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Dienstag, 5. Dezember 2017

Weinende Visionäre und großes Kino | Predigt über Offb 5 und BWV 62

Aus dem Kantatengottesdienst in der Kölner Antoniterkirche.
 

GROSSES KINO 

 

Lehnen Sie sich zurück. Greifen Sie in Gedanken in die Tüte mit Popcorn, trinken Sie einen Schluck, was auch immer, denn: Sie erwartet großes Kino. Großes Ohrenkino gleich nach der Predigt mit der Bachkantate, und vorher schon großes Kino für Auge und Herz, ein bisschen auch für den Kopf, mit einem Text aus der Bibel, der es in sich hat. Bei dem es ums Ganze geht. Großes Kino halt, dabei weniger „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, eher „Armageddon“, auch nicht „der kleine Lord“. Am Anfang des Kirchenjahres blättern wir zum Ende der Bibel, schlagen die Offenbarung des Johannes auf. Ein Buch voller Rätsel, voller Bilder, voller Ausrufe- und mindestens so vielen Fragezeichen. Wir gucken dem Seher Johannes über die Schulter. Er bekommt das, was viele Menschen sich wünschen, worauf sie hoffen, wonach sie lautstark verlangen, wenn die Gegenwart zu schwer zu ertragen ist. Johannes bekommt Einblick in die Zukunft. Nicht in die nächste Woche, nicht auf den Rest seines eigenen Lebens, sondern in die Zukunft, die Gott für diese Welt vorgesehen hat. Großes Kino eben, keine Kaffeesatzleserei. Wir treten neben Johannes, als er in Gedanken im Thronsaal steht.  

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 


ZEIT DER GEHEIMNISSE – IST DA JEMAND? 

 

Advent ist die Zeit der Geheimnisse. Ein Kalender mit vierundzwanzig Türchen, jedes mit einem kleinen Geheimnis dahinter. Ein kurzer Blick auf verheißungsvoll raschelnde Pakete, bevor sie bis Heiligabend irgendwo verschwinden und in der Zwischenzeit aufgeregt rätseln lassen, was da wohl drin ist. Immerhin: Am Ende der Adventszeit werden wir es wissen. Die Türchen sind aufgemacht, Geheimnisse gelüftet und Pakete ausgepackt. Im himmlischen Thronsaal scheint die Lage anders zu sein. Da ist das Buch, eine kunstvoll gefaltete Rolle, von innen und außen beschriftet. Allem Anschein nach eine Urkunde göttlicher Herrschaft, und damit auch ein Dokument voller Wahrheit und Klarheit über die Zukunft der Welt. Nur eben: Versiegelt. Mit nicht nur einem, sondern gleich mit sieben Siegeln, und die mystische Zahlenspielerei macht deutlich: Dieser Code ist nur mit göttlicher Kraft und Autorität zu brechen. 

Einerseits finde ich das gut. Das mahnt zur Vorsicht bei Zukunftsprognosen und Kaffeesatzleserei aller Art. Die Zukunft liegt bei Gott, und da liegt sie gut. 

Und andererseits macht es mich ungeduldig. Mir geht es wie Johannes. Ich will lesen. Und wissen, wie es ausgeht. Nicht einmal im Detail, will nur wissen, dass es gut ausgeht. Wie wenn ich bei einem unerträglich spannenden Krimi verbotenerweise auf die letzten Seiten blättere, um zu sehen, wer am Ende noch alles am Leben ist. Wie Johannes auf der Insel Patmos, der aus dem Exil heraus sieht und hört, wie seine Schwestern und Brüder im Glauben von den Römern verfolgt und getötet werden. Spürt und weiß: Unfrieden herrscht auf der Erde, und ein gutes Ende ist kaum vorstellbar. Unfrieden herrscht auf der Erde, und Ungeduld sogar im Himmel, wenn ein starker Engel die heilige Stille durchbricht und ruft: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Ja, wer? Wer kann die Siegel aufbrechen, wer versteht die Geheimnisse dieser Welt, und wer kann eigentlich dafür sorgen, dass am Ende alles gut wird? Ist da überhaupt jemand? Ist da jemand, der mein Herz versteht? Und der mit mir bis ans Ende geht? Ist da jemand, der noch an mich glaubt? Ist da jemand? Ist da jemand? Der mir den Schatten von der Seele nimmt? Und mich sicher nach Hause bringt? Ist da jemand? Ist da jemand? -- Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. 

