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Sonntag, 2. September 2018

Gefährlicher Glaube | Predigt über Apg 9 und Mendelssohns "Paulus"

Gottesdienst unter Mitwirkung der Kantorei Dreiklang e. V., die Chorstücke und Choräle aus Mendelssohns Paulus sang. Das ganze Oratorium gibt es am 16. September zu hören! Außerdem wurde im Gottesdienst der Sohn zweier junger Leute aus Iran getauft, die wegen ihres Glaubens flüchten mussten und in unserer Gemeinde eine Heimat gefunden haben. Die Predigt wich in manchen Punkten vom Manuskript ab - es gilt halt das gesprochene Wort...

Drei Geschichten verschränken sich heute in diesem Gottesdienst. Drei Geschichten von Menschen, die Christinnen und Christen werden, die es nicht quasi von Geburt an sind, die nicht mehr oder weniger hineingeboren werden in eine Gemeinde, sondern für die sich irgendwann im Laufe ihres Lebens etwas verändert. Drei Geschichten – und eigentlich sind es noch mehr. 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/86/Niccol%C3%B2_dell%27_Abbate_002.jpg
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Da ist Saulus, der sprichwörtlich zum Paulus wird. Der seine Karriere beginnt als gnadenloser Verfolger der noch jungen christlichen Gemeinde und dann nach einem umwerfenden Erlebnis auf der Straße nach Damaskus zum Apostel wird, den seine Reisen bis an die Enden der damals bekannten Welt und darüber hinaus führen. 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/Felix_Mendelssohn_Bartholdy.jpg
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Da ist Felix, Sohn der bedeutenden und wohlhabenden jüdischen Familie Mendelssohn, Enkel des bedeutenden jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn. „Ein Judensohn, aber kein Jude“, so soll Goethe über ihn gesagt haben. Felix wird nicht jüdisch erzogen, sondern 1816, im Alter von sieben Jahren, getauft. Ab diesem Zeitpunkt nutzt die Familie den „christlichen“ zweiten Nachnamen Bartholdy. Mit Mitte Zwanzig beginnt Felix mit den Arbeiten am „Paulus“, einem großen Oratorium, das seinen Ruf als Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik festigt. 

Da sind F. und N. Die, als Muslime aufgewachsen, auf verschiedenen Wegen schon in ihrer Heimat im Iran von Jesus Christus hören. Im Iran, wo das Christentum eigentlich eine längere Geschichte als der Islam hat, aber nur unter einem Prozent der Bevölkerung Christinnen und Christen sind, ist das keine ungefährliche Angelegenheit: Zwar werden ihnen einige Rechte zugesprochen, der Übertritt zum Christentum ist aber nur erlaubt, wenn die Eltern auch Christen sind. „In vielen Kirchen sind sonntags Polizisten in Zivil unterwegs, die sehr genau gucken, wer da alles den Gottesdienst besucht und getauft wird. Besteht ein Verdacht auf Mission, ist der Pastor sehr schnell im Gefängnis und die Kirche geschlossen“, das hast du, N., einmal für den Gemeindebrief erzählt. Auf verschlungenen Wegen lernen sie sich in Deutschland kennen und lieben, landen in Wuppertal und, darüber freuen wir uns sehr, in unserer Gemeinde. Und bekommen den kleinen P., der heute getauft wird. 

Drei Geschichten, die in diesem Gottesdienst ineinander fließen. Und viele mehr kommen dazu – wir alle haben unsere eigene Geschichte mit Gott, die wenigsten wahrscheinlich bruchlos und gerade. Vielleicht können die wenigsten von uns so einen klaren Punkt benennen, an dem man sagen könnte: Dann und dann war es soweit. Ich kann das nicht. Ich kann nicht diesen einen Punkt festmachen und sagen: Hier hat mein Glaube angefangen. Ich kann mich aber an Zeiten erinnern, in denen ich dachte: Das ist alles nichts. In denen ich das Gefühl hatte, allein zu sein unter einem weiten Himmel, der kein Geheimnis birgt hinter Sonne, Mond und Sternen außer der kalten Unendlichkeit des Alls oder in denen ich dachte: Wenn es Gott gibt, dann weiß ich gerade nicht, ob ich ihn mag. Oder brauche. Oder will. Und ich kann Punkte benennen, an denen wir uns wiedergefunden haben. Man wird nicht fertig mit dem Glauben. 

