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Dienstag, 7. Juli 2020

Die Leitsätze des Z-Teams - Übersetzungsversuch vor einer Diskussion

Nach den jüngsten Austrittszahlen hat das Z-Team, ein Gremium der EKD-Synode, ein Papier veröffentlicht und zur Diskussion freigegeben. Meine erste Reaktion darauf war: "Och nee..." Weil es mir schwergefallen ist, hinter die selbst für EKD-Verhältnisse besonders verquaste Sprache zu steigen und die Anliegen des Papiers freizulegen. Ein Votum von Hanno Terbuyken bei Twitter und einiger anderer hat mich ermutigt, am Ball zu bleiben. Von Birgit Mattausch und Bernd Becker stammt der Impuls, die Leitsätze in Leichte Sprache zu übersetzen. Das habe ich als Annäherung an den Text versucht. Ich bin kein Experte für Leichte Sprache, und manches ist sicherlich stümperhaft bis karikaturesk, manches rundweg falsch. Trotzdem hat es mir geholfen, den Text besser zu verstehen.

Arbeitsübersetzung in Leichte Sprache

Vor-Wort

Die Kirche gehört Gott, auch in Zukunft. Aber sie hat bald weniger Mitglieder, weniger Geld. Es arbeiten auch weniger Menschen dort mit. In Deutschland gibt es mehr alte Menschen als Kinder. Deswegen wird die Kirche kleiner. Das ist aber nur ein Grund. Viele Menschen sagen: Ich kann mit dem Glauben nichts anfangen. Deswegen möchten Eltern nicht mehr, dass ihre Kinder getauft werden. Und deswegen verlassen Menschen die Kirche. Wenn das so ist, dann geht es nicht nur um Geld: Es geht auch um den Glauben. Die Kirche muss nicht nur Geld sparen und besser, schneller und nützlicher arbeiten. Sie muss sich auch verändern, weil die Welt sich verändert. Der Glaube tut das auch: Für Kinder sind andere Dinge am Glauben wichtiger als für Erwachsene oder alte Menschen. Die Kirche möchte von Gott erzählen. Dafür muss sie andere Worte und andere Wege finden.

Das Corona-Virus verändert das Leben von uns allen. Und das wird so bleiben. Auch in der Kirche wird es anders sein als vorher. Wir können nicht einfach zuhause bleiben. Und wir können nicht alles am Computer machen. Aber die Corona-Zeit hat auch gezeigt: Die evangelische Kirche hat tolle Ideen, obwohl sie nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte. Sie hat Menschen geholfen. Und sie hat anders von Gott geredet als sonst. Das geht nur, wenn man mutig ist. Und das geht nur, wenn man glaubt: Gott verspricht: Ich helfe euch dabei.

Es ist wichtig, dass wir etwas tun. Es ist wichtig, dass wir Abstand halten. Aber wir dürfen uns nicht zuhause einschließen. Wir möchten anderen Mut machen. Im Jahr 2017 hat die Kirche viel an Martin Luther gedacht. Das war ein Pfarrer. Vor 500 Jahren hat er die Kirche neu gemacht. Aber wir haben nicht nur an Früher gedacht. Wir haben uns auch gefragt: Was können wir von ihm für die Zukunft lernen? – Wir haben uns einen Spruch aus der Bibel ausgesucht: „Hinaus ins Weite“. Das ist ein Satz aus einem Psalm, einem Gebet von König David. Für uns bedeutet das: Wir können uns frei bewegen. Wir können hingehen, wo wir wollen. Das ist ein Geschenk von Gott. Und das ist eine Aufgabe: Wir fragen uns: Wo brauchen die Menschen uns? Das wollen wir herausfinden. Wir finden: Menschen sollen bei uns mitmachen können. Wir wollen zusammen etwas machen. Wir wollen erzählen, was wir mit Gott erleben. Menschen sollen sagen: Ich glaube euch das, was ihr erzählt. Weil ihr euch so verhaltet. Ihr macht mich neugierig auf Gott.

Die Kirche wird kleiner. Aber sie wird weiter laut reden. Das geht nur mit anderen zusammen. Die katholische Kirche ist unsere Schwester, und andere auch. Das hat Jesus Christus, der Sohn von Gott, gesagt. Die Kirche ist auch ein Teil von der Gesellschaft. Gottesdienste und Beten sind uns wichtig. Aber auch, wie Menschen miteinander umgehen. Es gibt viele verschiedene Kirchen und Religionen. Sie sagen: Ich haben recht. Das ist gut. Menschen sind frei. Sie können selber entscheiden: Das glaube ich, und das glaube ich nicht. Das Besondere an der evangelischen Kirche ist: Wir leben mit Gott. Und wir versuchen, das Richtige zu tun. Deswegen lesen wir die Bibel. Da steht viel Gutes drin. Wir müssen die Kirche verändern. Dabei fragen wir: Wie können wir Menschen von Gott erzählen? Das ist wichtig für unsere Entscheidungen.

 

Öffentlichkeit

 1. Die Kirche redet und tut viel. Die Menschen sollen wissen: Warum sagt sie das, warum tut sie das? Früher hat die Kirche viel mehr geredet. Manche sagen: Zu viel. Jetzt möchte sie nicht mehr so viel reden. Nur noch dann, wenn wir sicher sind: Gott möchte, dass wir dazu etwas sagen. Wir sagen etwas anderes als andere Vereine und Menschen. Deswegen tun wir auch andere Dinge.

Jesus Christus hat uns etwas über Gott beigebracht. Das stimmt immer noch. Es ist gut für die Menschen, das zu hören. Jesus braucht keine große und reiche Kirche dafür. Die Kirche macht viele Sachen. Sie sagt: Jesus will das von uns. Das ist das Wichtigste. Jesus fragt jeden Menschen: Was findest du richtig? Gott sagt: Ihr sollt anderen Menschen helfen. Ihr sollt Gutes tun. Das kann sehr verschieden aussehen. Wir finden das gut. Aber manche finden das auch schwierig: Das Leben ist schwer zu verstehen. Wir wollen Menschen zeigen: Hier sind wir. Und wir wollen erklären: Warum sind wir hier?

