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Sonntag, 1. März 2015

Als Hogwarts nach Holweide kam...

Am Anfang waren drei ein klein bisschen verrückte Menschen, in unserem Fall zwei Pfarrer und eine Kantorin, die gerne "irgendetwas mit Harry Potter" machen wollten. Und sich dann entschlossen, wirklich was zu machen. Heraus kam etwas, das gar nicht so leicht anzukündigen war, weil es auf die von vielen Leuten gestellte Frage: "Was macht Ihr denn da genau...?!" keine allzu einfache Antwort gab. Wir nannten es "eine theologisch-literarisch-musikalische Reise", das war es definitiv auch, aber es war doch eine ganze Menge mehr. Wir können es zur Nachahmung herzlich empfehlen, deswegen gibt es hier mehr als nur ein bisschen Nachlese.


Was wir jetzt genau gemacht haben



Hauptbestandteil des Abends war eine mehr oder weniger szenische Lesung ausgewählter Passagen aus den sieben Harry-Potter-Bänden, die die Story natürlich nicht komplett erzählen konnten, aber in weiten Bögen wichtige und unterhaltsame Szenen in einer abendfüllenden Aktion verbanden. "Szenisch" heißt dabei: Die einzelnen Passagen haben wir in Dialoge umgeschrieben, die dann mit verteilten Rollen vorgelesen wurden. For the sheer pleasure of it und um des britischen Lokalkolorits der Reihe Willen gab es auch einzelne Einwürfe auf Englisch. Aufgelockert wurde das Ganze durch kurze Filmsequenzen, musikalische Einlagen und Interaktives (dazu später mehr), eine Pause gab es natürlich auch.


Szenenabfolge

- Prolog (englisch) (I)
- Hagrid bei den Dursleys (I)

- Der Troll auf dem Mädchenklo (I)
- Der Fuchsbau und der fliegende Ford (II)
- Pflanzenkunde (II)
- Wahrsageunterricht (III)
- Filmsequenz: Dementoren im Hogwarts-Express (III)
- Quidditch-Weltmeisterschaft (IV) (englischer Matchkommentar, Schlagzeilen)

- Tanzstunde (IV) (Lesung und Filmsequenz)
- Das Voldemort-Projekt (IV)
- Die Prophezeiung (V)
- Liebes- und andere Tränke (I + VI)

- Filmsequenz: Die Höhle am Meer (VI)
- Der Friedhof von Godric's Hollow (VII)
- Filmsequenz: Pietotor Locomortum
- Der Wald ("Ich öffne mich am Schluss") (VII)

- King's Cross (VII)

Mit unserer Auswahl kamen wir, trotz vieler Streichungen und Kürzungen, auf ein beachtliches Figurenensemble: Harry, Ron und Hermine, Molly und Arthur Weasley, Dumbledore, McGonagall, Slughorn, Snape, Sprout, Lockhart, Trelawney, Vernon und Petunia Dursley, Neville Longbottom, Cedric Diggory, Lupin, Lily und James Potter, Wurmschwanz, Voldemort, Quidditch-Kommentator - und ein Erzähler, der nicht nur die Szenen untereinander verbindet, sondern auch durch längere narrative Passagen den literarischen Charakter stärkt.
Dabei können Doppelrollen übernommen werden, in unserem Fall waren das etwa Sprout/Mrs. Weasley, Mr. Dursley/Wormtail, Mrs. Dursley/Daily Prophet und (aufgrund eines Ausfalls) Dumbledore/Lockhart/Quidditchkommentar. Wichtig und empfehlenswert erschien uns die Grundregel, dass Schüler_innen auch von Jugendlichen gelesen wurden. 


Als Bühne diente uns ein langer Tisch, ständig dort waren nur die drei Hauptfiguren sowie der Erzähler, die anderen wechselten je nach Bedarf und gaben sich durch Namensschilder und einzelne Accessoires zu erkennen. 



Der Bühnenraum war ein bisschen dekoriert: Neben dem Tisch stand ein Regal mit alten Büchern, vielen kleinen und großen Fläschchen, künstlichen Spinnweben und (Trommelwirbel!) einer ausgestopften Schneeeule (eine freundliche Leihgabe des hiesigen Jagdvereins), an die Wand hinter dem Tisch wurden außerdem wechselnde Hintergrundbilder projiziert, die die Stimmung der jeweiligen Szene aufnehmen und verstärkten sollten. Das konnten Fotos vom Filmset sein, aber auch ganz "normale" Landschaftsbilder. Im Raum verteilt waren noch Banner mit den Wappen der Häuser, zwischen denen zwei fast lebensgroße Dementoren herumgeisterten.






