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Samstag, 22. November 2014

Fernsehpfarrer: Fast ein bisschen Fernsehgeschichte

Man fällt förmlich von der Fernsehcouch vor lauter Aktualität in der neuen Folge der Herzensbrecher (hier zu sehen): Letzte Woche hat nun auch die westfälische Landessynode festgehalten, dass Winkelmessen vorreformatorischer Schnickschnack und "päbstische Grewel" und Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Gottesdienst erlaubt sind. Und auch in der Heilandkirche geht es diese Woche kaum um etwas anderes, nebenbei wird fast ein bisschen Fernsehgeschichte geschrieben. 

DIE DIENSTLICHE EBENE


Schon letzte Woche hatte sich Sohn Nummer II in privatim geoutet, nun auch vor der ganzen Familie. Und auch dienstlich bekommt der Fernsehpfarrer es mit dem Thema zu tun: Ein schwules Paar möchte sich kirchlich trauen lassen und wendet sich dafür an den jungen Nachwuchspastor Wenkstern. Der jedoch entpuppt sich als erzkonservativer Knochen und weigert sich. Die beiden Amtsbrüder streiten sich lauthals darüber und führen die üblichen Argumente beider Seiten ins Feld; sogar das EKD-Familienpapier und der es verantwortende Ratsvorsitzende finden Erwähnung, das Drehbuch zeigt hier fast schon ans Schlüsselromanhafte grenzende Qualitäten. 

Dadurch, dass die beiden Talarträger sich vor der gesamten Belegschaft streiten, haben alle anderen auch Gelegenheit, ihre persönliche Meinung zum Thema abzusondern; das Spektrum dürfte so ziemlich alles abdecken, was auch in Gemeinden kursiert, besonders positiv fällt dabei wieder einmal die in letzter Zeit ohnehin aus dramaturgischen Gründen ganz stark menschelnde Presbyteriumsvorsitzende auf.



Wie realistisch das ist? Nun ja. Der theologische Nachwuchs steht im Moment gerade bei älteren Kolleg_innen unter einer Art Generalverdacht, engstirnig, rückwärtsgewandt, konservativ zu sein. Ich bezweifle das, zumal in der Postmodernen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten konfessionellen Milieu nicht mehr automatisch an bestimmte theologisch-ethische Grundsätze geknüpft sind - eine Studentin sagte einmal: "Ich kann doch Lobpreislieder mögen und gleichzeitig für die Homo-Ehe sein!" Sicherlich gibt es Generationskonflikte (die allerdings selten ausgefochten werden, weil auf den Pfarrkonventen die Pfarrer_innen U40 in der absoluten Minderzahl sind, wenn sie denn überhaupt vorkommen), die auch mit Prägungen und Vorstellungen von Wesen und Auftrag der Kirche zu tun haben. Das hängt aber m. E. damit zusammen, dass heutige Studierende sich aus bestimmten Gründen sehr bewusst für ein Theologiestudium und für den Pfarrberuf entscheiden - heutzutage studiert niemand mehr Theologie, weil der NC für Sozialpädagogik zu hoch ist.
Von daher ventiliert die Serie an der Stelle durchaus Stereotypen, die in mancherlei Köpfen genauso existieren. 

Aber damit ist der dienstliche Teil der Affäre noch nicht beendet: Nachdem Pfarrer Tabarius die Kasualie übernommen hat, kommt es zum Konflikt mit besagtem Paar, als er ihnen eröffnet, dass er sie mitnichten "trauen", sondern nur "segnen" könne. Das entspricht geltendem Kirchenrecht im Rheinland (nur handeln die Artikel 16 und 17, die Tabarius in dem Zusammenhang nennt, von den Aufgaben des Presbyteriums) - und es ist auch in der Hinsicht realistisch, dass der Unterschied zwischen Trauung und Segnung Außenstehenden (und denkenden Menschen im Allgemeinen) nur schwer zu vermitteln ist. Einer der beiden Trauwilligen macht daraufhin einen Rückzieher, im entsprechenden Gespräch finden auch durchaus aktuelle Toleranzdiskurse ihren Niederschlag (btw.: Das Wort wurde nachweislich zum ersten Mal von Martin Luther im Deutschen verwendet und war bei ihm, wie es sich auch noch bei Goethe andeutet, explizit negativ besetzt). Pfarrer Tabarius kann sie natürlich doch überreden, weist auf den demonstrativen Charakter einer öffentlichen gottesdienstlichen Handlung hin, und so wird wenig später in der Bonner Heilandkirche aus vollem Männerherzen (und mit farblich falscher Stola) gesegnet. 


Wie realistisch das ist, darüber ließe sich streiten, denn: Es dürfte nicht selten vorkommen, dass Pfarrer_innen (in Absprache mit dem Presbyterium und mit guten theologischen Argumenten) über die noch bestehenden Regelungen hinweggehen und regelrechte "Traugottesdienste" auch mit schwullesbischen Paaren feiern. In der Praxis führt das nur zu dem Problem, dass die bestehenden Regelungen, die in allem "Interimslösung" atmen, nicht angetastet werden, weil niemand die Notwendigkeit sieht. Das ZDF jedenfalls schreibt damit fast Fernsehgeschichte, denn es zeigt m. W. die zweite gottesdienstliche Begleitung eines schwulen Paares im deutschen Fernsehen - die ersten waren 2010 die Kollegen von der ARD, als Dirk Bach die (nicht mehr) Verbotene Liebe von "Chrolli" öffentlich segnete (hier gibt es sogar eine Radioandacht dazu). Und ich finde es durchaus festhaltenswert (auch im Blick auf die legendäre Lindenstraßenfolge von 1990), dass ethisch motivierte und notwendige Tabubrüche auch heute noch vor allem bei den Öffentlich-Rechtlichen stattfinden, während die Privaten sich oft auf das Durchbrechen von Geschmacksgrenzen beschränken.

(c) express.de

Nun hat aber das Thema Homosexualität nicht nur eine dienstliche Dimension; wie bereits gesagt, beschäftigt die Familie Tabarius das Coming-Out des Zweitältesten. 

DIE PRIVATE EBENE


In der Familie geht es hoch her: "Tom" outet sich mit einigem Getöse beim brüderlichen Fernsehabend, und jeder geht so nach seiner Facon damit um: Tabarius demonstriert Akzeptanz und Vaterliebe, neigt aber ein bisschen zu großen Gesten, was dem Sohn negativ aufstößt. Auch der älteste Sohn zeigt uneingeschränkte Solidarität bei gleichzeitigem Rückfall in pathologisches Vokabular. Der Zweitjüngste findet's schlimm und ekelig, was er bei Tisch in Knittelversen unmissverständlich kundtut, wird aber gegen Ende der Folge zur Räson gerufen. Der Jüngste betet bei Tisch: "Mach, dass Tom doch nicht schwul ist, damit er nicht so viele Probleme bekommt..." - eine nette gebetstheologische Reminiszenz an die alte von Praunheim'sche Erkenntnis: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (besagter Film wurde 1970 übrigens im Auftrag des WDR gedreht). 

Die Serie wagt dabei ein offenes Ende: Während sich Pfarrhaus, Kirche und gottesdienstliche Gemeinde als Schutzräume erweisen, erfährt "Tom" bei der Rückkehr in die Schule unverhohlene Diskriminierung. Das ist selten für das Vorabendfernsehen und bei allen Cliffhangerfunktionen zu würdigen. 



