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Sonntag, 26. November 2017

Tick-Tack-Oma und Adressbuch | Predigt über Dan 12,1b-3 am Ewigkeitssonntag

Die Ticktack-Oma hatte so ein kleines Adressbuch. Beim Trauergespräch lag es auf dem Tisch, sonst hat es immer da gelegen, wo es hingehört: Neben dem Telefon, das noch ein eigenes Tischchen mit dazugehöriger Sitzbank hatte. Die Namen darin: Alle mit Bleistift reingeschrieben. Nach ihrem 90. Geburtstag hat sie es angeschafft, hat die Namen all derer, die noch lebten, übertragen. Es waren weniger als die, die sie rausgelassen hat. „Ich bin doch eine der Letzten“, hat sie gesagt, „und ich bin es leid, die Namen von denen, die ich überlebt habe, durchzustreichen und jedes Mal, wenn ich eine Postkarte schreiben will oder eine Nummer raussuche, darüber zu stolpern. Jetzt radiere ich sie aus.“ Dann hat sie gelacht. „Und wenn ich doch noch jemand Neues kennen lerne, ist genug Platz!“ 


Neunzigjährige haben oft diesen Blick auf Leben und Tod. Einige derer, deren Namen wir heute hier genannt haben, hatten schon lange gesagt: „Es ist doch gut. Es reicht mir mit dem Leben.“ Man guckt anders auf das Leben, wenn die Grenze langsam aus dem Nebel auftaucht. Man sortiert, gewichtet vielleicht nochmal neu: Das, was früher so wichtig war, verliert an Bedeutung. Und anderes wird unschätzbar wertvoll. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ 

Der Ewigkeitssonntag gehört den Grenzgängern. Denen, die die Grenze passiert haben, und denen, die auf der anderen Seite stehen geblieben sind und ihnen nachblicken. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, wenn die Tage kürzer und die Menschen dünnhäutig sind, versammeln wir uns und rücken zusammen. Wir teilen das Brot, das wir haben, miteinander, reichen es herum, Hände berühren sich, Blicke werden getauscht, kurz, flüchtig, ein leises „Danke“, ein etwas lauteres „Amen“, eine stille Träne. Wir hören Namen, die etwas in uns zum Klingen bringen: Schmerz. Trauer. Sehnsucht. Dankbarkeit. Erleichterung. Oder irgendetwas anderes, das nur wir fühlen und das wir niemandem verraten. Wir hören Namen wie Abkürzungen für ganze Lebensgeschichten. Manche Geschichten sind länger, andere kürzer. Manche zu kurz. Alle ausnahmslos so vielschichtig und tiefgründig, dass kein Roman der Welt sie ganz erzählen könnte. Wir hören Namen, die von Klingelschildern, aus Kundenkarteien, Telefonbüchern und Geburtstagskalendern verschwunden sind – oder bei denen wir es einfach noch nicht übers Herz gebracht haben, sie aus dem Handy zu löschen. 

Am Ewigkeitssonntag blättere ich in der Bibel und suche Trost, Hoffnung, Perspektive, und vielleicht auch eine Antwort auf die Frage: Was ist mit Erwin oder meinetwegen mit Tick-Tack-Oma, jetzt, wo sie tot sind? Ich suche – und finde. Im hinteren Teil des Alten Testaments, im zuletzt hinzugefügten Buch der Hebräischen Bibel, im Buch Daniel. Ganz am Ende lesen wir Visionen, für Menschen geschrieben sind, die an ihre Grenzen kommen. An die Grenzen des Ertragbaren, des Verstehbaren. Um sie herum wütet der Tyrann, sie werden geknechtet, verfolgt, unterdrückt. Sie klagen laut und mit Rech: Es kann doch nicht sein, dass das, was ist, alles gewesen sein soll. Es kann doch nicht sein, dass der Tod und seine weltlichen Handlanger das letzte Wort behalten. Ihnen wird ein Ausblick geschenkt, der über unsere Grenzen hinausführt: 

[Denn] es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich. 

Wieder ein Buch. Ein Buch, in dem Namen verzeichnet sind. Nicht mit Bleistift – damit schreibt man im Himmel nicht. Gott schreibt auf wetterfestes Papier mit dokumentenechter Tinte, die auch unter Tränen nicht verläuft. Namen, die stehen bleiben. Die Lebensgeschichten in sich bergen im Buch des Lebens, das mit jeder Taufe ein neues Kapitel bekommt. „Ja, den Namen, den wir geben, schreib ins Lebensbuch zum Leben“, singen wir dann. 

Möglich, dass diese Vorstellung nicht lückenlos tröstlich ist, nicht auf den ersten Blick. Möglich, dass unser Gottesbild sich mit dem Bild vom Nikolaus vermischt, der mit weißem Bart und gerunzelter Stirn streng über den Rand seiner Brille guckt, den Zeigefinger in seinem goldenen Buch, das zwei Spalten hat: Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind? Der alles aufgeschrieben hat, wirklich alles, und bei dem man nicht weiß, ob er ein Geschenk oder die Rute rausholt. Vielleicht hat Daniel sich das so vorgestellt. Dass Gott doppelte Buchführung macht. Es klingt zumindest so: „Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande.“ Ich kann diesen Satz nicht einfach weglassen, aber ich möchte versuchen, ihn zu verstehen. Und vorsichtig weiterdenken. Die Worte sind geschrieben in einer Zeit, die gar nicht so anders ist als unsere eigene. Es gibt Menschen, die anderen Leid zufügen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Es gibt Verfolgung und Mord, seelische und körperliche Vergewaltigung, häusliche Gewalt und sträfliche Vernachlässigung. Es gibt Opfer und Täter, freiwillig und unfreiwillig. 

Tick-Tack-Oma wusste das. Hat schnell umgeschaltet, wenn im Fernsehen etwas über die unmittelbaren Nachkriegsjahre kam, über das, was damals so gemacht wurde und über das man nicht spricht. Und hat, als die Demenz die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verwischte, manchmal leise und unzusammenhängend über die jüdische Familie mit dem Geschäft nebenan gesprochen und den Kopf geschüttelt und sich die Hand vors Gesicht gehalten, als wollte sie nicht, dass man sie ansieht. Ich weiß nicht, ob für Tick-Tack-Oma die Vorstellung ertragbar, ob es gerecht wäre, im Buch des Lebens auch die Namen derer zu lesen, die im Krieg oder kurz danach etwas in ihr kaputt gemacht haben. Und dass sie selbst, wenn Soll und Haben aufgerechnet würden, hart an der Grenze wäre. Wie alle anderen. Namen bergen Lebensgeschichte. 

