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Freitag, 29. September 2017

Zurück ans Lagerfeuer



Ich mag Abendgottesdienste. Vor allem, weil ich, glaube ich, eher Nachteule als Morgenmensch bin. Aber auch das ganze andere. Das Licht, das anders ist, die Kerzen, die umso heller leuchten. Das gute Gefühl, wirklich Feierabend zu haben, wenn ich die Kirche verlasse. Mit einem Segen in die Nacht zu gehen. Die selten gesungenen Abendlieder, die so viel lebensweiser und so viel poetischer als das (für mich immer halb gelogene) "All Morgen ist ganz frisch und neu" über das Leben mit einem mutmaßlich bewohnten Himmel überm Kopf singen. 


In der evangelischen Landeskirche sind Abendgottesdienste selten. Unter der Woche findet abends trotzdem ein Großteil des kirchlichen Lebens statt: Gruppen und Kreise, aber vor allem auch Gremienarbeit. Was nicht weiter verwundert, da in den Sitzungen überwiegend ehrenamtlich Engagierte sitzen, die hier ihren Feierabend verbringen. 

Letztens bin ich auf die Forschungen der US-amerikanischen Anthropologin Polly W. Wiessner gestoßen. Die hat längere Zeit bei den Ju|'hoansi gelebt, einem indigenen Volk in der Kalahari-Wüste. Sie hat dort die Kommunikationsgewohnheiten untersucht und in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz folgendes Ergebnis über den Unterschied der Gespräche am Tag und bei Nacht am Lagerfeuer festgehalten (wer nicht so viel Zeit hat, kann sich auch einen kürzeren Artikel zu Gemüte führen, aus dem das folgende Zitat stammt):

Tagsüber drehen sich die Gespräche vor allem um ökonomische Aktivitäten - Arbeit, Essensbeschaffung, Austausch über Ressourcen. [...] Es hat viel mit sozialen Themen und mit Kontrolle zu tun: Kritik, Beschwerden und Nörgelei. Abends und nachts lassen die Menschen los, werden lockerer und suchen Unterhaltung. Wenn es tagsüber Konflikte gegeben hat, lassen sie diese hinter sich und kommen wieder zusammen. Abendliche Gespräche haben mehr mit Geschichten zu tun, mit der Unterhaltung über die Charaktereigenschaften Dritter, die aber zum weiteren Netzwerk gehören, und mit dem Nachdenken über die Welt der Geister und wie diese die Menschenwelt beeinflussen. Es gibt auch Singen und Tanzen, was innerhalb einer Gruppe verbindet.

Wiessner bestätigt damit die umfangreiche Forschung vor ihr, die die Bedeutung der Kontrolle über das Feuer für die menschliche Entwicklung insbesondere im Blick auf sozial wirksame Narrative herausgestellt hat. Es scheint kein weiter Weg, von dort aus auf die Traditionsprozesse der biblischen Bücher zu schließen, deren Sitz im Leben ja zumal in früher Zeit das nomadische Lagerfeuer war. Wiessners Untersuchung macht deutlich, dass es hierbei nicht nur um bloße Unterhaltung und Wissensweitergabe, sondern auch um die Konstruktion sozialer und spiritueller Identitäten geht. Die Theologie weiß das schon länger, bei der Kirche bin ich mir nicht so sicher. 



Immerhin, eins haben wir behalten: Kerzen. Wiessner misst dem Feuer in der Nacht nicht nur als Schauplatz sozialer Interaktion, sondern auch als Medium große Bedeutung bei: 