A propos Cliffhanger: Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Der Zweitälteste muss sich mindestens mit seinem besten Freund noch versöhnen (man munkelt, dass die Frauenhilfen in den Gemeinden bereits um Kuchen wetten, ob sie sich nicht vielleicht doch am Ende kriegen). Und in der Gemeinde hängt nach dem dramatischen Streit der Pfarrer und dem energischen Auftritt der Sekretärin der Haussegen mehr als schief. 

Sie ist es auch, die, vom pastoralen Konsensfähigkeitsdiktat ihres Vorgesetzten befreit, deutlich macht: Nach zwanzig Jahren der Diskussion auf allen kirchlichen Ebenen ist die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität in erster Linie keine Frage der Theologie mehr. Sondern des Charakters.



Übrigens: Im Nachgang der Folge unternehmen die Herzensbrecher wieder einmal den Durchbruch durch die vierte Wand: Kurz nach Ausstrahlung der Folge meldet sich auf der FB-Page der Serie Wenkstern-Darsteller Lee Rychter per Video zu Wort und lädt zur Debatte ein: "Mich würde sehr interessieren, wie ihr das seht, inwieweit man dazu heutzutage überhaupt noch die Bibel zitieren kann und sich darauf berufen kann, inwiefern das alles überhaupt noch so funktioniert und ob das alles nicht längst schon überholt ist. Und inwiefern das überhaupt mit der Institution Kirche zu vereinbaren ist. Deswegen könnt Ihr hier fleißig kommentieren, liken, sharen, bzw. teilen... Sharing is Caring, "Geben ist seliger denn Nehmen", hab' ich gelernt, Apostelgeschichte 20,35."

Samstag, 15. November 2014

Fernsehpfarrer im Realitätscheck 2.0: Amtsschimmel und Bürohengste

Bevor gleich die neue Folge über den Bildschirm flimmert, noch schnell ein kleiner Rückblick auf die Irrungen und Wirrungen der letzten Woche. Mit besonderer Freude, denn: Wir hatten Kreissynode, mit einem Gottesdienst in der Kartäuserkirche - der Kirche also, in der (und um die) Andreas Tabarius unterwegs ist. Doll, wa? Da macht die Synode doch gleich noch mehr Spaß!

"DER NEUE" - ÜBERRASCHENDE KLÄRUNGEN

Ereignisreich wie immer gestaltet sich das Leben in der Bonner Heiland-Kirchengemeinde, die diesmal (die Folge gibt es hier) ordentlich von der Ankunft "des Neuen", Nachwuchspfarrer Wenkstern, in Aufruhr versetzt wird. Der wird aber dringend gebraucht: Als Entlastung für den überarbeiteten Tabarius - und aus dramaturgischen Gründen, denn: In dem Maße, in dem die bislang recht einseitig böse Presbyteriumsvorsitzende vermenschlicht wird, steigt das Bedürfnis nach einem zweiten Hauptantagonisten, gegen den Tabarius heldenhaft anrennen kann. 
Vor allem aber führt die Ankunft des Neuen zur Klärung einer Frage, die den eifrigen Seriengucker seit der ersten Folge nicht schlafen lässt: Wer ist eigentlich Schwester Sabine, oder "Frau Breckwoldt", die stets im Kielwasser der Presbyteriumsvorsitzenden die Bildfläche kreuzt und immer mal wieder gerne die Pfarrerschaft angurrt?



Im Gespräch mit dem Neuen wird klar: Sie ist "stellvertretende Presbyteriumsvorsitzende" (und spekuliert auf die nächste Wahl). Im wirklichen Leben wäre sie das höchstwahrscheinlich nicht, denn: Die Vorsitzende ist ja Nicht-Theologin, und da gilt Art. 21 KO: "Wird der Vorsitz einer Presbyterin, einem Presbyter übertragen [...], soll für die Stellvertretung eine Pfarrerin, ein Pfarrer [...] gewählt werden." Und "soll" heißt in Gesetzestexten bekanntlich "muss, wenn kann!". Dahinter steckt der theologische und kirchengeschichtliche Hintergrund, dass im Rheinland, in dessen kollektiven Gedächtnis die reformiert-niederrheinischen Flüchtlingsgemeinden des 17. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle spielen, und daher großer Wert darauf gelegt wird, dass kirchliche Gremien mindestens paritätisch besetzt sind oder sogar von mehr Laien als Theolog_innen geleitet werden. Insider erkennen hier Luthers "Priestertum aller Gläubigen", aber das spielt in der Heilandkirche ohnehin keine so große Rolle.



Jedenfalls: Der Neue kommt, und wie schon aus seiner Frontstellung gegen die patente Sekretärin Frau Markwart in Sachen "Lakritze" (bäh...) deutlich wird, haben wir es hier mit dem nächsten Unsympathen zu tun. Der sorgt allerdings zunächst erstmal für große Verwirrung: Wie immer in der Gemeinde des Herzensbrechers, so "passieren" Personalentscheidungen irgendwie so über Nacht. Und so gibt es für den jungen Pfarrer z. A. (zur Anstellung) auch erstmal keinen Schreibtisch. Den muss er sich selbst aus der Rumpelkammer holen, wird aus den heiligen Hallen des Chefs verjagt und muss sich das ohnehin enge Büro mit der Sekretärin teilen. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Für das Amtszimmer eines Pfarrers oder einer Pfarrerin gibt es relativ strenge Regeln, die v. a. absichern sollen, dass die seelsorgliche Schweigepflicht gewahrt bleibt. Niemand residiert auf dem Gemeindeamt, wie Andreas Tabarius das tut - und keine Gemeindesekretärin führt dem Pfarrer den Kalender, die haben schon genug anderes zu tun. 
Interessant gestaltet sich das erste Dienstgespräch, bei dem Termine hin- und hergeschoben werden. Denn da zeigt sich, dass der Stelleninhaber eigentlich gar nicht so recht entlastet werden will. Und das ist gar nicht mal so unrealistisch - Hand aufs Herz: Wir glauben fast alle im tiefsten Innern, dass die ganze Welt nur wegen uns evangelisch ist, und dass der demografische Wandel nur dadurch aufzuhalten ist, dass wir uns um jeden Termin höchstselbst kümmern.



DER PFARRER UND DIE LIEBE

Zwischen Pfarrer Tabarius und seinem letzten Gspusi, besagter Sekretärin, kriselt es ja seit einigen Folgen. Und wer Augen hat zum Hören, der konnte schon erahnen, dass die neue Chorleiterin hier großangelegte Kabalen vorbereitet - und noch dazu mit unfairen Mitteln kämpft, denn: Sie ist Psychologin, und das heißt in Vorabendseriensprache so viel wie: "Kann Gedanken lesen". Auch hier schimmern die Regeln des Fernsehabends durch - ganz ohne weibliches Biest geht es also offensichtlich nicht. 


Und so enden Pfarrer und Chorleiterin nach kurzem Landeanflug in der Kneipe schließlich im Lotterbett. Schön blöd, möchte man sagen, vor allem dann, wenn es schon in der alten Gemeinde Zoff deswegen gab. Die Sache mit den Beziehungen ist spannend - und gehört auch zu den Dingen, die man als Pfarrer gerne mal gefragt wird: "Darfst du denn...?" Ja. Dürfen wir. Heiraten. Kinder kriegen. Verpartnern. Scheiden lassen. "Evangelische Freiheit", nennt man das wohl - historisch hat das etwas mit der Aufhebung des (Pflicht-)Zölibats durch die Reformatoren zu tun. Die waren nämlich einstimmig dagegen: Luther forderte die Abschaffung schon 1520 in seiner Adelsschrift (und setzte das, zum anfänglichen Missfallen einiger seiner Mitstreiter, darunter Melanchthon, schon 1525 in die Tat um), Johann Eberlin von Günzburg schrieb 1522 gar ein ganzes Büchlein darüber, Wie gar gefährlich es sei, so ein Priester kein Eheweib hat. 1530 schließlich stellte die Confessio Augustana (Art. XXIII) fest, dass der Zölibat weder mit der Schrift, noch Tradition und Vernunft zu vereinbaren sei. Und so kam das evangelische Pfarrhaus.

