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Dienstag, 7. Juli 2020

Die Leitsätze des Z-Teams - Übersetzungsversuch vor einer Diskussion

Nach den jüngsten Austrittszahlen hat das Z-Team, ein Gremium der EKD-Synode, ein Papier veröffentlicht und zur Diskussion freigegeben. Meine erste Reaktion darauf war: "Och nee..." Weil es mir schwergefallen ist, hinter die selbst für EKD-Verhältnisse besonders verquaste Sprache zu steigen und die Anliegen des Papiers freizulegen. Ein Votum von Hanno Terbuyken bei Twitter und einiger anderer hat mich ermutigt, am Ball zu bleiben. Von Birgit Mattausch und Bernd Becker stammt der Impuls, die Leitsätze in Leichte Sprache zu übersetzen. Das habe ich als Annäherung an den Text versucht. Ich bin kein Experte für Leichte Sprache, und manches ist sicherlich stümperhaft bis karikaturesk, manches rundweg falsch. Trotzdem hat es mir geholfen, den Text besser zu verstehen.

Arbeitsübersetzung in Leichte Sprache

Vor-Wort

Die Kirche gehört Gott, auch in Zukunft. Aber sie hat bald weniger Mitglieder, weniger Geld. Es arbeiten auch weniger Menschen dort mit. In Deutschland gibt es mehr alte Menschen als Kinder. Deswegen wird die Kirche kleiner. Das ist aber nur ein Grund. Viele Menschen sagen: Ich kann mit dem Glauben nichts anfangen. Deswegen möchten Eltern nicht mehr, dass ihre Kinder getauft werden. Und deswegen verlassen Menschen die Kirche. Wenn das so ist, dann geht es nicht nur um Geld: Es geht auch um den Glauben. Die Kirche muss nicht nur Geld sparen und besser, schneller und nützlicher arbeiten. Sie muss sich auch verändern, weil die Welt sich verändert. Der Glaube tut das auch: Für Kinder sind andere Dinge am Glauben wichtiger als für Erwachsene oder alte Menschen. Die Kirche möchte von Gott erzählen. Dafür muss sie andere Worte und andere Wege finden.

Das Corona-Virus verändert das Leben von uns allen. Und das wird so bleiben. Auch in der Kirche wird es anders sein als vorher. Wir können nicht einfach zuhause bleiben. Und wir können nicht alles am Computer machen. Aber die Corona-Zeit hat auch gezeigt: Die evangelische Kirche hat tolle Ideen, obwohl sie nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte. Sie hat Menschen geholfen. Und sie hat anders von Gott geredet als sonst. Das geht nur, wenn man mutig ist. Und das geht nur, wenn man glaubt: Gott verspricht: Ich helfe euch dabei.

Es ist wichtig, dass wir etwas tun. Es ist wichtig, dass wir Abstand halten. Aber wir dürfen uns nicht zuhause einschließen. Wir möchten anderen Mut machen. Im Jahr 2017 hat die Kirche viel an Martin Luther gedacht. Das war ein Pfarrer. Vor 500 Jahren hat er die Kirche neu gemacht. Aber wir haben nicht nur an Früher gedacht. Wir haben uns auch gefragt: Was können wir von ihm für die Zukunft lernen? – Wir haben uns einen Spruch aus der Bibel ausgesucht: „Hinaus ins Weite“. Das ist ein Satz aus einem Psalm, einem Gebet von König David. Für uns bedeutet das: Wir können uns frei bewegen. Wir können hingehen, wo wir wollen. Das ist ein Geschenk von Gott. Und das ist eine Aufgabe: Wir fragen uns: Wo brauchen die Menschen uns? Das wollen wir herausfinden. Wir finden: Menschen sollen bei uns mitmachen können. Wir wollen zusammen etwas machen. Wir wollen erzählen, was wir mit Gott erleben. Menschen sollen sagen: Ich glaube euch das, was ihr erzählt. Weil ihr euch so verhaltet. Ihr macht mich neugierig auf Gott.

Die Kirche wird kleiner. Aber sie wird weiter laut reden. Das geht nur mit anderen zusammen. Die katholische Kirche ist unsere Schwester, und andere auch. Das hat Jesus Christus, der Sohn von Gott, gesagt. Die Kirche ist auch ein Teil von der Gesellschaft. Gottesdienste und Beten sind uns wichtig. Aber auch, wie Menschen miteinander umgehen. Es gibt viele verschiedene Kirchen und Religionen. Sie sagen: Ich haben recht. Das ist gut. Menschen sind frei. Sie können selber entscheiden: Das glaube ich, und das glaube ich nicht. Das Besondere an der evangelischen Kirche ist: Wir leben mit Gott. Und wir versuchen, das Richtige zu tun. Deswegen lesen wir die Bibel. Da steht viel Gutes drin. Wir müssen die Kirche verändern. Dabei fragen wir: Wie können wir Menschen von Gott erzählen? Das ist wichtig für unsere Entscheidungen.

 

Öffentlichkeit

 1. Die Kirche redet und tut viel. Die Menschen sollen wissen: Warum sagt sie das, warum tut sie das? Früher hat die Kirche viel mehr geredet. Manche sagen: Zu viel. Jetzt möchte sie nicht mehr so viel reden. Nur noch dann, wenn wir sicher sind: Gott möchte, dass wir dazu etwas sagen. Wir sagen etwas anderes als andere Vereine und Menschen. Deswegen tun wir auch andere Dinge.

Jesus Christus hat uns etwas über Gott beigebracht. Das stimmt immer noch. Es ist gut für die Menschen, das zu hören. Jesus braucht keine große und reiche Kirche dafür. Die Kirche macht viele Sachen. Sie sagt: Jesus will das von uns. Das ist das Wichtigste. Jesus fragt jeden Menschen: Was findest du richtig? Gott sagt: Ihr sollt anderen Menschen helfen. Ihr sollt Gutes tun. Das kann sehr verschieden aussehen. Wir finden das gut. Aber manche finden das auch schwierig: Das Leben ist schwer zu verstehen. Wir wollen Menschen zeigen: Hier sind wir. Und wir wollen erklären: Warum sind wir hier?

Wir möchten Menschen helfen, über schwierige Dinge nachzudenken und zu reden. Zum Beispiel: Was passiert, wenn jemand stirbt? Oder: Ich habe etwas Schlimmes gemacht. Wer hilft mir jetzt? Oder: Wie kann ich ein glückliches Leben haben? Oder: Wer hilft mir, das schwierige Leben zu verstehen? Wir brauchen Lern-Orte. Da kann man über den Glauben reden. Das hilft, das Leben besser zu verstehen und Dinge zu verändern. Gott macht Menschen frei. Deswegen können wir anderen Menschen helfen. Es gibt auch Menschen, Politiker, und Religionen, die sagen: Ihr sollt nicht frei sein. Die Menschen sind uns nicht so wichtig. Das finden wir falsch. Das sagen wir ganz laut.

In der evangelischen Kirche gibt es das „Priestertum aller Getauften“. Das heißt: Wer getauft ist, ist so etwas wie ein Pastor. Er kann selbst mit Gott reden, ohne Hilfe. Aber es gibt in der Kirche auch Kommissionen. Das sind Arbeits-Gruppen, in denen schlaue Menschen sich mit schwierigen Fragen beschäftigen. Sie arbeiten zusammen mit anderen, mit Politikern und Künstlern und Wissenschaftlern. Sie suchen Antworten auf schwierige Fragen. Aber solche Arbeits-Gruppen sind teuer. Deswegen werden wir bald weniger davon haben. Und deswegen sagen sie nur noch manchmal etwas. Wenn das ganz wichtig ist. Und wenn wir glauben: Gott will jetzt, dass wir reden. Viele Menschen kennen nicht mehr so viele Geschichten aus der Bibel. Deswegen müssen wir das besser erklären. Wir wollen uns so verhalten, wie Gott das will. Dann glauben uns die Menschen.

 

Frömmigkeit

2. Es ist wichtig, dass wir über unseren Glauben erzählen. Weil viele Menschen nichts mehr darüber wissen. Aber das bedeutet nicht nur reden: Wir möchten zeigen, wie man den Glauben leben kann. Menschen sollen mehr wissen, damit sie mit-reden können. Es gibt in der Kirche viele alte Glaubens-Formen (Beten, Singen, Still sein und so weiter). Sie helfen uns auch heute. Und manches denken wir uns neu aus.

Wir möchten anderen nicht sagen, was sie glauben sollen. Wir sagen: Wir haben gute Ideen und Gedanken. Und wir erklären, woher wir diese Gedanken haben. So können andere uns besser verstehen. Wir glauben: Menschen soll es in der Welt gut gehen. Manche Leute haben keine Religion, aber wir arbeiten mit ihnen zusammen: Wir wollen, dass demokratische Gesetze eingehalten werden. Menschen sollen offen miteinander reden. Und wir sagen den Politikern, was wir gut oder schlecht finden. Wir finden: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Jeder Mensch ist frei. Jeder Mensch soll gerecht behandelt werden. Wir sind gegen Krieg und für Frieden. Wir wollen auf unsere Umwelt aufpassen. Das finden wir, weil Jesus uns das gesagt hat.

