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Sonntag, 24. November 2013

Aufgaben im Grenzland

„Nó“, so begannen sie immer, Tante Trudes Geschichten von drüben, aus der alten Heimat Oberschläsing. „Nó, jeronje, und dann ham wir rübagemaht.“ Und dann erzählte sie, die eigentlich gar keine „richtige“ Tante war, von ihrer Ausreise aus Polen, 1956. Jahrelang mit den Behörden um die Ausreisegenehmigung gefeilscht - und dann musste es plötzlich ganz schnell gehen. Mit der ganzen Tschelotka, Groß und Klein, Sack und Pack ging es in den Westen. Ihre Geschichte endete immer an der Grenze zur DDR. Genauer gesagt: Kurz dahinter. „Nó“, sagte sie dann, „ich guck' zurück - und seh' die Mauern, den Stacheldraht, das Grenzhäuschen, die Grenzsoldaten, die vor sich hin stieren" – und Tante Trude wusste  bei diesem letzten Blick Richtung Heimat: Über die Grenze hat sie zum ersten und letzten Mal rübergemacht. Ihre Heimat, das war in diesem Moment ganz klar, würde sie nie wiedersehen.

(c) Holzapfel / pixelio.de
Liebe Gemeinde, für mich waren und sind solche Geschichten vom Gefühl her ungefähr so nah wie die aus Tausendundeiner Nacht, Geschichten aus einer dunklen, längst vergangenen  Zeit und einer fremden Welt. Wir Jüngeren kennen keine geschlossenen Grenzen mehr. Grenzen sind die Autobahnstücke mit den kleinen Zollhäuschen, deren Schranken offen sind und über die man, wie man will, hin- und her fahren oder einfach drüberfliegen kann.


Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass in einer neueren Untersuchung über Dreiviertel der Jüngeren, der Unterfünfzigjährigen, angab, mit dem „Ewigkeitssonntag“ als Feiertag nichts anfangen zu können.


Denn der Ewigkeitssonntag ist der Feiertag für Menschen an der Grenze. An jener äußersten Grenze, die jeder und jede von uns eines Tages überquert. Eine Grenze, die nur von der einen auf die andere Seite passierbar ist und die Familien zerreißt. Für viele von Ihnen, die heute hier sind, ist diese Grenze im vergangenen Jahr aus dem Nebel aufgetaucht, sie haben Menschen verloren, die über diese Grenze gegangen sind. Manche konnten sich noch verabschieden, eine gute Reise wünschen, Absprachen treffen, auf Gemeinsames zurückblicken. Andere hatten diese Möglichkeit nicht, können nur wie versteinert auf unserer Seite dieser Grenze stehen bleiben und winken, und langsam nach Hause zurückgehen und hoffen, dass es denen, die „drüben“ sind, gut geht.


Das Land um die Grenze herum ist unsicheres Gebiet, kein Ort, an dem man seine Zelte aufschlagen will. Zu weit weg das sichere Landesinnere, zu nah das Andere, das Fremde. Das Land um die Grenze herum ist Niemandsland, im doppelten Sinne: In einer Gesellschaft, die den Tod aus ihrer Mitte verdrängt, die Sterbende in Institutionen versteckt und alles dafür tut, die Begrenztheit unseres Lebens zu vergessen, machen die Meisten einen großen Bogen um dieses Land vor der Grenze. Und wer keine andere Wahl hat, wer sich plötzlich kurz vor der Grenze wiederfindet, weil ein Angehöriger die letzte Reise angetreten ist, oder weil er oder sie selbst kurz vor dem Grenzübergang steht, steht oft allein.

Weil die Menschen um sie herum aus Angst, etwas falsch zu machen, oder aus Angst vor der eigenen Sterblichkeit zurückzucken und schweigen.


Wie sollen wir mit dieser Grenze umgehen, wie können wir uns im Grenzland verhalten?

Ich möchte den heutigen Predigttext als eine Orientierung in dieser Frage lesen. Es ist ein Wort Jesu aus dem Lukasevangelium, das wie ein Peitschenknall durch die Stille dieses Tages fährt und vielleicht beim ersten Hören zusammenzucken lässt. Mal sehen, wie es Ihnen geht mit Lk 12,42-48:


Der Herr aber sprach: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht?  Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht.  Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen,  dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er‘s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.