Dürfen - ja. Aber: Wie immer bei evangelischer Freiheit, so gilt auch für Pfarrer_innen im Besonderen der paulinische Grundsatz (1Kor 10,23f.): "Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf." Und so gelten für evangelische Theolog_innen (bereits in der Ausbildung) bestimmte Regeln: Eine Eheschließung/Verpartnerung ist dem Landeskirchenamt anzuzeigen. Partner oder Partnerin soll evangelisch sein, muss einer Kirche angehören, mit der die evangelische Kirche im ökumenischen Dialog steht (ACK-Fähigkeit) - Ausnahmen sind stets Einzelfallentscheidungen, die in den Landeskirchen unterschiedlich streng gehandhabt werden (wer erinnerte sich nicht an den großen Knall in Württemberg 2011?). Im Hintergrund dieser Überlegungen steht das Ideal des Pfarrhaus(halt)es, in dem die ganze Familie den Dienst des Amtsinhabers unterstützt. Und ganz von der Hand zu weisen sind manche Bedenken nicht, selbst, wenn man nicht das klassische Ideal der bürgerlichen Familie lebt - ein hohes Maß an Toleranz braucht der Pfarrberuf seitens der Familie allenthalben. Nur wird man als Pfarrer_in kaum jemanden ehelichen, der oder die so überhaupt gar nichts für den Beruf übrig hat.

Nun ging es ja jetzt ums Heiraten. Bei Tabarius und seinen Organistinnen aber eben nicht. Und hier wird es haarig, denn: Auch dort, wo die Kirche begrüßenswerter Weise ihr Partnerschaftsverständnis im Geist der Bibel geweitet hat, gehören zu den grundlegenden Eigenschaften einer aus christlich-ethischer Sicht vertretbaren Beziehung solche Dinge wie Treue, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit. Bisschen schwierig bei One-Night-Stands, schließlich heißt es im Ordinationsvorhalt: "Verhalte dich so, dass dein Zeugnis nicht unglaubwürdig wird" - und das betrifft nach allgemeiner Lesart auch das Privatleben. Früher, so erzählt man, wurde in Predigerseminaren zu allem Möglichen die Parole ausgegeben: "..., nur nicht in der eigenen Gemeinde!" 
Umso haariger wird es dann, wenn es um eine_n Mitarbeiter_in geht. Denn: Privatbeziehungen beeinflussen das berufliche Umfeld, vor allem dann, wenn es um ein öffentliches Amt geht. Ob man soweit gehen muss wie einige Kolleg_innen, die strikt auch von persönlichen Freundschaften in der Gemeinde abraten, halte ich für fraglich - aber nachdenken sollte man darüber schon. Im Extremfall kann nämlich ein tiefgreifender (und womöglich noch offen ausgetragener) persönlicher Konflikt dazu führen, dass der Zustand der "Ungedeihlichkeit" festgestellt wird - und das ist so ziemlich der einzige Grund, aus dem man eine_n Pfarrer_in aus der Gemeinde auch gegen seinen Willen entfernen kann. 

Wie gedeihlich das Verhältnis des Vorabendpfarrers Tabarius zu seiner Gemeinde ist, von einigen heroischen Einsätzen in Einzelschicksalen abgesehen, sei mal dahingestellt. Aber Vorsicht ist angesagt - man ahnt: Das gibt noch Zoff.

Sonntag, 2. November 2014

Fernsehpfarrer 2.0: Von Schweigepflicht und Dienstverhältnissen

Seit einigen Wochen hat Fernsehpfarrer Andreas Tabarius wieder den Talar vom Nagel genommen und fegt durch die Bonner Heiland-Kirchengemeinde. Zeit, den Alltag im Männerpfarrhaushalt und vor allem die Amtsführung des fiktiven Kollegen weiter unter die Lupe zu nehmen - und wie schon bei der ersten Staffel, so gilt auch jetzt: Hier wird nicht rezensiert, weder das genre- und sendezeittypische Drehbuch, noch die Leistung des (durchgehend eigentlich sehr solide agierenden) Schauspielensembles. Stattdessen geht es darum, die Darstellung des pastoralen und gemeindlichen Alltags einem Praxischeck zu unterziehen - denn: Ob wir wollen oder nicht, der Fernsehpfarrer prägt landauf, landab die Vorstellungen davon, wie ein "richtig guter Pfarrer" so schaltet und waltet. 

TABARIUS UND DIE SCHWEIGEPFLICHT


Gleich die erste Folge der zweiten Staffel hat mit einem großen ethischen Dilemma aufgewartet (nach dem Tabarius eigentlich sein Amt gar nicht mehr ausüben dürfte): Im Rahmen eines ausdrücklich seelsorglichen Gesprächs teilt ein junger Mann dem Pfarrer mit, er sei der bislang flüchtige Fahrer, der seine Frau totgefahren habe, und er möge ihm doch bitte unter Christenmenschen vergeben. Das klingt ein bisschen wie die leidlich aussagekräftigen Fragespielchen, mit denen man immer mal wieder konfrontiert wird, um irgendwelche ethischen Grundsatzfragen abzuwägen. Das wäre natürlich eine pastoralpsychologische Kernschmelze, mit der aber das gravierende Dienstvergehen nicht zu rechtfertigen ist: Denn Tabarius bespricht seine Situation in aller Ausführlichkeit mit einer ganzen Reihe von Unbefugten, darunter der Sekretärin und seinen Söhnen. Und das geht nicht. Ab-so-lut und überhaupt gar nicht, so nachvollziehbar das Bedürfnis auch in dieser überfordernden Situation sein mag. Die Problematik zieht sich durch die gesamte Serie, auch, weil die Gemeindeamtssekretärin offenbar auch den Kalender des Herrn Pfarrer führt, und deswegen muss an dieser Stelle einmal gesagt sein: Liebe Herzensbrecher-Fans, bitte, bitte, bitte glaubt uns, dass wir im wirklichen Leben sorgfältiger mit dem Seelsorgegeheimnis umgehen!

Aber: In und um die Heilandkirche interessieren solche dienstrechtlichen Petitessen bekannter Maßen niemanden - wie schon mehrfach betont, lebt die Serie davon, dass sie den Antagonismus von Amt vs. Charisma inszeniert: die verknöcherte, menschenfeindliche Institution der Amtskirche (in der Regel personalisiert in der Figur der verbitterten Presbyteriumsvorsitzenden) gegen den charismatischen, unkonventionellen, menschen- und lebensnahen Pfarrer, den dann auch das Pfarrdienstgesetz wenig kümmert. Ebensowenig wie die Straßenverkehrsordnung - denn am Anfang der vorletzten Folge parkt der Kollege bräsig im absoluten Halteverbot vor dem Krankenhauseingang und wird folgerichtig abgeschleppt, ob man nun "im Dienste des Herrn" unterwegs ist oder nicht. 

VON WEGEN KOLLEGIALITÄT UND SO...


