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Sonntag, 22. Juli 2018

Gott treibt zwischen den Planken | Predigt über Joh 6,1-15

Manche Geschichten werden mehrfach erzählt. Immer wieder. Manchmal kurz hintereinander, manchmal mit etwas Abstand nochmal. Ich habe gelernt: Wenn ich gleich abwinke und sage: Kenne ich schon, verpasse ich etwas. Übersehe die Bedeutung, die die Geschichte für die Erzählerin hat. Überhöre die kleinen Nuancen, die winzigen Details, in denen sich die Geschichte von Mal zu Mal unterscheidet. 

Die Geschichte von der Speisung der Fünftausend zum Beispiel. Oder der Viertausend. Markus erzählt sie. Gleich zweimal. So wie Matthäus. Lukas erzählt sie auch. Und Johannes – wir haben seine Version gerade gehört. Sechsmal eine ähnliche Geschichte vom Sattwerden. Vom Endlich-mal-genug-Haben. Das spricht für die Bedeutung, die die Geschichte gehabt hat, damals, für die ersten Christinnen und Christen. Die bei Wundergeschichten nicht gleich unbequem auf ihren Stühlen hin und her gerutscht sind, weil sie nicht in ihr Weltbild passten. Denen herzlich egal war, wie genau das jetzt abgelaufen sein könnte. Sie kannten das Problem: Hunger. Mangel. Die Angst, am Ende des Tages hungrig nach Hause zu gehen und für ihre ebenso hungrige Familie nur ein Achselzucken übrig zu haben. Für sie zählte das Endergebnis, als Verheißung, als Anspruch, als Versprechen: Jesus macht satt. Gott macht satt. Nicht nur seelisch-geistlich – dafür ist wenig Platz, wenn der Magen sich vor Hunger windet. Sondern auch körperlich. Und Gott sorgt dafür, dass genug für alle da ist. Sogar mehr als genug. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren und einsam sind. Punkt. Oder Ausrufezeichen. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren und einsam sind! 

„Niemand soll ertrinken müssen!“ Das hat unser Präses Manfred Rekowski vor einigen Tagen gesagt in einem Videotagebuch von seiner Reise nach Malta. Er hat dort Seenotretter besucht. Sie kümmern sich um diejenigen, die fliehen. Vor Problemen, deren Wurzeln zum Teil in Europa liegen. Vor Kriegen, die sie nicht angezettelt haben und die mit Waffen unter anderem aus Deutschland ausgefochten werden. „Das Bildmaterial enthält belastende Sequenzen“, warnt die Website unserer Landeskirche: „Es zeugt von der Entdeckung zweier Toter und einer sterbenden Frau“ zwischen den Planken eines Schiffswracks. Es sind „unerträgliche“ Bilder, „Bilder zum Wegsehen“, sagt der Präses in diesem Video mit fahler Stimme in der kleinen Küche eines Rettungsdienstes. „Aber wir dürfen nicht wegsehen.“ Die Organisationen, die die Schiffbrüchigen retten, sind seit einigen Tagen beispiellos pauschaler und böswilliger Kritik ausgesetzt, unser Präses auch, unter anderem auf der Facebookpräsenz der Landeskirche. 

„Ich verachte diese menschenverachtende Heuchelei, die denen hilft, die ins Meer springen [...], es ist Gotteslästerung“, schreibt einer. „Die Kirche mischt sich in Sachen ein, die sie nichts angehen“ ein anderer. Von „elenden Gutmenschen“ eine dritte. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren oder ertrinken. Manchen Menschen hingegen scheint das egal zu sein. Oder zumindest scheinen sie es als notwendiges Übel in Kauf zu nehmen, weil man ja schließlich nicht allen helfen kann und weil sie meinen, man solle, so noch jemand anderes auf der Facebook-Seite, lieber erst den Menschen vor Ort helfen. 

Bei den Kommentaren dreht sich einem der Magen genauso um wie beim Video mit dem Leichenfund auf dem Mittelmeer. Ich möchte dahinter nicht nur Bösmenschentum und die Verrohung der Diskussionskultur vermuten. Ich ahne, dass es dabei auch um die Angst geht, dass es nicht genug ist. Die Angst, derer sich Populisten bedienen, wenn sie das Leid vor unserer Haustür gegen das Leid anderswo in der Welt ausspielen. Eine Angst, die auch Johannes in seiner Version der Geschichte zu Wort kommen lässt: 

Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme. 