Wir möchten Menschen helfen, über schwierige Dinge nachzudenken und zu reden. Zum Beispiel: Was passiert, wenn jemand stirbt? Oder: Ich habe etwas Schlimmes gemacht. Wer hilft mir jetzt? Oder: Wie kann ich ein glückliches Leben haben? Oder: Wer hilft mir, das schwierige Leben zu verstehen? Wir brauchen Lern-Orte. Da kann man über den Glauben reden. Das hilft, das Leben besser zu verstehen und Dinge zu verändern. Gott macht Menschen frei. Deswegen können wir anderen Menschen helfen. Es gibt auch Menschen, Politiker, und Religionen, die sagen: Ihr sollt nicht frei sein. Die Menschen sind uns nicht so wichtig. Das finden wir falsch. Das sagen wir ganz laut.

In der evangelischen Kirche gibt es das „Priestertum aller Getauften“. Das heißt: Wer getauft ist, ist so etwas wie ein Pastor. Er kann selbst mit Gott reden, ohne Hilfe. Aber es gibt in der Kirche auch Kommissionen. Das sind Arbeits-Gruppen, in denen schlaue Menschen sich mit schwierigen Fragen beschäftigen. Sie arbeiten zusammen mit anderen, mit Politikern und Künstlern und Wissenschaftlern. Sie suchen Antworten auf schwierige Fragen. Aber solche Arbeits-Gruppen sind teuer. Deswegen werden wir bald weniger davon haben. Und deswegen sagen sie nur noch manchmal etwas. Wenn das ganz wichtig ist. Und wenn wir glauben: Gott will jetzt, dass wir reden. Viele Menschen kennen nicht mehr so viele Geschichten aus der Bibel. Deswegen müssen wir das besser erklären. Wir wollen uns so verhalten, wie Gott das will. Dann glauben uns die Menschen.

 

Frömmigkeit

2. Es ist wichtig, dass wir über unseren Glauben erzählen. Weil viele Menschen nichts mehr darüber wissen. Aber das bedeutet nicht nur reden: Wir möchten zeigen, wie man den Glauben leben kann. Menschen sollen mehr wissen, damit sie mit-reden können. Es gibt in der Kirche viele alte Glaubens-Formen (Beten, Singen, Still sein und so weiter). Sie helfen uns auch heute. Und manches denken wir uns neu aus.

Wir möchten anderen nicht sagen, was sie glauben sollen. Wir sagen: Wir haben gute Ideen und Gedanken. Und wir erklären, woher wir diese Gedanken haben. So können andere uns besser verstehen. Wir glauben: Menschen soll es in der Welt gut gehen. Manche Leute haben keine Religion, aber wir arbeiten mit ihnen zusammen: Wir wollen, dass demokratische Gesetze eingehalten werden. Menschen sollen offen miteinander reden. Und wir sagen den Politikern, was wir gut oder schlecht finden. Wir finden: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Jeder Mensch ist frei. Jeder Mensch soll gerecht behandelt werden. Wir sind gegen Krieg und für Frieden. Wir wollen auf unsere Umwelt aufpassen. Das finden wir, weil Jesus uns das gesagt hat.

Das alles ist wichtig, wenn die Kirche laut etwas sagt, zum Beispiel in der Zeitung oder im Fernsehen. Wir wollen, dass mehr Menschen etwas über unsere Religion wissen. Deswegen sollen Kirchen-Gemeinden und Universitäten zusammenarbeiten. Viele Menschen arbeiten in der Kirche. Sie sollen auch mit-reden können.

Menschen aus der Kirche reden auch mit Wissenschaftlern. Wir wollen mit ihnen nachdenken. Die Kirche wird kleiner. Trotzdem muss sie weiter laut reden. Vor allem sagen wir: Was glauben wir? Und wir reden noch mehr mit den Menschen, die zu uns gehören. Die Kirche bietet viele Kurse an. Da darf jeder hinkommen. Aber wir kümmern uns besonders um unsere Mitglieder und Freunde.   

 

Mission

3. Mission heißt: Wir erzählen Menschen über Gott. Andere Menschen sind genauso wichtig und klug wie wir selbst. Deswegen reden wir miteinander. Früher hat die Kirche oft allein geredet, und alle anderen sollten zuhören. Das wollen wir nicht mehr. Ämter und Behörden bekommen nicht mehr so viel Geld. Menschen und Gruppen, die zusammenarbeiten, bekommen mehr Geld.

Jesus Christus hat uns von Gott erzählt. Das ist uns wichtig. Wir glauben: Gott macht eine neue Welt. Wir zwingen niemandem zum Glauben. Das hat uns Christus beigebracht. Er hat sich um Schwache, Arme und Kranke gekümmert. Wir tun das auch. Wir können uns aber nie um alle kümmern. Wir sind nicht Gott.

Wir beschäftigen uns mit der Politik. Sie soll Gesetze machen, die gut sind. Wir helfen Menschen, denen es schlecht geht. Manche Menschen haben Fragen über ihren Glauben. Auch denen helfen wir. Wir helfen auch Nicht-Migliedern. Wir können aber nicht alles alleine machen. Deswegen arbeiten wir mit anderen Gruppen, Behörden und Menschen zusammen. Und wir wollen zeigen: Manches können wir besser als andere. Aber nicht alles können wir weitermachen. Manche Leute haben nicht viel Geld. Wir wollen, dass sie auch mitmachen können. Manchmal streiten Menschen. Dann wollen wir mit ihnen reden. Sie sollen zusammen eine Lösung finden. Das ist manchmal ganz schön schwer.

Wir arbeiten auch mit anderen Gruppen zusammen. Zusammen können wir tolle Sachen ausprobieren. Dann lernen Menschen auch etwas über den Glauben.

 

Ökumene

4. Es gibt in Deutschland viele verschiedene Kirchen. Sie arbeiten zusammen. Das ist gut. Wir sind verschieden – auch das ist gut. Wir wollen in Zukunft mehr zusammen machen. Aber wir müssen nicht eine einzige Kirche werden.

In Deutschland sind weniger als früher Menschen Kirchen-Mitglieder. Seit 100 Jahren arbeiten die christlichen Kirchen zusammen. Wir haben gelernt: Unterschiede sind gut. Wir wollen nicht unnötig streiten. Sonst haben die Menschen kein Vertrauen in uns und in Gott. Weil wir weniger Geld haben, müssen wir mehr zusammenarbeiten. Irgendwann möchten wir auch zusammen das Abendmahl feiern. Ganz oft arbeiten evangelische und katholische Leute gleichzeitig. Zum Beispiel bei der Polizei, bei der Bundeswehr oder in Krankenhäusern. Das muss nicht sein. Es reicht, wenn einer dort arbeitet. Zum Beispiel in 3 von 10 Krankenhäusern.

