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Samstag, 31. Januar 2015

Kirchliche Imagepflege?

Mit der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit ist es so eine Sache. "Steht doch im Gemeindebrief", lautet die Antwort in Gemeinen landauf und landab, wenn man danach fragt, wie bestimmte Angebote zielgruppengerecht bekannt gemacht werden können. "Wir hängen ein Plakat in den Schaukasten", "Wir kündigen es im Gottesdienst ab" oder, bestenfalls, "Das kommt auf die Homepage" - damit ist das Marketingarsenal weitgehend ausgeschöpft. Finde den Fehler? Richtig, es handelt sich fast gänzlich um Medien und Kommunikationsformen, die einzig und allein den Inner Circle erreichen. Das ist in vielen Fällen auch richtig so, weil sich eben viele Angebote genau an diese Gruppe richten. Gemeindliche Arbeit folgt, zumindest im statistischen Mittel und meist unbewusst, dem von Rainer Höfelschweiger und Markus Ambrosy bekannt gemachten Schlüssel 95:5 - 95% der Ressourcen werden für 5% der Mitglieder aufgewendet. Als ihre These vor einigen Jahren durch die Pfarrblätter ging, reagierten nicht wenige Kolleg_innen ausgesprochen ungehalten, was ebenso nachvollziehbar wie unangemessen ist, zeigt sie doch nicht mehr und nicht weniger, als dass wir de facto eben nicht "Kirche für Alle" sind, auch, wenn wir das immer wieder mit dem uns eigenen Pathos behaupten. 


ÖFFENTLICHKEITSARBEIT = WERBUNG = BETRUG?


Das ist in erster Linie eine Sache der Ressourcen: Personell, finanziell, materiell. Deren Knappheit wiederum spiegelt eine Einstellung der Kirche(n) wider, die Öffentlichkeitsarbeit einerseits vor allem mit Werbung assoziiert - und damit mit Lug und Trug, Menschenfängerei und leeren Versprechungen auf Hochglanzpapier. Davon will man sich abgrenzen - es geht schließlich "um die Sache", und "gute Arbeit setzt sich auch so durch". Das hat einen begrenzten Wahrheitsgehalt darin, dass die Bedeutung persönlicher Kontakte für das Gemeindeleben unübertroffen ist, wie auch die letzte EKD-Studie wieder einmal gezeigt hat. Darin spiegelt sich aber auch die Mentalität der Nachkriegskirche, die sich, wohl nicht zuletzt auch aufgrund der Erfahrungen mit den Deutschen Christen, in einer gewissen Herbheit, einer Überzeitlichkeit signalisierenden Abständigkeit durchaus gefiel - da wurde auch Rhetorik in der Predigt schonmal als "fremdes Feuer auf Gottes Altären bezeichnet". 


ÖFFENTLICHKEITSARBEIT = INFORMATION?


Wo Kirche die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit bejaht, verbindet sie damit in erster Linie Information - und dann gilt der strenge Grundsatz: Form follows function. Insbesondere auf der mittleren und oberen Ebene tritt die Kirche vor allem mit Texten an die Öffentlichkeit. Meist sehr langen Texten, man ist ja schließlich Kirche des Wortes. Das können hundertseitige Denkschriften sein, die durch lange synodale Beratungs- und Redaktionsprozesse so konsensfähig geworden sind, dass sie jede Kante und damit jedes Profil eingebüßt haben. Das können die oft so verquasten landeskirchlichen Kollektenabkündigungen, die eben so unendlich lang und langweilig sind, weil sie nicht zum Spenden animieren, sondern über den Kollektenzweck möglichst umfassend informieren wollen. Das gilt auch für kirchliche Internetauftritte, die Max Melzer kürzlich mit vollem Recht als "lieblos und altbacken" bezeichnet hat. Auch dort geht es vor allem um Information über innerkirchliche Vorgänge und Strukturen, kein Wunder also, dass die meisten landeskirchlichen Websites bestenfalls Behördencharme versprühen. Und das zieht sich bis in die Gestaltung von Plakaten für gemeindliche Veranstaltungen, die oft viel Information auf wenig Raum versammeln und selten mehr sind als etwas reduzierte Anschreiben auf A3, der Peppigkeit wegen auf gelbem Papier gedruckt und schlimmstenfalls mit einem verpixelten Internetbild oder gar WordArt-Objekten verschönert. 

Muster ohne Wert

Wenn sich Kirche an Bilder, gar an bewegte Bilder, herantraut und Imagekampagnen oder -filme produziert, dann wird es auch oft ärgerlich. Mein erster Berührungspunkt damit war die EKD-Öffentlichkeitsoffensive des Jahres 2002, bei der vor Himmelblau und Schäfchenwolken reichlich unspezifische Fragen gestellt, zum Teil abstruse Antwortmöglichkeiten vorgegeben und etwas onkelhaft dazu eingeladen wurde, gemeinsam Antworten zu finden. 


2003 lief im Fernsehen ein Werbespot, der schon was von Imagefilm hatte. Zu sehen waren Menschen an verschiedenen Orten, tanzend, feiernd und knutschend, im Hintergrund immer und überall: Ein Kreuz. Auf den letzten Sekunden dann der Slogan - "ein + verbindet". Naiv, wie wir damals waren, hielten wir es für eine durchaus gelungene Werbeaktion des 2003 erstmalig stattfindenden Ökumenischen Kirchentags, bis uns klar wurde, dass es sich um einen Reklamefilm des damaligen Mobilfunkanbieters eplus handelte. 




2008 versuchte sich die EKiR an einem "Filmporträt". Die Pressemitteilung sagt eigentlich schon das Meiste: "In knapp 20 Minuten vermittelt der Film einen kompakten Überblick über Auftrag und Dienst der rheinischen Kirche. Die DVD ist u.a. für den Einsatz in Gemeindegruppen, im kirchlichen Unterricht, in der Schule und beispielsweise bei Präsentationen außerhalb der Kirche gedacht." Auf der Landessynode war er damals zu bestaunen, eine ellenlange Videocollage in wachsmalbunter Lokalfernsehensästhetik des ausgehenden Jahrtausends, unterlegt mit Fahrstuhlmusik, der man es nicht unbedingt anhörte, dass sie eine (wahrscheinlich nicht billige) Auftragskomposition war. Vom dem Film hat man seitdem nichts mehr gesehen, und das ist auch gut so.

Die lutherische Landeskirche Hannovers versuchte sich in den folgenden Jahren mit bunten, "peppigen" Kurzvideos zu theologischen oder kirchlichen Themen unter dem Label "e wie evangelisch" - auch hier war die Ästhetik ausgesprochen öffentlich-rechtlich und erinnerte an das Jugendprogramm des ZDF. Das meistbeworbene Video aus der Reihe beschäftigte sich mit dem Thema Rechtfertigung. Angeklickt haben es nicht wirklich viele Leute in den letzten Jahren - neben der Frage, ob sich ein komplexes soteriologisches Konzept auf drei Minuten und die Formel "Gott hat alle lieb" runterdampfen lässt, stellt sich damit auch die Frage, ob das Format sich wirklich lohnt. Auch hier geht es wieder um Information - und die z. T. unangenehm saloppe Sprache ("Mönchlein", "Gnade, die wie ein Kuhfladen vom Himmel fällt") ist auch nicht der Wiedergewinn von sprachlich-emotionaler Radikalität, die Erik Flügge vor einiger Zeit eingefordert hat.