Und so, wie manche ihren eigenen Namen kaum leiden mögen, bergen die Namen auch die Kapitel unserer Lebensgeschichten, die schwer ertragbar sind. Möglich, dass nicht jeder die Vorstellung mag, dass am Ende jeder Name laut aus dem Buch des Lebens vorgelesen wird, inklusive der ganzen peinlichen zweiten und dritten Vornamen nach irgendwelchen Verwandten, die man zu Lebzeiten, wo es nur ging, verschwiegen hat. 

Möglich, dass es selbst im Himmel nicht ohne doppelte Buchführung geht, um der Gerechtigkeit willen. Aber damit ist noch nicht gesagt, dass dort so gerechnet wird, wie wir es gewohnt sind. Kurz gesagt: Weil Christus einen Strich durch die Rechnung macht. Auf der Soll-Seite. Weil Gott die Ewigkeit nicht ohne uns verbringen will und keine Freude hat an Plätzen, die beim großen Festmahl im Himmel leer bleiben. Er hat das Chaos in Welt verwandelt. Er kann auch unseren Namen einen neuen Klang geben. Kann und wird sie neu durchbuchstabieren und unsere Lebensgeschichten so erzählen, dass wir sie neu und anders hören. Wir sind hier an der absoluten Grenze all dessen, was Theologie und Glauben leisten können. Dorthin wagen wir uns am Ewigkeitssonntag. Halb verschüchtert, halb trotzig. Und lassen Gott nicht. Nicht ohne Hoffnung. Gesät werden Menschen in eine Welt voller Erniedrigung, Erhöhte stehen auf. Gesät werden Zerbrechliche, Menschen voller Kraft von Gott stehen auf. Nicht ohne Versprechen: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. 

Irgendwann, wenn dermaleinst die Zeit in Rente gegangen ist, wacht Tick-Tack-Oma auf. Mit einem Mal hell wach, wie man nur mit einem Mal wach ist, wenn man seinen eigenen Namen hört. Und sie steht auf, wundert sich, wie leicht das geht, spürt weder „Knie“ noch „Rücken“, schüttelt sich den Staub aus den Kleidern und fühlt sich überhaupt blendend. Geht langsam in den Flur, hört von irgendwoher leise Musik. Ihr Blick fällt auf ein Telefontischchen, ordentlich, mit Sitzbank, und auf das riesige aufgeschlagene Buch darauf. Namen über Namen, alle feinsäuberlich notiert, mit Tinte, nicht mit Bleistift. „Das ist die Gästeliste“, sagt jemand hinter ihr. Gott ist aus der Küche gekommen und hat die Schürze noch umgebunden und die Ärmel hochgekrempelt. „Gästeliste? Für heute?“ fragt Tick-Tack-Oma, und Gott sagt: „Für ewig.“ Und wieder fällt ihr Blick auf die endlosen Reihen von Namen, manche persönlich bekannt, manche aus Funk und Fernsehen, andere fremd und gänzlich unbekannt. Und ihr eigener natürlich. „Und die kennst du alle?“ fragt sie skeptisch, und Gott strahlt: „Jede und jeden Einzelnen.“ 

Amen.

Eindrücke aus dem Gottesdienst...








Freitag, 29. September 2017

Zurück ans Lagerfeuer



Ich mag Abendgottesdienste. Vor allem, weil ich, glaube ich, eher Nachteule als Morgenmensch bin. Aber auch das ganze andere. Das Licht, das anders ist, die Kerzen, die umso heller leuchten. Das gute Gefühl, wirklich Feierabend zu haben, wenn ich die Kirche verlasse. Mit einem Segen in die Nacht zu gehen. Die selten gesungenen Abendlieder, die so viel lebensweiser und so viel poetischer als das (für mich immer halb gelogene) "All Morgen ist ganz frisch und neu" über das Leben mit einem mutmaßlich bewohnten Himmel überm Kopf singen. 


In der evangelischen Landeskirche sind Abendgottesdienste selten. Unter der Woche findet abends trotzdem ein Großteil des kirchlichen Lebens statt: Gruppen und Kreise, aber vor allem auch Gremienarbeit. Was nicht weiter verwundert, da in den Sitzungen überwiegend ehrenamtlich Engagierte sitzen, die hier ihren Feierabend verbringen. 

Letztens bin ich auf die Forschungen der US-amerikanischen Anthropologin Polly W. Wiessner gestoßen. Die hat längere Zeit bei den Ju|'hoansi gelebt, einem indigenen Volk in der Kalahari-Wüste. Sie hat dort die Kommunikationsgewohnheiten untersucht und in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz folgendes Ergebnis über den Unterschied der Gespräche am Tag und bei Nacht am Lagerfeuer festgehalten (wer nicht so viel Zeit hat, kann sich auch einen kürzeren Artikel zu Gemüte führen, aus dem das folgende Zitat stammt):

Tagsüber drehen sich die Gespräche vor allem um ökonomische Aktivitäten - Arbeit, Essensbeschaffung, Austausch über Ressourcen. [...] Es hat viel mit sozialen Themen und mit Kontrolle zu tun: Kritik, Beschwerden und Nörgelei. Abends und nachts lassen die Menschen los, werden lockerer und suchen Unterhaltung. Wenn es tagsüber Konflikte gegeben hat, lassen sie diese hinter sich und kommen wieder zusammen. Abendliche Gespräche haben mehr mit Geschichten zu tun, mit der Unterhaltung über die Charaktereigenschaften Dritter, die aber zum weiteren Netzwerk gehören, und mit dem Nachdenken über die Welt der Geister und wie diese die Menschenwelt beeinflussen. Es gibt auch Singen und Tanzen, was innerhalb einer Gruppe verbindet.

Wiessner bestätigt damit die umfangreiche Forschung vor ihr, die die Bedeutung der Kontrolle über das Feuer für die menschliche Entwicklung insbesondere im Blick auf sozial wirksame Narrative herausgestellt hat. Es scheint kein weiter Weg, von dort aus auf die Traditionsprozesse der biblischen Bücher zu schließen, deren Sitz im Leben ja zumal in früher Zeit das nomadische Lagerfeuer war. Wiessners Untersuchung macht deutlich, dass es hierbei nicht nur um bloße Unterhaltung und Wissensweitergabe, sondern auch um die Konstruktion sozialer und spiritueller Identitäten geht. Die Theologie weiß das schon länger, bei der Kirche bin ich mir nicht so sicher. 