Die Jünger sind so kurz davor, die Leute hungrig nach Hause zu schicken. Weil die Aufgabe unlösbar erscheint – der Jahreslohn eines Arbeiters würde nicht ausreichen, die Leute satt zu machen, und erst recht nicht die kleine Reisekasse, die die Jünger dabeihaben. Er hat ja vielleicht sogar Recht – wenn er die Rechnung ohne Gott macht. Wenn wir bei dem, was wir tun, immer nur von dem ausgehen, was wir haben oder leisten können. Dann entfalten die Zahlen ihre bedrohliche Eigendynamik, die alles lähmen und zum Stillstand bringen kann. 

Zahlen und ihre Magie. 1405 Ertrunkene im Mittelmeer – und eine unschätzbare Dunkelziffer. Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen das auch anderswo spüren können, mit einer Zahl, die uns ebenso direkt betrifft: „Die Kirchen verlieren 2017 660.000 Mitglieder“, titelten die großen Zeitungen. Eine Zahl, die erschlägt, die lähmt, die das Gefühl geben kann: Es hat doch alles keinen Zweck! Aber auch eine Zahl, die unterschlägt, hinter der verborgen bleibt, dass die steigende Zahl der Taufen und der Aufnahmen die Kirchenaustritte überwiegt. Die meisten der 660.000 Menschen sind gestorben, nicht ausgetreten. Natürlich bleibt die Zahl groß und hoch. Aber wenn wir davon ausgehen, dass Gott mit dieser Kirche noch etwas vorhat, dann spielen solche Zahlen keine Rolle. 

Gott hat etwas vor. Das ist die Grundmelodie, die die Geschichte trägt, so wie Johannes sie erzählt. Der hier und dort Andeutungen einstreut, Erinnerungen an die Geschichte vom Exodus, von Israels Flucht aus Ägypten. Erinnerungen an erfrischende Wasserquellen in der unbarmherzig heißen Wüste. An Schutz vor übermächtigen Feinden. An die Erfahrung: Gott ist da. 

Wo ist Gott im Mittelmeer? Wenn ich Bilder sehe von Ertrunkenen, die zwischen Schiffstrümmern treiben, dann denke ich mit Eli Wiesel: Gott treibt zwischen den Planken. Aber ich glaube auch: Gott ist mit dabei auf den Rettungsschiffen. Christus wird in diesem Moment der Einlauf in den Hafen in Italien verweigert. Und Gott sorgt dafür, dass die Helferinnen auf den Schiffen nicht nur Tote im Wasser finden. So wie Gott dafür sorgt, dass der bescheidene Beitrag eines kleinen Jungen, fünf Brote und zwei Fische, ausreicht, um 5000 Menschen satt zu machen. Wer vom reichsten Teil der Welt aus Gott klagt, warum anderswo Menschen verhungern, muss sich fragen lassen, wo seine fünf Brote und zwei Fische sind, mit denen Jesus ein Wunder machen will. 

Manche Geschichten werden mehrfach erzählt. Weil sie Wichtiges zu sagen haben, etwas, das wir uns selbst sagen lassen müssen. Mehrfach. Immer wieder: Gott will nicht, dass Menschen verhungern, erfrieren, ertrinken oder vor Einsamkeit eingehen. Und Gott ist da. Meistens. 

Am Ende erzählt Johannes etwas, das nicht leicht zu hören ist: Jesus entzieht sich. Er stiehlt sich davon. Macht sich aus dem Staub, verschwindet in die Einsamkeit der Berge, als die Menge ihn gewaltsam zu etwas machen will, was er nicht sein kann. Zu einem Herrscher mit irdischen Zielen, irdischen Möglichkeiten, irdischen Plänen. 

Gott ist da, ja. Christus ist da, ja, überall, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind. Aber er entzieht sich, wenn wir ihn vereinnahmen und missbrauchen wollen für unserer Ziele, unsere Zwecke, unsere Zwänge. München, 24. April 2018. Der frischgebackene Ministerpräsident verkündet seinen ersten Amtserlass: In jeder bayrischen Amtsstube soll ein Kreuz hängen. Ausdrücklich nicht als religiöses Symbol, sondern als Bekenntnis zu unserer bayrischen Identität. Im darauffolgenden Blitzlichtgewitter merkt niemand der Anwesenden, dass Jesus sich nach einem schmerzerfüllten Blick auf das eigenhändig von Söder aufgehangene Kreuz still und leise verabschiedet und davonstiehlt. Vielleicht geht er in die Berge, um allein zu sein und für uns zu beten, dass nicht alles so kommen möge, wie wir es heraufbeschwören. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Vielleicht setzt er sich neben einen Bettler und macht aus einem Euro in dessen Hut genug für ein Abendessen. Vielleicht geht er in eine Flüchtlingsunterkunft und sorgt dafür, dass das kleine bisschen Kraft, dass die junge Mutter noch hat, ausreicht, um ihre Kinder heute Nacht in den Schlaf zu wiegen. Vielleicht heuert er auf der Lifeline an und sorgt dafür, dass die Puste der Retter, die eigentlich schon längst ausgegangen ist, noch reicht, um alle Lebenden aus dem Meer zu ziehen. Vielleicht lässt er sich ins Wasser sinken und treibt neben den Leblosen zwischen den Planken. Damit sie nicht allein sind. 