2010er: Kirche entdeckt den Imagefilm


In den letzten ein-zwei Jahren hat die Kirche den "echten" Imagefilm für sich entdeckt, und immer mehr Landeskirchen und kirchliche Einrichtungen ziehen mittlerweile nach und präsentieren sich in mehr oder weniger kurzen Videos. In dazugehörigen Konzeptpapieren wird häufig ein ähnlicher Auftrag benannt: Es gehe darum, "Menschen" zu zeigen und die "Vielfalt kirchlicher Angebote". 

Vor drei Monaten etwa hat die EKBO ihren Imagefilm ins Netz gestellt. Das Video soll "symbolisch" zeigen, "wo kirchliche Begleitung im Leben und an den Wendepunkten des Lebens angeboten wird." Als Titel hat die Kirche wortverspielt das mehrdeutige "Paternoster" gewählt, das einerseits den nicht mehr gebauten und vor allem in Behördengebäuden (ha!) anzutreffenden Personenaufzügen im ständigen Umlaufbetrieb meint, andererseits auch die lateinische Variante von "Vaterunser" ist. Weil das nicht jeder weiß, wird es am Anfang kurz eingeblendet. 





Ein weiteres recht junges Imagevideo stammt von der Diakonie Deutschland und zeigt vor allem alte Menschen bei der Maniküre - Martin Horstmann hat diesbezüglich seinem berechtigten Ärger schon Luft gemacht; seine Gedanken, das Video und die Reaktion eines Verantwortlichen sind auf seinem Blog zu finden. 

Brandneu ist schließlich der Imagefilm des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der vor ein paar Tagen online gegangen ist:






Das Video (hat eigentlich jemand geklärt, ob man einfach so die Hintergrundmusik von FarmVille Heroes Saga klauen darf, oder klingt es nur so bestechend ähnlich?) spielt mit Klischees aus dem Ländle - Kässpätzle, Kehrwoche, Kreuz und Chorknaben. Viel Stuttgart (im Sinne von "Großstadt") entdecke ich da nicht, was "Kirchentag" ist, bleibt mir auch ein Rätsel, und wenn mir 's Pfärdle und 's Äffle mit Holzschild drohen: "Stuttgart freut sich", dann weiß ich spontan nicht, ob das auf Gegenseitigkeit beruht. 



VERSUCH EINER DEUTUNG

Öffentlichkeitskampagnen von Kirche und Diakonie werden oft gescholten, und das nicht selten auch zu Recht. Meist wird eine Harm- und Zahnlosigkeit bemängelt, die mittlerweile schon fast zum Markenkern zu gehören scheint. Erklären lässt sich das, glaube ich, zum Teil mit den schon oben angedeuteten langwierigen Entscheidungs- und Redaktionsprozessen, die wenig Raum für Kreativität lassen und vor allem auf Erwartbarkeit und Planbarkeit setzen. 

Ein weiterer Faktor scheint mir der Umschmeichelungsversuch einer ungreifbaren, vielleicht sogar uninteressierten Zielgruppe zu sein. Fast krampfhaft wird jede inhaltliche Stellungnahme vermieden, entweder um möglichst offen zu scheinen oder (was ich durchaus nachvollziehen kann) um sich von den "Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben"-Plakaten der Missionsgesellschaften oder solchen Aktionen wie der selten dämlichen "Gott statt Schrott"-Kampagne von BibelTV abzugrenzen. Stattdessen bemüht man sich um die Darstellung der Vielfalt kirchlicher Angebote, in denen sich Kirche bewährt paternalistisch als Versorgungskirche präsentiert, die "für jede_n (irgend-)etwas" anzubieten hat. Dass die gezeigten Alltags- und Sonntagsszenen, wie die Kirchentagskampagne eindrücklich zeigt, alles andere als repräsentativ für die reale Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe sind, zeigt nur einmal mehr, wie exklusiv Kirche dann doch wieder ist. Die inoffizielle Intention kirchlicher Imagekampagnen scheint es fast zu sein, die große Masse indifferenter Noch-Mitglieder, die gar nicht so recht wissen, warum sie noch in der Kirche sind und vor denen wir aufgrund ihrer Unberechenbarkeit irgendwie auch Angst haben, nicht zu vergraulen. Die schon erwähnte neue EKD-Studie zeigt aber, dass diese Gruppe sich ohnehin verkleinert - und es stellt sich die Frage, ob es dann wirklich gerechtfertigt und angemessen ist, nur biedere Betulichkeit zu präsentieren.


Dinge, von denen man sich besser abgrenzt...
(Quellen: bibeltv.de, c-plakat.de, kirchengemeinde-eidelstedt.de)

Ein weiteres Problem ist grundsätzlicherer Natur. Mit der Rückbesinnung auf Bilder, einem neuen Willen zur Öffentlichkeit könnte die Kirche tatsächlich an kirchengeschichtliche Vorbilder anknüpfen - die Reformation wäre anders verlaufen, wenn man nicht auf probate Mittel der Popularisierung und Inszenierung der evangelischen Botschaft zurückgegriffen hätte. Dazu gehörte die Flugschriftenschwemme ebenso wie die reformatorischen Kampfspiele auf eidgenössischen Marktplätzen. Der zentrale Unterschied ist aber, dass die Reformatoren nicht für sich selbst Werbung gemacht haben, oder gar für die evangelische Kirche - die gab es ja noch nicht. Sondern für das aus ihrer Sicht richtige und lebensnotwendige Verständnis der biblischen Botschaft. 

Unterm Strich bleibt die Einsicht, dass die Fragen nach kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit keine einfache ist - das sei auch nochmal im Blick auf die hier kritisierten Kampagnen gesagt: Ich hätte spontan nicht gewusst, wie man es hätte besser machen können. Aber die Debatte muss breiter geführt werden.

