Posts mit dem Label Gottesdienst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gottesdienst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 30. September 2017

Erntedankmalanders



ANFÄNGLICHE ÜBERLEGUNGEN


Am Anfang stand das Stadtkindsein. Und die Erkenntnis, dass es wenig Sinn ergibt, für einen Tag im Jahr Strohballen zu mieten, nur um wenigstens eine Andeutung der Hochstimmung herzuzaubern, in denen in ländlichen Gebieten mit noch echten Bauern und Feldern und so der Erntedankgottesdienst mit großem Besteck und pomp and circumstances begangen wird. Am Anfang stand also die Frage, wie man Erntedank mit einer Gemeinde feiern kann, in der Saat und Ernte außer bei Geranien keinen wirklichen Sitz im Leben mehr hat und man also auf umfangreiche und z. T. intellektuell recht anspruchsvolle Transferleistungen vertrauen muss. Philipp Beyhl schreibt dazu in seiner Dissertation von 2007: "Es bleibt ein unmögliches Fest, wenn es als Modifikation alter Ernte- oder vergangener Erntedankfeste verstanden wird". Auswege hieraus bietet sicherlich Brot für die Welt, wo jedes Jahr kluge und vielseitige Arbeitshilfen und Gottesdienstentwürfe herausgegeben werden - die aber bei uns in der Gemeinde schon in einer Kirche gut umgesetzt werden. 

Am Anfang stand auch Thanksgiving. Genauer gesagt, die Abschlussszene aus dem schlimm-großartigen Film Latter Days von C. Jay Cox, in dem es um das Coming-Out eines jungen Mormonenmissionars geht. Am Ende laufen die Fäden zusammen, und je öfter ich die Szene sehe, desto mehr entdecke ich Dinge, bei denen ich denke: So stelle ich mir Kirche vor, so soll Gemeinde sein. 

A toast, an affirmation, a prayer of thanks. I want you to know that, wherever we find ourselves in this world, whatever our successes or failures, come this time of year, you will always have a place of my table. And a place in my heart. 

Überhaupt, Jacqueline Bisset alias Lila Montagne würde eine ziemlich gute Pfarrerin abgeben. Die Schlussszene kann man übrigens hier angucken. 

Am Anfang stand auch ein Gemeindeprojekt, das Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Herkünfte und Milieuzugehörigkeit ein anderes Verhältnis zum Säen und Ernten beschert hat: Der Gemeinschaftsgarten Uellendahl, über den Stadtteil verteilte Hochbeete, die von Grundschulklassen, KiTa-Gruppen, Konfis mit Seniorinnen und Geflüchteten bewirtschaftet werden. Am Anfang war auch mal die Idee, draußen rund um die Beete zu feiern - aber in Wuppertal sind die Wetteraussichten im Frühherbst dann doch alles andere als sonnig...




DIE IDEE


Aus diesen Anfängen, und den übergeordneten Zielen, den Abend als gottesdienstliche Zeit zurückzuerobern und nochmal neu über das Abendmahl nachzudenken, entstand die Idee, im Gottesdienst aus den Ernteerträgen der letzten Saison etwas zu kochen. Und wenn schon, dann natürlich auf dem Altar Abendmahlstisch. Die Idee ist nicht neu, Thomas und Gabi Erne haben das u. a. 2012 schon einmal gemacht, aber wir wollten es ein bisschen weniger ostentativ haben, als es schnittbedingt im Video den Anschein hat: Das Kochen sollte ein natürlicher Teil des Gottesdienstes sein - gleichzeitig ging es natürlich auch, in bester Kirchentagstradition, um den "Ruf in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen mit Christus, das Gedächtnis an sein Leben und Wirken für uns, die Vergebung von Schuld, de[n] Ruf zur Einheit, die körperliche Wahrnehmung mit allen Sinnen, die Heiligung des alltäglichen Essens und Trinkens, die Gegenwart des Auferstandenen unter uns, de[n] Blick in das Reich Gottes". Wir wollten dabei keinen ausdrücklichen Abendmahlsgottesdienst feiern - aber unter diesen Vorzeichen verschwimmen die Grenzen ohnehin. Die theologische Fachliteratur zum Thema "Essen und Glauben" ist, zumal im englischsprachigen Bereich, enorm breit gefächert - an dieser Stelle sei exemplarisch das wunderbare Buch "The Theology of Food. Eating and the Eucharist" von Angel F. Méndez Montoya (Hoboken NJ u. a. 2009) empfohlen - schon allein deswegen, weil der Verfasser öfters schon einmal in Wuppertal zu Gast war.

