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Sonntag, 23. August 2015

"...von einem stinkenden Stern"

FREITAL.
HEIDENAU.
HOYERSWERDA.
ROSTOCK-LICHTENHAGEN.
Aber auch:
MÖLLN.
KÖLN-MÜLHEIM.
SOLINGEN.


"In Solingen brannte ein Haus, Frauen und Kinder verbrannten. Betroffenheitsadressen wurden abgegeben. Ratlosigkeit herrschte vor. Wahrscheinlich waren die Mörder Jugendliche. Sie haben ihren Hass gegen das Ganze, gegen uns gerichtet - und Muslime getroffen. Wer vergiftete sie? Wir. Die Jugendlichen fielen nicht von einem stinkenden Stern, sondern wuchsen unter unseren kalten Händen auf. Wir, traditionell auf dem rechten Auge blind, verniedlichten doch die Nazischweinereien. Wir hatten drei Jahrzehnte anderes zu tun, als unserer Jugend Rede und Antwort zu stehen. Wir lehrten sie den Gebrauch der Ellenbogen, wir ersetzten Rückgrat und Anstand durch die harte Mark - und wundern uns. Wir werden uns verrückt wundern. Johannes Rau hat schon recht, wenn er sagt: 'Wir können Gesetze schaffen und anwenden, wie wir wollen. Findet keine Veränderung in den Köpfen und in den Herzen statt, sind wir verloren!' 'Die Stadt liegt wüst, und die Häuser sind ohne Menschen', sagt Jesaja."
Peter Beier, 1993.

Bild von der Aachener Zeitung.

Montag, 20. April 2015

Von häretischem Gedöns und der Unverzeihlichkeit der Langeweile - Ein Kommentar aus homiletischer Sicht


Prediger_innen, die ihre Kanzelrede mit der stereotypen Ankündigung einer Provokation beginnen, stehen aus gutem Grund unter dem Verdacht, letzten Endes doch nur sich selbst zu predigen. Das gilt auch für Theologieprofessoren, wenn sie sich bei den Häretikern bedienen, um marktschreierisch irgendwelche Menschen aus einem angeblichen Kirchenschlaf wecken zu wollen.  

Notger Slenczkas Argumentation in seinem 2013 erschienenen Aufsatz „Die Kirche und das Alte Testament“, dessen Kernthesen nun in mehreren Einzelschriften verteidigt und bestätigt wurden, ist aus theologischer Sicht im Ganzen und aus homiletischer Perspektive im Besonderen unhaltbar. Slenczka folgt im Wesentlichen Adolf von Harnack,  der in seiner Schrifttheologie auch dem Neuen Testament nur recht widerwillig („weil sich eine bessere Urkundensammlung für die Bestimmung dessen, was christlich ist, nicht schaffen lässt.“) einen kanonischen Rang einräumt – eine solche begrenzte, zweckrationale Sicht auf die Schrift aber ist einer Kirche, die sich selbst vollmundig als „Kirche des Wortes“ bezeichnet, nicht angemessen, weil es die Eigenwirksamkeit des Wortes, das „nicht leer zurückkommen wird“ (Jes 55), negiert. Auch Harnacks progressives Geschichtsverständnis ist nicht nur, entgegen aller anderslautenden Beteuerungen seiner Epigonen, in ihrer religionsgeschichtlichen Ausrichtung implizit antijudaistisch (und antikatholisch und letzten Endes antiökumenisch), ihr liegt auch Verständnis von einer sich einseitig positiv weiterentwickelnden Menschheit zugrunde, das aus geschichtswissenschaftlicher Sicht unhaltbar ist.

Slenczka sieht im AT das „Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularem Anspruch“, dem er den universalen Charakter des NT entgegenstellt. Aus homiletischer und predigtpraktischer Sicht ist diese inakzeptable Abwertung der Hebräischen Bibel besonders fatal: Lebensnahe und Leben verändernde christliche Verkündigung lebt von den Erinnerungsorten dieser „Stammesreligion“, von den Erzählungen um die Lagerfeuer der Karawansereien, von Wüstenwanderungen und durchwachten Nächten in den zugigen Zelten der Heimatlosen. Der mutwillige Verzicht auf den „Überschuss“ der Hebräischen Bibel an Erzählstoffen, an Erfahrungen von Armut und Müdigkeit, an skandalös realistischen Darstellungen von Eros und Politik (Miskotte), kann kaum zu etwas anderem führen als zu Predigten, die steril, vergeistigt und unerträglich langweilig sind. Mehr noch: Für Kanzelreden, die christliche Identität außerhalb des „Wahrheitsraums“ (Crüsemann) der Hebräischen Bibel konstruieren wollen und damit die durch den Lauf der Geschichte hindurch wirksame Treue Gottes verneinen, bleibt nur die Flucht in höchstens philosophisch reizvolle Gedankenspiele über das „Wesen des Christentums“, die letzten Endes selbstreferenziell bleiben müssen. Und damit trostlos.


Die Evangelische Kirche hat das seit Längerem erkannt und unternimmt in der derzeiterprobten Perikopenrevision den dankenswerten Versuch, „aufgrund der in den vergangenen Jahrzehnten stärker bewusst gewordenen Bedeutung des Alten Testamentes für den christlichen Glauben Umfang und Funktion der alttestamentlichen Texte im Gefüge der Perikopenordnung neu zu bestimmen.“ Aus homiletischer Sicht erscheint dies verheißungsvoller und auf heilsame Weise provokanter als postmoderner Markionismus.