Samstag, 12. April 2014

Der Hieb mit der Kelle - Wider die Sarrazinierung der kirchlichen Diskurskultur

Ich bin Pfarrer der evangelischen Kirche. Also solcher leide ich, wie wahrscheinlich jede_r Kolleg_in, oft und viel an ihr, an ihren verkrusteten Strukturen, an ihrer selbstfabrizierten Milieuverengung, an der naiven und unredlichen Blauäugigkeit, mit der in übergriffiger Weise denjenigen, die in verheerend großer Zahl in den immer wieder erhobenen Mitgliederbefragungen dokumentieren, dass sie so gut wie keine Bindung an die Kirche haben, unterstellt wird, sie seien irgendwo doch alle gut evangelisch. Am krampfhaften Festhalten an ortsweise überkommenen Strukturen wie dem Parochialsystem und der Dienstwohnungspflicht. An handwerklich schlecht gemachten Gottesdiensten und selbstgenügsamer Beliebigkeit in wohlfeilen Worten zum Sonntag, zur Lage oder zum Morgen. An zeitfressenden Verwaltungsprozessen, die nur wenig Zeit für das Wesentliche lassen und dadurch die Qualität kirchlicher Arbeitsfelder in Mitleidenschaft ziehen. An der kaninchenhaften Schockstarre, mit der sie so oft vor der angeblich unvermeidbaren demografischen Entwicklung steht und sich dann eben damit abfindet, dass unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen stellenweise nur noch im Promillebereich Mitglieder erreichen. An den klandestinen Bedingungen, unter denen die EKD in abgeschiedener Expertenklausur Denkschriften und Arbeitshilfen entstehen lässt und damit alle presbyterial-synodalen Grundsätze über Bord wirft (als Rheinländer bin ich an der Stelle besonders empfindlich) - hat zum Beispiel irgendjemand, der nicht zufällig jemanden kennt, dem die Ehre zu teil wurde, in eine entsprechende Kommission berufen zu werden, schon irgendwas Konkretes zur geplanten Gesangbuchrevision gehört? 

Das alles würde bei Weitem schon für eine Beschäftigung reichen, aber öffentliche Debatten über solche und vergleichbare Fragen zu führen, ist schwer. Zum Einen aus internen Gründen - Systeme haben, wie wir wissen, ein unglaubliches Selbstschutzpotenzial. Was den Diskurs meiner Wahrnehmung nach aber auch erschwert, und zwar in nicht geringem Maße, ist das gerade wieder in Mode kommende Kirchenbashing. Ich meine damit nicht die berechtigte Kritik an den Vorgängen im Bistum Limburg oder am kirchlichen Arbeitsrecht - das kann in einigen Fällen vielleicht sogar ein Beweis für die Existenz einer prophetia extra muros ecclesiae sein, einer Prophetie, die von außen kommt. Ich meine das populistische und pauschalisierende Rummeckern, das sich einer ernsthaften Auseinandersetzung verschließt. Lange Zeit war das eine Spezialität irgendwelcher diffus links stehender Milieus, jede Kabarettnummer konnte mit ein paar Seitenhieben auf die Kirchen und ihre Botschaft einige sichere Lacher abernten. Mittlerweile ist das anders - Michael Herbst hat jüngst zu Bedenken gegeben, dass viele, gerade jüngere Leute, keine schlechten, sondern gar keine Erfahrungen mehr mit Kirche haben. Und bei Kabarettisten der jüngeren Generation wie Marc-Uwe Kling, der in seinen Känguru-Texten ab und an auf kirchliche und theologische Themen kommt, bleibt letztlich nur witzig präsentierte Ahnungslosigkeit. 

Der Triumphzug eines medialen, kulturellen und politischen Populismus, der in den letzten Monaten wieder um scheinbar sichere Errungenschaften der Zivilisation fürchten lässt, macht auch vor der Kirche nicht halt. Das Klima ist günstig für reaktionäre Stammtischparolen, die sich der gerechtfertigten gesellschaftlichen Ächtung entziehen können, wenn sie sich unter den nur scheinbar demokratisch anmutenden Titel "Man wird doch noch mal sagen dürfen..." stellen. Konservativen Marktschreiern wie Martin Lohmann (ein Blick in das Programm des von ihm verantworteten katholisch-vagabundierenden Nischensenders K-TV müsste ausreichen, ihn als repräsentativen Christenvertreter zu diskreditieren), Hartmut Steeb oder dem schwäbischen Volksschullehrer Gabriel Stängele, Urheber der Petition gegen den Bildungsplan in BaWü (ein Blick in die Redaktionsgeschichte der Petition offenbart nicht nur orthografisch-stilistische Schwächen und argumentative Schlichtheit, sondern auch eine frappante sprachliche Nähe zu rechtspopulistisch agierenden Splitterparteien) wird in öffentlich-rechtlichen Talkshows eine Bühne geboten, auf der sie, meist als alleinige Kirchenvertreter, ihre Vorstellung vom Christsein unwidersprochen zelebrieren können. 

Seit einigen Tagen wird in den sozialen Medien ein Artikel aus der Illustrierten FOCUS geteilt, mit Stirnrunzeln bedacht, aber auch frenetisch beklatscht. Unter dem markigen Titel Vom guten Geist verlassen. Warum diesen Kokolores der Evangelischen Kirche kein Gläubiger braucht lässt sich Klaus Kelle (ja, es ist der Ehemann jener Birgit, die von Matthias Mattussek jüngst als Kuh bezeichnet wurde) über von ihm konstatierten Missstände in deutschen Amtskirchen aus. 

Ich muss sagen: Beim ersten Lesen der Titelschlagzeile bin ich zusammen gezuckt, teils aus einem Gefühl schuldbewussten Ertappt-Werdens, teils aus einer diebischen Vorfreude - wie gesagt, auch ich leide, wie wahrscheinlich alle meiner Kolleg_innen, immer wieder an meiner eigenen Kirche. Und mir fallen spontan so einige Dinge ein, die ich selbst fabriziert habe und die man im Rückblick sicherlich mit Fug und Recht als Kokolores bezeichnen könnte. Doch was dann folgt, ist keine ernst gemeinte Analyse und auch keine launige Satire, sondern schlichtweg ein krudes Sammelsurium von Pauschalvorwürfen, ein wildes Assoziieren von miteinander in keinem Kausalzusammenhang stehenden Phänomenen - und über weite Strecken ein Beispiel für unredliche Argumentationstechniken. Aber der Reihe nach:

Nach einem Einstieg über Martin Luther (man muss sich ja Gewährsmänner holen), schießt Kelle gegen die Aktion Eine Tür ist genug. Ich musste selber erst ein bisschen rumgooglen, um zu verstehen, worum es geht. Offensichtlich hat das etwas mit der vor einigen Monaten durch die Medien gehenden Diskussion um die genderneutrale Beschilderung von Klotüren zu tun - ich muss gestehen, dass ich das damals als Adiaphoron abgetan habe und "Eine Tür" jetzt vor allem als Sammlung schöner, weil unterschiedlicher Liebesgeschichten kenne - der Konnex war mir nicht bewusst und ist mir auch jetzt noch nicht klar. Aber das zu erklären, liegt auch nicht im Interesse des Autors, denn der poltert munter weiter, das Schlagwort "Gender" ist sein Stichwortgeber: Er habe es "erst für einen Aprilscherz gehalten, aber es ist leider wahr": Die EKD hat ihr Studienzentrum für Genderfragen eröffnet - mit einem Vier-Gänge-Menü! Ich habe zunächst nicht verstanden, was daran so skandalös ist, bis mir eingefallen ist, dass in dem Milieu, dem sich Kelle hier in Herz und Hose schreibt, "Gender" ein Reizwort ist, das pars pro toto für alles steht, was die  eigene Weltsicht in Frage stellen könnte und damit per se von Übel ist. 
Kelle zetert noch ein bisschen über den jüngst eröffneten LesbenFriedhof in Berlin. Dieser hat erst einmal nichts mit der EKD zu tun - was Kelle hier betreibt, nennt man in der Rhetorik Brunnenvergiftung, oder, etwas feiner gesagt, guilt by association: Er schmeißt seiner Leserschaft Stichworte hin, von denen er weiß, dass sie sie doof finden und sorgt dafür, dass sich ihre negative Meinung dadurch ohne sachlichen Grund potenziert. 

