Posts mit dem Label Passionszeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Passionszeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 30. März 2018

Pastor Fritz und KarfreiT4g - Predigt mit Friedrich v. Bodelschwingh

Die kursiven Partien stammen aus einer Karfreitagspredigt von Friedrich von Bodelschwingh d. J., abgedruckt in: Lebendig und frei. Predigten 1. Folge, Bielefeld ²1947, 92-99.

Karfreitag 1945. 30. März. 
Dresden brennt. 
Budapest ist befreit. 
Ebenso Limburg, Remagen, Wiesbaden und Mannheim. 
Hildesheim liegt in Trümmern. 

In der Zionskirche der Anstalt Bethel bei Bielefeld steigt Pastor Fritz auf die Kanzel. Ordnet seine Blätter, lässt den Blick über seine Gemeinde schweifen. Mitarbeitende, Ärzte, Pflegerinnen und natürlich Bewohnerinnen und Bewohner der von Bodelschwinghschen Anstalten, des Lebenswerks seines Vaters. Und sein eigenes. Viele kennt er mit Namen. Elfriede, die Mongoloide mit den sorgfältig geflochtenen Zöpfen. Heinrich, der Fallsüchtige, der nur mit Helm draußen herumlaufen darf. Magdalene, die Schwachsinnige, die am liebsten „Guten Abend, gute Nacht“ singt. Johannes, für den sie gar kein Etikett haben, der weder läuft noch spricht noch singt. Ein Großteil der Gemeinde: Lebensunwertes Leben in den Augen derer, die gerade den Krieg verlieren. 



Nun stehen wir im Geist unter Christi Kreuz. Still, ganz still stehen wir da. Das wilde Getümmel dieser Tage weicht für einen Augenblick zurück. Die weltgeschichtlichen Entscheidungen, die sich jetzt vollziehen, verlieren ihr Gewicht gegenüber der heilsgeschichtlichen Entscheidung, die auf Golgatha gefallen ist. Was in den sechs Stunden des Karfreitags geschah, das wirkt in alle Ewigkeit hinein. 

Karfreitag ist der Tag, an dem die Verhältnisse auf den Kopf gestellt und damit zurechtgerückt werden. Gottes Sohn stirbt am Kreuz. Ein Heide, der römische Räuberhauptmann, erkennt ihn als den, der er ist und war und sein wird. Sechs Stunden auf dem Schädelberg sind entscheidender als sechs Jahre Krieg und zwölf Jahre NS-Diktatur. Das Tausendjährige Reich, das in weiten Teilen schon in Trümmern liegt, verblasst im Licht der Ewigkeit. Unter dem Kreuz wird als Schuld erkannt und benannt, was in den Naziblättern noch als Heldentaten gefeiert wird. 

Niemand kann das Geheimnis des Sterbens Jesu fassen, der nichts von eigener Schuld weiß. Bei uns ist alles am verkehrten Ort, bei ihm alles am rechten Platz. Dann fangen wir an, uns zu schämen. Wir empfangen, was unsere Taten wert sind. Diese Unterschrift dürfen wir gewiß auch unter das setzen, was wir in der Geschichte unserer Tage mit tiefem Schrecken erleben. Dabei denken wir nicht an die Schuld einzelner Menschen, nicht nur an die Schuld unseres Volkes, sondern wir denken zunächst an unsere eigene Schuld. Wieviel hat bei uns selbst, in unserer Bethelgemeinde, in der Christenheit unserer deutschen Heimat am verkehrten Platz gestanden! Nun rückt Gottes gewaltige Hand es zurecht. Wieviel ungeschicktes, liebloses, kaltes, eigenwilliges Handeln hat es bei uns, in unserer Bethelgemeinde, und in der ganzen Christenheit gegeben! Nun streicht Gottes Gericht das alles durch. Wir beugen uns unter sein Gericht. Auch wenn es unsere äußere und innere Existenz völlig zu zerschlagen droht. 

Friedrich von Bodelschwingh weiß, wovon er redet, wenn er von Schuld in seiner Bethelgemeinde spricht. Von eigener Schuld. Auch er hat sich anfangs täuschen lassen, hat ohne Not den Treueeid auf Hitler geschworen und 1936 einen Aufruf zu den Reichstagswahlen veröffentlicht. 1931 sagt er auf einem medizinischen Kongress Worte, die ihm wahrscheinlich selbst schon 1945 unmöglich schienen: „Ich würde den Mut haben, vorausgesetzt, dass alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen, wenn ich für diesen Leib verantwortlich bin.“ Von 3.000 Bewohnerinnen und Bewohnern mit Behinderungen der Betheler Anstalten werden während des Dritten Reichs 1.700 zwangssterilisiert, mit Bodelschwinghs ausdrücklicher Billigung. 

Erst mit der Zeit beginnt er, sich von den Nazis zu distanzieren. So wie Bodelschwingh sich selbst im Schächer am Kreuz wiedererkennt, erkennt er in den Reaktionen der Menschen um Jesus herum auch die Reaktionen auf die Mitglieder seiner Betheler Zionsgemeinde wieder: 

Die Stimmen der vielen Leute, die des Weges vorüberkamen und nichts anderes sahen als den Allerverachtetsten und Unwertesten, voller Schmerzen und Krankheit. Da war eine Gestalt, die ihnen nicht gefallen konnte. 

 Als die Nazis ab 1940 mit der Aktion T4 im Stillen die „Ausmerzung lebensunwerten Lebens“ beginnen, wehrt sich von Bodelschwingh. Mit offenem Protest und mit zivilem Ungehorsam, der seiner Gemeinde das Leben rettet. Im Mai 1945 wird er sagen: „Wir wollen uns auch nicht mit dem Hinweis darauf decken, dass wir vieles nicht gewusst haben, was hinter den Stacheldrähten der Lager und in Polen und Russland geschehen ist.“ Bodelschwinghs Kollege und Mitaktivist, Pastor Braune, wurde für sein Engagement von der Gestapo in Schutzhaft gesteckt. Für das, was Bodelschwingh kurz vor Kriegsende von der Kanzel sagt, hätte er einige Jahre zuvor wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt werden können. Einigen seiner Amtsbrüder ist das passiert. 

Hätten die Nazis Sinn für Poesie gehabt, hätten sie ihn auch früher drankriegen können. 1927 schreibt Bodelschwingh ein Lied für Karfreitag. Aus unbekannten Gründen verschwindet es in der Schublade. Erst in dem Gottesdienst, dessen Predigt wir hier in Auszügen hören, wird es erstmals öffentlich gesungen. Aber es wird vorher in einer Kirchenzeitung abgedruckt, 1938, eine Woche vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich. 

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha. 

Das war ein zutiefst politischer Satz in einem System, das Anspruch auf den ganzen Menschen erhob, das darauf abzielte, die Bevölkerung von frühester Kindheit an mit der nationalsozialistischen Ideologie zu impfen, alle Lebensbereiche zu durchdringen. Das wird überall ein zutiefst politischer Satz sein, wo geistige und politische Strömungen, Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen Anspruch auf den ganzen Menschen erheben. Überall dort, wo Paulus‘ Satz gesagt werden muss: „Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte.“ 

Tief und tiefer wir uns neigen 
vor dem Wunder, das geschah, 
als der Freie ward zum Knechte 
und der Größte ganz gering, 
als für Sünder der Gerechte 
in des Todes Rachen ging. 