Das alles ist wichtig, wenn die Kirche laut etwas sagt, zum Beispiel in der Zeitung oder im Fernsehen. Wir wollen, dass mehr Menschen etwas über unsere Religion wissen. Deswegen sollen Kirchen-Gemeinden und Universitäten zusammenarbeiten. Viele Menschen arbeiten in der Kirche. Sie sollen auch mit-reden können.

Menschen aus der Kirche reden auch mit Wissenschaftlern. Wir wollen mit ihnen nachdenken. Die Kirche wird kleiner. Trotzdem muss sie weiter laut reden. Vor allem sagen wir: Was glauben wir? Und wir reden noch mehr mit den Menschen, die zu uns gehören. Die Kirche bietet viele Kurse an. Da darf jeder hinkommen. Aber wir kümmern uns besonders um unsere Mitglieder und Freunde.   

 

Mission

3. Mission heißt: Wir erzählen Menschen über Gott. Andere Menschen sind genauso wichtig und klug wie wir selbst. Deswegen reden wir miteinander. Früher hat die Kirche oft allein geredet, und alle anderen sollten zuhören. Das wollen wir nicht mehr. Ämter und Behörden bekommen nicht mehr so viel Geld. Menschen und Gruppen, die zusammenarbeiten, bekommen mehr Geld.

Jesus Christus hat uns von Gott erzählt. Das ist uns wichtig. Wir glauben: Gott macht eine neue Welt. Wir zwingen niemandem zum Glauben. Das hat uns Christus beigebracht. Er hat sich um Schwache, Arme und Kranke gekümmert. Wir tun das auch. Wir können uns aber nie um alle kümmern. Wir sind nicht Gott.

Wir beschäftigen uns mit der Politik. Sie soll Gesetze machen, die gut sind. Wir helfen Menschen, denen es schlecht geht. Manche Menschen haben Fragen über ihren Glauben. Auch denen helfen wir. Wir helfen auch Nicht-Migliedern. Wir können aber nicht alles alleine machen. Deswegen arbeiten wir mit anderen Gruppen, Behörden und Menschen zusammen. Und wir wollen zeigen: Manches können wir besser als andere. Aber nicht alles können wir weitermachen. Manche Leute haben nicht viel Geld. Wir wollen, dass sie auch mitmachen können. Manchmal streiten Menschen. Dann wollen wir mit ihnen reden. Sie sollen zusammen eine Lösung finden. Das ist manchmal ganz schön schwer.

Wir arbeiten auch mit anderen Gruppen zusammen. Zusammen können wir tolle Sachen ausprobieren. Dann lernen Menschen auch etwas über den Glauben.

 

Ökumene

4. Es gibt in Deutschland viele verschiedene Kirchen. Sie arbeiten zusammen. Das ist gut. Wir sind verschieden – auch das ist gut. Wir wollen in Zukunft mehr zusammen machen. Aber wir müssen nicht eine einzige Kirche werden.

In Deutschland sind weniger als früher Menschen Kirchen-Mitglieder. Seit 100 Jahren arbeiten die christlichen Kirchen zusammen. Wir haben gelernt: Unterschiede sind gut. Wir wollen nicht unnötig streiten. Sonst haben die Menschen kein Vertrauen in uns und in Gott. Weil wir weniger Geld haben, müssen wir mehr zusammenarbeiten. Irgendwann möchten wir auch zusammen das Abendmahl feiern. Ganz oft arbeiten evangelische und katholische Leute gleichzeitig. Zum Beispiel bei der Polizei, bei der Bundeswehr oder in Krankenhäusern. Das muss nicht sein. Es reicht, wenn einer dort arbeitet. Zum Beispiel in 3 von 10 Krankenhäusern.

Wir können Menschen besser helfen, wenn wir zusammen arbeiten. Vielleicht können evangelische und katholische Menschen sogar eine einzige Gemeinde haben.  

 

Digitalisierung (Internet)

5. Die Kirche macht ganz viel im Internet. Dafür bekommt sie mehr Hilfe. Wir glauben: Das Internet und die Gemeinde zuhause gehören zusammen. Sie können voneinander lernen. Menschen lesen heute viel weniger Zeitung als früher. Deswegen gibt es mehr Geld, wenn die Kirche etwas im Internet oder für Handys macht.

Die Kirche redet von Gott. Dafür braucht sie Medien (Zeitungen, Bücher, Internet und so weiter). Die Kirche schreibt oft ganz lange Texte. Das geht jetzt nicht mehr: Menschen lesen nicht mehr so viel. Deswegen reden wir anders. Und wir müssen viel über Technik lernen. Und in den Gemeinden wird deswegen auch vieles anders. Wir müssen lernen: Wie reden wir so von Gott, dass Menschen uns verstehen? Wie erzählen wir von der Bibel, dass Menschen das gerne lesen?

Das Internet ist nicht nur zum Lesen da: Man kann hier auch Fragen stellen und mitreden. Manche finden Freunde. Man kann mit viel mehr Menschen reden als früher. Deswegen benutzt die Kirche auch das Internet. Aber wir finden es nicht besser oder schlechter als unsere normalen Kirchen-Gemeinden. Wir wünschen uns: Menschen reden miteinander, egal wo. Die Kirchen-Kreise und Landes-Kirchen benutzen neue Computerprogramme. Die machen vieles einfacher. Und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) schreibt gute Texte und macht schöne Bilder und Filme für das Internet. Wir möchten auch Gottesdienst am Computer feiern. Und wir können durch Internet und Telefon ohne Probleme miteinander reden. Das haben wir in der Corona-Zeit gemerkt.

Das Internet hilft uns auch bei der Verwaltung: Vieles wird einfacher und schneller. Aber wir müssen noch viel mehr zusammenarbeiten. Verwaltung ist teuer. Und wir haben weniger Geld.

Es gibt viele schlimme Dinge im Internet: Menschen ärgern andere Menschen, sie sagen schlimme Sachen. Sie tun Gewalt mit Worten an. Es gibt auch falsche Nachrichten. Das finden wir nicht gut. Wir wollen, dass das Internet sicher ist. Niemand soll Angst haben, niemand darf andere belügen. Dafür setzen wir uns ein.

 

Kirchen-Entwicklung

6. Alle Menschen sind verschieden. Deswegen wünschen sie sich unterschiedliche Sachen von ihrer Kirche. Wir sagen nicht: Das eine ist richtig und das andere ist falsch. Wir möchten eine bunte Kirche, in der sich viele verschiedene Leute wohl fühlen. Deswegen gibt es besonders viel Geld für neue Ideen. Wir glauben: Verschiedene Gemeinde-Formen können voneinander lernen. Deswegen ist es wichtig, dass wir zusammen arbeiten. Wer das nicht möchte, bekommt kein Geld mehr.

Es gibt nicht mehr so viele Gottesdienste wie früher. Aber es gibt viel mehr verschiedene Gottesdienste als früher. Manche mögen den Gottesdienst am Sonntag-Morgen besonders gern. Aber manche mögen andere Gottesdienste lieber. Das ist schön, und das möchten wir unterstützen. Aber das müssen wir auch noch lernen. Viele Menschen leben heute allein. Deswegen ist es wichtig, dass sie in der Kirche mit anderen feiern können. Deswegen brauchen wir viele gute und neue Ideen, wie man Gottesdienst feiern kann.

Viele Menschen wollen heute ganz besondere Sachen erleben. Das ist ganz schön anstrengend. Wir finden wichtig: Junge und alten Menschen erleben zusammen etwas. Und Menschen aus verschiedenen Ländern auch. Es gibt heute viele Gruppen, die auch Gottesdienste feiern. Viele Menschen finden die schöner als unsere Gottesdienste. Deswegen müssen wir etwas verändern. Wenn jemand bei uns heiraten möchte, ist das heute sehr kompliziert. Das muss einfacher werden. Viele Familien reden heute nicht mehr über den Glauben. Deswegen ist es wichtig, dass sie das in der Kirche können. Dafür müssen wir uns unseren Stadt-Teil ganz genau angucken und fragen: Was passt zu den Menschen hier? Manchmal können sie mit den alten Gemeinde-Formen nichts mehr anfangen. Deswegen müssen wir uns neue Gottesdienste und neue Gemeinde-Formen ausdenken. Es kann nicht alles beim Alten bleiben.  Und wir müssen uns überlegen: Wo brauchen die Menschen die Kirche?

 

Zugehörigkeit

7. Manche Menschen finden die Kirche gut, aber sie wollen keine Mitglieder sein. Wir wollen auch mit ihnen zusammenarbeiten. Dafür brauchen wir neue Ideen. Wir fragen uns: Wie kann das gehen? Manche Menschen können auch nicht so viel Kirchen-Steuer bezahlen. Vielleicht möchten sie selbst entscheiden, wie viel Geld sie der Kirche spenden. Wir fragen uns auch: Warum ist es gut, wenn man Kirchen-Mitglied ist?

Wir glauben: In Zukunft sind weniger Menschen Kirchen-Mitglieder. Das heißt: Manche mögen die Kirche nicht. Und manche kennen die Kirche gar nicht. Manche Menschen möchten uns erst kennen lernen, und erst später Voll-Mitglieder werden.

