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Sonntag, 24. Juli 2016

Zeitunglesen, Fangenspielen, Mitgehen - Predigt über Phil 3,7-14



(Predigttext aus der BasisBibel)

Karl Barth hat mal gesagt, man müsse als Theologe zwei Dinge lesen: Die Bibel und die Zeitung. Es gibt verschiedene Varianten seines Zitats, alle gehen in dieselbe Richtung: „Wie man beten soll, steht in der Bibel; was man beten soll, steht in der Zeitung.“ Manchmal ermöglicht die Bibel dann einen neuen Blick auf das, was in der Zeitung steht. Und manchmal liest man im Licht der Zeitungsmeldungen Bibeltexte anders als vorher. 

Es gibt Tage und Wochen, da müssen Predigten umgeschrieben werden. Diese Woche war so eine. Es fing an mit Nizza und Istanbul, es ging weiter mit Würzburg und München. Und ein Predigttext wie der, den Sie gerade in der Lesung gehört haben, bekommt einen anderen Klang. 

Paulus blickt auf sein Leben zurück. Auf sein altes Leben als jüdischer Gelehrter und Beamter, der ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben führte und von seiner Religion und seiner Identität so überzeugt, so erfüllt war, dass er die jungen christlichen Gemeinden von Amts wegen und aus vollem Herzen verfolgte. Das allein macht ihn verdächtig in diesen Tagen, in denen wir erleben, dass Gewalt gegen Angehörige anderer Religionen alles andere ist als ein dunkles, aber zum Glück abgeschlossenes Kapitel der Menschheitsgeschichte. 

Paulus hat diese Phase seines Lebens hinter sich gelassen, die wundersame Begegnung mit dem Auferstandenen auf der Straße vor Damaskus hat ihm seine eigene Blindheit vor Augen geführt und die Augen geöffnet für das Neue. Die Bibel erzählt von vielen Begegnungen, die für die Beteiligten lebensverändernd sind. Und immer wieder geht es dabei um Menschen, die von einer falschen und verhängnisvollen Radikalität befreit werden. Einer Radikalität, die gefährlich ist und zum Töten bereit macht, weil religiöse Menschen das Bild, das sie von Gott haben, mit Gott selbst verwechseln. Paulus, Jona, Elia und andere müssen lernen, dass Gott größer ist als all unsere Bilder. 

Paulus hat dazugelernt, aber das macht ihn in dieser Briefpassage nicht unbedingt sympathischer. Was ihm früher wichtig war, ist jetzt in seinen Augen nicht mehr als Dreck. Auch wenn hier der Eifer der Frischbekehrten spricht, die bekanntermaßen meist päpstlicher sind als der Papst, fällt es schwer, von der unheilvollen Wirkungsgeschichte, die solche Sätze hatten und haben, abzusehen. Als im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit die Inquisition wütete, gehörten zu den für Juden gefährlichsten Figuren diejenigen, die selbst einmal Juden gewesen waren und die Polizisten, Richter und Henker mit allerlei haarsträubenden Geschichten über ihre religiöse Herkunftsfamilie fütterten, über all das, was sie jetzt für Dreck hielten. Auch Martin Luthers widerliche Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) bezog sich zu einem großen Teil auf solche Verleumdungen durch Neubekehrte. 

Aber, und das ist der eine Grund, warum ich glaube, dass dieser Predigttext auch und gerade angesichts dessen, was wir in der Zeitung lesen, notwendig und heilsam ist, aber Paulus spricht nicht über das Judentum. Das, was Paulus für Dreck hält, ist nicht seine jüdische Identität, sondern sein Status in der Gesellschaft. In einigen Versen zuvor, die Sie in der Lesung nicht gehört haben, zählt Paulus eine ganze Reihe von Eigenschaften und Leistungen auf, die ihm die Anerkennung seiner Umwelt absicherten: Seine Herkunft, sein frommer Eifer, seine religiöse Bildung. 

Paulus ist nicht judenfeindlich, aber sehr wohl kulturkritisch. Er wendet sich gegen eine Kultur, in der Ehre, und andere Männersachen, alles ist. Das, was wirklich zählt, ist nicht die gute Kinderstube oder ein prestigeträchtiger Nachname. Und auch nicht der lückenlose Lebenslauf oder das, was am Monatsende auf dem Konto steht. Nicht die Zeugnisnoten und auch nicht der Applaus der Mehrheitsgesellschaft. Und erst recht nicht die religiösen Leistungen. Das war die große Erkenntnis der Reformation, das spielt heute auch noch eine Rolle, und das möchte ich nicht nur den religiösen Gewalttätern, von denen es in jeder Religion welche gibt, entgegenrufen. Das muss ich mir selbst immer wieder ins Stammbuch schreiben lassen. Zum Beispiel dann, wenn ich im Presbyterium beim Tagesordnungspunkt „Bericht aus den Bezirken“ versucht bin, nur von dem zu erzählen, was bei uns ganz besonders gut läuft. 

Das, was wirklich zählt, worauf sich bauen und womit sich leben lässt, findet nach Paulus überhaupt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt in der Beziehung zwischen Christus und dem oder der Einzelnen. Die Verse am Ende des Predigttextes, in denen es um Zieleinläufe und Siegerkränze geht, werden oft und gern herausgeholt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in Predigten sportliche Metaphern bemühen wollen. Aber es geht nicht um einen Wettlauf zu einem Ziel, sondern um das Verstecken- und Fangenspielen zweier Verliebter, eine Szene, wie man sie zwischen Göttern und Menschen oft auf griechischen Vasen findet. Ein Bild, das zwei Figuren in ständiger Bewegung zeigt, abwechselnd Jäger und Gejagte. Wenn das die Welt verstünde, sähe manches anders aus: Glauben ist kein Wettkampf, sondern ein Tanz. Mitten im immer schneller werdenden Gleichschritt, mitten im Dröhnen der Soldatenstiefel, mitten im Rennen um den ersten Platz tanzen Menschen aus der Reihe, wiegen sich im Takt einer Melodie, die Gott ihnen ins Herz legt und tanzen zu Klängen, die von einer anderen Welt singen. 