Felix Mendelssohn Bartholdy wird auch kaum fertig mit seinem Paulus. Er feilt über Jahre daran. Verändert die Struktur, verwirft bereits geschriebene Musikstücke, komponiert Neues, setzt die Teile anders zusammen. Streitet sich mit Zeitgenossen, die sagen: Über Paulus kann man kein Oratorium schreiben – wie soll die Musik, die so unwiderstehlich das Gefühl anspricht, diesen verkopften Denker beschreiben können? Sein Vater Abraham begleitet die Arbeit an der Partitur eng bis zu seinem Tod. In Briefen ermutigt er Felix zur Aufnahme traditioneller Elemente evangelischer Kirchenmusik, um seine protestantische Identität zu beweisen. Die Arbeit am Paulus wird so zur Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Wann immer Felix ein Musikstück nur mit seinem jüdischen Nachnamen Mendelssohn unterschreibt, ermahnt ihn sein Vater, doch lieber den christlichen Nachnamen Bartholdy zu benutzen, denn, so schreibt er mehrfach: „Es wird ebensowenig jemals einen christlichen Mendelssohn geben wie einen jüdischen Konfuzius.“ Wahrscheinlich treibt Abraham Mendelssohn Bartholdy die Ahnung oder die Erfahrung, dass seine Familie immer unter Verdacht stehen wird, immer beweisen muss, dass sie die besseren Christen sind. Dass sie es ernst meinen. So, wie viele Menschen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind, immer wieder beweisen müssen, dass sie die besseren Deutschen sind. Gerade in der Entstehungszeit des Paulus ist die Familie Mendelssohn Bartholdy antisemitischen Vorurteilen und Kampagnen ausgesetzt, einen Höhepunkt erreicht das mit der Schmähschrift Richard Wagners, Das Judenthum in der Musik, mit dem er Mendelssohns Ansehen nachhaltig beschädigt.  Felix wird das zum Glück nicht mehr selbst erleben. 

Wie es ist, wenn Leute sagen: „Du bist doch gar kein Christ“, das hast du auch erlebt, N. Wir haben beide mit deiner Anwältin und einem Gott sei Dank kompetenten Übersetzer im Anhörungszimmer gesessen und immer fassungsloser den immer abstruseren Fragen der Sachbearbeiterin zugehört, mit der sie prüfen wollte, ob Du denn wirklich Christ bist. Ich möchte sie hier nicht wiederholen, aber ich zitiere ein paar Fragen und Aussagen von Mitarbeitenden des Bundesamtes für Migration, die in einigen Zeitungen veröffentlicht worden sind – Sie können ja überlegen, ob Ihnen eine Antwort eingefallen wäre: 

„Was ist die weltliche Hauptstadt des christlichen Glaubens?" 
„Sie kennen doch bestimmt das Gleichnis vom verlorenen Sohn – wie hießen die beiden Söhne?“ 
„Warum haben Sie die Bibel nicht vollständig gelesen?“ 
„Warum tragen Sie kein Kreuz?“ Oder, als Variante: „Warum tragen Sie ein Kreuz, wenn Sie evangelisch sind?“ 
„Martin Luther ist eine wichtige Person im Evangelium. Wie ist er gestorben?“ 

Immer wieder werden Anträge abgelehnt mit der Begründung: Es zwingt Sie doch niemand, Ihren Glauben öffentlich zu bekennen, Sie sind ja selber schuld! N., du hast selbst einmal gesagt: „Ich hatte ein gutes Leben im Iran. Mehrere Leute haben mir geraten, nach außen als Moslem zu leben und mein Christentum für mich zu behalten, aber das wäre nicht gegangen. Ich kann doch nicht über das schweigen, was mich so fasziniert und bewegt – Jesus hat auch gesagt, dass wir unser Licht nicht irgendwo verstecken sollen.“ 