Immerhin, eins haben wir behalten: Kerzen. Wiessner misst dem Feuer in der Nacht nicht nur als Schauplatz sozialer Interaktion, sondern auch als Medium große Bedeutung bei: 

Ausreichend heller Feuerschein unterdrückt die Melatoninproduktion und sorgt für Energie zu einer Tageszeit, zu der wenig wirtschaftlich produktive Arbeit geleistet werden kann, dabei gibt es genug Zeit. In der heißen Jahreszeit hilft die Kühle des Abends, aufgestaute Energie zu entladen, in der kalten Jahreszeit rücken die Leute zusammen. Die Gemeinschaft am Feuer setzt sich oft, wenn auch nicht immer, aus Menschen verschiedener Altersstufen und Geschlechter zusammen. Mond und Sterne wecken Imaginationen des Übernatürlichen ebenso wie ein Gefühl der Verwundbarkeit gegenüber bösen Geistern, Raubtieren und Feinden, denen man die Gemeinschaft entgegenhält. Körpersprache wird im Feuerschein weniger deutlich, das Bewusstsein für sich selbst und andere ist geringer. [...] Die Themen des Tages werden fallen gelassen, während kleine Kinder im Schoß von Verwandten einschlafen. [...] Die Sehnsucht nach dem Feuer als Schauplatz sozialer Vertrautheit und Offenheit im Gespräch bleibt in hohem Maße ein Bestandteil modernen Lebens und ein potenzielles Forschungsfeld. Obwohl Gespräche am Lagerfeuer in unserem täglichen Leben selten sind, bleiben sie ein geschätzter Bestandteil von Pfadfinderausflügen, Picknicks, Outdoor-Trips und ökotouristischen Unternehmungen, die auf soziale Intimität und das Teilen von Wissen zielen. Die Macht der Flamme wird in unseren Häusern durch Kamine und Kerzen reproduziert. Der dänische Geist des "hygge" (Gemütlichkeit in Gemeinschaft) ist vom planvollen Platzieren von Kerzen, "lebenden Lichtern" gekennzeichnet, um vertrauliche Gespräche zu ermöglichen.



Schon hier könnte man pausieren und darüber nachdenken, wo solche Erfahrungen im kirchlichen Leben jenseits von Konfifreizeiten ihren Sitz im Leben haben könnten. Wiessner geht aber noch einen Schritt weiter und wirft Fragen auf, die sich an der Möglichkeit der Tagesverlängerung durch elektrisches Licht entzünden - damit ist sie keineswegs allein, zahlreiche Vertreter religiöser und säkularer Spiritualitätsansätze thematisieren das in schöner Regelmäßigkeit: 

Wie Jäger und Sammler wächst unsere Vorstellungskraft, gewinnen neue Perspektiven und erweitert sich unsere Horizont anhand von Geschichten. Nichtsdestotrotz dringen künstliches Licht und digitale Kommunikation weltweit in die Nacht ein, verwandeln Stunden der Dunkelheit in ökonomisch produktive Zeit und überlagern so die Zeit für Geselligkeit und Geschichten. Der Tag endet auf Knopfdruck, ohne dass man sich die Zeit nimmt, Beziehungen zu pflegen, zu entdecken, zu reflektieren oder zu heilen, oder die Themen des Tages mit der Kohle verglühen zu lassen. 




Wiessners Gedanken beschäftigen mich schon eine ganze Weile, weil in der von ihr untersuchten Gemeinschaft am Lagerfeuer Dinge aufscheinen, die mir (und, wenn ich meinen Gemeindegliedern glauben kann, anderen auch) im kirchlichen Alltag fehlen: Das scheinbar ziel- und zwecklose Beisammensitzen, das Teilen von Geschichten und Erfahrungen, das gemeinsame Erleben des Ausgesetztseins und gleichzeitigen Gehaltenseins unter freiem Himmel. Mit Abendgottesdiensten allein ist das sicherlich nicht zu ersetzen, und natürlich lassen sich nicht alle Sitzungen am Abend einfach so abschaffen. Immerhin: In unserem Presbyterium (und in anderen auch) gibt es den klugen Grundsatz, dass nach 22 Uhr keine Beschlüsse mehr gefasst werden. Vielleicht lassen sich durch kleine Akzentverschiebungen bereits Dinge wiedergewinnen, die im Alltag leicht verloren gehen. Zum Beispiel dadurch, dass die unvermeidliche Andacht nicht zu Beginn, sondern am Ende einer Sitzung gehalten wird. Die wird nicht mehr nach dem Muster einer Mini-Predigt zur Tageslosung oder zu einem bestimmten Thema funktionieren, sondern wahrscheinlich zur Entwicklung oder Wiederentdeckung eigener Formen führen, die stärker auf Gemeinschaft, stärker auf Spüren, Erleben und Teilen abzielen.

Bewahre uns, o Herr, wenn wir wachen,
behüte uns, wenn wir schlafen,
auf dass wir wachen mit Christus
und ruhen in Dir.

Dienstag, 25. März 2014

Nachlese zum Dingens...Gottesdienst: Es war sehr gut!


Zu den besonders beglückenden Erfahrungen kreativen Arbeitens, und das Entwickeln und Ausprobieren neuer Gottesdienstformen fällt ja auch darunter, gehören diese Momente, in denen alles anders läuft als geplant - und es dann trotzdem oder gerade deswegen richtig gut wird. Manchmal ist es aber auch schön, wenn Konzepte sich als tragfähig erweisen. So, wie das vorgestern der Fall war beim hier schon ausführlichst beschriebenen Spoken-Word-Gottesdienst (oder "Gottesdienst mit Poetry-Slam-Elementen" oder wie auch immer man das jetzt genau nennen soll - wie sagt man auf Schwedisch so schön? Kärt barn har många namn - Ein liebes Kind hat viele Namen...).

DER ABLAUF


Wie geplant, war der liturgische Rahmen auf Wesentliches konzentriert, gewissermaßen als Gegengewicht zum wortfokussierten Verkündigungsteil. In der Praxis bedeutete das: Freie Begrüßung, die zum liturgischen Votum überleitete und an wichtigen Gelenkstellen acht- und sparsame liturgische Moderation. Mit Harald Schroeter-Wittke (der hat in der Pastoraltheologie mal viel Gutes dazu geschrieben) bin ich der Meinung, dass liturgische Moderation „[d]ie Gemeinde als Subjekt des liturgischen Geschehens ernst“ nimmt, indem sie „eine Atmosphäre der Freundschaft, der Gleichberechtigung, der Begegnung auf Augenhöhe“ schafft, „Tradition und Situation gleichermaßen zur Sprache bringt“ und so „Elementarisierung als Horizonterweiterung“ anbietet. Voraussetzung ist dabei natürlich die Professionalität des/der Moderierenden, die wie eine gute Fremdenführerin einen Weg durch fremdes, unbekanntes Gelände zeigt, ohne den eigenen Zauber der Sehenswürdigkeiten durch zuviel Plauderei zu zerstören. Vor allem der Performance-Teil brauchte eine solche Moderation, um den Ablauf zu erklären - und zu begründen, dass es sich eben nicht um einen Slam handelt, d.h. um keinen Wettstreit, an dessen Ende Gewinner und Verlierer feststehen. Nach den Textperformances wurde der Bibeltext, aus dem der Stichwort gebende Vers ("Und Gott sah, dass es gut war") verlesen und konnte in der folgenden Stille nachklingen.