Das kann er übrigens gut: "Aber ich frage mich, was ihre Repräsentanten umtreibt, sich in diesen Tagen vor dem Osterfest mit Feminismus und Klotüren zu beschäftigen", lamentiert Kelle weiter - auch diese Taktik ist so perfide wie sie unappetitlich ist: Denn damit unterstellt er kirchlicherseits ein Desinteresse an, wie er ja gar nicht so falsch schreibt, "dem Fest der Auferstehung Christi, das viele tiefgläubige Christen - ebenso wie die katholischen - würdevoll feiern werden." Interessant übrigens, dass "tiefgläubig" offensichtlich ein Gegenbegriff zu "katholisch" ist - aber lassen wir die Haarspaltereien. Jedenfalls suggeriert Kelle, die "Repräsentanten" der evangelischen Kirche, dazu gehören dann wohl auch wir Pfarrer_innen, würden sich nicht um Ostern, sondern um sozialpolitische Orchideenthemen kümmern. Traurig, dass man erwähnen muss, dass landauf, landab die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, anderes dafür mit Recht liegen bleibt - aber traurig ist ja so einiges. Jedenfalls wird es dann noch theologisch, und Kelle verketzert Gendertheorien in Gänze als "Irrlehre", die dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht widersprechen. Nach diesem Anathema endet die erste Seite des Artikels mit dem Link zu einer weiteren FOCUS-Meldung: "Großer Fortschritt: England und Wales erlauben Homo-Ehe". Guck an.

Auf der zweiten Seite geht es unter der Zwischenüberschrift "Wasserköpfe und Klotüren: So vergrault man junge Menschen" wieder mit Luther weiter, von dem wir, wie Kelle richtig bemerkt, nie erfahren werden, was er zur EKD heute sagen würde. Es folgen einige Auslassungen zur kirchlichen Landschaft, die an sich gar nicht so falsch sind - er wehrt sich dagegen, den (unleugbar niedrigen) Gottesdienstbesuch allzu schlecht zu reden, verweist auf die aufgeblähte Verwaltung hier und spirituelle Aufbrüche dort. Aber dann geht es wieder los: "Zeitgeistiges Mainstream-Gedöns" brauche, so poltert Kelle, kein Mensch - genau dieses Stichwort ist mit einem Link unterlegt, der zur "FightChurch", einer krawallevangelikalen Initiative aus den USA führt, bei der sich Pastoren um der Männlichkeit des Glaubens Willen prügeln. Das ist in der Tat Gedöns - aber man fragt sich, was ein solcher Hinweis in einem Text über die EKD zu suchen hat, zumal Kelle damit etwas anprangert, was auch und gerade aus gendertheoretischer Perspektive problematisch ist: Die unkritische Rezeption und Perpetualisierung überkommener Männlichkeitsideale. Warum "die Amtskirchen sich mit so viel Kokolores beschäftigen", will Kelle wissen - auch hier findet sich wieder ein Link, der zu einem Bericht über den "amerikanischen Tebartz-van Elst" führt, Erzbischof Wilton Gregory von Atlanta (USA) - was der wiederum mit der EKD zu tun hat, wird nur mit Blick auf die von Kelle nun mehrfach demonstrierte rhetorische Taktik klar: Wenn zu befürchten ist, dass die aufgezählten "Argumente" nicht ausreichen, um die Pumpe des spladderjournalismusverwöhnten Lesers ans Rasen zu bringen, sucht man also wild in der Weltgeschichte rum und verknüpft wahllos Beispiele für die seltsamen Blüten, die das religiöse Leben unleugbar treiben kann, zu einer kakophon-larmoyanten Motette über den allgemeinen Niedergang. Am Ende könnte Kelle sogar fast wieder meine Zustimmung finden - er berichtet abschließend von einer Begegnung mit einem ranghohen Katholiken (der wiederum wenig mit der EKD zu tun hat) und dessen Unverständnis auf seine Nachfrage, wie die kirchliche Strategie aussähe, mit der dem erwarteten Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen entgegengesteuert werden solle. Wie gesagt: Könnte meine Zustimmung finden - aber da ist das Kind im Brunnen schon lange ersoffen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich solchem Spökes einmal so viel Platz in den Kirchengeschichten einräumen würde, war immer geneigt, dem Volksmund zu glauben, der davor warnt, sich mit Hunden schlafen zu legen und mit Flöhen wieder aufzuwachen. Aber mich hat ein sehr lesenswerter Artikel von Antje Schrupp eines Besseren belehrt, sie schreibt dort:
"Das Problem ist nicht, dass solche Ansichten vertreten werden, sondern dass sie von den Fundamentalisten eben gerade nicht vertreten werden, weil sie nämlich Andersdenkenden von vornherein die Ernsthaftigkeit absprechen, zum Beispiel, indem sie ihnen Ideologie, Zeitgeistigkeit und so weiter vorwerfen. Ihr Anliegen ist nicht die Auseinandersetzung, sondern sie hoffen auf das Prinzip “Wer am lautesten schreit, hat recht” – und kommen damit leider eben allzu oft durch.

Wie im Internet so ist auch in der Kirche der Ratschlag “Don’t feed the Trolls” falsch, denn Trolle geben sich immer gut an den Zeitgeist angepasst, sodass sie auf den ersten Blick harmlos und sogar plausibel aussehen. Natürlich sind alle Christen dagegen, die Botschaft des Evangeliums zu verwässern. Und natürlich sind wir alle dagegen, Männer zu diskriminieren. Es ist daher notwendig, sich öffentlich von solchen Positionen zu distanzieren und den quasi unbeteiligten und wenig im Thema versierten Zuschauer_innen zu erläutern, warum diese Unterstellungen (Nicht-Fundis wären nicht fromm oder Feministinnen wollten Männer unterdrücken) erstens falsch sind und zweitens unverschämt."
Es kann und darf nicht sein, dass wichtige Debatten über notwendige Veränderungen in der Kirche ersticken, weil krawallreaktionäre Schreihälse bestimmte Themen kapern, Begriffe besetzen und Brunnen vergiften. Es kann und darf nicht sein, dass die zunehmende Sarrazinierung öffentlicher Kirchen- und Religionsdiskurse fraglos hingenommen wird. Deswegen nochmal: Ite, missa est!