Liebe Gemeinde, diese Worte sagen nichts, womit wir uns das Grenzland schön reden können. Keine salbungsvollen Worte, die den Übergang erleichtern, die die Grenze in einem helleren Licht erscheinen lassen – aber die doch Perspektiven eröffnen für das Leben im Grenzland.


Eine Figurenkonstellation bestimmt die Szene, Herr und Verwalter. Und vielleicht bleiben wir hier erst einmal stehen. Ein Verwalter ist jemand, der unter dem Herrn steht, aber in dessen Abwesenheit an seiner Stelle entscheidet, der also stellvertretend Verantwortung übernimmt. In der Bibel taucht dieser Gedanke ganz am Anfang auf, im ersten Schöpfungsbericht, da heißt es (Gen 1,26): Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 


Dem Menschen ist hier eine Herrschaft aufgetragen, die aber nicht absolut ist – die „Krone der Schöpfung“ kann und soll nicht nach Gutdünken haushalten, sondern bleibt seinem Herrn, dem, den er vertritt, verantwortlich. Es lohnt sich, bei einer anderen Gelegenheit nochmal darüber nachzudenken, was das bedeutet für unseren Umgang mit der Welt, in der wir leben – aber das ist heute nicht dran. Halten wir nur fest: Wir haben eine Aufgabe in dieser Welt, in diesem Leben, eine Aufgabe, bei der wir gebunden sind an das, was wir von Gottes Willen für diese Welt erfahren.


Was heißt das für die einsamen Landstriche vor der Grenze unseres Lebens?


Jesus spricht von vier Verwaltern, einem, der seinen Auftrag vorbildlich ausführt und dreien, die in ihrer Pflicht versagen. Bleiben wir beim ersten, es geht ja um Perspektiven.


Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht?

Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht.


Der kluge Verwalter, die treue Haushälterin erweisen sich zunächst daran, dass sie den Menschen, die ihnen anvertraut sind, zur rechten Zeit das geben, was ihnen zusteht. Im griechischen Text heißt es konkreter: zur rechten Zeit die ihnen zugeteilte Ration an Getreide geben, mit Matthäus gesagt, bei dem das Gleichnis auch steht: … zur rechten Zeit zu essen geben.


Tante Trudes Geschichte ging weiter, und ihre Stimme bekam immer etwas Warmes, wenn sie von den schönen Erinnerungen erzählte, die sie trotz aller Beschwerlichkeit an diese Reise hatte: Dann erzählte sie vom Roten Kreuz, das hinter der Grenze auf die Aussiedler wartete. Bei einer Pause auf der langen und beschwerlichen Fahrt konnten sie aus dem überfüllten Zug aussteigen und sich die Beine vertreten. Es Kaffee für die Erwachsenen, Trockenmilch für die Kinder und Butterbrote und Decken für alle. Und Tante Trudes Augen glitzerten, wenn sie von der Puppe erzählte, die eine Mitarbeiterin ihr heimlich zusteckte und die sie über Jahre hütete wie einen Schatz.


Vielleicht können wir hier, wie so oft, etwas vom Judentum lernen, wo es ein Netz von Traditionen und Gebräuchen gibt, die die Trauernden schützend umgeben: Dort beginnt mit dem Todesfall in einer Familie die siebentägige Schiwa, in der die Trauernden das Haus nicht verlassen, sondern im Wohnzimmer beisammen sitzen, oft auf niedrigen Stühlen oder Matratzen, die symbolisieren, dass sie buchstäblich am Boden zerstört sind. Es gilt als eine mitzwah, eine gute Tat, Trauernde in dieser Woche nicht allein zu lassen, sondern sie zu besuchen, mit ihnen gemeinsam der Verstorbenen zu gedenken oder einfach zu schweigen – und ihnen Essen mitzubringen, damit sie nicht selbst kochen müssen. Manche Gemeinden haben sogar entsprechende ehrenamtliche Dienste. Die Trauernden werden so aus ihrer sozialen Isolation befreit und rundherum versorgt.
Beim Verlassen des Trauerhauses wünscht man den Angehörigen: Hamakom y‘nachem etchem b‘toch sh‘ar aveylei tziyon viyrusholayim – Möge Gott dich trösten unter den Trauernden Zions und Jerusalems.