Da die Presbyteriumsvorsitzende plötzlich so etwas wie Gefühle zeigt, muss natürlich ein neuer Antipathieträger her. Zu diesem Zweck treffen sich Höchstselbe, die allgegenwärtige Schwester Sabine (wer ist das eigentlich?) und der Superintendent in konspirativer Absicht, denn: Pfarrer Tabarius ist offensichtlich überlastet, deswegen soll ein zweiter Pfarrer berufen werden. Das findet Tabarius natürlich gar nicht gut und erinnert die verschworenen Freunde wütend daran, "dass ich einen Vertrag habe." Äh, nein. Hat er nicht. Denn: Pfarrer_innen arbeiten (zumindest in der Regel) in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis, das heißt: Sie werden in den Dienst berufen (deswegen hat Tabarius keinen Vertrag, sondern eine Urkunde) - und auch nicht für abgeleistete Stunden bezahlt, sondern alimentiert, um ihr Leben und Arbeiten in den Dienst der Kirche stellen zu können. 



Ein Neuer steht trotzdem schon in den Startlöchern, er weiß, wie der Herr Superintendent betont, "dass es sich nur um ein Pfarrdienstverhältnis auf Probe handelt", außerdem habe er ihn "mit Bedacht ausgewählt". Auch das ist ziemlicher Quatsch: Superintendenten suchen sich ihre Pfarrer_innen z.A. (zur Anstellung) nicht einfach so aus, diese werden vielmehr von der Landeskirche zugewiesen - natürlich zum Teil mit Rücksprache. Aber: Solche Dinge werden nicht einfach so hinter verschlossenen Türen geregelt - auch da ist das Pfarrdienstgesetz vor. Dass der Fernsehpfarrer darüber verärgert ist, ist angesichts des konspirativen Charakters kaum verwunderlich - und stimmt auch noch auf einer tieferen Ebene: Eine ganz Reihe von Kolleg_innen wollen sich nämlich gar nicht entlasten lassen... Jedenfalls tritt der Neue schon am Ende der letzten Folge auf, und schon die gestalterischen Mittel lassen erkennen, welche Konflikte auf die brave Bonner Kirchengemeinde zukommen: 



DAS PRIVATLEBEN IM PFARRHAUS...


Ansonsten steht in der Folge vor allem das Privatleben im Tabarius'schen Pfarrhaus im Vordergrund: Sohn I schleppt eine Freundin an, die "nur" Friseuse ist und überhaupt sehr nervig. Die beiden ziehen zusammen, sehr zum Verdruss aller Beteiligten. Gerade dabei wird deutlich, dass das Drehbuch letzten Endes inhärent sexistisch strukturiert ist: Es ist natürlich eine Frau, die die traute Männerwirtschaft aufbricht. Sohn III gerät in falsche Gesellschaft, sitzt mit Bierflasche in der Hand vor einem Plattenbau und ist ganz offensichtlich derjenige, der, wie evangelisch.de unlängst spoilerte, "ins Drogenmilieu abrutscht" - dann wissen wir auch, dass Sohn II sich im Laufe der nächsten Folgen outen wird. Entgegen der letztjährigen Kritik von Jörg Tilmes am Format sind die Söhne also nicht mehr "zu jung um schwul oder drogensüchtig zu sein". Es bleibt also spannend in der Fernsehgemeinde...


Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gastblog zum Fernsehpfarrer auf der Kanzel

Lang, lang ist's her - aber auch die Kirchengeschichten sind vom Advents- und Vorweihnachtsstress nicht ganz verschont. Mit der großen Marie-Luise Nikuta nur angedeutet: "Janz Kölle es e Kreppespill!" Deswegen kommt der folgende Gastblog zum Kanzelauftritt von Fernsehpfarrer-Darsteller Simon Böer am 1. Advent in der Kölner Kartäuserkirche ein bisschen spät. Geschrieben hat ihn eine sehr liebe und, das werdet Ihr merken, sehr schreibbegabte Freundin und Kollegin, die Friederike:


Als ich am 1. Adventssonntag gegen 18.00 Uhr die Kartäuserkirche betrete, sind Argwohn und Skepsis meine Begleiter: Ob das gut gehen kann, einen Fernsehpfarrerschauspieler auf die Kanzel zu lassen? Ob das zur Marketingstrategie gehört? Ob Simon Böer wohl wie Pfarrer Tabarius vom Manuskript abweichen wird? Worauf habe ich mich hier bloß eingelassen?!... Zum Glück bin ich schnell wieder in der Wirklichkeit, lehne mich zurück und genieße den Beginn des neuen Kirchenjahres: Wir singen „Macht hoch die Tür“ und „feiern gegen alle Verzweiflung die Liebe Jesu“ (so Pfarrer Mathias Bonhoeffer in der Begrüßung [Anm. d. Verf.in: Alle in diesem Eintrag genannten Zitate entsprechen nur bedingt dem Wortlaut, eher dem Höreindruck]). Alles ist so, wie es sich gehört und wie ich es gewohnt bin. Alles ist normal.
Bis der letzte Ton des Chorstücks vor der Predigt verklungen ist (warum man am Ersten Advent schon „Es ist ein Ros entsprungen“ singen/hören muss, weiß kein Mensch) und Simon Böer die Kanzel betritt. Ich höre das hektische Klicken einer professionellen Kamera. Natürlich ist die Presse da. Simon Böer trägt Anzug, das Hemd ist nicht ganz zugeknöpft. Er sieht lässig aus und erinnert in seiner Gesamterscheinung an Tabarius – klar! Er lächelt. Ein Fernsehlächeln? Die Spannung steigt. Jetzt wird’s ernst.
„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der war und ist und kommt.“ Der erste Satz. Ich bin erleichtert. Noch nie war mir die Funktion des Kanzelgrußes so bewusst wie in diesem Moment: Jetzt spricht einer, der zuvor im Gottesdienst noch nichts gesagt, der bisher liturgisch noch nicht in Erscheinung getreten ist. Und noch mehr: Hier spricht einer im Namen Gottes. Das ist kein Marketing. Das ist keine Schauspielerei. Das ist echt. In seiner Stimme höre ich Engagement und Leidenschaft und das erinnert mich an den Theologen und leidenschaftlichen Prediger Rudolf Bohren, der in seiner Predigtlehre (S. 18) schreibt: „Eine Predigt vorbereiten heißt dann, Freude vorbereiten, und hier kann man nicht sauertöpfisch oder halb, sondern nur gern und ganz und also leidenschaftlich dabei sein, und damit ist man schon selbst hineingezogen in die kommende Freude.“ Das kommt an. Böer ist authentisch, hat etwas zu sagen und zieht die Hörer mit hinein in das, was ihn hineingezogen hat.
Wo hinein also? Aufhänger ist natürlich die Fernsehserie „Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen“, deren Titel Böer zum Anlass nimmt, um ein paar Gedanken darüber zu entfalten, was sein Herz bewegt: Dass Cast und Crew familiär zusammenhalten, dass die Kirchengemeinde ihre Räumlichkeiten für die Dreharbeiten zur Verfügung stellt, dass Pfarrer Bonhoeffer ihm die Möglichkeit zur Predigt gegeben hat. Dann fallen aber auch Sätze wie „Mein Herz wurde vom Familienpapier der Evangelischen Kirche bewegt“ und „Wir befinden uns in einer Zeit der Transformation“. Bevor die Predigt aber politisch und gesellschaftsanalytisch wird, bewegt sie sich weg vom Ich-Bericht hin zum Wir und kommt schließlich beim Du an: „Advent – Was ist das? Wir ziehen uns zurück, halten uns fast ausschließlich drinnen auf. Alle Kräfte wenden sich nach innen... zur ureigenen Quelle… Jesus spricht durch Johannes: Das Reich Gottes ist inwendig in euch (Lk 17,20 nach Luther 1912)“. Böer predigt nachdenklich. Das wirkt, denn es bringt mich zum Nachdenken. Ich lese Luther sonst in der revidierten Fassung, da ist jener Vers weitaus plastischer übersetzt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. Mit dem intimen „inwendig“ kann ich wenig anfangen. Aber Böer kann es anscheinend. Auch wenn seine Gedanken gelegentlich zu populärtheologische Alltagsweisheiten verflachen (Inwendig, das ist für ihn das Herz, das Paradies Gottes, die Stille). Er moniert: „Besuche dich selbst – das ist schwierig, denn wo Licht ist, da ist auch Schatten… Advent ist die Zeit der Toleranz uns selbst gegenüber… Wir fühlen uns inkompetent… Was man nicht angenommen hat, kann man nicht loslassen… Lasst uns liebevoll annehmen, was ist…“. Und dann nimmt er eine scharfe Kurve: „Aber Gott ist alles, was ist.“ Darin spiegelt sich wider, was er wohl mal im Interview mit der WZ gesagt hat: „Ich glaube an einen bedingungslos liebenden, freudvollen Gott, der mir in meinen Kinderjahren in der Kirche zu wenig begegnet ist, dafür heute in meinem täglichen Leben umso mehr.“ Und so legt er den Beginn des Johannesevangeliums (Joh 1,1ff. in Auszügen) im Zusammenhang mit Lk 17,20 als intime Schöpfungsgeschichte und Antwort auf unser adventliches Erwarten Gottes aus: Schöpfung geschieht von innen her. Das ist neu und berührt mich – auch wenn eine Antwort auf die Frage „Ob’s denn wahr ist?“ ausbleibt und mir insgesamt die Überfrachtung der Predigt mit Zitaten (irgendwann fällt auch eins von Tocotronic) missfällt. Trotzdem passiert in Böers Predigt, was ich in meiner homiletischen Ausbildung gelernt habe: „Eine Predigt lebt geradezu von dem, was die Gemeinde bisher noch nicht, jedenfalls so noch nicht gehört hat“ (Bukowski, Predigt wahrnehmen, 150).
Allerdings gibt es auch Wehrmutstropfen: Bei Sätzen wie „Die ureigene Quelle – viele von uns nennen sie Gott“ zuckt mein theologisches Herz (und ja, auch der Verstand) und als Böer sich/uns mit einem Lebensmittelgeschäft vergleicht (wohl weil das Bild das Haushalten und Verwalten des eigenen Innenlebens verdeutlichen soll), gehe ich in Gedanken woanders spazieren. Aber geht mir das nicht auch bei gestandenen Pfarrern so?
Immerhin ist Böers Predigt konkret und anschaulich. In meiner Ausbildung wird darauf viel Wert gelegt. Leider lässt sie dafür eine stringente Struktur und roten Faden vermissen. In meinem Höreindruck schlängelt Böer sich serpentinenartig von einem Gedanken zum nächsten. Das muss man mögen. Und er ist aufgeregt, macht für einen Schauspieler ungewöhnlich wenig Sprechpausen. Stellenweise komme ich beim Zuhören fast außer Atem. Zum Glück nur fast. Denn Böer ist rhetorisch ansonsten so gut geschult, dass das Zuhören ein Kinderspiel ist. (Warum nochmal ist das in unserer Ausbildung nicht grundsätzlich vorgesehen?) Er ist aufgeregt, klar. Aber das macht ihn doch so authentisch. 