RÜCK- UND AUSBLICK

Wie schon gesagt - das gute Gefühl steht am Ende, dass das Konzept aufgegangen ist. Die Text-Performances waren großartig und standen in aller Verschiedenheit in dem großen Zusammenhang, den der priesterliche Schöpfungsbericht vorgab. Wie schon bei einigen Predigten ist mir aufgefallen, dass tradierte Worte auf eigentümliche Weise eine neue Dignität bekommen, wenn sie als bewusst gewählte Textbeiträge vorgetragen werden. In der Slam-Poetry-inspirierten Predigt über die Sturmstillung waren das Gesangbuchverse, die, von anderen Reimen umrahmt, plötzlich überraschend modern klangen und große Ausdruckskraft entfalteten. Und nach den Texten der Poet_innen erwartete man den Bibeltext mit einer anderen Spannung als nach dem allsonntäglichen "Die Lesung für den heutigen Sonntag steht in...". Memo dabei an mich: Gen 1,1-2,4a ist extrem lang, selbst dann, wenn es sehr pointiert und gut vorgetragen wird. Überhaupt, die Länge: Ein Beitrag war kurzfristig weggefallen, sodass "nur" vier Texte performt wurden - nach Einschätzung der meisten Besucher_innen war das aber auch genug. Besonders eindrücklich war die Stille nach den Wortkaskaden und brausenden Applauswogen - hier ist mir noch einmal aufgefallen: Es braucht einiges an Ruhe und Willen, so eine Stille wirklich vier bis fünf Minuten auszuhalten, und nicht vorschnell das Signal zum Weitermachen zu geben. Aber: Es lohnt sich! 

Erfreulich auch: Die gemeindepädagogische Komponente. Was in den Vorarbeiten noch unter "Utopie" lief, die Freisetzung kreativen Potenzials bei den Gottesdienstteilnehmenden und der Anreiz zum eigenen Texten, erwies sich als hoffentlich segensreiche Folge schon dieses ersten Versuchs: Dreieinhalb Gottesdienstbesucher_innen erklärten spontan ihre Bereitschaft zur Mitwirkung beim nächsten Gottesdienst, in dessen Vorfeld auch ein Workshop stattfinden soll.

Mit etwas über fünfzig Gottesdienstbesuchenden (Mitwirkende nicht mitgerechnet) ist sicherlich noch Luft nach oben, aber die, die da waren (und von denen gut die Hälfte eben nicht in einen "normalen" Gottesdienst am Sonntagmorgen gehen), waren engagiert dabei und durch die Bank begeistert - das wird schon! Im Juni soll es ja weitergehen - mehr dazu zu gegebener Zeit hier oder auf der Gemeindehomepage

Einen Augenzeuginnenbericht gibt es übrigens auf der Homepages des Kölner Stadtkirchenverbandes

Und hier schonmal meinen Beitrag - leider audio only und in nur äußerst mäßiger Qualität. Auch das kann man beim nächsten Mal ändern, wenn sich jemand findet, der oder die in der Hinsicht kompetent ist (anyone...?). Weitere in Kürze!


Montag, 23. Dezember 2013

Projekt: Menschwerdung

Eine Weihnachtsgeschichte

 




„Ich muss doch sehr bitten! “ Frenetisch mit einem goldenen Glöckchen bimmelnd, versuchte der Vorsitzende, sich Gehör zu verschaffen. Nur langsam verebbte das aufgeregte Durcheinanderreden, ein paar Stühle wurden zurecht geschoben, und alle Augenpaare im großen himmlischen Tagungsraum 3.1 richteten sich auf den hoch gewachsenen Engel, der soeben die abschließende Sitzung des Projektausschusses Menschwerdung eröffnet hatte. Heute Abend sollte es soweit sein:
„Unser großes, ja, vielleicht sogar unser größtes Projekt aller Zeiten, steht kurz vor seiner Vollendung!“ deklamierte der Vorsitzende nicht ohne Pathos, doch das erschien ihm angesichts der Bedeutsamkeit des Moments und der aus seiner Sicht längst fälligen und nun endlich in greifbare Nähe gerückten Beförderung zum Erzengel durchaus angebracht. 

„Heute Abend ist es soweit: Das, worauf wir schon eine Ewigkeit hinarbeiten, steht kurz vor seiner Realisierung: Gott wird Mensch!“ Er machte eine dramatische Pause und blickte bedeutungsschwanger in die Runde. Nachdem er sich der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Zuhörer versichert hatte, setzte er erneut zu seiner kleinen, wohl einstudierten Ansprache an und ließ seine Stimme vor Dramatik beben:
Mit den Worten des großen Jesaja gesagt: Heute wird das Volk, das im Finstern wandelt, ein großes Licht sehen, und über denen, die im finstern Land wohnen, wird es hell scheinen.  Denn uns wird ein Kind geboren, und die Herrschaft wird auf seinen Schultern ruhen...“

Er unterbrach sich, als er neben sich ein Räuspern hörte. Irritiert wandte er sich zu seinem Protokollanten um, einem älteren Engel mit hängenden Schultern, der demonstrativ auf das Zifferblatt seiner goldenen Taschenuhr wies. 
„Äh, ja“, fuhr er fort, nun wieder in normaler Stimmlage und etwas geschäftsmäßigerem Ton. „Kommen wir also zu unserer heutigen Tagesordnung, und wenden wir uns den Berichten aus den Arbeitsgruppen zu. Vielleicht möchte das Cateringteam beginnen?“ 
Seine Augen suchten den Raum ab und blieben an einem vollschlanken Engel mit dicken, rosigen Wangen, sorgfältig gezwirbeltem Schnurrbart und einer Kochmütze auf dem Kopf hängen. Dieser räusperte sich und stand auf.