Ich glaube, dieses letzte Wort ist wichtig, weil auch die Besucher, Tröster und Helfer sich nicht übernehmen sollen und gut daran tun, zu erinnern, wer der eigentliche Tröster war, ist und sein wird.


Liebe Gemeinde, ein treues Verwalten der Schätze und der Hoffnung, die uns anvertraut ist, stelle ich mir im öden und trostlosen Grenzland von Tod und Trauer so ähnlich vor:

Dort zu sein und auszuharren, wo sonst kaum jemand hingeht und den Menschen, die dorthin gespült werden, zur rechten Zeit das zu geben, was sie brauchen – und was ihnen zusteht: Das kann die Unterstützung bei Alltäglichkeiten sein, die plötzlich unendlich schwer sind. Das kann eine Umarmung sein, oder einfach das schweigende Zuhören und das dringend notwendige Signal: Du bist nicht allein. Das kann auch, zur rechten Zeit und wenn wir gefragt werden, die leise Erinnerung daran sein, dass wir eine Hoffnung haben, die über dieses Leben hinausgeht, und dass der Grund dieser Hoffnung derjenige ist, der über der letzten Grenze wacht, der über uns allen steht und dereinst zurückkommt.


Apropos Hoffnung – noch einmal Tante Trude: 
(c) Marc Tollas / pixelio.de
Tante Trudes Ahnung hat sich nicht bewahrheitet. Angesichts der festungsartig gerüsteten, mit Stacheldraht, Warnschildern und grimmigen Soldaten besetzten Grenze, die so endgültig und undurchdringlich und unbarmherzig aussah, hat sie gedacht: Hier komme ich nie wieder rüber, ich werde meine Heimat nie wieder sehen. 2006 ist sie mit ihrer Tochter nach Polen gefahren, durch die nun offenen Grenzen, und hat die Orte ihrer Kindheit besucht. „Nó“, sagte sie bei ihrer Rückkehr, „hätt ich nich gedacht.“ Und komisch sei es gewesen, weil alles so anders war als in ihrer Erinnerung, sie hätte die Städte fast nicht erkannt – „aber die Schneekoppe, die war immer noch da und ganz weiß. Da wusste ich: Hier bin ich richtig.“ 50 Jahre sind immerhin vergangen, ein ganzes politisches System musste in der Zwischenzeit untergehen, ein Land sich neu erfinden, ein eiserner Vorhang fallen, bevor die Grenze gegen alle Hoffnung und alle Vermutungen offen war.


Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;  und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Amen.

Sonntag, 10. November 2013

Die Witwe. Die Wut! Der lange Atem...



Gottesdienst zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres,
gestaltet mit den Kölner Himmelstöchtern

Jesus erzählte ihnen aber ein Gleichnis, um ihnen zu sagen, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten: In einer Stadt gab es einen Richter, der Gott nicht fürchtete und keinen Menschen scheute. Und in dieser Stadt gab es auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaffe mir Recht gegenüber meinem Gegner! Eine Zeit lang wollte er nicht. Danach aber sagte er sich: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen scheue - dieser Witwe will ich, weil sie mir lästig ist, Recht verschaffen, damit sie am Ende nicht noch kommt und mich ins Gesicht schlägt. Und der Herr sprach: Hört, was der ungerechte Richter da sagt! Sollte nun Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht Recht verschaffen, und sollte er ihre Sache aufschieben? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht verschaffen, und zwar unverzüglich. Bloß - wenn der Menschensohn kommt, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?


In einer Stadt gab es einen Richter. Ein kurzer Satz reicht, und wir sind mitten im Leben.

In einer Stadt gibt es einen Richter, der Gott nicht fürchtet und keinen Menschen scheut. Und es gibt auch eine Witwe, die immer wieder zum ihm kommt und sagt: "Verschaffe mir Recht!" - aber er will nicht.

In einer Firma gibt es einen Chef, der viel von seinen bevorzugten Mitarbeitern hält und wenig von Gleichstellungsplänen. Und in dieser Firma gibt es eine Mitarbeiterin, die immer wieder zu ihm kommt und fragt: "Wann werde ich bei Beförderungen berücksichtigt, wann wird meine Leistung anerkannt?" -  aber er will nicht.