Deswegen müssen wir nachdenken: Wie können Menschen bei uns mitmachen, wenn sie nicht Voll-Mitglieder sein wollen? Dafür müssen wir auch ein paar Gesetze ändern.

Für viele Menschen ist die Taufe wichtig. Manchmal feiern wir Tauf-Erinnerung: Wir erinnern uns zusammen an unsere Taufe. Mit der Taufe wird man Mitglied in der Kirche. Aber immer weniger Menschen werden getauft. Wir sind auch für die Menschen da, die keine Mitglieder von der Kirche sind. Wir überlegen, wie das noch besser geht.

Wenn Menschen Mitglieder von der Kirche werden, dann sagen sie anderen: Ich gehöre dazu, mir ist das wichtig. Ich möchte hier mitarbeiten. Das finden wir sehr gut. Und das möchten wir ihnen auch sagen. Vielleicht können wir deswegen Angebote machen, die nur für Mitglieder da sind.

Viele junge Menschen verdienen nicht so viel Geld. Und Kinder kosten auch Geld. Deswegen sollen sie weniger Kirchen-Steuern bezahlen. Oder selbst entscheiden können: Was in der Kirche bezahle ich mit meinem Geld?

Wir haben viele andere Ideen. Vielleicht gibt es einen Mitglieds-Ausweis. Dann bezahlt man weniger Geld, wenn man in ein Konzert in der Kirche geht. Wenn Menschen aus der Kirche austreten, dann wollen wir sie fragen: Warum tut ihr das?


Mitarbeitende

8. Viele Menschen arbeiten in der Kirche mit. Es ist wichtig, dass sie über ihren Glauben reden können. Manche machen das als Beruf („Hauptamtliche“), andere in ihrer Freizeit („Ehrenamtliche“). Es sollen keine Menschen mehr Arbeit machen, die nicht wichtig ist.

Die Mitarbeiter in der Kirche sind ganz wichtig. Es ist egal, ob sie hauptamtlich oder ehrenamtlich, arbeiten. Sie haben viele Ideen, sie schenken der Kirche ihre Zeit und ihre Kraft. Wir können nicht mehr so viele Mitarbeiter bezahlen. Deswegen werden Ehrenamtliche viel wichtiger. Sie bekommen kein Geld für ihre Arbeit. Wir haben in den letzten Jahren gelernt: Viele Menschen möchten in ihrer Freizeit nicht viele Jahre lang bei der Kirche mitarbeiten. Aber sie haben Lust, bei bestimmten Sachen mitzuhelfen. Es ist wichtig, dass sie Spaß daran haben. Viel Arbeit kann man von außen gar nicht sehen, aber sie ist ganz wichtig. Manche Mitarbeiter können wir nur für eine bestimmte Zeit bezahlen.

Mitarbeiter bei der Kirche und der Diakonie sollen über ihren Glauben reden. Sie können von sich sagen: Ich arbeite bei der Kirche, weil mir mein Glaube viel wert ist. In der Kirche verändert sich viel. Deswegen müssen Mitarbeiter eigen-verantwortlich arbeiten, das heißt: Sie entscheiden selbst, was sie tun und wie sie es tun. Manche haben neue Ideen. Wir möchten, dass sie die umsetzen können. Mitarbeitende müssen sich gegenseitig vertrauen können.

Alle Menschen können manche Dinge besonders gut. Dafür sollen sie Zeit und Geld kriegen. 10% von unserem Geld ist zum Ausprobieren da. Wer eine neue Idee hat, kann sie umsetzen. Wenn manches davon irgendwann wieder endet, ist das nicht schlimm.

Viele Dinge werden in Zukunft wichtiger als früher: Mitarbeiter sind für andere da. Wir loben uns gegenseitig. Menschen tun das, was sie besonders gut können. Bestimmte Dinge müssen alle gut können: Mit anderen zusammenarbeiten, neue Kontakte knüpfen, eigene Entscheidungen treffen. Sie müssen auch mit dem Internet gut umgehen können. Deswegen ist ganz wichtig: Die Kirche muss sehr gute Fortbildungs-Angebote machen.  

 

Leitung

9. Leitung heißt in Zukunft: Wir müssen darauf achten, dass wir mit vielen anderen zusammenarbeiten. Wir müssen erklären, was wir tun. Und warum wir es tun. Wir wollen anderen zeigen: Wir sind evangelisch. Früher haben in der Kirche oft die Vorgesetzten entschieden (z. B. Bischöfe, Pfarrer, Kirchen-Vorstände), was gemacht wird. Das muss anders werden.

Wir wollen Menschen von Jesus Christus erzählen. Er bringt uns zusammen. Wir sind verschieden. Deswegen müssen wir viel miteinander reden, damit wir uns verstehen. Wir müssen darüber reden, warum uns der Glaube wichtig ist. Manchmal müssen wir auch laut sagen: Das geht nicht, weil unser Glaube es uns verbietet. Wir müssen gut zusammenarbeiten.

Wir haben bald weniger Geld. Deswegen müssen wir uns besser abstimmen. Verschiedene Gemeinden, Kirchen-Kreise und Landes-Kirchen müssen besser zusammenarbeiten. Wir brauchen nicht so viele Mitarbeiter in der Verwaltung. Dann können wir uns auch schneller verändern. Früher hatten wir mehr Geld. Da haben wir sehr viel gemacht. Jetzt müssen wir überlegen: Was ist wichtig? Wenn wir nicht gut zusammen arbeiten, dann sind wir keine gute Kirche.

Im Moment denken viele Menschen nur an ihre eigene Gemeinde. Das ist nicht gut, weil wir so viel zu tun haben. Wir müssen auch an andere denken. An manchen Orten können Gemeinden sich zusammenschließen. Damit sparen sie Geld und können besser arbeiten. 

In der Kirche gibt es Gruppen, die entscheiden: Was machen wir? Was lassen wir sein? Was ist uns besonders wichtig? Sie müssen klar sagen, warum sie eine Sache entscheiden. Es ist falsch, wenn sie nur sagen: Das war schon immer so. Manche Sachen müssen auch anders gemacht werden als früher.  

 

Strukturen

10. Heute sitzen in der Kirche viele Menschen bei Treffen zusammen und reden viel. Das kostet Zeit und Geld. Es gibt viele Regeln. Die kennen nicht alle, deswegen arbeiten viele Menschen in der Verwaltung. Sie achten darauf, dass alle Regeln eingehalten werden. Auch das kostet viel Zeit und Geld. Wir möchten 15% einsparen. Mit dem eingesparten Geld können wir neue Ideen umsetzen.

Die Kirche ist eine „Institution“. Das heißt: Sie ist so etwas wie eine Behörde oder ein Amt. Das ist wichtig, weil Behörden viele Regeln haben. Man kann sich auf sie verlassen. Kirche ist auch eine Firma. Sie macht Werbung und bietet etwas an. Sie ist auch eine „Bewegung“, das heißt: Viele Menschen arbeiten in kleinen Gruppen mit. Dort tun sie das, was vor Ort nötig ist. Alle drei Sachen (Behörde, Firma, Bewegung) sind wichtig. 

Die Kirche wird weniger wie eine Behörde sein. Dann kann sie schneller entscheiden. Das ist wichtig, obwohl sie manchmal nicht weiß: Ist das jetzt richtig? Manche in der Kirche wollen das nicht. Sie dürfen nicht mehr so viel bestimmen. Auch die Kirchen-Gemeinden werden anders. Sie sehen nicht mehr alle gleich aus.

Die Kirche in West-Deutschland ist viel reicher als in Ost-Deutschland. Aber das wird sich bald ändern. Auch die Kirche in West-Deutschland wird ärmer. Wir können von den Kirchen in Ost-Deutschland lernen: Dort sind die Gemeinden kleiner. Aber sie sind genauso wertvoll. Und es ist leichter, Neues auszuprobieren. Manchmal macht die Kirche Sachen, die niemand braucht. Das soll aufhören. Und manchmal macht die Kirche Sachen, da sagen Leute: Das tut mir gut. Hier lerne ich etwas über Gott. Davon wollen wir mehr machen.

Das ist nicht einfach. Wir müssen schneller entscheiden. Deswegen müssen wir uns auch besser absprechen. Es muss klar sein: Wer entscheidet was? Aber es darf auch nicht alles nur schnell gehen. Manche Sachen brauchen Zeit. Das wissen viele Leute heute nicht mehr.

 

EKD/Landes-Kirchen

11. Wenn eine Landes-Kirche etwas machen will, dann bekommt sie dafür Geld von der EKD. Aber es sollen nicht alle dasselbe machen. Die Arbeit soll besser verteilt werden, und das Geld auch. 

Die Kirche hat zwei wichtige Aufgaben in der Zukunft: Wir müssen beweglich sein. Und wir müssen klar zeigen: Wir sind evangelisch. Die beiden Aufgaben müssen gut aufeinander abgestimmt werden. Wenn eine Landes-Kirche etwas gut kann, dann unterstützt die EKD das. Wenn eine Landes-Kirche etwas für andere macht, dann bekommt sie Geld dafür. Die EKD macht nur noch bestimmte Sachen, zum Bespiel: a. Wenn eine Sache für alle gleich wichtig ist. B. Wenn Menschen dadurch Mitglieder werden wollen. C. Wenn die Kirche allen Menschen in Deutschland etwas sagen will. Dafür muss die EKD gut auf die Landes-Kirchen hören.