Wer aufmerksam liest, wird auch 1938 erkennen können, dass das Kreuz Christi und das Hakenkreuz nicht zusammengehen. Auch, wenn im Jahr 1938 erschreckend viele Christinnen und Christen das dachten. Auch, wenn heute wieder Parteien, die aus ihrer Sympathie für das Dritte Reich keinen Hehl machen, das Kreuz als politisches Symbol besetzen wollen. Und wenn Politikerinnen und Politiker, die zweifellos keine Nazis sind, aber erschreckend kurzsichtig, versuchen, auf dieser Welle mitzuschwimmen. Als 1945 die evangelischen Kirchen das Stuttgarter Schuldbekenntnis verfassten, hätten sie vielleicht nicht gedacht, wie aktuell es 2018 sein würde: „Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde.“ 

Der Freie wird zum Knecht, der Große wird gering. Der Gerechte wird gerichtet. Wo sonst die Arme zum deutschen Gruß emporschnellen, wird sich verbeugt. Tief und tiefer. An Karfreitag werden die Verhältnisse auf den Kopf und damit richtig gestellt. Will jemand der erste sein, der soll der letzte sein vor allen und aller Knecht, hat der gesagt, dessen Tod wir heute gedenken. Mit nationalsozialistischer Herrenmenschenideologie ist das unvereinbar. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet, heißt es bei Jesaja, in einem der Texte, die von Anfang an wichtig für die Deutung des Todes Jesu waren. 
Das steht auch quer zu unseren modernen Märchen von Selbstoptimierung, bei denen es allerletzten Endes um Selbstrechtfertigung und Selbstrettung geht. Unterm Kreuz wird klar, dass das nicht funktioniert. Beim Todesurteil über Jesus aus Nazareth haben die öffentliche Meinung, die politischen Entscheidungsträger und die religiöse Elite in beispielloser Einigkeit zusammengewirkt. An seinem Sterben wird deutlich, wie sehr die Welt zum Tod drängt und sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. 
So wird das Lied von Bodelschwingh, so wird sogar ein noch viel älteres und viel staubigeres Lied wie „O Haupt voll Blut und Wunden“ zum Protestsong in der Welt der Fitness-Apps, Schönheits-OP's und Coachingschwemme. 

Doch ob tausend Todesnächte 
liegen über Golgatha, 
ob der Hölle Lügenmächte 
triumphieren fern und nah, 
dennoch dringt als Überwinder 
Christus durch des Sterbens Tor. 

Auch das so eine Strophe, die einen 1938 den Kopf hätte kosten können. Er hat es nie gesagt, aber man wird Bodelschwingh unterstellen können, dass er „der Höllen Lügenmächte“ sehr genau identifizieren konnte, als er ihnen sein trotziges „Dennoch“ entgegenstellte. Ein „Dennoch“, das nachhallt. Das mir Mut macht inmitten von Diskussionen um fake news und alternative Fakten. Die Wahrheit wird uns freimachen. 

Karfreitag 1945. 30. März. 
Dresden brennt. 
Budapest ist befreit. 
So wie Limburg, Remagen, Wiesbaden und Mannheim. 
Hildesheim liegt in Trümmern. 
In der Betheler Zionskirche ist Pastor Fritz am Ende seiner Predigt angelangt. Gleich wird sein Karfreitagslied zum ersten Mal gesungen, von einem vielstimmigen und sehr durchwürfelten Chor: Die unbeirrbar festen Soprane der Diakonissen, die zittrigen Tenöre der ältere Mitarbeiter, die in Teilen unverständlichen Laute der Bewohnerinnen und Bewohner, die sich freuen, wenn gesungen wird. Er lässt den Blick über seine Gemeinde schweifen. Viele sind da, weil er die Kurve gekriegt und sich widersetzt hat. Einige, die früher immer da waren, fehlen. Sind umgekommen bei den Luftangriffen auf die Anstalt vor wenigen Wochen, 58 insgesamt. 519 Mitglieder der Gemeinde werden im Krieg gefallen sein. In die grauen Busse nach Hadamar musste kein einziger einsteigen. Pastor Fritz ordnet seine Blätter. Die letzten Sätze gehen auch auswendig. Er hat sie bewusst einfach gehalten, in kurzen Sätzen, damit alle sie hören und verstehen. Auch Elfriede. Und Heinrich. Und Magdalene. Und Johannes. 

Wir wollen diese Botschaft des Karfreitags um so stiller hören, um so tiefer fassen, weil jetzt alle irdischen Türen nur in eine dunkle Zeit zu führen scheinen. Christus ist gestorben, damit wir heute nicht verzagen müssen. Christus ist gestorben, damit wir wissen: ER läßt uns nie allein, auch dann nicht, wenn unser Leben lauter Sterben wird. Scheinen unsere Wege völlig dunkel, dann gibt er uns die Gewißheit: Auch in der tiefsten Dunkelheit ist er bei uns. Mit mir, sagt er, mit mir. Überall, wo wir mit ihm sind und er mit uns, da ist auf dieser von Kampf und Leid erfüllten Erde ein Stück Himmelreich. Amen.

Donnerstag, 29. März 2018

Und dann das. | Predigt über Judas. Und die anderen. Gründonnerstag 2018



Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Da war diese Hochzeit in Kana. 
Trinken, anerkennend nicken, den Abend lang werden lassen. 
Körbe voll mit Brot und Fischen durch eine Menschenmenge schleppen. 
Mit vollen Händen nach allen Seiten geben. 
Sauanstrengend und unglaublich berührend. 
Am Fuße eines grasigen Hügels liegen und ihn reden hören und wissend nicken und mit der Menge jubeln und manche Worte wie kleine Schatzkästchen in der Brust aufbewahren: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ 
Mit Geistern und Dämonen kämpfen und spielend leicht gewinnen. 
Den Goldstaub zwischen den eigenen Fingern ahnen, wenn sie segnend auf dem Kopf eines anderen liegen und Angst, Schwermut, sogar Krankheit vertreiben. 
Unter dem Jubel der Menge durch das große Stadttor einziehen, Palmzweigen ausweichen, lächeln und winken und lächeln und winken, die Gesänge der Massen im Ohr und im Herzen: Hosianna. Sauanstrengend, aber unglaublich berührend. 
Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Und dann das. 

„Einer von euch wird mich verraten.“ 

Und nach einem kurzen Moment der Irritation richten sich alle Blicke auf den Einen. 

Judas Iskariot. Geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31 nach Christus. Der Beiname Iskariot leitet sich wahrscheinlich vom Hebräischen Isch-Kerijot ab, zu deutsch: Der Mann aus Kerijot, oder aber: Der Mann aus der Stadt, d. h. Jerusalem. Ein Judäer in einer Gruppe aus Galiläern. Ein Stadtmensch in einer Gruppe Dorfbewohner. Man merkt es, klar. An der Art, wie er sich hinsetzt und das Essen zum Mund führt. An den Wörtern, die er benutzt. Am Sprachklang. Man merkt es halt. An dem ungeübten Umgang mit Fischernetzen und Mühlsteinen – und an der Selbstverständlichkeit, mit der er über die Straßen in Jerusalem flaniert. An der Sicherheit im Gespräch mit anderen Stadtleuten, mit Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Vielleicht fing es als Witz an, als Frotzelei unter Mannschaftskameraden: „Sicher, dass du nicht einer von denen bist?!“ Haha. Ein Lachen, ein Schulterklopfen. Vielleicht wurde das Lachen mit der Zeit angestrengter. Vielleicht hat Judas irgendwann gesagt: Gut. Dann ich eben einer von denen. Aber dann richtig. 

Judas Iskariot. Geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31, Suizid durch Erhängen. Der Beiname Iskariot leitet sich wahrscheinlich ab vom lateinischen sicarius, Dolch. Er weist ihn als Sikarier aus, als Dolchträger, als Mitglied einer Gruppe politischer Aktivisten, manche würden sagen Terroristen. Im ersten Jahrhundert kämpfen sie für die Befreiung Israels von den Römern. Ihre Dolche tragen sie unter dem Gewand, blitzschnell holen sie ihn heraus, um im Schutz großer Volksmengen Attentate auf Angehörige der verhassten Oberschicht zu verüben. In Jesus von Nazareth meint Judas, einen Bruder im Geiste zu erkennen. Einen, der den Traum von der großen Freiheit mitträumt. Als sich abzeichnet, dass Jesus sich nicht als revolutionärer Freiheitskämpfer versteht, wendet Judas sich enttäuscht ab und paktiert mit der Jerusalemer Obrigkeit: Gegen die symbolische Bezahlung von 30 Silberlingen liefert er Jesus von Nazareth den Behörden aus. Nach dem Schauprozess setzt der desillusionierte und von Schuld geplagte Aktivist seinem Leben selbst ein Ende. 

