenkstellen acht- und sparsame liturgische Moderation. Mit Harald Schroeter-Wittke (der hat in der Pastoraltheologie mal viel Gutes dazu geschrieben) bin ich der Meinung, dass liturgische Moderation „[d]ie Gemeinde als Subjekt des liturgischen Geschehens ernst“ nimmt, indem sie „eine Atmosphäre der Freundschaft, der Gleichberechtigung, der Begegnung auf Augenhöhe“ schafft, „Tradition und Situation gleichermaßen zur Sprache bringt“ und so „Elementarisierung als Horizonterweiterung“ anbietet. Voraussetzung ist dabei natürlich die Professionalität des/der Moderierenden, die wie eine gute Fremdenführerin einen Weg durch fremdes, unbekanntes Gelände zeigt, ohne den eigenen Zauber der Sehenswürdigkeiten durch zuviel Plauderei zu zerstören. Vor allem der Performance-Teil brauchte eine solche Moderation, um den Ablauf zu erklären - und zu begründen, dass es sich eben nicht um einen Slam handelt, d.h. um keinen Wettstreit, an dessen Ende Gewinner und Verlierer feststehen. Nach den Textperformances wurde der Bibeltext, aus dem der Stichwort gebende Vers ("Und Gott sah, dass es gut war") verlesen und konnte in der folgenden Stille nachklingen.

RÜCK- UND AUSBLICK

Wie schon gesagt - das gute Gefühl steht am Ende, dass das Konzept aufgegangen ist. Die Text-Performances waren großartig und standen in aller Verschiedenheit in dem großen Zusammenhang, den der priesterliche Schöpfungsbericht vorgab. Wie schon bei einigen Predigten ist mir aufgefallen, dass tradierte Worte auf eigentümliche Weise eine neue Dignität bekommen, wenn sie als bewusst gewählte Textbeiträge vorgetragen werden. In der Slam-Poetry-inspirierten Predigt über die Sturmstillung waren das Gesangbuchverse, die, von anderen Reimen umrahmt, plötzlich überraschend modern klangen und große Ausdruckskraft entfalteten. Und nach den Texten der Poet_innen erwartete man den Bibeltext mit einer anderen Spannung als nach dem allsonntäglichen "Die Lesung für den heutigen Sonntag steht in...". Memo dabei an mich: Gen 1,1-2,4a ist extrem lang, selbst dann, wenn es sehr pointiert und gut vorgetragen wird. Überhaupt, die Länge: Ein Beitrag war kurzfristig weggefallen, sodass "nur" vier Texte performt wurden - nach Einschätzung der meisten Besucher_innen war das aber auch genug. Besonders eindrücklich war die Stille nach den Wortkaskaden und brausenden Applauswogen - hier ist mir noch einmal aufgefallen: Es braucht einiges an Ruhe und Willen, so eine Stille wirklich vier bis fünf Minuten auszuhalten, und nicht vorschnell das Signal zum Weitermachen zu geben. Aber: Es lohnt sich! 

Erfreulich auch: Die gemeindepädagogische Komponente. Was in den Vorarbeiten noch unter "Utopie" lief, die Freisetzung kreativen Potenzials bei den Gottesdienstteilnehmenden und der Anreiz zum eigenen Texten, erwies sich als hoffentlich segensreiche Folge schon dieses ersten Versuchs: Dreieinhalb Gottesdienstbesucher_innen erklärten spontan ihre Bereitschaft zur Mitwirkung beim nächsten Gottesdienst, in dessen Vorfeld auch ein Workshop stattfinden soll.

Mit etwas über fünfzig Gottesdienstbesuchenden (Mitwirkende nicht mitgerechnet) ist sicherlich noch Luft nach oben, aber die, die da waren (und von denen gut die Hälfte eben nicht in einen "normalen" Gottesdienst am Sonntagmorgen gehen), waren engagiert dabei und durch die Bank begeistert - das wird schon! Im Juni soll es ja weitergehen - mehr dazu zu gegebener Zeit hier oder auf der Gemeindehomepage

Einen Augenzeuginnenbericht gibt es übrigens auf der Homepages des Kölner Stadtkirchenverbandes

Und hier schonmal meinen Beitrag - leider audio only und in nur äußerst mäßiger Qualität. Auch das kann man beim nächsten Mal ändern, wenn sich jemand findet, der oder die in der Hinsicht kompetent ist (anyone...?). Weitere in Kürze!


Dienstag, 18. März 2014

Aus dem liturgischen Labor - Gedanken zum Spoken-Word-Gottesdienst

Die Idee, einen Gottesdienst mit Elementen aus der Welt von Spoken Word, Open Mic und Slam Poetry zu veranstalten, hat viele Väter und Mütter, ist entstanden aus einem etwas chaotischen, aber irgendwie auch inspirierenden Mischmasch aus den Entwicklungen in der Predigt- und Gottesdienstforschung, eigenen Wünschen und Bedürfnissen und Erfahrungen. Deswegen hier schonmal ein paar Gedanken zum Projekt - wie tragfähig das ist, wird sich am nächsten Sonntag herausstellen!