Vase im Louvre: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theseus_pursuit_Louvre_G423.jpg


Das, was wirklich zählt, ist das, was mit unserem Leben passiert, wenn Christus uns die Hand auf die Schulter legt, uns in die Augen schaut und sagt: „Komm!“ 

Der zweite Grund, warum ich diesen Predigttext so heilsam in allen Nachrichten dieser Woche finde, ist, wie Paulus sich selbst in diesem Bild beschreibt. In der göttlichen Tanzschule ist selbst Paulus ein Anfänger, der vielleicht ein paar Grundschritte beherrscht, der den Rhythmus schon im Blut spürt, aber der noch nicht die Leichtigkeit besitzt, die zum Tanzen in Vollendung gehört. Paulus ist noch nicht fertig, seine Erkenntnis ist und bleibt Stückwerk. Diese Ehrlichkeit versöhnt, und diese Bescheidenheit wünsche ich mir in diesen Tagen. Auch, weil so eine Einsicht vielleicht die beste Medizin gegen Fundamentalismus jeglicher Art ist. 

Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen – weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. 

Religion und das, was Menschen aus ihr machen, ist in den letzten Jahren wie kaum jemals zuvor in die Schlagzeilen geraten. Vielleicht, weil aufgrund schlimmer Verbrechen in ihrem Namen deutlicher wird, dass Glauben keine Weltanschauung ist, sondern eine Beziehung, die das Leben verändert, und zwar nachhaltig und von Grund auf. Das fürchten wir, weil es Dinge in Frage stellt. Darauf hoffen wir, weil die Welt verloren wäre, wenn wir uns nicht verändern könnten. Natürlich kann man jeden Satz, den Paulus hier schreibt, ein wenig zuspitzen und aus dem Zusammenhang reißen und ihn dann in Bekennervideos der Terroristen wiedererkennen. Aber wenn wir aus diesem Grund über unseren Glauben schweigen, wenn wir öffentliche Plätze aus Angst vor Anschlägen meiden, dann haben die gewonnen, die Religion missbrauchen und Menschen töten. 

Die Fähigkeit, die eigene Vergangenheit, das eigene Leben, die eigene Religiosität kritisch zu betrachten, gehört nach Paulus zu einem erwachsenen Glauben dazu. Anlass dazu gibt unter anderem das Reformationsjubiläum, vor dem es seit gut zehn Jahren kaum ein Entrinnen gibt. Aber wir haben gelernt. Wir haben gelernt, dass das nicht einfach Lutherfestspiele sein können, dass wir auch und gerade bei den Gründervätern und –müttern unserer Konfession genau hingucken, alles prüfen müssen – und das Beste behalten. Luthers Judenschriften gehören zu dem, was die Erinnerung schwierig macht, und dass wir uns immer wieder damit auseinandersetzen, zeigt doch, wie sehr wir in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten dazu gelernt haben. Gott sei Dank. Luthers Hetzschriften gegen Juden sind nicht evangelisch, sie sind falsch und böse und entstammen einer Biografie, in der es viel Licht, aber eben auch viel Schatten gab. Aber so ist das Leben. 

Zu dem Guten, was man von Luther lernen und behalten kann, gehört ein Zitat, das wie ein Kommentar zu unserem Predigttext klingt und das es mir leichter macht, morgens die Zeitung aufzuschlagen und mit dem Wechselspiel von Licht und Schatten in meiner eigenen Welt umzugehen: 

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles. 

Amen. 

____________________________________________

Ein paar Anregungen stammen von Christian A. Eberhart, David E. Fredrickson und Rainer Stuhlmann.


Mittwoch, 7. Januar 2015

Der im Himmel thront, spottet über sie. #JeSuisCharlie



An einer Stelle der Bibel steht, 
dass Gott lacht.
Es ist kein gütiges Lachen,
kein mildes Lächeln,
sondern beißender Spott,
geboren aus Wut
über die,
die sich anmaßen,
über Leben und Tod zu entscheiden.

Die Könige der Erde erheben sich, 
und es verschwören sich die Fürsten 
gegen den HERRN und seinen Gesalbten: 
Lasst uns zerreissen ihre Stricke 
und von uns werfen ihre Fesseln! 
Der im Himmel thront, lacht, 
der Herr spottet über sie. 
Da fährt er sie an in seinem Zorn, 
und in seinem Grimm erschreckt er sie. 
[...] 
Darum, ihr Könige, kommt zur Einsicht, 
lasst euch warnen, 
ihr Herrscher der Erde!

Sie hassen das Lachen.
Sie sind beleidigt,
und denken, Gott sei es auch.
Die alte Verwechslung,
schnell geschehen,
wenn der Humor fehlt,
der Grenzwächter,
Botengänger,
Streitschlichter.
Sie kostete uns einst das Paradies
und heute zwölf Menschen
das Leben.

Sie schießen.
Treffen die, 
die Menschen zum Lachen bringen.
Maschinengewehre gegen Zeichenstifte,
Druckerschwärze färbt sich rot.
Sie rufen: Gott ist groß!

Doch der im Himmel wohnt, lacht,
der Herr spottet über sie. 

Sie fliehen.
Für einen kurzen Moment
gerinnt das Lachen auf der Erde
in Geschrei und Schweigen.

Doch der im Himmel wohnt, lacht,
der Herr spottet über sie.

Ich will meine Wut weg-
und die Wahnsinnigen kleinlachen.
Wer sein will wie Gott,
der mache es wie er
und nehme seinen heiligen Zorn
und stülpe ihn um,
stimme ein
in den himmlischen Spott
und schreibe und zeichne es 
an jede Wand:

Der im Himmel wohnt, lacht,
der Herr spottet über sie.

Je suis Charlie.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Im Heiligen Land (V): Wüste, Totes Meer, Masada

Am Ende meines Aufenthalts in Nes Ammim breche ich auf Richtung Westen, zum Toten Meer. Mein Reiseführer warnt davor, diese Strecke durch weitgehend nicht-judaisierte Gebiete in einem Auto mit israelischem Kennzeichen zurückzulegen und empfiehlt, sich einen Palästinenserschal oder einen Rosenkranz ins Auto zu hängen, um von weitem als Nicht-Jude erkennbar zu sein. Es ist nicht das erste Mal, dass das Thema Religion im Heiligen Land für mich einen schalen Beigeschmack bekommt – und die Maßnahme scheint äußerst unnötig, zumindest interessiert sich niemand für mein israelisches Auto, selbst an den Checkpoints werde ich durchgewunken. Obwohl, wer weiß, vielleicht gerade wegen des Rosenkranzes, der am Rückspiegel baumelt. 