„Mit den Sitzungsunterlagen haben wir euch ja unsere Menüvorschläge zukommen lassen. Denen, die das nicht gelesen haben, sei nur gesagt: Wir können uns auf was freuen! Gänsebraten, Rotkohl, Bratäpfel, Klöße, Weihnachtsschinken…“ Versonnen leckte er sich die Lippen. Ein hagerer, etwas verhärmt aussehender Engel am anderen Ende des Tisches schüttelte den Kopf und ließ seine Hand in die Höhe schießen.
„So ein Unsinn“, schnarrte er, „Schinken ist nicht koscher, das darf doch niemand essen!“ „Und was ist eigentlich mit Manna?“ wandte ein anderer Engel ein. Zustimmendes Murmeln erhob sich unter den Anwesenden, doch der Vorsitzende hatte schon wieder nach seinem Glöckchen gegriffen. 
„Also bitte“, mahnte er ungeduldig, „wenn wir so weitermachen, werden wir nie fertig. Wir haben das ausführlich diskutiert und uns darauf geeinigt, dass mit diesen kulinarischen Einschränkungen ein für alle Mal Schluss sein muss, wenn mit dem Projekt Menschwerdung wir unsere Zielgruppe universal erweitern wollen.“ „Und Manna ist doch soooo vorletztes Jahrtausend“, stöhnte ein junger Engel mit zerzausten Haaren, modisch-altmodischer Hornbrille und lose um den Hals geschwungenen Schal, dessen Namensschild ihn als Leiter der Abteilung „Creative Development“ auswies.
„Eben,“ stimmte der Vorsitzende zu, „Manna hatten wir schon, und wir waren uns alle einig, dass es dieses Mal etwas Größeres sein sollte. Wenn das Medizinteam weitermachen würde?“ 
Ein älterer Engel im Arztkittel, der unter seinem Heiligenschein einen Stirnspiegel trug, warf einen Blick auf das vor ihm liegende Klemmbrett. „Gerne. Trotz der ungewöhnlichen Begleitumstände hat sich die Schwangerschaft ganz normal entwickelt, der errechnete Geburtstermin wird aller Voraussicht nach eingehalten. Der werdenden Mutter geht es den Umständen entsprechend gut, trotz der Strapazen der letzten Tage.“ Der Vorsitzende nickte zufrieden und wandte sich einem kräftigen Engel mit weißem Overall und einer Baseballcap mit der Aufschrift „Transport und Spedition“ zu, der gerade von einem mitgebrachten Butterbrot abgebissen hatte. 
„Läuft“, mampfte er und spülte, den missbilligenden Blick des Vorsitzenden ignorierend, mit einem Schluck aus einer Bierflasche nach. „Maria und Josef haben unseren besten Esel bekommen, ein prachtvolles Exemplar.“ 
Als er wieder in sein Butterbrot biss, erhob sich ein schlaksiger, recht junger Engel in tailliert geschnittenem Anzug und strich sich mit der Hand über seinen Seitenscheitel, der sich keinen Millimeter bewegte. 

„Dann mache ich mal für die Abteilung ‚Kommunikation und Marketing‘ weiter. Wir verfolgen eine Marketingstrategie, die auf mehreren Säulen ruht. Erstens“, er streckte den Daumen für alle sichtbar aus, „Ankündigung durch Engel. Das hat sich für uns bewährt. Aber wir waren auch sicher, dass die klassische mouth-to-mouth-Kommunikation in diesem Fall nicht ausreicht. Deswegen“, nun streckte er den Zeigefinger aus, „lassen wir zweitens nicht nur einzelne Kollegen auftreten, sondern riesige Engelschöre an zentralen Stellen.“ 

Hier wurde er von einem Engel mit silbern wallender Mähne unterbrochen, der die ganze Zeit auf Notenblätter gekritzelt hatte, die überall um ihn herum verstreut lagen. „Ich habe für diesen Anlass ein ganz neues Werk geschaffen, das versucht, die Magie des Augenblicks in Musik zu fassen“, jodelte er und griff unter den Tisch, von wo er eine kleine goldene Harfe hervorholte. Er zupfte eine Saite, summte leise und schmetterte ohne Vorwarnung los: „Gloo-hohohohoho-hooo-hohohoho-hoooo…“
„Jaja, ist schon gut“, unterbrach ihn der Vorsitzende, dem solcherlei musikalische Einlagen eher gleichgültig oder, wenn sie seinen minuziös ausgetüftelten Zeitplan zu sprengen drohten, sogar lästig waren. „Wir haben doch keine Zeit. Wenn jetzt die Kreativabteilung weitermachen könnte?“ Der behornbrillte und beschalte Kreativengel war bereits aufgesprungen und zu einer bereitstehenden Flipchart gehuscht. Mit großer Geste riss er das oberste Blatt ab. 
„Wir haben uns ja wirklich die Köpfe heiß geredet, auch mit den Kollegen von der Marketingabteilung“ – hier grinste er in Richtung des Angesprochenen, doch der starrte nur verbissen auf die Flipchart. „Wir haben uns zu einer umfassenden Strategie entschlossen, um ‚Weihnachten‘ als Markenzeichen hoher Qualität zu etablieren, das aber als Produkt für jedermann…“ 
Ein Engel, den man für ein weibliches Exemplar hätte halten können, wenn derartige Kategorien auf die himmlischen Heere anwendbar wären, räusperte sich laut und anklagend. „Und jede Frau erschwinglich ist“, fuhr der kreative Geist in versöhnlichem Tonfall fort und riss ein weiteres Blatt von der Flipchart ab, auf der nun zwei senkrechte Balken prangten. „Dabei steht auch unser Konzept auf zwei Säulen: Tradition und Innovation!“ Die anwesenden Engel raunten anerkennend, das klang professionell. Durch die Zustimmung seiner sonst eher skeptisch veranlagten Kollegen  angestachelt, flatterte der Vortragende aufgeregt mit den Flügeln. „Dabei spielen wir bewusst mit zentralen Elementen unserer himmlischen corporate identity: Prophetensprüche! Die sind gerade unserer Stammkundschaft geläufig, ihr wisst schon: ‚Eine Jungfrau wird schwanger werden‘, ‚Tochter Zion, freue dich, jauchze, Jerusalem‘ und so weiter.“ 

„Dazu könnte ich ein Lied schreiben!“ knödelte der himmlische Hofkompositör, der bereits seine Harfe gezückt hatte, verstummte jedoch wieder, als ihn ein giftiger Blick des Vorsitzenden traf. Unbeirrt nahm der Kreativengel den Faden wieder auf: 
„Die zweite Säule ist unsere Kampagne…“, hier machte er mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände in der Luft kleine Anführungszeichen, „Kein Ohr hat je gehört, kein Aug‘ hat je gesehn. Repräsentative Befragungen, was der Mann von der Straße von diesem Event erwartet, haben einen ganz klaren Schwerpunkt ergeben, den wir fast wortwörtlich zu unserem Slogan gemacht haben.“ 




Mit großer Geste riss er das vorletzte Blatt von der FlipChart ab. FRIEDE AUF ERDEN, stand dort nun in güldenen Lettern zu lesen, und die übrigen Mitglieder der Projektgruppe brachen spontan in Beifall aus. Ein wissendes Lächeln umspielte die Lippen des Kreativengels, als er die Begeisterungsstürme mit einer nonchalanten Handbewegung dämpfte – den Clou hatte er ja noch gar nicht verraten. 
„Das Herzstück unseres Merchandisingprogramms haben wir euch übrigens gleich mitgebracht.“ Hier klatschte er in die Hände, und wie aus dem Nichts tauchten Helfer aus seiner Abteilung auf, die quietschbunte Pakete unter den Anwesenden verteilten. Unschlüssig drehten die Engel diese in ihren Händen hin und her. Der Musikengel hielt seines ans Ohr und schüttelte es, ließ es aber enttäuscht wieder sinken, als es keine Töne von sich gab. Der himmlische Sternekoch schnupperte prüfend an seinem Päckchen herum und biss probeweise hinein, sein Kollege vom medizinischen Fachpersonal horchte seins mit dem Stethoskop ab. 