Die Landes-Kirchen müssen sich gut absprechen. Nur dann weiß man: Wer kann etwas besonders gut? Die EKD veranstaltet Treffen dafür. Das Kirchen-Amt hilft ihnen dabei. 

2017 haben wir uns an Martin Luther erinnert. Er hat die Kirche neu gemacht. Damals gab es große Veranstaltungen für ganz Deutschland. Und kleinere für einzelne Städte. Das war eine gute Zusammenarbeit.

 

Nach-Wort

Die Kirche muss sich verändert, weil die Welt sich verändert. Wir müssen mutig sein. Aber wir müssen auch Ruhe bewahren. Wir dürfen uns keinen Stress machen.

 Drei Dinge sind uns besonders wichtig:

 In der Bibel steht: Wir sind „der Körper von Jesus Christus“. Wir gehören alle zusammen, und jeder hat eine besondere Aufgabe. Wir müssen uns deswegen gut absprechen.

 In der Bibel steht auch: Wir sind das „Volk Gottes“. Das heißt: Wir gehören zusammen. Manche Menschen sind keine Mitglieder. Auch sie dürfen dabeisein.

 In der Bibel steht auch: Wir sind „Salz und Licht“. Das heißt: Wir reden öffentlich. Wir möchten, dass Menschen uns zuhören. Deswegen dürfen wir nicht nur über uns selber reden.

 Durch den Corona-Virus haben wir weniger Geld. Deswegen müssen wir jetzt etwas tun. Wir fragen uns: Was brauchen wir? Was brauchen wir nicht mehr? Wir haben noch Geld gespart. Damit unterstützen wir Mitarbeiter und Gemeinden.

 Wenn wir Geld für alte Sachen haben wollen, müssen wir uns fragen: Wer braucht die? Manche alten Sachen können wir nicht behalten. Denn dann haben wir weniger Geld für neue Sachen.

 



Sonntag, 7. April 2019

Zur Causa Jana

EIN ÜBERFÄLLIGES PROJEKT - UND EIN ERWARTBARER SKANDAL


Seit ziemlich genau einem Jahr gibt es das Projekt "Jana glaubt", ein von EKD, GEP und aej erdachtes und von einer externen Medienfirma produziertes Video-Projekt, bei dem Jana Highholder, Medizinstudentin und Slam-Poetin, über ihren Glauben erzählt. Ein solches Projekt war längst überfällig, weil die verfassten Kirchen das Internet im Allgemeinen und youtube und Podcast-Plattformen im Besonderen gemeinhin den in dieser Hinsicht weitaus umtriebigeren Geschwistern von eher rechtsaußen überlassen. 

Die meisten Menschen, auch die meisten evangelischen Gemeindeglieder, werden davon wenig mitbekommen haben - bis vor einigen Wochen, als sie sich mit der Pfarrerin Hanna Jacobs ein kontroverses Streitgespräch über die Frage: "Müssen sich Frauen unterordnen?"  geliefert hat, noch dazu am Weltfrauentag. 

Schon der Titel der Folge scheint aus der Zeit gefallen. "Müssen sich Frauen unterordnen?" (gemeint ist natürlich: unter Männer) ist eine Frage, die seitens der evangelischen Kirche in aller entschiedenen Breite Gott sei Dank seit Jahren mit einem klaren "Nein!" beantwortet wird - auch, wenn Alltagsdiskriminierung in der Kirche kaum weniger selten sein dürfte als im Rest der Gesellschaft. Es ist aber auch eine Frage, wie sie in evangelikalen Kreisen in aller Regelmäßigkeit gestellt wird, ähnlich wie "Ist es eine Sünde, wenn ich mich in der Sauna nackt zeige?" oder "Darf ich als Christ in ein chinesisches Restaurant gehen, wenn da eine Buddha-Statue steht?" Also eine Frage, die für den allergrößten Teil der Menschen in Deutschland nicht nur keine Rolle spielt, sondern vollkommen abwegig erscheint. Nun ist dieses evangelikale Milieu die geistliche Heimat von Jana Highholder - Till-Reimer Stoldt hat in der WELT schon vor drei Monaten auf diesen potenziellen Interessenskonflikt hingewiesen: 

"Gleichwohl wirkte das Votum der EKD wie eins gegen den eigenen Klub [...]. Daher meidet [Jana] manches Thema, das Evangelikalen am Herzen, liberalen Protestanten aber bleischwer im Magen liegt – etwa die Frage, ob Christen vor der Ehe enthaltsam leben sollen (was Jana bejaht, in EKD-Kreisen aber eher verpönt ist). Einen Bogen schlägt sie auch um Themen wie die Unfehlbarkeit der Bibel (für Evangelikale unbestreitbar, für die EKD falsch) oder um die Frage, ob alle Menschen in den Himmel kommen (für Evangelikale fast ausgeschlossen, für die meisten Mitglieder der EKD sehr wahrscheinlich)."

Die EKD ist also ein kalkulierbares Risiko eingegangen. Seit einigen Wochen schlagen die Wochen hoch, Hanna Jacobs zum Beispiel hat im (an dieser Stelle wärmstens empfohlenen) WORTKOLLEKTIV-Podcast ihre Eindrücke vom Gespräch noch einmal geschildert und auch in einem Artikelkompendium von Christ und Welt neben anderen medialen Schwergewichten der kirchlichen Szene Stellung bezogen. 

Ich bin noch ein bisschen unentschieden, wie ich die ganze Sache finde. Auf der einen Seite ärgern mich Janas Aussagen: Ich finde sie theologisch falsch und gesellschaftlich verheerend, und ich bin ein großer Anhänger vom Bild der Kirche als safe space, also als einem Raum, an dem Menschen vor diskriminierenden Äußerungen sicher sein können (dankbar bin ich trotzdem dem Evangelischen Zentrum für Männer und Frauen, für das Ruth Heß unlängst in einem Facebook-Post um ein differenziertes Verständnis von Janas Aussagen geworben hat). Auf der anderen Seite frage ich mich manchmal, ob safe spaces in medialen Kontexten überhaupt realisierbar sind, und ob sie nich an manchen Stellen ein etwas hübscherer Ausdruck für "Wagenburgmentalität" oder zumindest "Echokammer" sind. Ich würde mir wünschen, dass die Frage nach der Stellung der Frau ausdiskutiert ist. Wie andere Fragen auch. Aber der öffentliche Diskurs der letzten Jahre legt doch nahe, dass das alles andere als erledigt ist, und dass gesellschaftliche und theologische Errungenschaften keinen Ewigkeitscharakter haben, sondern immer wieder neu erkämpft werden müssen. Und dass die theologische und milieumäßige Vielfalt, die die EKD unter ihrem Dach beheimatet, solche ständigen Diskurse braucht.

DAS PROBLEM LIEGT WOANDERS


Ich kann Erik Flügge gut verstehen, wenn er (im besagten ZEIT/C&W-Artikelkompendium) sagt:
"Ein Grundproblem der kirchlichen Kommunikation ist, dass sich Formate ständig vor dem persönlichen Geschmack und dem persönlichen Glauben anderer rechtfertigen müssen. Schnell wird alles, was persönlich nicht gefällt, theologisch angegriffen. "Zu flach", "zu konservativ", "zu liberal" oder "zu undifferenziert" sind all die Dinge, die man persönlich einfach nicht schauen will."
Ich kann ihn auch verstehen, weil ich mich selbst getroffen fühle - ich gehöre schließlich auch zu denen, die gern den status confessionis ausrufen, wenn es um Fragen von Gender und sexueller Vielfalt geht. Wenn man statt Jana Highholder irgendjemanden in den Ring geschickt hätte, der oder die mit salbungsvoller Stimme sorgfältig gewählte und von einem paritätisch besetzten Gremium redigierte Sätze in die Kamera sagt, hätte man es auch lassen können, das gibt es bereits zur Genüge. Nur sind solche Formate medial wenig marktgängig - und, Hand aufs Herz, auch meistens nicht wirklich interessant. Wenn Stoldt in der WELT den Eindruck hat, es "gäbe es unter 21,5 Millionen EKD-Mitgliedern keinen geeigneten Kandidaten", dann trifft er, glaube ich, den Kern des Problems. 

Ich habe mich oft gefragt, warum ich zur eigenen Erbauung meistens US-amerikanische oder manchmal englische Podcasts oder youtube-Predigten höre. Zum Einen liegt das sicher daran, dass es, wegen der zitierten Übermacht evangelikal-fundamentalistischer Angebote, kaum etwas Deutschsprachiges gibt, das ich irgendwie interessant finde, geschweige denn relevant. Woanders werde ich da fündig und freue mich auf Neues von Barbara Brown-Taylor, Walter Brueggemann, Nadia Bolz-Weber, Anna Carter Florence, Anne Lamott oder Heidi Neumark. Ich frage mich seit längerem, warum das so ist, was mich bei ihnen anspricht, das ich anderswo vermisse. Und ich glaube, es liegt an der Sprache. Meinem Eindruck nach fehlt im Deutschen ein bestimmtes Sprachregister komplett, nämlich eins, das es möglich macht, alltagsnah, unaufgeregt, berührend und bewegend über den Glauben zu sprechen, ohne in theologische Floskeln, akademische Sprache, Poesie oder Betulichkeit zu verfallen.

