Sonntag, 2. November 2014

Fernsehpfarrer 2.0: Von Schweigepflicht und Dienstverhältnissen

Seit einigen Wochen hat Fernsehpfarrer Andreas Tabarius wieder den Talar vom Nagel genommen und fegt durch die Bonner Heiland-Kirchengemeinde. Zeit, den Alltag im Männerpfarrhaushalt und vor allem die Amtsführung des fiktiven Kollegen weiter unter die Lupe zu nehmen - und wie schon bei der ersten Staffel, so gilt auch jetzt: Hier wird nicht rezensiert, weder das genre- und sendezeittypische Drehbuch, noch die Leistung des (durchgehend eigentlich sehr solide agierenden) Schauspielensembles. Stattdessen geht es darum, die Darstellung des pastoralen und gemeindlichen Alltags einem Praxischeck zu unterziehen - denn: Ob wir wollen oder nicht, der Fernsehpfarrer prägt landauf, landab die Vorstellungen davon, wie ein "richtig guter Pfarrer" so schaltet und waltet. 

TABARIUS UND DIE SCHWEIGEPFLICHT


Gleich die erste Folge der zweiten Staffel hat mit einem großen ethischen Dilemma aufgewartet (nach dem Tabarius eigentlich sein Amt gar nicht mehr ausüben dürfte): Im Rahmen eines ausdrücklich seelsorglichen Gesprächs teilt ein junger Mann dem Pfarrer mit, er sei der bislang flüchtige Fahrer, der seine Frau totgefahren habe, und er möge ihm doch bitte unter Christenmenschen vergeben. Das klingt ein bisschen wie die leidlich aussagekräftigen Fragespielchen, mit denen man immer mal wieder konfrontiert wird, um irgendwelche ethischen Grundsatzfragen abzuwägen. Das wäre natürlich eine pastoralpsychologische Kernschmelze, mit der aber das gravierende Dienstvergehen nicht zu rechtfertigen ist: Denn Tabarius bespricht seine Situation in aller Ausführlichkeit mit einer ganzen Reihe von Unbefugten, darunter der Sekretärin und seinen Söhnen. Und das geht nicht. Ab-so-lut und überhaupt gar nicht, so nachvollziehbar das Bedürfnis auch in dieser überfordernden Situation sein mag. Die Problematik zieht sich durch die gesamte Serie, auch, weil die Gemeindeamtssekretärin offenbar auch den Kalender des Herrn Pfarrer führt, und deswegen muss an dieser Stelle einmal gesagt sein: Liebe Herzensbrecher-Fans, bitte, bitte, bitte glaubt uns, dass wir im wirklichen Leben sorgfältiger mit dem Seelsorgegeheimnis umgehen!

Aber: In und um die Heilandkirche interessieren solche dienstrechtlichen Petitessen bekannter Maßen niemanden - wie schon mehrfach betont, lebt die Serie davon, dass sie den Antagonismus von Amt vs. Charisma inszeniert: die verknöcherte, menschenfeindliche Institution der Amtskirche (in der Regel personalisiert in der Figur der verbitterten Presbyteriumsvorsitzenden) gegen den charismatischen, unkonventionellen, menschen- und lebensnahen Pfarrer, den dann auch das Pfarrdienstgesetz wenig kümmert. Ebensowenig wie die Straßenverkehrsordnung - denn am Anfang der vorletzten Folge parkt der Kollege bräsig im absoluten Halteverbot vor dem Krankenhauseingang und wird folgerichtig abgeschleppt, ob man nun "im Dienste des Herrn" unterwegs ist oder nicht. 

VON WEGEN KOLLEGIALITÄT UND SO...