„Und was soll das sein?“ fragte der Vorsitzende irritiert. Der Kreativengel bedeutete ihnen, auszupacken, und in das sich daraufhin ausbreitende Geraschel mischten sich freudig-überraschte „Oh!“s und „Ah!“s, als der Speditionsengel einen Duftbaum, der Kochengel eine neue Mütze, der Musiker einen Dirigentenstab und der Vorsitzende ein Heiligenschein-Polier-Set auspackte. Nur der Protokollant starrte stirnrunzelnd auf die Nylonstrumpfhose, die er aus seinem Paket hervorgeholt hatte. „Ups“, kicherte der Kreativengel, „da ist wohl was schief gelaufen. Aber wir können das umtauschen“, beruhigte er die Verwaltungsfachkraft. Dann wandte er sich wieder der Runde zu.
„Wir nennen das Weihnachtsgeschenke, und wollen damit in Erinnerung rufen, dass das, was die Menschen von uns bekommen, gratis ist, dass sie nichts dafür tun oder zahlen müssen.“
Sein Kollege aus der Marketingabteilung, der die ganze Zeit schon mit einiger Skepsis im Blick seinen Ausführungen zugehört und auch als Einziger sein Päckchen nicht ausgepackt hatte, konnte sich nun nicht mehr zurückhalten.
„Ich habe es ja bei unseren Vorbereitungstreffen schon mehrmals gesagt“, presste er hervor und ließ für niemanden einen Zweifel daran, dass er sich hier übergangen fühlte, und das nicht erst seit gestern, „dass ich aus marketingpsychologischer Sicht große Schwierigkeiten damit habe!“ Verwundert sahen die Engel ihn an. Was konnte man an einer so hübschen Idee auszusetzen haben? Ihr Verkaufsexperte schüttelte den Kopf.
„Überall auf der Welt ist klar: Wat nix kost‘, ist nix. Wir signalisieren damit doch nur: Das, was wir anzubieten haben, ist billig!“ Das letzte Wort spuckte er förmlich vor sich auf den Tisch. Der Vorsitzende blickte erschrocken auf sein Paket, schob es ein wenig von sich und murmelte etwas von einem „berechtigten Einwand“. Fragend sah er den Urheber dieser offensichtlich gar nicht so unumstrittenen Idee an, doch dieser ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und lächelte, nicht ohne einen kleidsamen Anflug von Siegesgewissheit, in die Runde.
„Das Risiko haben wir natürlich auch gesehen. Dem wirken wir entgegen, indem wir eine ganze Kultur des Schenkens fördern wollen, die sich speziell mit dem Event Weihnachten verbindet. In Absprache mit den Kollegen aus der entsprechenden Abteilung haben wir den ausländischen Ehrengästen auch schon hochwertige Weihnachtsgeschenke zukommen lassen, die sie beim Festakt dem Kind überreichen: Gold, Weihrauch und Myrrhe.“
„Das ist überzeugend“, entschied der Vorsitzende und wandte sich dem soeben angesprochenen Diplomatenengel, der sich seit der letzten überirdischen Strukturreform nunmehr „Moderator International Relations“ nannte, seine großbürgerlich-konsularische Attitüde jedoch nie abgelegt hatte, zu: „Apropos – wie sieht es denn eigentlich mit unseren Ehrengästen aus?“
Der Diplomatenengel nickte knapp, justierte sein Monokel und erhob sich würdevoll. Sein schwerer Tweed knarrte. „Wir konnten drei hochrangige Persönlichkeiten aus dem Morgenland gewinnen…“ begann er, verstummte jedoch, als der Dirigent der Himmelschöre ein begeistertes Glissando vernehmen ließ. „Oh, wie wundervoll!“ operte er und wühlte summend in seinen Noten, „ich könnte noch drei Solostimmen für mein grandioses Werk schreiben…“ Der soeben Unterbrochene ließ sich nicht aus seiner über Jahrhunderte auf dem diplomatischen Parkett erworbenen Ruhe bringen und fuhr unbeirrt fort:

„Wir liegen exakt im Zeitplan. Die Kollegen aus der Wetterabteilung haben uns einen Stern zur Verfügung gestellt, der ihnen den Weg weist…“ Hier meldete sich der Protokollant zu Wort und monierte, dass dies eines Antrags bedürfe, der noch nachträglich genehmigt werden müsse. Ärgerlich winkte der Vorsitzende ab und deutete dem Diplomaten, weiter zu berichten, doch dieser war bereits am Ende seiner Ausführungen angelangt und hatte sich knarrend wieder hingesetzt.
„In ein paar Tagen dürften sie in Bethlehem sein“, versicherte er. 

Ein Raunen erhob sich im Saal, die Engel tuschelten und zischten aufgeregt durcheinander. Der Vorsitzende, der zusammengezuckt war und dabei sein goldenes Glöckchen vom Tisch gefegt hatte, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief seine Projektgruppe zur Ruhe. Nun hielten sie den Atem an, alle Augen waren auf den Diplomatenengel gerichtet.