Plakatentwürfe...
 

"KRISE DER PREDIGT" UND DER GOTTESDIENSTE "IM ZWEITEN PROGRAMM"?

Von einer Krise der Predigt zu sprechen, ist nicht neu. Blättert man sich durch die homiletische Literatur, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, „das Schiff, das sich Gemeinde nennt“, habe sich in den letzten 500 Jahren fast ununterbrochen und nur durch einige herausragende Kapitäne, Steuermänner und Schiffsausrufer vom endgültigen Stillstand bewahrt durch einen morastigen Sumpf aus schlechten Predigten gepflügt.

Bezog sich die Kritik über Jahrhunderte vor allem auf vermeintlich fehlende, unzureichende oder schlichtweg falsche theologisch-geistliche Inhalte, so steht in der jüngeren Vergangenheit zunehmend auch die Form der Kanzelrede im Fokus der Kritik, bis hin zur grundlegenden Infragestellung an das Genre des monologischen Vortrags, wie sie etwa Christopher von Lowtzow vorgetragen hat und die neben der ekklesiologischen Problematik einer Monopolisierung der Verkündigung auch veränderte Wahrnehmungsgewohnheiten und Anforderungen der Menschen im Medienzeitalter im Blick hat. Kurz gesagt: Eine viertelstündige Rede ohne jegliche Medienunterstützung ist youtube-verwöhnten User_innen nicht mehr zumutbar - außerdem widerspricht es dem Priestertum aller Gläubigen. 

Skeptischen Abgesängen auf die Redeform des Monologs halten andere (etwa Volker A. Lehnert) zu Recht die Erfolge von Comedians und Kabarettisten entgegen. Stehen diese vor allem für den unterhaltenden Aspekt öffentlicher Rede, so kommt seit der Jahrtausendwende eine vielfältige und sich einer stilistischen Zusammenfassung weitgehend entziehende Kunstform in den Blick, die neben dem delectare (Unterhalten) auch das movere (Bewegen) stark macht: Die Spoken Word-Bewegung und ihre in Deutschland derzeit populärste Erscheinungsform des Poetry Slam. Wikipedia schreibt Hochinteressantes dazu:
“Spoken word is a performance artistic poem that is word-basic. It often includes collaboration and experimentation with other art forms such as music, theater, and dance. However, spoken word usually tends to focus on the words themselves, the dynamics of tone, gestures, facial expressions, and not so much on the other art forms. In entertainment, spoken-word performances generally consist of storytelling or poetry […]. Since its inception, the spoken word has been an outlet for people to release their views outside the academic and institutional domains of the university and academic or small press. The spoken word and its most popular offshoot, slam poetry, evolved into the present-day soap-box for people, especially younger ones, to express their views, emotions, life experiences or information to audiences. The views of spoken-word artists encompass frank commentary on religion, politics, sex and gender, often taboo subjects in society.” 
Michael Herbst postulierte jüngst, das Potenzial der vielerorts seit den 1990erjahren etablierten und sich häufig an der in Willow Creek praktizierten Form der Seeker Services orientierten Gottesdienste „im zweiten Programm“ sei ausgeschöpft: 

„Ehrenamtliche Mitarbeiter sind erschöpft, da alternative Gottesdienste besonders arbeitsintensiv sind. Ferner gerät der Charakter der Veranstaltung als Gottesdienst ins Wanken. Die Teilnehmer sind häufig eher „Publikum“ und zu wenig „Gemeinde“; die Beteiligung ist entsprechend schwach. Außerdem haben Nicht-Christen keine schlechten Erfahrungen mit der Kirche, sondern gar keine Erfahrung. Sie sind neugierig zu erfahren, was und wie Christen ihre „richtigen“ Gemeinde-Gottesdienste feiern.“ 
(zit. n. Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 05/2014)
Gleichzeitig scheint sich ein gegenläufiger, die mittlerweile traditionellen "Zweites-Programm"-Gottesdienste mit ihrer oft sehr spezifischen Ästhetik ergänzender Trend abzuzeichnen, den man als "Retro-" oder "Vintage-Spiritualität" bezeichnen könnte: Traditionelle, oft hochliturgisch inspirierte Formen christlicher Spiritualität werden neu entdeckt und als bewusste Pausen vom Alltagsleben inszeniert. Das können Exerzitien und Stundengebete, lutherische Messfeiern (besonders erfolgreich etwa bei Nadia Bolz-Weber in Denver/Colorado) oder die Tradition des anglikanischen Even Songs sein. Ich frage mich, ob nicht auch die reformierte Tradition hier Anknüpfungspunkte bietet, wenn man, etwas hemdsärmelig vielleicht, die Reduktion liturgischer Elemente, den starken Fokus auf das Wort und ein hohes Maß an laikaler Mitwirkung als "typisch reformierte" Akzente sieht.

