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Montag, 7. April 2014

Der Esperanto-Stammtisch in der Moni ihrem Laden

Aus dem ungemütlichen Wintermatsch trete ich in ein Café, das irgendetwas mit "Laden" im Namen trägt und den Charme der friedensbewegten Achtzigerjahre atmet: Eine zusammengewürfelte Einrichtung, an den Wänden alte Protestplakate ("Wir sind bedroht durch Abgastod!"), aus knarzenden Lautsprechern stolpern wenig eingängige Weltmusikklänge und erinnern mich an meine eurozentrische Weltsicht. Über der Theke, auf den Tischen bieten mir Speise- und Getränkekarten, zum Teil handgeschrieben, zum Teil in vermeintlich peppigem Comic Sans Serif gedruckt und mit lustigen Smileys versehen, "Knobi-Brot :-)" und "Süße Fairsuchungen :-)" an. Ich werde freundlich begrüßt von einer hageren und mit selbstgebasteltem Schmuck verzierten Mittfünfzigerin in einer Art Sari, deren hennarot gefärbtes Haar über die Schultern wallt, ich nenne sie heimlich "die Moni". Zettel und Plakate leuchten an den Pinwänden in allen Farben des Regenbogens und informieren mich darüber, dass in der Sporthalle der GGS Lintzow montagsabends Kreistänze getanzt werden, dass Marlene Schmidt-Krusowski nicht nur Hilfe im Haushalt, sondern auch echte fernöstliche Massage anbietet und vorletzten Donnerstag in der Buchhandlung "Eulenspiegel" der österreichische Philosoph Dr. Alois Martin Brenner über die Lösung aller Weltprobleme durch organisch angebauten Hanf referiert hat. Ich lasse mich an einem Tisch nieder, die Moni bedauert, dass man aus politischen Gründen keine Cola im Hause habe, sie mir aber "totaaal leckere Süßholzbrause" empfehlen könne. Wi-Fi gibt es natürlich auch nicht, man wolle schließlich, dass die Menschen miteinander reden.

Aus einer Ecke im hinteren Teil des Raums dringt vielstimmiges Gemurmel. Um zwei aneinander geschobene Tische sitzen ein paar Menschen, die meisten von ihnen älteren Semesters. Lange silberweiße Haare glänzen im Kerzenschein, ein Großteil hat sich dem stammtischeigenen Dresscode angepasst und trägt Norwegerpulli oder Lehrercord mit Ärmelschonern. Die Menschen unterhalten sich einigermaßen schleppend, überdeutlich wie eine Sprachlernschallplatte artikulieren sie etwas, das klingt, als ob ein polnisches Kindergartenkind in einer sich irgendwie am Spanischen orientierenden Fantasiesprache vor sich hin brabbelt. In Monis Ladencafé trifft sich der örtliche Esperanto-Stammtisch, der weltverbesserliche Freundeskreis jener drolligen Plansprache, die nach dem Willen ihres mit nicht allzu viel Sprachgefühl belasteten Erfinders, einem Bialystocker Augenarzt, Ende des 19. Jahrhunderts die Menschen (oder, in der Sprache seiner Zeit, die "Völker") zusammenführen sollte.




Ich habe mich (in der Pubertät flirtet man ja mit so manchen Abstrusitäten) mal ein wenig mit Esperanto beschäftigt und kann durchaus ein bisschen rührselige Sympathie für die um internationale Verständigung bemühten Fans dieses Projekts aufbringen. Im Gesamturteil überwiegt aber meine grundlegende und überaus herzliche Abneigung: Ästhetische Maßstäbe sollte man weder an die Sprechenden, noch an die Sprache selbst anlegen, ein gruseliges Gemisch aus Signaturlauten europäischer Sprachen (vornehmlich Polnisch, Deutsch und Spanisch), dessen Phonetik an Scheußlichkeit nur noch durch sein krudes Schriftbild übertroffen wird. Die Plansprache ist durchzogen von logischen Fehlschlüssen und willkürlichen Bestimmungen, die behauptete Universalität wird durch die sich rein europäischer Vorbilder bedienende Wortschöpfungspraxis Lüge gestraft. Den an sich oft ganz furchtbar netten Anhänger_innen gefriert das treuherzig-weltoffene Lächeln, sobald es um spitzfindige Fragen der Sprachpraxis (soll man jetzt komputero oder komputilo sagen?) oder die großen Richtungsstreits der Bewegung (soll Esperanto weltweite offizielle Hilfssprache werden oder Kennzeichen und Kristallisationspunkt einer eigenen Kultur sein?) geht.

Als die Moni mir noch eine Süßholzbrause bringen will, lehne ich dankend ab und zahle. Beim Rausgehen fällt mein Blick noch einmal auf die immer noch lebhaft diskutierenden Senioren am Esperantotisch. Eigentlich sehen sie ganz nett aus, wirken engagiert. Wenn da nicht dieses absolut bekloppte Hobby wäre... Und in dem Moment fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: Endlich weiß ich mal, wie Kirche von Außenstehenden wahrgenommen wird!