Also haben wir zu einem Koch-und-Ess-Gottesdienst am Samstag vor Erntedank eingeladen und über die verschiedenen Kanäle um Zutatenspenden gebeten - vorzugsweise Selbstgezogenes oder -geerntetes. In beiden Jahren kam jeweils genug zusammen. Beim ersten Versuch vor einem Jahr gehörte der Samstag den Konfis, mit ihnen haben wir das bewährte Abendmahlsbrot gebacken. Das hatte den Vorteil, dass die Konfis, die dann auch im Gottesdienst waren, sich sehr schnell als Gastgeber_innen verstanden haben. Dieses Jahr hatten wir nochmal eigens zum vorbereitenden Schnibbeln eine Stunde vor Beginn eingeladen. Einerseits aus Gründen der Arbeitsökonomie, andererseits machen wir auch die Erfahrung, dass die praktische Mithilfe vor allem in der Küche für viele eine Möglichkeit des (Wieder-)Einstiegs in das Gemeindeleben bietet. Wenn das Format erst einmal ein bisschen routinierter geworden ist, könnte man darüber nachdenken, diese Punkt auch nochmal religionspädagogisch zu unterfüttern, z. B. mit Gesprächsanregungen, Geschichten oder kleinen Inputs zu den jeweiligen Lebensmitteln oder zum Thema "Essen und Glauben".

Vielleicht vor dem Ablauf nochmal kurz etwas zum Setting: In der Kirche sind Esstische für jeweils 7-8 Personen aufgestellt und eingedeckt, inkl. einer Suppenterrine. Auf einem niedrigeren Tisch vor dem Abendmahlstisch (oben drauf zu kochen wäre wegen der Höhe arbeitssicherheitsmäßig problematisch) steht ein großer Topf mit Gemüsebrühe auf einer Induktionsplatte, daneben oder drum herum die vorbereiteten Zutaten - die Deko wird also fast komplett verwendet. Während der Lieder kommen die Zutaten je nach Garzeit in die Suppe; hier kann man gut Kinder beteiligen. In der Küche wartet außerdem ein weiterer vorbereiteter Topf - nach unseren Erfahrungen braucht man für 40 Leute zwei randvolle 10-Liter-Töpfe Suppe. Wenn es ans Essen geht, kommt von jedem Tisch eine Person mit der Terrine nach vorn - allein das ist ein zutiefst rührender und theologisch sehr stimmiger Anblick: Die Leute kommen zum Altar, um satt zu werden. Das Brot wird von den Konfis ausgeteilt. 




Es gibt noch einige andere interaktive Elemente, hier erstmal der Ablauf:


DER ABLAUF

  • Musik zum Eingang (fängt schon 5 Minuten vor Beginn an
  • Begrüßung und entfaltetes Votum, dabei strophenweise Lied: "Du bist da, wo Menschen leben/lieben/hoffen"; währenddessen: Kerzen auf den Tischen anzünden
  • Eingangsgebet (ist auf dem Liedblatt abgedruckt und wird von einer/einem Freiwilligen gelesen)
  • Lied
  • Lesung
  • Lied
  • Predigt 
  • Meditative Reflexion
  • Lied
  • Fürbitte/Sharing, dazwischen Liedstrophe
  • Unser Vater
  • Essen (nach 30 Minuten mal checken, wie weit die Leute sind)
  • Kurzes Dankgebet
  • ggf. Abkündigungen
  • Lied
  • Segen
  • Musik
Liedblatt: Auf dem Liedblatt ist der gesamte Ablauf notiert und kommentiert.
Meditative Reflexion: Die Predigt endet mit einer Frage. Letztes Jahr, als es um das Säen und Ernten ging, mit der Frage: "Für welche Ernte bin ich dankbar? Welche steht noch aus? Um welche Saat, die noch nicht aufgegangen ist, trauere ich?" Dieses Jahr, wo es um Menschen ging, von denen man etwas über das Leben und/oder den Glauben gelernt hat: "Was habe ich über Leben und Glauben gelernt? Wem bin ich dafür dankbar? Was habe ich selbst weiterzugeben?" 
Nebenbei: Das gottesdienstliche Aufschreiben von Dingen auf Zettel ist in den letzten Jahren in der Liturgiewissenschaft ein bisschen in Ungnade gefallen. Wir machen aber in der Gemeinde durchgehend die Erfahrung, dass Menschen ein Bedürfnis haben, etwas dazulassen und etwas weiterzugeben - allen voran die Generation der Ü70er, die so oft als Argument für traditionelle Gottesdienstgestaltung herhalten müssen. Im Kern geht es uns dabei außerdem in die Führung zum Gebet und damit um liturgisches Lernen:
Sharing: Auf dem Liedblatt steht die lapidare Anweisung: "Wer mag, liest etwas von seinem Zettel vor. Etwas, wofür wir danken. Etwas, worum wir bitten. Niemand muss. Aber wir beten gern. Dazwischen singen wir..." Zwei Handmikros werden zu diesem Zweck an den Tischen rumgereicht. Das klappt überraschend gut, je nach Fragestellung verschwimmen die Redeintentionen ein bisschen zwischen Mitteilung und Gebet, aber die Erfahrung ist, dass die Gemeinde das gut aushalten und mittragen und gestalten kann. 