„Es ist eben kein Drehbuch“, erzählt er später bei Brot und Wein in der Kapelle nebenan. „Das war auch aufregend. Ich konnte an keiner Stelle „Cut!“ rufen und den Dreh unterbrechen.“ Ich denke, Böer war sich bewusst, dass er hier etwas wagt und muss wieder an Rudolph Bohren denken: „Zur Freude am Predigen gehört das Wagnis. Eine Predigt ist ein gewagtes Unternehmen, dessen Tollkühnheit nicht durch Gewöhnung und Verharmlosung verdeckt werden sollte“ (Bohren, Predigtlehre, 19). Das gilt für Theologen wie für Laien. Böer ist zwar nicht der erste Laie, der auf die Kanzel tritt. Aber der erste, der auf jener schon öfter den Pfarrer mimte. Es ist ein Wagnis, sich dieser Rollendiffusion zu stellen. Und es ist ihm gelungen.
Nach dem Gottesdienst herrscht eine Atmosphäre wie beim sonntäglichen Kirchenkaffee und spätestens da wird mir bewusst, wie „normal“ dieser Abend doch ist: Menschen, die sich vorher fremd waren, kommen miteinander ins Gespräch (einige waren extra wegen des Schauspielers gekommen, andere sind einfach treue Besucher_innen der Abendgottesdienste in der Kartäuserkirche und waren ob des fremden Predigers zunächst irritiert); man spricht über Gott und die Welt und den Gottesdienst – und natürlich über die Predigt! Und wie sonntags auch wird der Prediger in Beschlag genommen, der jetzt sichtbar erleichtert ist. Alles ist normal.
Bleibt mein Fazit zum Predigterlebnis von Simon Böer: Die Predigt ist harmlos ohne zu verharmlosen und allgemein ohne zu verallgemeinern. Deshalb spreche ich nach dem Kanzelsegen mein „Amen“ ganz bewusst und bin froh, dass Argwohn und Skepsis die Kirche längst verlassen haben, denn Simon Böer ist zwar kein Theologe, aber er war für die letzten 15 Minuten mehr Pfarrer als Andreas Tabarius in allen Episoden zusammen.
Um es mit den Worten von „Kirchengeschichten“ zu sagen (Blogeintrag vom 17.11.2013): Ich „finde es gut, dass die evangelische Gemeinde Köln solche Schnittstellen wahrnimmt und gestaltet!“ Danke dafür.

PS: Falls sich Leser_innen über die visuelle Schlichtheit dieses Eintrags wundern: Ich war als Theologin, nicht als Fan da und habe davon abgesehen, ihn um ein gestelltes Foto oder Autogramm zu bitten.


Kleiner Medienroll zum Thema:
Auf der FB-Seite von Simon Böer gibt es ein Video seiner Predigt. Aus praktisch-theologischer Sicht gar nicht so uninteressant sind die Kommentare in der Spalte rechts neben dem Bildschirm.


Und der Bonner Express hat mal die richtige Heilandkirche besucht.

Sonntag, 17. November 2013

Fernsehpfarrer im Realitätscheck (III)

In der Bonner Heilandkirche (die eigentlich, zumindest von innen, die Kölner Kartäuserkirche ist - s.u.) geht es wieder einmal rund. Unter dem bedeutungsschwangeren Titel Wunder erwarten Andreas Tabarius und die Seinen eine ganze Reihe davon. Im Zentrum der Folge (in der Mediathek hier zu sehen) stehen das Schicksal einer Obdachlosen und ein undichtes Kirchendach. Im Gegensatz zu früheren Episoden konnte der Samstagabend diese Woche mit einigen überraschend realistischen Szenen aufwarten - leider, möchte man in manchen Fällen sagen, denn dort geht es um Umstände, die auch im echten Kirchenleben nicht unproblematisch sind. Eine "Predigt" bleibt den Zuschauern in dieser Folge zu aller Freude diese Woche erspart, stattdessen tanzt Familie Tabarius zu We are Family durch die Küche - erbaulicher als das Kanzelgeblubber des Fernsehpfarrers ist das allemal.