ES IST ZUM WEINEN 

 

Es ist doch zum Weinen. Dass da niemand ist, der dieses Buch öffnen kann. Dass da niemand ist, der weiß, wie es geht, wie es sein wird. Es ist doch zum Weinen, dass allem Anschein nach das Böse, das Tödliche, das Dumme, das Unfaire, das Lebensverachtende in der Welt den Sieg davonträgt. 
Es ist doch zum Weinen, dass wir bald drei Monate immer noch nicht wissen, wer die Regierung stellen wird, und ein Minister im Alleingang gegen den Willen von Millionen von Bürgern und gegen den Willen der Kanzlerin den Einsatz einer hoch umstrittenen Chemiekeule genehmigt. 
Es ist doch zum Weinen, dass mehr als siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Partei die drittmeisten Stimmen bekommt, die die Zeit zwischen 33 und 45 schönreden und vielleicht sogar in Teilen wiederholen will. 
Es ist doch zum Weinen. 
Auch all das, was es nicht in die Zeitung schafft. Gestern Nachmittag war ich bei der Andacht eines Kollegen mit seiner Konfirmandengruppe dabei. In der kleinen kalten Kapelle auf dem Altar das Bild eines Zwölfjährigen. Lukas. Er war in ihrer Konfigruppe. War. In der Nacht von Sonntag auf Montag ist er gestorben. Einfach so. Morgens nicht mehr aufgewacht. „Ich bin sprachlos“, sagte der Kollege, „ich bin sprachlos, auch, wenn ich gerade rede.“ Und wir haben Kerzen angezündet und geweint. Geweint wie jetzt gerade Menschen weinen, überall in der Welt, aus den verschiedensten Gründen. 


Wie Johannes im himmlischen Thronsaal weint, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun. Weint, bis ihm jemand die Hand auf die Schulter legt. 

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; […]Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. 

GROSSES KINO, EIN UNERWARTETER HAUPTDARSTELLER – VARIATIONEN EINES THEMAS 

 

Mitten im Thronsaal ist der schon da, der die Siegel brechen und die Zukunft in die Hand nehmen kann. Ist schon da, aber kommt erst jetzt in den Blick. Drängt sich nicht vor, ruft nicht laut „hier“, aber lässt sich finden. Wie am Anfang, der kleine Lord in der Krippe auf Stroh, wie am vermeintlichen Ende am Kreuz, wie beim Sequel neben dem beiseite gerollten Stein über seinem leeren Grab. Wie beim großen Finale im himmlischen Thronsaal. Das, was Johannes hier sieht, ist bei Lichte betrachtet eigentlich gar nicht so neu. Glanz und Gloria beiseite lassend, erkennen wir Variationen eines Themas, erleben wir, was Menschen immer und überall erleben, wenn Gott sich sehen lässt: Es wird anders. Anders als gedacht, anders, als wir es machen würden. Und vielleicht kann und wird es gerade deswegen gut. Das Wort wird Fleisch in der gänzlich kitschbefreiten Ungastlichkeit eines Viehstalls – und macht die, an denen die Weltgeschichte meist vorbeigeht, zu Trägerinnen und Boten des Heils. Der König kommt in nieder’n Hüllen. Der, der die Rettung aller Welt bedeutet, behält seinen unmissverständlich jüdischen Stallgeruch. Das Lamm, auf dem Altar politischen Kalküls und menschlicher Irrtümer geopfert, ist stärker als alle irdischen Herrscher, die sich als brüllende Löwen inszenieren. Und sieben Hörner sind und bleiben mehr als die zwei Hörner aller Götterfiguren und angeglichen Heilsbringer, als der Kopfschmuck aller Teufel und Dämonen dieser Welt. 

ALLE JAHRE WIEDER 

 

Wirklich neu ist das nicht, was Johannes sieht. Tröstlich, ja, ohne Zweifel. Alles wird gut, und im Spannungsbogen der biblischen Geschichte dürfte das kaum überraschen. Alles wird gut. Am Ende einer Predigt am ersten Advent dürfte auch das kaum überraschen. Aber die mächtige Dynamik dieser Welt und ihrer Geheimnisse bringt es mit sich, dass wir es immer wieder neu hören müssen. Auch am ersten Advent hier in Köln können wir großes Kino gebrauchen, mit Bildern, die mächtiger sind als die Schreckensszenarien der Nachrichten, und brüchiger und deshalb wahrer als unsere heimelige Adventsromantik. Auch am ersten Advent gibt es Menschen, auch hier in der Kirche, die Grund haben zu weinen, zu fragen: „Ist da jemand?!“, und mit Ambrosius und Luther und Bach und den Sängerinnen und Sängern aus Rösrath zu rufen: Nun komm, der Heiden Heiland. Komm und nimm die Geschichte in die Hand. Komm und mach uns frei. Komm und streite und siege und richte uns auf. Komm. Wir müssen es neu gesagt bekommen, es uns neu sagen lassen. Und mit der Frage im Hinterkopf: „Ist da jemand?“ hören wir die Kantate des fünften Evangelisten als großes, klingendes, uns bis in die tiefsten Fasern berührendes und veränderndes: JA, AMEN! 


Donnerstag, 3. Oktober 2013

"Gott allein soll mein Herze haben" - Predigt im Kantatengottesdienst über BWV 169 und Matthäus 22,34-40


Die Kantate ist hier zu hören - für den richtigen Predigteindruck lohnt es sich, beim Video zwischendurch zu pausieren!