Judas Iskariot, geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31 unter ungeklärten, aber überaus spektakulären Umständen. Ein instabiler Charakter, aufbrausend, oberflächlich, mit schwieriger Vergangenheit. Früh fällt er negativ auf, man munkelt, er würde Geld aus der gemeinsamen Kasse der Jünger unterschlagen. Ein ideales Opfer für den Teufel. Nachdem er sich an Jesus in der Wüste die Zähne ausgebissen hat, versenkt er seine Krallen in Judas. Packt ihn an seinen Schwachstellen: An seiner Angst, an seiner Enttäuschung, an seiner Geldgier, an seinem Bedürfnis nach Sicherheit. Flüstert ihm leise die nächsten Schritte ins Ohr. Ein heimliches Treffen mit den Behörden, ein Beuten Silbermünzen wechselt den Besitzer. Von dem Geld kauft Judas ein Stück Land, was ihm als Jünger verwehrt gewesen war. Aber unrecht Tun gedeieht nicht: Kurz nach dem Landerwerb stürzt er auf seinem Acker und verstirbt qualvoll an inneren Verletzungen. An alten oder an jungen. Oder an beidem. 

Die biografischen Angaben über Judas gehen weit auseinander. Über dem Wikipedia-Artikel steht: „Dieser Artikel ist nicht genügend mit Belegen ausgestattet. Näheres auf unserer Diskussionsseite.“ Die Biografien gehen auseinander. Lebensgeschichten werden nie einfach so erzählt, sondern immer mit einem Hintergedanken: Dem Leben Sinn zu geben, den Einzelnen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Schon ganz früh gehen die Biografien auseinander, weil man erklären musste, was eigentlich gar nicht sein dürfte: Wie kann es sein, dass jemand die Seiten wechselt, der doch ganz nah bei Jesus war? Der all das miterlebt hat. Und wie kann es sein, dass Jesus das auch noch zulässt? Und welche Rolle spielt Gott eigentlich bei dem Ganzen? Fragen, die weit über Judas hinausgehen. Und vielleicht ist es auch falsch, zu schnell alles auf Judas zu schieben. Die Christenheit hat das sehr früh und sehr konsequent getan. So konsequent, dass bis heute kein deutsches Standesamt „Judas“ als Vornamen akzeptiert. Wohlgemerkt, dieselben Standesämter, die in den Vergangenen Jahren Namen wie Sexmus Ronny, Pumuckl, Tarzan, Winnetou, Pepsi-Carola, Chanel und Cinderella-Melodie akzeptiert haben, aber das nur am Rande. 

Vielleicht ist es falsch, alles zu schnell auf Judas zu schieben. In dem Moment, in dem Jesus sagt: „Einer von Euch wird mich verraten“, fragt jeder Einzelne aufgeregt: „Bin ich’s?!“ Allein die Frage zeigt mir, wie unsicher, wie aufgeladen die ganze Situation war. Wie wenig wir wissen, wie wir am nächsten Tag handeln werden. Wie wenig wir selbst uns vertrauen können. Ich hätte nicht gern dabeigesessen. Ich hätte nicht gewusst: Herr, bin ich’s? Werde ich irgendwann so tun, als ob ich ihn nicht kenne, so wie Petrus? Wäre ich am Kreuz weggelaufen, wie die Jünger? Hätte ich in der Konfrontation mit den römischen Soldaten alles, was ich von Jesus gelernt habe, über Bord geworfen und zum Schwert gegriffen? Hätte ich nach der Kreuzigung das Weite gesucht, wie die beiden Jünger, die sich nach Emmaus absetzen? 

Ich weiß es nicht. Und solange ich es nicht weiß, bleibt ein Rest Respekt vor Judas. Vielleicht auch Angst, Weil ich nicht weiß, ob nicht irgendwann, in irgendeiner schwierigen Situation, in irgendeiner Krise irgendeiner Beziehung, nicht der Verräter in mir die Oberhand gewinnt. Wenn ich von einem Freund enttäuscht bin. Wenn in die Ehe der Alltag einkehrt und andere Mütter plötzlich auch schöne Kinder bekommen. Wenn ich in einem Land leben würde, in dem Glauben gefährlich ist. 

Beim letzten Essen von Jesus mit seinen Jüngern, das zugleich auch das erste Abendmahl war, wird mit Händen greifbar, wie zerbrechlich die Gemeinschaft ist. Am Tag drauf werden Versprechen gebrochen wie am Abend zuvor das Brot. „Herr, bin ich’s?“ Der Kelch geht an niemandem vorbei. Und Jesus bleibt mittendrin sitzen. Hält die bröckelnde Gemeinschaft aus, hält zusammen, was noch zusammenzuhalten ist. Taucht mit dem, der ihn ausliefern wird, die Hand in die Schüssel. Zuckt nicht zurück, bleibt nah, bleibt da. Teilt mit allen Brot und Wein. Baut seine Kirche auf den, der in nicht einmal vierundzwanzig Stunden dreimal sagen wird: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Hält auch das aus. Und kehrt nach all dem wieder zurück, drei Tage später. Ohne ein Wort des Vorwurfs, ohne die schmerzhafte Frage: „Warum?“ Nur mit dem heilenden Satz: „Friede sei mit euch.“ 

Judas wird das nicht mehr erleben. Für Judas gibt es in dieser Welt kein Ostern, keine Auferstehung, keine Möglichkeit, die Hände in die Wunden zu legen und zu erkennen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott.“ Jesus steht wieder auf. Judas bleibt unten. Aber so wenig, wie wir wirklich erfassen, wirklich verstehen können, was ihn zum Verrat getrieben hat, und so wenig wir seine Rolle in dem Geschehen begreifen können, so wenig wissen wir auch über das, was dazwischen passiert. Judas Hoffnung bleibt der Karsamstag. 

Im Heidelberger Katechismus heißt es (44): „Warum steht im Glaubensbekenntnis ‚abgestiegen in die Hölle‘?“ Und er gibt die Antwort: „Damit wird mir zugesagt, dass ich selbst in meinen schwersten Anfechtungen gewiss sein darf, dass mein Herr Christus mich von der höllischen Angst und Pein erlöst hat, weil er auch an seiner Seele unaussprechliche Angst, Schmerzen und Schrecken am Kreuz und schon zuvor erlitten hat.“ 

Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Auf langen staubigen Straßen miteinander gestritten. 
Gedacht, sie wüssten Bescheid. Und immer wieder erkannt, wie wenig sie wussten. 
Wollten Hütten bauen und endlich ein Zuhause finden, und durften es nicht. 
Haben mit Dämonen gekämpft und sind nur um Haaresbreite selbst davon gekommen. 
Wollten übers Wasser laufen und haben dabei kalte Füße bekommen. 
Wollten sich mit Schwert und dem eigenen Leben zwischen Jesus und die Soldaten stellen – und wurden zurückgepfiffen. 
Konnten oder wollten das Kreuz nicht tragen, den letzten Weg nicht mitgehen, die Hoffnung nicht über den Tod hinaus festhalten. 
Lachten halb höhnisch, halb genervt, als die Frauen vom leeren Grab erzählten. 

Und dann das. 

„Friede sei mit euch.“

Dienstag, 11. April 2017

Triduum Sacrum | Drei Tage mit alles.

jetzt ist sie da. die intensivste zeit des jahres. zerbrechliche gemeinschaft. abschied, tränen, tod. und neues leben. sich verlieren. gehalten werden. für alle, die sowieso dabei sind. und für die, die sich noch fragen: soll ich..? ja.


Montag, 10. April 2017

Die Stunde der mutigen Frauen | Palmsonntag | Mk 14,3-9



Predigttext steht hier.

In Jerusalem verdichtet sich die Handlung, laufen die Fäden zusammen. In Jerusalem, am Tiefpunkt der Passionszeit, schlägt die Stunde der mutigen Frauen. Die dorthin gehen, wo keiner sonst hingehen will, die das tun, was dran ist, egal, was andere denken. So wie heute. Eine Frau, deren Namen die Geschichte vergessen hat, aber nicht ihren Mut, ihre verschwenderische Liebe. 