Die Obdachlose

Treibende Kraft ist zunächst Frau Marquardt, die resolute Gemeindesekretärin. Die triefende Personenchemie zwischen ihr und dem Amtskollegen lässt vermuten, dass die beiden spätestens in drei Folgen in der Kiste oder auf dem Kopierer oder sonstwo landen, und wahrscheinlich kommt es dann zu schwerwiegenden Verwürfnissen zwischen den Erwachsenen und den Pfarrerskindern... aber warten wir es ab. Frau Marquardt jedenfalls stößt in ihrem Antiquitätenladen auf die obdachlose und von Schwindelanfällen geplagte Frau Schütte und wendet sich an Pfarrer Tabarius. Der, beim Pizzaessen im Kreise der Familie gestört, ist gar nicht begeistert von der Idee: "...und dann kommen Sie zu mir?!" (Sohn Nummer Drei ergänzt zu Recht: "Zu uns!"). Frau Marquardt lässt nicht locker, auf ihre wütende Nachfrage, ob er denn "Christsein nur studiert" hätte, erwidert er: "Das ist menschlich natürlich top - aber das geht so nicht!" Im Endeffekt lässt er sich natürlich doch erweichen, und es beginnt ein gegenseitiger Läuterungsprozess: Tabarius, Frau Schütte (die sich skandalöser Weise gar nicht richtig helfen lassen will) und die Pfarrerssöhne kommen einander näher und natürlich verstehen sich am Ende alle besser als vorher. 



Wie realistisch das ist? Gar nicht so unrealistisch, und das macht die Episode fast schon interessant: Im ersten Pfarrerscheck hatte ich erwähnt, dass im Zweikampf von Tabarius und seiner bösen Presbyteriumsvorsitzenden der alte Dualismus von Institution und Charisma inszeniert wird. Das ist ein altes, u.a. auf Max Weber und Rudolf Sohm zurück gehendes kirchengeschichtliches Paradigma, bei dem man davon ausgeht, dass Autorität auf zwei Arten abzusichern ist: Durch eine charismatische Persönlichkeit oder durch Leitungsstrukturen. Lange Zeit entsprach dem der klassische protestantische Blick auf die früheste Kirchengeschichte: Zuerst waren da Jesus und die Apostel, dann ging das Charisma verloren und die Christen schufen als schlechten Ersatz hierarchische Strukturen - der Anfang einer Verfallsgeschichte, die erst durch die Reformatoren wieder aufgehalten werden konnte. Wenn auch dieser häufig in allzu platter Vulgarität vorgetragene Dualismus kirchengeschichtlich so nicht haltbar ist, eignet er sich offensichtlich doch zur Dramatisierung: In den allermeisten Fernsehserien, die im kirchlichen Milieu spielen, geht es letzten Endes um den Konflikt zwischen grundpatenten Einzelpersonen und dem kirchlichen oder bürgerlichen Establishment: Da kämpfen Schwester Lotte und Schwester Hanna gegen Bürgermeister Wöller und die böse Mutter Oberin, da bringt die Pastorin (Christine Neubauer) ihre Landgemeinde durcheinander und so weiter. In dieser Folge werden die Rollen vertauscht, und Andreas Tabarius steht plötzlich als Vertreter einer kaltherzigen, berechnenden Institution da, der zu (zunächst) zu unbeweglich ist, um auf die glasklaren Lösungsvorschläge, die die vor Charisma sprühende Gemeindesekretärin ihm präsentiert, einzugehen: Er verweist auf staatliche Stellen und seine eigene Privatsphäre, ventiliert sein Misstrauen gegenüber der Obdachlosen (wer weiß, warum die auf der Straße gelandet ist) und erklärt, dass sporadische Einzelzuwendungen das grundsätzliche Problem nicht lösen. Und so ruckelt sie Serie diese Woche an einem Stachel im Fleisch der Kirche und stellt die Frage nach dem Ort der Diakonie in der Gemeinde. Die Einwände des Fernsehpfarrers sind alle durchaus berechtigt und sachlich gerechtfertigt und bleiben doch moralisch anfechtbar: Darf und soll ein Pfarrer so sehr auf der Intimsphäre seiner
Dienstwohnung beharren? Oder muss er das nicht sogar, weil er seine Familie zu schützen hat? 
Realistisch dabei auch die Obdachlose - denn die will sich zunächst partout nicht helfen lassen. Auch das ist eine Erfahrung, die Menschen machen, wenn sie mit Obdachlosen arbeiten, die Hilfeangebote nicht annehmen wollen, sei es aus nostalgischem Festhalten an einem (wirklich oder vermeintlich) selbstgewählten, bohemischen Lebensstil, sei es aufgrund psychischer Erkrankungen, die laut zahlreichen Studien in diesem Milieu gehäuft vorkommen. Im Fernsehen löst sich alles in Wohlgefallen auf, natürlich durch das energische Eingreifen des nunmehr geläuterten und ganz auf der Seite von Frau Schütte stehenden Tabarius (dessen seelsorgliches Reden ähnlich selbstreferenziell ist wie sein Predigen). Aber: Die offenen Fragen bleiben. Wer sich mit dem Thema ausführlicher auseinander setzen will, kann das übrigens bei der evangelischen Obdachlosenhilfe tun.

Der Herr Pfarrer und die Frauen


Frau Marquardt ist nur eine von vielen, die dem Herrn Pfarrer offensichtlich amourös nicht abgeneigt ist - wie gesagt, man wird sich höchstwahrscheinlich auf Leidenschaftliches freuen (?) dürfen. Oder auf Bizarres, wenn beim Schäferstündchen plötzlich die verblichene Frau Tabarius im Zimmer steht, die ist nämlich auch in der dritten Folge wieder mit von der Partie und boostet das Ego ihres dekorativ an sich selbst zweifelnden Ehemannes. Auch die reiche (und deswegen vorabendprogrammatisch per se böse) Schwester von Frau Schütte streicht ihm gurrend um die Beine und will sogar Sex mit ihm - gegen Spende, versteht sich. Und auch Frau Nadolny, die sehr junge Ärztin, weitet lüsternd die Nüstern, als sie Pfarrer Tabarius über ihre ständige Bereitschaft in Kenntnis setzt.

Gerade sagt sie: "Möäännerrrrr...."

Wie realistisch das ist? Irgendwie ja schon. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Pfarrer, ebenso wie Ärzte, Lehrer, Anwälte und andere zum Gegenstand erotischer Interessen ihrer Klient_innen, Patient_innen und Schüler_innen werden können. Realistisch betrachtet handelt es sich dabei in den wenigsten Fällen um rein persönliche Sympathien, sondern um die Übertragung von Erfahrungen, Konflikten, Wünschen und Sehnsüchten, einem aus Seelsorge, Beratung und Therapie sattsam bekannten Phänomen oder um eine Reaktion, die durch eine falsche Interpretation der therapeutischen Beziehung hervorgerufen wird, bei dem der/die Ratsuchende die professionell-klientenzentrierte, aktiv zuhörende Haltung des Beratenden als persönliches Interesse missversteht. Als Seelsorger_in muss man sich dieses Risikos bewusst sein und sollte professionell damit umgehen können. Andreas Tabarius, von Beginn des Gesprächs mit Frau "Nennen Sie mich 'Gabi'" Miller an aus sämtlichen erotischen Kanonen und den unfairsten Winkeln beschossen, schlägt sich gar nicht mal so schlecht, tappt aber auch in naheliegende Fallen. Als sie ihm in aller Laszivität, die im öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm möglich ist, entgegenkeucht: "Ich liebe schüchterne Männer, wenn sie dann auch noch Pfarrer sind und so gut aussehen wie Sie...", lässt er sich auf diese private Ebene ein und widerspricht: "Frau Miller... Gabi, wenn ich schüchtern wäre, dann würde ich hier nicht einfach so einmarschieren...", kriegt aber noch die Kurve zur Kirchendachfinanzierung. A propos Übertragung: Das Ganze hat natürlich noch eine andere Ebene, denn Frau Miller dürfte auch eine Projektionsfigur für die Fantasien der anvisierten Durchschnittszuschauerin sein, die sich bei Mon Chéri und Instantcappuccino kaum entscheiden kann, ob sie sich über das Biest im Fernsehen entrüsten oder lieber an deren Stelle wünschen soll und die sich, als Tabarius seinen Kindern mitteilt, er habe "Lust auf Tomate-Mozzarella", denkt: "Hmm, lecker, könnte man eigentlich auch mal wieder machen."