Wir können Menschen besser helfen, wenn wir zusammen arbeiten. Vielleicht können evangelische und katholische Menschen sogar eine einzige Gemeinde haben.  

 

Digitalisierung (Internet)

5. Die Kirche macht ganz viel im Internet. Dafür bekommt sie mehr Hilfe. Wir glauben: Das Internet und die Gemeinde zuhause gehören zusammen. Sie können voneinander lernen. Menschen lesen heute viel weniger Zeitung als früher. Deswegen gibt es mehr Geld, wenn die Kirche etwas im Internet oder für Handys macht.

Die Kirche redet von Gott. Dafür braucht sie Medien (Zeitungen, Bücher, Internet und so weiter). Die Kirche schreibt oft ganz lange Texte. Das geht jetzt nicht mehr: Menschen lesen nicht mehr so viel. Deswegen reden wir anders. Und wir müssen viel über Technik lernen. Und in den Gemeinden wird deswegen auch vieles anders. Wir müssen lernen: Wie reden wir so von Gott, dass Menschen uns verstehen? Wie erzählen wir von der Bibel, dass Menschen das gerne lesen?

Das Internet ist nicht nur zum Lesen da: Man kann hier auch Fragen stellen und mitreden. Manche finden Freunde. Man kann mit viel mehr Menschen reden als früher. Deswegen benutzt die Kirche auch das Internet. Aber wir finden es nicht besser oder schlechter als unsere normalen Kirchen-Gemeinden. Wir wünschen uns: Menschen reden miteinander, egal wo. Die Kirchen-Kreise und Landes-Kirchen benutzen neue Computerprogramme. Die machen vieles einfacher. Und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) schreibt gute Texte und macht schöne Bilder und Filme für das Internet. Wir möchten auch Gottesdienst am Computer feiern. Und wir können durch Internet und Telefon ohne Probleme miteinander reden. Das haben wir in der Corona-Zeit gemerkt.

Das Internet hilft uns auch bei der Verwaltung: Vieles wird einfacher und schneller. Aber wir müssen noch viel mehr zusammenarbeiten. Verwaltung ist teuer. Und wir haben weniger Geld.

Es gibt viele schlimme Dinge im Internet: Menschen ärgern andere Menschen, sie sagen schlimme Sachen. Sie tun Gewalt mit Worten an. Es gibt auch falsche Nachrichten. Das finden wir nicht gut. Wir wollen, dass das Internet sicher ist. Niemand soll Angst haben, niemand darf andere belügen. Dafür setzen wir uns ein.

 

Kirchen-Entwicklung

6. Alle Menschen sind verschieden. Deswegen wünschen sie sich unterschiedliche Sachen von ihrer Kirche. Wir sagen nicht: Das eine ist richtig und das andere ist falsch. Wir möchten eine bunte Kirche, in der sich viele verschiedene Leute wohl fühlen. Deswegen gibt es besonders viel Geld für neue Ideen. Wir glauben: Verschiedene Gemeinde-Formen können voneinander lernen. Deswegen ist es wichtig, dass wir zusammen arbeiten. Wer das nicht möchte, bekommt kein Geld mehr.

Es gibt nicht mehr so viele Gottesdienste wie früher. Aber es gibt viel mehr verschiedene Gottesdienste als früher. Manche mögen den Gottesdienst am Sonntag-Morgen besonders gern. Aber manche mögen andere Gottesdienste lieber. Das ist schön, und das möchten wir unterstützen. Aber das müssen wir auch noch lernen. Viele Menschen leben heute allein. Deswegen ist es wichtig, dass sie in der Kirche mit anderen feiern können. Deswegen brauchen wir viele gute und neue Ideen, wie man Gottesdienst feiern kann.

Viele Menschen wollen heute ganz besondere Sachen erleben. Das ist ganz schön anstrengend. Wir finden wichtig: Junge und alten Menschen erleben zusammen etwas. Und Menschen aus verschiedenen Ländern auch. Es gibt heute viele Gruppen, die auch Gottesdienste feiern. Viele Menschen finden die schöner als unsere Gottesdienste. Deswegen müssen wir etwas verändern. Wenn jemand bei uns heiraten möchte, ist das heute sehr kompliziert. Das muss einfacher werden. Viele Familien reden heute nicht mehr über den Glauben. Deswegen ist es wichtig, dass sie das in der Kirche können. Dafür müssen wir uns unseren Stadt-Teil ganz genau angucken und fragen: Was passt zu den Menschen hier? Manchmal können sie mit den alten Gemeinde-Formen nichts mehr anfangen. Deswegen müssen wir uns neue Gottesdienste und neue Gemeinde-Formen ausdenken. Es kann nicht alles beim Alten bleiben.  Und wir müssen uns überlegen: Wo brauchen die Menschen die Kirche?

 

Zugehörigkeit

7. Manche Menschen finden die Kirche gut, aber sie wollen keine Mitglieder sein. Wir wollen auch mit ihnen zusammenarbeiten. Dafür brauchen wir neue Ideen. Wir fragen uns: Wie kann das gehen? Manche Menschen können auch nicht so viel Kirchen-Steuer bezahlen. Vielleicht möchten sie selbst entscheiden, wie viel Geld sie der Kirche spenden. Wir fragen uns auch: Warum ist es gut, wenn man Kirchen-Mitglied ist?

Wir glauben: In Zukunft sind weniger Menschen Kirchen-Mitglieder. Das heißt: Manche mögen die Kirche nicht. Und manche kennen die Kirche gar nicht. Manche Menschen möchten uns erst kennen lernen, und erst später Voll-Mitglieder werden.

Deswegen müssen wir nachdenken: Wie können Menschen bei uns mitmachen, wenn sie nicht Voll-Mitglieder sein wollen? Dafür müssen wir auch ein paar Gesetze ändern.

Für viele Menschen ist die Taufe wichtig. Manchmal feiern wir Tauf-Erinnerung: Wir erinnern uns zusammen an unsere Taufe. Mit der Taufe wird man Mitglied in der Kirche. Aber immer weniger Menschen werden getauft. Wir sind auch für die Menschen da, die keine Mitglieder von der Kirche sind. Wir überlegen, wie das noch besser geht.

Wenn Menschen Mitglieder von der Kirche werden, dann sagen sie anderen: Ich gehöre dazu, mir ist das wichtig. Ich möchte hier mitarbeiten. Das finden wir sehr gut. Und das möchten wir ihnen auch sagen. Vielleicht können wir deswegen Angebote machen, die nur für Mitglieder da sind.