Das Drumherum und das Mittendrin



Am Eingang wurden die Besucher_innen mit heißem Butterbier empfangen (Rezept gibt es demnächst) - und vom Sprechenden Hut, der sie in die Häuser einteilte. Den Hut hatte uns eine unglaublich bastelbegabte und -freudige Dame aus der Gemeinde gestiftet (die auch lebensecht wirkende Alraunen herzustellen vermag!), ein etwas ummodellierter Hexenhut aus dem Karnevalsladen, in dem wir einen kleinen Bluetooth-Lautsprecher platzierten, über den dann das jeweilige Haus verkündet werden konnte (die entsprechenden MP3s hatten wir selbst aufgenommen und mithilfe von Freeware-Audioprogrammen ein bisschen aufgemotzt). Die Idee stammt übrigens von der Harry-Potter-Ausstellung, die natürlich rein zu Studienzwecken besucht werden musste. Beim Eintritt gab es einen entsprechenden Button, den eigentlichen Beginn der Veranstaltung markierte als Warming-Up das Umsetzen nach Häusern, die natürlich im Laufe des Abends auch gegeneinander antraten und Quizfragen beantworteten.
Zu Knabbern gab es Weingummischlangen, Schokoladenstäbchen, Lakritzstangen und natürlich Every Flavour Beans - wer hier noch kreativer sein will, wird im Internet unter Stichworten wie "Buffet Halloween" garantiert fündig. 

Zwischen den Szenen wurde Filmmusik live gespielt - auch hier konnten wir von dem unglaublichen Potenzial und Engagement vor der Haustür profitieren und durften "unserem" Stadtteilorchester, den Dellbrücker Symphonikern (für die an dieser Stelle noch einmal nachdrücklich Werbung gemacht sei!), zuhören. Ohne Gemeindegesang geht es ja in einer evangelischen Kirche nicht, deswegen wurde das hübsche Stückchen "Double Trouble" (aus dem Film Der Gefangene von Azkaban, Noten finden sich relativ leicht im Internet) gemeinsam gesungen.

Daneben mussten die Zuschauer_innen gar nicht so einfache Quizfragen beantworten, an passenden Stellen konnte man anhand kurzer und prägnanter Vorträge in die etwas tieferen Deutungsschichten der Hogwarts-Heptalogie einsteigen, das ging von der Bedeutung ausgewählter Namen über, wie gesagt, die Frage nach der ethischen Einordnung von Liebestränken bis hin zu den starken theologisch-christologischen Motiven, die nicht nur den gesamten Plot durchziehen, sondern auch in Einzelszenen prägend wirken. 

Von wegen Zielgruppe und so...


Für wen machen wir das eigentlich? Das wurden wir im Vorhinein nicht nur mehrfach gefragt, darüber mussten wir uns ja auch selbst Rechenschaft ablegen. Weil: "Für uns" wäre zwar eine ehrliche, aber dafür gemeindepädagogisch nicht ganz zufriedenstellende Antwort gewesen. Ach "für Jung und Alt" ist ja gemeindlich meist eine Chiffre für "wissen wir selbst nicht so genau", in unserem Fall hieß es "für alle, die auch nur annähernd so bekloppt sind wie wir." Dass das gar nicht so wenige waren, zeigte sich schon im Vorfeld, als so gut wie alle, die wir angefragt hatten, mit großer Begeisterung und einiger Selbstverständlichkeit ihre Bereitschaft zur Mitwirkung erklärten. Nebenbei: Ein Teil von dem großen Spaß, den wir bei der Vorbereitung hatten, bestand auch darin, uns die idealen Sprecher_innen für die verschiedenen Rollen vorzustellen...

Das Altersspektrum der Mitwirkenden rangierte so grob zwischen 15 und 65, bei den erfreulich zahlreichen Besucher_innen (die Kirche war gut voll) muss man die Statistik noch einmal deutlich nach unten korrigieren: Zu den aktivsten Mitgestaltenden des Abends gehörten eine ganze Reihe von Hardcore-Fans im Grundschul- bis Konfirmandenalter, die nicht nur auf jede (!) Quizfrage die richtige Antwort wussten, sondern auch während der Lesung lautstark mitdachten und sogar Plotschwächen und Widersprüche aufdeckten. Wir hatten vorher nicht mit so vielen jungen Zuschauenden gerechnet, und ihnen mit einer fast dreistündigen Lesung (Pause hin oder her) sicherlich auch einiges zugemutet. Die Erfahrung von gestern Abend zeigt aber: Es geht!

Lokalspezifisch war sicherlich die (erwartete) Einsicht, dass ein kirchliches Projekt zu Harry Potter im landeskirchlichen Großstadtkontext Kölns keinerlei Anstoß erregt. Angesichts der häufig von evangelikaler und/oder rechtsfrommer Sicht vorgetragenen Kritik an allem, was mit Zaubersprüchen und fliegendem Besen zu tun hat, ist das vielleicht nicht überall zu erwarten. 