Sie muss mutig gewesen sein, als sie auf den Marktplatz in Jerusalem geht. Vorbei an Gemüseständen und Hühnerställen, vorbei an den Teppichhändlern und Töpfern, immer geradeaus zu dem großen, luxuriös ausgestatteten Zelt eines Gewürzhändlers, der keine großen Stände, keine einladende Auslagen hat, sondern nur kleine Mengen vom Teuersten, das es gibt. Es braucht Mut, in die aromaschwere Luft des Zeltes einzutreten, an den Wächtern vorbei, alles Ersparte und noch einiges mehr auf die Theke zu legen für eine kleine Flasche mit dickflüssigem Nardenöl. Ein Parfüm, ein Beruhigungsmittel, das sich eigentlich nur die Reichsten leisten können. Indische Narde wächst, in der Antike wie heute, nur auf dem Himalaya. 300 Dinar, zwanzigtausend Euro wären das heute. Es braucht Mut, mit einer so teuren Substanz in einem so zerbrechlichen Gefäß durch die Straßen der Stadt zu gehen. 

Sie muss mutig sein, um dieses eine Haus am Rand der Stadt zu betreten. Das Haus eines Aussätzigen, eines Menschen, der durch seine chronische Hautkrankheit, gezeichnet ist, der sich damit nicht verstecken kann und für den die Gesellschaft nur einen Platz am äußersten Rand übrig hat. Wer in dieses Haus einkehrt, stellt sich mit an den Rand, gesellt sich mitten unter die Ausgestoßenen und Heimatlosen. Es braucht Mut, Jesus dort zu suchen. Aber da ist er. Da, wo keiner freiwillig hingeht. 



Sie muss mutig sein, um einfach so in die Männerrunde einzubrechen, in den engsten Kreis der Tafelrunde einzutreten, wo noch alle Plätze besetzt sind. Die Blicke auszuhalten, das leise Flüstern. Um den Tisch herum zu gehen, hin zu dem, dem kurz zuvor noch die ganze Stadt zugejubelt hat. Ihm so ganz nahe zu kommen, seinen Kopf zu berühren, in einer Geste, die so intim ist, so unerhört, die so sehr an das erinnert, was er sonst macht: Die Hände auflegen und segnen. Aber das ist das, was Menschen in der Bibel tun: Sie segnen Gott. Für Luther war das unverständlich, bis heute steht bei uns in den Übersetzungen „Gott loben“ statt „Gott segnen“, im Judentum ist es seit jeher Gang und Gäbe. Menschen segnen Gott über dem, was sie empfangen, ob es das Essen auf dem Tisch oder das Geschenk des nackten Lebens ist. Gott segnen heißt, sich tastend an seine Nähe zu wagen, Gemeinschaft zu suchen, den Segen, den er austeilt, zu ihm zurückfließen zu lassen. 

Jesus sagt und tut nichts. Auch das braucht Mut – eine Berührung zu wagen, ohne zu wissen, ob das gewollt oder okay ist. Die Hand für einen Wimpernschlag länger zu halten als nötig. Einen Menschen in den Arm zu nehmen, bei dem man das sonst nicht tut, bei dem man aber ahnt, dass er es gerade gebrauchen kann. Jesus sagt und tut erstmal nichts. 



Umso mehr die anderen am Tisch, aus den anderen Schilderungen dieser Geschichte ist anzunehmen, dass es die Jünger sind. Die, die meinen, dass sie so gut Bescheid wissen, über das, was Jesus umtreibt. Sie ärgern sich. So eine Verschwendung! Was hätte man nicht alles mit diesem Geld anfangen können. Was hätte man nicht alles Gutes für die Armen tun können. Hätte, hätte… sagen die, die gerade am gedeckten Tisch sitzen. Es braucht Mut, das zu tun, was gerade dran ist, auch wenn alles dagegen spricht, auch, wenn die Vernunft anderes sagt, auch wenn es tausend andere Dinge gäbe. Es braucht Mut, geschäftliche Termine abzusagen, um zum Fußballspiel der Tochter oder zum Cellovorspiel des Sohnes zu gehen. Es braucht Mut, Liebe zu geben, verschwenderisch mit sich selbst umzugehen, wenn alles dagegen spricht, wenn bedeutende Stimmen wichtige Argumente vorbringen. So wie die Jünger. 

Aber als sie anfangen zu lamentieren, spricht Jesus zum ersten Mal in dieser Geschichte. „Lasst sie.“ Denn sie hat es begriffen. Sie tut das, was Jesus in seinem ganzen kurzen Leben und in seinem kurz bevorstehenden Sterben getan hat: Geben, ohne etwas zurückzuhalten. Lieben, ohne eine Hintertür offen zu lassen. Nähe wagen, ohne sprungbereit zu bleiben. „Sie hat getan, was sie konnte“ – mehr braucht es dabei nicht, von niemandem von uns. 
Und noch etwas hat sie getan: „Sie hat meinen Leib im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.“ Da ist es wieder, das Thema, von dem Jesus die ganze Zeit spricht, dem auch wir uns in der Passionszeit und in der Karwoche besonders zuwenden, auch, wenn es weh tut: Es geht um Tod und Sterben, um das Ende, um Verlust, um Schmerz und Trauer. Es braucht Mut, das auszuhalten. Mut, die in der Leidensgeschichte Jesu vor allem die Frauen aufbringen, deren Stunde in Jerusalem schlägt, wenn die Fäden zusammenlaufen und der Himmel sich verdunkelt: Sie bleiben am Kreuz stehen, wenn alle anderen fliehen. Sie werden am Ostermorgen als erste zum Grab gehen, um seinen Leichnam zu salben, zu berühren, zu begreifen, was kaum zu verstehen ist. Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. Und Jesus hat recht behalten. 

Den Namen der Frau hat die Geschichte vergessen. Vielleicht ist das nichts Ungewöhnliches bei einer Geschichte, die von Männern aufgeschrieben wurde. Vielleicht ist das aber auch genauso gewollt: Wir wissen nichts über ihre Vorgeschichte. Nirgendwo vorher taucht sie auf und tut oder erlebt irgendwas, das uns sagen lässt: Gut, verständlich, dass sie das jetzt macht. Und vielleicht bedeutet das, dass man niemand Besonderes sein muss, um das zu tun, was gerade dran ist. 
Dahin gehen, wo sonst keiner hingeht – und dort Jesus finden. 
Gott segnen. 
Eine Berührung wagen. 
Einem Sterbenden nahe sein. 
Das, was man hat, in einem zerbrechlichen Gefäß durch die ganze Stadt tragen. 
Unfreundliche Blicke und abschätzende Kommentare ertragen 
und nicht so wichtig nehmen. 
Verschwenderisch sein, nicht immer und überall, 
aber da, wo Rechnen nicht angebracht ist. 
Und ihn hören: 
Du hast ein gutes Werk an mir getan. 
Danke dafür. 
Amen.

Sonntag, 20. März 2016

Was, wenn er käme...? Predigt über Joh 12,1.9-19 (Palmsonntag)

Sechs Tage vor dem Passafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den Jesus auferweckt hatte von den Toten. Da erfuhr eine große Menge der Juden, dass er dort war, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern um auch Lazarus zu sehen, den er von den Toten erweckt hatte. Aber die Hohenpriester beschlossen, auch Lazarus zu töten; denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus. Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. 

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie es war in Jerusalem. Eine Menschenmenge hat sich auf den Weg gemacht, um Jesus in der Stadt zu begrüßen. Ein aufgeregtes Summen liegt in der Luft. Da sind einige, die ihm schon begegnet sind. Da werden einige sein, die nur mal gucken wollen. Vielleicht erhoffen sich andere etwas für ihr ganz eigenes Leben, ein Wort, das sich wie Balsam über die Seele legt, vielleicht ein kleines Zauberkunststück oder auch ein größeres. Irgendwo am Rand steht Lazarus, der schon gestorben war. Wer Lazarus vom Tod aufwecken konnte, der schafft das vielleicht auch bei meiner Tochter, meinem Vater, meiner Frau… 

Und Lazarus war nicht der Einzige. Da war noch der Sohn des königlichen Beamten. Da war auch dieses Hochzeitsfest in Kana, gegen Abend am toten Punkt angekommen, der Wein alle, die Stimmung am Boden – und dann kam Wein in die Wasserkrüge und Leben in die Bude. 