Der Weg zum Toten Meer führt buchstäblich durch die Wüste, und dieses Erlebnis ist beeindruckend, wenn auch nicht ausschließlich positiv: Selbst im vollklimatisierten Auto mit vollem Tank auf einer viel befahrenen Straße wird deutlich, dass diese lebensfeindliche Landschaft mit ihren kargen Geröllhängen jeder Zeit in der Lage ist, einen in die Knie zu zwingen. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die irgendwo hier in dieser Gegend spielt, gewinnt einiges an Dramatik, und wie so oft im Heiligen Land verkompliziert dies das Verständnis: Die schier aussichtslose Lage des Mannes, der verletzt und ausgeraubt am Wegesrand liegt, wird in aller Schärfe deutlich – und gleichzeitig kann ich auch diejenigen verstehen, die vorbeigehen, die einknicken vor der brachialen Landschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist, kann mich nicht mehr ganz so leichtfertig über ihren Mangel an Hilfsbereitschaft empören. 




Kurz vor dem Toten Meer biege ich beim Qumran-Museum ab und zahle ein paar Schekel für etwas, das man mit nur wenig Übertreibung als Touristennepp bezeichnen kann: Man sieht einen kurzen, überaus kitschigen Film über die Qumran-Essener, läuft danach durch ein kleines Museum voller Repliken (Originale bekommt man hier natürlich nirgends zu sehen, zu den Höhlen kommt man auch nicht), und wandert ein bisschen über die Ruinen einer Anlage, die aller Wahrscheinlichkeit nach von einem deutlich jüngeren Kloster stammen. Vielleicht ist es auch nur für einen Theologen uninteressant, die Busladung russischer Touristen, die mit mir unterwegs sind, scheint tief beeindruckt. Aber ich glaube, das liegt auch an den künstlerischen Mitteln, die beim kurzen Infofilmchen zum Einsatz kommen: Viel Weichzeichner, wabernde Hintergrundmusik und dramatisch-proklamierende Sprache. 


Irgendwann komme ich in der Senke an, in der das Tote Meer liegt, und in der einige der biblischen Geschichten spielen, die die Dramatik der Landschaft spiegeln: Der Krieg der Könige, Sodom und Gomorrha, Davids Flucht vor Saul. Genau dort, nahe der Oase En Gedi, mache ich halt und begebe mich auf einen kleinen Badeausflug, an einer der wenigen Stellen, an denen das erlaubt ist. Pflichtschuldig wate ich in die salzige Brühe und lasse mich ein wenig treiben, bin erstaunt, dass der Effekt doch um einiges stärker ist als beim Solebad in der Sauna: Man treibt, und schwimmen geht praktisch gar nicht, weil der Unterkörper nach oben gedruckt wird. Am Ufer sehe ich lauter dunkelgraue bis tiefschwarze Menschen, mein Spieltrieb erwacht, und ich will unbedingt auch mit dem berühmten Uferschlamm vom Toten Meer rummatschen, fürchte aber ein wenig, dass man auch den bezahlen muss. Nach einiger Suche gelange ich an die Quelle: Nur einige Meter vom Wasser entfernt hocken einige Menschen in einer kleinen Grube, greifen in ein tiefes Loch und fördern den schwarzglänzenden und entfernt nach Schwefel riechenden Schlamm zu Tage. Drumherum geht es äußerst geschwisterlich zu, wer etwas übrig hat, gibt es weiter, und Fremde reiben einander den Rücken ein oder bieten sich an, Fotos zu machen: Junge israelische Juden, arabische Mütter im Burkini, russische und amerikanische Touristen. Es soll das erste und einzige Mal im Laufe meiner Reise bleiben, dass ich ein so unkompliziertes Miteinander der Religionen und Kulturen erlebe – und es stärkt meine Überzeugung, dass die Menschen öfter mal im Matsch spielen sollten.




Nach dem kurzen Badeausflug geht es weiter nach Masada. Am Fuße des Berges, auf dem die berühmte Festung thront, oder das, was davon übrig ist, checke ich im Masada Hostel ein. Das Zimmer ist weit weniger schön als in Karei Deshe - und deutlich teurer, aber es ist nun einmal das einzige Haus am Platz. Da ich nach all der Wüstenfahrerei Sehnsucht nach Stadtluft und keine Lust habe, von meinem winzig kleinen Fensterchen auf den Korridor zu gucken, mache ich mich auf nach En Boqeq, das sich aber als wenig reizvolle Hotelhochburg mit einigen klaustrophobischen Shopping Malls entpuppt, das ganz auf die Bedürfnisse solventer, älterer russischer Herrschaften ausgelegt ist. 

Am nächsten Morgen geht es rauf auf den Gipfel. Und zwar im Dunkeln, weil der Sonnenaufgang von Masada aus besonders toll sein soll. Beim Losgehen bin ich ein wenig nervös - vor Sonnenaufgang kraxele ich äußerst selten in gebirgigen Wüsteneien herum, aber jeder, den ich frage, versichert mir: "No, no, you can't miss it, absolutely not." Nun, ich bin der lebende Beweis, dass es doch geht - als ich nach zwanzigminütiger Kletterei plötzlich fast in eine Baugrube falle, wird mir klar, dass die zahlreichen "No trespassing"-Schilder mitnichten antiken Ursprungs sind und sich gegen die belagernden Römer wandten, sondern eine moderne Baugrube anzeigen. Also geht es weiter auf den richtigen Weg, die Zeit wird langsam knapp, es wird schon hell. 