Donnerstag, 10. April 2014

Gottesdienst "feiern"?

Der FeierSchleiermacher
Das im kirchlichen Sprachgebrauch dem Substantiv Gottesdienst entsprechende Verb ist feiern. Soweit ich sehen kann, ist diese enge Verbindung recht neu; im achten Band des Grimm'schen Wörterbuchs von 1958 taucht sie noch nicht auf, als historisch gebräuchliche Varianten werden dort tun oder erweisen und ähnliches genannt. Der Siegeszug des Verbs ist ohne weiteres: "Feiern" ist eindeutig positiv besetzt, außerdem vermag es das gemeinsame Tun von Liturgen und Gemeinde in ein einziges Wort zu fassen und klingt darüber hinaus nicht so technokratisch wie etwa "abhalten". Als einer der Kronzeugen wird in aller Regel Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) ins Feld geführt, der den Gottesdienst als "Fest" verstand, denn:
"Wenn die Menschen sich, indem sie die Arbeit und das Geschäft sistiren, in größeren Massen zu einer gemeinschaftlichen Thätigkeit vereinen, so ist das ein Fest."
Ein solches Gottesdienstverständnis schwingt mit, wenn es etwa auf der Website der Evangelischen Landeskirche in Württemberg heißt:
"Gottesdienst feiern heißt innehalten, den Alltag zu unterbrechen und die Seele mal wieder durchatmen zu lassen. Singen, Beten und Hören ist angesagt. Eine Einladung das Leben für eine größere Dimension zu öffnen. Eine Einladung, nicht im Vorletzten stehen zu bleiben, sondern dem Eigentlichen Raum zu geben. Menschen kommen so wie sie sind – mit ihrer Angst und Traurigkeit, ihrem Schmerz und Zweifel, ihrem Suchen und Fragen, ihrer Freude und Zufriedenheit. Durch das, was sie aussprechen, und durch das, was ihnen zugesprochen wird, sollen sie eine befreiende Erfahrung machen können."
Man kann darüber sicherlich darüber diskutieren, ob das eine angemessene Charakterisierung des Gottesdienstes ist, ob hier nicht ein wenig unterbestimmt, vielleicht sogar banalisiert wird. Aber darum soll es im Moment nicht gehen. Auch nicht um die (wie ich finde höchst interessante und m.W. namentlich von Falk Wagner gestellte) Frage, inwieweit sich die Kirche mit der häufigen Betonung des nötigen Ausstiegs aus dem Alltag nicht unbewusst und ungewollt spätkapitalistischen Verzweckungsmechanismen unterwirft - die Soziologie weiß einiges darüber zu erzählen, dass Ventilsitten und dergleichen letzten Endes immer der Befestigung bestehender Machtverhältnisse dienen.

Mein Problem ist: Ich weiß nie so richtig, was eigentlich gemeint ist, wenn in Diskussionen über Gottesdienstformen und -traditionen der Einwurf kommt: "Aber der Gottesdienst wird doch gefeiert!", wenn also die eigentlich funktionale Definition plötzlich in eine inhaltlich-ästhetische überführt wird. Heißt das, es möge bitte möglichst "feierlich" zugehen, also, nach Definition des Dudens, "der Würde des Augenblicks Rechnung tragend, würde-, weihevoll, erhebend", in Worten und Gestik "emphatisch, nachdrücklich"?

Das ist für mich eine offene Frage - ich freue mich über alle Anregungen! 

Jedenfalls: Grundlegend sind, auch in der liturgischen Forschung, meistens Theorien über das Fest, denen in aller Regel gemeinsam ist, dass sie von Unterbrechungen des Alltags und ähnlichem ausgehen. Bei der Arbeit an der Diss ist mir letzte Woche aufgefallen, dass in der Soziologie mitunter zwischen Fest und Feier unterschieden wird. Unter einer "Feier" versteht etwa Winfried Gebhardt eine 

"Form der Vergesellschaftung […], in der wertrationales Handeln institutionalisiert ist, und folglich alltägliche Wirklichkeit in ihrer Bedeutung für den einzelnen und die Gesamtheit der Feiernden bewußt gemacht wird."

Ich kann hier nichts zu Ende Gedachtes präsentieren - aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass damit auch Aspekte zumindest des real Sonntag für Sonntag "gefeierten" Gottesdienstes adäquat beschrieben werden?

Donnerstag, 6. März 2014

Von Fallhöhen und heiligen Kühe - die Geschichte eines nichtgedruckten Cartoons

Huiuiui. Es wird scharf geschossen bei Kirchens. Stein des Anstoßes ist ein Cartoon, den ich für die westfälisch-evangelische Wochenzeitung Unsere Kirche (UK) gemacht hatte, der gestern über Facebook geteilt wurde und zu verhältnismäßig heftigen Diskussionen geführt hat. Hier ist das gute Stück:



Wie gesagt: Die Diskussion wird an manchen Stellen mit einiger Schärfe geführt. Da ist die Rede von "Herabwürdigung", von einer "erbärmlichen Karrikatur [sic]" und so weiter. Ich finde es gar nicht so schlimm, wenn Cartoons Anlass zu hitzigen Diskussionen bieten - das unterscheidet Karikatur, Satire und Kabarett von Bilderwitz, Schwank und Komödienstadl: Die letztgenannten Kunstformen sind ihrer Intention nach auf Breitenwirkung ausgelegt und arbeiten deswegen mit Pointen und Bezugsgrößen, die weitgehend konsensfähig sind, während die erstgenannten humoristische Überspitzungen nutzen, um kritische Akzente zu setzen und/oder Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen - und damit Parteilichkeit riskieren.

Nach gängigen rezeptionsästhetischen Maßstäben habe ich als Urheber keine Deutungshoheit über das Endprodukt. Aber ein paar Bemerkungen werde ich mir ja doch erlauben dürfen:

Vielleicht zuallererst: Eine Pointe zieht ihr komisches Potenzial aus der Fallhöhe, das heißt aus der Diskrepanz zwischen der erwarteten und der tatsächlichen Reaktion. Als Faustregel könnte man formulieren: Je geringer bei den Protagonisten die Fähigkeit zur Selbstdistanz und das Bewusstsein von Ambivalenz ausgeprägt ist, desto leichter fällt es, sie zu komischen bis hin zu grotesken Figuren zu stilisieren. Das macht es gerade bei Kirchens oft einfach, den Finger in die Wunde zu legen - weil wir generell alles, was wir sagen und tun, furchtbar ernst meinen.