Das Kirchendach


In der Heilandkirche tropft es durch das Dach. Bei einer Baubegehung ist man sich über das Ausmaß und die Finanzierbarkeit der Reparaturkosten uneins. Pfarrer Tabarius weigert sich, vor Eimern zu predigen, die böse Presbyteriumsvorsitzende will kein Geld geben, der Küster weiß nicht, was zu tun ist. Der Superintendent jedoch bewilligt ein Viertel der Kosten (offensichtlich) aus Kirchenkreismitteln, sofern Amtsbruder Tabarius den Rest mit Spenden aufbringen kann.



Wie realistisch das ist? Nicht sehr. Zum Einen rennt der Superintendent nicht dauernd durch die Gemeinden, zum Anderen kann er nicht im Eilentscheid über Kirchenkreisgelder verfügen. Und gleichzeitig: Der Bauunterhalt alter, denkmalgeschützter Kirchen ist ein Dauerproblem für viele Kirchengemeinden. 

Fernsehen trifft Realität - Veranstaltungshinweis


Wie oben erwähnt, werden die Kirchenszenen in der Kölner Kartäuserkirche gedreht. Die Gemeinde ist beim Dreh beteiligt gewesen - und am 1. Advent findet ein Gottesdienst mit Simon Böer alias Andreas Tabarius statt. Ich kann leider nicht, bin aber gespannt, wer was darüber zu berichten weiß - und finde es gut, dass die evangelische Gemeinde Köln solche Schnittstellen wahrnimmt und gestaltet!


Samstag, 9. November 2013

Fernsehpfarrer im Realitätscheck (II)

Andreas Tabarius ist wieder zurück. Auch in dieser Woche herrscht wieder große Aufregung in der Bonner Heilandkirche, weil der neue Vikar früher einmal im Gefängnis gesessen hat und natürlich der erste Verdächtige ist, als die Kollekte aus der Sakristei geklaut wird. Also wieder der übliche Stoff, aus dem Vorabendserien sind, zumal sich rechtzeitig vor Wetten dass?! alles in Wohlgefallen auflösen darf (der tatsächliche Täter wird jetzt und hier natürlich nicht verraten - wer es wissen will, kann sich die Folge in der Mediathek ansehen).

Auch in der zweiten Folge der "Herzensbrecher" fällt wieder auf: Drehbuchschreibende und Darstellende haben Vokabeln gelernt. Das Landeskirchenamt in Düsseldorf findet genauso Erwähnung wie die fünf Hauptdisziplinen, die beim Ersten Theologischen Examen abgeprüft werden. Kirchliches Flair, ob von den Serienmachern so gewollt oder nicht, verbreiten übrigens auch die Namen der Protagonisten - der Vikar Stefan Vieweger ist nachweislich nicht verwandt mit dem Wuppertaler Alttestamentler und Archäologen gleichen Nachnamens, die Gemeindesekretärin Frau Marquardt teilt ihren Namen mit einer alten brandenburgisch-rheinischen Theologenfamilie, und Namensvettern des Küsters (Kuckelkorn) begegnen einem im Rheinischen des Öfteren im Zusammenhang mit Beerdigungen.

Gottesdienstliches


Eine "Predigt" des Kollegen Tabarius, dieses Mal wenigstens im Talar, wenn auch mit komischem Kragen, bleibt der Gemeinde in den Kirchenbänken und vor den Fernsehschirmen auch dieses Mal nicht erspart - warum nicht der Vikar eine Antrittspredigt hält, bleibt verborgen. Auch dieses Mal weicht er ganz spontan von seinen eigentlichen Predigtplänen ab und spricht ein betroffenheitsschwangeres Wort "in eigener Sache" in Anlehnung an Joh 8,7 (oder, wie Tabarius es ausdrückt, "Johannes-Acht-Zwo-Elf"), aufgrunddessen sich natürlich alle von der moralischen Keule empfindlich Getroffenen bekehren und Buße tun. 

Wie realistisch das ist? Wie schon beim ersten Mal: Eigentlich gar nicht. Die Ankunft eines neuen Vikars beschäftigt seinen Mentor schon, vor allem, wenn der nicht umumstritten ist und gar des böswilligen Kollektenraubes verdächtigt wird - das fällt einem also nicht plötzlich auf der Kanzel ein. Aber das ist noch das geringste Problem: Das Ventilieren aktueller Krisen im Umfeld der Gemeinde ist schon riskant genug - schon allein deswegen, weil der oder die Predigende als einzige_r die eigene Sicht der Dinge, die aufgrund eigener Verstrickung in eine Personalangelegenheit noch subjektiver und noch beschränkter ist als sonst, von der Kanzel präsentieren kann, während alle anderen zum Zuhören verdammt sind. Fragwürdig außerdem, ob man Anwesende so einfach der Öffentlichkeit ausliefern darf - in diesem Fall besonders (wenn auch wohlmeinend) den Vikar und (wieder) die böse, böse Presbyteriumsvorsitzende. In einem erstaunlich hellsichtigen Moment fragt Tabarius die Gemeindesekretärin: "Fanden Sie meine Predigt nicht manipulativ?" Jo!
Spannender als liturgische und homiletische Fachfragen sind in der zweiten Folge allerdings Aspekte kirchlichen Dienst- und Arbeitsrechts, mit dem Pfarrer Tabarius ebenso nonchalant umgeht wie mit Predigtmanuskript und Perikopenordnung. 
 

Dienstrechtliches: Von Vikaren, Amtszimmern und Sitzungen


Pfarrer Tabarius bekommt einen Vikar ("Sowas ähnliches wie ein Referendar."). Der schneit relativ unvorbereitet rein, bekommt vom Gemeindepfarrer seinen Arbeitsvertrag ausgehändigt und lernt bald darauf die Presbyteriumsvorsitzende, die übrigen Hauptamtlichen und den Superintendenten kennen. Von denen keiner weiß, dass der Neue mal wegen Raubes im Knast war. Aufgrund der Verdächtigungen im Fall des Kollektenschwundes entscheidet Vikar Vieweger (als einer der wenigen Figuren mit offensichtlich klarem Kopf), dass es besser wäre, die Gemeinde zu verlassen. Nach einer rührseligen Abschiedsszene zieht es ihn mit Motorrad, Collarhemd und Boxhandschuhen nun in die Eifel, wo der Superintendent für ihn eine andere Gemeinde gefunden hat. 

Wie realistisch das ist? Das meiste ist absoluter Quark - von der Erklärung, was ein Vikar ist, mal abgesehen (so beschreiben die meisten Vikar_innen selbst ihre Rolle). Der Pastorenazubi (oder -geselle?) hat im Gefängnis sein "Fachabitur nachgeholt und sich für ein Theologiestudium entschieden" - so begrüßenswert die Entscheidung, so hinderlich ist die Tatsache, dass man mit Fachabi allein an keiner staatlichen Fakultät oder kirchlichen Hochschule Theologie studieren kann. 
Dass der Vikar am ersten Arbeitstag ein Collarhemd trägt (der Vorspann verrät: Der Mentor macht es vor) ist hoffentlich auch sehr unrealistisch, denn es würde doch arg prätenziös aussehen - mal ganz abgesehen von der grundsätzlichen Frage, ob evangelische Pfarrer_innen so etwas überhaupt brauchen. Das wäre mal einen eigenen Blogeintrag wert. 