Tote werden lebendig, Wasser wird zu Wein – die Dinge sind nicht mehr, wie sie waren. Und überall im Volk wächst die Hoffnung auf bessere Zeiten, wächst aus einem kleinen Senfkorn, durchbricht den Asphalt und die staubigen Straßen, die Wüste blüht, was längst verdorrt und tot schien, erwacht zu neuem Leben. Und alles macht sich auf zum großen Fest der Befreiung. 

Ein aufgeregtes Summen liegt in der Luft, wie vor einem Gewitter, man weiß, dass die Mächtigen der Stadt Pläne schmieden, um diesen Jesus los zu werden – wer die Augen und Ohren offen hat in Jerusalem in diesen Tagen, der weiß: Es läuft auf eine Entscheidung hinaus. Sie oder er. Und die Menge hat die Seite gewählt, hat die Entscheidung schon getroffen: Sie nehmen sich Palmzweige, im antiken Israel fast so etwas wie Nationalfahnen, sie gehen ihm entgegen, wie man einem hohen Würdenträger entgegengeht, und sie rufen „Hosianna“, wie man es einem König entgegen ruft, ihrem König, von dem sie hoffen, dass er sie befreit von römischem Militär und religiösen Eliten, dass er seinen Platz einnimmt in seinem Palast, wie im Himmel, so auf Erden. Ein starker Mann, der mit starker Hand regiert. Und die Menge jubelt und wedelt mit ihren Palmzweigen, und endlich ruft man von ganz vorn: Er kommt! Und die Menschen stellen sich vor, wie er wohl aussehen wird, ob er auf einem Pferd kommt oder sogar in einem großen Streitwagen in strahlender Rüstung. 

Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf. 



Möglich, dass hier schon die ersten ihre Palmenzweige sinken lassen, betroffen zu Boden gucken, verstört und peinlich berührt von dem seltsamen Anblick, von diesem seltsamen Menschen, der unerträglich langsam und so bestürzend unauffällig angeritten kommt. Möglich auch, dass hier die Stimmung schon zu kippen beginnt. Keine Woche später wird sich in Jerusalem wieder eine Menge zusammenrotten, wird gröhlen und schreien: Kreuzige ihn, und die Palmzweige werden zu Ruten und Peitschen. 

Es ist ja nicht das erste Mal, dass er Erwartungen an ihn enttäuscht. Da ist diese Geschichte mit der Frau, die wegen Ehebruchs verurteilt wird und gesteinigt werden soll. Und sie bringen diese Frau zu Jesus, die Pharisäer und Schriftgelehrten, und erwarten eine gelehrte rechtswissenschaftliche oder theologische Debatte. Die Schriftgelehrten hoffen, dass er sie verliert, die Jünger hoffen, dass er sie gewinnt. Und drumherum stehen die Leute, ein Teil hofft vielleicht, dass er die Frau mit großer Geste befreit, ein anderer Teil hofft vielleicht, dass endlich die Steinigung anfängt. Auf jeden Fall: Die Stimmung ist angeheizt, die Spannung fast unerträglich. 

Jesus aber bückte sich und malte mit dem Finger in den Sand. 

Nicht erst seit Palmsonntag haben aufgebrachte Volksmassen etwas Bedrohliches. Vor ein paar Wochen standen wir bei strahlendem Sonnenschein und klirrender Kälte auf dem Rathausplatz in Barmen. Auf der einen Seite stehen wir. Menschen aus Wuppertal, Jung und Alt, ein paar Pfarrerinnen und Pfarrer, Politiker, mit Fahnen und Spruchbändern, die für Demokratie und Toleranz werben. Wir haben Trillerpfeifen. Auf der anderen Seite stehen die anderen und gröhlen. ProDeutschland nennen sie sich, und stehen doch gegen alles, was Deutschland zur Heimat macht: Ein paar Lokalpolitiker, eine alte Frau im Pelzmantel, drumherum Nazis, wie man sie von früher kennt: Kahle Köpfe, Runentätowierungen auf den Fingerknöcheln, Springerstiefel, Bierdosen in der Hand. Sie schwenken Fahnen, schwarz, rot, gold. 



Mittendrin ein grobschlächtiger Glatzkopf in orangefarbenen Kapuzenpulli. Er hebt den rechten Arm zum deutschen Gruß, hält ihn oben, seine Kumpels feixen, die Polizisten stehen teilnahmslos herum. Jemand muss doch kommen und was tun! 

Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn er käme. In diesem Moment, auf den Rathausplatz in Barmen. Er würde sich nicht zu der gröhlenden Meute mit den Deutschlandfahnen gesellen, da bin ich mir mehr als sicher, und wenn man ihn fragte, würde er vielleicht erklären, dass er mit dem so genannten christlichen Abendland nicht das Geringste zu tun hat, und dass man sich bitte einen anderen Namen für dieses biologisch reine Alptraumland ausdenken soll. Aber wenn ich die Geschichte vom Einzug nach Jerusalem noch einmal lese, werde ich immer unsicherer, ob er sich einfach so zu uns stellen würde. Ich bin mir immer noch sehr sicher, dass wir, die Presbyterinnen und Presbyter, Pfarrerinnen und Pfarrer dieser Gemeinde, auf der richtigen Seite standen, vor einigen Wochen in Barmen, auf der einzig möglichen Seite stehen, wenn wir unsere Stimmen gegen Nationalflaggen und Hitlergrüße und fremdenfeindliche Parolen erheben. 

Wir würden ihn freundlich begrüßen, bejubeln, unsere Gewerkschafts- und Regenbogenfahnen schwenken, würden vielleicht sagen: Endlich! Aber wer weiß, ob er sich einfach so zu uns stellen würde. 

Vielleicht setzt er sich mitten auf den Platz, mitten in die Knautschzone zwischen Polizisten und Absperrgittern, holt eine Packung Kreide aus seinem Gewand und fängt an zu malen. 

Vielleicht hält er ein kleines Mädchen aus Syrien an der Hand und sagt, in keine bestimmte Richtung, aber so, dass es jeder auf dem Platz hören kann: Wer so ein Kind aufnimmt, der nimmt mich auf. 

Vielleicht dreht er sich zu uns und sagt: Steckt Eure Trillerpfeifen in die Tasche. Denn wer die Trillerpfeife zieht, der wird durch die Trillerpfeife taub werden. 

Vielleicht geht er zu dem grobschlächtigen Mann im orangefarbenen Kapuzenpulli, der immer noch die Hand zum deutschen Gruß erhoben hat, drückt seinen Arm sanft hinunter und sagt: Heute will ich in deinem Haus zu Gast sein. 

Vielleicht reitet er auf einem Eselchen oder fährt auf einem stinkig knötternden Motorroller unerträglich langsam, und wir würden unsere Fahnen und Trillerpfeifen enttäuscht sinken lassen. 

Jesus fand einen jungen Esel und ritt darauf. 

Mit keiner Silbe widerspricht er dem jubelnden Volk, das tut er nie, wenn sie von ihm als König reden. Aber er macht gleichzeitig klar: Ich bin ein anderer König als den, der Ihr Euch vorstellt. Ich lasse mich nicht einfach so von Euch auf eine Seite ziehen. Und selbst seine Jünger haben Schwierigkeiten, das zu verstehen, erst im Nachhinein, nach Ostern, lassen sie das Geschehene, und auch den Einzug nach Jerusalem, Revue passieren und verstehen. 