(Sinfonia)

Liebe Gemeinde, was für ein Auftakt! Jesus kommt, er ist da, zur Freude der Einen, zum
(c) Dieter Schütz / pixelio.de
Ärger der Anderen. Die ersten Takte verraten: Es geht um was, die Streicher geben dem Einsatz, ein freudiger Ruf: Da ist er, wie die ersten Menschen, die ihn gesehen haben, als er auf die Stadttore zukommt. Das ganze Orchester fällt ein, läuft, springt, wie die Menschenmenge, die ihm auf Schritt und Tritt folgt. Die Orgel tanzt und läuft und trillert, wie die Kinder, die er in seiner Nähe haben will. Zwischendurch immer wieder: Die Oboe d’amore, wie die Stimme der Sehnsucht all derer, die von ihm etwas erwarten. Dann wieder: Die Orgel in Moll, ebenso schnell, klare, strukturierte Melodieläufe, aber eben in Moll: Nicht alle in der Menge sind einverstanden, mit dem, was er sagt, was er tut. Die Stimmen seiner Gegner, die, die sonst den Ton in der Gesellschaft angeben. Sie geben nicht so leicht auf, löchern ihn mit Fragen, klaren, schnell geschossenen und zielgerichteten Prüfungen, auf welchem Boden er sich eigentlich bewegt. Einige dramatische Höhen, wer die Geschichte kennt, weiß, dass dieser Besuch in Jerusalem ein böses Ende nehmen kann, nehmen wird. Doch das sind vorerst nur Zwischentöne, die aufgeregt murmelnde Volksmenge, die springenden Kinder, die sehnsüchtigen Fragen, sie geben den Ton an.

Was für ein Auftakt – Jesus kommt, er ist da, zur Freude der Einen, zum Ärger der Anderen. Wem Jesus gegenübertritt, dessen Herz schlägt schneller, dessen Schritte beschleunigen sich – zu ihm hin oder von ihm weg. Die einzige Pause in dieser springenden, laufenden, tänzelnden Ouvertüre, in der das ganze Orchester Schwerarbeit leistet, ist ein einziger, eine Achtel kurzer Schlag, eine winzig kleine Verzögerung, bevor es von Neuem losgeht. Es fällt beim Zuhören schwer, still sitzen zu bleiben – selten genug in einem Gottesdienst!

Dann wird es abrupt still um Jesus herum, ein Pharisäer drängt sich durch die Menge und stellt die Gretchenfrage: Was ist denn das Wichtigste im Leben, was ist das größte Gebot? Was ist das Wichtigste im Leben? Was verleiht mir meinen Antrieb, wofür setze ich meine Kraft, meine Energien ein, um was kreisen meine Gedanken, woran hängt mein Herz? Es bleibt still und nachdenklich in der Runde um Jesus herum, vielleicht gehen Einige ihren eigenen Gedanken nach, sehen Bilder vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Eine Mutter sieht lächelnd ihr Kind an. Ein junger Mann wirft einen verstohlenen, sehnsuchtsschwangeren Blick zu der jungen Frau, die ein paar Meter weiter steht. Die Hand eines reichen Kornbauers zuckt ganz automatisch zu seiner Gürteltasche, spürt die beruhigende, kühle Schwere eines Beutels voller Goldmünzen. Einige Sklaven sehen nervös zu ihrem Herren, der absoluten Gehorsam verlangt, ständige Aufmerksamkeit und Dienstbereitschaft
Der Pharisäer lässt sich von seinem Examensverhör nicht abbringen. Ruhig, lauernd, wartet er auf eine Antwort. Und Jesus antwortet, theologisch völlig korrekt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt(5.Mose 6,5). Einige der Umstehenden strecken unwillkürlich den Rücken gerade, einige schließen die Augen, murmeln leise mit. Denn was er sagt, ist nichts Neues, nichts Unbekanntes, es sind die Worte, die jeder fromme Jude im Schlaf herunterbeten kann: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5.Mose 6,5).Dies ist das höchste und größte Gebot.
Eine junge Frau in der Menschenmenge steht etwas abseits, ein bisschen verloren. Erst leise murmelnd, dann lauter, inbrünstiger, leidenschaftlicher wiederholt sie diese Worte und lässt ihren Gedanken freien Lauf:

Gott soll allein mein Herze haben.
Zwar merk ich an der Welt,
Die ihren Kot unschätzbar hält,
Weil sie so freundlich mit mir tut,
Sie wollte gern allein
Das Liebste meiner Seele sein.
Doch nein; Gott soll allein mein Herze haben:
Ich find in ihm das höchste Gut.
Wir sehen zwar
Auf Erden hier und dar
Ein Bächlein der Zufriedenheit,
Das von des Höchsten Güte quillet;
Gott aber ist der Quell, mit Strömen angefüllet,
Da schöpf ich, was mich allezeit
Kann sattsam und wahrhaftig laben:
Gott soll allein mein Herze haben.