Der gemeindepädagogische und sonstige Ertrag



Wie bei so vielen Gemeindeveranstaltungen liegt der direkte gemeindepädagogische Ertrag vor allem auf der Seite der Mitwirkenden: Menschen haben etwas davon, dass sie sich ehrenamtlich engagieren, auch über die beglückende Erfahrung, an einem gelungenen Projekt teilgenommen zu haben, hinaus. In unserem Fall war das zum Einen die gemeinsame Vorbereitung: Aus allen möglichen Bereichen der Gemeinde haben Menschen verschiedener Altersgruppen gemeinsam etwas erarbeitet. Sie haben sich auf diesem Wege von einer anderen Seite kennen gelernt - so etwas prägt in der Regel auch den weiteren Kontakt und damit das Klima der Gemeinde. 
Zum Anderen konnten die Mitwirkenden Gaben und Talente einsetzen und/oder an sich entdecken, die im Alltag (auch im Gemeindealltag) nicht so zum Einsatz kommen - in manchen schlummerte offensichtlich ein ungeahntes Schauspieltalent. Das hätte man durch theaterpädagogische Elemente verstärken können, gleichzeitig hätte das vielleicht auch die Hemmschwelle eher erhöht - so ging es ja "nur" darum, "etwas zu lesen".



Faszinierend und ermutigend war auch die Erfahrung, dass Literatur, deren Wahrnehmung in ganz hohem Maße von den Bilderwelten und Umsetzungen in Hollywood-Blockbustern geprägt ist, immer noch offen ist für andere Arten der Inszenierung und Aneignung. Das hat irgendwie etwas zutiefst Demokratisierendes, und es zeigt auch, dass das Genre der "Lesung" Menschen begeistert. Wie gesagt, mit einer fast dreistündigen und trotz aller Auflockerungsversuche doch sehr anspruchsvollen Lesung haben wir den vielfach sehr jungen Zuschauerinnen einiges zugemutet. Und trotzdem war bis zum Schluss, trotz mancher  empfindlich störender Mikrofongeräusche, die Atmosphäre extrem dicht, auch und gerade in den Szenen, in denen es buchstäblich ans Eingemachte ging, konnte man eine Stecknadel fallen hören. 

Dazu gehörte auch die Erfahrung der Hochwertigkeit von im besten Sinne "Handgemachtem": Die Dekorationen, die Musik (neben den Kammersymphonikern spielte in einer Szene auch die Kirchenorgel eine Rolle), all das hatte etwas zutiefst Lebendiges. Und damit Wertvolles.

Ressourcen für alle, die es selbst einmal probieren wollen...


Dekoration und Drumherum


Man muss im Internet nicht lange suchen, um fündig zu werden - es gibt eine unglaubliche Menge großartiger Ideen und noch tollerer Umsetzungen. Wir haben besonders viel von hier übernommen:


Auch bei Deviantart gibt es einen riesigen Fundus an tollen (und unter common license verwertbaren) Grafiken.


Theologisches


Auch hier gibt es eine ganze Menge zu entdecken und zu lernen. Vielleicht vor allem bei und von Danielle Tumminio, die an der Universität Yale einen Grundkurs Theologie anhand von Harry Potter angeboten hat, den es mittlerweile auch in Buchform gibt. Viele kluge Gedanken von ihr gibt es auch so online, so gastbloggt sie mitunter auf dem tollen Portal The Hog's Head.
In Deutschland ist der in Bochum wirkende Matthias Frohmann eine Instanz der theologischen Harry-Potter-Forschung.

Sonntag, 15. Februar 2015

Prädig em Fastelovend övver dr Stammbaum, Joh 17 un Ps 31

Jo, dr Idee un e Deil vun dä Jrafik han ich beim Fesskomitee affjekläut, de Kirch es vun uns Homepage, ävver zesammejefrickelt han ich et sellevs un ohn' jet draan ze verdeene.