Ausreichend heller Feuerschein unterdrückt die Melatoninproduktion und sorgt für Energie zu einer Tageszeit, zu der wenig wirtschaftlich produktive Arbeit geleistet werden kann, dabei gibt es genug Zeit. In der heißen Jahreszeit hilft die Kühle des Abends, aufgestaute Energie zu entladen, in der kalten Jahreszeit rücken die Leute zusammen. Die Gemeinschaft am Feuer setzt sich oft, wenn auch nicht immer, aus Menschen verschiedener Altersstufen und Geschlechter zusammen. Mond und Sterne wecken Imaginationen des Übernatürlichen ebenso wie ein Gefühl der Verwundbarkeit gegenüber bösen Geistern, Raubtieren und Feinden, denen man die Gemeinschaft entgegenhält. Körpersprache wird im Feuerschein weniger deutlich, das Bewusstsein für sich selbst und andere ist geringer. [...] Die Themen des Tages werden fallen gelassen, während kleine Kinder im Schoß von Verwandten einschlafen. [...] Die Sehnsucht nach dem Feuer als Schauplatz sozialer Vertrautheit und Offenheit im Gespräch bleibt in hohem Maße ein Bestandteil modernen Lebens und ein potenzielles Forschungsfeld. Obwohl Gespräche am Lagerfeuer in unserem täglichen Leben selten sind, bleiben sie ein geschätzter Bestandteil von Pfadfinderausflügen, Picknicks, Outdoor-Trips und ökotouristischen Unternehmungen, die auf soziale Intimität und das Teilen von Wissen zielen. Die Macht der Flamme wird in unseren Häusern durch Kamine und Kerzen reproduziert. Der dänische Geist des "hygge" (Gemütlichkeit in Gemeinschaft) ist vom planvollen Platzieren von Kerzen, "lebenden Lichtern" gekennzeichnet, um vertrauliche Gespräche zu ermöglichen.



Schon hier könnte man pausieren und darüber nachdenken, wo solche Erfahrungen im kirchlichen Leben jenseits von Konfifreizeiten ihren Sitz im Leben haben könnten. Wiessner geht aber noch einen Schritt weiter und wirft Fragen auf, die sich an der Möglichkeit der Tagesverlängerung durch elektrisches Licht entzünden - damit ist sie keineswegs allein, zahlreiche Vertreter religiöser und säkularer Spiritualitätsansätze thematisieren das in schöner Regelmäßigkeit: 

Wie Jäger und Sammler wächst unsere Vorstellungskraft, gewinnen neue Perspektiven und erweitert sich unsere Horizont anhand von Geschichten. Nichtsdestotrotz dringen künstliches Licht und digitale Kommunikation weltweit in die Nacht ein, verwandeln Stunden der Dunkelheit in ökonomisch produktive Zeit und überlagern so die Zeit für Geselligkeit und Geschichten. Der Tag endet auf Knopfdruck, ohne dass man sich die Zeit nimmt, Beziehungen zu pflegen, zu entdecken, zu reflektieren oder zu heilen, oder die Themen des Tages mit der Kohle verglühen zu lassen. 




Wiessners Gedanken beschäftigen mich schon eine ganze Weile, weil in der von ihr untersuchten Gemeinschaft am Lagerfeuer Dinge aufscheinen, die mir (und, wenn ich meinen Gemeindegliedern glauben kann, anderen auch) im kirchlichen Alltag fehlen: Das scheinbar ziel- und zwecklose Beisammensitzen, das Teilen von Geschichten und Erfahrungen, das gemeinsame Erleben des Ausgesetztseins und gleichzeitigen Gehaltenseins unter freiem Himmel. Mit Abendgottesdiensten allein ist das sicherlich nicht zu ersetzen, und natürlich lassen sich nicht alle Sitzungen am Abend einfach so abschaffen. Immerhin: In unserem Presbyterium (und in anderen auch) gibt es den klugen Grundsatz, dass nach 22 Uhr keine Beschlüsse mehr gefasst werden. Vielleicht lassen sich durch kleine Akzentverschiebungen bereits Dinge wiedergewinnen, die im Alltag leicht verloren gehen. Zum Beispiel dadurch, dass die unvermeidliche Andacht nicht zu Beginn, sondern am Ende einer Sitzung gehalten wird. Die wird nicht mehr nach dem Muster einer Mini-Predigt zur Tageslosung oder zu einem bestimmten Thema funktionieren, sondern wahrscheinlich zur Entwicklung oder Wiederentdeckung eigener Formen führen, die stärker auf Gemeinschaft, stärker auf Spüren, Erleben und Teilen abzielen.

Bewahre uns, o Herr, wenn wir wachen,
behüte uns, wenn wir schlafen,
auf dass wir wachen mit Christus
und ruhen in Dir.