Außer mir sind noch ein deutsches Pärchen und eine extrem laute Gruppe junger Amerikaner unterwegs, auf dem Gipfel stoßen außerdem einige Familien zu uns, die von der Seite der römischen Rampe den Aufstieg gewagt haben ("It's shorter, but harder!"). Die Amerikaner nehmen den Gipfel sogleich in Besitz, legen Tallit und Tefillin an, packen ihre Gebetsbücher aus und beginnen ihr Schacharit, das traditionelle Morgengebet - nicht ohne recht deutlich gemacht zu haben, dass sie die Präsenz offensichtlicher gojim und ihrer Ansicht nach deutlich laxerer jüdischer Familien als Sakrileg empfinden. Ich kann nachvollziehen, dass der Mythos von Masada eine enorme symbolische Bedeutung hat: Im Laufe des jüdischen Kriegs im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung war Masada eine Bastion des jüdischen Widerstandes gegen die Römer. Mehrere Monate wurde die Festung belagert, erst mithilfe einer künstlichen Belagerungsrampe gelang es den Römern, die Mauern zu überwinden - von den fast 1000 Bewohnern der Insel hatten jedoch fast alle den Freitod gewählt, um der römischen Gefangenschaft zu entgehen. Kein Wunder also, dass die Freiheitskämpfer von Masada eine wichtige Rolle für die narrative Identitätskonstruktion innerhalb des Judentums spielen. Und es sei einem jeden und einer jeden von Herzen gegönnt, seinen und ihren Wurzeln nachzuspüren. Gleichzeitig ahnt man doch eine gewisse Symbolik darin, wie die Gruppe amerikanischer Jugendlicher versucht, den Berggipfel in Besitz zu nehmen und ihren Vorstellungen zu unterwerfen. Und ich frage mich, ob nicht, wenn man sich die religiöse Landschaft der Modernen als Schulhof vorstellt, die Neo-Orthodoxen aller Religionen dem Wesen nach zu den typischen High School Bullies gehören, die breitschultrig ihr Revier ablaufen und den anderen ihre Regeln diktieren wollen. Gleichzeitig kann man froh sein, dass es keine Überlieferung gibt, nach der Jesus auf dem Berg von Masada herumgelaufen ist - sonst stünde hier nämlich schon mindestens eine Kirche, ein Kloster, zwei Andenkenläden, und die Juden könnten sehen, wo sie bleiben...


Zeit für Selfies ist zwischendurch natürlich auch...
Auf jeden Fall ist der Sonnenaufgang auf Masada ein Erlebnis, das sich lohnt. Man muss gut zu Fuß sein, auch für den steilen Weg bergab. Etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang ist der Berggipfel erfüllt vom Stimmengewirr der mittlerweile zahlreichen Bergsteiger, und so geht es wieder hinab Richtung Hostel, und von dort aus Richtung Tel Aviv.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Im Heiligen Land (II) - Rund um den See Genezareth

Eine ganze Reihe der schönsten biblischen Geschichten spielen rund um den See Genezareth (oder Tiberias): Der Fischfang des Petrus, das Männgergespräch am Ende des Johannesevangeliums, und viele mehr. Grund genug also, von Nes Ammim aus einen kleinen Abstecher dorthin zu machen. 

Relativ schnell fahre ich die Nordspitze ab und besucht pflichtschuldig die wichtigsten Stationen: Primatenkirche, Kafernaum, die UFO-hafte Kirche über Petrus seiner Schwiegermutter ihrem Schlafzimmer. In der Brotvermehrungskirche beobachte ich eine junge Frau, die vor einer Christus-Ikone eine Kerze anzündet. Sehr langsam. Und wieder eine. Und noch eine. Irgendwann höre ich das Klicken. Und eine enthusiastische Regieanweisung: "Come on, honey, try to look a bit more... ya know, reverent, pious, will ya... damn it, we could make the front page of next month's parish newsletter!" 

Die geballte Ladung religiöser Touristik ist nur mit einer Portion Galle zu ertragen. Und trotzdem... Als ich am Abend vom Privatstrand meines Hostels Karei Deshe aus im flachen, fischreichen Wasser des Sees Genezareth herumwate, denke ich: Ja. Hier ist es gewesen, hier ist er gegangen. Das weckt in mir nicht das Bedürfnis, irgendwelche Steine zu verehren oder gar eine Kirche darüber zu bauen. Aber... es erdet. Es sind keine Märchen aus dem Nimmer- oder Taka-Tuka-Land, die wir uns erzählen. Und es ist nicht herauszulösen aus diesem Kontext: Jesus hat einen Stallgeruch.


Wenn schon die Geschaftelhuberei am Nordstrand irritierend war, dann ist das nichts gegen das, was mich am nächsten Tag erwartet...


YARDENIT - "SIEHE, DA IST WASSER - WAS HINDERT'S, DASS ICH MICH TAUFEN LASSE...?!"



Ein ganz besonderes Kleinod religiöser Nahosttouristik ist Yardenit - The Baptismal Site on the Jordan River, ein an sich wunderschönes Stück Fluss mit fast lagunenhaft anmutender Atmosphäre. Womöglich seit vormittelalterlicher Zeit als angeblicher oder symbolischer Ort der Taufe Jesu ein beliebtes Ziel christlicher Pilgerinnen und Pilger, hat sich auch hier der Betrieb seit dem 19. Jahrhundert ordentlich professionalisiert - wie so häufig im Heiligen Land mit tatkräftiger amerikanischer Unterstützung. Nunmehr kann man in Yardenit alles und jeden taufen, was nicht bei drei auf dem Bäumen ist, und das geschäftstüchtige Management hält das passende Merchandising bereit: Nachthemdartige Taufkleider zum Ausleihen (10 $), zum Kaufen (20 $) und zum Bedrucken (noch mehr $), "offizielle Taufzertifikate" und eine ganze Menge an Zubehör, von der Ikone bis zur Spezerei. 



Als ich ankomme, ist vergleichsweise wenig los. Schade eigentlich, ich hatte mich sehr auf eine ekstatische Massentaufe gefreut. An einer Taufbucht tummeln sich ein paar Amerikaner um einen farbigen Guru mit Khakihemd, Cowboyhut und beachtlicher Leibesfülle. Zwei Ladies älteren Semesters waten knöcheltief im Jordan und reiben sich das lauwarme Wasser auf verschiedene (wahrscheinlich chronisch schmerzende) Stellen. Eine verkündigt unmittelbare Linderung - Praise da Lord! - und plantscht ein wenig auf der Stelle, die andere klettert missmutig wieder aus dem Wasser. Der Mann im Cowboyhut hat sich derweil einen Ölzweig organisiert, tunkt ihn ins Wasser und fuchtelt damit in Richtung einer Sechzigjährigen mit Bubikopf und Sonnenbrille, die sich immer wieder in atemberaubender Geschwindigkeit bekreuzigt und zwischendurch juchzt wie ein Teenager beim Boybandkonzert.



Ein durchaus beachtliches Spektakel, aber leider keine Taufe. Schade, denke ich - da betritt auch schon eine zweite Gruppe die Taufbucht, die wohl nicht von ungefähr an ein kleines Amphitheater erinnert. Das Grüppchen kommt unüberhörbar aus Russland - und der einzige Mann im Bunde trägt tatsächlich schon ein weißes Unisex-Taufkleid aus dem Souvenirshop. Er geht etwas zögernd ins Wasser, ich frage mich, wer hier wohl taufen wird - aber Pustekuchen, es geht nur um ein Foto. Und wahrscheinlich auch um eine kleine Abkühlung, denn es ist extrem heiß an diesem Morgen. 