Manche Geschichten müssen erzählt werden. Immer und immer wieder. Amen. 


Samstag, 31. Januar 2015

Kirchliche Imagepflege?

Mit der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit ist es so eine Sache. "Steht doch im Gemeindebrief", lautet die Antwort in Gemeinen landauf und landab, wenn man danach fragt, wie bestimmte Angebote zielgruppengerecht bekannt gemacht werden können. "Wir hängen ein Plakat in den Schaukasten", "Wir kündigen es im Gottesdienst ab" oder, bestenfalls, "Das kommt auf die Homepage" - damit ist das Marketingarsenal weitgehend ausgeschöpft. Finde den Fehler? Richtig, es handelt sich fast gänzlich um Medien und Kommunikationsformen, die einzig und allein den Inner Circle erreichen. Das ist in vielen Fällen auch richtig so, weil sich eben viele Angebote genau an diese Gruppe richten. Gemeindliche Arbeit folgt, zumindest im statistischen Mittel und meist unbewusst, dem von Rainer Höfelschweiger und Markus Ambrosy bekannt gemachten Schlüssel 95:5 - 95% der Ressourcen werden für 5% der Mitglieder aufgewendet. Als ihre These vor einigen Jahren durch die Pfarrblätter ging, reagierten nicht wenige Kolleg_innen ausgesprochen ungehalten, was ebenso nachvollziehbar wie unangemessen ist, zeigt sie doch nicht mehr und nicht weniger, als dass wir de facto eben nicht "Kirche für Alle" sind, auch, wenn wir das immer wieder mit dem uns eigenen Pathos behaupten. 


ÖFFENTLICHKEITSARBEIT = WERBUNG = BETRUG?


Das ist in erster Linie eine Sache der Ressourcen: Personell, finanziell, materiell. Deren Knappheit wiederum spiegelt eine Einstellung der Kirche(n) wider, die Öffentlichkeitsarbeit einerseits vor allem mit Werbung assoziiert - und damit mit Lug und Trug, Menschenfängerei und leeren Versprechungen auf Hochglanzpapier. Davon will man sich abgrenzen - es geht schließlich "um die Sache", und "gute Arbeit setzt sich auch so durch". Das hat einen begrenzten Wahrheitsgehalt darin, dass die Bedeutung persönlicher Kontakte für das Gemeindeleben unübertroffen ist, wie auch die letzte EKD-Studie wieder einmal gezeigt hat. Darin spiegelt sich aber auch die Mentalität der Nachkriegskirche, die sich, wohl nicht zuletzt auch aufgrund der Erfahrungen mit den Deutschen Christen, in einer gewissen Herbheit, einer Überzeitlichkeit signalisierenden Abständigkeit durchaus gefiel - da wurde auch Rhetorik in der Predigt schonmal als "fremdes Feuer auf Gottes Altären bezeichnet". 


ÖFFENTLICHKEITSARBEIT = INFORMATION?


Wo Kirche die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit bejaht, verbindet sie damit in erster Linie Information - und dann gilt der strenge Grundsatz: Form follows function. Insbesondere auf der mittleren und oberen Ebene tritt die Kirche vor allem mit Texten an die Öffentlichkeit. Meist sehr langen Texten, man ist ja schließlich Kirche des Wortes. Das können hundertseitige Denkschriften sein, die durch lange synodale Beratungs- und Redaktionsprozesse so konsensfähig geworden sind, dass sie jede Kante und damit jedes Profil eingebüßt haben. Das können die oft so verquasten landeskirchlichen Kollektenabkündigungen, die eben so unendlich lang und langweilig sind, weil sie nicht zum Spenden animieren, sondern über den Kollektenzweck möglichst umfassend informieren wollen. Das gilt auch für kirchliche Internetauftritte, die Max Melzer kürzlich mit vollem Recht als "lieblos und altbacken" bezeichnet hat. Auch dort geht es vor allem um Information über innerkirchliche Vorgänge und Strukturen, kein Wunder also, dass die meisten landeskirchlichen Websites bestenfalls Behördencharme versprühen. Und das zieht sich bis in die Gestaltung von Plakaten für gemeindliche Veranstaltungen, die oft viel Information auf wenig Raum versammeln und selten mehr sind als etwas reduzierte Anschreiben auf A3, der Peppigkeit wegen auf gelbem Papier gedruckt und schlimmstenfalls mit einem verpixelten Internetbild oder gar WordArt-Objekten verschönert. 