Auch Paulus sieht sich in seiner Karriere als Apostel immer wieder Anfeindungen ausgesetzt – man wirft ihm seine Vergangenheit als Christenverfolger vor, man spricht ihm die Befähigung ab, über den Glauben zu sprechen, weil er Jesus nicht zu Lebzeiten gekannt hat. Paulus antwortet auf solche Anfeindungen, in dem er von seinem eigenen Leben erzählt, wie er selbst Gott am eigenen Leib erfahren hat, auch von seinen eigenen Zweifeln und Abgründen. Und vielleicht ist das auch bei uns so. Wir können und dürfen vielleicht sowieso nur von Gott reden, wenn wir zugleich bereit sind, auch von uns selbst zu reden, von unserem Leben, unserer Geschichte. 

Das ist nicht einfach, das wissen wir alle selbst. 

Die Geschichten, die hier heute zusammenfließen, erinnern uns daran, dass das auch gefährlich sein kann. Die Christenverfolgung der Antike, die Paulus wahrscheinlich in Rom das Leben gekostet hat, ist nicht ohne Parallelen in der Gegenwart. Fragen Sie unseren Pastor Favor Bancin, unter welchen Gefahren Christinnen und Christen mittlerweile in Teilen Indonesiens leben. Informieren Sie sich in den Nachrichten, wie christliche Gemeinden in der Türkei leben oder in China. Wie es in der DDR war. Oder fragen Sie Pfarrerinnen und Pfarrer in Ostdeutschland, die gegen die braune Hetze der AfD, Pegida, der Pro-Bewegung und anderer Nazis den Glauben an den dreieinen Gott bekennen, der der Schöpfer und Erhalter ALLER Menschen ist, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion. 

Und wenn wir aus den Ereignissen in Chemnitz in diesen Tagen eins mitnehmen, dann doch das: Der Anfangschoral von Mendelssohn, den wir gerade gehört haben, gilt uns, hier, heute, jetzt, uns im Einzelnen, uns in Deutschland, in Europa, in der Welt: Wachet auf, ruft uns die Stimme! 

Als einige von unseren Chorsängerinnen und Chorsängern dankenswerter Weise hier vorbei gekommen sind, um den Gottesdienst mit vorzubereiten, da waren wir, als wir im Gespräch an diesem Punkt angelangt waren, für den Moment sprachlos, so irgendwie. Warum muss das sein? Warum muss das für Menschen gefährlich sein, wenn sie ihren Glauben bekennen? Wir haben geahnt, dass man die Schuld dafür nicht allein Gott in die Schuhe schieben kann – denn es sind immer Menschen, die andere Menschen quälen, foltern, mobben, töten. Aber warum muss das sein? Und wir haben das starke Gefühl gehabt, dass es dafür keine allgemeingültige Antwort geben kann. Nur den Protest. Und die Hoffnung, dass allerletzten Endes die Verfolger nicht das letzte Wort haben werden. Dass Gott mit den Rattenfängern und Volksverhetzern unserer Tage noch etwas anfangen kann, dass er mit ihnen das tun kann, was er mit Paulus getan hat: Dass er sie umwirft und auf den richtigen Weg bringt und dass sie mit seiner Hilfe sogar noch oder wieder Gutes tun können, wenn sie ihre bösen Wege verlassen. So wie Gott auch mit uns und unseren verdrehten, schrägen und manchmal schlimmen Lebensgeschichten etwas anfangen kann. 

In der Josefsgeschichte sagt Josef ja zu seinen Brüdern den wichtigen Satz: „Ihr hattet Böses im Sinn, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Und das erleben wir heute. Lieber N., liebe F., es ist schlimm, dass Ihr Eure Heimat verlassen musstet. Und gleichzeitig sind wir als Gemeinde unendlich dankbar, dass Ihr hier seid und dass Ihr ein Segen seid mitten unter uns! 