Viele junge Menschen verdienen nicht so viel Geld. Und Kinder kosten auch Geld. Deswegen sollen sie weniger Kirchen-Steuern bezahlen. Oder selbst entscheiden können: Was in der Kirche bezahle ich mit meinem Geld?

Wir haben viele andere Ideen. Vielleicht gibt es einen Mitglieds-Ausweis. Dann bezahlt man weniger Geld, wenn man in ein Konzert in der Kirche geht. Wenn Menschen aus der Kirche austreten, dann wollen wir sie fragen: Warum tut ihr das?


Mitarbeitende

8. Viele Menschen arbeiten in der Kirche mit. Es ist wichtig, dass sie über ihren Glauben reden können. Manche machen das als Beruf („Hauptamtliche“), andere in ihrer Freizeit („Ehrenamtliche“). Es sollen keine Menschen mehr Arbeit machen, die nicht wichtig ist.

Die Mitarbeiter in der Kirche sind ganz wichtig. Es ist egal, ob sie hauptamtlich oder ehrenamtlich, arbeiten. Sie haben viele Ideen, sie schenken der Kirche ihre Zeit und ihre Kraft. Wir können nicht mehr so viele Mitarbeiter bezahlen. Deswegen werden Ehrenamtliche viel wichtiger. Sie bekommen kein Geld für ihre Arbeit. Wir haben in den letzten Jahren gelernt: Viele Menschen möchten in ihrer Freizeit nicht viele Jahre lang bei der Kirche mitarbeiten. Aber sie haben Lust, bei bestimmten Sachen mitzuhelfen. Es ist wichtig, dass sie Spaß daran haben. Viel Arbeit kann man von außen gar nicht sehen, aber sie ist ganz wichtig. Manche Mitarbeiter können wir nur für eine bestimmte Zeit bezahlen.

Mitarbeiter bei der Kirche und der Diakonie sollen über ihren Glauben reden. Sie können von sich sagen: Ich arbeite bei der Kirche, weil mir mein Glaube viel wert ist. In der Kirche verändert sich viel. Deswegen müssen Mitarbeiter eigen-verantwortlich arbeiten, das heißt: Sie entscheiden selbst, was sie tun und wie sie es tun. Manche haben neue Ideen. Wir möchten, dass sie die umsetzen können. Mitarbeitende müssen sich gegenseitig vertrauen können.

Alle Menschen können manche Dinge besonders gut. Dafür sollen sie Zeit und Geld kriegen. 10% von unserem Geld ist zum Ausprobieren da. Wer eine neue Idee hat, kann sie umsetzen. Wenn manches davon irgendwann wieder endet, ist das nicht schlimm.

Viele Dinge werden in Zukunft wichtiger als früher: Mitarbeiter sind für andere da. Wir loben uns gegenseitig. Menschen tun das, was sie besonders gut können. Bestimmte Dinge müssen alle gut können: Mit anderen zusammenarbeiten, neue Kontakte knüpfen, eigene Entscheidungen treffen. Sie müssen auch mit dem Internet gut umgehen können. Deswegen ist ganz wichtig: Die Kirche muss sehr gute Fortbildungs-Angebote machen.  

 

Leitung

9. Leitung heißt in Zukunft: Wir müssen darauf achten, dass wir mit vielen anderen zusammenarbeiten. Wir müssen erklären, was wir tun. Und warum wir es tun. Wir wollen anderen zeigen: Wir sind evangelisch. Früher haben in der Kirche oft die Vorgesetzten entschieden (z. B. Bischöfe, Pfarrer, Kirchen-Vorstände), was gemacht wird. Das muss anders werden.

Wir wollen Menschen von Jesus Christus erzählen. Er bringt uns zusammen. Wir sind verschieden. Deswegen müssen wir viel miteinander reden, damit wir uns verstehen. Wir müssen darüber reden, warum uns der Glaube wichtig ist. Manchmal müssen wir auch laut sagen: Das geht nicht, weil unser Glaube es uns verbietet. Wir müssen gut zusammenarbeiten.

Wir haben bald weniger Geld. Deswegen müssen wir uns besser abstimmen. Verschiedene Gemeinden, Kirchen-Kreise und Landes-Kirchen müssen besser zusammenarbeiten. Wir brauchen nicht so viele Mitarbeiter in der Verwaltung. Dann können wir uns auch schneller verändern. Früher hatten wir mehr Geld. Da haben wir sehr viel gemacht. Jetzt müssen wir überlegen: Was ist wichtig? Wenn wir nicht gut zusammen arbeiten, dann sind wir keine gute Kirche.

Im Moment denken viele Menschen nur an ihre eigene Gemeinde. Das ist nicht gut, weil wir so viel zu tun haben. Wir müssen auch an andere denken. An manchen Orten können Gemeinden sich zusammenschließen. Damit sparen sie Geld und können besser arbeiten. 

In der Kirche gibt es Gruppen, die entscheiden: Was machen wir? Was lassen wir sein? Was ist uns besonders wichtig? Sie müssen klar sagen, warum sie eine Sache entscheiden. Es ist falsch, wenn sie nur sagen: Das war schon immer so. Manche Sachen müssen auch anders gemacht werden als früher.  

 

Strukturen

10. Heute sitzen in der Kirche viele Menschen bei Treffen zusammen und reden viel. Das kostet Zeit und Geld. Es gibt viele Regeln. Die kennen nicht alle, deswegen arbeiten viele Menschen in der Verwaltung. Sie achten darauf, dass alle Regeln eingehalten werden. Auch das kostet viel Zeit und Geld. Wir möchten 15% einsparen. Mit dem eingesparten Geld können wir neue Ideen umsetzen.

Die Kirche ist eine „Institution“. Das heißt: Sie ist so etwas wie eine Behörde oder ein Amt. Das ist wichtig, weil Behörden viele Regeln haben. Man kann sich auf sie verlassen. Kirche ist auch eine Firma. Sie macht Werbung und bietet etwas an. Sie ist auch eine „Bewegung“, das heißt: Viele Menschen arbeiten in kleinen Gruppen mit. Dort tun sie das, was vor Ort nötig ist. Alle drei Sachen (Behörde, Firma, Bewegung) sind wichtig. 