Der gemeinsame Nenner von den hier zitierten Kolleg*innen ist, dass sie eine äußerst konkrete Sprache sprechen. Da Sprache vom Denken nicht zu trennen ist, hängt das natürlich auch mit der Theologie zusammen: Der deutschsprachige Mainstream-Protestantismus hat "Glauben" weitestgehend mit "Weltanschauung" übersetzt und damit Kategorien wie "Beziehung" und "Erfahrung" ausgeklammert. Vielleicht ist das die Voraussetzung dafür, eine schweigende und nur mehr oder weniger interessierte Mehrheit der Mitglieder bei der Stange zu halten und nicht zu verschrecken. Damit aber fallen derzeit relevante Kommunikationsstrategien wie Storytelling quasi automatisch weg oder werden zumindest zu einer extrem schweren Aufgabe. Konkrete Sprache fällt im protestantischen Mainstream sehr schnell unter den Verdacht der Freikirchlerei - kein Wunder, dass dieses Milieu so gut wie keine Menschen hervorbringt, die willens oder in der Lage sind, öffentlich über ihren Glauben zu sprechen. Insofern löst das Format "Jana glaubt" keine Probleme, aber es schafft auch keine neuen - sondern lässt nur bereits bestehende Probleme deutlich hervortreten. Wenn im Fahrwasser der jetzt gerade aufgebrandeten Diskussion mehr Menschen an die Öffentlichkeit treten, vielleicht sogar ein bisschen Offenheit, Einseitigkeit und Angreifbarkeit wagen, ist das nicht der schlechteste Dienst, den Jana Highholder der EKD erwiesen hat.

 




Samstag, 19. November 2016

EDEKA und kirchliche Öffentlichkeitsarbeit

Sie haben es schon wieder getan: Nachdem EDEKA letztes Jahr die Deutschen zumindest für die Dauer von zwei-drei Minuten in dem vieldiskutierten Werbespot an ihre alten Eltern erinnert hat, wurde in diesem Jahr nachgelegt mit einem weiteren Clip, bei dem es auch wieder um Familie geht. 




In meiner höchsteigenen theologenschweren Filterbubble läuft der Clip rauf und runter, oft verbunden mit entweder ernsten Anfragen an die im Film gezeigten Genderstereotypen, oft jedoch auch mit der Frage: Warum kriegen wir so etwas nicht hin? Ich kann mir da so einiges vorstellen. Es folgen ein paar besserwisserische Kommentare zur kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit. 
 

GESETZ UND EVANGELIUM, BINDEN UND LÖSEN, WIE IMMER MAN ES NENNEN WILL.



EDEKA legt, wenn auch in weichgezeichneten Bildern, den Finger in eine Wunde: Wie Ihr mit euren Kindern umgeht, ist scheiße. Das ist sicherlich überzeichnet, ich merke aber auch: Irgendwo trifft es mich doch. In kirchlichen Clips wird so etwas vermieden, weil man niemandem auf den Schlips treten will. Zum Teil aus sicherlich bedenkenswerten seelsorglichen Erwägungen (will man den überforderten Eltern noch einen reinwürgen?), zum Teil aber auch aus zeitgebundenen Erfahrungen und theologischen Unklarheiten: Wogegen wir sind, das haben wir verlernt zu sagen. Aus gutem Grund, weil der Übergang von der sich bis in die Nachkriegsjahre hinein allein durch Abgrenzung definierenden Kirche auch eine Befreiung war. Und gleichzeitig auch nicht, weil auf diesem Weg an vielen Stellen die Klarheit verloren gegangen ist. 

DIE ZIELGRUPPENFRAGE.


Werbung richtet sich an Zielgruppen. Hemmungs- und alternativlos. Wirtschaftsunternehmen geben mehr für Kundenkreisanalysen aus als wir. Und allen Milieueinsichten zum Trotz wird kirchliche Öffentlichkeitsarbeit zwar auch aus einer bestimmten Milieuwarte heraus betrieben, leugnet diese Bindung aber und gibt vor, allen alles sein zu wollen. Da kann wenig mehr rauskommen als dümmliches Dödelö und krampfige Gefühligkeit, die man einerseits fürchtet, andererseits für den kleinsten gemeinsamen Nenner allen Volkes hält. "Herzergreifend" zu predigen würde, unterstelle ich mal, automatisch unter den Generalverdacht der emotionalen Manipulation gestellt, so wie man dem Kollegen X oder der Gemeinde Y, die Sonntag für Sonntag überdurchschnittliche Gottesdienstzahlen vorweisen können, gern reflexartig Oberflächlichkeit und theologische Massenwaren unterstellt.

VOM MUT, NICHT ÜBER SICH SELBST ZU REDEN.


EDEKA traut sich, zumindest vordergründig, nicht für sich selbst Werbung zu machen. Die Kirche traut sich das nicht. Die letzten Video- und sonstigen Kampagnen, an die ich mich erinnern kann, waren weitestgehend Imagefilme für die Vereinskirche. Die werden mit großem Getöse vorgestellt, oft unter Rekurs auf das mediale Ereignis, das die Reformation auch war, mit Flugschriftenschwemme und dergleichen. Der Unterschied war aber, dass die besagten Flugschriften für das geworben haben, was man als theologisch richtig und heilsam erkannt hat, und so dazu beigetragen haben, reformatorische Gedanken zu popularisieren. Abgesehen von einer zu einem "der liebe Gott findet alles irgendwie gut" reduzierten Rechtfertigungstheologie höre ich wenig Glaubensaussagen, und sehe noch weniger Kreativität bei dem Versuch, solche neu zu formulieren.

STORYTELLING... NOT.



Gute Werbung ist gutes Storytelling. Theologie war das auch mal, aber die Verniedlichung des Glaubens zur Weltanschauung und die behördenkirchliche Identität haben das irgendwie untergehen lassen (historisch fing das bestimmt auch schon mit den Apologeten und den apostolischen Vätern an). Das sieht man, wenn man auf Gemeindehomepages rumsurft - wenn es da Bilder gibt, zeigen die in aller Regel Gebäude oder aber Amtsträger_innen in voller Montur, die irgendetwas tun, was sich dem Uneingeweihten nicht erschließt. Sehr viel Statisches, sehr viel Unintuitives, und wenn es mal darum geht, "was wir glauben", werden in der Regel Gemeindekonzeptionen von sprachlich und theologisch zweifelhafter Qualität vorgestellt.


Als Kirchengeschichtler bin ich immer etwas zögerlich, wenn aktuelle Entwicklungen so einfach auf Jahrhunderte oder Jahrtausende zurückliegende kirchengeschichtliche Ereignisse zurückgeführt werden. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass kirchliche Medienpräsenz etwas von einer nachbilderstürmerischen Landschaft aus Bleiwüsten hat (und dieser Blog ist sicherlich keine Ausnahme). Bislang, correct me if I'm wrong, gibt es noch keinen kircheneigenen Bildpool, der eine nennenswerte Zahl an Fotos in nennenswerter Qualität bereit hielte. So bleibt der Rückgriff auf externe Stockfotos oder, in den meisten Fällen, die lähmende Angst vor missbrauchten Bildrechten, weswegen man es dann doch gleich sein lässt.

SPARZWANG UND MEDIENINKONTINENZKOMPETENZ



Auf meinem Smartphone habe ich eine App der Church of England, Reflections for Daily Prayer. Eine der ganz wenigen Apps, die ich mir etwas kosten lasse. Jeden Tag: Ein Bibeltext, ein paar kluge Gedanken dazu, ein Gebet. Bestimmt wenig interessant für Kirchenferne, aber nahrhaft für mich. Auf Deutsch habe ich so etwas bislang nicht gefunden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir in der Kirche immer noch davon ausgehen, dass irgendwie medienaffine Menschen zwangsweise kirchenfern und theologisch ungebildet sein müssen, denen man nur kleine, leichtverdauliche Häppchen präsentieren kann. Angemessene, Inhalt und Adressaten gleichermaßen wertschätzende Elementarisierung gehört zu den schwierigsten Aufgaben von Theologinnen und Theologen - im weiten Feld der Kindertheologie weiß man das mittlerweile, in der "Ökumene der dritten Art", dem Kontakt zu "Kirchenfernen" oder "religiös Unmusikalischen" wohl noch nicht so.

Von den Württembergern gibt es immerhin eine AndachtsApp. Auf die aufmerksam geworden bin ich durch einen Werbespot, den ich vom Ergebnis her irgendwie komisch fand, vor dem ich aber trotzdem großen Respekt hatte und habe, weil er sich so ganz jenseits von dem bewegt, was kirchliche Videos sonst so ausmacht. Ich habe sie mir runtergeladen - und recht schnell wieder gelöscht, denn die (gut verschlagworteten) Andachten sind, soweit ich sehen kann, weitestgehend recycelte Videos, die es schon anderswo gab und die mich auch dort nicht so recht überzeugen. Auch hier ist mir die Zielgruppe nicht klar, auch hier zeigt sich die Unentschlossenheit, mit der man mit Medien umgeht: Man wagt den Griff zum Clip, möchte aber kein Geld in die Hand nehmen, um die Vorteile des Mediums zu nutzen. Die Clips sind weitestgehend statisch, zeigen Menschen mittleren und höheren Alters, die vor einem mehr oder weniger augenfreundlichen Hintergrund in die Kamera sermonieren - ein bisschen wie die Regionalvariante des Wort zum Sonntags.