"Ja, die Russen... bei denen meint man manchmal, das sei ein Badeausflug... or like a countryclub swim", seufzt wenig später eine englische Mitarbeiterin des wohlsortierten Souvenirladens. Sie ist clearly not amused über diese Unart, das Tauferlebnis als Ferienspektakel zu begehen. Soso. Viel lieber seien ihr da "those Africans", die brächten wenigstens Enthusiasmus und ab und zu ein bisschen Exstase mit, just like "those South Americans". Auf meine Frage, wer denn hier eigentlich taufe, erklärt sie, dass die Gruppen meist ihre eigenen Offizianten mitbrächten, "wir haben aber auch ein paar ältere Priester, die ein paar Vormittage die Woche da sind und sozusagen Bereitschaftsdienst machen". Irgendwann macht meine Fragerei sie wohl neugierig, sie will wissen, wer ich bin, was ich so mache - als ich ihr erzähle, dass ich auch Pfarrer bin, jubelt sie: "Well, that's just perfect, see, we are in a bit of a pickle here... There are some people coming this afternoon who don't bring a priest of their own, and it would be frightfully nice if you could just..." Ich verabschiede mich schnell und breche auf Richtung Nazareth. Als ich den großen Parkplatz von Yardenit verlasse, läuft im Radio "Wicked, wicked Wonderland". Ich nicke im Takt und trete aufs Gas.



Samstag, 12. April 2014

Der Hieb mit der Kelle - Wider die Sarrazinierung der kirchlichen Diskurskultur

Ich bin Pfarrer der evangelischen Kirche. Also solcher leide ich, wie wahrscheinlich jede_r Kolleg_in, oft und viel an ihr, an ihren verkrusteten Strukturen, an ihrer selbstfabrizierten Milieuverengung, an der naiven und unredlichen Blauäugigkeit, mit der in übergriffiger Weise denjenigen, die in verheerend großer Zahl in den immer wieder erhobenen Mitgliederbefragungen dokumentieren, dass sie so gut wie keine Bindung an die Kirche haben, unterstellt wird, sie seien irgendwo doch alle gut evangelisch. Am krampfhaften Festhalten an ortsweise überkommenen Strukturen wie dem Parochialsystem und der Dienstwohnungspflicht. An handwerklich schlecht gemachten Gottesdiensten und selbstgenügsamer Beliebigkeit in wohlfeilen Worten zum Sonntag, zur Lage oder zum Morgen. An zeitfressenden Verwaltungsprozessen, die nur wenig Zeit für das Wesentliche lassen und dadurch die Qualität kirchlicher Arbeitsfelder in Mitleidenschaft ziehen. An der kaninchenhaften Schockstarre, mit der sie so oft vor der angeblich unvermeidbaren demografischen Entwicklung steht und sich dann eben damit abfindet, dass unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen stellenweise nur noch im Promillebereich Mitglieder erreichen. An den klandestinen Bedingungen, unter denen die EKD in abgeschiedener Expertenklausur Denkschriften und Arbeitshilfen entstehen lässt und damit alle presbyterial-synodalen Grundsätze über Bord wirft (als Rheinländer bin ich an der Stelle besonders empfindlich) - hat zum Beispiel irgendjemand, der nicht zufällig jemanden kennt, dem die Ehre zu teil wurde, in eine entsprechende Kommission berufen zu werden, schon irgendwas Konkretes zur geplanten Gesangbuchrevision gehört? 

Das alles würde bei Weitem schon für eine Beschäftigung reichen, aber öffentliche Debatten über solche und vergleichbare Fragen zu führen, ist schwer. Zum Einen aus internen Gründen - Systeme haben, wie wir wissen, ein unglaubliches Selbstschutzpotenzial. Was den Diskurs meiner Wahrnehmung nach aber auch erschwert, und zwar in nicht geringem Maße, ist das gerade wieder in Mode kommende Kirchenbashing. Ich meine damit nicht die berechtigte Kritik an den Vorgängen im Bistum Limburg oder am kirchlichen Arbeitsrecht - das kann in einigen Fällen vielleicht sogar ein Beweis für die Existenz einer prophetia extra muros ecclesiae sein, einer Prophetie, die von außen kommt. Ich meine das populistische und pauschalisierende Rummeckern, das sich einer ernsthaften Auseinandersetzung verschließt. Lange Zeit war das eine Spezialität irgendwelcher diffus links stehender Milieus, jede Kabarettnummer konnte mit ein paar Seitenhieben auf die Kirchen und ihre Botschaft einige sichere Lacher abernten. Mittlerweile ist das anders - Michael Herbst hat jüngst zu Bedenken gegeben, dass viele, gerade jüngere Leute, keine schlechten, sondern gar keine Erfahrungen mehr mit Kirche haben. Und bei Kabarettisten der jüngeren Generation wie Marc-Uwe Kling, der in seinen Känguru-Texten ab und an auf kirchliche und theologische Themen kommt, bleibt letztlich nur witzig präsentierte Ahnungslosigkeit. 

Der Triumphzug eines medialen, kulturellen und politischen Populismus, der in den letzten Monaten wieder um scheinbar sichere Errungenschaften der Zivilisation fürchten lässt, macht auch vor der Kirche nicht halt. Das Klima ist günstig für reaktionäre Stammtischparolen, die sich der gerechtfertigten gesellschaftlichen Ächtung entziehen können, wenn sie sich unter den nur scheinbar demokratisch anmutenden Titel "Man wird doch noch mal sagen dürfen..." stellen. Konservativen Marktschreiern wie Martin Lohmann (ein Blick in das Programm des von ihm verantworteten katholisch-vagabundierenden Nischensenders K-TV müsste ausreichen, ihn als repräsentativen Christenvertreter zu diskreditieren), Hartmut Steeb oder dem schwäbischen Volksschullehrer Gabriel Stängele, Urheber der Petition gegen den Bildungsplan in BaWü (ein Blick in die Redaktionsgeschichte der Petition offenbart nicht nur orthografisch-stilistische Schwächen und argumentative Schlichtheit, sondern auch eine frappante sprachliche Nähe zu rechtspopulistisch agierenden Splitterparteien) wird in öffentlich-rechtlichen Talkshows eine Bühne geboten, auf der sie, meist als alleinige Kirchenvertreter, ihre Vorstellung vom Christsein unwidersprochen zelebrieren können. 