Bild: reformiert-info.de

Preacher Slam, poetische Predigten und ermutigendes Feedback


Wer regelmäßig in den Kirchengeschichten liest, hat es ja mitbekommen, dass das Thema Poetry Slam mich, u.a. in Vorbereitung auf den Preacher Slam in Düsseldorf, vor einiger Zeit ausführlichst beschäftigt hat, auch beim Predigen. Was mich, bei allem Spaß an der eigenen Fabuliererei, sehr bewegt hat, waren die Rückmeldungen: Von Kolleg_innen, die schrieben, sie hätten ganz neue Lust am Formulieren bekommen. Oder von Freunden und Verwandten, die plötzlich von eigenen (mir bis dato gänzlich unbekannten) schreiberischen Ambitionen erzählten, ihre eigenen poetischen Gehversuche mitteilten. Mich lehrt das: Das Format ist offenbar geeignet, auch bei den Zuhörenden kreatives Potenzial freizusetzen. Und das triggert mich doch ungemein, gerade im Blick auf die Frage nach dem Priestertum aller Glaubenden.

Was mich bei den Poetry Slams, die ich erlebt habe, sehr begeistert hat, ist die Vielfalt der Texte. Es ist sicherlich so, dass die humorvollen, stand-up-inspirierten Beiträge deutlich überwiegen - das wird auch am Kalkül liegen, denn mit Lustigem lässt sich meist am Einfachsten ein Kontakt zum Publikum herstellen, der dann zu mehr Punkten in der Wertung führt (davon bin ich selbst beim Preacher Slam ja auch ausgegangen). Aber es ist trotzdem Raum für andere Themen und Genres - da gibt es Wütend-Sozialkritisches, zum Teil auch Dramatisch-Autobiografisches (im letzten Beispiel wird die Grenze zwischen "persönlich" und "privat" für meinen Geschmack zu weit überschritten - aber das Format verträgt auch das offensichtlich). Auch das vielleicht bekannteste Poetry-Slam-Video von Julia Engelmann, das in den letzten Monaten Menschen aller Altersklassen bewegt hat, ist ja durchaus nachdenklich-kritisch. 

Das Feld möglicher Themen und Genres ist also, auch wenn sich sicherlich Schwerpunkte in der inhaltlichen Auswahl und Stilbildungen in der Performance abzeichnen (eine jugendliche Teamerin aus der Gemeinde fragte neulich: "Poetry Slam... ist das das mit der Schnappatmung?"), äußerst weit. Auch das halte ich für eine viel versprechende Voraussetzung. Beim eigenen Experimentieren mit Predigten und Slam Poetry ist mir außerdem aufgefallen, dass es außer den klassisch-traditionell orientierten Gemeindegliedern, die alternativen Predigtstilen (dazu gehören auch narrative und/oder am Konzept der dramaturgischen Homiletik orientierte Texte) eher skeptisch gegenüberstehen, auch solche gibt, die eine sehr hohe Toleranzschwelle und überhaupt keine Schwierigkeiten haben, etwa die Beiträge vom Preacher Slam als Predigten zu akzeptieren. 

Für den ersten Gottesdienst wurden speziell Leute angesprochen, darunter junge Theolog_innen und kirchenaffine Aktive aus der Poetry-Slam-Szene. Mein Traum wäre, dass sich bei einer Fortsetzung auch andere Menschen aus dem Umfeld der (Gottesdienst-)Gemeinde finden, die eigene Texte schreiben und performen, möglicherweise unterstützt durch spezielle Workshops. So könnte sich mittel- oder längerfristig die Verkündigung pluralisieren - das Potenzial ist höchstwahrscheinlich da!

Nach langem Hin und Her haben wir uns übrigens gegen den Slam-Charakter entschieden (das machte die Suche nach einem Etikett so schwierig...), das heißt, die Performenden treten nicht gegeneinander an - das erschien dem gottesdienstlichen Charakter dann doch irgendwie unangemessen. Die Leute sollen und dürfen ruhig klatschen; wenn Applaus im Gottesdienst auch unter manchen Kolleg_innen geradezu verfehmt ist, kann man darin auch den legitimen Wunsch nach einer Feedbackmöglichkeit oder einem Kommentar zum Gehörten verstehen - genauso, wie ja bekanntlich das "Amen" der Predigt auch Sache der Gemeinde ist.

DER GOTTESDIENST DRUMHERUM


Wenn der Fokus auf dem gesprochenen Wort liegt, dann bietet es sich an, den liturgischen Rahmen zu reduzieren. Nicht im Sinne einer Abwertung, sondern als Reduktion im Dienste der Klarheit und Konzentration auf Wesentliches. Das kommt mir persönlich entgegen, weil ich zunehmend nach "einfachen" Gottesdienstformen für mich suche, die gerade im Verzicht auf großes Brimborium die Partizipationsschwelle senken. Dass mir Hochliturgisches nicht liegt, dürfte regelmäßige Leser_innen nicht überraschen. Mir haben aber auch die o.g. Gedanken von Michael Herbst unmittelbar eingeleuchtet, weil die Gottesdienste aus dem "zweiten Programm" im Stil der Willow-Creek-Services, bei denen ich immer ausgesprochen gern mitgearbeitet habe, äußerst ressourcenintensive Events sind: Da braucht man eine Band. Dafür wiederum eine möglichst avancierte Musikanlage. Anspiele wollen geschrieben und aufgeführt werden, für meditative Aktionen und give aways muss gebastelt werden. Und so weiter. Das hat natürlich was, weil so sehr viele Menschen am Gottesdienst aktiv beteiligt werden können. Aber es ist eben nicht immer und überall machbar.