VON DER ANGST VOR DER DEUTUNGSHOHEIT


Man wird Wetten abschließen können, in wie vielen Weihnachtspredigten im Jahr 2016 die nachlässigen EDEKA-Eltern und ihre traurigen Kinder den Lebensnähe vorgebenden "Aufhänger" darstellen. So wie der totgesagte EDEKA-Opa letztes Jahr. Und so, wie es vor ein paar Jahren tadelnd von den Kanzeln tönte, Weihnachten würde mitnichten unterm Baum, sondern (je nach theologischer Couleur) an der Krippe oder unterm Kreuz entschieden.

Ich finde sehr, dass wir von den guten Geschichtenerzählern der Werbung lernen können. Ich glaube aber nicht, dass das darin besteht, ihre Filmchen kommentierend nachzuerzählen.

Ich finde aber auch, dass wir sehr vorschnell das Kompetenzgefälle festlegen - wir mögen bitte von Werbung und PR lernen. Dass das sehr wohl auch anders ginge, zeigen die religiösen Motive, deren sich Werbung auch immer bedient und bedient hat. Manchmal mit großem Erfolg - auch oder weil wir die Deutungshoheit von uns schieben und religiöse Motive und biblische Bilder in unserer Öffentlichkeitsarbeit meiden wie der Teufel das Weihwasser. Wo Filmemacher und Werbetreibende epische Dramen erzählen und inszenieren, verticken wir halt Luther-Kuchenschablonen und lassen mehr oder weniger bekannte Prominente streckenweise Belangloses zur neuen Lutherübersetzung sagen
 
Und nachdem ich jetzt lang genug über mangelnde Medienkompetenz genörgelt habe, gehe ich ins stille Kämmerlein und gräme mich, dass ich es nicht einmal schaffe, bei Blogger die Texte einigermaßen vernünftig zu formatieren. 

Samstag, 5. September 2015

Pastorale Kuppelei oder missionarische Chance? Tro, hopp och kärlek (svt)

Tro, hopp och kärlek. Das ist der Name einer neuen Doku-Soap im schwedischen (Staats-)Fernsehen. Glaube, Hoffnung, Liebe, eins der bekanntesten Bibelzitate überhaupt. Und offensichtlich mit Bedacht ausgewählt, denn: Es geht um Dating mehr oder weniger im Stil von „Bauer sucht Frau“ (das auch in Schweden mit großem Erfolg gelaufen ist), aber das allein macht es ja nicht interessant genug, um hier erwähnt zu werden. Nein, es geht um Pfarrerinnen und Pfarrer (bzw. einen freikirchlichen Pastor), die einen Partner/eine Partnerin suchen. 

https://instagram.com/josefemanuel/


Das Thema ist in Schweden wahrscheinlich ein bisschen weniger kontrovers als es in Deutschland wäre: In Deutschland prägt (trotz der heldenhaften Einsätze von Simon Böer, Lee Rychter, Robert Atzorn, Christine Neubauer und Veronica Ferres und allen anderen) der zölibatäre katholische Priester das mediale Pfarrbild entscheidend mit, in Schweden ist der aber eine absolute Ausnahmeerscheinung. Vor etwa zehn Jahren gab es schonmal einen Werbespot, der zwei Kolleg_innen beim Flirten zeigte – ganz fremd ist die Idee dem schwedischen Fernsehen also nicht. 

Anfang des Jahres ging eine Mail an diverse Pfarrer_innen raus, Jacob Sunnliden war so nett, sie öffentlich zu machen:
"Im Frühjahr 2015 plant SVT [...] ein neues Format zu produzieren. Ein Format, bei dem es um Glaube, Liebe und Hoffnung gehen soll... Die Sendung soll vier alleinstehenden Pfarrer_innen folgen, die für ihren Job brennen und die einen Lebenspartner finden möchten. Der Gedanke ist auch, dass wir ein moderneres Bild von der Pfarrschaft und davon, was die Kirche heutzutage macht, zeigen wollen. Jetzt suche ich diese Pfarrer. Bist du es? Oder kennst du jemanden, der deiner Meinung nach dazu passt? Das Format soll einen seriösen Ton haben und mehr in Richtung Dokumentation gehen. Ich erzähle sehr gerne mehr und biete ein Gespräch dazu an. Aber ich möchte noch einmal betonen, dass wir eine seriöse Sendung produzieren wollen, die weit entfernt ist von einer albernen Doku-Soap. Keiner der Pfarrer, die mitwirken, sollen sich auf irgendeine Weise Sorgen um ethische oder moralische Problemstellungen machen. Und ich lege persönlich Wert darauf, dass die 'richtigen' Pfarrer_innen hier die Kirche repräsentieren sollen."
Die bindungswilligen Pfarrerinnen und Pfarrer konnten sich auf eine Initiative von SVT hin bewerben und sich dann Ende März mit einem kurzen Video den potenziellen Kandidat_innen vorstellen. 

MIT VIERUNDVIERZIG JAHREN, DA FÄNGT DAS LEBEN AN...

klippen kommer samtliga från svt.se

Der erste, der sein Glück versuchen darf, ist David Castor, ein computerinteressierter, bloggender Pfarrer aus Småland, der theologisch eher konservativ ist und nach eigener Aussage im Laufe seines 44jährigen Lebens noch keine Beziehung hatte. In einem Interview mit Kvällsposten erklärt er: 
„Ich habe keine Ahnung, warum ich ausgewählt wurde. Vielleicht haben sie [die Redaktion] mich bei Facebook gesehen, wo mein Status ‚Single‘ ist. [...] Sie haben damit gelockt, dass das Programm seriös sei und dass es um den Glauben, die Kirche und die Rolle des Pfarrers gehen sollte. Das fühlte sich gut an. [...] Aber diese Datingperspektive schien mir schon eher fremd und etwas, das halt dazugehörte. Aber jetzt finde ich das spannend – wenn auch ein bisschen surrealistisch. [...] Dass ich [...] noch niemanden kennengelernt habe, kann ich eigentlich nicht erkären. [...] Zum Teil hat das damit zu tun, dass ich etwas schüchtern bin, zum Titel hängt das damit zusammen, dass ich arbeite, wenn alle anderen frei haben. [...] Es wäre komisch, wenn ich in meinem Beruf [jemanden kennenlernen würde]. Die Rolle des Pfarrers ist, alle zu sehen. Und als solcher habe ich immer eine leitende Funktion.“ 
Die pastoraltheologischen Fragen, die mit der Sendung zusammenhängen, sind ohne Zweifel interessant. Mindestens genauso interessant ist aber auch die Frage: Wer meldet sich auf eine solche Kontaktanzeige hin? 

Für David hat SVT acht Frauen ausgewählt. Alle mittleren Alters, zum Teil schon mit Kindern aus einer früheren Ehe, eine ist Köchin, eine Schriftstellerin, eine andere Lehrerin. Die meisten tragen irgendwo ein Kreuz oder andere christliche Symbole, dem Dialekt nach zu urteilen kommt auch mindestens die Hälfte aus einer der Gegenden, die eher volksfromm sind: Die Westküste, Småland und andere Orte, die besonders empfänglich für die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts waren. In kurzen Videostatements geben sie als Gründe für ihre Bewerbung das Übliche an: Er wirkt nett, hat schöne Augen, gefällt ihnen, scheint Humor zu haben und dergleichen. 

David trifft alle acht Kandidatinnen hintereinander, probiert es also mit Speed-Dating. Weil er sich selbst für schüchtern hält, wünscht er sich ein Gegenüber, das etwas forscher ist. Mit der ersten Kandidatin hat er dabei kein Glück, denn die sagt nur: „Hallo“ und „nervös“, und spricht dann einfach nicht mehr, lässt sich auch von Davids aktivem Zuhören nicht zu weiteren Äußerungen bewegen. „Blackout“, sagt sie später. Die zweite Kandidatin ist ungleich gesprächiger, auf seine recht schnelle Frage, wie sie es wohl mit dem Glauben halte, sagt sie: „Ich bin damit aufgewachsen, dass Gott existiert... wenn ich zum Beispiel ein Glas umschmeiße und es im letzten Moment noch auffange, sage ich: ‚Danke, Gott!‘“, und dann sagt sie den sehr schönen, aber auch irgendwie traurigen Satz: „Ich habe nie daran gezweifelt, dass Gott existiert, aber er hat wohl das eine oder andere Mal an mir gezweifelt.“ „Das glaube ich nicht“, ruft David, und freut sich auf ein zweites Date. Sie auch. Die dritte im Bunde hat gleich zwei Kreuze umhängen, eins davon in mindestens Bischofsgröße, und fängt schon an zu reden, bevor sie sitzt: Es sei wichtig, über Jesus zu reden, außerdem sei er, also David, ja so nett. Dann sagt sie etwas streng: „Ich hoffe, dass Dir das mit dem Glauben auch wichtig ist!“ Schließlich sei es nicht, ü-ber-haupt nicht einfach, im heidnischen Schweden als „christliches Mädchen“ jemanden zu finden. Dann will sie noch wissen, was für ihn sonst noch „gutes Material für eine Ehefrau“ ausmache. David rutscht auf seiner Bank hin und her. Er findet das schwer zu sagen, man müsse ja gut miteinander auskommen. Mit mir kommt man gut aus, erklärt sie. David sieht nach dem Gespräch etwas gestresst aus, aber dann kommt auch schon Köchin Gina. Fünf Kinder, seit ihrem 29. Lebensjahr Christin – und mit einem Pastor verheiratet gewesen, der, wie sie freudestrahlend erklärt, David von Aussehen und Wesen her zum Verwechseln ähnlich gewesen sei. Die nächste Kandidatin kennt er schon virtuell, denn sie waren beide Mitglied im selben Forum, der anonymen Sprachpolizei („Du bist ein unglaublicher Nerd“, hatte schon der Moderator treffend bemerkt). Eine weitere Kandidatin tanzt in der Kirche Bauchtanz und geht in die Bibliodramagruppe einer Studentenpfarrerin, bei der sie Frauenfiguren aus dem Alten Testament gestaltet – „das ist ja mal was... äh... anderes“, sagt David und sieht alles andere als begeistert aus. 