Ein Vikar bekommt in den meisten Fällen außerdem keinen Arbeitsvertrag ausgehändigt, denn: Auch der kirchliche Vorbereitungsdienst ist ein öffentlich-rechtliches, quasi beamtenanalog geregeltes Dienstverhältnis, das nicht durch eine beiderseitig ausgehandelte und in einem Arbeitsvertrag festgehaltene Übereinkunft bezüglich der vom Arbeitgeber gekauften Arbeitsleistung seine rechtliche Gestalt erhält, sondern durch Überreichung der Berufungsurkunde begründet wird. Die wiederum wird nicht vom Vikarsmentor überreicht (schon gar nicht im Boxclub), sondern vom direkten Dienstvorgesetzten, dem Superintendenten. Und am Landeskirchenamt vorbei funktioniert so etwas ohnehin nicht - das nämlich beruft nach bestandenem Ersten Theologischen Examen in den Vorbereitungsdienst. Und am Presbyterium vorbei eigentlich auch nicht, da würde man im richtigen Leben schon die unheilsschwere Frage stellen, ob hier ein gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Pfarrstelleninhaber_in und Presbyterium überhaupt noch möglich ist. Dass Vikar_innen aufgrund von Problemen mit Mentoren oder Gemeinden und damit aus guten Gründen die Vikariatsgemeinde wechseln, kommt indes vor. Auch der Stellenwechsel von Vikar Vieweger ist nicht ganz unmöglich - eine Heiland-Kirchengemeinde gibt es nämlich im Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel. Wiederum vollkommen unrealistisch ist der Gedanke, dass jemand, der vor gerade einer Woche eine Pfarrstelle übernommen hat, einen Vikar bekommt - das Einleben in einer neuen Gemeinde ist so zeit- und begegnungsintensiv, dass kaum Zeit bleiben dürfte, einen jungen Kollegen beim Einüben beruflicher Tätigkeiten und bei der Entwicklung einer eigenen pastoralen Identität zu begleiten. 
Unrealistisch ist übrigens auch, dass der Pfarrer auf dem Gemeindeamt residiert - wenn eine Dienstwohnung zur Verfügung steht, und vor allem dann, wenn es ein großes Pfarrhaus ist, dann ist das Amtszimmer in aller Regel dort untergebracht. Dann stürmt auch die Sekretärin nicht einfach so rein, und das noch durch eine Tür, die zu dünn ist, als dass sie den (auch akustischen) Schutz, den wir im Rahmen der seelsorglichen Schweigepflicht verprechen, bieten könnte.



Im Gespräch mit der Presbyteriumsvorsitzenden, die, wie nach der ersten Folge zu erwarten war, alles Schlechte in sich vereint und als kaltherzige, paragrafenreitende und pharisäerhafte Vertreterin der Institution den Negativcharakter spielt, gegenüber dem sich der pastorale Charismatiker profilieren kann, schlägt Tabarius vor, das Presbyterium solle sich nicht einmal im Monat treffen - das "kostet erst einmal enorm viel Zeit, und zweitens ist es sowieso nur das ständige Wiederholen von Themen und eigenes Gelaber. Einmal im Quartal würde völlig ausreichen." Frau Abels erkennt den Hintergedanken: "Am liebsten würden Sie uns alle doch hier aus allem raushalten und alles selbst entscheiden."

Wie realistisch das ist? Nun ja. Kirchliche Gremienarbeit kostet Zeit. Und viiiiel Geduld. Und manches (wenn nicht sogar vieles), was auf Presbyteriums- und anderen Sitzungen so alles ventiliert wird, ist ohne jeden Zweifel überflüssig, lästig, vielleicht mitunter sogar schädlich. Aber: Das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, dass man weniger Sitzungen veranstaltet, sondern hängt damit zusammen, wie diese Sitzungen vorbereitet und durchgeführt werden und welche Schwerpunkte die Beteiligten setzen. Und einfach so auf einen Quartalsrhythmus umsteigen kann keine Gemeinde, da ist das Kirchenrecht vor: In der Kirchenordnung, die in einer Landeskirche Verfassungsrang einnimmt und somit in der juristischen Normenhierarchie ganz oben steht, heißt es in Art. 23, Abs. 1: "Die oder der Vorsitzende soll das Presbyterium in der Regel einmal im Monat einberufen." Und "soll" heißt in Rechtstexten bekanntlich: "Muss, wenn kann."

Kleine Lichtblicke...

... oder besser: Überraschend realistische Einblicke in den kirchlichen Alltag werden vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene geboten: Die neue Gemeindesekretäring fragt, wie das ausgewiesen kirchenferne Menschen durchaus des Öfteren tun: "Wie soll ich Sie denn jetzt anreden? Herr Pfarrer? Herr Tabarius?" Der jüngste Pfarrerssprössling schlägt eine pragmatische Lösung vor: "Er heißt Andreas!", woraufhin der Angesprochene überraschend distanziert und dabei professionell entgegnet: "Soweit sind wir noch nicht." Die komplizierte Frage nach dem Duzen in kirchlichen Kontexten ist ja auch hier schon einmal bewegt worden. Überhaupt, die Gemeindesekretärin und das putzige jüngste Pfarrerskind: In allen Gemeinden, die ich bislang erlebt habe und in denen Pfarrer_innen kleine Kinder hatten, lag im Gemeindebüro Schokolade für die Kleinsten bereit, die dort gerne mal nach dem Rechten sahen. Und dass auch Gemeindemenschen tratschen, voreingenommen und vorurteilsbeladen sind, dass, mit Kornelis Heiko Miskotte gesagt, oft genug "die 'Kirchlichen', wenn sie schlimm sind, schlimmer, zwiespältiger, unzuverlässiger, unedler, inhumaner sind als die gewöhnlichen Menschen" - Alas!, wer würde es bestreiten wollen...?

Das Fazit nach der zweiten Folge:

Natürlich ist "Herzensbrecher" in erster Linie eine Vorabendserie, die nach genreüblichen Gesetzmäßigkeiten strukturiert ist, und keine Dokumentation über kirchliches Leben. Die Figur des Andreas Tabarius ist mir bleibend unsympathisch. Nicht, weil kirchliche Rechte und Strukturen sakrosankt und unantastbar wären, sondern weil den Fernsehzuschauer_innen suggeriert wird, theologische Kompetenz würde sich durch das Absondern billigster moralischer Richtigkeiten erweisen und die Rolle der Bibel wäre es, liturgisch gewandeten Luftpumpen als Steinbruch und Stichwortgeberin für selbstgerechte Appelle zu dienen. Trotzdem, oder gerade deswegen bin ich natürlich schon nach der zweiten Folge süchtig, denn: Das Lästern über fiktive Kollegen ist ausdrücklich erlaubt und der eigenen Psychohygiene äußerst zuträglich - schließlich tut es immer gut, wenn man davon überzeugt sein kann, selbst alles richtig zu machen. Zumindest richtiger als "der da". Das gesagt, werde ich mich bußfertig mit dem oben zitierten Satz von Miskotte noch einmal zurückziehen und morgen auf der Kanzel um keinen Millimeter von meinem Manuskript abweichen!