Die Kirche wird weniger wie eine Behörde sein. Dann kann sie schneller entscheiden. Das ist wichtig, obwohl sie manchmal nicht weiß: Ist das jetzt richtig? Manche in der Kirche wollen das nicht. Sie dürfen nicht mehr so viel bestimmen. Auch die Kirchen-Gemeinden werden anders. Sie sehen nicht mehr alle gleich aus.

Die Kirche in West-Deutschland ist viel reicher als in Ost-Deutschland. Aber das wird sich bald ändern. Auch die Kirche in West-Deutschland wird ärmer. Wir können von den Kirchen in Ost-Deutschland lernen: Dort sind die Gemeinden kleiner. Aber sie sind genauso wertvoll. Und es ist leichter, Neues auszuprobieren. Manchmal macht die Kirche Sachen, die niemand braucht. Das soll aufhören. Und manchmal macht die Kirche Sachen, da sagen Leute: Das tut mir gut. Hier lerne ich etwas über Gott. Davon wollen wir mehr machen.

Das ist nicht einfach. Wir müssen schneller entscheiden. Deswegen müssen wir uns auch besser absprechen. Es muss klar sein: Wer entscheidet was? Aber es darf auch nicht alles nur schnell gehen. Manche Sachen brauchen Zeit. Das wissen viele Leute heute nicht mehr.

 

EKD/Landes-Kirchen

11. Wenn eine Landes-Kirche etwas machen will, dann bekommt sie dafür Geld von der EKD. Aber es sollen nicht alle dasselbe machen. Die Arbeit soll besser verteilt werden, und das Geld auch. 

Die Kirche hat zwei wichtige Aufgaben in der Zukunft: Wir müssen beweglich sein. Und wir müssen klar zeigen: Wir sind evangelisch. Die beiden Aufgaben müssen gut aufeinander abgestimmt werden. Wenn eine Landes-Kirche etwas gut kann, dann unterstützt die EKD das. Wenn eine Landes-Kirche etwas für andere macht, dann bekommt sie Geld dafür. Die EKD macht nur noch bestimmte Sachen, zum Bespiel: a. Wenn eine Sache für alle gleich wichtig ist. B. Wenn Menschen dadurch Mitglieder werden wollen. C. Wenn die Kirche allen Menschen in Deutschland etwas sagen will. Dafür muss die EKD gut auf die Landes-Kirchen hören.

Die Landes-Kirchen müssen sich gut absprechen. Nur dann weiß man: Wer kann etwas besonders gut? Die EKD veranstaltet Treffen dafür. Das Kirchen-Amt hilft ihnen dabei. 

2017 haben wir uns an Martin Luther erinnert. Er hat die Kirche neu gemacht. Damals gab es große Veranstaltungen für ganz Deutschland. Und kleinere für einzelne Städte. Das war eine gute Zusammenarbeit.

 

Nach-Wort

Die Kirche muss sich verändert, weil die Welt sich verändert. Wir müssen mutig sein. Aber wir müssen auch Ruhe bewahren. Wir dürfen uns keinen Stress machen.

 Drei Dinge sind uns besonders wichtig:

 In der Bibel steht: Wir sind „der Körper von Jesus Christus“. Wir gehören alle zusammen, und jeder hat eine besondere Aufgabe. Wir müssen uns deswegen gut absprechen.

 In der Bibel steht auch: Wir sind das „Volk Gottes“. Das heißt: Wir gehören zusammen. Manche Menschen sind keine Mitglieder. Auch sie dürfen dabeisein.

 In der Bibel steht auch: Wir sind „Salz und Licht“. Das heißt: Wir reden öffentlich. Wir möchten, dass Menschen uns zuhören. Deswegen dürfen wir nicht nur über uns selber reden.

 Durch den Corona-Virus haben wir weniger Geld. Deswegen müssen wir jetzt etwas tun. Wir fragen uns: Was brauchen wir? Was brauchen wir nicht mehr? Wir haben noch Geld gespart. Damit unterstützen wir Mitarbeiter und Gemeinden.

 Wenn wir Geld für alte Sachen haben wollen, müssen wir uns fragen: Wer braucht die? Manche alten Sachen können wir nicht behalten. Denn dann haben wir weniger Geld für neue Sachen.

 



Dienstag, 30. Oktober 2018

Ach, lasst mir doch meine Kürbisse...



Ein bisschen leiser scheint es geworden zu sein. Trotzdem kann man den Kalender danach stellen - Ende Oktober ist es wieder soweit: Das Naserümpfen, das Unken und Motzen über Halloween. "Es gibt kein Entkommen", zelotete vor einigen Jahren Margot Käßmann ausgerechnet in der BILD-Zeitung und bediente sich dabei altbekannter Argumente aus der Mottenkiste kulturkritischer Protestanten und anderer sittlichkeitsbewegter und vaterlandsbesorgter Kreise. Argumente, die in den frühen 20er und späten 40er Jahren des letzten Jahrhunderts Hochkonjunktur hatten, als die Kirchen sich noch vehement für ein Verbot des rheinischen Karnevals einsetzten: Es sei reiner Kommerz, man habe diese und jene erschröckende Eskalationsanekdote gehört, außerdem sind die Katholiken auch dagegen. 

Die "heidnischen Wurzeln"

 

Evangelisch.de lässt in diesem Jahr den Vorsitzenden der Evangelischen Allianz, Ekkehard Vetter, zu Wort kommen. Der raunt in der Osnabrücker Zeitung, dass hinter Halloween "ein heidnischer Brauch und die Tradition des Totenkultes steht." Soso. Der geneigte Leser mag sich fragen, welcher Totenkult dahinter stehen mag, aber mit Detailfragen wollen sich Vertreter*innen solcher sogenannter Kontinuitätshypothesen nicht befassen. Diese Hypothesen sind aus zwei Gründen problematisch: 