Wenn man sich zudem an der Ästhetik von Poetry-Slams orientiert, ergeben sich einige denkbare Eckpunkte: Klavier (vielleicht mit Schlagzeug) statt Orgel. Beleuchtungsakzente, die den Kirchenraum buchstäblich in anderem Licht erscheinen lassen. Eine aufgelockerte Sitzordnung. Und eine ausgewogene Mischung aus professioneller liturgischer Moderation (d.h. ohne übertriebenes Pädagogisieren) und gemeinsam gesprochenen Texten, die nicht unbedingt die Sprache der Lutherbibel atmen müssen, aber dennoch das Potenzial haben, geprägte Wendungen zu werden und damit einen Wiedererkennungswert zu erhalten und in Gebrauch genommen zu werden. Vielleicht auch, als Gegengewicht zur Wortlastigkeit des Mittelteils, eine Zeit der Stille. 

Soweit erstmal meine Überlegungen. Ich bin vor Sonntag extremst freudig-gespannt - und freue mich sehr über lautes Mitdenken von Interessierten! So long...

Und wer in der Nähe ist und live dabeisein will: Am Sonntag um 18 Uhr findet das Ganze statt, und zwar in der Christuskirche Köln-Dellbrück. Mehr Infos gibt es demnächst auf der Homepage der Gemeinde oder schon jetzt bei Facebook


Montag, 3. Februar 2014

Selbstversuch SlamPredigt - Rückblick, Ausblick, Seeblick.

Joar, da hat die Gemeinde aber mal was erleben dürfen: Poetryslampredigt auf der ganz normalen Sonntagskanzel. Hollarididudeljö, möchte man mit Loriot sagen (zweites Futur bei Sonnenaufgang). Das Texten und, vielmehr natürlich noch, das Performen war schon eine spannende Sache, ebenso die Reaktion der Leute, und in dieser ungefähren Reihenfolge notiere ich jetzt einfach mal meine Beobachtungen, Erfahrungen und Fragen:

DAS TEXTEN.


(c) Marvin Siefke / pixelio.de
Die Idee war ursprünglich gar nicht, auf der Kanzel Poetry Slam zu spielen, dafür kenne ich Genre und Szene zu wenig, fand ich. Irgendwie kam es aber dann doch dazu, als ich in der Predigtvorbereitung zu Mk 4,35-41 an der Frage der Jünger hängen blieb: "Wer ist er eigentlich?" Die Frage finde ich berechtigt und (zumal im christologisch-dramaturgischen Duktus des Markusevangeliums) interessant, weil sie sich doch eigentlich jedem aufdrängt, der irgendwas mit dem Christentum zu tun hat. Und dann war da irgendwo im Hinterkopf ein Versfragment, ein einsam klingendes Reimpaar (ich tippe auf Revoluzzer-Tempelputzer), und damit war das Fabulieren auch schon in vollem Gange. Und es passte dann auch inhaltlich/dramaturgisch gut, am Anfang eine Kaskade von Jesusbildern und christologischen Hoheitstiteln auf die Hörer_innen einprasseln zu lassen und die inhaltliche Herausforderung von 2000 Jahren Christologiegeschichte durch eine akustische wiederzugeben. Relativ schnell war auch der Gedanke da, sich an den Verben weiterzuhangeln, mich also an dem in der Geschichte geschilderten Handeln Jesu zu orientieren (narrative Christologie!) - immerhin ist es ausdrücklich er, der die Handlung in Gang setzt. Zwei weitere Aspekte, die mir im Kopf herumschwirrten und zwar nicht unbedingt expressis verbis genannt wurden, aber im Hintergrund tatkräftig mitgearbeitet haben, sind die deutlich exorzistische Kolorierung des Rettungswunders und der Ansatz der Pyrotheologie (putziger Name). Relativ schnell war dann auch der erste Teil fertig - ich hatte, in Nicol'scher Diktion, einen Move. Einen Move. Für einen sechsminütigen Slambeitrag oder eine Kurzandacht hätte der vielleicht sogar ausgereicht, aber ich hatte eben noch gute zehn Predigtminuten zu füllen. Also war für mich erst einmal wieder aktiver Konsum angesagt, und ich verbrachte einige Stunden bei youtube auf der Suche nach Anregungen.     

HÖREN, SEHEN, LERNEN UND ABGRENZEN.