Und wir sind in der Vorbereitung gedanklich noch einen Schritt weitergegangen. Und haben geahnt, dass es noch eine Hoffnung gibt, einen Trost, wenn den Bösen nicht Einhalt geboten wird. Einen Trost, der nicht einfach so auf ein Kalenderblatt gedruckt oder in einem griffigen Satz zusammengefasst werden kann. Einen Trost, der die Grenzen unseres Denkens und unseres Lebens sprengt. Einen Trost, den nicht wir denen, die um ihres Glaubens Willen verfolgt werden, zusprechen, sondern sie uns. Einen Trost, den die Kantorei uns jetzt zusingt.


Siehe Wir preisen selig, die erduldet haben. Denn ob der Leib gleich stirbt, doch wird die Seele leben. 

Christus spricht: Ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.

Wir stehen zu unserem Glauben. Wir sprechen gemeinsam das Bekenntnis, dass gefährlich sein kann. Und wir bekennen stellvertretend für die Menschen, die das nicht können:

Ich glaube an Gott, den Vater, ...
Amen.

Montag, 12. Mai 2014

Von Amsterdam nach Athen und weiter nach Köln - Predigt über Apg 17,18-32

(c) de.wikipedia.org

Liebe Gemeinde, 
Vor fast einem Jahr war ich in Amsterdam. Mit einer Gruppe Pfarrerinnen und Pfarrern haben wir uns dort ermutigende Beispiele für kirchliche Arbeit angeguckt, Gemeinden, die neue Wege gegangen und eine Heimat für Menschen geworden sind, die mit Kirche nie etwas anfangen konnten. Wir haben viele tolle Projekte gesehen, große, blühende Gemeinden - aber die Gemeinde, die mich, wenn ich mit etwas Abstand zurückblicke, am Meisten berührt hat, war eine winzige Gemeinde, die in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Ladenlokal ihre Räume hatte, die sie sich außerdem noch mit der Volkshochschule teilen musste. Für uns, Pfarrerinnen und Pfarrer aus Rheinland und Westfalen, waren das Zustände, die wir nicht gewohnt sind, und unter denen wir uns kaum vorstellen können, wie man da sinnvolle, gute Gemeindearbeit machen konnte. Aber wir alle hatten so eine Ahnung, dass es auch bei uns irgendwann einmal so sein könnte wie in den Niederlanden: Dass wir Kirchen verkaufen müssen, Mitarbeiter entlassen, dass wir an Orte kommen, an denen die Formen von Gemeindearbeit, die wir kennen und lieben, keine Chance haben. Das war die Erkenntnis, die die dortige Pfarrerin zu Beginn ihrer Arbeit hatte. Ihr Name ist Margrieta Reinders. Nett, sympathisch, ein bisschen verhuscht – und unglaublich neugierig auf die Menschen, die ihr begegnen. Sie erzählte, dass man in ihrer Gemeinde besonders gerne und besonders aufmerksam die Briefe von Paulus liest, sie sagt: Paulus hat an kleine, gefährdete, unsichere Gemeinden, an Gemeinschaften voller Pioniere geschrieben – und wir sind eine kleine, gefährdete, unsichere Gemeinde, und wir sind vielleicht in unserem Umfeld auch so etwas wie kleine Pioniere. 

Ich möchte das heute mit Ihnen und Euch heute auch tun, nachlesen: Was hat Paulus gesagt und getan? Und was können wir sagen und tun in einer Zeit, in der es für Menschen nicht mehr selbstverständlich ist, zur Kirche zu gehören? Der Predigttext aus der Apostelgeschichte, der für heute vorgeschlagen ist, ist in dieser Hinsicht echt interessant; es geht um Paulus, der mittlerweile in Europa angekommen ist. Wer das zuhause noch einmal nachlesen will – die Geschichte steht in Apg 17; es ist ein langer Text, und wir werden ihn gleich noch Stück für Stück durchgehen. 