Der Cartoon macht über keines der beiden benannten Phänomene eine inhaltliche Aussage, weder über den Karneval, noch über den Weltgebetstag "an sich". Aber er thematisiert eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, zwischen Innen- und Außenperspektive, zwischen Anspruch und Wirkung. Ob man den Cartoon witzig findet, entscheidet sich damit vor allem daran, ob man eine solche Diskrepanz wahrnimmt oder nicht. Sprich: Wer im eigenen Arbeitsfeld überwiegend beglückende, tiefgehende, bewegende Erfahrungen mit dem Weltgebetstag gemacht hat, wird an dem Cartoon nichts Lustiges finden. Das ist nichts Schlimmes, im Gegenteil: Das zeigt ja, dass nicht überall diese Diskrepanz erlebt wird und dass sich das Konzept immer wieder als tragfähig erweist. Der Cartoon sollte diese Möglichkeit im Rahmen der zeichnerischen Möglichkeiten zumindest offen lassen: Die Protagonistinnen sind individuell kostümiert, haben also im Vorfeld ein hohes Maß an Eigeninitiative entwickelt - und sind offenbar bester Laune. 
Kleiner Schlenker am Rande: In einer Facebookdiskussion war es einem Kollegen wichtig zu betonen, dass der "Weltgebetstag [...] nicht karnevalistisch" sei. Abgesehen davon, dass da offenbar eine tradierte protestantische Karnevalsskepsis eine Rolle spielt, würde ich widersprechen. Wenn etwa in der Liturgie des Weltgebetstagsgottesdienstes deutsche Frauen um der Unmittelbarkeit der Identifikation Willen Texte in der Ich-Form vorlesen ("Mein Name ist Fatima, ich bin eine junge Frau aus Marokko" oder ähnliches), dann sind das karnevaleske Elemente in Reinform, nämlich als Spiel mit Identitäten. Ob solche Elemente ihr im Kern subversives Potenzial voll entfalten können, hängt wiederum davon ab, inwieweit die Vorbereitenden und die Ausführenden bereit sind, sich auf ein solches Spiel einzulassen.
Nun gibt es aber eben Menschen, die den Cartoon lustig finden. Und die kennen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenbar aus eigener Erfahrung. Aus meiner Perspektive heraus sind das nicht gerade wenige - aber, und deswegen überraschen die heftigen Reaktionen letzten Endes auch nicht, es gibt zumindest auf Gemeindeebene so gut wie keine öffentlichen Diskussionen über den Weltgebetstag, weder über das generelle Für und Wider, noch über eine den lokalen Möglichkeiten und Bedürfnissen angemessene Gestaltung.

Von daher ist es vollkommen nachvollziehbar, dass manche den Cartoon weniger witzig finden als andere. Nachdenkenswert und, das will ich gar nicht verhehlen, problematisch erscheint mir aber, wenn Kritiker_innen die Möglichkeit einer Diskrepanz zwischen Idee und Umsetzung überhaupt nicht in Erwägung ziehen, wenn die Institution als Gesamtheit von Idee, Vorbereitung und Durchführung plötzlich als unantastbar erscheint und durch dicke Mauern aus programmatisch gestelzten Grundsatzerklärungen reflexartig geschützt werden muss: 


Das ist der lobenswerte Anspruch, ohne Zweifel. Ob aber diese Ziele de facto erreicht werden, hängt je und je auch von der Umsetzung ab. Und in der ecclesia semper reformanda muss jede Organisations- und Handlungsform grundsätzlich und ergebnisoffen diskutiert werden können, sonst verlassen wir unsere reformatorischen Grundlagen. Das gilt auch für den Weltgebetstag. Nicht so sehr für seine konzeptionellen Ausgangspunkte und Ziele - die sind im Übrigen äußerst lesenswert und, darüber dürften wir uns einig sein, im Kern ohne weiteres aus dem Evangelium ableitbar. Aber sehr wohl für die praktische Umsetzung dieser Ziele. 

Der Cartoon wendet sich nicht gegen den Weltgebetstag als solchen - höchstens gegen Eigenheiten der Umsetzung, die nach Meinung des Zeichners der (pardon my french) Marke empfindlich schaden können, die aber kaum öffentlich diskutiert werden. Und damit verbunden vor allem gegen eine kirchliche Diskussionskultur, der jeder Sinn für Humor und damit für die Ambivalenzen des Lebens abhanden kommt. Das passiert, zum Beispiel dann, wenn bestimmte Institutionen unter der Hand zu heiligen Kühen erklärt werden, die nur etwas krampfig umtanzt und bierernst gestriegelt, nicht aber hinterfragt, geschweige denn zum Gegenstand humoristischer Auseinandersetzungen gemacht werden dürfen. Für ein kirchliches Milieu, das sich allenthalben die "Freiheit" auf die Fahnen schreibt, ist das peinlich und sehr schwach. Und es ist schade, denn auf diesem Weg wird der Weltgebetstag, einer der weltweit größten laikalen und interkulturellen Bewegungen, zumindest in Deutschland aussterben, weil jenseits der gut vernetzten Ökumene- und Genderreferate die Trägerkreise zunehmend vergreisen und vereinsamen.

Dass die UK den Cartoon nicht abgedruckt hat, ist aus politischen und ökonomischen Motiven verständlich. Bedauerlich ist es ein bisschen, weil die Debatte so wieder nur auf einen inner circle begrenzt bleibt. Für mich war die kurze Diskussion trotzdem interessant, weil ich etwas über Tabuisierungsmuster und Unantastbarkeitsregeln im binnenkirchlichen Diskurs gelernt habe. Da harrt noch Vieles der humoristischen Aufarbeitung, und das Thema ist spannend genug, um es mit (täterä!) dem hundertsten Blogeintrag der Kirchengeschichten zu würdigen. 



Montag, 15. Juli 2013

The Sense of Urgency, oder: Was Kirche und Baumarkt gemeinsam haben

Da sitzt man noch ganz beeindruckt von den grandiosen gemeindlichen Aufbrüchen in den Niederlanden am Schreibtisch und schreibt über das dort in all seiner Härte erkannte Ende der Selbstverständlichkeit volkskirchlicher Relevanz:
Das ungeschönte Krisenbewusstsein, ein „sense of urgency“ und das Eingeständnis, mit den über Jahrzehnte selbstverständlichen und gleichermaßen diffusen Konzepten von „Volkskirche“ an einem Ende angekommen zu sein. Das vermisse ich in Deutschland, wo die Situation sicherlich weniger prekär als in den Niederlanden ist. Aber es kann durchaus auch nur eine Frage der Zeit sein, bis auch wir gar keine andere Wahl mehr haben. Vielleicht sind wir noch nicht so weit – bekanntermaßen ist Leiden ja einfacher als Verändern. Und vielleicht ist unser Leidensdruck noch nicht groß genug, vielleicht sind die pseudotheologischen Beschwichtigungsformeln, mit denen wir unsere Statistiken schön reden, noch zu wolkig und zu mächtig.

Und am selben Tag geht ein Brief der rheinischen Kirchenleitung an die Kirchenkreise und landeskirchlichen Einrichtungen raus, zwei Tage später wendet sich der rheinische Präses Manfred Rekowski in seinem Videoblog an die Öffentlichkeit. Der Tenor: Die finanzielle Lage sieht schlecht aus, dramatischer als gedacht. Der Präses sagt: "Wir werden uns kleiner setzen müssen" - im Klartext heißt das unter anderem, dass im landeskirchlichen Haushalt in den nächsten fünf Jahren 35% eingespart werden sollen und "dass wir die Arbeitsweise, die Arbeitsformen und Strukturen unserer Kirche umfassend verändern müssen." 