Den Wissenschaftler in meinem Kopf kann und will ich ja gar nicht so richtig ausschalten, und wenn ich mir an die fünfzig Poetry Slam-Videos angucke, neige ich natürlich zum Analysieren, Systematisieren, Typisieren - und im Moment übrigens auch, curse you, poets!, zum Reimen. Ich will mich gar nicht groß in Milieustudien vertiefen, und meine Beobachtungen sind sicherlich nur bedingt repräsentativ. Ein paar wiederkehrende Dinge fallen mir auf: Es gibt offenbar Schablonen, stilbildende Vortragsarten. Eine bestimmte Art von Sprechgesang assoziieren auch einige, die sich nicht viel in der entsprechenden Szene rumtreiben, mit Poetry Slam. Mich interessieren mehr die narrativen Texte - die klingen, selbst wenn sie auswendig aufgesagt werden, oft und wahrscheinlich bewusst wie abgelesen. Das finde ich spannend, und wenn ich demnächst daran denke, werde ich mal irgendwo in Fachzeitschriftendatenbanken suchen, ob sich nicht die Erzählforschung schon dieses Phänomens angenommen hat, merke aber: Für mich ist Erzählen etwas anderes als Vortragen

Was mir auch vor allem bei den anfänglichen Selbstpräsentationen auffällt, ist eine Neigung zum understatement in Sprache und Gesamtauftreten, die im krassen Gegensatz zu der manchmal virtuosen Wortakrobatik steht. Dazu gehört auch eine modische Uniformität - und wenn Kleider wirklich Leute machen, bin ich schon lange ein Slammer, denn ich besitze gleich mehrere Kapuzenpullis, Beanies und Jeans sowie den einen oder anderen RiesenmonsterstrickschalinSchlangeKaaGröße. All das scheint zur notwendigen Grundausstattung zu gehören. Und ich frage mich, oder, ich sag's besser gleich, bin mir ziemlich sicher, dass die Glaubwürdigkeit der Vortragenden beim Publikum viel mit den fast ritualisiert erscheinenden Demonstrationen zu tun haben: "Ich bin Eine_r von Euch". Und da komme ich ans Grübeln und bin mir fast sicher, dass ich bei der Zielgruppe von Poetry Slams, sollten sie sich mal in einen Gottesdienst verirren, schon durch meine gottesdienstliche Arbeitskleidung verloren habe, noch bevor der Kanzelgruß fertigdeklamiert ist - vielleicht, weil ich im Talar so wenig von mir preisgebe.

(c) maedchenschatz.blogspot.de

Ich gucke und gucke und lerne viel, spreche halblaut manche Dinge nach, variiere, probiere aus, erfinde lustige Wörter, habe zwischendurch tierischen Spaß und erinnere mich selbst daran, dass ich immer schon anregen wollte, eine Must-Read-Liste für Prediger_innen zusammen zu tragen, um bei Großmeister_innen der Gegenwartssprache und Erzählkunst (wer's wissen will: Wiglaf Droste, Sibylle Berg, Max Goldt, Walter Moers) zu lernen. Und überhaupt sollten mehr Leute Peter Fox hören.

Aber ich schweife ab. In einer Doku zum Thema werden drei Grundsätze genannt: Spontaneität - Subjektivität - Kompromisslosigkeit. Dass der erste und der letzte immer so lupenrein befolgt werden, zweifle ich spontan und kompromisslos an. Aber der zweite... joar, auf jeden Fall. Subjektiv, sicherlich manchmal auch ein bisschen selbstreferenziell und nabelschaufreudig. In dem Zusammenhang fällt mir auch ein, dass ich wenige bis keine Zitate höre, oder wenn, dann nur solche, die ich nicht als solche erkenne. Und hier sehe ich schon einen grundlegenden Unterschied zur Predigt, die ja in aller Regel nicht eine freie Aneinanderreihung von Gedanken und Befindlichkeiten zu einem Thema eigener Wahl ist, sondern sich, mal ganz allgemein gesprochen, auf eine literarische Vorlage mit irgendwie normativem Charakter bezieht. Wie wirkt sich das auf die sprachliche Gestalt meiner Predigt aus? Die Frage ist für mich tatsächlich offen.

WEITER: TEXTEN.