ZU BEACHTEN

Nach zwei Versuchen ist es noch etwas früh, um hier handfeste Tipps zu geben. Aber ein paar Hinweise, wo wir selbst nachbessern wollen bzw. es nach dem ersten Gottesdienst schon getan haben: 
Das veränderte räumliche Setting bringt es mit sich, dass der_die liturgisch Verantwortliche und/oder Predigende seinen/ihren Platz neu suchen muss. Möglich ist, etwa die Predigt im Stehen am Platz zu halten - das setzt aber voraus, dass man nicht mit dem Rücken zu einigen Tischen steht. Andere Dinge funktionieren im Sitzen, etwa (in gut reformierter Tradition) die Gebete.
Moderative Ansagen müssen klar sein, damit die Gemeinde sich in dem fremden Ablauf und dem ungewohnten Setting leicht zurecht findet. Die unterschiedlichen Elemente des Gottesdienstes müssen zusammen gehalten werden, das setzt einiges an Vorüberlegen und eventuell auch an Ausprobieren voraus. Insbesondere beim Sharing muss die Ansage klar sein: Alle dürfen, niemand muss, es ist aber schon schön, wenn ein paar sich laut äußern. Das kennt unsere Gottesdienstgemeinde vom Bibliolog, ein bisschen Vorerfahrung mit dem Mit-Teilen eigener Sichtweisen und Erfahrungen ist also auf jeden Fall von Vorteil.
Die Technik muss vorher klar sein. Beim ersten Mal haben wir eine Viertelstunde rumprobiert, bis uns aufgefallen war, dass irgendjemand den ursprünglich bereitstehenden Topf gegen nicht-induktionsfähiges Kochgeschirr ausgetauscht hatte. Im Zweifelsfall: Magnet bereithalten, um das schnell kontrollieren zu können. Wenn man den richtigen Topf hat, reicht die Zeit auf jeden Fall, um die Zutaten weichzukochen. Es ist aber sinnvoll, jemanden auszugucken, der_die die Verantwortung für den Kochvorgang hat, damit man nicht während der Predigt die ganze Zeit zum Kochtopf schielen muss. 
Die Hilfstruppe beim vorbereitenden Schnibbeln braucht, wenn es sich hier nicht um ganz alte Hasen handelt, die sich in der Gemeindeküche zuhause fühlen und die Arbeitsabläufe kennen, irgendjemanden, der_die sie anleitet und neben den Aufgaben auch die Zeit im Blick hat. Das kann auch eine Möglichkeit sein, engagierte Gemeindeglieder an das Thema "Leitung" heranzuführen und ausprobieren zu lassen.
Das Kochen in der Kirche wurde von der Gemeinde durchgehend als sehr schön und stimmig und "richtig" empfunden - es kann aber Gemeinden geben, denen der Kirchraum insgesamt, vor allem aber der Altarraum heilig ist. Bei uns ist der Anblick von Tischen in der Kirche zwar nicht die Regel, aber auch nichts komplett Unbekanntes, außerdem übernachten alle Nase lang Konfis oder Kindergruppen in der Kirche. Wo der zu erwartende Widerstand gegen das Kochen in der Kirche so groß ist, dass man die ganze Zeit (und sei es unterschwellig) nur mit Apologetik beschäftigt ist, sollte man gut überlegen, ob man diese Gottesdienstform ausprobieren will bzw. ob das wirklich das ist, was die Gemeinde will oder braucht. Ähnliches gilt, wenn die Bestuhlung nicht flexibel genug ist - da wird es schnell zum Showkochen, und das sollte es zumindest nach unserem Konzept nicht sein. 