Leev Jeckinne und Jecke, 
leeven Fessgemeinde, 

Mr schriev et Johr 2015. 
„Social Jeck, kunterbunt vernetz“, su heiß die Övverschriff övverm Fastelovend. 
Die Hüsjer bunt om Aldermaht 
sin Zeuge kölscher Eijenaat, 
et süht jrad us em Dunkele 
als wören se am Schunkele, 
un irjendswu em Minschejewöhl 
ston e Prinzessje em rusa Töllwöbche 
met Jold un Spetz, 
en jroße Aap, 
janz en Schwatz, med krölligem Pelz, 
e Kölsch en dr Hand, 
e Feigling en dr Täsch. 
Einer fählt: 
E Lappeclown es spät draan, 
hä drängelt sech am Heumaat us dr Bahn, 
schrömp dr Platz laans, 
et Händy am Ohr: 
„Wo sit er dann?!“ 
„He!“ 
„Wo dann?!“ 
„Links vum Jan vun Werth.“ 
„Do, op dr Sick wo dat Bödche es?“ 
„Nä, et andere links!“ 
Un am Engk finge se zesamme, 
e Jruppefoto weed jemaht 
un durch de Welt jescheck: 

Am andere Engk vun dr Stadt, 
en Worringen, Godorf ov en Heumar 
treck de Jroß si neue Smartphone us dr Täsch 
un zeigt dr Nohbarin janz stolz: 
Dat es mi Enkeldoochter, 
dat es en Selfie, 
un de Nohbarin säht: 
Ich daacht, dat wör et Uschi?! 

Un bei Facebook 
mäht dr Ühm in Spanien dr Duume huh 
un schriev: „Jröß mr dr Dom!“ 

Social jeck, kunterbunt vernetz, 
zwesche Heumar un Godorf, Kölle un Spanien - 
„Do stells minge Fööß op wigge Raum“, 
un och wann et jet spack weedt om Alder Maat, 
nemp mr sech en dr Ärm und däht schunkele, 
dr Platz es knapp, ävver dat Hätz weedt wick 
un us dausend Strösse klingk et: 
Su simmer all heehin jekumme“, 

un Jesus säht: Här, loß se all eins sin.

Mr schriev et Johr 1925. 
E Karnevalsmotto jit et nit, 
et Rheinland es besatz, 
ävver zom eetste Mol noh’m eetste Weltkrieg 
fängk mr ald widder an, 
janz leis un hinger verschlosse Döör, 
dr Fasteleer ze fiere. 
Dr Rusemoondaachszoch steiht zwar parat, 
de Funke schlofe en dr Uniform, 
ävver dis Johr jitt et noh kein Marschbefähl, 
dr Fastelovend unger freiem Hemmel bliev verbodde. 

Em Aujust 1925 treffe sich zem eetste Mol 
in Stockholm Kirche us aller Welt
600 Minsche us 37 Länder. 
Em Minschejewöhl 
sitz dr deutsche Delegeete em Lutherrock. 
Donevven en Bischoff us Afrika en janz bunger Klädasch, 
met Jold un Spetz, 
un nevve däm e Pastur us Russland, 
janz en schwatz, met krölligem Baat, 
e Krütz en dr Hand, 
e Bibel en dr Täsch 
Schunkele don se nit, 
 ävver se don zesamme bedde un singe, 
un jevve sech e Motto: 
„De Liehr trennt, dr Deens vereint“: 
wo mr uns dr Köppe enschlage künnte övver theologische Ähzezählerei, 
do kumme mr zesamme, wo mr uns för et Johde en dr Welt 
un bei uns en dr Nohbarschaff ensetze. 

Do stellst ming Fööß op wiggem Raum, 
un Jesus säht: Här, loss se all eins sin

Mr schriev et Johr 2015, 
em Janewar, koot vüür Dreikünninge. 
Junge un ahle han sich opjemaht 
öm sech däm brunge Jeraffels von Kögida 
en dr Wääch ze stelle. 
E paar vun üch sin ja dobei jewese: 
Vürm LVR-Toon e Minschejewöhl, 
do steiht en ahl Möh 
nevven em Jröne, 
en Imam nevven einem vun dr Jewerkschaff, 
un dozwesche Lück wie do und ich, 
e Transparent en dr Hand, 
manche och en Kölsch, 
manche maachen Selfies 
un schecken se öm dr Welt, för ze zeige: 
 He en Kölle soll dä Raum und die Hätze wick blieve, 
he freue mr uns op all die Minsche, 
die vun fähn un noh kumme 
un unse Stammbaum bunger maache. 
Op dr Bühn e Band, die spillt: 
Su simmer all heehin jekumme, 
 mr spreche hück all dieselve Sproch…, 
un et föhlt sech e beßje aan wie Fastelovend, 
un Jesus säht: Loss se all eins sin



Sozial un jeck dobei, 
un kunterbungk vernetz. 
Jlich stommer all em Kreis he vürren öm dr Desch eröm, 
deile Brut un Wing, 
e Huusfrou me’m Lehrer, 
dr Konfirmand met dr Ätztin, 
e Hamburger met enem Schlesier, 
kein Minschejewöhl, su vill simmer hück nit, 
ävver kunterbungk jenoch, 
un vernetz: 
ungerenein, mr ston zesamme wie eine Jott un Pott – 
un vernetz och met däm, dä saht: 
Wann och nur e paar von üch en mingem Nome zesammekumme, 
do ben ich meddemang dobei. 