Die penetrante Rückführung von Volksfesten auf vermeintlich antik-pagane Vorläufer war ein liebes Hobby der romantischen Volkskundler. Im Bestreben, den bürgerlichen (und unterbürgerlichen) Festkalender zu adeln (und zum Teil mit dezidiert kirchen- oder christentumsfeindlicher Spitze), konstruierte man riesige Spannungsbögen über Zeiten und Räume hinweg. Historisch ist das kaum haltbar, aber die Volkskundler der ersten Stunde arbeiteten eher assoziativ als quellenkritisch. Da findet man in irgendeinem Werk über die Sitten und Gebräuche der Etrusker einen Bericht über Geschenkbräuche im Winter, und schon hat man die Wurzeln der Weihnacht im vorchristlichen Dunkel ausgegraben. Und wo keine Quellen zur Hand waren, scheute man sich nicht, die Belege einfach zu erfinden. Was so gut ins eigene Weltbild passt, das muss es schließlich gegeben haben. Das Anliegen der romantischen Volkskundler war es, den Festen den Anschein des "Ursprünglichen", "Reinen", "Echten" zu geben. Im Laufe der Zeit wurde daraus auch das "echt Germanische" - kein Wunder, dass die Nazis diese Kontinuitätshypothesen gern aufnahmen und mit ihrer Hilfe versuchten, die christlichen Wurzeln der Fest- und Feiertage zu leugnen, um diese im Dienste nationalsozialistischer Propaganda zu instrumentalisieren. 
Der erste, der die heidnische Herkunft von Halloween behauptete, war der schottische Ethnologe James Frazer. Der bezog sich methodisch auf Wilhelm Mannhardt, war ganz einer religionskritischen Grundansicht verhaftet, die Menschheit entwickle sich mental von der Magie über die Religion zur Wissenschaft, und also fast ein Musterbeispiel für den westeuropäischen Kontinuitätenbastler. In Deutschland verbreitete das zwischen 1927 und 1942 (...) erschienene Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens ähnliche Thesen. 

Haltbar sind solche Kontinuitätshypothesen nach heutigem historischen Wissensstand und methodischen Standard nicht. Allzu frei und mitunter gewaltsam werden hier disparate Befunde unter eine Überschrift gestellt, allzu unkritisch werden hier mitunter hochgradig zweifelhafte Quellen zitiert. 

Selbst, wenn es solche heidnischen Wurzeln gäbe - die Dinge ändern ihren Charakter, wenn sie in einen neuen Kontext gestellt werden. Zum Beispiel die Kartoffel: Bei den indigenen Völkern Süd- und Mittelamerikas spielte sie eine wichtige Rolle im kultischen Leben, der ganze Festkalender richtete sich nach dem Saat- und Ernterhythmus. Als sie in die Alte Welt importiert wurde, verlor sie diesen Zusammenhang und wurde zum gänzlich entmythologisierten Nahrungsmittel. Oder die Olympischen Spiele - in der Antike frömmer und religiöser und kultischer als heute der Kirchentag. Käme jemand auf die Idee, Leichtathletik zu verbieten, weil in der Antike (und zwar nachweislich) körperliche Ertüchtigung mit religiösem Überbau betrieben werden konnte? Ich hoffe nicht. 

"Wir sind evangelisch und feiern Reformationstag"


In sozialen Medien machen dieser Tage wieder Memes mit einer sehr eigenen Ästhetik die Runde: "Wir sind evangelisch, wir feiern kein Halloween." Oder: "Wir sind evangelisch, wir feiern Reformationstag." 

Im ersten Fall wird ein Kausalzusammenhang behauptet, der alles andere als selbstverständlich ist. Ich habe nachgegeguckt: In keiner reformatorischen oder modernen Bekenntnisschrift ist von Halloween die Rede. "Ich bin evangelisch. Ich feiere kein Halloween" bewegt sich auf einer Linie mit Sätzen wie: "Ich habe keine Mikrowelle. Ich bin 1,75 m groß" oder "Ich lese keine Liebesromane. Ich wohne im dritten Stock." Beide Sätze können jeweils für sich genommen durchaus wahr sein - aber das eine muss mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun haben.

Im zweiten Fall wird schlimmstenfalls schlichtweg gelogen. Der Statistik nach feiern nämlich nur sehr wenige Menschen in Deutschland den Reformationstag in der einzigen Form, die sich bislang durchgesetzt hat: Indem sie einen Gottesdienst besuchen. Und damit hängt zusammen, dass Halloween überhaupt keine Konkurrenz dazu sein kann: Es ist bislang, von den Zentenarien abgesehen, nicht gelungen (und vielleicht hat es auch niemand versucht), dem Reformationstag einen Volksfestcharakter zu geben. Wir hätten als Kinder nicht quengelnd vor dem Fernseher gesessen und nach geschnitzten Kürbissen verlangt, wenn es kindgerechte und spaßige Formen gegeben hätte, den Reformationstag zu begehen. Wenn zum Beispiel Martin Luther in die Häuser gekommen wäre und den Kindern, die brav das Vaterunser aufsagen konnten, Geschenke gegeben oder in die bereitgestellten Stiefel gelegt hätte. Oder wenn wir im Garten Thesen gesucht hätten. Oder so, you know what I mean. 

Natürlich ist Halloween auch ein Triumph des Kommerzes und ein Beispiel für die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Aber man kann ihm nun wirklich nicht anlasten, dass die evangelischen Kirchen es nie richtig hinbekommen haben, Reformationsparty zu feiern.

Lasst mir meine Kürbisse.


Natürlich bin ich befangen. Als Kölner stürze ich mich selbstverständlich auf jede Gelegenheit, mich schon vor dem 11.11. zu verkleiden. Vielleicht dieses Jahr als Johann Tetzel. Und Nachbarskinder, die mir "Süßes oder Saures" entgegenblaffen, werde ich freundlich ermahnen, ein bisschen höflicher zu sein, dann gibt's auch was, um sich die Zähne zu ruinieren. Und bestimmt werde ich vorher pflichtschuldig in irgendeine Veranstaltung zum Reformationstag gehen. Wahrscheinlich wird mir ein Kollege oder eine Kollegin erzählen, wie wichtig die Reformation ist, "gerade in der heutigen Zeit". Wahrscheinlich wird man sentimental daran erinnern, wie voll die Reformationstagsfeiern letztes Jahr gewesen sind. Wahrscheinlich werde ich "Ein feste Burg" singen und mir wünschen, es klänge ein bisschen mehr nach Fangesang aus der Südkurve. Wahrscheinlich werde ich das dumpfe Gefühl haben, dass es irgendwie "richtig" ist, wenig Spaß bei so einer Veranstaltung zu haben, weil "kein Spaß" eben so gut evangelisch und die angemessene Haltung gegenüber so bedeutenden Phänomenen wie der Reformation ist.

Samstag, 31. Januar 2015

Kirchliche Imagepflege?