UNSER FAZIT

Wir erleben, dass die andere Gottesdienstzeit (Samstag, 17 Uhr) die Besucherstatistik mehr beeinflusst als das Setting des Gottesdienstes. Der Erntedankgottesdienst war in den letzten beiden Jahren in etwa so besucht wie ein leicht unterdurchschnittlich besuchter Sonntagsgottesdienst (40-50 Leute) - allerdings ist auch für weniger Leute Platz. Und: Es kommen andere Leute, das Durchschnittsalter ist deutlich jünger. Und: Die Rückmeldungen sind sehr positiv, für das nächste Jahr haben sich bereits mehrere zum Schnibbeln angemeldet. Auch im zweiten Jahr gab es schon mehrere mitgebrachte Kuchen. Für das nächste Mal wollen wir noch stärker überlegen, wie man Kinder besser einbinden oder wenigstens (für die Unter-Dreijährigen) altersgemäßer beschäftigen kann, und sei es mit einer Spielecke. Außerdem fangen wir eine halbe Stunde eher mit dem Schnibbeln an... Das Fazit ist jedenfalls: Wir machen auf jeden Fall weiter!

Dienstag, 11. April 2017

Triduum Sacrum | Drei Tage mit alles.

jetzt ist sie da. die intensivste zeit des jahres. zerbrechliche gemeinschaft. abschied, tränen, tod. und neues leben. sich verlieren. gehalten werden. für alle, die sowieso dabei sind. und für die, die sich noch fragen: soll ich..? ja.


Montag, 12. September 2016

Gnadensprüche und Kintsugi - Liturgiedidaktik in der Konfirmandenarbeit



#gottmachtganz
#risseundgoldstaub
#säenwachsenernten


Teile einer Hinführung zum Gottesdienst

für Konfirmand_innen



Gottes Dienst erfahren

Es gibt viele gute Konzepte, unter Zuhilfenahme ganzheitlicher und vor allem kirchenpädagogischer Methodik den Gottesdienst für Jugendliche erlebbar und buchstäblich begehbar zu machen. Diese Ansätze erscheinen besonders eindrücklich, wo eine alte Kirche und eine traditionell lutherische Liturgie den „Weg im Geheimnis“[1] vor- und nachzeichnen. Unsere Rahmenbedingungen sind andere: Weder unser moderner und recht kleiner Kirchraum, noch der uniert-reformierte Ablauf unseres Gottesdienstes geben in dieser Hinsicht viel her. Deswegen arbeiten wir stärker isoliert an Bestandteilen des Gottesdienstes, die an die großen Themen des KU und des Glaubens rückkoppelbar sind. Wir gehen auch davon aus, dass die klassische liturgische Dramaturgie zwar in sich weitgehend stimmig und von einem Gewöhnungseffekt[2] getragen ist, die Formen in traditioneller Sprache und der Straßburger Melodien aber alles andere als alternativlos sind.[3] Der im Lauf der Einheit vorbereitete Vorstellungsgottesdienst soll deutlich machen, dass wir liturgisches Lernen als einen Prozess in beide Richtungen verstehen.


#kintsugi #wabisabi

Kintsugi (金継ぎ, wörtlich „Goldflicken“) bezeichnet eine japanische Kultur- und Handwerkstechnik, bei der zerbrochenes Porzellan oder Keramik geklebt wird. Anders als in westlicher Restaurationspraxis, die großen Wert darauf legt, Bruchstellen möglichst unsichtbar werden und Repariertes makellos und unversehrt erscheinen zu lassen, wird beim Kintsugi der Leim mit Goldpulver gemischt und schadhafte Stellen so auf kunstvolle und überaus sichtbare Weise ausgebessert.[4] Kintsugi ist eine Realisierungsform des ästhetischen Konzepts Wabi-Sabi (侘寂), bei dem es, grob gesagt, um die Schönheit im Versehrten, Unvollendeten und Imperfekten geht, ein Grundsatz, der auch in der Zen-Philosophie eine Rolle spielt.[5]


Verlorenes zurückbringen, Verwundetes verbinden

„Ja“, sagte Dumbledore,
„diese Narbe wird ihm für immer bleiben. […]
Narben können recht nützlich sein.
Ich selbst habe eine oberhalb des linken Knies,
und die ist ein tadelloser Plan der Londoner U-Bahn.“[6]