Donnerstag, 12. September 2013

Die Sauerteig-Challenge. Tag 4: Ansatzpflege

Am vierten Tag wenden wir uns wieder, nach langem Warten, unserem Teigansatz zu und fügen morgens und abends etwas hinzu:

Am Morgen:
100 ml warmes Wasser
90 g Roggenmehl


Alles vermischen - das Ganze wird jetzt ein bisschen dickflüssiger. Und wieder: Stehen lassen und warten, allerdings diesmal nur bis zum abend. Dann geht es nämlich weiter:

Am Abend:
100 ml warmes Wasser
60 g Roggenmehl

Jetzt hat sich hoffentlich im Teig schon etwas getan - irgendwann heute abend, spätestens morgen früh sollte die Masse, die sich in dem Glas befindet, eine Konsistenz haben, die in etwa an Mousse au Chocolat erinnert. Wenn nicht, bleibt nichts anderes übrig, als alles bis auf ca. 50 g (sprich 2-3 EL) auszukippen und die Prozedur vom Morgen zu wiederholen. Dann müsste aber auch geklappt haben. 

Den Teigansatz jetzt einfach im Kühlschrank im (diesmal verschlossenen Glas) zwischenparken - was man damit machen kann, wird morgen hier verraten!

Wenn das Himmelreich wie ein Sauerteig ist...


Noch ein paar Gedanken zum Sauerteig, zum Leben in der Gemeinde und zum Spiel mit dem Reich Gottes: Ich finde es immer spannend, mitzuerleben, wie die Masse im Glas lebendig wird, Blasen wirft, im Volumen wächst und ein Eigenleben führt. Fast ganz von sich allein. Das Einzige, was der Teig braucht, ist ab und zu etwas Nahrung - und die richtige Temperatur. So erlebe ich auch die Gemeindearbeit: Die Menschen, die sich hier engagieren, ihre Gaben und Talente und ihre Zeit einbringen, können gut mit ihrer Verantwortung umgehen und müssen in den meisten Fällen nicht kleinschrittig begleitet werden. Wofür ich als Pfarrer, oder allgemein: als Hauptamtler, sorgen kann und muss, ist genau das: Ich halte Nahrung bereit, inhaltliche, geistliche, praktische Inputs. Und ich versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Einzelnen sich wohlfühlen und entfalten können. Dann wächst der Ansatz, und er strahlt aus: Neue Menschen, die dazu kommen, mitgerissen werden und ein Teil dieses lebendigen Organismus sein möchten. Wenn die Temperatur stimmt!

Montag, 9. September 2013

Die Sauerteig-Challenge. Tag 1: Der Ansatz

Los geht es also damit, dass wir einen Sauerteig ansetzen. Dazu braucht man nicht mehr als ein bisschen Roggenmehl (gerne Vollkorn), etwas warmes Wasser und ein Schraubglas, das mindestens 0,5 Liter fasst. Alles da? Super, dann mal los!

Sauerteigansatz

Tag 1 (erste Tageshälfte):
100 ml warmes Wasser
30 g Roggenmehl

Mehl und Wasser im Schraubglas verrühren. Den Deckel auflegen, aber nicht ganz fest zuschrauben - wir wollen die Essigfliegen fernhalten, aber nicht riskieren, dass uns im Laufe der Gärung der Deckel um die Ohren fliegt. Das Ganze an einem warmen Ort, gern über 20 Grad, drei Tage lang stehen lassen und morgens und abends ein bisschen am Glas rütteln. 

Ein kleiner Tipp aus der Praxis: Im Sommer ist das mit der warmen Stelle kein Problem, im Winter muss man da ein bisschen suchen. In manchen Einbauküchen ist der Schrank über der Kühl- und Gefrierkombination ziemlich warm, wenn eine Heizung läuft, kann man den Teigansatz direkt davor platzieren (nicht direkt drauf, sonst geht er ein). Ich hatte irgendwann einmal die Nase voll vom ständigen warme-Stellen-Suchen und habe mir für ein paar Euro eine große Styroporbox mit Deckel gekauft. Da lege ich eine Wärmflasche mit rein, und fertig ist die Laube. Kann ich nur empfehlen, wenn man öfter mit Sauerteig hantieren möchte. Hat auch den Vorteil, dass die Sachen aus dem Weg sind. 