Muster ohne Wert

Wenn sich Kirche an Bilder, gar an bewegte Bilder, herantraut und Imagekampagnen oder -filme produziert, dann wird es auch oft ärgerlich. Mein erster Berührungspunkt damit war die EKD-Öffentlichkeitsoffensive des Jahres 2002, bei der vor Himmelblau und Schäfchenwolken reichlich unspezifische Fragen gestellt, zum Teil abstruse Antwortmöglichkeiten vorgegeben und etwas onkelhaft dazu eingeladen wurde, gemeinsam Antworten zu finden. 


2003 lief im Fernsehen ein Werbespot, der schon was von Imagefilm hatte. Zu sehen waren Menschen an verschiedenen Orten, tanzend, feiernd und knutschend, im Hintergrund immer und überall: Ein Kreuz. Auf den letzten Sekunden dann der Slogan - "ein + verbindet". Naiv, wie wir damals waren, hielten wir es für eine durchaus gelungene Werbeaktion des 2003 erstmalig stattfindenden Ökumenischen Kirchentags, bis uns klar wurde, dass es sich um einen Reklamefilm des damaligen Mobilfunkanbieters eplus handelte. 




2008 versuchte sich die EKiR an einem "Filmporträt". Die Pressemitteilung sagt eigentlich schon das Meiste: "In knapp 20 Minuten vermittelt der Film einen kompakten Überblick über Auftrag und Dienst der rheinischen Kirche. Die DVD ist u.a. für den Einsatz in Gemeindegruppen, im kirchlichen Unterricht, in der Schule und beispielsweise bei Präsentationen außerhalb der Kirche gedacht." Auf der Landessynode war er damals zu bestaunen, eine ellenlange Videocollage in wachsmalbunter Lokalfernsehensästhetik des ausgehenden Jahrtausends, unterlegt mit Fahrstuhlmusik, der man es nicht unbedingt anhörte, dass sie eine (wahrscheinlich nicht billige) Auftragskomposition war. Vom dem Film hat man seitdem nichts mehr gesehen, und das ist auch gut so.

Die lutherische Landeskirche Hannovers versuchte sich in den folgenden Jahren mit bunten, "peppigen" Kurzvideos zu theologischen oder kirchlichen Themen unter dem Label "e wie evangelisch" - auch hier war die Ästhetik ausgesprochen öffentlich-rechtlich und erinnerte an das Jugendprogramm des ZDF. Das meistbeworbene Video aus der Reihe beschäftigte sich mit dem Thema Rechtfertigung. Angeklickt haben es nicht wirklich viele Leute in den letzten Jahren - neben der Frage, ob sich ein komplexes soteriologisches Konzept auf drei Minuten und die Formel "Gott hat alle lieb" runterdampfen lässt, stellt sich damit auch die Frage, ob das Format sich wirklich lohnt. Auch hier geht es wieder um Information - und die z. T. unangenehm saloppe Sprache ("Mönchlein", "Gnade, die wie ein Kuhfladen vom Himmel fällt") ist auch nicht der Wiedergewinn von sprachlich-emotionaler Radikalität, die Erik Flügge vor einiger Zeit eingefordert hat.




2010er: Kirche entdeckt den Imagefilm


In den letzten ein-zwei Jahren hat die Kirche den "echten" Imagefilm für sich entdeckt, und immer mehr Landeskirchen und kirchliche Einrichtungen ziehen mittlerweile nach und präsentieren sich in mehr oder weniger kurzen Videos. In dazugehörigen Konzeptpapieren wird häufig ein ähnlicher Auftrag benannt: Es gehe darum, "Menschen" zu zeigen und die "Vielfalt kirchlicher Angebote". 