Ich entscheide mich, weil ich in der Predigt ja die Zeit habe, Passagen mit unterschiedlicher Dynamik, Covers und Remixes von Stilen, die mir gefallen haben, einfließen zu lassen. Den Aufzählungstext am Anfang, etwas Stand-Up-Anekdötchenhaftes in der Mitte, engagiertes Reimen mit subjektiver Note und einem "Baby, Du bist Du"-crescendo zum Ende hin. Und stelle fest: Dann passiert da aber ganz schön viel, holla. Und Arbeit macht's auch, aber ich habe Spaß in Tüten, wälze, zum ersten Mal bei einer Predigtvorbereitung, Reimlexika, forsche nach Synonymen, tauche hier und da in einen flow, finde eine gute Balance zwischen den Forderungen "Liebe deinen Text" und "Kill your darlings". Ab und zu flattern Mahnungen aus alten Predigtlehrbüchern auf meinen Schreibtisch, die vor dem Fabulieren warnen, vor der eitlen Freude an der eigenen Sprache. "Rhetorik ist fremdes Feuer auf Gottes Altar", solche Sachen. Neenee, halte ich entgegen, ich sitze ja nicht da und freue mich wie ein Schneekönig über meine ach-so-gelungenen Formulierungen (naja, nicht nur zumindest), sondern ich ringe ja um eine angemessene Sprache, um (Barmen!) die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Also bitte. Natürlich haben die Altvorderen auch recht, wenn sie vor der Gefahr des Herumlaberns warnen. Aber ich nehme mir dann vor, genau das eben nicht zu tun. OK?
Erwähnte ich schon das mit dem Spaß? Ja, achso, naja, aber es sei nochmal gesagt: Ich habe lange nicht mehr so intensiv an einzelnen Formulierungen gefeilt, immer wieder umgestellt, Nuancen verändert, herumgefrickelt, hab' ausprobiert, aussortiert, austariert und wegradiert... und es fängt schon wieder an - curse you, poets!
Zwischendurch lese ich Partien laut, sitzend, stehend, rumlaufend, probiere verschiedenen Tempi, verschiedene Tonlagen und Pausen durch, und merke ganz deutlich: Er will raus. Der Text drängt zur Performance.

Günther Gumbold / pixelio.de

DIE PERFORMANCE.

Jahaaa. Zum ersten Mal seit meiner allerersten Predigt habe ich Vortragsanweisungen in meinem Manuskript stehen. Pausenzeichen, Unterstreichungen, Bögen, Haken, Ausrufezeichen, Klammern, kleine Männchen mit großen Gesten (für das Feeling). Vor der Performance aber kommt die Anmoderation, das Warming-Up mit dem Publikum. Das ist im Gottesdienst anders als beim Slam, ich habe mit den Leuten ja schon gesprochen. Aber ich erkläre doch kurz, dass die Predigt etwas anders wird als sonst (weil ich auf Fortbildung war - in den ersten zwei Minuten darf man kalauern, habe ich irgendwo gehört oder selbst entschieden), erzähle ein bisschen zum Thema Poetry Slam und bitte die Leute, wie das Publikum in den slammenden Kneipen und Diskos zu bewerten: Kann das was? Lohnt es sich, da weiterzumachen? Hat mir das gefallen? Und so weiter. Gerne am Ende des Gottesdienstes. Die Konzentration ist enorm, kein Mucks ist zu hören. Ich lese den Bibeltext, dann meine christologische Kaskade - und stelle fest: Das Setting verändert Vieles. Der Talar, die Kanzel, ein Mikrofon, das man sich fast hinter die Backenzähne klemmen muss und das einem nicht wirklich viel Freiheit lässt und dann doch wieder zum lauten Deklamieren verführt und letzten Endes zwischendurch ausfällt. Ich merke auch so eine Tendenz zum Ausbalancieren: Wollte ich bei der Performance eigentlich die einzelnen Teile deutlich voneinander absetzen, klingt es bei nochmaligem Kontrollhören doch sehr ausgeglichen und alles einander ähnlich. Das führt etwa dazu, dass die Reaktion auf lustige Passagen eher verhalten ist, weil viele noch an anderen, dichteren Stellen zu hängen scheinen. Auch das mit den langen Sätzen gelingt mir nicht so richtig - was das angeht: Mir ist aufgefallen, dass in manchen Texten bei Poetry Slams stellenweise sehr lange Sätze vorkommen, was auf der Kanzel und bei allen anderen Gelegenheiten eigentlich als no-go und Zumutung für die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörenden gilt. Wenn aber vereinzelt solche langen Sätze kommen, dann werden sie lustvoll zelebriert, durch bewusste Überphrasierung in ihre Bestandteile zerlegt und dem Publikum zugänglich gemacht, der Slammer inszeniert sich als Führer durch ein Dickicht aus verschlungenen Pfaden. Das hat was, definitiv. Sollte aber, finde ich, wie jedes Stilmittel nur dann eingesetzt werden, wenn man begründen kann, warum man es an dieser Stelle zu brauchen meint. Genauso wie fast gerappte Passagen, die großen Spaß machen und auf der Kanzel eine Dynamik reinbringen, wie sie dort sonst selten vorkommt.

Was den Kontakt zu den Zuhörenden angeht, bin ich mir unsicher. Ich merke, dass ich stärker am Manuskript klebe als sonst, introvertierter bin - und dass die sechs Minuten, auf die sich deutsche Poetry Slammer_innen begrenzen, wahrscheinlich schon eine Art Obergrenze markieren. Andererseits: Die Gemeinde ist extrem konzentriert, man merkt den Leuten an, dass sie zuhören wollen - was, glaube ich, auch mit der informellen Begrüßung am Anfang der Predigt zu tun hat, zumindest legt ein Teil der Rückmeldungen das nahe:

FEEDBACK.