Mit der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit ist es so eine Sache. "Steht doch im Gemeindebrief", lautet die Antwort in Gemeinen landauf und landab, wenn man danach fragt, wie bestimmte Angebote zielgruppengerecht bekannt gemacht werden können. "Wir hängen ein Plakat in den Schaukasten", "Wir kündigen es im Gottesdienst ab" oder, bestenfalls, "Das kommt auf die Homepage" - damit ist das Marketingarsenal weitgehend ausgeschöpft. Finde den Fehler? Richtig, es handelt sich fast gänzlich um Medien und Kommunikationsformen, die einzig und allein den Inner Circle erreichen. Das ist in vielen Fällen auch richtig so, weil sich eben viele Angebote genau an diese Gruppe richten. Gemeindliche Arbeit folgt, zumindest im statistischen Mittel und meist unbewusst, dem von Rainer Höfelschweiger und Markus Ambrosy bekannt gemachten Schlüssel 95:5 - 95% der Ressourcen werden für 5% der Mitglieder aufgewendet. Als ihre These vor einigen Jahren durch die Pfarrblätter ging, reagierten nicht wenige Kolleg_innen ausgesprochen ungehalten, was ebenso nachvollziehbar wie unangemessen ist, zeigt sie doch nicht mehr und nicht weniger, als dass wir de facto eben nicht "Kirche für Alle" sind, auch, wenn wir das immer wieder mit dem uns eigenen Pathos behaupten. 


ÖFFENTLICHKEITSARBEIT = WERBUNG = BETRUG?


Das ist in erster Linie eine Sache der Ressourcen: Personell, finanziell, materiell. Deren Knappheit wiederum spiegelt eine Einstellung der Kirche(n) wider, die Öffentlichkeitsarbeit einerseits vor allem mit Werbung assoziiert - und damit mit Lug und Trug, Menschenfängerei und leeren Versprechungen auf Hochglanzpapier. Davon will man sich abgrenzen - es geht schließlich "um die Sache", und "gute Arbeit setzt sich auch so durch". Das hat einen begrenzten Wahrheitsgehalt darin, dass die Bedeutung persönlicher Kontakte für das Gemeindeleben unübertroffen ist, wie auch die letzte EKD-Studie wieder einmal gezeigt hat. Darin spiegelt sich aber auch die Mentalität der Nachkriegskirche, die sich, wohl nicht zuletzt auch aufgrund der Erfahrungen mit den Deutschen Christen, in einer gewissen Herbheit, einer Überzeitlichkeit signalisierenden Abständigkeit durchaus gefiel - da wurde auch Rhetorik in der Predigt schonmal als "fremdes Feuer auf Gottes Altären bezeichnet". 


ÖFFENTLICHKEITSARBEIT = INFORMATION?


Wo Kirche die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit bejaht, verbindet sie damit in erster Linie Information - und dann gilt der strenge Grundsatz: Form follows function. Insbesondere auf der mittleren und oberen Ebene tritt die Kirche vor allem mit Texten an die Öffentlichkeit. Meist sehr langen Texten, man ist ja schließlich Kirche des Wortes. Das können hundertseitige Denkschriften sein, die durch lange synodale Beratungs- und Redaktionsprozesse so konsensfähig geworden sind, dass sie jede Kante und damit jedes Profil eingebüßt haben. Das können die oft so verquasten landeskirchlichen Kollektenabkündigungen, die eben so unendlich lang und langweilig sind, weil sie nicht zum Spenden animieren, sondern über den Kollektenzweck möglichst umfassend informieren wollen. Das gilt auch für kirchliche Internetauftritte, die Max Melzer kürzlich mit vollem Recht als "lieblos und altbacken" bezeichnet hat. Auch dort geht es vor allem um Information über innerkirchliche Vorgänge und Strukturen, kein Wunder also, dass die meisten landeskirchlichen Websites bestenfalls Behördencharme versprühen. Und das zieht sich bis in die Gestaltung von Plakaten für gemeindliche Veranstaltungen, die oft viel Information auf wenig Raum versammeln und selten mehr sind als etwas reduzierte Anschreiben auf A3, der Peppigkeit wegen auf gelbem Papier gedruckt und schlimmstenfalls mit einem verpixelten Internetbild oder gar WordArt-Objekten verschönert. 

Muster ohne Wert

Wenn sich Kirche an Bilder, gar an bewegte Bilder, herantraut und Imagekampagnen oder -filme produziert, dann wird es auch oft ärgerlich. Mein erster Berührungspunkt damit war die EKD-Öffentlichkeitsoffensive des Jahres 2002, bei der vor Himmelblau und Schäfchenwolken reichlich unspezifische Fragen gestellt, zum Teil abstruse Antwortmöglichkeiten vorgegeben und etwas onkelhaft dazu eingeladen wurde, gemeinsam Antworten zu finden. 


2003 lief im Fernsehen ein Werbespot, der schon was von Imagefilm hatte. Zu sehen waren Menschen an verschiedenen Orten, tanzend, feiernd und knutschend, im Hintergrund immer und überall: Ein Kreuz. Auf den letzten Sekunden dann der Slogan - "ein + verbindet". Naiv, wie wir damals waren, hielten wir es für eine durchaus gelungene Werbeaktion des 2003 erstmalig stattfindenden Ökumenischen Kirchentags, bis uns klar wurde, dass es sich um einen Reklamefilm des damaligen Mobilfunkanbieters eplus handelte. 




2008 versuchte sich die EKiR an einem "Filmporträt". Die Pressemitteilung sagt eigentlich schon das Meiste: "In knapp 20 Minuten vermittelt der Film einen kompakten Überblick über Auftrag und Dienst der rheinischen Kirche. Die DVD ist u.a. für den Einsatz in Gemeindegruppen, im kirchlichen Unterricht, in der Schule und beispielsweise bei Präsentationen außerhalb der Kirche gedacht." Auf der Landessynode war er damals zu bestaunen, eine ellenlange Videocollage in wachsmalbunter Lokalfernsehensästhetik des ausgehenden Jahrtausends, unterlegt mit Fahrstuhlmusik, der man es nicht unbedingt anhörte, dass sie eine (wahrscheinlich nicht billige) Auftragskomposition war. Vom dem Film hat man seitdem nichts mehr gesehen, und das ist auch gut so.