Liebe Gemeinde, ab heute geht es in die Karwoche, die „stille“ Woche, sagt man auf Schwedisch. Und vielleicht ist das dran: Die Palmwedel sinken lassen, und unsere Erwartungen an Jesus, an Gott, sinken lassen, nicht runterschrauben, sondern ganz bewusst beiseitelegen und sehen, was passiert. Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren. Jesus kommt, das ist so ziemlich das Einzige in dieser Predigt, dessen ich mir wirklich sicher bin. Er kommt am Ende aller Tage, um das Verlorene heimzuholen. Aber er kommt auch jetzt schon dorthin, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind. Er kommt anders, als man denkt. Anders, als ich es mir wünsche, er tut Dinge, die wir uns nicht hätten vorstellen können. Gott sei Dank. 
Vielleicht ist das dran in dieser Karwoche. Den Palmwedel niederlegen und mit leeren Händen still werden und gucken, was kommt. Irgendwo steht Lazarus. Irgendwo auf dem Boden Spuren und Schriftzeichen im Sand. Irgendwo alte Wasserkrüge, die plötzlich voller Wein sind. 

Mein Reich ist nicht von dieser Welt, sagt Jesus. Gott sei Dank.

Freitag, 3. April 2015

Und doch. - Karfreitagspredigt über Joh 19,16-30


Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem. 
Seht, wir gehen hinaus aus Jerusalem. 
Hinaus aus der Stadt, auf den Berg, 
in die Peripherie, 
an den Rand der Gesellschaft, 
den Grenzstreifen des Lebens, 
wo so viele Wege enden und Geschichten offen bleiben. 
Es fällt nicht leicht, dort zu bleiben, 
die Luft ist schwer von Trauer und Wut, 
von zerstobenen Träumen und zerbrochener Hoffnung. 

Und doch. 
„Wo Trauer ist, da ist Heiliger Boden, 
manche Menschen lernen das eines Tages – 
sie werden nichts vom Leben wissen, 
bis sie es lernen“, 
sagt Oscar Wilde. 
Seht, wir gehen hinaus aus Jerusalem. 

Bild geklaut bei kirchenmusik-in-gevelsberg,de

Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 

Leben enden in einer Randnotiz. 
Drei Sterbende, 
davon zwei Namen, 
die man nie gekannt, 
vergessen oder einfach weggelassen hat, 
weil sie nicht wichtig genug erschienen, 
keine Nachricht wert. 

Und doch. 
Jesus aber in der Mitte. 
Inmitten der Entfallenen, 
der Übersehenen und Verdrängten. 
Jesus aber in der Mitte, 
ihr Anker, 
dass niemand von diesen Kleinen verloren gehe 
im stillen Meer des Vergessens. 


Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 

Was bleibt von einem Menschen nach dem Tod? 
An was werden die Menschen sich erinnern? 
Nach dem Willen der Römer nur an das Eine: 
Die Schuld, das Verbrechen, 
den Grund für die Kreuzigung. 
Was bleibt nach dem Tod 
eines 27jährigen Piloten aus Montabaur, 
einem Sohn, Freund, Neffen, Arbeitskollegen, 
Marathonläufer, Segelflieger? 
Allem Anschein nach nur das Eine: 
Die Krankheit, die Schuld, 
die Verantwortung für den Tod von 150 Menschen. 
Der Name, der einmal publiziert ist, 
das Etikett, das einmal geschrieben ist, 
bleibt haften, das Netzt vergisst nicht: 
Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 

Und doch: 
Auf dem einen Kreuz, 
über dem sterbenden Körper 
eines als Verbrecher Verurteilten 
strahlt die Aufschrift wie eine Krone in die ganze Welt hinein. 
Knapp zweitausend Jahre trennen uns von dem Geschehen, 
knapp 4.000 km liegen zwischen der Christuskirche und Golgatha, 
aber trotzdem hören wir seine Geschichte,
Tag für Tag, Sonntag für Sonntag. 


Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 

Da ist einer noch nicht unter der Erde, 
noch nicht einmal kalt, 
noch nicht einmal tot, 
noch warm und leise atmend, 
und der Streit um das Erbe geht los. 
Man nimmt es von den Lebenden. 
Eigentum wird verspielt, 
bis auf das letzte Hemd, 
das keine Taschen hat, 
aber immerhin einen Materialwert. 
Der Tod kostet. 

Und doch. 
Es bleibt ein Randgeschehen. 
Das Äußere wird weniger wichtig, 
was man nicht mitnehmen kann, wird losgelassen. 


Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 

Den eigenen Tod, den stirbt man nur – 
mit dem Tod der anderen muss man leben. 
Einsam und kalt ist der Tod. 
Die Nähe halten nur wenige aus. 
Von den Zwölfen, die ihm näher waren als die eigene Familie, 
von den Hunderten, die er geheilt hat, 
von den Vier- oder Fünftausend, die er satt gemacht hat, 
von den Unzähligen, die seine Worte berührt haben- 
wer bleibt übrig? 
Vier, fünf, vielleicht sechs Menschen. 
Dreimal Maria, eine davon am Sterbeort des eigenen Sohnes, 
dem tiefstmöglichen Punkt im Leben eines Menschen. 
Einsam und kalt ist der Tod. 

Und doch: 
Unter dem Kreuz, um das Sterben drumherum 
werden Beziehungen geknüpft. 
In den durchwachten Nächten, 
den ganz dunklen Stunden 
rücken Menschen zusammen, 
zeigen ihre Wunden und zehren von ihrer Stärke, 
finden sich Schultern zum Ausweinen, 
Hände zum Festhalten, 
treffen sich Blicke hinter Tränenschleiern, 
und es wird anders als zuvor. 

(c) caritas-salzburg.at

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 

Manchmal in den letzten Stunden 
haben Menschen unerträglichen Durst. 
Kein Flüssigkeitsmangel, 
ein letzter Durst nach Leben, 
ein letztes Aufbäumen vor dem Unausweichlichen, 
ein letzter Reflex, wenn die Kräfte schwinden. 
Eine Sehnsucht, die sich nicht stillen lässt. 

Und doch. 
Eine helfende Hand lindert die Qualen, 
ein paar Tropfen benetzen die Lippen 
und lassen spüren: 
Du bist umsorgt, 
du bist nicht allein. 


Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied. 

Es ist vollbracht. 
Das könnten seine Angehörigen sagen: 
Er hat es hinter sich. 
Als die Kraft zu Ende ging, 
wars kein Abschied, wars Erlösung. 

Es ist vollbracht. 
Das könnten die Römer sagen: 
Wir sind ihn los. 
Ein Aufrührer weniger, 
eine Protestbewegung erstickt, 
eine Gefahr weniger für den Staat. 

Es ist vollbracht. 
Das könnten die religiösen Führer sagen: 
Wir haben es geschafft. 
Gottes Recht ist aufgerichtet, 
die Ordnung wiederhergestellt. 

Keiner von ihnen. 
Jesus selbst sagt es, 
behält auch das Ende in der Hand. 
Es ist vollbracht, 
und wie im Schnelldurchlauf 
ziehen die Szenen noch einmal vorbei 
und ergeben einen Sinn: 
Die Dornenkrone und der Purpurmantel, 
der Ehrenplatz auf dem Kreuzeshügel, 
die Inschrift auf dem Kreuz, 
die Soldaten, die einen Plan erfüllen, 
den sie nicht kennen, 
und der doch alles durchwebt und zusammenfügt: 
Rühmet den Herrn, 
die ihr ihn fürchtet; 
denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen 
und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; 
und als er zu ihm schrie, hörte er’s. 
Die Elenden sollen essen, 
dass sie satt werden; 
und die nach dem Herrn fragen, 
werden ihn preisen; 
euer Herz soll ewiglich leben. 
Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden 
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden. 
Denn des Herrn ist das Reich. 

Es ist vollbracht, 
das sagt der, der keine Angst mehr hat: 
In der Welt habt ihr Angst, 
aber seit getrost, 
ich habe die Welt überwunden, 
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, 
und der Tod wird nicht mehr sein, 
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.