ZWISCHEN BIBEL UND BOWLING




Josef Emanuel Barkenblom ist 31 Jahre und damit der Jüngste im Bunde, Jugendpastor der Pfingstkirche Södertörnskyrkan in Huddinge bei Stockholm. Auch er ist äußerst medienaffin, bloggt, twittert und ist bei Instagram. Auf seinem Blog erklärt er, warum er sich nach einiger Bedenkzeit zum Mitmachen entschlossen hat: 
„Ich habe mich entscheiden mitzumachen, weil das wahrscheinlich irgendjemandem helfen kann. Vielleicht hilft das jemandem zu einem positiven Bild von Gott, Christen, der Kirche und dem Bild von Pastoren! Und wie wir auf Beziehungen sehen. Ich dachte, ich bekomme eine Chance, mit meinem Leben zu ‚predigen‘. Nicht nur sonntags, sondern auch montags. Ich habe mich entschieden mitzumachen, weil wir alle mit Beziehungen zu tun haben und weil ich glaube, dass gesunde Vorbilder notwendig sind und ich ein solches sein will. Ich bin nicht perfekt. Ich habe eine Menge Fehler gemacht. Aber ich glaube an das Leben, das ich lebe und glaube, dass es das aushält, auf die Probe gestellt und im Fernsehen gezeigt zu werden. Beziehungen, Liebe und Sex sind Gottes Ideen, deswegen sollten wir, die wie Leiter sind und für Gott sprechen, auf jeden Fall zeigen können, wie das gehen soll. Darum zeige ich öffentliche Dates. Ich glaube nicht, dass das für mich einfacher wird, aber ich will dem Ganzen auf jeden Fall eine Chance geben. Vielleicht kann ich the love of my life finden!! =)“ 
In die engere Auswahl von Josef, der in seinem Bewerbungsvideo deutlich gemacht hat, dass er eine Heiratskandidatin sucht und Sex nur in der Ehe für ihn in Frage kommt, kommen fünf Frauen ungefähr in seinem Alter, darunter drei Studentinnen, eine Innenarchitektin und eine Kollegin, ebenfalls aus der Freikirche. Sie geben andere Gründe für ihr Mitmachen an: Sie suchen die Herausforderung, wollen ihren Glauben mit jemandem teilen, nicht mehr allein sein. Bevor sie zum Date fahren, beten sie daher gemeinsam für einen gelungenen Tag.

Um den Glauben geht es auch bei seinem ersten Date mit Johanna (der Innenarchitektin), bei dem sie sich zum Bowlen treffen. 

"NICHT OHNE MEINE CHEFIN"


Åsa Meurling ist 52 Jahre alt und Pfarrerin auf einigen Inseln vor Stockholm. Über ihre Motivation zum Mitwirken bei Tro, hopp och kärlek erklärt sie im Interview mit der Lokalzeitung „mitt i“
„Zuerst dachte ich, das sei ein Scherz, aber dann hat das Fernsehen mich angerufen, und da habe ich angefangen zu überlegen. Es ist nicht so einfach, hier draußen jemanden kennenzulernen. Ich treffe viele Menschen in meiner Gemeinde, aber ansonsten bewege ich mich nicht in Kontexten, in denen ich jemanden kennenlernen könnte. Und es ist ja nicht gerade so, dass der Richtige im Lebensmittelgeschäft von Djurö auf mich wartet. [...] Ich war ein bisschen unsicher, ob ich als Pfarrerin wirklich die Liebe im Fernsehen suchen kann, aber dann habe ich mit mehreren aus der Gemeinde gesprochen, und alle fanden das eine tolle Idee – Alte wie Junge! Aber vor allem finde ich es gut, ein realistisches Bild vom Beruf zeigen zu können. Viele haben vielleicht so eine Vorstellung, dass Pfarrer_innen sich für etwas Besseres halten und dass wir todernst sind, aber wir sind ja auch nur Menschen. [...] Der, den ich suche, muss sich nicht ‚Christ‘ nennen, aber sollte schon offen für die spirituelle Welt sein. Er sollte mein Alter haben, Wärme ausstrahlen, Nähe mögen und Humor haben.“ 
In Åsas engere Auswahl kommen fünf Männer, zu denen ihre Kollegin bei der gemeinsamen Durchsicht der Bewerbungsschreiben bemerkt: „Die wirken alle schon extrem seriös. Keiner scheint ja den geringsten Zweifel zu haben, dass er dich heiraten will...“ 

Screenshot från http://www.svtplay.se/video/3372423/tro-hopp-och-karlek/tro-hopp-och-karlek-sasong-1-avsnitt-1?tab=klipp

Zu ihrem ersten Date nimmt sie auch gleich Kollegin Yvonne, die auch ihre Chefin ist, mit. Das Gespann trifft auf alle Bewerber gleichzeitig, man verabredet sich am lauschigen See. Ein ehemaliger Berufssoldat hofft, dass sie keine Vegetarierin ist und dass sie nicht abends in der Küche Oblaten backt und Abendmahlswein braut. Ein pensionierter Manager möchte vor allem irgendeine Partnerin haben, und eine Pfarrerin könnte ja ein bisschen mehr Ordnung ins Leben bringen. Die Chefin übernimmt im Folgenden bei Sekt und Fingerfood die Gesprächsleitung, und man fragt sich bei den kurzen Ausschnitten, wer da eigentlich verkuppelt werden soll. In der nächsten Folge, das verrät die Vorschau am Ende, wird Åsa weinen. Und das fühlt sich nicht gut an. 

FUNKTIONSPFARRER FLIRTEN LEICHTER?


(c) blogg.svenskakyrkan.se
Kristin Molander ist 45, geschieden und arbeitet nicht als Gemeindepfarrerin, sondern im Kirchenamt, wo sie für den Kontakt zum ÖRK und zum LWB zuständig ist. Sie glaubt nicht, dass es ihr schwerer als anderen Leuten falle, jemanden kennen zu lernen, führt das aber auch darauf zurück, dass sie keine Gemeindepfarrerin ist: 
„Wenn man zum Beispiel als Gemeindepfarrerin in einer Kleinstadt arbeitet, gehört man ja ein bisschen zur Lokalprominenz, und dann trauen sich nicht alle Männer, die Initiative zu ergreifen und die Dorfpfarrerin anzubaggern. Mein Eindruck ist, dass sich eher Frauen auf so eine Art Beziehungsdrama einlassen. [...] Das allgemeine Bild von der Kirche und von Pfarrern ist relativ oberflächlich. Ich frage mich, wo diese Vorstellungen herkommen, und ich glaube: Der moralische Lebenswandel von Pfarrerinnen und Pfarrern, was man darf und nicht darf. Es gibt eine Erwartungshaltung von außen, dass man moralisch überlegen sein soll. Zusammenfassend kann man sagen, dass es viele Vorurteile gibt, starke und sehr vereinfachende.“ Im Interview mit unt.se scheint sie mit einiger Skepsis auf die Sendung zurückzublicken: Sie beschreibt die zwei Wochen, in denen sie aufgezeichnet wurde, als „eine Herausforderung und ein bisschen durchgedreht [...]. Ich hatte ja zwei Wochen Urlaub, Alltagsdinge wie Einkaufen und das Bringen und Abholen meiner Kinder spielten keine Rolle – die Welt draußen wurde ausgesperrt. Alles wurde zu einem künstlichen Spiel, in dem sich alles darum drehte, Männer kennen zu lernen [...]. Das Liebesleben ist kompliziert geworden, würde ich sagen...“ 
In dem etwas kritischeren Interview mit Kristin (mit der es offenbar Spannendes im Laufe der Sendung zu erleben gibt) erfährt man auch ein bisschen mehr über den Ablauf: Insgesamt um die 250 Pfarrerinnen und Pfarrer wurden gecastet, die Kandidat_innen, die den in der Sendung Mitwirkenden vorgeschlagen wurden, wurden außerdem, im Gegensatz zu den Aussagen des Moderators Mark Levengood, von der Produktionsfirma, nicht von ihnen selbst ausgewählt. 