Gott soll allein mein Herze haben,
Ich find in ihm das höchste Gut.
Er liebt mich in der bösen Zeit
Und will mich in der Seligkeit
Mit Gütern seines Hauses laben.

Was ist die Liebe Gottes?
Des Geistes Ruh,
Der Sinnen Lustgenieß,
Der Seele Paradies.
Sie schließt die Hölle zu,
Den Himmel aber auf;
Sie ist Elias Wagen,
Da werden wir im Himmel nauf
In Abrahms Schoß getragen.

Stirb in mir,
Welt und alle deine Liebe,
Dass die Brust
Sich auf Erden für und für
In der Liebe Gottes übe;
Stirb in mir,
Hoffart, Reichtum, Augenlust,
Ihr verworfnen Fleischestriebe!

Die Umstehenden schweigen. Vielleicht sind sie ergriffen, vielleicht sind sie auch irritiert, abgestoßen von dieser Inbrunst, mit der die junge Frau ihren Abschied von der Welt verkündet. Die Mutter nimmt ihr Kind bei der Hand, der junge Verliebte rückt einen Schritt näher an die Dame seines Herzens heran, der Herr sieht seine Sklaven an, fixiert sie mit strengem Blick, dass sie bloß nicht auf die Idee kommen, sich von dieser Verrückten anstecken zu lassen. Euer höchstes Gut, eure ganze Welt ist es, mir zu Diensten zu sein, das sagen seine Augen ganz unmissverständlich. Der reiche Kornbauer wiegt seinen schweren Geldbeutel in der Hand, er schüttelt brummelnd den Kopf. Wo kommen wir denn dahin, wenn alle ins religiöse Schwärmen geraten, wenn alle ihre Arbeit stehen und liegen lassen und mit offenen Augen vom Himmel träumen?! Seine Stirn legt sich in tiefe Falten, sein Blick verfinstert sich. Ein braver Schreiner, der durch tägliche harte Arbeit gerade so sein Auskommen hat, murmelt leise seinen Wahlspruch vor sich hin: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.“ „Hauptsache gesund“, pflichtet ihm eine ältere Marktfrau bei.

Am Rand stehen aber einige andere, die leise, wortlos nicken. „Die Welt mit ihrem Kot“, singt die junge Frau. Alles Mist, noch einmal nicken sie grimmig, all diejenigen, die von der Welt enttäuscht worden sind. Die alles verloren haben, die hinter die Fassade geblickt haben. Da sitzen vielleicht ein paar Bettler, die in der großen Stadt ihr Glück gesucht haben und unter die Räder gekommen sind. Da steht irgendwo ein reicher Witwer, der am Sterbebett seiner Frau lernen musste, dass sich nicht alles kaufen lässt. Da kommen Erinnerungen hoch an lächelnde Menschen, die einem in nächsten Augenblick ein Bein stellen.

Der Pharisäer schweigt und wendet sich zum Gehen. Jesus hat die Prüfung bestanden, gegen das jüdische Glaubensbekenntnis ist, zumindest in der Öffentlichkeit, nichts zu sagen. Aber Jesus ist noch nicht fertig. Vielleicht hat ihn der Ausbruch der jungen Frau auch nicht ganz unbeeindruckt gelassen, vielleicht ahnt er, dass Menschen dieses Gebot, die Liebe zu Gott missverstehen würden. Dass sie in späterer Zeit die Liebe Gottes zu einer Angelegenheit des Herzens machen, einem romantischen Gefühl. Obwohl die Liebe zu Gott in hohem Maße eine Angelegenheit von Kopf und Händen ist, ein Denken, das nach dem Willen Gottes für das Miteinander in der Welt fragt, eines handfesten Handelns, das versucht, in der eigenen Umgebung für eine gerechtere Welt zu sorgen.
Und so setzt er noch einmal nach, ungefragt und vielleicht in seiner Deutlichkeit überraschend für die Menschen um ihn herum: Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben.“
Johann Sebastian Bach lässt die Frau das wiederholen, doch das letzte Rezitativ klingt weniger dramatisch, weniger inbrünstig, eher pflichtbewusst: Doch meint es auch dabei mit eurem Nächsten gut, denn so steht in der Schrift geschrieben: Du sollst Gott und den nächsten Lieben. Und hier setzt auch der Chor ein, andächtig, feierlich vergewissern sich die Männer und Frauen gegenseitig.

Doch meint es auch dabei
Mit eurem Nächsten treu!
Denn so steht in der Schrift geschrieben:
Du sollst Gott und den Nächsten lieben.

Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst,
Lass uns empfinden der Liebe Brunst,
Dass wir uns von Herzen einander lieben
Und in Friede auf einem Sinn bleiben.
Kyrie eleis.