(c) wilhei / pixelio.de
Jetzt heißt es also: Warten. Man kann den Prozess natürlich chemisch ein bisschen beschleunigen, aber mich fasziniert beim Sauerteigansatz gerade, dass es auch nur mit Wasser und Mehl und Zeit klappt, ohne Zusätze und Abkürzungen. Für mich ist das eine gute Übung, denn ich gehöre zu den Leuten, die sonst im Leben ziemlich ungeduldig sind und gern eine Abkürzung nehmen, wenn es denn eine gibt. Dadurch komme ich manchmal schneller ans Ziel - aber dadurch gehen mir auch Erfahrungen verloren, die man nur unterwegs machen kann. Jesus hat gesagt: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Sauerteig, der unter einen Zentner Mehl gemischt wird und nach und nach alles durchsäuert. Mich erinnert das daran, dass auch die Arbeit in der Gemeinde Zeit braucht. Manche Ideen müssen ausgesprochen werden, aber dann ein bisschen ruhen, sich weiter entwickeln, in den Köpfen vor sich hin wachsen und ihr Potenzial nach und nach freisetzen. Manche Menschen brauchen Zeit, um zu erkennen, was sie wollen und können - und was eben nicht. Solche Prozesse lassen sich nicht ohne weiteres beschleunigen - und das ist wahrscheinlich auch gut so.

Die nächsten drei Tage kann man also abwarten und was anderes machen. Es lohnt sich, in der Zeit hier mal ab und zu reinzuschauen, wenn es allzu langweilig wird. 

Sonntag, 8. September 2013

Sauerteig macht lustig!



Nicht so richtig Sauerteig, sondern ein Ciabatta mit Poolish. Braucht aber auch Zeit.

Jesus, die Männer und das Backen


Jesus stammte ja bekanntlich aus einer Familie von Zimmerleuten, allerdings scheint er auch Ahnung vom Backen gehabt zu haben, zumindest lässt das klitzekleine Gleichnis in Matthäus 13,33 entsprechendes Interesse erkennen:



Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis er ganz durchsäuert war.



Ich glaube ja, dass es von Bedeutung ist, dass Jesus hier eine Tätigkeit als Beispiel nimmt, die in der antiken Gesellschaft den Frauen in den Privathäusern vorbehalten und kaum akzeptables Gesprächsthema von „richtigen“ Männern in aller Öffentlichkeit gewesen sein dürfte. Aber das alles führt jetzt doch ein wenig ab vom Thema – oder doch nicht?



Jedenfalls: Sauerteig. In Schweden ist das, maßgeblich vorangetrieben von profilierten Foodbloggern wie Martin Johansson, so ein Koch- und Backtrend der letzten Jahre gewesen, bei dem vor allem junge Männer (dortzulande liebevoll als surdegspapporSauerteigpapas bezeichnet) ihren eigenen Sauerteigansatz hegen und pflegen und die Familie mit selbstgebackenem Brot und einer versauten Küche beglücken. Ich gehöre selbst zu der Fraktion und bin fest davon überzeugt, dass ich, wenn ich einmal ungeplant früh das Zeitliche segnen sollte, bei einer Mehlstaubexplosion mit meiner Küche in die Luft fliege.



Manchmal frage ich mich, was am Brotbacken eigentlich so toll ist, dass ich manchmal wöchentlich besagte Mehlstaubexplosionen riskiere, meine Küche mit zementartigen Teigresten zukleistere, meinen Tag nach Gärzeiten plane und den Ofen mit Backsteinen zerkratze? Ein bisschen Snobismus ist sicherlich dabei, da brauche ich gar nicht so tief in mich reinzuhorchen, um das zu wissen. Es hebt in den Milieus, in denen ich mich freizeitlich bewege, schon den sozialen Status, wenn man mit nonchalanter Selbstverständlichkeit erwähnt, dass man sein Brot selber backt. Und zwar nicht mit Backmischungen oder (noch schlimmer) Brotbackautomaten – das ist wie Karaoke oder Vollplayback in der Küche -, sondern so richtig-richtig. 