In einer Klasse gibt es eine Lehrerin, die viel von ihrer Berufserfahrung und Menschenkenntnis hält und die mündlichen Noten für das ganze Schuljahr meist nach der ersten Woche vergeben hat. Und in dieser Klasse gibt es auch einen Schüler in der letzten Reihe, der immer wieder zu ihr kommt und sagt: "Wenn irgendwer stört, bin ich immer der, der Schuld ist. Und wenn ich mich mal melde, werde ich nie drangenommen – benoten Sie endlich mal gerecht!" Aber sie will nicht.


Bernd Kasper / pixelio.de
 

Liebe Gemeinde, der Gedanke an ungerechte Richter, die nach eigenem Gutdünken, nach Tagesform und Lust und Laune Anträge annehmen oder ablehnen und damit über Schicksale entscheiden, dieser Gedanke hinterlässt bei mir ein ungutes Gefühl. Genauso wie der Gedanke an Vorgesetzte oder an irgendwelche Menschen in Machtpositionen. Ich finde es trotzdem wichtig, dass der Richter hier im Gleichnis genannt wird – das macht die Geschichte realistisch, denn es gibt sie ja, Gott sei es geklagt. Dem Richter wird hier kein literarisches Denkmal gesetzt, er bleibt bis zum Ende und darüber hinaus unsympathisch. Denn er lenkt zwar ein – aber nicht, weil er die Not der Witwe ernst nimmt, weil er einsieht, dass vielleicht ihr ganzes Überleben von seinem Richterspruch abhängt. Hört, was der ungerechte Richter sagt, sagt Jesus: Dieser Witwe will ich, weil sie mir lästig ist, Recht verschaffen, damit sie am Ende nicht noch kommt und mich ins Gesicht schlägt.

Und ich höre, was er sagt, und finde es eklig, abstoßend, erschreckend.



Jesus spricht: Hört, was der ungerechte Richter sagt. Sollte nicht Gott…



Und hier erschrecke ich noch mehr. Der ungerechte Richter – und Gott im selben Atemzug. Ich höre, wie es weitergeht, wie es weitergehen muss, theologisch korrekt: Gott ist natürlich kein ungerechter Richter und wird sich deswegen natürlich umso mehr um seine Menschen kümmern. Aber eine Schrecksekunde lang öffnet sich in dem Gleichnis ein kleiner Spalt für eine Frage, die vielleicht noch schwerer zu ertragen ist, noch tiefere Wunden reißen kann als die Frage, ob es Gott überhaupt gibt. Eine Frage, die auch Abraham vor Sodom bewegt: Sollte etwa Gott selbst ungerecht sein? Kann es sein, dass es zwar einen Gott gibt, aber dass der gar nicht so gut ist, wie wir immer singen und tun, sondern im besten Fall uninteressiert, im schlimmsten Fall amüsiert über das Leiden seiner Menschen? Ich glaube, dass Jesus, als er das Gleichnis erzählt, diese Frage in Kauf nimmt, denn sie stellt sich doch. Damals wie heute.

Günther Gumhold / pixelio.de


In Auschwitz, kurz nach der Befreiung des Lagers, sitzen einige der ganz wenigen überlebenden Rabbiner in einer Baracke, und sie tun das, was jüdische Geistliche und Gelehrte in der langen und schweren Geschichte des Volkes Israel mehrfach getan haben: Sie machen ihrem Gott den Prozess. Sie sitzen zu Gericht über ihn wegen des Blutbades unter seinen Kindern, sie erheben Anklage gegen ihn wegen Feindseligkeit, Grausamkeit und Gleichgültigkeit.

Im Morgengrauen wird das Urteil verkündet: "Wegen der ungeheuerlichen Unterlassungen, die er sich an seinen Kindern hat zuschulden kommen lassen, wird der Heilige, gelobt sei er, mit sofortiger Wirkung aus der Gemeinschaft ausgestoßen." Und es war, als hielte der Kosmos den Atem an.