Denn als unse Vatter do bovve de Welt jemaht 
un för sich selvs jesaht 
hät: “Loss mer Minsche maache, die uns jlich sin”, 
do hät hä quasi vun sich e Selfie jemaht, 
in jeddem vun uns e Stück vun sich selvs jelaht, 
op dat mr klingele, pütze, singe un fiere, 
un en all däm dr Härjott, uns Welt un dr Nöhste in Ihre halde. 
Do stellst ming Fööss op wiggen Raum
un Jesus säht: “Loss se all eins sin.” 
Sozial un jeck un joht vernetz, 
met Hängk, Schnüss, Siel un Hätz. 
 Amen

Donnerstag, 6. März 2014

Von Fallhöhen und heiligen Kühe - die Geschichte eines nichtgedruckten Cartoons

Huiuiui. Es wird scharf geschossen bei Kirchens. Stein des Anstoßes ist ein Cartoon, den ich für die westfälisch-evangelische Wochenzeitung Unsere Kirche (UK) gemacht hatte, der gestern über Facebook geteilt wurde und zu verhältnismäßig heftigen Diskussionen geführt hat. Hier ist das gute Stück:



Wie gesagt: Die Diskussion wird an manchen Stellen mit einiger Schärfe geführt. Da ist die Rede von "Herabwürdigung", von einer "erbärmlichen Karrikatur [sic]" und so weiter. Ich finde es gar nicht so schlimm, wenn Cartoons Anlass zu hitzigen Diskussionen bieten - das unterscheidet Karikatur, Satire und Kabarett von Bilderwitz, Schwank und Komödienstadl: Die letztgenannten Kunstformen sind ihrer Intention nach auf Breitenwirkung ausgelegt und arbeiten deswegen mit Pointen und Bezugsgrößen, die weitgehend konsensfähig sind, während die erstgenannten humoristische Überspitzungen nutzen, um kritische Akzente zu setzen und/oder Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen - und damit Parteilichkeit riskieren.

Nach gängigen rezeptionsästhetischen Maßstäben habe ich als Urheber keine Deutungshoheit über das Endprodukt. Aber ein paar Bemerkungen werde ich mir ja doch erlauben dürfen:

Vielleicht zuallererst: Eine Pointe zieht ihr komisches Potenzial aus der Fallhöhe, das heißt aus der Diskrepanz zwischen der erwarteten und der tatsächlichen Reaktion. Als Faustregel könnte man formulieren: Je geringer bei den Protagonisten die Fähigkeit zur Selbstdistanz und das Bewusstsein von Ambivalenz ausgeprägt ist, desto leichter fällt es, sie zu komischen bis hin zu grotesken Figuren zu stilisieren. Das macht es gerade bei Kirchens oft einfach, den Finger in die Wunde zu legen - weil wir generell alles, was wir sagen und tun, furchtbar ernst meinen.

Der Cartoon macht über keines der beiden benannten Phänomene eine inhaltliche Aussage, weder über den Karneval, noch über den Weltgebetstag "an sich". Aber er thematisiert eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, zwischen Innen- und Außenperspektive, zwischen Anspruch und Wirkung. Ob man den Cartoon witzig findet, entscheidet sich damit vor allem daran, ob man eine solche Diskrepanz wahrnimmt oder nicht. Sprich: Wer im eigenen Arbeitsfeld überwiegend beglückende, tiefgehende, bewegende Erfahrungen mit dem Weltgebetstag gemacht hat, wird an dem Cartoon nichts Lustiges finden. Das ist nichts Schlimmes, im Gegenteil: Das zeigt ja, dass nicht überall diese Diskrepanz erlebt wird und dass sich das Konzept immer wieder als tragfähig erweist. Der Cartoon sollte diese Möglichkeit im Rahmen der zeichnerischen Möglichkeiten zumindest offen lassen: Die Protagonistinnen sind individuell kostümiert, haben also im Vorfeld ein hohes Maß an Eigeninitiative entwickelt - und sind offenbar bester Laune. 
Kleiner Schlenker am Rande: In einer Facebookdiskussion war es einem Kollegen wichtig zu betonen, dass der "Weltgebetstag [...] nicht karnevalistisch" sei. Abgesehen davon, dass da offenbar eine tradierte protestantische Karnevalsskepsis eine Rolle spielt, würde ich widersprechen. Wenn etwa in der Liturgie des Weltgebetstagsgottesdienstes deutsche Frauen um der Unmittelbarkeit der Identifikation Willen Texte in der Ich-Form vorlesen ("Mein Name ist Fatima, ich bin eine junge Frau aus Marokko" oder ähnliches), dann sind das karnevaleske Elemente in Reinform, nämlich als Spiel mit Identitäten. Ob solche Elemente ihr im Kern subversives Potenzial voll entfalten können, hängt wiederum davon ab, inwieweit die Vorbereitenden und die Ausführenden bereit sind, sich auf ein solches Spiel einzulassen.
Nun gibt es aber eben Menschen, die den Cartoon lustig finden. Und die kennen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenbar aus eigener Erfahrung. Aus meiner Perspektive heraus sind das nicht gerade wenige - aber, und deswegen überraschen die heftigen Reaktionen letzten Endes auch nicht, es gibt zumindest auf Gemeindeebene so gut wie keine öffentlichen Diskussionen über den Weltgebetstag, weder über das generelle Für und Wider, noch über eine den lokalen Möglichkeiten und Bedürfnissen angemessene Gestaltung.