Vor drei Monaten etwa hat die EKBO ihren Imagefilm ins Netz gestellt. Das Video soll "symbolisch" zeigen, "wo kirchliche Begleitung im Leben und an den Wendepunkten des Lebens angeboten wird." Als Titel hat die Kirche wortverspielt das mehrdeutige "Paternoster" gewählt, das einerseits den nicht mehr gebauten und vor allem in Behördengebäuden (ha!) anzutreffenden Personenaufzügen im ständigen Umlaufbetrieb meint, andererseits auch die lateinische Variante von "Vaterunser" ist. Weil das nicht jeder weiß, wird es am Anfang kurz eingeblendet. 





Ein weiteres recht junges Imagevideo stammt von der Diakonie Deutschland und zeigt vor allem alte Menschen bei der Maniküre - Martin Horstmann hat diesbezüglich seinem berechtigten Ärger schon Luft gemacht; seine Gedanken, das Video und die Reaktion eines Verantwortlichen sind auf seinem Blog zu finden. 

Brandneu ist schließlich der Imagefilm des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der vor ein paar Tagen online gegangen ist:






Das Video (hat eigentlich jemand geklärt, ob man einfach so die Hintergrundmusik von FarmVille Heroes Saga klauen darf, oder klingt es nur so bestechend ähnlich?) spielt mit Klischees aus dem Ländle - Kässpätzle, Kehrwoche, Kreuz und Chorknaben. Viel Stuttgart (im Sinne von "Großstadt") entdecke ich da nicht, was "Kirchentag" ist, bleibt mir auch ein Rätsel, und wenn mir 's Pfärdle und 's Äffle mit Holzschild drohen: "Stuttgart freut sich", dann weiß ich spontan nicht, ob das auf Gegenseitigkeit beruht. 



VERSUCH EINER DEUTUNG

Öffentlichkeitskampagnen von Kirche und Diakonie werden oft gescholten, und das nicht selten auch zu Recht. Meist wird eine Harm- und Zahnlosigkeit bemängelt, die mittlerweile schon fast zum Markenkern zu gehören scheint. Erklären lässt sich das, glaube ich, zum Teil mit den schon oben angedeuteten langwierigen Entscheidungs- und Redaktionsprozessen, die wenig Raum für Kreativität lassen und vor allem auf Erwartbarkeit und Planbarkeit setzen. 

Ein weiterer Faktor scheint mir der Umschmeichelungsversuch einer ungreifbaren, vielleicht sogar uninteressierten Zielgruppe zu sein. Fast krampfhaft wird jede inhaltliche Stellungnahme vermieden, entweder um möglichst offen zu scheinen oder (was ich durchaus nachvollziehen kann) um sich von den "Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben"-Plakaten der Missionsgesellschaften oder solchen Aktionen wie der selten dämlichen "Gott statt Schrott"-Kampagne von BibelTV abzugrenzen. Stattdessen bemüht man sich um die Darstellung der Vielfalt kirchlicher Angebote, in denen sich Kirche bewährt paternalistisch als Versorgungskirche präsentiert, die "für jede_n (irgend-)etwas" anzubieten hat. Dass die gezeigten Alltags- und Sonntagsszenen, wie die Kirchentagskampagne eindrücklich zeigt, alles andere als repräsentativ für die reale Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe sind, zeigt nur einmal mehr, wie exklusiv Kirche dann doch wieder ist. Die inoffizielle Intention kirchlicher Imagekampagnen scheint es fast zu sein, die große Masse indifferenter Noch-Mitglieder, die gar nicht so recht wissen, warum sie noch in der Kirche sind und vor denen wir aufgrund ihrer Unberechenbarkeit irgendwie auch Angst haben, nicht zu vergraulen. Die schon erwähnte neue EKD-Studie zeigt aber, dass diese Gruppe sich ohnehin verkleinert - und es stellt sich die Frage, ob es dann wirklich gerechtfertigt und angemessen ist, nur biedere Betulichkeit zu präsentieren.


Dinge, von denen man sich besser abgrenzt...
(Quellen: bibeltv.de, c-plakat.de, kirchengemeinde-eidelstedt.de)

Ein weiteres Problem ist grundsätzlicherer Natur. Mit der Rückbesinnung auf Bilder, einem neuen Willen zur Öffentlichkeit könnte die Kirche tatsächlich an kirchengeschichtliche Vorbilder anknüpfen - die Reformation wäre anders verlaufen, wenn man nicht auf probate Mittel der Popularisierung und Inszenierung der evangelischen Botschaft zurückgegriffen hätte. Dazu gehörte die Flugschriftenschwemme ebenso wie die reformatorischen Kampfspiele auf eidgenössischen Marktplätzen. Der zentrale Unterschied ist aber, dass die Reformatoren nicht für sich selbst Werbung gemacht haben, oder gar für die evangelische Kirche - die gab es ja noch nicht. Sondern für das aus ihrer Sicht richtige und lebensnotwendige Verständnis der biblischen Botschaft. 