Die Praxis des Kintsugi verbinden wir mit dem Eingangsteil des Gottesdienstes, genauer gesagt der Dramaturgie von Offener Schuld und Gnadenzusage, in der Gottes Versöhnungshandeln in Christus sprachlich realisiert wird. „Der Themenkomplex ‚Schuld und Vergebung‘ ist für Jugendliche besonders wichtig.“[7] Die Jugendlichen haben Erfahrungen mit Zerbrochenem, sie sind verletzt worden und haben andere verletzt. Auch nach zwölf Jahren hat das Leben Spuren hinterlassen, die sich nicht verwischen oder verstecken lassen, mit denen es leben zu lernen gilt. Die Sichtbarkeit der Risse bewahrt dabei vor einer ebenso populären wie unbiblischen Verkürzung der Rechtfertigungslehre zu einem „Gott findet schon alles irgendwie okay“[8], die Ambivalenz der Schönheit des Unvollkommenen führt in ein Zentrum (nicht nur) paulinischer theologischer Anthropologie[9] - und öffnet den Blick für Ambiguitätstoleranz als Kulturfähigkeit und spirituelle Praxis. Die langwierige Prozesshaftigkeit der Aneignung dieser affektiven Lerndimension lässt das Thema als für das Einstiegsseminar zu Beginn der Konfirmandenzeit geeignet erscheinen – als cantus firmus soll es sich durch die gesamte gemeinsame Zeit ziehen und im Schein wechselnder Bilder und Geschichten immer wieder aufblitzen. Die Vorläufigkeit und Prozesshaftigkeit wird auch im zweiten Teil der Einheit, die sich dem gottesdienstlichen Schritt Verkündigung und Bekenntnis zuwendet, eine Rolle spielen.


Material und Vorbereitung

Für den ersten Schritt nehmen wir kleine Blumentöpfe aus Ton[10] (Öffnungsdurchmesser ca. 10 cm). Anstelle des mit echtem Goldstaub versetzten Urushi-Lacks haben wir Holzleim mit Goldpulver aus Lebensmittelfarbe im Volumenverhältnis <2:1 vermischt; das Pulver ist in speziellen Backzubehörläden, in manchen sehr gut sortierten Lebensmittelgeschäften und über das Internet erhältlich und weitaus feiner als Glitzerpartikel aus dem Bastelladen, außerdem gesundheitlich unbedenklich. Aus Zeitgründen wird die Masse von den Teamern angemischt, dabei wurde darauf geachtet, dass auf der gesamten Arbeitsfläche ein wenig Goldpulver verteilt wurde (das wird später noch aufgegriffen). Der Leim trocknet schnell, sodass man bereits nach einer Viertelstunde bei entsprechender Sorgfalt mit den Töpfen weiterarbeiten kann. Der Goldleim lässt sich gut mit einem kleinen Borstenpinsel auftragen; da das Hinausquellen des Leims über die Bruchkanten gewollt ist, ist kein besonders filigranes Arbeiten notwendig. Außerdem braucht man schwarze Faserstifte (nicht wasser- oder dokumentenecht) und Goldstifte, zudem Blätter, auf denen biblische Gnadensprüche aufgedruckt sind.[11]


Durchführung_ Scherben fabrizieren

Die Konfirmand_innen hocken sich draußen in einen Kreis.[12] Sie erhalten jeweils einen Blumentopf und die Aufforderung, ihn zu zerbrechen:

„Ihr alle habt wahrscheinlich schon einmal etwas geschenkt bekommen, das euch kaputt gegangen ist. Diesen Blumentopf dürft Ihr kaputt machen, ihr könnt ihn fallen lassen oder mit einem Hammer zerschlagen. Vielleicht fallen euch dabei Sachen ein, die euch kaputt gegangen sind, die ihr selbst oder die andere kaputt gemacht haben. Das können Gegenstände sein, das können aber auch Dinge sein, die man nicht sieht. Manchmal schenkt man Vertrauen – und es wird missbraucht, teilt ein Geheimnis, und es wird weitererzählt. Freundschaften können zerbrechen, Selbstvertrauen auch. Was fällt Euch ein?“

Nachdem die Konfirmand_innen ihre Scherben eingesammelt haben, geht es zur ersten Arbeitsstation, an der schwarze Faserstifte bereit liegen. Auf größeren Scherben haben die Teamer_innen Beispielsätze formuliert, um den Blick möglichst schnell von einer gegenständlichen auf eine symbolisch-relationale Ebene zu lenken. Die Konfirmand_innen können auf der Innenseite der Scherben ihre Erfahrungen des Zerbrechens aufschreiben.