Donnerstag, 5. März 2015

Passion in Bildern (II): "Entartete Kunst" und eine Freundschaft, die tragisch endet




Unser heutiges Bild stammt aus der neunteiligen Bilderreihe „Das Leben Christi“ aus den Jahren 1911 und 1912 von Emil Nolde, dem großen deutschen Expressionisten des 20. Jahrhunderts. Die Bilder sind allesamt Aquarelle in ausdrucksstarken Farben und zum Teil sehr simplen, zweidimensonalen Figuren, fast so, wie man sie aus Kinderbibeln kennt – hier wirkt einerseits im Großen die Romantik nach, andererseits im Kleinen und Entscheidenden die Bibelstunden auf dem Bauernhof in Nolde (daher der Künstlername). 



Wohlgemerkt, in allen Bildern bis auf das, was uns heute besonders interessiert, aber dazu später. Diese Bilderreihe war im Jahr 1937 Mittelpunkt der Naziausstellung „entartete Kunst“, die Kulturvasallen Joseph Goebbels‘ hatten darüber ein Plakat hängen lassen mit der Aufschrift: „Gemalter Hexenspuk, geschnitzte Pamphlete von psychopathischen Schmierfinken“ – übrigens, bezeichnender Weise hat die Kirche an manchen Stellen in ihrer Kritik an Noldes religiösen Bildern zum Teil fast wortwörtlich dasselbe gesagt – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Nolde selbst war von dieser Kritik auf zweifache Art getroffen: Erstens verstand er selbst seine „biblischen und Legendenbilder“ als Ausdruck einer respektablen Religiosität und Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens – und er war selbst ein fieser Antisemit, aktives NSDAP-Mitglied und Kämpfer gegen die von ihm selbst so bezeichnete „Überfremdung germanischer Kunst.“ 

Aber kommen wir zum Bild selbst. Die knalligen Farben, die ausdruckstarken und deutlichen Formen, die sonst die biblischen Bilder auszeichnen, sucht man hier vergebens. Es ist dunkel, vieles wirkt undeutlich, verschwommen, man muss zwei-, dreimal hingucken, um überhaupt etwas zu erkennen. Das passt, denn es ist wahrscheinlich Abend im Garten Gethsemane. Das passt aber auch auf einer tieferen Ebene, denn wenn vertraute Menschen einen hintergehen, verraten, ausliefern – dann schwankt der Boden unter den Füßen, dann erscheint das, was vorher klar und stabil schien, plötzlich zwielichtig und brüchig. Und zwar auf Dauer – ich weiß nicht, wie oft mir schon jemand erzählt hat: Ich bin einmal sehr enttäuscht worden, mir fällt es schwer Vertrauen zu fassen. 

Es ist dunkel im Garten Gethsemane, und die Menschen sind nur zum Teil erkennbar. Das ist Judas. Er schlingt Jesus die Arme um den Hals, küsst ihn auf den Mund und sieht für mich sehr ungestüm, sehr vereinnahmend aus. Und vielleicht ist das so, so wie falsches Gelächter oft das lauteste ist, und die falschen Küsse die vermeintlich leidenschaftlichen und auf jeden Fall öffentlichkeitswirksamen. Der Judas auf diesem Bild ist noch nicht der, dem kurze Zeit später den Hohepriestern das Geld vor die Füße schmeißt und dem die eigene Existenz unerträglich wird und der seinem Leben ein Ende setzt. Dieser Judas hier ist überzeugt von dem, was er tut. Warum Judas zum Verräter wird, wissen wir letzten Endes nicht, da ist viel spekuliert worden. Ob es die Geldgier ist, ob es die Enttäuschung des politischen Aktivisten ist oder irgendwelche Zwischenmenschlichkeiten, von denen wir keine Ahnung haben – wir wissen es nicht. Aber weiß man überhaupt jemals wirklich, warum Menschen zu dem werden, was sie werden? 

Dann ist da noch Jesus auf dem Bild. Sein Blick scheint in weite Ferne zu gehen, sein Gesicht ist seltsam ausdruckslos. Ein Arm leicht erhoben, ich kann nicht sehen, ob er die Umarmung halb erwidert oder Judas halb abwehrt – aber es ist auf jeden Fall nur eine halbe Geste. Jesus lässt das alles mit sich geschehen, angeblich, weil es einfach so sein muss. Und auch das ist die Tragik menschlicher Beziehungen, die zerstörerisch enden: Es gehören immer zwei dazu, auf irgendeiner Ebene, bewusst oder unbewusst, auf eine Art und Weise gehört immer jemand dazu, der den anderen machen lässt, weil es angeblich irgendwie so sein muss. 

Im Vordergrund ein römischer Soldat, erkennbar am Helm und an den Fackeln, die er trägt. Also einer von der Gegenseite, an die Judas Jesus verkauft hat. Er schlägt die Hand vor den Mund und schaut sich das Geschehen ungläubig, fast entsetzt an. Vielleicht erkennt er, mit was für fiesen Mitteln seine Befehlshaber hantieren. Vielleicht ist es auch so, dass niemand einen Verräter mag, auch die nicht, die einen Nutzen von ihm haben. 

Im Hintergrund steht eine weitere Person. Man kann sie kaum erkennen, man sieht nur ihre Augen im Dunkeln leuchten und vielleicht schemenhaft ein paar Gesichtszüge, eine Hand. Und irgendwie passt es auch, denn in den meisten Fällen, in denen Vertraute zu Verrätern werden, in denen Menschen Menschen verraten, gibt es da jemanden im Hintergrund. Im Kleinen fängt das im Sandkasten oder auf dem Schulhof an, wenn da auf einmal jemand ist, der die cooleren Klamotten oder Spielzeuge hat und es wert scheint, dass man alle anderen plötzlich links liegen lässt. Das ist meistens dann so, wenn Liebende anfangen, einander zu belügen und zu hintergehen, weil da irgendjemand ist, der das verspricht, was man vermisst. 

Und mit all dem ist gerade einmal die Hälfte des Bildes beschrieben. Absolut dominant ist das Schwarz, die Dunkelheit, die Finsternis, die alle zu verschlucken droht. Und man, gerade bei Judas, gar nicht so richtig, ob er aus der Dunkelheit hervorgeht, oder ob sie ihn verschlingt. Vielleicht kann man das auch gar nicht so genau unterscheiden, vielleicht ist das so, dass bestimmte Mächte, Motive, Gedanken, mit denen man sich abgibt, für den Augenblick zwar einen Antrieb bedeuten, auf lange Sicht aber immer die auffressen, die sich mit ihnen abgeben. 

Es ist kein weiter Gedankensprung, mit der Schwärze in dem Bild den Tod zu verbinden, den Tod beider Hauptfiguren, auf den es hinausläuft. Dabei ist es, glaube ich, nicht nur der physische Tod am Kreuz und der Tod am Strang. Es gibt noch etwas, das man in den verschiedensten Zusammenhängen als den „sozialen Tod“ kennt. Eine eindrückliche Schilderung davon haben wir in dem Psalm, den wir vorhin gebetet haben, gehört. Der soziale Tod ist der Abbruch aller Beziehungen, schon im Leben. In unseren Breitengraden ist er vielleicht besonders in denjenigen Institutionen verbreitet, in denen alte und kranke Menschen ohne menschliche Kontakte vor sich hin vegetieren, nicht mehr als Personen, sondern nur noch als Insassen behandelt werden. Am sozialen Tod sterben Menschen, der so genannte Alterssuizid, ob er aktiv durch Medikamentenüberdosierungen oder eher „passiv“ durch Nahrungsverweigerung oder schlichtweg Selbstaufgabe geschieht, ist eine Tatsache. 