Wenn es nach Johann Sebastian Bach und seinem anonymen Textdichter ginge, dann wäre hier Schluss. Kyrie eleison, Herr erbarme dich. Und aus. Das ist an sich kein schlechtes Schlusswort, darauf sind und bleiben wir alle angewiesen. Die Kantate ist hier zu Ende, die Musiker haben wieder Platz genommen, man kann sich auch vorstellen, wie sich die Szene in Jerusalem auflöst, die Menge sich zerstreut und alle wieder nach Hause gehen: Die Mutter mit ihren Kindern an der Hand, der junge Verliebte schweren Herzens ohne seine Geliebte, der reiche Kornbauer mit der Hand um seinen Geldbeutel, der Schreiner zu seinem nächsten Auftrag. Was für ein Auftakt – und was für ein sprödes Ende. Vielleicht sind einige von ihnen nachdenklich geworden, vielleicht fragen die Kinder ihre Mutter ganz erstaunt: „Was heißt das denn, den Nächsten zu lieben?“ und der junge Verliebte guckt noch einmal ganz schnell und nervös zu seiner Angebeteten. 

Nur die junge Frau würde vielleicht allein stehen bleiben, als erste einer langen Reihe von frommen Menschen.

Aber dort, wo die Kantate endet, muss die Predigt notwendiger Weise weitermachen, wo der anonyme Textdichter die Feder niedergelegt und Johann Sebastian Bach die Finger von den Tasten nimmt, geht die biblische Geschichte noch weiter. Denn die letzten Worte Jesu haben sie ihm abgeschnitten, aus dem Mund genommen, weil es vielleicht in den Ohren barocker Frömmigkeit zu sehr nach Selbstsucht, Egoismus und Eigenliebe klingt – all das ist in evangelischen Kirchen bis heute ja verpönt: Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Die fromme Weltflucht der jungen Frau bekommt hier eine notwendige Grenze aufgezeigt, und überhaupt scheint all das, was Jesus da sagt, Grenzen zur einen und zur anderen Seite aufzurichten: Unsere Ideale, unsere Prioritäten im Leben finden dort eine Grenze, wo wir unsere eigenen Lebensziele und Lebensentwürfe, unseren politischen Ziele, uns selbst oder andere Menschen vergötzen und sie damit hoffnungslos und am Ende für alle heillos überfordern. Unser soziales Engagement ist nur soweit biblisch und vom Auftrag Jesu gedeckt, bis es uns an den Rand des Burnouts und der totalen Selbstaufgabe führt. Und unserem nötigen, natürlichen Drang, unsere eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, darf nur soweit gehen, wie es nicht auf Kosten anderer geschieht. 

An welcher Grenze wir als Einzelne besonders gefährdet sind – das möge jeder für sich selbst herausfinden, genauso wie jeder selbst sich eine Welt ausmalen möge, in der diese Balance nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen, in den politischen und wirtschaftlichen Systemen und Strukturen, gehalten wird. 

Liebe Gemeinde, was für ein Auftakt am Anfang. Und was für ein sprödes Ende. Auf dem Marktplatz in Jerusalem gab es für die Zuschauer keine Wunder, keine Brotvermehrung, keine wundersame Heilung – aber einiges zum Nachdenken und die Erinnerung daran, dass das Leben mit Christus ein Balanceakt ist und bleibt, dass wir gefährdet sind, mal von der einen, mal von der anderen Seite runterzufallen. Und dass sich diese Spannung, in der wir leben, nicht so einfach durch einen goldenen Mittelweg oder gar das goldene Mittelmaß auflösen lässt, sondern durch ein aktives Suchen nach dem Willen Gottes für diese Welt, die ernsthafte Selbstprüfung, wohin wir jeweils unterwegs sind und den Austausch mit anderen.

Dieser Weg kann kein Mensch allein beschreiten, und so soll doch der Chor das Schlusswort in dieser Predigt haben und stellvertretend für uns alle die Voraussetzung benennen, auf der allein ein gutes, segensreiches und heilvolles Leben in dieser Welt und darüber hinaus möglich ist:
Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.

Amen.

Sonntag, 15. September 2013

Brich dem Hungrigen dein Brot - Predigt im Kantatengottesdienst über Jes 58/BWV 39



Kantate - 1. Teil (BVW 39,I-III)

Hier auch zum Hören. 

I. Coro
Brich dem Hungrigen dein Brot und die, so in Elend sind, führe ins Haus! 
So du einen nackend siehest, so kleide ihn und entzeuch dich nicht von deinem Fleisch.
Alsdenn wird dein Licht herfürbrechen wie die Morgenröte, 
und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird für dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird dich zu sich nehmen.  