„Äh, du sagtest: Bethlehem..?“ hob der Vorsitzende fragend an. Der für das internationale Ressort Zuständige nickte. „Du meinst: Jerusalem“, schlug der Vorsitzende vor, nicht ohne nervöses Zittern in der Stimme. Der Diplomatenengel schüttelte unbeirrt den Kopf. „Aber wir hatten doch gesagt: Jerusalem!“ rief der Vorsitzende, und seine Stimme drohte sich zu überschlagen. „Oder?“ wandte er sich Hilfe suchend an den Protokollanten. Der blätterte in seinen Unterlagen und zitierte schließlich aus dem entsprechenden Protokoll: Die Geburt des Gottessohnes und die sich anschließenden Feierlichkeiten sollen an geeigneter Stelle unter Beteiligung größtmöglicher Öffentlichkeit stattfinden, in Klammern: Vorzugsweise Tempelvorplatz oder Königspalast.“
„Da haben wir’s: Jerusalem!“ bellte der Vorsitzende, der nun endgültig kurz davor war, sämtliche Fassung zu verlieren und den Diplomaten an seinem Tweedkragen zu packen und zu schütteln. „Wie um alles in der Welt kommt ihr auf Bethlehem?!“
Der Angeschriene ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und schnippte mit spitzen Fingern ein imaginäres Staubkorn von seinem Revers. „Wir haben uns strikt an die Angaben gehalten, die uns das Tagungsbüro übermittelt hat.“ 
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wandte sich dem Vertreter des Tagungsbüros zu, einem relativ neu in ihren Kreis hinzugetretenen Praktikanten, der während der letzten Minuten immer kleiner geworden war und auf dessen Stirn winzige Schweißperlen glitzerten, als sämtliche Anwesenden ihn entgeistert anstarrten.
„Ich verlange eine Erklärung!“ röhrte der Vorsitzende, der sich inzwischen aus seinem Stuhl erhoben hatte. 
„Nun ja“, stammelte der arme Praktikant, „das Problem war, dass in Jerusalem alles restlos ausgebucht war, wegen dieser Volkszählung. Die Augustus angeordnet hat. Und Josef musste sowieso nach Bethlehem gehen, weil von dort stammt…“
Der Marketingengel versuchte, die Wogen zu glätten. „Ist doch nicht so schlimm“, lenkte er ein, „immerhin ist auch Bethlehem wegen König David als Markenname etabliert…“
„Ja und?!“ falsettierte der Kreativengel und fuchtelte so heftig mit Händen und Flügeln, dass ihm seine modisch-altmodische Hornbrille von der Nase rutschte. „Das kulturelle Leben pulsiert nun einmal in Jerusalem, und zwar nur da. Bethlehem ist dagegen totale C-Lage und als location denkbar ungeeignet und total ab vom Schuss! Wenn wir Dorfromantik gewollt hätten, hätten die gleich in Nazareth bleiben können.“ 
Der Tagungsbüropraktikant, entschlossen, seine eigene und die Ehre seiner Abteilung zu retten, entgegnete: „Nun wollen wir mal nicht übertreiben. Natürlich haben wir in Bethlehem das erste Haus am Platz reserviert. Ich habe mich persönlich davon überzeugt, dass es unseren Ansprüchen vollauf genügt…“
Der Kochengel zog sich vor Verzweiflung die Kochmütze tief über die Stirn. „Wie sollen wir denn das ganze Catering jetzt nach Bethlehem kriegen?“ jammerte er.
„Kriegen wir nicht hin“, teilte der Speditionsengel mit, nahm einen Schluck aus der Bierflasche und rülpste leise.
„Das hat doch alles keinen Sinn“, schnappte der Vorsitzende, „wir müssen das Ganze abblasen oder zumindest verschieben! Und alles wegen dieser verfluchten Volkszählung!“ Sein Protokollant nickte zur Bestätigung. „Wir haben gar keine Beschlussgrundlage dafür, das in Bethlehem stattfinden zu lassen. Und der Dienstweg muss eingehalten werden“, mahnte er mit erhobenem Zeigefinger.

„Eben.“ Das Entsetzen des Vorsitzenden war einer hektischen Betriebsamkeit gewichen. „Ich schlage vor, wir bringen Maria und Josef auf dem schnellsten Weg nach Jerusalem, bevor irgendjemand etwas merkt.“
„Kriegen wir nicht hin“, beschied der Speditionsengel, der die Spitzengeschwindigkeit seines besten Esels besser einschätzen konnte als die anderen.
„Können wir sie nicht einfach entrücken?“ fragte der Kreativengel. „Das hat bei anderen ja auch geklappt.“ Die Engel klopften zustimmend auf ihre Tische, doch da mischte sich der Arztengel ein, der sich bislang zurückgehalten hatte:
„Aus medizinischer Sicht muss ich energisch widersprechen. Das sind Strapazen, die wir einer Schwangeren so kurz vor der Entbindung keinesfalls zumuten können. Außerdem sind die Menschen, die wir entrückt haben, nie wieder irgendwo aufgetaucht.“
Der Protokollant winkte ab; eine Entrückung konnten sie in ihrem Kreis gar nicht beschließen, dafür brauchte es eine Genehmigung von höchster Stelle. Auch der himmlische Chefmusiker, dem man auch nur etwas von Bethlehem gesagt hatte, sprach sich dagegen aus; seine himmlischen Chöre seien bereits vor Ort und eingesungen und könnten unmöglich in so kurzer Zeit nach Jerusalem fliegen, zumal man dort den sorgfältig geplanten und geprobten Auf- und Abtritt noch einmal ganz neu inszenieren müsse.

Ein penetrantes Klingeln durchbrach die ratlose Stille, der Praktikant bekam einen hochroten Kopf, murmelte leise eine Entschuldigung und zog sich zum Telefonieren in eine Ecke zurück, aus der man ihn aufgebracht flüstern hörte. Mit zitternden Flügeln kam er schließlich zurück und sackte auf seinem Platz zusammen.
„Jetzt ist es sowieso zu spät, Maria und Josef sind soeben in Bethlehem eingetroffen. Es gibt da nur ein kleines Problem…“
„Was denn noch?!“ stöhnte der Vorsitzende.
„Es hat da wohl eine Doppelbuchung gegeben“, hauchte der Praktikant. „Der Herbergsvater hat sie wieder weggeschickt, weil alles belegt war…“
„Soll das heißen, der Gottessohn kommt unter freiem Himmel zur Welt?“ empörte sich der Protokollant. „Mitten im Winter?!“
„Ganz so schlimm ist es nicht“, winkte der Praktikant beschwichtigend ab, ohne dabei besonders überzeugend zu klingen. „Wir haben kurzfristig eine Ersatzunterkunft auftun können…“
„Wo denn?“ lästerte der Marketingengel. „In einer alten Karawanserei?“
„Nein“, piepste der Praktikant. „In einem Stall…“

Nun schrien die Engel durcheinander. Der Gottessohn in einem Stall! Bei Ochs und Esel! Nur der musikalische Schöngeist unter ihnen schien die Tragweite der Katastrophe nicht begriffen zu haben:
„Wunderbar“, säuselte er und griff nach seiner Harfe, „das ist doch der Stoff für ganz neue Musik! In einer Höhle zu Bethlehem…“ Der himmlische Medizinaloberrat schnitt ihm das Wort ab. Er könne dies auf keinen Fall zulassen, da man keiner Frau zumuten könne, unter derartigen Bedingungen ihr Kind zur Welt zur bringen. Den Einwand des seit Anfang der Sitzung um politische Korrektheit besorgten Engels, dies sei doch, Gott sei es geklagt, gar nichts Ungewöhnliches, wischte er mit einer ärgerlichen Handbewegung weg. Hier sei schließlich nicht die Rede von irgendeinem x-beliebigen Zimmermannssohn. 