Jesus fragt: Wenn der Menschensohn kommt, meinst du, er wird Glauben finden auf Erden? Ist es Unglauben, wenn jemand die Trümmer seines ganzen Lebens Gott ins Gesicht schleudert und ihn für schuldig befindet? Wenn der Glauben an den lieben Gott zerbricht, in dem Moment, in dem ein Pfarrer die Tür schließt und die Hand auf das Knie seiner Konfirmandin legt? In dem Moment, in dem ein Arzt mit Sorge im Blick sagt: „Es sieht nicht gut aus?“ In dem Moment, in dem alles zu schnell geht und die Bremsen versagen und nach einem dumpfen Knall nichts mehr ist?

Liebe Gemeinde, vielleicht hat die Witwe aus der Stadt mit dem ungerechten Richter Freunde, die ihr sagen: Gib es auf. Du bist und bleibst ja auf jeden Fall moralisch im Recht. Vielleicht sagt sich die Mitarbeiterin in der Firma mit dem kurzsichtigen Chef irgendwann: Das ist es nicht wert, und reicht die Kündigung ein, weil keine Abfindung und Hartz IV immer noch besser ist, als jeden Tag mit Magenkrämpfen zur Arbeit zu gehen. Und vielleicht macht der Schüler mit der ungerechten Lehrerin irgendwann dicht, weil er sich sagt: Es bringt sowieso nichts, und gibt ihrer Einschätzung und ihrer Benotung letzten Endes recht.



Aber die Witwe gibt nicht klein bei. Immer wieder rückt sie dem Richter auf die Pelle, lässt ihm keine Ruhe, nervt ihn und erhebt ihre Stimme und ihre Faust, gegen alle Erwartungen, gegen alle Vernunft, gegen alle Umgangsformen. Und sie erhält Recht.



In Auschwitz erheben die Rabbiner Anklage gegen Gott. Im Morgengrauen wird das Urteil verkündet: "Wegen der ungeheuerlichen Unterlassungen, die er sich an seinen Kindern hat zuschulden kommen lassen, wird der Heilige, gelobt sei er, mit sofortiger Wirkung aus der Gemeinschaft ausgestoßen." Und es ist zunächst, als hielte der Kosmos den Atem an. Dann seufzt der Vorsitzende und sagt: „Kommt, jetzt gehen wir beten.“



Liebe Gemeinde, manchmal gehört zum Glauben auch ein langer Atem und viel Geduld. Das war schon immer so – und Jesus erzählte ihnen ein Gleichnis, um ihnen zu sagen, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollen. Und ins Gebet hinein gehört manchmal auch die Wut, die Enttäuschung, die Bitterkeit darüber, dass dieses Leben und diese Welt so sind, wie sie sind. Dafür gibt es Vorbilder. Die lärmende, lästige, wütende Witwe. Abraham, der Gott herausfordert und ihn auf seine eigene Verheißung festnagelt. Jakob, der eine ganze Nacht lang am Ufer des Jordans mit Gott ringt und ihn festhält und sagt: „Ich lasse dich nicht los – es sei denn, du segnest mich!“ Die vier Freunde des Gelähmten, die Jesus aufs Dach steigen. Die namenlosen Beterinnen und Beter in den Psalmen, die laut rufen: Schaffe mir endlich Recht! Die Rabbiner von Auschwitz, die ihrer Verzweiflung und ihrem Zorn Luft machen – die sich aber das Gebet nicht nehmen lassen.


IESM / pixelio.de


Wenn der Menschensohn kommt, meinst du, er wird Glauben finden auf Erden? fragt Jesus.
Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn er kommt. 
Ohne Brausen, ohne Getöse, nur mal so, zum Gucken,
ob er Glauben findet auf Erden?
Und ich stelle mir vor: 
Er geht durch die Straßen, 
vorbei an mächtigen, geputzten Kirchenfassaden, 
hört überall Glocken zur vollen Stunde, 
sieht goldene Kreuze auf und unter der Kleidung, 
und kümmert sich gar nicht drum, 
und stellt sich stattdessen mitten in eine Gruppe Menschen, 
die mit Wut und Transparenten 
vor einem Regierungsgebäude oder einem Rathaus stehen, 
stärkt ein paar müde Knie, 
damit sie noch lange da stehen können, 
gibt ein bisschen Hoffnung in ihre Wut 
und gibt ihnen langen Atem, 
damit sie noch lange rufen können: 
Gerechtigkeit jetzt! 
Kommt an ein Krankenbett, 
in dem einer liegt, 
von dem die Ärzte sagen: 
Es lohnt nicht mehr. 
Stellt sich hinter seine Frau, die ihm die Stirn wischt und die Windeln wechselt 
und legt die Hand auf ihre Schulter und wartet mit ihr. 
Setzt sich mit an einen Küchentisch, 
zwischen zwei, die reden wollen, reden müssen, aber nicht können, 
und vertreibt die sprachlosen Geister. 
Und ich stelle mir vor, wie er sich langsam wieder auf den Weg macht 
und alles mitnimmt. 
Alles Schluchzen und Klagen und Toben 
und alle stillen Seufzer von denen, die nicht aufgeben. 
Wenn der Menschensohn kommt, 
meinst du, er wird Glauben finden auf Erden?
Ja!