Vorneweg direkt gleich mal: Es lohnt sich total, die Gemeinde einzubeziehen. In meiner Anmoderation (die ich beim nächsten Mal etwas kürzer und weniger apologetisch halten würde) habe ich von einem Experiment und Wagnis gesprochen und um Rückmeldungen gebeten. Die Verabschiedung an der Kirchentür nach dem Gottesdienst dauert weitaus länger als sonst, weil sehr viele Leute etwas zu sagen haben. Und das nehme ich, unabhängig von dem Slam-Experiment, mit: Es ist gut, die Leute mit ins Boot zu holen. Eigene Unsicherheit zuzugestehen (ohne sich gleich prophylaktisch für den Auftritt zu entschuldigen), die Menschen als die kompetenten Hörer_innen anzusprechen, die sie sind, und sich mit ihnen gemeinsam auf einen Weg zu machen - in unserem Fall auf die Suche nach angemessenen neuen Formen der Verkündigung. 
Denn das liegt Vielen offensichtlich sehr am Herzen. Die meisten Rückmeldungen sind überaus positiv - true story: Der Gesamttenor ist sogar weitaus positiver, als ich das erwartet hätte. Die einzelnen Statements sind dabei ausgesprochen differenziert, stark auf das eigene Erleben bezogen, bieten aber auch Vorschläge zur Performance, sind sehr konstruktiv und irgendwie... solidarisch. Alle sind sich einig, dass die Kirche aktiv nach neuen Formen der Verkündigung suchen muss und dabei auch kreativ mit Sprache spielen darf - bei dem doch tendenziell eher höheren Altersdurchschnitt dieser Gottesdienstgemeinde hätte ich das nicht für selbstverständlich gehalten, lasse mich aber wieder einmal eines Besseren belehren. Wahrscheinlich hatte der niederländische Kollege recht, der uns im Sommer sagte: "Nicht die Jungen sind die Flexiblen, sondern die Alten!"
Viele haben sich selbst als sehr konzentriert beim Hören wahrgenommen, auf meine Rückfrage hin, ob sie es zu anstrengend fanden, verneinen die meisten aber, der Tenor geht eher in die Richtung: Dafür kommen wir irgendwie doch auch hierher. Sehr positiv gewürdigt wird auch der Verzicht auf typische Kanzelsprache (deren Anteil ich beim Hören doch stärker finde als erhofft).
Die meisten kritischen Anmerkungen beziehen sich auf den Umgang mit dem Mikrofon, stellenweise sei in manchen Teilen der Kirche nichts zu hören gewesen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches in dieser Kirche, und ich würde mir wünschen, die Gemeindeglieder hätten mehr Mut, sich bemerkbar zu machen.
Manche überlegen aber auch in eine ähnliche Richtung wie ich, halten die Kanzel tendenziell für ungeeignet und schlagen das Mikro im Altarraum vor (das auch weitaus besser funktioniert) - "dann können Sie viel mehr mit dem ganzen Körper arbeiten". 

Mir fällt noch einmal der Umgang mit der Publikumswertung bei Poetry Slams ein: Die höchste und die niedrigste Punktzahl werden nicht mitgezählt, um Parteilichkeiten, Unpässlichkeiten und Grundsatzkonflikte nicht allzu viel Einfluss zuzugestehen. Eine einzelne Rückmeldung ist nur negativ, wird aber, das finde ich sehr hilfreich, äußerst wertschätzend vorgetragen. Der/die Betreffende würdigt den Wortwitz, findet aber, dass die "Botschaft" oder der "Inhalt" dahinter gänzlich zurückgetreten sei. Die ihm/ihr Nachfolgenden widersprechen energisch, aber ich möchte die dahinter stehenden Befürchtungen und die Sorge um die inhaltliche Qualität der gottesdienstlichen Predigt sehr ernst nehmen, und gleichzeitig in der Zusammenfassung der Rückmeldungen nicht überbewerten. Denn es scheint mir hier um eine grundsätzliche Anfrage an ungewohnte (unerhörte?) Predigtformen zu gehen. Solche (höflich ausgedrückt) "grundsätzlichen Anfragen" habe ich selbst auch - wenn ich in einem Gottesdienst zum Beispiel mit einer Sprechmotette belästigt werde, dann werde ich diesen Gottesdienst blöd finden, egal, was da sonst noch alles gelaufen ist. 

Unterm Strich: Die allermeisten Rückmeldungen waren wirklich positiv, und ich gehe mit einem warmen Gefühl nach hause. Nicht, weil ich meine eigene Performance so gediegen fand, sondern weil ich davon gerührt bin, wie sehr unsere Gemeindeglieder bereit sind, mit uns Predigenden unterwegs zu sein, wie sehr auch sie von Fragen um die Zukunft ihrer Kirche bewegt sind. Und das macht mir Mut, mich auch mit unfertigen Gedanken und Formen auf die Kanzel zu stellen.


MEIN FAZIT.