„Vielleicht denkt ihr jetzt gerade an Dinge, die euch zerbrochen sind oder die einen Knacks bekommen haben, an Erfahrungen, die ihr selbst gemacht habt. Wo habt ihr jemandem Unrecht getan, verletzt? Schreibt eure Erfahrungen auf die Innenseiten der Scherben. Ihr braucht das, was ihr schreibt, niemandem zu zeigen oder zu erzählen, es kann euer Geheimnis bleiben.“

Wir nehmen bewusst nicht-dokumentenechte Stifte, weil sich die Schrift nach einigem Gebrauch der Blumentöpfe auflöst (#prozesshaftigkeit) – wenn die Konfirmand_innen nach Wochen oder Monaten in das Innere des Blumentopfs sehen, ist sie verschwunden oder zumindest verblasst.

Die ehren- und hauptamtlich Leitenden machen das mit, einerseits als Solidarisierung und Ermutigung bei einem potenziell in die Tiefe gehenden Arbeitsschritt, andererseits um eine konzentrierte Atmosphäre zu schaffen und bei Störungen behutsam und unaufgeregt intervenieren zu können.

„Jetzt stehen wir hier mit unseren Scherben…“ Diese Feststellung ist Ausgangspunkt für ein kurzes Unterrichtsgespräch, das sich um Schuld und Vergebung dreht. Erfahrungsgemäß stellen die Konfirmand_innen selbst recht schnell die Frage nach der Herkunft der Vergebung und kommen von selbst auf den Moment des extra nos, der in der alltagssprachlichen Formulierung „sich entschuldigen“ verdunkelt wird.[13] Das kann quasi-liturgisch aufgenommen werden, indem am Ende des Unterrichtsgesprächs und vor der nun nötigen Pause „Meine engen Grenzen“ (EG.RWL 600) gesungen wird.
Das handgreifliche Umgehen mit Zerbrochenem entwickelt erfahrungsgemäß eine interessante Dynamik: Die Konfis versuchen, ihre Tontöpfe selbst wieder zusammenzusetzen. Analog zur Thematik des extra nos stellt sich materialiter die Frage nach dem Kitt, der Zerbrochenes zusammenfügen kann.


Durchführung_ Kintsugi


Die Konfirmand_innen werden in eine andere Ecke des Raumes geführt, in der von der Decke Papiere mit biblischen Gnadensprüchen hängen. In einem kleinen Galerierundgang werden diese wahrgenommen, dann kann in einem kurzen Plenumsgespräch die Wirkung dieser Worte besprochen werden, bevor die Konfirmand_innen sich je einen Spruch, der sie besonders angesprochen hat, nehmen.

„Ihr habt jetzt viele Sätze gelesen. Was für Bilder hattet ihr dabei im Kopf? Wie habt ihr euch beim Lesen gefühlt? Sucht euch jetzt einen, der euch besonders angesprochen hat, und nehmt ihn mit.“

In der Bastelecke stehen Gefäße mit Goldleim, Pinsel und goldene Eddings bereit. Wenn die Konfis wieder am Platz sind, wird ihnen das Prinzip von Kintsugi und Wabi-Sabi kurz und ohne Nennung der Fremdworte erläutert – der ästhetische Grundsatz von der Schönheit des Versehrten und mit Spuren Gezeichneten ist für Konfis unmittelbar andockfähig. Das anschließende Zusammensetzen der Tontöpfe dauert je nach Scherbenzahl, Konzentration und handwerklichem Geschick unterschiedlich lange, daher bietet es sich an, ein Alternativprogramm für die Schnellen bereit zu halten, die den Topf auch schon mit „ihrem“ Gnadenspruch verziert haben. Eine Stunde reicht für diesen Arbeitsschritt jedoch aus. Auf eine Bündelung an dieser Stelle haben wir verzichtet, eine solche erfolgt tags darauf im Vollzug des Gottesdienstes.