II. Recitativo Der reiche Gott wirft seinen Überfluss
Auf uns, die wir ohn ihn auch nicht den Odem haben.
Sein ist es, was wir sind; er gibt nur den Genuss,
Doch nicht, dass uns allein
Nur seine Schätze laben.
Sie sind der Probestein,
Wodurch er macht bekannt,
Dass er der Armut auch die Notdurft ausgespendet,
Als er mit milder Hand,
Was jener nötig ist, uns reichlich zugewendet.
Wir sollen ihm für sein gelehntes Gut
Die Zinsen nicht in seine Scheuren bringen;
Barmherzigkeit, die auf dem Nächsten ruht,
Kann mehr als alle Gab ihm an das Herze dringen.

III. Aria
Seinem Schöpfer noch auf Erden
Nur im Schatten ähnlich werden,
Ist im Vorschmack selig sein.
Sein Erbarmen nachzuahmen,
Streuet hier des Segens Samen,
Den wir dorten bringen ein.

Predigt

Liebe Gemeinde,



ganz leise geht es los. Kein mächtiges Orgelbrausen, keine aufgeregt zuckenden Streicher, keine schallenden Posaunen. Leise Töne schlägt Bach in dieser Kantate an, Flötentöne, um genau zu sein. Klagend, unaufgeregt, aber unsagbar traurig spielen die Flöten ihr Lied. Auch der Chor setzt erst ganz leise ein, mit Aufforderungen, die mehr nach Feststellungen klingen, weil sie eigentlich selbstverständlich sind: Brich (brich) / dem Hungrigen (dem Hungrigen) / dein Brot; die im Elend sind / führe ins Haus; wenn du einen nackend siehst / so kleide ihn.


 Vielleicht entstehen schon bei solchen Sätzen, in der Kantate, in der Predigt oder irgendwann in diesem Gottesdienst, Bilder vor Ihrem inneren Auge. Nehmen Sie das ruhig ernst. Denn dann kann es sein, dass hier jemand ganz persönlich zu Ihnen spricht: Der, dessen Gegenwart wir zu Anfang eines jeden Gottesdienstes bejahen, der uns in dieser Stunde dient – durch sein Wort, durch die Stärkung an Brot und Traubensaft, und womöglich durch einen guten Gedanken, wie die Botschaft dieses Gottesdienstes in unserem, in ihrem Leben Wurzeln schlagen und Frucht bringen kann…



Quelle: en.wikipedia.org
Still und leise geht es los, aber unsere Sängerinnen und Sänger haben bei der Probenarbeit festgestellt: Diese Kantate hat es in sich, ist ein komplexes Gebilde aus Worten und Tönen, Text und Musik, Stimmen und Instrumenten, die ineinander verflochten sind. Und ich glaube, dass sich hier in der Musik andeutet, was wir selbst erleben: Auf der einen Seite ist es doch ganz simpel, um was es geht, was notwendig ist: Gib denen zu essen, die Hunger haben, gib denen ein Dach, die im Regen stehen, gib denen etwas zum Anziehen, die schutzlos sind. Und auf der anderen Seite: So einfach ist es dann doch nicht. Sei es, weil wir selbst genug um die Ohren haben. Sei es, weil es manchmal gar nicht so einfach ist, zu erkennen, was in einer konkreten Situation das Richtige ist. Sei es, weil wir gut darauf trainiert sind, das Elend um uns herum auszublenden.

All das ist nicht neu, all das war schon vor zweieinhalbtausend Jahren so, als in Israel ein Prophet in der Tradition Jesajas auftritt und die Worte spricht, mit denen Gott selbst sich an sein Volk richtet und mit denen uns Johann Sebastian Bach und sein unbekannter Textdichter heute in diesem Gottesdienst bedrängen (Jes 58,3b-12):

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Liebe Gemeinde, in unseren deutschen Bibeln steht dieser Abschnitt unter der Überschrift: „Vom wahren und falschen Fasten“. Es geht um die Gefahren einer fehlgeleiteten Frömmigkeit, die zwar mit großer Ernsthaftigkeit geübt wird, aber letztendlich doch nur spirituelle Nabelschau ist, die allein die eigenen Befindlichkeiten im Blick hat. Dadurch wird der Menschen zu dem, was Luther als den Prototypen des Sünders schlechthin erklärt hat: Zu einem in sich selbst verkrümmten Menschen, der weder die Menschen um sich herum, noch den offenen Himmel Gottes im Blick hat.[1]


Gegen diese Verkrümmung ruft der Prophet an, gegen unsere Scheuklappen und Rückzugsversuche angesichts des Leides um uns herum setzt Bach seine Musik, die unter die Haut geht und uns förmlich zwingt, den Kopf zu heben. Darum geht es, im Predigttext und in der Kantate. Es geht nicht darum, uns in die Knie und in den Staub zu singen, wenn wir so ganz unmittelbar daran erinnert werden, dass es Menschen schlecht geht. Es geht darum, den Blick zu heben und den Rücken gerade zu machen, und unsere Verantwortung füreinander wahrzunehmen, für all diejenigen, mit denen wir gemeinsam diese Erde bewohnen:

Brich dem Hungrigen dein Brot. Das klingt simpel und banal – wer Hunger hat, braucht etwas zu essen. Selbstverständlich ist das nicht. Alle drei Sekunden stirbt irgendwo ein Mensch an Unterernährung… jetzt… 1… 2…3… jetzt wieder… 1… 2… 3… und wieder einer. Wir können uns nicht daraus herauswinden, das Problem ist vielschichtig und facettenreich, wie die Musik der Kantate: Wir haben natürlich einen Anteil daran, mit unserem Biosprit, für den irgendwo auf der Erde überlebensnotwendiger Ackerboden belegt wird. Mit den 80 kg Lebensmittel, die hier in Deutschland pro Kopf und Jahr im Müll landen. Mir ist gerade bei den ersten Takten der Kantate zum Beispiel eingefallen, dass ich immer noch, obwohl ich es schon lange auflösen wollte, ein Konto bei einer Bank habe, die wie kaum eine andere Lebensmittelspekulation betreibt, und die Lebensmittelpreise auf Kosten der Ärmsten der Welt in die Höhe treibt.
Brich dem Hungrigen dein Brot, das geht auf Kosten unserer Bequemlichkeit: Brich dein Brot, sprich: Gib etwas ab von dem, was Du hast, und zwar nicht nur von deinen Lebensmitteln  - „das Brot brechen“, dieser Ausdruck meint immer eine gemeinsame Mahlzeit. Und vielleicht ist das die Form von Hunger, mit der wir in unseren Breitengraden am ehesten zu tun haben: Dem Hunger nach Gesehenwerden, nach Gemeinschaft, nach einem Gespräch am Esstisch und der simplen Frage: „Wie geht’s Dir, wie war Dein Tag?“ Und wieder: Vielleicht haben Sie jetzt Bilder im Kopf, Gesichter von Menschen, die solchen Hunger haben. Dann wissen Sie doch, was zu tun ist.



Die im Elend sind, führe ins Haus. Unser deutsches Wort „Elend“ kommt bekanntlich von „Ausland“. Der „Elende“ ist in erster Linie der Heimatlose, jemand, der sich fremd fühlt und fremd ist, ein „Ausländer“ im umfassenden Sinn. Die Präses unserer benachbarten Landeskirche in Westfalen hat dieser Tage einen offenen Brief an alle Gemeinden geschrieben. Anlass waren die Unruhen und die erschreckend unverblümt rassistischen Proteste in Berlin-Hellersdorf, wo ein Asylbewerberheim gebaut werden soll. Ich lese Ihnen ein paar Sätze aus diesem Brief vor, weil dort eigentlich alles gesagt ist: „Wir Christen sind selbst Fremdlinge, Dazugekommene. Wir wurden von Gott mit offenen Armen in sein auserwähltes Volk aufgenommen. Deshalb dürfen wir nicht wegsehen, wo Fremden Unrecht geschieht. Es ist unaufgebbarer Ausdruck unseres christlichen Glaubens, Flüchtlingen, die bei uns Schutz vor Verfolgung und Not suchen, beizustehen. Sie brauchen nicht nur Schutz vor Verfolgung und Not; ihre Würde verlangt auch eine gleichberechtigte Teilhabe am Gemeinwesen.“ Wir selbst sind Fremde gewesen. Darum sind uns die Fremden ans Herz gelegt, nicht nur die Flüchtlingsfamilie aus dem Kongo oder die Spätaussiedler aus Alma Ata, sondern alle diejenigen, für die unsere Gesellschaft von sich aus keinen Platz frei hält. Und deswegen, entschuldigen Sie, wenn es jetzt ganz handgreiflich wird, ist es auch unaufgebbarer Ausdruck christlichen Glaubens, am Sonntag in einer Woche KEIN Kreuz bei der NPD, bei Pro-Köln/Deutschland und ihresgleichen zu machen.



Wenn Du einen nackt siehst, so kleide ihn. Liebe Gemeinde, es kommt in unseren Breitengraden einigermaßen selten vor, dass wir nackte Menschen sehen, und wenn, dann sind die das freiwillig: In der Umkleidekabine nach dem Sport, in der Sauna, meinetwegen am FKK-Strand oder wenn mal wieder jemand über ein Fußballfeld flitzt. Aber Menschen können auch anderweitig nackt sein, können in der sozialen Kälte frieren, können ihrer Intimsphäre beraubt werden, können schutzlos inmitten einer gaffenden, grölenden Menge stehen, die mit dem Finger auf sie zeigt. Wer solch einen Nackten kleiden will, sich schützend vor jemanden stellt, der ins soziale Abseits gedrängt wird, muss selbst die eigene Deckung verlassen – es ist so einfach, aber kann doch so schwer sein.