Die lutherische Landeskirche Hannovers versuchte sich in den folgenden Jahren mit bunten, "peppigen" Kurzvideos zu theologischen oder kirchlichen Themen unter dem Label "e wie evangelisch" - auch hier war die Ästhetik ausgesprochen öffentlich-rechtlich und erinnerte an das Jugendprogramm des ZDF. Das meistbeworbene Video aus der Reihe beschäftigte sich mit dem Thema Rechtfertigung. Angeklickt haben es nicht wirklich viele Leute in den letzten Jahren - neben der Frage, ob sich ein komplexes soteriologisches Konzept auf drei Minuten und die Formel "Gott hat alle lieb" runterdampfen lässt, stellt sich damit auch die Frage, ob das Format sich wirklich lohnt. Auch hier geht es wieder um Information - und die z. T. unangenehm saloppe Sprache ("Mönchlein", "Gnade, die wie ein Kuhfladen vom Himmel fällt") ist auch nicht der Wiedergewinn von sprachlich-emotionaler Radikalität, die Erik Flügge vor einiger Zeit eingefordert hat.




2010er: Kirche entdeckt den Imagefilm


In den letzten ein-zwei Jahren hat die Kirche den "echten" Imagefilm für sich entdeckt, und immer mehr Landeskirchen und kirchliche Einrichtungen ziehen mittlerweile nach und präsentieren sich in mehr oder weniger kurzen Videos. In dazugehörigen Konzeptpapieren wird häufig ein ähnlicher Auftrag benannt: Es gehe darum, "Menschen" zu zeigen und die "Vielfalt kirchlicher Angebote". 

Vor drei Monaten etwa hat die EKBO ihren Imagefilm ins Netz gestellt. Das Video soll "symbolisch" zeigen, "wo kirchliche Begleitung im Leben und an den Wendepunkten des Lebens angeboten wird." Als Titel hat die Kirche wortverspielt das mehrdeutige "Paternoster" gewählt, das einerseits den nicht mehr gebauten und vor allem in Behördengebäuden (ha!) anzutreffenden Personenaufzügen im ständigen Umlaufbetrieb meint, andererseits auch die lateinische Variante von "Vaterunser" ist. Weil das nicht jeder weiß, wird es am Anfang kurz eingeblendet. 





Ein weiteres recht junges Imagevideo stammt von der Diakonie Deutschland und zeigt vor allem alte Menschen bei der Maniküre - Martin Horstmann hat diesbezüglich seinem berechtigten Ärger schon Luft gemacht; seine Gedanken, das Video und die Reaktion eines Verantwortlichen sind auf seinem Blog zu finden. 

Brandneu ist schließlich der Imagefilm des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der vor ein paar Tagen online gegangen ist:






Das Video (hat eigentlich jemand geklärt, ob man einfach so die Hintergrundmusik von FarmVille Heroes Saga klauen darf, oder klingt es nur so bestechend ähnlich?) spielt mit Klischees aus dem Ländle - Kässpätzle, Kehrwoche, Kreuz und Chorknaben. Viel Stuttgart (im Sinne von "Großstadt") entdecke ich da nicht, was "Kirchentag" ist, bleibt mir auch ein Rätsel, und wenn mir 's Pfärdle und 's Äffle mit Holzschild drohen: "Stuttgart freut sich", dann weiß ich spontan nicht, ob das auf Gegenseitigkeit beruht. 



VERSUCH EINER DEUTUNG

Öffentlichkeitskampagnen von Kirche und Diakonie werden oft gescholten, und das nicht selten auch zu Recht. Meist wird eine Harm- und Zahnlosigkeit bemängelt, die mittlerweile schon fast zum Markenkern zu gehören scheint. Erklären lässt sich das, glaube ich, zum Teil mit den schon oben angedeuteten langwierigen Entscheidungs- und Redaktionsprozessen, die wenig Raum für Kreativität lassen und vor allem auf Erwartbarkeit und Planbarkeit setzen. 

Ein weiterer Faktor scheint mir der Umschmeichelungsversuch einer ungreifbaren, vielleicht sogar uninteressierten Zielgruppe zu sein. Fast krampfhaft wird jede inhaltliche Stellungnahme vermieden, entweder um möglichst offen zu scheinen oder (was ich durchaus nachvollziehen kann) um sich von den "Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben"-Plakaten der Missionsgesellschaften oder solchen Aktionen wie der selten dämlichen "Gott statt Schrott"-Kampagne von BibelTV abzugrenzen. Stattdessen bemüht man sich um die Darstellung der Vielfalt kirchlicher Angebote, in denen sich Kirche bewährt paternalistisch als Versorgungskirche präsentiert, die "für jede_n (irgend-)etwas" anzubieten hat. Dass die gezeigten Alltags- und Sonntagsszenen, wie die Kirchentagskampagne eindrücklich zeigt, alles andere als repräsentativ für die reale Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe sind, zeigt nur einmal mehr, wie exklusiv Kirche dann doch wieder ist. Die inoffizielle Intention kirchlicher Imagekampagnen scheint es fast zu sein, die große Masse indifferenter Noch-Mitglieder, die gar nicht so recht wissen, warum sie noch in der Kirche sind und vor denen wir aufgrund ihrer Unberechenbarkeit irgendwie auch Angst haben, nicht zu vergraulen. Die schon erwähnte neue EKD-Studie zeigt aber, dass diese Gruppe sich ohnehin verkleinert - und es stellt sich die Frage, ob es dann wirklich gerechtfertigt und angemessen ist, nur biedere Betulichkeit zu präsentieren.


Dinge, von denen man sich besser abgrenzt...
(Quellen: bibeltv.de, c-plakat.de, kirchengemeinde-eidelstedt.de)

Ein weiteres Problem ist grundsätzlicherer Natur. Mit der Rückbesinnung auf Bilder, einem neuen Willen zur Öffentlichkeit könnte die Kirche tatsächlich an kirchengeschichtliche Vorbilder anknüpfen - die Reformation wäre anders verlaufen, wenn man nicht auf probate Mittel der Popularisierung und Inszenierung der evangelischen Botschaft zurückgegriffen hätte. Dazu gehörte die Flugschriftenschwemme ebenso wie die reformatorischen Kampfspiele auf eidgenössischen Marktplätzen. Der zentrale Unterschied ist aber, dass die Reformatoren nicht für sich selbst Werbung gemacht haben, oder gar für die evangelische Kirche - die gab es ja noch nicht. Sondern für das aus ihrer Sicht richtige und lebensnotwendige Verständnis der biblischen Botschaft. 

Unterm Strich bleibt die Einsicht, dass die Fragen nach kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit keine einfache ist - das sei auch nochmal im Blick auf die hier kritisierten Kampagnen gesagt: Ich hätte spontan nicht gewusst, wie man es hätte besser machen können. Aber die Debatte muss breiter geführt werden.