Die Geschichte vom Auschwitzer Prozess gegen Gott ist nacherzählt nach einem Leitartikel von Heribert Prantl in der Süddeutschen vom 24.12.2003.

Predigtsoundtrack


Himmelstöchter: Ave maris stella
Les Misérables: One day more - toller polnischer Flashmob!

Donnerstag, 12. September 2013

Die Sauerteig-Challenge. Tag 4: Ansatzpflege

Am vierten Tag wenden wir uns wieder, nach langem Warten, unserem Teigansatz zu und fügen morgens und abends etwas hinzu:

Am Morgen:
100 ml warmes Wasser
90 g Roggenmehl


Alles vermischen - das Ganze wird jetzt ein bisschen dickflüssiger. Und wieder: Stehen lassen und warten, allerdings diesmal nur bis zum abend. Dann geht es nämlich weiter:

Am Abend:
100 ml warmes Wasser
60 g Roggenmehl

Jetzt hat sich hoffentlich im Teig schon etwas getan - irgendwann heute abend, spätestens morgen früh sollte die Masse, die sich in dem Glas befindet, eine Konsistenz haben, die in etwa an Mousse au Chocolat erinnert. Wenn nicht, bleibt nichts anderes übrig, als alles bis auf ca. 50 g (sprich 2-3 EL) auszukippen und die Prozedur vom Morgen zu wiederholen. Dann müsste aber auch geklappt haben. 

Den Teigansatz jetzt einfach im Kühlschrank im (diesmal verschlossenen Glas) zwischenparken - was man damit machen kann, wird morgen hier verraten!

Wenn das Himmelreich wie ein Sauerteig ist...


Noch ein paar Gedanken zum Sauerteig, zum Leben in der Gemeinde und zum Spiel mit dem Reich Gottes: Ich finde es immer spannend, mitzuerleben, wie die Masse im Glas lebendig wird, Blasen wirft, im Volumen wächst und ein Eigenleben führt. Fast ganz von sich allein. Das Einzige, was der Teig braucht, ist ab und zu etwas Nahrung - und die richtige Temperatur. So erlebe ich auch die Gemeindearbeit: Die Menschen, die sich hier engagieren, ihre Gaben und Talente und ihre Zeit einbringen, können gut mit ihrer Verantwortung umgehen und müssen in den meisten Fällen nicht kleinschrittig begleitet werden. Wofür ich als Pfarrer, oder allgemein: als Hauptamtler, sorgen kann und muss, ist genau das: Ich halte Nahrung bereit, inhaltliche, geistliche, praktische Inputs. Und ich versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Einzelnen sich wohlfühlen und entfalten können. Dann wächst der Ansatz, und er strahlt aus: Neue Menschen, die dazu kommen, mitgerissen werden und ein Teil dieses lebendigen Organismus sein möchten. Wenn die Temperatur stimmt!

Montag, 9. September 2013

Die Sauerteig-Challenge. Tag 1: Der Ansatz

Los geht es also damit, dass wir einen Sauerteig ansetzen. Dazu braucht man nicht mehr als ein bisschen Roggenmehl (gerne Vollkorn), etwas warmes Wasser und ein Schraubglas, das mindestens 0,5 Liter fasst. Alles da? Super, dann mal los!