Von daher ist es vollkommen nachvollziehbar, dass manche den Cartoon weniger witzig finden als andere. Nachdenkenswert und, das will ich gar nicht verhehlen, problematisch erscheint mir aber, wenn Kritiker_innen die Möglichkeit einer Diskrepanz zwischen Idee und Umsetzung überhaupt nicht in Erwägung ziehen, wenn die Institution als Gesamtheit von Idee, Vorbereitung und Durchführung plötzlich als unantastbar erscheint und durch dicke Mauern aus programmatisch gestelzten Grundsatzerklärungen reflexartig geschützt werden muss: 


Das ist der lobenswerte Anspruch, ohne Zweifel. Ob aber diese Ziele de facto erreicht werden, hängt je und je auch von der Umsetzung ab. Und in der ecclesia semper reformanda muss jede Organisations- und Handlungsform grundsätzlich und ergebnisoffen diskutiert werden können, sonst verlassen wir unsere reformatorischen Grundlagen. Das gilt auch für den Weltgebetstag. Nicht so sehr für seine konzeptionellen Ausgangspunkte und Ziele - die sind im Übrigen äußerst lesenswert und, darüber dürften wir uns einig sein, im Kern ohne weiteres aus dem Evangelium ableitbar. Aber sehr wohl für die praktische Umsetzung dieser Ziele. 

Der Cartoon wendet sich nicht gegen den Weltgebetstag als solchen - höchstens gegen Eigenheiten der Umsetzung, die nach Meinung des Zeichners der (pardon my french) Marke empfindlich schaden können, die aber kaum öffentlich diskutiert werden. Und damit verbunden vor allem gegen eine kirchliche Diskussionskultur, der jeder Sinn für Humor und damit für die Ambivalenzen des Lebens abhanden kommt. Das passiert, zum Beispiel dann, wenn bestimmte Institutionen unter der Hand zu heiligen Kühen erklärt werden, die nur etwas krampfig umtanzt und bierernst gestriegelt, nicht aber hinterfragt, geschweige denn zum Gegenstand humoristischer Auseinandersetzungen gemacht werden dürfen. Für ein kirchliches Milieu, das sich allenthalben die "Freiheit" auf die Fahnen schreibt, ist das peinlich und sehr schwach. Und es ist schade, denn auf diesem Weg wird der Weltgebetstag, einer der weltweit größten laikalen und interkulturellen Bewegungen, zumindest in Deutschland aussterben, weil jenseits der gut vernetzten Ökumene- und Genderreferate die Trägerkreise zunehmend vergreisen und vereinsamen.

Dass die UK den Cartoon nicht abgedruckt hat, ist aus politischen und ökonomischen Motiven verständlich. Bedauerlich ist es ein bisschen, weil die Debatte so wieder nur auf einen inner circle begrenzt bleibt. Für mich war die kurze Diskussion trotzdem interessant, weil ich etwas über Tabuisierungsmuster und Unantastbarkeitsregeln im binnenkirchlichen Diskurs gelernt habe. Da harrt noch Vieles der humoristischen Aufarbeitung, und das Thema ist spannend genug, um es mit (täterä!) dem hundertsten Blogeintrag der Kirchengeschichten zu würdigen. 



Sonntag, 2. März 2014

Vum Chrestus jeck jemaht - Predigt im Karnevalsgottesdienst über 1Kor 4,10 und Mk 3,20f.


Leev Jeckinne un Jecke! 

Dat hürt mr em Fasteleer esu manches Mol. Esu fängk e Büttenredde aan, wend sech dr Prinz aan et Volk, un am Äschermettwoch es Schluss domet, die Aanredde kütt en dr selve Kess, en dä mr och Pappnaas, Schellekapp un all de andere Pluute un Kostömcher verstich. 