Da trat Paulus vor die Ratsmitglieder und alle anderen, die zusammengekommen waren, und begann: »Bürger von Athen! Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹. Ihr verehrt also ein göttliches Wesen, ohne es zu kennen. Nun, gerade diese euch unbekannte Gottheit verkünde ich euch. Meine Botschaft handelt von dem Gott, der die ganze Welt mit allem, was darin ist, geschaffen hat. Er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschen erbaut wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, dass wir Menschen ihm dienen. Nicht er ist von uns abhängig, sondern wir von ihm. Er ist es, der uns allen das Leben und die Luft zum Atmen gibt und uns mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen. Aus einem einzigen Menschen hat er alle Völker hervorgehen lassen. Er hat bestimmt, dass sich die Menschen über die ganze Erde ausbreiten, und hat festgelegt, wie lange jedes Volk bestehen und in welchem Gebiet es leben soll. Mit allem, was er tat, wollte er die Menschen dazu bringen, nach ihm zu fragen; er wollte, dass sie – wenn irgend möglich – in Kontakt mit ihm kommen und ihn finden. Er ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne. Denn in ihm, dessen Gegenwart alles durchdringt, leben wir, bestehen wir und sind wir. Oder, wie es einige eurer eigenen Dichter ausgedrückt haben: ›Er ist es, von dem wir abstammen.‹ Wenn wir nun aber von Gott abstammen, dürfen wir nicht meinen, die Gottheit gleiche jenen Statuen aus Gold, Silber oder Stein, die das Produkt menschlicher Erfindungskraft und Kunstfertigkeit sind. In der Vergangenheit hat Gott gnädig über die Verfehlungen hinweggesehen, die die Menschen in ihrer Unwissenheit begangen haben. Doch jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten zur Umkehr auf. Er hat nämlich einen Tag festgesetzt, an dem er durch einen von ihm bestimmten Mann über die ganze Menschheit Gericht halten und über alle ein gerechtes Urteil sprechen wird. Diesen Mann hat er vor aller Welt als den künftigen Richter bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.« Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, brach ein Teil der Zuhörer in Gelächter aus, und andere sagten: »Über dieses Thema wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt mehr von dir erfahren.« Damit endete die Anhörung, und Paulus verließ die Ratsversammlung. Doch einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, so zum Beispiel Dionysios, ein Mitglied des Stadtrats, und eine Frau namens Damaris; und es gab noch andere, die zusammen mit diesen beiden an Jesus glaubten. I. Da trat Paulus vor die Ratsmitglieder und alle anderen, die zusammengekommen waren. 

Liebe Gemeinde, Paulus ist nicht ganz freiwillig vor den Rat getreten, das Ganze hat eine Vorgeschichte: Paulus ist schon einige Zeit in Athen, und er redet in den Synagogen mit den Leuten, aber ein paar Verse vorher steht auch: Auf dem Marktplatz unterhielt er sich Tag für Tag mit denen, die er dort antraf. Diese kleine Notiz finde ich unglaublich wichtig, und sie fordert mich gleichzeitig heraus, denn ich muss mich fragen: Wo bin ich eigentlich unterwegs, um mit den Menschen über den Glauben zu sprechen? Paulus geht dahin, wo die Menschen sind, wo Menschen unterwegs sind mit ihren Fragen, ihren Sehnsüchten, aber auch ihren Alltagsgeschäften. Und ich frage mich: Wo könnte das hier in Dellbrück sein? Und ein paar Leute wundern sich, und in der Stadt geht das Gerücht um, dass da jemand ist, der versucht, eine fremde Religion unter die Leute zu bringen. Und so bringt man Paulus auf den Areopag, ein großer Hügel mitten in Athen, auf dem der Stadtrat tagt. Und dort fragt man ihn: Was sind das eigentlich für komische Sachen, die Du da erzählst? Und alle Gespräche verstummen, und alle Augen richten sich auf ihn. 

Vielleicht haben Sie, habt Ihr das auch schon mal erlebt. Manchmal passiert das ja, weil es in unserer Gesellschaft immer weniger selbstverständlich wird, Mitglied einer Kirche zu sein – oder zumindest aktiv am Gemeindeleben teilzunehmen. Da kommt es vor, dass man auf einer Geburtstagsfeier oder im Kollegenkreis sitzt und nebenbei erwähnt: Am Sonntag gehe ich in die Kirche. Oder: Ich singe im Kirchenchor. Oder: Dienstags habe ich Konfirmandenunterricht. Und Menschen sind ganz erstaunt, und fragen vielleicht: Warum denn das? 