Sauerteigansatz

Tag 1 (erste Tageshälfte):
100 ml warmes Wasser
30 g Roggenmehl

Mehl und Wasser im Schraubglas verrühren. Den Deckel auflegen, aber nicht ganz fest zuschrauben - wir wollen die Essigfliegen fernhalten, aber nicht riskieren, dass uns im Laufe der Gärung der Deckel um die Ohren fliegt. Das Ganze an einem warmen Ort, gern über 20 Grad, drei Tage lang stehen lassen und morgens und abends ein bisschen am Glas rütteln. 

Ein kleiner Tipp aus der Praxis: Im Sommer ist das mit der warmen Stelle kein Problem, im Winter muss man da ein bisschen suchen. In manchen Einbauküchen ist der Schrank über der Kühl- und Gefrierkombination ziemlich warm, wenn eine Heizung läuft, kann man den Teigansatz direkt davor platzieren (nicht direkt drauf, sonst geht er ein). Ich hatte irgendwann einmal die Nase voll vom ständigen warme-Stellen-Suchen und habe mir für ein paar Euro eine große Styroporbox mit Deckel gekauft. Da lege ich eine Wärmflasche mit rein, und fertig ist die Laube. Kann ich nur empfehlen, wenn man öfter mit Sauerteig hantieren möchte. Hat auch den Vorteil, dass die Sachen aus dem Weg sind. 

(c) wilhei / pixelio.de
Jetzt heißt es also: Warten. Man kann den Prozess natürlich chemisch ein bisschen beschleunigen, aber mich fasziniert beim Sauerteigansatz gerade, dass es auch nur mit Wasser und Mehl und Zeit klappt, ohne Zusätze und Abkürzungen. Für mich ist das eine gute Übung, denn ich gehöre zu den Leuten, die sonst im Leben ziemlich ungeduldig sind und gern eine Abkürzung nehmen, wenn es denn eine gibt. Dadurch komme ich manchmal schneller ans Ziel - aber dadurch gehen mir auch Erfahrungen verloren, die man nur unterwegs machen kann. Jesus hat gesagt: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Sauerteig, der unter einen Zentner Mehl gemischt wird und nach und nach alles durchsäuert. Mich erinnert das daran, dass auch die Arbeit in der Gemeinde Zeit braucht. Manche Ideen müssen ausgesprochen werden, aber dann ein bisschen ruhen, sich weiter entwickeln, in den Köpfen vor sich hin wachsen und ihr Potenzial nach und nach freisetzen. Manche Menschen brauchen Zeit, um zu erkennen, was sie wollen und können - und was eben nicht. Solche Prozesse lassen sich nicht ohne weiteres beschleunigen - und das ist wahrscheinlich auch gut so.

Die nächsten drei Tage kann man also abwarten und was anderes machen. Es lohnt sich, in der Zeit hier mal ab und zu reinzuschauen, wenn es allzu langweilig wird. 

Sonntag, 8. September 2013

Sauerteig macht lustig!



Nicht so richtig Sauerteig, sondern ein Ciabatta mit Poolish. Braucht aber auch Zeit.

Jesus, die Männer und das Backen


Jesus stammte ja bekanntlich aus einer Familie von Zimmerleuten, allerdings scheint er auch Ahnung vom Backen gehabt zu haben, zumindest lässt das klitzekleine Gleichnis in Matthäus 13,33 entsprechendes Interesse erkennen:



Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis er ganz durchsäuert war.



Ich glaube ja, dass es von Bedeutung ist, dass Jesus hier eine Tätigkeit als Beispiel nimmt, die in der antiken Gesellschaft den Frauen in den Privathäusern vorbehalten und kaum akzeptables Gesprächsthema von „richtigen“ Männern in aller Öffentlichkeit gewesen sein dürfte. Aber das alles führt jetzt doch ein wenig ab vom Thema – oder doch nicht?



Jedenfalls: Sauerteig. In Schweden ist das, maßgeblich vorangetrieben von profilierten Foodbloggern wie Martin Johansson, so ein Koch- und Backtrend der letzten Jahre gewesen, bei dem vor allem junge Männer (dortzulande liebevoll als surdegspapporSauerteigpapas bezeichnet) ihren eigenen Sauerteigansatz hegen und pflegen und die Familie mit selbstgebackenem Brot und einer versauten Küche beglücken. Ich gehöre selbst zu der Fraktion und bin fest davon überzeugt, dass ich, wenn ich einmal ungeplant früh das Zeitliche segnen sollte, bei einer Mehlstaubexplosion mit meiner Küche in die Luft fliege.