Leev Jeckinne un Jecke, en dr Kerch hürt mr dat och nit esu off. Em Joddesdeens op Kölsch, am Sundaach zwesche Wieverfastelovend un Äschermettwoch, do läss mr et sech jo jefalle, ävver stellt üch ens vüür, mr köme en dr Fastezick domet aan. Leev Jeckinne un Jecke. Wie ich die Dääch e Fründ us Westfale vun unse Joddesdeens op Kölsch verzällt hat, do saht hä: Macht, was ihr für richtig haltet, nächte Woche seid ihr ja wieder normal. - Maaht, wat ihr för richtig haldt, nöhste Woch sitt ihr jo ald widder normal. Un ich denk esu: Schad eijentlich. 

Denn de Aanredde „leev Jeckinne und Jecke“, die han nit mir uns usjedaach, die han mer jefunge beim Apostel Paulus, dä vun sich och säht, hä wör ene Jeck. Nit vun Huus us, dä Paulus wor sicherlich alles, ävver kei Rheinländer, ävver hä wor, su schriev hä et aan sing Fründe en Korinth (1Kor 4,10), ene „Jeck öm Christi Welle“, of, anders övversatz, e „Jeck wäje däm Chrestus“. 

Dat Jesus selvs knatschjeck, wann nit sujar raderdoll wor – dat hät fröher e janz Deil Minsche jedaach. Sujar si eije Familich, ihr hadt et ald en dr Lesung jehürt, ich les üch dat koote Stöck us däm Markusevanjelium noch ens vür: Und Jesus ging in e Huus. Un ald widder kome Minschemasse zesamme, un dr Jesus un si Fründe komen nit ens dazo, jet ze esse. Un als sing Verwandtschaff dovun hürte, komen se aanjeschrömp un wollte em met Jewalt fottdrare, se han nämlich jedaach: Hä es verröck. 

Un se han ja Rääch: Jesus wor verröck, ver-röck, hä es us däm Trott usjebroche, fottjetrodde us dr Reih vun all denne, die klotzig jradus mascheere un nit noh rähts un links loore, un hä hät sing Fründe unger dr Randfijore dr Jesellschaff gefunge. Hä hät sich selvs rusjeschmisse us däm iwije Spill, bei däm jederein dr Eetste un Beste sin will, un hät unger denne, die bei däm Spill op dr Strecke jeblieve sin, sing neue Familich jefunge. Wä su jet mäht, wä sech jäjen dr Strom stellt, wie Jesus dat jedonn hät, vun däm säht mr off: Wat ene Jeck em Rähn. Un zwesche Äschermettwoch un däm 11.11. es dat kei Kompliment, och un jrad, wann et vun dr eijene Verwandtschaff kütt. 

Un dat nit bloss Jesus selvs, ävver och die Chreste all esu knatschjeck un raderdoll sind – dat es en Ordeil, dat sech door dr Kirchejescheech trecke däht: 

Ehr Chreste sid doch beklopp, wann ehr aan ene Jott jläuv, dä sech vum Himmel eravschwingk, all Maach un Ihr hinger sech lööt, dä Minsch weed un sich dann och noh avmöpse lööt! 

Ehr Chreste sid doch verröck, wann ehr jäje all Augesching draan jläuv, dat met däm Duhd nit alles am Ängk es. 

Un ehr Chreste sid doch jeck, wann ehroch noh meint, dat sech met üür Dräum vum Himmel un Fridde och Jerächtigkeit Politik maach lööt. 

Das graffito blasfemo von 125: Alexamenos betet einen Esel am Kreuz an

Leev Jeckinne un Jecke, bei su enem Jäjewind däht et joht, nit allein ze sin. Un esu wie dr Jeck em Fasteleer es och dr Jeck wäje Chrestus e gesellig Wese, un weed en dr Jemeinschaff met aandere Lück halv erinjetrocke, halv jedrevve. „Echte Fründe ston zesamme“, singe mer off un jähn, em Fasteleer un eijentlich fas et janze Johr övver, un en däm Leed fingk sech e Spor vun däm, wat dr Jemeinschaff vun Minsche unger Kanzel un Krütz, övver Brut un Wing usmäht: „Echte Fründe ston zesamme, ston zesamme su wie eine Jott un Pott“, su heiß et en däm Rüümche, dat kaum einer op dr Stroß richtig metsinge kann. „...su wie eine Jott un Pott“ - dat es en ahl Sprichwoodt un meint de Famillich. Dat däht uns dran erinnere, dat nix de Minsche esu eng zesammeföhrt wie et Esse us enem Pott un der Jläuv un et Jebedd aan eine Jott. 