Seit einigen Tagen wird in den sozialen Medien ein Artikel aus der Illustrierten FOCUS geteilt, mit Stirnrunzeln bedacht, aber auch frenetisch beklatscht. Unter dem markigen Titel Vom guten Geist verlassen. Warum diesen Kokolores der Evangelischen Kirche kein Gläubiger braucht lässt sich Klaus Kelle (ja, es ist der Ehemann jener Birgit, die von Matthias Mattussek jüngst als Kuh bezeichnet wurde) über von ihm konstatierten Missstände in deutschen Amtskirchen aus. 

Ich muss sagen: Beim ersten Lesen der Titelschlagzeile bin ich zusammen gezuckt, teils aus einem Gefühl schuldbewussten Ertappt-Werdens, teils aus einer diebischen Vorfreude - wie gesagt, auch ich leide, wie wahrscheinlich alle meiner Kolleg_innen, immer wieder an meiner eigenen Kirche. Und mir fallen spontan so einige Dinge ein, die ich selbst fabriziert habe und die man im Rückblick sicherlich mit Fug und Recht als Kokolores bezeichnen könnte. Doch was dann folgt, ist keine ernst gemeinte Analyse und auch keine launige Satire, sondern schlichtweg ein krudes Sammelsurium von Pauschalvorwürfen, ein wildes Assoziieren von miteinander in keinem Kausalzusammenhang stehenden Phänomenen - und über weite Strecken ein Beispiel für unredliche Argumentationstechniken. Aber der Reihe nach:

Nach einem Einstieg über Martin Luther (man muss sich ja Gewährsmänner holen), schießt Kelle gegen die Aktion Eine Tür ist genug. Ich musste selber erst ein bisschen rumgooglen, um zu verstehen, worum es geht. Offensichtlich hat das etwas mit der vor einigen Monaten durch die Medien gehenden Diskussion um die genderneutrale Beschilderung von Klotüren zu tun - ich muss gestehen, dass ich das damals als Adiaphoron abgetan habe und "Eine Tür" jetzt vor allem als Sammlung schöner, weil unterschiedlicher Liebesgeschichten kenne - der Konnex war mir nicht bewusst und ist mir auch jetzt noch nicht klar. Aber das zu erklären, liegt auch nicht im Interesse des Autors, denn der poltert munter weiter, das Schlagwort "Gender" ist sein Stichwortgeber: Er habe es "erst für einen Aprilscherz gehalten, aber es ist leider wahr": Die EKD hat ihr Studienzentrum für Genderfragen eröffnet - mit einem Vier-Gänge-Menü! Ich habe zunächst nicht verstanden, was daran so skandalös ist, bis mir eingefallen ist, dass in dem Milieu, dem sich Kelle hier in Herz und Hose schreibt, "Gender" ein Reizwort ist, das pars pro toto für alles steht, was die  eigene Weltsicht in Frage stellen könnte und damit per se von Übel ist. 
Kelle zetert noch ein bisschen über den jüngst eröffneten LesbenFriedhof in Berlin. Dieser hat erst einmal nichts mit der EKD zu tun - was Kelle hier betreibt, nennt man in der Rhetorik Brunnenvergiftung, oder, etwas feiner gesagt, guilt by association: Er schmeißt seiner Leserschaft Stichworte hin, von denen er weiß, dass sie sie doof finden und sorgt dafür, dass sich ihre negative Meinung dadurch ohne sachlichen Grund potenziert. 

Das kann er übrigens gut: "Aber ich frage mich, was ihre Repräsentanten umtreibt, sich in diesen Tagen vor dem Osterfest mit Feminismus und Klotüren zu beschäftigen", lamentiert Kelle weiter - auch diese Taktik ist so perfide wie sie unappetitlich ist: Denn damit unterstellt er kirchlicherseits ein Desinteresse an, wie er ja gar nicht so falsch schreibt, "dem Fest der Auferstehung Christi, das viele tiefgläubige Christen - ebenso wie die katholischen - würdevoll feiern werden." Interessant übrigens, dass "tiefgläubig" offensichtlich ein Gegenbegriff zu "katholisch" ist - aber lassen wir die Haarspaltereien. Jedenfalls suggeriert Kelle, die "Repräsentanten" der evangelischen Kirche, dazu gehören dann wohl auch wir Pfarrer_innen, würden sich nicht um Ostern, sondern um sozialpolitische Orchideenthemen kümmern. Traurig, dass man erwähnen muss, dass landauf, landab die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, anderes dafür mit Recht liegen bleibt - aber traurig ist ja so einiges. Jedenfalls wird es dann noch theologisch, und Kelle verketzert Gendertheorien in Gänze als "Irrlehre", die dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht widersprechen. Nach diesem Anathema endet die erste Seite des Artikels mit dem Link zu einer weiteren FOCUS-Meldung: "Großer Fortschritt: England und Wales erlauben Homo-Ehe". Guck an.