In einem Satz? Ich würd's wieder tun. Und werde es auch, am nächsten Sonntag. Ein Gottesdienstbesucher stellte fest, dass der Text von gestern (Mk 4) für so eine Art der Performance nun auch auch sehr geeignet sei. Jetzt am Sonntag ist der zweite Petrusbrief dran - ich seh mal, was der kann. Ich werde mir auch überlegen, ob ich nicht die Kanzel verlasse. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jede Sonntagspredigt jetzt so sein kann und soll - darum ging es ja von Anfang an auch gar nicht. Aber ich möchte mich weiter inspirieren lassen von den Wortkünstler_innen der Slam-Bühnen. Und ich überlege im Hinterkopf, ob man da nicht ein Format für Jugendgottesdienste draus entwickeln kann, drei Slammer_innen, die zu jeweils einen eigenen Text zu einem vorgegeben Thema oder Bibelvers performen. Nicht als die bereits bekannte Form "Pfarrer_innen gegen Poetryslammer_innen", sondern als genuine Predigtform. Mal sehen, wo die Gedanken noch hinwollen. Hintergrund dieser Überlegungen ist auch, dass mich generell frage (gut reformiert möchte ich ja die Liturgie immer der Predigt unterordnen), welcher liturgische Rahmen da passen würde.

Den oben hinterfragten "Zwang zur Subjektivität" finde ich bei näherer Betrachtung gar nicht so schlimm. Als Prediger kann ich mir ein bisschen Freiheit davon gönnen, indem ich relativ viel zitiere, parafrasiere, parodiere, mich auf Bewährtes stützen kann - und ich finde, dass so Worte aus der Tradition, Gesangbuchverse, aber auch Bibeltexte (schon allein so eine Wortkette wie "Wunder-Rat! Gott-Held! Ewig-Vater! Friede-Fürst!" drängt ja zur Performance!) noch einmal neu zu Gehör gebracht werden können. 
Das Gebot der Subjektivität bringt mich aber auch dazu, persönlich zu werden. Das ist immer ein Balanceakt, weil es immer auch die Gefahr gibt, zu privat und damit für die Zuhörenden entweder belanglos oder übergriffig zu werden, aber das Problem scheint es beim Poetry Slam auch zu geben. Und es ist ja durchaus bekannt, das Predigthörende auch die persönliche Auskunft der/des Predigenden darüber schätzen, wie er oder sie den Glauben im Alltag lebt - oder auch daran scheitert. In oben erwähnter Doku findet Maximilian Humpert, selbst sehr profilierter Slammer aus Remscheid, es "generell immer gut bei Slams, wenn Leute persönlich werden. Ich mag das einfach, wenn man merkt, dass die Leute das gerade wirklich so meinen, weil [...] wenn sich etwas echt anfühlt, dann berührt mich das mehr [...] und ich freue mich darüber, wenn Leute sich das trauen.

Wie bereits weiter oben erwähnt, glaube ich, dass das Maß an Authentizität, das die Besucher eines Slams den Performenden zusprechen, stark von der Selbstanmoderation und dem Vortragsstil abhängen. Ich glaube, dass viele dieser Sprachformen schon eine gewisse Stufe der Ritualisierung oder (im nur gut gemeinten Sinne) Schablonisierung erreicht haben und bestimmte Wendungen oder Klangmuster direkt am Anfang den geneigten Zuhörenden signalisieren: Jetzt wird es echt und bedeutsam. Und bei mir wirklich offen ist da die Frage nach liturgisierten Grußformeln. Ich ahne eine Relevanz, eine spezifisch theologische Form des understatements darin, dass man sich als Prediger_in das erste Wort nehmen lässt und, zumindest formelhaft, der Bibel den Vortritt lässt. Aber ich frage mich auch, ob es nicht Menschen gibt, für die man sich gerade damit von vorneherein disqualifiziert. Auch deswegen bin ich schwer dafür, mit Sprachformen, Tonfällen und Vortragsweisen zu experimentieren.

Was mich auch noch begleitet, ist die Frage nach dem Open-Mic-Prinzip der meisten Slams (Meisterschaften ausgenommen): Wer kann, der darf. So etwas fehlt bei uns schlicht und ergreifend. Wenn ich mir das endlose "Zeugnisgeben" in manchen Freikirchen anhöre, finde ich das auch gar nicht schlecht - aber der Grundsatz beim Poetry Slam, auch unbekannten Autor_innen und Talenten eine Bühne zu geben, lässt mich doch noch einmal erneut fragen, wie es denn um unser Priestertum aller Gläubigen im Gottesdienst eigentlich bestellt ist.

Und zum Abschluss: Ich predige gern. Sehr gern sogar. Und ich mag es, mit einem biblischen Text unterwegs zu sein, damit zu ringen, zu sehen, was er mit mir und ich mit ihm mache. Und doch habe ich seit langem nicht mehr mit so viel Spaß an einer Predigt gesessen. Das war richtig Arbeit, und andere Dinge sind dafür liegen geblieben. Aber, hey, das finde ich dann irgendwie auch wieder angemessen. Ich würd's wieder tun.