Jesus selbst ist auch den sozialen Tod gestorben, nicht allein wegen Judas. 
Auch wegen Petrus und aller anderen, die ihn verlassen haben. 
Jesus selbst ist in das Dunkle menschlicher Verwicklungen hinabgestiegen 
und hat dafür gesorgt, dass die Zeiten und Räume der Einsamkeit 
keine Sekunde lang Momente der Gottesferne sind. 
Das ist keine Entschuldigung. 
Das ist die einzige Hoffnung für alle Menschen, 
die einander ins Dunkel reißen. 
Amen.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Passion in Bildern (I): "Eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht haben will"

Raoef Mamedov (1979), Last Supper. Quelle. postkiwi.com

Liebe Gemeinde, unsere Reihe von Passionsandachten wird heute mit einem Ensemble aus fünf Fotografien von Raoef Mamedov eröffnen. Der Künstler wurde 1956 in Aserbaidschan geboren, ist heute, nach entsprechendem Studium und Praxis Professor an der Hochschule für Film und Fernsehdirektor in Moskau. Vor seiner Karriere als Fotograf arbeitete er als Sozialarbeiter in der Psychiatrie. Aus den offiziellen Biografien geht nicht draus hervor, was genau das für Einrichtungen waren, aber es ist davon auszugehen, dass die Zustände in einer geschlossenen Anstalt in der Sowjetunion der späten Siebziger andere waren als wir sie heute gewohnt sind. Sein Bild heißt: „Das letzten Abendmahl“ und ist, wie Sie wahrscheinlich auch erst einmal von Ferne erkennen können, eine Nachstellung des berühmten Gemäldes von Leonardo Da Vinci. Da sind sie alle, Jesus, die Jünger. Aber der Reihe nach. 

Jesus sitzt in der Mitte. Mit hängenden Schultern blickt er auf einen unbestimmten Punkt irgendwo neben seinem Teller. Der Teller ist leer, das Brot, das werden wir später sehen, ist unter den Jüngern geteilt. Geteilt, oder zerbrochen, wer weiß das schon. An seiner rechten Hand eine Brille, das Symbol des Gelehrten, des Rabbiners. Jesus sitzt von allen anderen getrennt und vielleicht sind es innerhalb der Passionsgeschichte diese kleinen Momente, in denen sich schon abzeichnet, dass Er einen Weg zu gehen hat, den niemand seiner Jünger mitgehen kann. Gerade hat er die Worte gesprochen, die die Gemeinschaft der Jünger aufsprengen und sie vereinzeln: „Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst.“ Das schafft Unruhe am Tisch. Einer fragt den anderen: „Doch nicht ich!“, so schreibt die Bibel. Und die Jünger reagieren ganz unterschiedlich, aber doch so ähnlich und so nachvollziehbar auf diese Ankündigung, auf das Wissen, dass für Einen von ihnen ihre Gemeinschaft mit Jesus, ihre Gemeinschaft miteinander nicht soviel bedeutet hat, oder eben doch zu viel. 

Geht man von den allgemeinen Annahmen zu Leonardo Davincis Bild aus, so ist es Thomas, der Jesus hier drohend den Zeigefinger entgegenstreckt, denselben Zeigefinger, den er später in seine Wunde legen wird. Er scheint wütend auf Jesus zu sein, wie wir so oft wütend auf den Überbringer schlechter Nachrichten sind, nicht auf die Verursacher selbst. Daneben Jakobus der Zebedaide, der Donnersohn, der mit seiner Geste und seinem abgelenkten Blick ins leere ganz klar macht: „Ich habe damit nichts zu tun!“ Philippus starrt Jesus ungläubig an, es ist nicht klar, ob er sich an die Brust fasst oder ob er sich sein Gewand enger um den Körper zieht, als wäre es plötzlich kalt geworden. 

Am einen Ende des Tisches, vermutlich sind es Matthäus, Thaddäus und Simon, herrscht Ratlosigkeit. Matthäus blickt seinen Nachbarn an, als erhoffte er sich von ihm ein erlösendes Lachen, eine Auflösung – war doch alles nur ein Scherz! Sein Nachbar Thaddäus zeigt ihm die kalte Schulter, er scheint sich zu Simon zu lehnen und misstrauisch ihn Richtung seines Nachbarn zu zeigen. Hier zeigt sich, dass die Frage: „Bin ich’s?“, wie sie in der Bibel noch als Erstreaktion der Jünger geschildert wird, auf lange Sicht wahrscheinlich für keinen Menschen auszuhalten ist und schnell zur Frage wird: „Meinst Du, der war’s?“ 
Simon der Zelot starrt mit hochgezogenen Augenbrauen vor sich hin, die Hände ausgebreitet, als zucke er die Schultern. „Wer versteht schon alles von dem, was Jesus so von sich gibt?“ 

Ihnen genau gegenüber, am anderen Ende des Tisches, herrscht ähnlicher Aufruhr. Bartholomäus hat sich von seinem Stuhl erhoben, stützt sich auf dem Tisch ab. Daneben Jakobus der Jüngere. Entgeistert starrt er Jesus an, aus seiner Geste ist für mich nicht ersichtlich, ob er ihn festhalten oder ob er den Verdacht, den Gedanken, Jesus selbst wegstoßen will. Andreas, der Bruder des Petrus, scheint den Verdacht mit den Händen abzuwehren, wieder: „Ich war’s nicht!“ Stiller scheint es um die nächsten drei zu sein, Petrus, Judas und der Lieblingsjünger. Letzterer ist, unschwer zu erkennen, eine Frau, Mamedov hat das ewige Rätsel um die Figur in Davincis Bild für sich gelöst. Sie sitzt vom Bild her am nächsten bei Jesus, wie auch der Lieblingsjünger nach dem Johannesevangelium ihm oft am nächsten sitzt. Und vielleicht ist es diese Nähe, die es ihr möglich macht, zu akzeptieren. Sie faltet die Hände und senkt den Blick. Petrus sitzt da, einen Ellenbogen und eine Hand auf dem Tisch abgestützt, das Kinn hochgezogen, den Blick auf Jesus. Als warte er auf irgendeine Anweisung. Als meine er, irgendetwas tun zu können. 

Und dann Judas. Der mit ganz anderem beschäftigt scheint. Das Messer in der einen Hand, wendet er sich dem Lieblingsjünger zu und zumindest für mich sieht das nach eindeutiger Anmache aus. Ein doppelter Verrat an Jesus, sozusagen – zuerst liefere ich Dich aus, dann mache ich mich an die ran, die Du liebst. 

Liebe Gemeinde, eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht will. So war diese Bildbetrachtung heute angekündigt. Und in der Tat möchte ich nicht an diesem Tisch sitzen, möchte ich so etwas nicht erleben - die Ankündigung, dass Einer die Gemeinschaft verraten wird, die gegenseitigen Anschuldigungen, das feige Flüstern der Einen und das unreflektierte Poltern der Anderen. Und noch etwas macht diese Tischgemeinschaft zu einer, die keiner so recht haben will. Sie haben es längst gesehen, die Darsteller auf dem Bild haben das Down Syndrom, eine Trisomie 21, früher in locker-rassistischem Zungenschlag als „Mongolismus“ bezeichnet. Die Schauspielgruppe, mit der Mamedov 1997 über einige Wochen intensiv gearbeitet und dann eine Fotoreihe gemacht hat, sind alle gut jenseits der Dreißig. Wollte er das Projekt in ein paar Jahren wiederholen, hätte er größere Mühe, genügend Leute zu finden. Denn zwischen siebzig und neunzig Prozent der Kinder, bei denen eine Nackenfaltenmessung die Ängste der Eltern bestätigt, werden in der westlichen Welt nicht geboren. 

Mamedovs Bild macht mir deutlich, dass die menschliche, zwischenmenschliche und übermenschliche Gemeinschaft, die Gott in Jesus Christus gesucht und geschaffen hat, weiter ist als unsere schiefen und so veränderlichen Maßstäbe dafür, was gelungenes und gutes Leben ist. Und zwar nicht nur im Blick auf Gesundheit, Unversehrtheit, Kraft. Sondern auch im Blick auf Schuld und Versagen. Es tröstet mich, dass sich diese Szenen menschlichen Versagens, die im Bild aufgefangen, eingefroren sind, VOR dem letzten Abendmahl abspielen. Jesus sitzt und isst mit seinen Jüngern, obwohl – und vielleicht: weil sie Brüdermörder, Drückeberger, Skeptiker, misstrauische Lästermäuler sind. Dann gilt die Gemeinschaft auch uns, mit all unseren Fehlern, all unseren Schwächen, all unserer Schuld. 

Und der Friede Gottes…