Auf der zweiten Seite geht es unter der Zwischenüberschrift "Wasserköpfe und Klotüren: So vergrault man junge Menschen" wieder mit Luther weiter, von dem wir, wie Kelle richtig bemerkt, nie erfahren werden, was er zur EKD heute sagen würde. Es folgen einige Auslassungen zur kirchlichen Landschaft, die an sich gar nicht so falsch sind - er wehrt sich dagegen, den (unleugbar niedrigen) Gottesdienstbesuch allzu schlecht zu reden, verweist auf die aufgeblähte Verwaltung hier und spirituelle Aufbrüche dort. Aber dann geht es wieder los: "Zeitgeistiges Mainstream-Gedöns" brauche, so poltert Kelle, kein Mensch - genau dieses Stichwort ist mit einem Link unterlegt, der zur "FightChurch", einer krawallevangelikalen Initiative aus den USA führt, bei der sich Pastoren um der Männlichkeit des Glaubens Willen prügeln. Das ist in der Tat Gedöns - aber man fragt sich, was ein solcher Hinweis in einem Text über die EKD zu suchen hat, zumal Kelle damit etwas anprangert, was auch und gerade aus gendertheoretischer Perspektive problematisch ist: Die unkritische Rezeption und Perpetualisierung überkommener Männlichkeitsideale. Warum "die Amtskirchen sich mit so viel Kokolores beschäftigen", will Kelle wissen - auch hier findet sich wieder ein Link, der zu einem Bericht über den "amerikanischen Tebartz-van Elst" führt, Erzbischof Wilton Gregory von Atlanta (USA) - was der wiederum mit der EKD zu tun hat, wird nur mit Blick auf die von Kelle nun mehrfach demonstrierte rhetorische Taktik klar: Wenn zu befürchten ist, dass die aufgezählten "Argumente" nicht ausreichen, um die Pumpe des spladderjournalismusverwöhnten Lesers ans Rasen zu bringen, sucht man also wild in der Weltgeschichte rum und verknüpft wahllos Beispiele für die seltsamen Blüten, die das religiöse Leben unleugbar treiben kann, zu einer kakophon-larmoyanten Motette über den allgemeinen Niedergang. Am Ende könnte Kelle sogar fast wieder meine Zustimmung finden - er berichtet abschließend von einer Begegnung mit einem ranghohen Katholiken (der wiederum wenig mit der EKD zu tun hat) und dessen Unverständnis auf seine Nachfrage, wie die kirchliche Strategie aussähe, mit der dem erwarteten Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen entgegengesteuert werden solle. Wie gesagt: Könnte meine Zustimmung finden - aber da ist das Kind im Brunnen schon lange ersoffen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich solchem Spökes einmal so viel Platz in den Kirchengeschichten einräumen würde, war immer geneigt, dem Volksmund zu glauben, der davor warnt, sich mit Hunden schlafen zu legen und mit Flöhen wieder aufzuwachen. Aber mich hat ein sehr lesenswerter Artikel von Antje Schrupp eines Besseren belehrt, sie schreibt dort:
"Das Problem ist nicht, dass solche Ansichten vertreten werden, sondern dass sie von den Fundamentalisten eben gerade nicht vertreten werden, weil sie nämlich Andersdenkenden von vornherein die Ernsthaftigkeit absprechen, zum Beispiel, indem sie ihnen Ideologie, Zeitgeistigkeit und so weiter vorwerfen. Ihr Anliegen ist nicht die Auseinandersetzung, sondern sie hoffen auf das Prinzip “Wer am lautesten schreit, hat recht” – und kommen damit leider eben allzu oft durch.

Wie im Internet so ist auch in der Kirche der Ratschlag “Don’t feed the Trolls” falsch, denn Trolle geben sich immer gut an den Zeitgeist angepasst, sodass sie auf den ersten Blick harmlos und sogar plausibel aussehen. Natürlich sind alle Christen dagegen, die Botschaft des Evangeliums zu verwässern. Und natürlich sind wir alle dagegen, Männer zu diskriminieren. Es ist daher notwendig, sich öffentlich von solchen Positionen zu distanzieren und den quasi unbeteiligten und wenig im Thema versierten Zuschauer_innen zu erläutern, warum diese Unterstellungen (Nicht-Fundis wären nicht fromm oder Feministinnen wollten Männer unterdrücken) erstens falsch sind und zweitens unverschämt."
Es kann und darf nicht sein, dass wichtige Debatten über notwendige Veränderungen in der Kirche ersticken, weil krawallreaktionäre Schreihälse bestimmte Themen kapern, Begriffe besetzen und Brunnen vergiften. Es kann und darf nicht sein, dass die zunehmende Sarrazinierung öffentlicher Kirchen- und Religionsdiskurse fraglos hingenommen wird. Deswegen nochmal: Ite, missa est!

Donnerstag, 23. Mai 2013

İntegrasyon? Asimilasyon? Hauptsache Kuchen!

Einheimische kennen sie als die Straße, durch die man besser nicht versucht, mit dem Auto durchzukommen, wenn man es eilig hat. Insider wissen, dass es hier einige der besten türkischen Restaurants gibt. Und der Bundesdurchschnitt kennt sie vielleicht von den traurigen Schlagzeilen über das Nagelbombenattentat im Juni 2004: Die Keupstraße in Köln-Mülheim. In meiner Kindheit eine Straße weiter galt sie noch als einer der rechtsrheinischen Hauptumschlagsplätze für Drogen jeglichen Härtegrads, im Laufe der Zeit hat sie sich jedoch gemausert und lohnt allemal einen Besuch. Vor allem dann, wenn man, wie ich, überdurchschnittlich an Wassermelonen interessiert ist. Denn die kann man dort ganz besonders gut kaufen, man wird besser beraten als beim deutschen Supermarkt um die Ecke, darf meistens sogar probieren - und vor allem: Sie sind weitaus größer. 

Aber um Wassermelonen geht es gar nicht. Heute mal nicht. Lange Zeit galt die Keupstraße in Köln als trauriges und chaotisches Mahnmal für misslungene Integration, für das Scheitern des Traums von einer multikulturellen Gesellschaft und für Segregation und undurchsichtige Parallelkültür.

Das ist jedoch offensichtlich nicht die ganze Wahrheit: Neulich schlendere ich durch die Keupstraße, tapfer, Meter um Meter gegen meinen knurrenden Magen ankämpfend, der bei jedem Schaufenster, hinter dem fetttriefende Dönerspieße anmutige Pirouetten drehen, hüpft und ruft: "Halt, hier rein!" Und komme an einer Bäckerei vorbei, in deren Auslage ich an die vierzig verschiedene Gebäcksorten zähle und auch die jahreszeitüblichen, mehr oder weniger geschmackvoll dekorierten Torten entdecke. Und stutze. Denn neben Kalorienmonstern, deren knallblaue Aufschrift jüngst zum Manne gemachten Jungs zur Beschneidung oder Galatasaray zum Sieg gratuliert, stehen auch solche mit Glückwünschen zur "Heiligen (!) Taufe" und zur Kommunion. Mit Kreuz und allem Drum und Dran.

Ich gehe ein bisschen näher an das Fenster heran und entdecke noch ein kleines, aber faszinierendes Detail: Zwischen diversen Plastikbrautpaaren, also diesen Figürchen, die immer auf Hochzeitstorten ganz oben stehen und für herzliches Gelächter sorgen, wenn beim Anschneiden Braut oder Bräutigam mit dem Gesicht nach vorn in die Buttercreme kippen, stehen auch zwei Bräute Händchen haltend nebeneinander. In der trendigen Tortenbäckerei in der Innenstadt, an der ich nur ein paar Stunden zuvor vorbeigegangen bin, gab es sowas nicht. Und in den (handwerklich ansonsten tadellosen) Kuchenmanufakturen bei uns am Stadtrand sowieso nicht. Derart ausgefallene Sonderwünsche müsse man lange im Voraus bestellen und natürlich, wenn sie denn überhaupt zu erfüllen gingen, extra bezahlen, erklärte neulich eine resolute Bäckereifachverkäuferin auf meine neugierige Nachfrage. Und Aufschriften auf Türkisch gingen auch nicht, da könnte man ja wer-weiß-was draufschreiben lassen.