Mir fällt beim Stichwort „Kleidung“ ein Erlebnis aus meinem Vikariat ein, am wohlsituierten Stadtrand von Düsseldorf. Es war im Oktober oder November, trocken, aber bitterkalt. An der Wand neben dem Schaufenster eines kleinen Gemischtwarenkaufhauses lehnte eine Frau mittleren Alters, sehr dick, halb saß sie, halb lag sie, und rührte sich nicht. Die Menschen eilten an ihr vorbei, es war kurz vor Geschäftsschluss. Irgendwann blieben zwei Menschen aus der Gemeinde, die sich zufällig getroffen hatten, stehen. Die Frau war nicht ansprechbar, lallte so vor sich hin, es war auch mit nicht möglich, sie mit zwei Leuten hochzuhieven, dazu war sie zu schwer. Mit der Zeit kamen andere Leute dazu, das geht ja oft, wenn erst einmal ein Anfang gemacht ist. Einer rief den Notarzt, ein anderer stellte fest: Es ist viel zu kalt, wir müssen die irgendwie wärmen. Die Apotheke gegenüber machte gerade zu und der Apotheker wollte uns keine Rettungsfolien verkaufen. Irgendwann zog einer seine Jacke aus und legte sie der Frau über die Schultern. Und dann ein zweiter und ein dritter. Und plötzlich kam die Verkäuferin aus dem Kaufhaus mit eingepackten Wolldecken, riss die Verpackungen auf und verteilte die Decken, und aus der Imbissbude nebenan kam der Besitzer mit einer Kanne Kaffee und ein paar Bechern. Nachdem der Notarzt die Frau abgeholt hatte, standen wir noch eine Weile da, und es war warm. Nicht wegen der Decken, nicht wegen des Kaffees. Und ich glaube, in dem Moment ist das passiert, was in unserem Predigttext versprochen wird, die Sätze, die irgendwie schön, aber schwer verständlich klingen und die auch in unserer Kantate mit so wunderschönen Harmonien unterlegt sind, dass man das Gefühl hat: Irgendwo oben reißen die Wolken ein Stück auf und ein einzelner Sonnenstrahl fällt einem aufs Gesicht und wärmt und irgendwo über den Wolken sitzt einer und nickt und lächelt.



Liebe Gemeinde, ganz leise geht es los in unserer Kantate, die uns buchstäblich die Flötentöne beibringt, die Klänge dieses Instrument, das in den geistlichen Werken Johann Sebastian Bachs als ein klingendes  Symbol für Armut, Elend und Bedürftigkeit steht. Die Musik geht zu Herzen, eindrücklich, wie sie ist. Gebe Gott, dass sie wie ein Ohrwurm hängen bleibt und uns keine Ruhe lässt, oder dass sie uns dann wieder ins Ohr dringt, wenn es nötig ist:



Wenn an der Kasse der alte Mann nach Kleingeld sucht, um seine Sardinenbüchse und sein Paket Knäckebrot zu bezahlen – brich dem Hungrigen dein Brot.

Wenn auf der Geburtstagsfeier bei Kaffee und Kuchen lautstark verkündet wird, das Boot sei nun mal voll, Deutschland kein Hotelbetrieb und die meisten Asylbewerber wollen ohnehin nur unser Geld – die im Elend sind, führe ins Haus.

Wenn im Büro eine Kollegin den Raum betritt und schlagartig alle Gespräche verstummen, manche sich einen wissenden Blick zuwerfen, einer eine eindeutige Geste macht und die Kollegin mit hängenden Schultern und gesenktem Blick zu ihrem Arbeitsplatz schleicht – wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut.



Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.



Amen.

Kantate - 2. Teil (BWV 39, IV-VIII) 


IV. Aria
Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht; 
denn solche Opfer gefallen Gott wohl.
V. Aria
Höchster, was ich habe,
Ist nur deine Gabe.
Wenn vor deinem Angesicht
Ich schon mit dem meinen
Dankbar wollt erscheinen,
Willt du doch kein Opfer nicht.
VI. Recitativo
Wie soll ich dir, o Herr, denn sattsamlich vergelten,
Was du an Leib und Seel mir hast zugutgetan?
Ja, was ich noch empfang, und solches gar nicht selten,
Weil ich mich jede Stund noch deiner rühmen kann?
Ich hab nichts als den Geist, dir eigen zu ergeben,
Dem Nächsten die Begierd, dass ich ihm dienstbar werd,
Der Armut, was du mir gegönnt in diesem Leben,
Und, wenn es dir gefällt, den schwachen Leib der Erd.
Ich bringe, was ich kann, Herr, lass es dir behagen,
Dass ich, was du versprichst, auch einst davon mög tragen.
VII. Coro
Selig sind, die aus Erbarmen
Sich annehmen fremder Not,
Sind mitleidig mit den Armen,
Bitten treulich für sie Gott.
Die behülflich sind mit Rat,
Auch, womöglich, mit der Tat,
Werden wieder Hülf empfangen
Und Barmherzigkeit erlangen.



[1] In der Predigt war kein Raum dafür, aber Sibylle Bergs Esoterikerverriss ist immer wieder lesenswert – und fast wie eine eigene Auslegung von Jes 58.