Manchmal frage ich mich, was am Brotbacken eigentlich so toll ist, dass ich manchmal wöchentlich besagte Mehlstaubexplosionen riskiere, meine Küche mit zementartigen Teigresten zukleistere, meinen Tag nach Gärzeiten plane und den Ofen mit Backsteinen zerkratze? Ein bisschen Snobismus ist sicherlich dabei, da brauche ich gar nicht so tief in mich reinzuhorchen, um das zu wissen. Es hebt in den Milieus, in denen ich mich freizeitlich bewege, schon den sozialen Status, wenn man mit nonchalanter Selbstverständlichkeit erwähnt, dass man sein Brot selber backt. Und zwar nicht mit Backmischungen oder (noch schlimmer) Brotbackautomaten – das ist wie Karaoke oder Vollplayback in der Küche -, sondern so richtig-richtig. 

Die bewundernden Oh’s und Ah’s, die man damit erntet, haben wiederum damit zu tun, dass Selbermachen im Trend liegt. Laut Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin am Wiener Futurefoodstudio, weil wir in unserer volldigitalisierten Lebens- und Arbeitswelt das Handfeste und buchstäblich Hausgebackene wiederentdecken. Deswegen verschenken wir Holundersirup und laden unsere Marmeladenkochfotos bei Facebook hoch. Ich glaube, beim Brotbacken verstärkt sich das alles um ein Vielfaches, weil man hier das befriedigende Gefühl bekommt, den gesamten Produktionsprozesses eines Grundnahrungsmittels, das wie kein anderes in unserer Gesellschaft für Essen überhaupt steht, von Anfang an selbst in der Hand zu haben. Und während Chili-Knoblauch-OIivenöl, Bärlauchpesto und Pflaumen-Koriander-Marmelade ausgesprochene Luxusgüter sind, ist so ein gutes Graubrot, wie Oma sagen würde, „was Reelles.“ 

Dass gerade Männer für den Sauerteigtrend sehr anfällig sind, mag an der Art der Herstellung liegen: Wer, wie ich, fürs Filigrane nicht geschaffen ist, hat eben mehr Spaß an einem groben Roggenmischteig, bei dem man nicht alles bis aufs Gramm genau abwiegen muss, der aber eine gute halbe Stunde geknetet werden will, dicke Unterarme macht und aufgrund seines Symbolcharakters den Eindruck vermittelt, man könne sich und die Seinen mit der eigenen Hände Arbeit ernähren. Und wenn dann das dampfende, duftende Brot aus dem Ofen kommt und das Brotmesser sich durch die dunkelbraune Kruste und das luftig-weiche Innenleben arbeitet, hat man eine willkommene Gelegenheit, für den Moment alle Diätvorsätze über den Haufen zu werfen und sich drei daumendicke Scheiben mit guter Butter drauf reinzuziehen – was so ursprünglich und wohlschmeckend ist und sich so bodenständig und richtig anfühlt, kann ja gar nicht ungesund sein. 

 

Ab Montag: Die Sauerteig-Challenge!



Wer immer schon mal selbst Brot backen wollte, aber nie wusste, wie das geht, ist hier genau richtig, denn die nächste Woche bei den Kirchengeschichten steht im Zeichen der Sauerteig-Challenge! Ich lade Euch ein, mit mir einen Sauerteig from scratch herzustellen und parallel dazu ein paar Gedankenspielen nachzugehen, was das eingangs erwähnte Gleichnis vom Sauerteig mit dem praktischen, handfesten Leben im Hier und Jetzt zu tun haben könnte. Und mit dem wahnsinnigen und immer wieder gewagten Versuch von Menschen, hier in dieser Welt gemeinsam ein bisschen Himmelreich zu spielen. 

Am Montagmorgen geht es los mit den ersten Schritten eines Sauerteigansatzes. Dazu braucht man warmes Wasser und Roggenmehl (ruhig und gerne Vollkorn). Ein ausgespültes Gurkenglas oder ähnliches. Und maximal zehn Minuten Zeit. Das Ganze ist also auch ohne Probleme in einer normalen Fünftagewoche machbar. Und wer einsteigen will, kann heute noch bequem einkaufen gehen.