Unterm Strich bleibt die Einsicht, dass die Fragen nach kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit keine einfache ist - das sei auch nochmal im Blick auf die hier kritisierten Kampagnen gesagt: Ich hätte spontan nicht gewusst, wie man es hätte besser machen können. Aber die Debatte muss breiter geführt werden.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Warum die Kirche eine Hochschule braucht



Zunächst: Ein Disclaimer. Das Folgende ist meine Privatmeinung und in keinster Weise eine Stellungnahme der Hochschule, deren Angehöriger ich bin. Man mag mich daher für befangen halten. Ich finde eher, dass Insiderkenntnisse eine Meinung erst recht interessant machen. Aber nun denn. 

„Theologie ist eine Funktion der Kirche“, darin stimmten Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer überein. In ihrem Geist wurde am 1. November 1935 die Kirchliche Hochschule Elberfeld eröffnet, mit einem Abendgottesdienst, der ursprünglich in der Gemarker Kirche hätte stattfinden sollen, wo anderthalb Jahre zuvor die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet worden war. Die staatlichen Fakultäten konnten nach der „Gleichschaltung“ und der damit verbundenen Unterwerfung unter eine dem Evangelium diametral widersprechende Ideologie kein kritisches Gegenüber mehr zu Kirche und Gesellschaft sein. Die Pressemeldung, am 27. Oktober 1935 im Barmer Sonntagsblatt erschienen, brachte das Anliegen auf den Punkt: 
„Die Kirche ist gerufen, für die Ausbildung ihrer Diener am Wort selbst zu sorgen. Diese Sorge ist der Kirche gerade heute aufgetragen, da die Theologischen Fakultäten an den Staatlichen Universitäten weithin mit solchen Lehrern besetzt sind, die den Deutschen Christen angehören. […] Die Gemeinden selber sollen sich aufrufen lassen, diese Arbeit der Kirchlichen Hochschule als ihre eigene Verpflichtung anzuerkennen.“ 
Die Gestapo verbot nicht nur den Gottesdienst, sondern auch, noch vor der Aufnahme des Lehrbetriebs, die Kirchliche Hochschule. Der Gottesdienst fand trotzdem statt, in einer kleinen Friedhofskapelle. Und Theologie getrieben wurde trotzdem, unter anderem Namen und in den Räumen einer leeren Freimaurerloge und dann, nach 1937, heimlich in Pfarrhäusern. 




Zeitsprung – dreißig Jahre zurück. 1905 eröffnete Friedrich von Bodelschwingh eine Kirchliche Hochschule auf dem Gelände der Betheler Anstalten. Auch hier sollten Theologen unabhängig von staatlichen Fakultäten und in ständigem Austausch und kritischer Begleitung der dortigen diakonischen Einrichtungen lernen. Auch diese Hochschule musste unter dem Druck der Nationalsozialisten 1939 ihre Tätigkeit unterbrechen. Im Jahr 2007 fusionierten beide Einrichtungen zur letzten verbliebenen Kirchlichen Hochschule nördlich der A 6. 

Im September 2014 hat die Evangelische Kirche im Rheinland einen Plan zur „Haushaltskonsolidierung“ vorgelegt (hier einzusehen). In Zeiten von Kirchensteuereinnahmen in Rekordhöhe will man für schlechte Zeiten vorsorgen und knapp zwölfeinhalb Millionen Euro einsparen. Neben vielen kleinen Wunderlichkeiten, die einen die Stirn runzeln lassen, gibt es einen Gesamteindruck, der mir persönlich Bauchschmerzen bereitet. Und zwar richtige. Knapp die Hälfte der zwölfeinhalb Millionen (wie gesagt, ich hab’s nicht mit Zahlen, correct me, if I’m wrong) soll nach meiner Rechnung aus Arbeitsbereichen abgezogen werden, die sich vorzugsweise an Menschen U30 wenden. Ein Teil dieses Pakets ist der Jugendförderplan: „Fördergelder sollen nicht mehr“, wie es vielleicht unbewusst abschätzig heißt, „nicht mehr in die Breite verteilt“ werden, stattdessen werden „Projekte […] gefördert, die modellhaften Charakter haben.“ Das klingt nach Kirche der Freiheit und dem penetranten Gerede von Leuchtfeuern, das vor einigen Jahren die Debatten beherrschte – das Kölner Jugendpfarramt hat in einem youtube-Video die Konsequenzen dieser Entscheidung erklärt. Zu dem Paket gehören auch Einsparungen in Höhe von 4,5 Millionen EUR (für alle Älteren: Das sind fast 9.000.000 Mark) im Bereich der evangelischen Schulen. Und eine Million, etwas mehr als die Hälfte der bisherigen Ausgaben, soll an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel eingespart werden. Die EKiR wünscht sich, dass die anderen Trägerkirchen diese Million übernehmen – wer weiß, vielleicht stellt sich ja bei der Gelegenheit heraus, dass das Leben doch ein Ponyhof ist. Sollten die anderen Trägerkirchen (die ja immerhin auch Rekordkirchensteuereinnahmen verzeichnen) das nicht wollen, erwägt die EKiR einen Rückzug aus der Trägerschaft und nimmt damit eine Schließung in Kauf. 