Wieder einmal ist es das (fehlende) Geld, das die Brisanz der Situation deutlich macht, im Präsesblog ist mehrfach von einem "Kassensturz" die Rede, der Klarheit brachte. Das allein weckt die Frage, ob nicht all die anderen Zahlen der letzten Jahre gereicht haben: Die desaströs geringe Gottesdienstteilnahme (manchmal auch als vermeintlich "evangelische Freiheit, 'Nein' zum Gottesdienst zu sagen", verbrämt), die niedrige (aktive wie passive) Beteiligung bei Presbyteriumswahlen, all die Anzeichen dafür, dass wir mit unseren Kernangeboten nur äußerst wenige Menschen erreichen. Vielleicht braucht man das Gefühl von Objektivität und Sachlichkeit, das die nackten Zahlen vermitteln, und die gedankliche Entlastungsmöglichkeit, das, was nicht läuft, auf das Schreckgespenst des demografischen Wandels abzuwälzen. Vielleicht gilt auch, was einem Bischof der anglikanischen Kirche zugeschrieben wird: "Gott hat immer die richtige Sprache gefunden, um seiner Kirche zu sagen, dass etwas falsch läuft. Die Sprache, die wir verstehen, ist die des Geldes."

Ganz ungefährlich sind die Zahlen als Motoren und Motivatoren organisatorischen Umdenkens indes nicht, darauf hat u.a. Christian Möller nachdrücklich hingewiesen:


Sind Zahlen erst einmal vorhanden, so lösen sie ihre eigene Logik aus und lähmen die Kirche, so daß sie vor ihrer futuristisch hochgerechneten Zukunft wie ein Kaninchen vor der Schlange erstarrt und dem adventlich zukommenden Reich Gottes nichts mehr zutraut, da es empirisch nicht verwertbar zu sein scheint. 
- Chr. Möller, Lehre vom Gemeindeaufbau. Bd. 1, Göttingen ²1987, 22.


Aber lassen wir das für einen Moment, und machen wir einen kurzen gedanklichen Sprung zu einem anderen Großunternehmen, dessen finanzielle Not dieser Tage Schlagzeilen macht: Die Baumarktkette Praktiker hat Insolvenz angemeldet. In den zahl- und wortreichen, dabei einander oft ähnlichen Kommentaren und Analysen zur Situation (interessant und anders: Stephan Kaufmann) werden vor allem zwei Ursachenkomplexe hervorgehoben. Zum Einen falsch eingesetzte Ressourcen: "Der Verwaltungsapparat ist aufgebläht [...]. Im Übrigen, in den letzten eineinhalb Jahren wurden 80 Millionen Euro alleine für Berater-Gutachten ausgegeben", so eine Großaktionärin - ein Schelm, wer hier an Kirche denkt. Zum Anderen die berühmt-berüchtigte ("Zwanzig Prozent auf alles außer Tiernahrung"), am Ende aber kolossal "fehlgeschlagene Rabattstrategie. Sie brachte dem Unternehmen ein Billig-Image, beschädigte die Marke".

Die Assoziationen, die das unschöne Stichwort "Billig-Image" in mir weckt, kann ich nicht so leicht abschütteln, wie ich es gerne täte. Ebensowenig die leisen, aber nervig pochenden Fragen: 

Wir tragen mit leidenschaftlichem Pathos unseren Anspruch vor, "Kirche für alle" sein zu wollen - aber fallen wir uns nicht mit der skandalösen und dabei in den meisten Gemeinden beharrlich betriebenen Milieuverengung selbst ins Wort? 

Und sind wir nicht in unseren irgendwann vielleicht sogar mal begründeten, mittlerweile aber vielerorts zu automatisierten und selbstgefälligen Schattengefechten degenerierten Abgrenzungen von der Enge und Strenge früherer Generationen übers Ziel hinausgeschossen? 

Laufen wir nicht Gefahr, mit unseren fehlgeschlagenen religiösen Rabattstrategien eine theologische Insolvenz herbeizuführen? (Ja, ich schmeiße ein paar Euro ins Phrasenschwein.)

Statt "Kirche für alle" (ob und wie das im Einzelfall funktionieren könnte, sei mal dahin gestellt, auch die Frage nach der theologischen Begründung lassen wir mal tunlichst außen vor) zu sein, haben wir uns vor allem zur "Kirche für alle, die gerne in Ruhe gelassen werden" entwickelt. 
Wir sind sehr geübt darin, den unentschlossenen Mitgliedern am Rand der Kirche, meist im vorauseilenden Gehorsam, Beschwichtigungsformeln zuzurufen, um ihnen ein wohlwollendes Kopfnicken zu entlocken und das Versprechen, dann doch weiter Kirchensteuer zu bezahlen, statt dem Roten Kreuz etwas zu spenden. Und nehmen damit diejenigen Menschen nicht ernst, die nach Perspektiven suchen, die über das hinausgehen, was sie sich auch selbst sagen können.
Wir halten uns für religionspädagogische Avantgarde, weil unsere Konfirmand_innen nichts mehr auswendig lernen müssen - und nehmen ihnen damit die Chance, in Auseinandersetzung mit traditionellen und bewährten Formulierungen ihre eigene religiöse Sprachlosigkeit zu überwinden
Wir missbrauchen die an sich wichtige Einsicht von der Vorläufigkeit allen menschlichen Tuns und der Brüchigkeit unserer Erkenntnis, um damit unausgegorene und handwerklich schlecht gemachte Predigten, lieblos zusammen geschusterte Gottesdienste und theologisch bestenfalls halbgare Richtigkeiten zu legitimieren. 
Wir inszenieren uns als "Kirche für alles", halten für jede öffentliche Veranstaltung ein gefälliges Grußwort bereit und freuen uns über unsere Relevanz als Akteure im öffentlichen Leben, verdrängen dabei aber oft genug unseren prophetischen Auftrag, der uns dazu bringen könnte, die Intentionen so mancher Veranstaltung, die wir mit einem religiösen Goldrand versehen und damit legitimieren, in Frage zu stellen.

Um es klar zu stellen: Es geht nicht darum, angesichts einer unbequemen und unübersichtlichen Postmodernen den neofundamentalistischen Fluchtreflexen zurück zu einer autoritären "Is so!"-Theologie nachzugeben. Aber vielleicht darum, den externen Beraterinnen und Beratern, denen wir so viel Geld hinterherschmeißen, mal zu glauben, wenn sie uns durch die Bank raten, uns auf unser "Kerngeschäft" zu konzentrieren und die oftmals hausgemachte Angst abzulegen, man würde uns dadurch für religiöse Spinner halten - und damit auch endlich die innerkirchlichen Grabenkämpfe des letzten Jahrhunderts ruhen zu lassen.