Am Ende stehen eine Reihe von Tontöpfen vor den Konfis, mit vergoldeten Rissen und Verzierungen – und weitaus schöner und interessanter als vorher. Die Konfis tragen die Spuren des Reparaturprozesses an den Händen – der Goldstaub, der an den Fingern klebt und überall hängen bleibt, bildet den Ausgangspunkt für einen kleinen geistlichen Impuls rechtzeitig zum Mitttagessen (auf gut kirchlich gesagt: „Aus der Vergebung heraus“, umrahmt durch das Lied „Wie ein Fest nach langer Trauer“).


Das glanzvoll Reparierte füllen

In der Dramaturgie des Gottesdienstes folgt auf den Eingangsteil der Block Verkündigung und Bekenntnis. Auch von den Arbeitsschritten des Tages her bietet sich buchstäblich ein Input an, die reparierten und verschönerten Töpfe warten darauf, gefüllt zu werden. Für den nächsten Schritt braucht es an Material (aus lebensmittelchemischer Sicht unbedenkliche) Pflanzerde, gemischte Samen, Wasser, Bibeln und Schreibzeug.  

In einem ersten Schritt füllen wir die Töpfe mit der Erde, im Plenumsgespräch wird die Frage gestellt, welchem gottesdienstlichen Teil dieser Schritt entsprechen könnte. Selbst bei wenig Gottesdiensterfahrung kommen die Konfis recht schnell auf besagten Verkündigungsteil. Gemeinsam lesen wir das Sämanngleichnis Mk 4,3-10 – die Versabgrenzung erscheint sinnvoll, weil in dieser Perikope sowohl das Hören als auch die Verstehensproblematik explizit thematisiert werden. Unmittelbar im Anschluss machen die Konfis zunächst das im Gleichnis Beschriebene nach und säen die Samen ein.



Die Konfis kommen von selbst darauf, dass die Bewässerung fehlt – das bietet den Anlass für den nächsten Arbeitsschritt. In zwei-drei Untergruppen setzen sich die Konfis kreativ mit diesem Text auseinander, in unserem Fall mit dem Arbeitsauftrag, eine kleine Predigt zu schreiben – dass Bildworte auslegungsbedürftig sind, leuchtet den Jugendlichen unmittelbar ein. Der Arbeitsauftrag kann je nach Stimmung und Zusammensetzung in der Gruppe variiert werden: Bei diskussionsfreudigen Kleingruppen kann eine gemeinsame Erarbeitung das Ziel eines Gruppengesprächs darstellen, bei eher stillen Teilnehmenden kann daraus auch eine Einzelaufgabe werden, möglicherweise mit beispielhaften Leitfragen/Schreibanregungen, die den Bereichen Bibliolog/kreatives Schreiben/Poetry-Slam-Workshop entstammen: „Du bist ein Samenkorn. Wo möchtest du landen, wo würdest du dich wohlfühlen – und warum?“ – „Übersetze das Gleichnis in eine Bilderwelt, die deinem Alltag eher entspricht.“ – „Welche Ratschläge würdest du dem Sämann geben?“
Die Themen und Textsorten, die hier zusammen kommen, sind äußerst vielfältig. Nach einer freiwilligen Ergebnispräsentation wird die Saat begossen, als Symbol für die Notwendigkeit der Auslegung von und des Austauschs über biblische Texte. Die Texte der Konfis bieten außerdem Anknüpfungspunkte für die Predigt im Vorstellungsgottesdienst.


Säen, wässern, wachsen lassen

Die #prozesshaftigkeit des Wachsens und Erntens entspricht wiederum einer subtextuellen Lerndimension der Einheit: Nicht alle Arbeitsergebnisse sind direkt sichtbar, manches braucht seine Zeit – und birgt Überraschungen: Um diesen Weg nicht übermäßig lang werden zu lassen, verwenden wir Kressesamen, denen jedoch andere oberflächig keimende Samen untergemischt sind. Bei entsprechender Geduld und Pflege können in dem einen oder anderen Topf auch plötzlich Rucola oder Tomaten wachsen.[14]


Transfer, Vollzug, whatever

Die Einheit, die beim „Starterwochenende“ mit dem neuen Konfijahrgang gehalten wurde, endet erst mit dem Gottesdienst am darauffolgenden Sonntag. Das Erarbeitet wird in den Gottesdienstablauf integriert, sodass sich die Dynamik von Heilen, Füllen, Wässern in der Dramaturgie von Eingangs- und Verkündigungsteil für die Konfis nachvollziehbar ereignen kann. Deswegen kommen auch die im Rahmen des Wochenendes gesungenen Lieder vor; die Predigt bietet die Möglichkeit, das Geschehen auch für diejenigen, die nicht dabei waren, zu deuten und zu bündeln.