Da die Presbyteriumsvorsitzende plötzlich so etwas wie Gefühle zeigt, muss natürlich ein neuer Antipathieträger her. Zu diesem Zweck treffen sich Höchstselbe, die allgegenwärtige Schwester Sabine (wer ist das eigentlich?) und der Superintendent in konspirativer Absicht, denn: Pfarrer Tabarius ist offensichtlich überlastet, deswegen soll ein zweiter Pfarrer berufen werden. Das findet Tabarius natürlich gar nicht gut und erinnert die verschworenen Freunde wütend daran, "dass ich einen Vertrag habe." Äh, nein. Hat er nicht. Denn: Pfarrer_innen arbeiten (zumindest in der Regel) in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis, das heißt: Sie werden in den Dienst berufen (deswegen hat Tabarius keinen Vertrag, sondern eine Urkunde) - und auch nicht für abgeleistete Stunden bezahlt, sondern alimentiert, um ihr Leben und Arbeiten in den Dienst der Kirche stellen zu können. 



Ein Neuer steht trotzdem schon in den Startlöchern, er weiß, wie der Herr Superintendent betont, "dass es sich nur um ein Pfarrdienstverhältnis auf Probe handelt", außerdem habe er ihn "mit Bedacht ausgewählt". Auch das ist ziemlicher Quatsch: Superintendenten suchen sich ihre Pfarrer_innen z.A. (zur Anstellung) nicht einfach so aus, diese werden vielmehr von der Landeskirche zugewiesen - natürlich zum Teil mit Rücksprache. Aber: Solche Dinge werden nicht einfach so hinter verschlossenen Türen geregelt - auch da ist das Pfarrdienstgesetz vor. Dass der Fernsehpfarrer darüber verärgert ist, ist angesichts des konspirativen Charakters kaum verwunderlich - und stimmt auch noch auf einer tieferen Ebene: Eine ganz Reihe von Kolleg_innen wollen sich nämlich gar nicht entlasten lassen... Jedenfalls tritt der Neue schon am Ende der letzten Folge auf, und schon die gestalterischen Mittel lassen erkennen, welche Konflikte auf die brave Bonner Kirchengemeinde zukommen: 



DAS PRIVATLEBEN IM PFARRHAUS...


Ansonsten steht in der Folge vor allem das Privatleben im Tabarius'schen Pfarrhaus im Vordergrund: Sohn I schleppt eine Freundin an, die "nur" Friseuse ist und überhaupt sehr nervig. Die beiden ziehen zusammen, sehr zum Verdruss aller Beteiligten. Gerade dabei wird deutlich, dass das Drehbuch letzten Endes inhärent sexistisch strukturiert ist: Es ist natürlich eine Frau, die die traute Männerwirtschaft aufbricht. Sohn III gerät in falsche Gesellschaft, sitzt mit Bierflasche in der Hand vor einem Plattenbau und ist ganz offensichtlich derjenige, der, wie evangelisch.de unlängst spoilerte, "ins Drogenmilieu abrutscht" - dann wissen wir auch, dass Sohn II sich im Laufe der nächsten Folgen outen wird. Entgegen der letztjährigen Kritik von Jörg Tilmes am Format sind die Söhne also nicht mehr "zu jung um schwul oder drogensüchtig zu sein". Es bleibt also spannend in der Fernsehgemeinde...


Kommentare:

  1. Wenn eine Figur des öffentlichen Lebens Gegenstand einer Fernsehserie wird, ist ihr institutioneller Schutz schon erloschen. Das ist für mich hier das Interessante - daher spielen Fragen von Realität und Recherche keine so große Rolle wie die Frage, welche Rolle eigentlich die Religion hier spielt. Und was für eine Religion das eigentlich ist.

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    1. Ich finde schon, dass es insofern eine Rolle spielt, als dass die mediale Vermittlung das reale Berufsbild prägt - die Rückmeldungen, die man auf FB auf der Fanpage des Schauspielers und der Rollenfigur (die hat eine eigene) nachlesen kann, sprechen da Bände.

      Klar, die theologischen Implikationen sind auch nochmal spannend . vor allem dann, wenn sich bei der "stillen Andacht" des Pfarrers ständig die verstorbene Ehefrau in die Kirche epiphaniert.

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