(c) ruthafrita.com


In unserem Glaubenskurs, der jetzt schon fast zu Ende ist, gibt es einen festen Punkt, an dem viele Leute Spaß haben. Wir nennen das: Der heiße Stuhl. Den ganzen Abend über haben die Teilnehmer die Möglichkeit, jede Frage, die sie immer schon zum Thema Glauben oder Kirche oder Religion im Allgemeinen stellen wollten, auf einen Zettel zu schreiben und an die Pinwand zu heften. Und gegen Ende des Abends werden alle Zettel nach vorne geholt, und ein Pfarrer muss all diese Fragen innerhalb von zwei Minuten verständlich beantworten – das wird sogar mit Stoppuhr kontrolliert. Mir macht dieser Punkt auch Spaß, aber ich bin danach richtig kaputt – und ich weiß nicht, was am schwierigsten ist: Die Fragen an sich, denn alle Antworten habe ich auch nicht, oder die Zeitgrenze von zwei Minuten, oder die Aufgabe, die Frage verständlich zu erklären – Kürze und Klarheit sind ja nicht unbedingt die Tugenden, für die wir Pfarrer allgemein bekannt sind. 

Paulus wird auf den heißen Stuhl gesetzt, und er sagt: »Bürger von Athen! Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹ 

Liebe Gemeinde, wir wissen nicht, ob es so einen Altar wirklich gegeben hat – bei allen Ausgrabungen in und um Athen hat man zumindest keinen gefunden. Aber ich glaube, zumindest im übertragenen Sinne trifft Paulus einen Nerv: Menschen sind auf der Suche, nach Sinn und Bedeutung, nach dem, was trägt, nach irgendetwas oder irgendjemandem, der ihnen sagt: Du bist gut - in den Straßen von Athen vor 2000 Jahren, und in Köln 2014. 

Bilder (c) blog.nn-online.de und sol.de/dpa


Mit dem Predigttext im Hinterkopf gehe ich über die Dellbrücker Hauptstraße. Einmal rauf, einmal runter. Gucke mir die Menschen an, die dort unterwegs sind. Am Postbank-Automaten an der Kemperwiese steht eine Schlange Menschen. Einer geht weg, blättert durch seine Kontoauszüge und lächelt zufrieden. Ein junge Frau, ein Kind auf dem Arm, eins im Kinderwagen, tippt hektisch ihre PIN-Nummer ein und wartet ungeduldig. Ihre Lippen bewegen sich leise, sie murmelt Unverständliches, während der Automat arbeitet, ihr Blick zuckt immer wieder nach oben, Richtung Decke. Oder dahinter. 

Im Buchladen ein ganzes Regal mit der Aufschrift: „Esoterik/Lebenshilfe“. Eine ganze Reihe Bücher, die meisten in bunten, hellen Farben: Erfolg und Ausdauer durch kosmische Energie – mit Übungsbuch und Gratis-Edelstein. // Astrologie für Gesundheitsbewusste – schlank und schön mit der Kraft der Sterne. // Wegbegleiter für jeden Tag – Engelkalender mit 52 Engelkarten. Dazwischen, passend, kleine Engels- oder Buddhastatuen. 

Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹. 

Liebe Gemeinde, mir fällt auf, dass Paulus diese Suche der Menschen nicht abwertet. Er sagt ihnen nicht: Das ist falsch. Auch, wenn er das bestimmt so sieht. Sondern er nimmt ihr Suchen, ihre Sehnsucht, ihre selbstgebastelten Antwortversuche ernst. Daran muss ich mich selbst erinnern. Ich gehe meistens sehr schnell und meist mit einem etwas geringschätzigen Blick an den Esoterikecken in den Buchläden vorbei, meistens riecht es da ja auch etwas penetrant nach Lavendel oder Patchuli. Aber ich mache mir selten Gedanken über die Menschen, die dort nach Antworten suchen. 