In einem anderen Interview mit der schwedischen Kirchenzeitung Kyrkans tidning gibt auch Kristin eher berufliche Gründe für ihre Teilnahme an:
"Ich tue das hier für die Kirche und für mich, in der Reihenfolge. Das hier ist ein neuer Kontext für die Kirche, und kann ich dazu beitragen, indem ich christliches Verhalten zeige, dann will ich das machen. [...] Das Primäre ist für mich nicht, jemanden kennen zu lernen. [...] Wenn KG Hammar [der vorletzte schwedische Erzbischof] nur nieste, sind Leute aus der Kirche ausgetreten, und manche sind eingetreten. [...] Als Pfarrerin ist es schwer, alles ganz richtig zu machen, das ist meine Erfahrung. Ich bin im Reinen mit mir und meinem Glauben und meiner Berufung, so gehe ich damit um."
Kristins Kontaktanzeige hat anscheinend, wie schon bei David, am Ehesten diejenigen Kandidaten angesprochen, die man vielleicht als Erstes mit dem Format „Castingshow“ verbindet. Nizze, 48, ist angezogen wie ein Bestatter, nennt sich aber „Universalkünstler“, und hat sich nicht nur zu einem streichergeschwängerten „Liebeslied an Kristin“ hinreißen lassen, das er mit großem Ernst und annähernder Taktsicherheit vorträgt, sondern auch zu einem Armband, das er in der heimischen Schmiede zusammenhämmert. Tomas, der schon als Krankenpfleger, Soldat und Schauspieler gearbeitet hat, stellt fest: „Bei der Liebe ist es wichtig, dass das beidseitig ist. Sonst ist es ja sogar illegal.“ Rickard leert vor dem ersten Date, bei dem Kristin alle fünf auf einmal zum Grillen bei sich zuhause einlädt, eine halbe Flasche Parfüm über sich aus, steckt sich das türkise T-Shirt in die hochgezogene Jeans und freut sich, dass sie ihn von seinem Foto wiedererkennt. Nur in einer Bewerbung spielt das Thema Religion eine Rolle, bei allen anderen sind es auch eher die üblichen Gründe, insofern: Kein großer Unterschied zu anderen Kuppelshows, was vielleicht auch an Kristins Arbeit liegt. 

Am Ende strahlt Mark Levengood in die Kamera: „Glaube ist da, Hoffnung ist da – aber kommt auch die Liebe dazu? Jetzt beginnt das ernsthafte Dating, und wir werden merken: Es ist nicht einfach, den richtigen Partner fürs Leben zu finden. Sogar dann, wenn man Pfarrer_in ist.“

REAKTIONEN IN SCHWEDEN


Gerade zu Beginn der Vorarbeiten hat das Format natürlich für Reaktionen gesorgt. Jacob Sunnliden, ein bloggender Kollege, schrieb bereits im Januar, als die ersten Anfragen rausgingen: 

"Ich bin zwiegespalten bei dieser Idee. [...] [Die Produktionsfirma] will ein moderneres Bild der Pfarrerschaft zeigen. Moderner als welches, ist da die natürliche Frage? Aber dann wiederum ist das eine seriöse Serie, die außerdem bilden soll. Die Dokusoaps von SVT sollen darüber Auskunft geben, was die Kirche ist? Nja, ich bin skeptisch. [...] Nein, die Idee kann gut und vielleicht durchführbar sein. Aber ich mache mir keinerlei Sorgen, ob die Sendung überhaupt durchgeführt werden kann oder ob die Produktionsfirma Kandidaten finden könnte. Nein, so gut kenne ich meine Kirche..."

Die Reaktionen auf die Ausstrahlung der ersten Folge sind unterschiedlich. Auf dem Blogg der "Parteipolitisch Ungebundenen in der Schwedischen Kirche" (POSK), einer Partei im Kirchenparlament, schreibt ein_e Rezensent_in:
"Das Format hat viel Kritik bekommen, bevor es anfing. Sollen Pfarrer_innen wirklich bei einem Dating-Programm mitmachen? Jetzt habe ich die erste Folge gesehen. Ich finde, dass es gar nicht so schlimm ist. Es geht um Menschen, die die Liebe suchen und die durch ihren Beruf und ihr Leben Schwierigkeiten haben, jemanden zu finden. Und sie sind auch unerhört deutlich mit ihrem Glauben und dass dieser etwas für ihr Leben bedeutet. [...] Man könnte ja sagen: 'God moves in mysterious ways.'"
Im Editorial von Göteborgs-Posten wird Tro, hopp och kärlek als eins der Beispiele dafür angeführt, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Schweden seinem Auftrag und seinen eigenen Ambitionen nicht gerecht wird. 

TV-Bloggen schreibt ganz begeistert von der ersten Folge: 
"In der Ankündigung von SVT heißt es u. a., dass die Serie ein Bild davon geben will, worum es heutzutage im Pfarrberuf geht. Nach der Pilotfolge, die im Frühjahr gesendet wurde, und der Episode von heute Abend entsteht der Eindruck, dass der Fokus doch auf der Paarbildung und der Paarbeziehung liegt, und da unterscheiden sich Pfarrer_innen nicht so sehr von so genannten normalen Menschen, auch wenn sie erwartungsgemäß eine gewisse Menschenkenntnis und Lebensweisheit besitzen. Gut so, die Programmidee "Pfarrer sucht Lebenspartner" ist hochgradig interessant, und die Kostprobe von den Personen, die die Pfarrer_innen daten wollen, macht es nicht weniger interessant. Man glaubt ja, dass man als Zuschauer ziemlich schnell erkennt, zwischen wem es letztendlich funken wird. Man guckt allerdings nicht nur um zu sehen, ob man recht hat, sondern auch, weil das hier eine gut gemachte und engagierende Produktion zu sein scheint."

Offizielle Stellungnahmen der Kirche gibt es, soweit ich weiß, nicht.

EINFÄLTIGES BEDENKEN...


Eine Sendung wie diese weckt gleich eine ganze Reihe pastoraltheologischer Fragen, vielleicht sogar Zweifel berufsethischer Art. Mir fällt auf, dass drei von den vieren letztlich volksmissionarische Motive anführen, die sie zu ihrer Teilnahme bewegen: Sie wollen zeigen, dass Pfarrer_innen eben nicht 'anders' sind, sondern Menschen wie Du und Ich, die Kirche und ihre Vertreter_innen sollen als volks- und lebensnah gezeigt werden, sie wollen christliche Werte vermitteln. Diese Begründung liest man immer wieder, bzw. meistens dann, wenn Pfarrer_innen in Kontexten auftauchen, die ungewohnt scheinen. Nicht immer kann man sich dabei von dem Eindruck freimachen, dass hier ein eigentlich privates Interesse im Vordergrund steht, das pastoraltheologisch legitimiert wird. Gleichzeitig nehmen die Kandidat_innen damit die Argumentation des Fernsehsenders auf, der bei der Ankündigung der ersten Staffel verlauten lässt: "Mit Tro, hopp och kärlek wollen wir einen Einblick in einen Beruf geben, der von Vorurteilen umgeben ist, und zeigen, dass Pfarrer_innen und Pastoren auch eine Sehnsucht nach Liebe und Ehe haben, genau wie die meisten von uns."

Aus Sicht gängiger pastoraltheologischer Modelle würde man dem wahrscheinlich widersprechen müssen. "Der Pfarrer ist anders", schrieb schon Josuttis vor etlichen Jahren, und auch Isolde Karle, die in ihrem professionstheoretischen Ansatz sehr viel argumentative Mühe aufwendet, um aufzuzeigen, dass Pfarrer_innen ein bisschen Distanz zum gemeinen Volk ganz gut tut, hätte wohl etwas dagegen. Man wird auch fragen können, ob die medial inszenierte Vermischung von Privatperson und öffentlicher Rolle wirklich für die Einzelnen so gesund ist - aber das müssen die Kolleg_innen wohl selbst in der Supervision klären. 

Natürlich hat SVT es geschafft und mich bei meiner Neigung zur Fernsehsucht gepackt - die nächste Folge steht rot im Kalender. Und, ja, das Programm ist gut gemacht, die Kandidat_innen und vor allem ihre potenziellen Partner_innen, von denen einige Material bieten, von dem man im Schneideraum von RTL nur träumen kann, werden fast liebevoll dargestellt. Trotzdem komme ich aus dem Stirnrunzeln nicht mehr raus. Die Schüchternheit von drei der vier Kolleg_innen fordert Sympathie im wortwörtlichen Sinne heraus, aber wenn in der Vorschau schon Tränen zu sehen sind, fragt man sich doch, ob es letzten Endes nicht doch darum geht, im Dienst der Quote Emotionen zu generieren oder zumindest zu triggern und dann auszuschlachten. Und ob man als Pfarrer_in diese Art Fernsehen unterstützen will. 

Hui, so viel Text. Aber jetzt interessiert mich brennend: Was haltet Ihr, ob Kolleg_in oder nicht, von dem Format? Und: Welche Fragen würdet Ihr den Beteiligten stellen (Interviewanfrage ist schon raus...)?