För mich kütt dat em Ovendsmohl zesamme, wann Minsche Brut un Wing deele un janz plötzlich, nor für ene Augenblick, nevvenenein ston un sech aan dr Händcher halde, wie echte Fründe zesamme ston, nor för e janz koote Momang. Minsche, die im restliche Lävve vielleich jar nit esu vill metenang ze don han, ävver övver Brut un Wing zesamme jeföhrt wääde. Do kammer sin un föhle, dat dr Jläuv och Jrenze sprenge kann. 

Och dat jehürt zem Fasteleer dobei, wann et Trömmelche jeiht un alle dorch dr Stroße trecke. Weil dr Fastelovend immer och de Fier vun e aandere, e verkiehrte Welt jewese es, koot vör dr Fastezick. Un e aandere Welt weedt och manchmol em Joddesdeens spörbar, e Welt, en dä all Faste e Ängk han weedt. E Welt, die mer Minsche nit eraanrofe of herzaubere künne, ävver die af un zo opblitz. E Welt, en dä mer och fiere weedt, un wie! Do wäde Israelis un Palästinenser, Türke un Deutsche, vielleich sujar Düsseldorfer un Kölsche sech schunkelnd en dr Ärm lieje aan dr längste, bes en dr Iwigkeit lange Thek dr Welt, do sitze un annstoße un singe, do weede de Pänz Giftschlange met Kamelle föödere un drömeröm e Wolf met enem Schof spille. Su süht et us, en dä Zokunff, en die de Bibel uns spingse lieht. Eijentlich knatschjeck un raderdoll. 

Un esu ene Hoffnung däht och dr Minsche verbinge. Nit bloß uns he: Wä sech vun Jesus jeck maache lööt, fingk sech plötzlich aan dr Sick von janz vill aandere Jecke widder, nevve all dr Verröckte, all däm Jeraffels un dr Bajaasch, die am Stroßerand steiht. Denne hät sich dr Jesus zojewendt, un zo denne jehüre mer, wann mer Äänz maache met däm Jecksin us Jläuve. Wä sech vun Jesus jeck maache lööt, dä erläävt e richtije Stroßekarneval, dä kütt ungers Fooßvolk un treck met denne door dr Stadt, die bloss noch sech selvs und manchmot nit ens mieh dat han. 

Leev Jeckinne un Jecke, et jitt immer widder Zigge, en denne de Kirch verjiss, wat et heiß, jeck ze sin, en dä se försöök, dr Stroßekarneval jäje dr Sitzungskarneval uszeduusche. Hoffe mer, dat et nie janz esu wick kütt, dat Kirch bloss noh heiß, dat zahlende un kostümeerte Vereinsmitglieder en dr Bänk setze, e paar Leedcher singe, e bezahlte un mehr off winniger löstige Büttenredd zohüre, aff un zo e Häppche müffele, un ansünsten janz fruh sin, unger sich ze blieve. Wann et esu wick es, dann bliev vielleich nur e traurig Affjesang: Ihr wart nur ein Karnevalsverein,… 

Vun doher hoff ich, dat et nit dozu kütt, wat minge Fründ us Westfale jesaht hät, dat am Äschermettwoch alles förbi es un mer alld widder normaal wedde. Öm Joddes Welle – loss mer e beßje dovun metnemme, loss mer jeck blieve un fiere un aan dr Hoffnung festhalde, dat de Zokunff, en dä mr spingse, nit esu düster es, wie mr et denke künnt, wann mr su en dr Welt erömloort. 

Un dat eines Daachs dr Jesus selvs, 
dr jrößte Jeck vun all, 
uns entjäjekütt un uns en dr Ärm nemp. 
Dann treck hä uns de Maske erunger, 
wesch uns dr verschwetzte of verhüülte Schmink us em Jeseech, 
nemp uns uns falsche Nose un Pürke aff. 
Dann hülf hä uns erus us all denne ze jroße of zu enge Kleider un Pluute, 
die mr uns em Lävve opjedröck han. 
Dann weedt hä uns anloore un sage: 
„Do jeck. Joht sühste us. 
Bes nit bang, ich han dich freijekauf. 
Ich han dich bei dingem Name jeroofe, 
do jehürst ze mir.“ 

Amen. 

Roland Peter Litzenburger, Christus der Narr (1987), Bild: www.augustinus.de

Freitag, 28. Februar 2014

Fastelovend zesamme!

Zwischen Gemeindekarnevalsfeiern, Predigt- und Büttenredenschreiben (ich finde beides nicht dasselbe) und kostümbedingten Einsichten ("Mit Tütü ist wie mit Talar - man geht automatisch anders!") ein kleiner Gruß aus der protestantischen Fastnachtsforschung - ich empfehle besonders den Leitartikel...