Starter-Gottesdienst

Musikalisches Vorspiel

Begrüßung

Lied: „Und ein neuer Morgen“

Psalm- und Kyriegebet

Lied: „Meine engen Grenzen“
Auf dem Abendmahlstisch liegen Scherben eines größeren Blumentopfs. Die Gemeinde ist eingeladen, während des Liedes ihre eigenen Erfahrungen vom Zerbrechen dort festzuhalten. Der Blumentopf wurde hinterher von Interessierten beim Kirchenkaffee an einem Tisch zusammengesetzt, der Topf mit Erde befüllt, mit Kräutern bepflanzt und mit der ausdrücklichen Einladung, sich in den kommenden Wochen zu bedienen.

Gnadenspruch

Lied: „Mercy is falling“

Lesung: Mk 4,3-10

Credo

Lied: „Wie ein Fest nach langer Trauer“

Predigt

Lied: „Kleines Senfkorn Hoffnung“

Begrüßung/Einsegnung der neuen Konfirmand_innen

Fürbitten

Unser Vater

Segen

Lied: „Der Lärm verebbt“

Nachspiel



[1] Martin Nicol, Weg im Geheimnis. Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst, Göttingen ³2011.
[2] Vgl. Okko Herlyn, Theologie der Gottesdienstgestaltung, Neukirchen-Vluyn 1988, 8f.
[3] http://kirchengeschichten.blogspot.de/2015/08/pladoyer-furs-handchenhalten-gegen.html
[4] https://sebastiants.wordpress.com/grosse-spiele/gold-wunden-4/gold-wunden-2/
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi
[6] JK Rowling, Harry Potter und der Stein der Weisen, dt. von Klaus Fritz, Hamburg 1998, 20f.
[7] Herbert Kolb, Neu starten. Die „Feier der Versöhnung“ in der Konfirmandenzeit, in: RPZ Heilbronn 09/09, http://www.rpz-heilsbronn.de/fileadmin/user_upload/daten/arbeitsbereiche/Konfirmandenarbeit/inhalte/Versoehnung_feiern.pdf.
[8] Vgl. die problematische Rede vom „lieben Gott“.
[9] Vgl. in Anlehnung an Paul Tillich Wilko Teifke, Offenbarung und Gericht: Fundamentaltheologie und Eschatologie bei Guardini, Rahner und Ratzinger, Göttingen 2012 (FSÖT 135), 261: „Vor dem Hintergrund der Spannung von Existenz und Essenz und der eschatologischen Spannung von schon jetzt und noch nicht und der Zweideutigkeit des Lebens […] ist es konsequent, den in Christus verwirklichten Begriff des Neuen Seins prozesshaft zu verstehen. […] Zum prozesshaften Charakter des Neuen Seins gehört dann auch, dass die Bewusstwerdung der aktuellen Situation deutlicher wird und dass das Neue Sein als Prozess zum Bewusstwerden der Zweideutigkeiten des Lebens führt.“ Vgl. a. Rainer Lachmann, Grundsymbole des christlichen Glaubens. Eine Annäherung, Göttingen 1992 (BThS 7), 102f.
[10] Das Material bietet Anknüpfungspunkte für biblische Assoziationen (vgl. Jer 18, Röm 9), die im vorliegenden Entwurf nicht weiter verfolgt werden, aber sicherlich weitere Denk- und Arbeitsfelder eröffnen.
[11] Eine Auswahl findet sich in der Reformierten Liturgie, 160ff.
[12] Das Hinhocken hat praktische Gründe – der Fall aus ca. einem halben Meter Höhe auf den Steinboden lässt den Topf zerspringen, gleichzeitig bleibt das Scherbenpuzzle händelbar.
[13] https://beta.welt.de/kultur/literarischewelt/article122447817/Kein-Mensch-kann-sich-entschuldigen.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.social-referrer.home-spliturl&betaredirect=true
[14] Die ausführliche Beschäftigung mit dem Text halten wir für unverzichtbar, um den von Burkhard Nolte erhobenen Einwänden gegen eine „Tornisterpädagogik“, die wir in Teilen für zu kurz gedacht halten, zu begegnen: http://www.rpi-loccum.de/material/konfirmandenarbeit/ku_nolte