Die bewundernden Oh’s und Ah’s, die man damit erntet, haben wiederum damit zu tun, dass Selbermachen im Trend liegt. Laut Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin am Wiener Futurefoodstudio, weil wir in unserer volldigitalisierten Lebens- und Arbeitswelt das Handfeste und buchstäblich Hausgebackene wiederentdecken. Deswegen verschenken wir Holundersirup und laden unsere Marmeladenkochfotos bei Facebook hoch. Ich glaube, beim Brotbacken verstärkt sich das alles um ein Vielfaches, weil man hier das befriedigende Gefühl bekommt, den gesamten Produktionsprozesses eines Grundnahrungsmittels, das wie kein anderes in unserer Gesellschaft für Essen überhaupt steht, von Anfang an selbst in der Hand zu haben. Und während Chili-Knoblauch-OIivenöl, Bärlauchpesto und Pflaumen-Koriander-Marmelade ausgesprochene Luxusgüter sind, ist so ein gutes Graubrot, wie Oma sagen würde, „was Reelles.“ 

Dass gerade Männer für den Sauerteigtrend sehr anfällig sind, mag an der Art der Herstellung liegen: Wer, wie ich, fürs Filigrane nicht geschaffen ist, hat eben mehr Spaß an einem groben Roggenmischteig, bei dem man nicht alles bis aufs Gramm genau abwiegen muss, der aber eine gute halbe Stunde geknetet werden will, dicke Unterarme macht und aufgrund seines Symbolcharakters den Eindruck vermittelt, man könne sich und die Seinen mit der eigenen Hände Arbeit ernähren. Und wenn dann das dampfende, duftende Brot aus dem Ofen kommt und das Brotmesser sich durch die dunkelbraune Kruste und das luftig-weiche Innenleben arbeitet, hat man eine willkommene Gelegenheit, für den Moment alle Diätvorsätze über den Haufen zu werfen und sich drei daumendicke Scheiben mit guter Butter drauf reinzuziehen – was so ursprünglich und wohlschmeckend ist und sich so bodenständig und richtig anfühlt, kann ja gar nicht ungesund sein. 

 

Ab Montag: Die Sauerteig-Challenge!



Wer immer schon mal selbst Brot backen wollte, aber nie wusste, wie das geht, ist hier genau richtig, denn die nächste Woche bei den Kirchengeschichten steht im Zeichen der Sauerteig-Challenge! Ich lade Euch ein, mit mir einen Sauerteig from scratch herzustellen und parallel dazu ein paar Gedankenspielen nachzugehen, was das eingangs erwähnte Gleichnis vom Sauerteig mit dem praktischen, handfesten Leben im Hier und Jetzt zu tun haben könnte. Und mit dem wahnsinnigen und immer wieder gewagten Versuch von Menschen, hier in dieser Welt gemeinsam ein bisschen Himmelreich zu spielen. 

Am Montagmorgen geht es los mit den ersten Schritten eines Sauerteigansatzes. Dazu braucht man warmes Wasser und Roggenmehl (ruhig und gerne Vollkorn). Ein ausgespültes Gurkenglas oder ähnliches. Und maximal zehn Minuten Zeit. Das Ganze ist also auch ohne Probleme in einer normalen Fünftagewoche machbar. Und wer einsteigen will, kann heute noch bequem einkaufen gehen.

Montag, 22. Juli 2013

Abendmahlsbrot aus eigener Herstellung

Wer, wie ich, den symbolischen Wert von Esspapier nicht allzu hoch schätzt und auch gewürfeltes Toastbrot nur unwesentlich stimmiger findet, kommt vielleicht früher oder später auf die Idee, eigenes Abendmahlsbrot zu backen. In manchen Gemeinden gibt es die gute Tradition, dass Familien sich mit dem Backen abwechseln und so auf eine sehr basale und handgreifliche Art und Weise etwas zum Gottesdienst beitragen.