Ich halte diesen Weg für falsch. Mehr noch: Ich halte ihn für gefährlich. Bin ich parteiisch? Natürlich – ich bin Theologe, ich kann und darf nicht anders! Ich bin der Meinung: 

DIE EKIR BRAUCHT DIE KIHO. 


Weil Theologie und Biografie zusammen gehören. 

Theologie und Biografie sind untrennbar. Das eigene Erleben und die Reflexion persönlicher Prägungen wirken sich auf das akademische Lernen aus, an biografischen Wendepunkten liegen auch theologische Weichenstellungen – und das ist gut so: Wann immer man sich einbildet, die Bruchlinien des Lebens außer Acht lassen zu können, wird Theologie hohl, nichtssagend und langweilig und fällt unter das Verdikt Oscar Wildes: „The supreme vice is shallowness.“ Das Campusleben an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel ermöglicht es durch den engen Kontakt aller Hochschulgruppen, solche Zusammenhänge zu entdecken, andere daraufhin zu befragen und eine eigene theologische Persönlichkeit zu entwickeln. 


Lebensweg von Markus Müller - MM
(c) Markus Müller / fotocommunity.de

Weil Theologie Erdung braucht. 

„Was ist mit Erwin, jetzt, wo er tot ist?“ Diese Frage stellte uns der Leiter des Predigerseminars, als wir im Oktober 2002 im Rahmen einer Einführungsveranstaltung im ersten Studiensemester dort zu Gast waren. „Was ist mit Erwin, jetzt, wo er tot ist? – Das werden Ihre Gemeindeglieder Sie später fragen.“ Der Satz hat sich mir tief eingegraben, er hat mich immer wieder daran erinnert, dass Theologie kein Glasperlenspiel ist, sondern Antworten auf existenzielle Fragen geben soll. Für solche Antworten braucht es freilich Freiräume, in denen gedacht, geforscht, gefragt wird, ohne gleich zu verzwecken. Aber erfahrungsgemäß hilft es, wenn diese Zusammenhänge, in denen Theologie sich bewähren muss, nicht ganz außer Acht fallen.
Eine ganz andere Art der Erdung verdanke ich persönlich der KiHo: Die ersten vier Semester dort haben mich weitgehend immun gemacht und kritisch gegenüber den Eitelkeiten des universitären Lebens, weil sich die dortigen Lehrenden und Assistierenden in der Regel solchen erwachsenen Kinderspielen entziehen - und das strahlt aus und lässt mich bis heute wachsam sein gegenüber den Selbstvergewisserungsmechanismen von Institutionen und Systemen. 

Weil Theologie aus der Begegnung mit dem Anderen lebt. 

Gemeinschaftliches Leben und Lernen führt zu Konflikten. Aus Konflikten, die aktiv bewältigt und reflektiert werden, kann man etwas lernen. Im besonderen Milieu einer Kirchlichen Hochschule kommt es zu Konfrontationen, die sich aus unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen, theologischen Traditionen und religiösen Sozialisationen ergeben. Da stellt die Studentin aus einer politisch sehr aktiven Stadtgemeinde plötzlich fest, dass ein Kommilitone eine andere Einstellung zur Bundeswehr hat - und sich damit genauso auf seinen Glauben bezieht. Da begegnet der Student aus der erwecklichen Gemeinde im Oberbergischen Gleichaltrigen, die lesbisch, schwul, trans oder Sozialisten sind - und genau darin aufrechte Christenmenschen. In solchen Begegnungen üben die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer etwas ein, das sie später in der Gemeinde brauchen, vielleicht mehr als vieles andere, nämlich konstruktiv mit Diversität umzugehen. Damit ergänzt die Kirchliche Hochschule auf sinnvolle Weise die Möglichkeiten des akademisch-interdisziplinären Arbeitens an den staatlichen Fakultäten.  