Mir jedenfalls gefallen solche unaufgeregten Statements wie das im Bäckereischaufenster in der Keupstraße. Ich weiß natürlich, dass diese Art von Toleranz nicht repräsentativ für alle konservativen Milieus jedweder Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund ist. Aber: Es sind eben Statements, die das Nebeneinander verschiedener Lebensläufe buchstäblich en passant schaufenster- und salonfähig machen. Das ist wichtig in Zeiten, in denen Einzeläußerungen türkischer Politiker über die Kreuze in deutschen Gerichtssälen hysterisch aufgeblasen werden. Und in denen die im Kern menschen- und christusfeindlich agierenden und argumentierenden Vertreter der nordrhein-westfälischen Pro-Bewegung beim CSD mitlaufen wollen, um über das mit wenigen Pinselstrichen zusammengeschmierte Feindbild eines homophoben Islams ein paar rosa-braune Wählerstimmen abzugreifen.

Weil ich die stillen Statements dagegen unterstützen möchte, und weil Kalorienzählen nicht alles ist, erinnere ich mich an das zwar nicht biblische, aber doch sehr weise Wort, dass ein Leben ohne Kuchen zwar möglich, aber sinnlos ist, und gehe gut gelaunt und mit knurrendem Magen in die Bäckerei. Afiyet olsun! 


Update: Bei Facebook ist zu erfahren, dass noch vor einigen Monaten ein Pärchen aus zwei Bräutigamen... Bräutigams... Bräutigämern... also zwei Männer zu sehen waren - die Entscheidung ist also nicht nur bewusst, sondern in hohem Maße gendergerecht. Und vor diesem Hintergrund kann man ja ruhig ein kleines bisschen Werbung machen und darauf hinweisen, dass es sich hier um die Bäckerei jener Familie handelt, die seinerzeit als die "türkischen Fußbroichs" durch eine Fernsehserie von Ute Diehl berühmt geworden ist.

Samstag, 27. April 2013

Lebensweisheit zwischen Hogsmeade, Godric's Hollow und Reading Gaol

Ich finde ja, dass man die Harry-Potter-Bücher durchaus zur Weisheitsliteratur zählen kann. Aus theologischer Sicht sind sie in mehrfacher Hinsicht interessant: Zum Einen aufgrund ihrer Rezeptionsgeschichte - immerhin laufen  die Geschwister an den dunklen Rändern der Christenheit immer mal wieder gern und medienwirksam dagegen Sturm und klagen, die Bücher würden Kinder und Heranwachsende in die Klauen okkulter Mächte treiben. So raunte etwa Gabriele Kuby aus der vordersten und leider äußerst brabbelfreudigen Riege schwärzestkatholischer C-Prominenz schon 2003, die Bücher seien "ein globales Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur", und röhrt in einer kruden Litanei, die sie selbst wohl für prophetisch hält: "Die Teilnahme an schulischen Potter-Aktivitäten kann aus Glaubens- und Gewissensgründen verweigert werden." Der mentalitätsgeschichtlich interessierte Kirchenhistoriker oder die Religionssoziologin finden hier, wenn sie den Kopf wieder aus der Kloschüssel gehoben und sich den Mund abgewischt haben, ergiebiges Forschungsmaterial.

Theologisch interessant sind die Bücher natürlich auch, weil JK Rowling, immerhin lange Zeit aktives Mitglied ihrer Heimatkirchengemeinde in Schottland, das eine oder andere Bibelzitat fallen lässt - auf dem Grabstein des im Kampf für das Gute verblichene Ehepaar Potter beispielsweise wird 1. Korinter 15,26 zitiert, auf dem der kleinen Schwester Albus Dumbledores Matthäus 6,21.  

Und natürlich können theologisch interessierte Leserinnen und Leser nicht anders, als beim stellvertretenden Tod der Hauptperson im letzten Band und seiner Rückkehr aus dem Totenreich an die entsprechenden Kapitel der Dogmatik oder die entsprechenden Stellen aus dem Glaubensbekenntnis denken. Diese Deutung wird übrigens von Rowling selbst nahe gelegt; in einem Interview aus dem Jahr 2000 erklärt sie:
"Jedes Mal, wenn ich gefragt wurde, ob ich an Gott glaube, habe ich "ja" gesagt, weil das so ist, aber niemand ist dem wirklich nachgegangen, und ich muss sagen: das passt mir ganz gut, denn wenn ich zu frei darüber sprechen würde, dann würde, denke ich, der intelligente Leser, ob er nun zehn oder 60 Jahre alt ist, raten können, wie es weitergeht."
Über die theologisch verwertbaren Allegorien der Harry-Potter-Reihe haben sich andere weitaus klügere Gedanken gemacht (etwa Matthias Frohmann in Bochum und Danielle Tumminio in Yale). Nun geht es ja bei Weisheitsliteratur um mehr als dogmatisch korrekte Glaubenssätze, es geht um Lebensweisheit, um verdichtete und reflektierte Lebenserfahrung. Und solche verdichtete, erzählend aufbereitete Lebenserfahrung entdecke ich zum Beispiel in eigentlich ziemlich unansehnlichen Viechern: Den thestrals/Thestralen, echsenhaft anmutenden Pferden mit Flügeln, in der Welt der Bücher von lauffaulen Zauberern als Reittiere benutzt. Wer nicht mehr genau weiß, was es mit denen auf sich hat, kann sich hier noch einmal informieren: 




"Sie können nur von denen gesehen werden, die den Tod gesehen haben." Das meine ich mit verdichteter Lebenserfahrung - denn so ist es irgendwie: Ich glaube, dass es Menschen verändert, wenn sie "den Tod gesehen haben", wenn sie selbst einmal kurz vor der Grenze gestanden oder bei der Begleitung eines sterbenden Angehörigen diesen Augenblick miterlebt haben, an dem die Ewigkeit die Erde streift und ein Mensch aufhört zu atmen. Dass sie Dinge mit anderen Augen sehen - ich habe manchmal auch den Eindruck, dass sie einander erkennen und in einer Sprache miteinander sprechen können, die nicht versteht, wer solche Erfahrungen noch nicht gemacht hat. 

Mit Oscar Wildes Worten aus De Profundis gesagt:  Where there is sorrow, there is holy ground. Some day, people will realise what that means. They will know nothing of life till they do.