Und es geht darum, die prekäre Situation nicht als Damoklesschwert am reißenden Faden, sondern als kairós zu entdecken, als einen geschenkten Anlass, unsere kirchliche Praxis und die dahinter stehenden ekklesiologischen Grundentscheidungen oder Missverständnisse zu hinterfragen.

Freitag, 5. April 2013

Sitzenbleiben?! Och nö...

„Gut, dann mach’s mal gut“, sagt die Stimme am Telefon. „Ja, du auch, und bis bald einfach“, erwidere ich, stehe vom Schreibtisch auf und gehe Richtung Flur, bereit, das Telefon zurück auf die Basis zu stecken und anderen Dingen nachzugehen. Doch der Mensch am anderen Ende der Leitung ist doch noch nicht fertig: „Ja, tschüss… ach, bevor ich’s vergesse, hast du eigentlich…“ Etwas genervt halte ich das Telefon wieder etwas fester ans Ohr und höre mir an, was ‚eigentlich‘ noch zu klären wäre.

Kennt Ihr das? Nervt Euch das? Dachte ich mir.

Aber dann erkläre mir doch bitte mal jemand, warum wir im Gottesdienst unbedingt beim Orgelnachspiel sitzen bleiben sollen. Als Disclaimer vorneweg: Ich will keinem Kirchenmusiker die Butter vom Brot nehmen, ich habe hohen Respekt vor den Möglichkeiten, einen Gottesdienst durch eine durchdachte und professionelle musikalische Gestaltung zu bereichern. Wohlgemerkt: Durchdacht. Und das ist der Punkt.

Ein guter Gottesdienst hat einen erkennbaren Spannungsbogen. Und hier ist es egal, ob man sich am oberdeutschen Prädikantengottesdienst oder an der Messfeier orientiert: Ich werde empfangen, kann ablegen, bekomme das gesagt, was ich mir selbst nicht sagen kann. Höre Worte aus der Bibel, die in der Predigt ausgelegt für mein Leben Bedeutung gewinnen. Stärke mich gemeinsam mit anderen an Brot und Wein, nehme die Welt ins Gebet und werde unter dem Zuspruch von Gottes Segen und Geleit in die Woche entsandt. Es geht rein, und es geht wieder raus.
Am Ende steht der Segen, die Zusage: Gott ist mit Dir – aber: dieser Segen ist eben „nicht Selbstzweck, sondern Sendung“ (Hellmut Gollwitzer). Mancherorts ist eine entsprechende liturgische Formel vor oder nach dem Segen üblich. Sehr sympathisch sind mir die in diesem Fall einmal erfreulich wortkargen und konzentrierten Katholiken: „Ite, missa est“, frei und etwas mutwillig übersetzt: „Ab mit euch, ihr habt euren Auftrag.“ Ich selbst verwende eine etwas längere Variante aus der Reformierten Liturgie in Anlehnung an Jesaja 35:

Stärkt die müden Hände

und macht fest die wankenden Knie,

sagt denen, die verzagten Herzens sind:

Fürchtet euch nicht!

Seht, euer Gott ist da;

er kommt und wird euch helfen.

Darauf folgt direkt der Segen. Die Gemeinde wird mit dem ausgestattet, was sie braucht, um den „Gottesdienst im Alltag“ (Ernst Lange) weiter zu feiern, um in der Welt für ihren Glauben einzustehen, und sie hat hoffentlich sogar das Bedürfnis oder zumindest das Gefühl einer Berufung, das Gehörte umzusetzen und weiterzusagen.

Dieser Spannungsbogen wird jäh unterbrochen, der positive Handlungsimpuls gedämpft, ein notwendiger Abschied unnötig herausgezögert, wenn ich mich, nachdem ich zur Sendung gerufen wurde und den Segen empfangen habe, erst einmal wieder hinsetze und brav dem Orgelnachspiel lausche. Dadurch aber wird die gottesdienstliche Musik zum bürgerlichen Hauskonzert degradiert, dadurch wird der Eindruck verstärkt, beim Gottesdienst ginge es in erster Linie um eine (vielleicht sogar geliebte) soziale Verpflichtung, brav zuzuhören. Die Gemeinde wird in ihren Impulsen gehemmt und der liturgiegeschichtliche Zusammenhang aufgelöst: Denn historisch betrachtet hat gottesdienstliche Instrumentalmusik eine Funktion, sie untermalt die Prozession, den Ein- und Auszug der liturgisch Handelnden.

Hans-Peter Braun schreibt in einer Replik an Martin Nicol, der ähnliches feststellt:

Das Orgelnachspiel begleitet den Gang über die Schwelle nach draußen.  Das muss nicht dadurch geschehen, dass ich aufstehe und hinausgehe. Es kann meiner Erfahrung nach auch im Sitzen ein „hörendes Hinausgehen“ geben, eine Art Schutzzone, eine akustische Schwelle zwischen drinnen und draußen, die ich nach dem Segen überschreite, eine heilsame Verzögerung, bevor mich draußen wieder die Brandung der Worte umgibt. 
Den Gedanken einer akustischen Schutzzone finde ich wichtig, aber diese ist auch gegeben, wenn ich mich währenddessen zum Ausgang bewege. Noch mehr: Sie bietet mir die Möglichkeit, mich im akustisch geschützten Raum vielleicht mit einer Banknachbarin über das Gehörte auszutauschen. Eine Verzögerung erkenne ich auch, aber ich halte sie nicht für heilsam, sondern für hinderlich und für potenziell pathologisch, denn die Rede von einer Schutzzone leistet einem Gottesdienstverständnis Vorschub, das den Gottesdienst als eine Wellnessoase, eine Insel der Glückseligen sieht, um die der postmoderne Alltag brandet. Dass solche Aspekte eine Rolle spielen, soll damit nicht in Abrede gestellt werden, aber es ist doch zu fragen, ob es den Kern wirklich trifft, wenn wir Mission durch Meditation ersetzen, statt sie zu ergänzen, und das still und heimlich – denn ich unterstelle, dass in den meisten Gemeinden das eigentlich Ausschlag gebende Argument für das Sitzenbleiben beim Orgelnachspiel ist: „Haben wir immer so gemacht!“

Ich habe durchaus Sympathien für den Wunsch nach einem Raum jenseits der „Brandung der Worte“, nach der Möglichkeit, das Gehörte einsinken zu lassen und meinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Pädagogisch gesprochen handelt es sich dabei um eine Vertiefung, die kann innerhalb wie außerhalb des Unterrichts stattfinden – aber bitte nicht, nachdem schon der Gong zur Pause geläutet hat. Im Gottesdienst kann dieser Punkt eine Orgelmeditation nach der Predigt sein, das bietet auch der Kirchenmusikerin die Möglichkeit, das Gesagte zu kommentieren. Der Verkündigungscharakter der Kirchenmusik käme so deutlicher zum Ausdruck.

Was sagt Ihr?