(c) updatenet.net


Weil Kirche nur in Vielfalt denkbar ist. 

Kirche ist bunt und vielfältig. In den verschiedensten Kontexten versucht sie, Menschen Glaubens- als Lebenshilfe anzubieten. Auf dem "Heiligen Berg" in Wuppertal sind eine ganze Reihe von Einrichtungen versammelt: Die Hochschule. Das Predigerseminar. Das Amt für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste. Die Polizeiseelsorge. Chorverband und Gottesdienststelle. Und noch so einige mehr. Im täglichen Miteinander und in punktuellen Kooperationen lernen Studierende ihre Kirche in ihrer ganzen Vielfalt kennen - und blicken weit über den Tellerrand hinaus: Die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Vereinten Evangelischen Mission wurde jüngst noch einmal intensiviert und das theologische und diakonische Lernen auf dem Berg in einem internationalen Kontext verankert. An der Kirchlichen Hochschule lernen angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirche multidimensional zu denken und Synergieeffekte zu nutzen. 


Weil Kirche und Diakonie ihr Verhältnis bestimmen müssen. 

Das Verhältnis von Kirche und institutionalisierter Diakonie bedarf seit den Anfängen im Urchristentum (vgl. Apg 7) der fortlaufenden Reflexion, unter theologischen, soziologischen, ökonomischen und noch ganz vielen anderen Aspekten. Das Institut für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement bietet derartige Möglichkeiten auf höchstem, interdisziplinären Niveau - durch vielfältige Lehrexporte von Bethel nach Wuppertal lernen Studierende, Kirche diakonisch zu denken.

Weil die Kirche sich verdammt noch mal um ihren Nachwuchs kümmern muss! 

Um mal ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern: Die EKiR ist keine Kirche, die sich allzu gluckenhaft um ihren Nachwuchs kümmert. Ich selbst habe das immer als äußerst positiv empfunden, weil ich nie das Gefühl hatte, von der Landeskirche auf irgendeinen Kurs getrimmt zu werden, sondern den Eindruck hatte: Man vertraut mir, dass ich mein Studium schon gut mache.
Nur: Die Kirche ist größer als die entsprechende Abteilung im Landeskirchenamt. Und wenn man sich auf Synoden, Pfarrkonventen, Presbytertagen oder ähnlichem umhört, wundert man sich ab und zu, welche Vorstellungen vom Theologiestudium oder von denen, die sich darauf einlassen, da so im Schwange sind. Das wundert sehr - denn eigentlich müsste es doch im Interesse aller sein, den Nachwuchs für die Führungspositionen (denn, ja, ob wir es wollen oder nicht, auch das Rheinland ist in hohem Maße eine Pastor_innenkirche) zu fördern und zu motivieren. Das wird noch wichtiger, wenn durch Einsparungen in Höhe von sechseinhalb Millionen (nochmal für die Älteren: Fast dreizehn Millionen Mark!) im Bereich der Jugend-, Schüler- und Studierendenarbeit die Kontaktflächen zwischen jungen Menschen und der Kirche noch mehr verkleinert werden als es der demografische Wandel allein schon hinbekommt. 


Liebe Landessynodale, lieber Landessynodaler,

Sie haben schwierige Entscheidungen vor sich. Und bis dahin werden Ihnen noch viel emotionale Appelle in den Ohren klingen - so wie dieser hier. Und das ist auch gut so, denn was wäre es für ein Zeugnis für unsere Einrichtungen, wenn die, die dort arbeiten oder deren Dienstleistungen in Anspruch nehmen, keine Leidenschaft für ihr Tun aufbrächten? Eigentlich würde ich Ihnen jetzt gerne nochmal zurufen: "Behalten Sie die KiHo!" Aber ich bin selbst auf genug Landessynoden gewesen um zu wissen, wie schwer es ist, bei Entscheidungen über Einschnitte, Einsparungen und derartig gravierenden Veränderungen im Leben der Landeskirche, wie es die Sparvorschläge mit sich führen, die richtige Wahl zu treffen. 
Darum nur die eine Bitte: Treffen Sie im Januar keine Entscheidung über die Zukunft von Einrichtungen, von denen Sie sich nicht selbst ein Bild gemacht haben. Fahren Sie nach Wuppertal oder Bethel - oder noch besser: Suchen Sie das Gespräch mit dem theologischen Nachwuchs Ihres Kirchenkreises - die Adressen hat die Superintendentur.