Falls jemand das Rezept benutzt - ich freue mich über Erfahrungsberichte und Verbesserungsvorschläge!





Grundrezept für ein Blech



1 kg Weizenmehl

650 – 700 ml Wasser

1 Würfel Frischhefe

1 EL Salz

3 EL Olivenöl



Die Hefe in einer ausreichend großen Schüssel im lauwarmen Wasser auflösen und das Mehl hinzugeben. Gut durchkneten und 10 Minuten gehen lassen. Wenn die Hefe merklich zu arbeiten begonnen hat, Olivenöl und Salz unterrühren und den Teig so lange durchkneten, bis die Salzkörner aufgelöst sind. Wem der Teig etwas weich/nass vorkommt – so ist es genau richtig!



Den Teig zugedeckt an einem warmen Ort (max. 40°) etwa eine halbe Stunde gehen lassen, bis sich das Volumen ungefähr verdoppelt hat.



Ein Backblech (ideal: Fettpfanne des Backofens) mit Backpapier auslegen und den Teig gleichmäßig darauf verteilen. Besonders gleichmäßig geht das, denn man auf den Teig ein mit Olivenöl bestrichenes Blatt Backpapier legt und den Teig zwischen den Backpapieren mit dem Nudelholz ausrollt. Durch das Olivenöl bekommt das Brot außerdem eine schöne Oberfläche.



Auf die mittlere Schiene des kalten Backofens schieben, auf 200° Ober- und Unterhitze stellen und insgesamt ca. 30 Minuten backen (bei bereits vorgeheiztem Backofen verkürzt sich die Backdauer um etwa zehn Minuten, dann sollte man dem Teig aber vorher noch ein wenig Zeit gönnen).


Das Brot ist fertig, wenn die Oberfläche goldbraun ist und bei leichtem Druck zurückfedert. Vom Backblech nehmen und auf einem Kuchengitter unter einem Handtuch auskühlen lassen.


 

Ein paar Anmerkungen:

  • Das Rezept ist in der Vorbereitung eines Abendmahls-Workshops in der Gemeinde entstanden, an dessen Ende ein in Kleingruppen vorbereitetes Tischabendmahl stand. Die vergleichsweise hohe Wassermenge (Kenner_innen erkennen die Verwandtschaft zur Foccaccia) ist nicht zwingend notwendig, sondern diente vor allem dazu, den Teig möglichst klebrig zu machen und so das Gemeinschaftserlebnis der Backgruppe zu pimpen - immerhin verbinden und demokratisieren nur wenige Dinge so sehr wie das Rumpantschen in ellbogentiefem Matsch! Man kann guten Gewissens 100-200 ml weniger nehmen. Auch der Vorteig ist nicht unbedingt nötig; er diente ebenfalls der Verstärkung des Kneterlebnisses.
  • Da Abendmahlsbrot in der Regel am Sonntagmorgen benötigt wird, man aber einerseits vielleicht nicht unbedingt um 6 Uhr morgens aufstehen will und Brot auf reiner Hefebasis schnell altbacken wird, kann man den Herstellungsprozess aufstückeln und den in der Fettpfanne verteilten Teig über Nacht im Kühlschrank gehen lassen. Eine solche lange Teigführung tut dem Brot auch gar nicht schlecht. Vorher sollte man allerdings ausprobieren, ob das Blech in den Kühlschrank passt...
  • Für das Abendmahl kann das Brot in Stücke geschnitten werden. Will man es unbedingt brechen, kann man es bereits vor dem Backen an den Sollbruchstellen einschneiden. Dadurch geht es etwas leichter, allerdings wird das Brot an sich dadurch instabiler und knickt unter Umständen, wenn man es mit einer Hand irgendwo unten hält, in der Mitte durch.
  • Im Gegensatz zu Toastbrot ist das Kölner Abendmahlsbrot erfreulich krümelfrei (auch das ein Segen der langen Teigführung). Für durchgehende Intinctio ist das Brot trotzdem nicht unbedingt geeignet - aber die sollte ohnehin nur Notlösung sein, schließlich heißt Abendmahl ja "Essen und Trinken, nicht Tunken"!