„Und was ist mit dem Publikum?“ rief der Marketingengel. „Wir haben ausdrücklich gesagt: Unter Beteiligung größtmöglicher Öffentlichkeit.“ Der Protokollant konnte auf die entsprechende Stelle in der letzten Sitzungsniederschrift hinweisen. Da hellte sich das Gesicht des Praktikanten auf, der nun die Chance sah, zu beweisen, dass er auch in Stresssituationen besonnen reagieren konnte.

„Das haben wir geregelt“, versicherte er, „unser Außendienstmitarbeiter hat ein paar Hirten mit ihren Schafen organisiert“, doch diese engagierte Improvisationsleistung stieß, gelinde gesagt, auf wenig positive Resonanz:
„Schafe und Hirten“, fauchte der Kreativengel, „warum nicht noch ein paar Zöllner und Pharisäer und Huren?!“ Der Praktikant dachte für einen kurzen Moment, dies sei ernst gemeint, besann sich jedoch eines Besseren und schwieg.

Der Vorsitzende hatte in der Zwischenzeit mit einiger Mühe wenigstens ein wenig Fassung wiedererrungen. In dieser Krisensituation waren Führungsqualitäten gefragt.
„Das hat alles keinen Zweck“, entschied er, „nochmal: Wir müssen das abblasen. Zum Glück kommen die Gäste aus dem Morgenland erst in ein paar Tagen.“ Er wandte sich an den Protokollanten. „Du rufst sofort in der Chefetage an und sagst ihnen, dass unser Projekt geplatzt ist und wir das Ganze absagen.“
„Gibt es dafür einen Beschluss?“ fragte dieser in die Runde, und als die Engel zustimmend auf ihre Tische klopften, zog er sich zurück, um ein wichtiges, wenn auch aller Wahrscheinlichkeit nach höchst unangenehmes Telefonat zu führen. 

Im aufgeregten Durcheinander fiel es zunächst niemandem auf, dass der Arztengel sich an die Brust fasste und ein kleines Gerät aus seinem Kittel holte, ungläubig auf das Display starrte und sich schließlich seufzend gegen die Rückenlehne seines Stuhls sinken ließ. Langsam verstummten die anderen. Mit geschlossenen Augen massierte er sich die Schläfen.

„Es ist zu spät“, presste er hervor. „Entbindung ohne Komplikationen verlaufen. Mutter und Kind wohlauf, Kind in Windeln gewickelt und in Krippe gelegt.“

Eine Schrecksekunde lang sagte niemand ein Wort, dann flatterten die Engel aufgeregt durcheinander. Der himmlische Küchenchef versuchte, noch etwas Manna zu organisieren, der Marketingengel krächzte aufgeregte etwas von Medien! Medien!, der Leiter der Kreativabteilung dachte eher praktisch („Wir brauchen andere Geschenke – was sollen die mit Gold und Myrrhe im Stall?!“), der Diplomatenengel forderte energisch eine standesgemäße Unterkunft für die ausländischen Gäste, der Vorsitzende ließ seinen Kopf mehrfach auf die Tischplatte fallen, der Praktikant lachte hysterisch, und einige Engel flatterten einfach kreischend im Kreis herum, weil sie nicht wussten, was sie tun könnten. 

Ein Ruf des Musikus ließ die Engel verstummen. „Horcht nur“, jubelte er, „die himmlischen Chöre – sie singen, sie singen so wunderschön!“ In der Tat: Wie aus weiter Ferne hörten die Engel den ergreifenden Gesang vieler tausend Stimmen, der von unten her emporstieg und Himmel und Erde wie mit einem Netz von goldschimmernden Fäden überzog, und die ganze Welt schien stillzustehen und zu lauschen: „Und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Und durch den mächtigen Gesang hindurch tanzte das freudige Krähen eines Säuglings.

Dann war der Zauber verflogen, und die Engel stoben auseinander. Die letzte Sitzung der Projektgruppe Menschwerdung war beendet.

 Zurück blieb nur der Vorsitzende. Wie in Zeitlupe bückte er sich und hob sein goldenes Glöckchen auf. Eine Weile wiegte er es in seiner Hand, dann ließ er es in seiner Aktentasche verschwinden. Er würde es nicht mehr brauchen. Der Traum von der Beförderung zum Erzengel war von einer Sekunde auf die andere verflogen, wie eine schillernde Seifenblase, die Zentimeter vor dem Gesicht zerplatzt und deren kleine, fiese Tropfen die Augen brennen lassen. Wie hatte das alles nur so schief gehen können?

 „Ähem.“ Er zuckte zusammen, als er hinter sich den Protokollanten sich räuspern hörte, der unbemerkt von seinem Telefonat mit der Chefetage zurückgekommen war. Er setzte sich neben seinen Vorgesetzten und starrte auf die Tischkante. Eine Zeitlang sagte niemand ein Wort. Schließlich brach der Vorsitzende das Schweigen. 
„Und?“ fragte er und suchte den Blick seines Sitznachbarn. Der holte tief Luft und schüttelte nachdenklich mit dem Kopf. „Offenbar“, begann er, und es schien, als traue er den Worten nicht, die seinen Mund verließen, „offenbar ist man dort oben sehr zufrieden, wie es gelaufen ist.“ Der Vorsitzende starrte ihn ungläubig an. „Nun ja“, fuhr er zögernd fort, „ich habe mit einem Kollegen aus der Chefetage gesprochen, und der hat mir – unter dem Siegel der Verschwiegenheit natürlich – von merkwürdigen Aktenvermerken erzählt, die er gefunden hat: Engel mit Flammenschwert an Augustus zwecks Anordnung einer Volkszählung. Engel an Herbergsvater zwecks Stornierung der Reservierung Maria und Josef und Aufwärmen des Stalls. Und so weiter.“
„Du meinst, das ist alles von oben so geplant gewesen?“
„Offenbar.“
„Das alles?“ rief der Vorsitzende. „Gottes Sohn kommt wie irgendein armes Kind in einem Stall zur Welt, die Hirten kriegen es als erste mit, alles fernab vom Weltgeschehen?!“
„Scheint so“, nickte der Protokollant.
Der Vorsitzende legte den Kopf in den Nacken und ließ ein kurzes, resigniertes Lachen hören. „Er hält sich nicht an den Dienstweg, wie?“ fragte er und zeigte mit dem Daumen nach oben.
„Und auch nicht ans Protokoll!“ ergänzte der Protokollant lächelnd.

Ein Rumpeln unterm Tisch ließ sie zusammenfahren. Dort lag, von ihnen bis jetzt unbemerkt, der Speditionsengel. „Läuft“, grunzte er, und rülpste im Schlaf.
„Na dann… Frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten, Chef.“

(Die Geschichte gibt es hier als Krippenspiel.)