Paulus nimmt diese selbstgebauten Heiligtümer ernst – aber er bleibt nicht dabei stehen, sondern er sagt ganz vollmundig: Ich erkläre euch diesen unbekannten Gott. Und dann erklärt er. Meine Botschaft handelt von dem Gott, der die ganze Welt mit allem, was darin ist, geschaffen hat. […] Mit allem, was er tat, wollte er die Menschen dazu bringen, nach ihm zu fragen; er wollte, dass sie – wenn irgend möglich – in Kontakt mit ihm kommen und ihn finden. Und eine ganze Menge anderes sagt er, wir brauchen das nicht alles zu wiederholen, Ihr könnt es ja zuhause nachlesen. Aber: Er benutzt dabei Ausdrücke und Bilder, die nicht direkt aus der Bibel stammen, sondern aus dem Sprachgebrauch der Philosophie seiner Zeit, benutzt also Begriffe, die die Leute kennen, aber er füllt sie mit neuem Inhalt. Und an ganz zentraler Stelle sagt er: Keinem von uns ist Gott fern. 

Er spricht auch von Jesus Christus, allerdings ohne ihn beim Namen zu nennen, er sagt von ihm nur: Diesen Mann hat er vor aller Welt als den künftigen Richter bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. 

Und an der Stelle passiert etwas: Seine Zuhörerschaft zerstreut sich. 

Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, brach ein Teil der Zuhörer in Gelächter aus, und andere sagten: »Über dieses Thema wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt mehr von dir erfahren.« Damit endete die Anhörung, und Paulus verließ die Ratsversammlung. 

Das kenne ich aus meiner Arbeit. Solange wir irgendwas allgemeines reden, von einem Gott, den es irgendwie gibt, einem höheren Wesen, das irgendwie allen nah ist, nicken die Menschen. Aber wenn es konkret wird, regt sich Widerstand, und Leute sagen: Naja, zu religiös wollen wir bitte doch nicht werden. Und mir macht das Mut, dass das bei Paulus nicht viel anders war. Die meisten drehen sich weg und gehen. Alle, bis auf eine Handvoll; unsere Geschichte endet mit einer kleinen Notiz, die oft übersehen wird: Doch einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, so zum Beispiel Dionysios, ein Mitglied des Stadtrats, und eine Frau namens Damaris; und es gab noch andere, die zusammen mit diesen beiden an Jesus glaubten. 



Als wir unseren Glaubenskurs vorbereitet haben, haben wir über tausend Karten verschickt, die meisten handgeschrieben, mit einem persönlichen Gruß und einer Einladung. Als der erste Abend näher rückte, hatten wir sogar einen Plan B in der Tasche, hatten die Kirche aufgeheizt und vorbereitet – falls mehr als die dreißig Leute kommen würden, für die wir im Gemeindehaus Stühle gestellt hatten. Und wir warteten. Um kurz vor sieben war eine Person da, kurz darauf kamen noch vier andere. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Ich war nicht enttäuscht, nach all der Arbeit, nach der ganzen intensiven Vorbereitung im Team. Aber am Ende des Abends standen wir zusammen und blickten zurück auf einen interessanten und intensiven Abend, mit vielen persönlichen Gesprächen und spannenden Diskussionen. Und das hat eigentlich jeden unserer bisherigen Abende geprägt. 

Liebe Gemeinde, die kleine Gemeinde in Amsterdam trägt den stolzen Namen Heilig Vuur, heiliges Feuer. Und das, was Margrietha Reinders von ihrer Arbeit erzählt hat, und das, was in der Apostelgeschichte über die Erfahrungen von Paulus in Athen schreibt, das alles macht mir nochmal klar: Das heilige Feuer muss kein Flächenbrand sein. Es kann auch die Flamme sein, die in den Herzen von einzelnen entzündet wird, und die im persönlichen Gespräch von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Und dieses Gespräch, das müssen wir suchen, stärker als bisher. Denn auch eine kleine Flamme wärmt. Und macht das Leben heller. Und wer weiß, was sich daran noch alles entzündet. Amen.