Samstag, 18. April 2015

Ein Film, ein Brief und hoffentlich kein #Aufschrei

Seit einigen Tagen macht ein Brief von "Oma Marie" die Runde, in dem sie ihren Austritt aus der evangelischen Kirche erklärt und diesen mit Äußerungen des norddeutschen Pfarrers Gero Cochlovius im Fernsehen begründet. Cochlovius, der, wie ein Blick auf die Internetseite seiner Gemeinde verrät, nicht zu denen gehört, die sich allzu große Sorgen um das machen, was sie in Medien von sich geben, hatte im Interview mit dem Journalisten Christian Deker für die NDR-Reportage "Die Schwulenheiler 2) in einem Gespräch, das sich aufgrund der Sprechmuster nicht ganz vom Eindruck des zumindest teilweise Geskriptetseins freimachen kann, gesagt (es ging um das seelsorgliche Angebot von "Heilung"): 

"Jo, na gut, das ist schon ne Weile HER (.) Aber (.) ich finde, dass man dieses ANgebot durchaus machen sollte. Denn ich weiß, es GIBT (.) Einzelne=hm (-) ähm (.), die auch an ihrer Situation LEIden (--) UND die tatsächlich auch (.) eine Veränderung sich WÜNschen. [Einwurf Interviewer: Gegen wissenschaftlichen Konsens] Was sagen Sie denn 'die Wissenschaft', da gibt es' es gibt SO! viele Studien und es=s gibt auch wissenschaftliche Studien, die in=ne andre Richtung gehn (--). Also da ist da=da ist die Forschung noch NICHT am Ende angekommen. [Erwiderung Interviewer: Cochlovius predige auch, dass Homosexualität Sünde sei] (---) ((Lufteinziehen)) Es gibt VIELe Sündn (.) und (-) nach der BIbel (.) isses also schon so, dass PRAKtiZIErte (.) ausgelebte Homosexualität NICH dem Willen Gottes entSPRICHT(-) und=ähm (.) und von daher denke ich, is es (.) schon RICHtig, von der Bibel her dann auch den Begriff der SÜNde (-) ähm-ne (.) bei praktizierter Homosexualität zu verwenden'?"


Die ansteigende Tonhöhe am Ende zeigt, dass das Interview hier abgeschnitten wurde - wir wissen also nicht, was Cochlovius sonst noch gesagt hat. Der Verdacht drängt sich in der Tat auf, dass das nicht besonders substantiell ist, wie ja auch seine Aussagen zur vermeintlichen Unentschiedenheit der Wissenschaft generalisierender Quatsch sind. 

Ich kann Oma Marie irgendwie verstehen. Ich finde auch, dass Amtsbruder Cochlovius hier dummes und potenziell gefährliches Zeug redet. Trotzdem hoffe ich nicht, dass es zu dem von ihr gewünschten #Aufschrei! kommt, der ja doch nur eine etwas vornehmere Bezeichnung für einen Shitstorm ist. Solche Aufschreie hat es etwa im Nachgang zu der unsäglichen Predigt des unsympathischen Bremer Kollegen Olaf Latzel gegeben, und längst nicht alle Wortbeiträge in diesem Kontext waren theologisch wertvoll. Ich hoffe inständig, dass die Kirche es schafft, die Empörungskultur in den eigenen Reihen vergleichsweise gering zu halten - was wir brauchen, ist eine fundierte, sachliche Auseinandersetzung und die daraus folgenden Konsequenzen, keine oberflächlichen Indignationsgesten.

Und ich bin mir auch nicht sicher, ob und inwieweit theologische Streitigkeiten durch dienstrechtliche Maßnahmen beizulegen sind. So etwas fordert Oma Marie ja implizit, und auch Christian Deker ruft immer wieder nach "Konsequenzen" seitens der EKD. Nur: Die hat in den allermeisten von ihm aufgebotenen Fällen (zum Glück) nichts zu sagen, denn die Anberaumung eines dienstrechtlichen oder eines Lehrbeanstandungsverfahrens ist nicht Sache der EKD, sondern ihrer Gliedkirchen. Und die Kirchen haben als Dienstherrinnen auch eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Amtsinhaber_innen - selbst, wenn diese dummes Zeug reden, ist es durchaus im Sinne Jesu, solche Dinge erst einmal intern zu klären und ihnen bei einem drohenden Shitstorm schützend zur Seite zu stehen. 

Und das ist es, was mich an der Reportage (und auch schon an ihrer Vorgängerin) stört, was zumindest einen schalen Geschmack hinterlässt: Deker hat lange gesucht, und er hat natürlich Menschen gefunden, die in sein Konzept passen. Er zeigt Menschen, die Widerliches von sich geben, wie die Schwäbin mit den bösen Augen, die auf einer Anti-Regenbogen-Demonstration mit unverhohlener voyeuristischer Genugtuung kreischt, sich küssende Männer seien "äkälärrägänd". Oder den schon seit Jahren umstrittenen Diabetologen Arne Elsen, der in extremcharismatischen Kontexten zuhause ist und mit der EKD oder ihren Gliedkirchen meines Wissens wenig zu schaffen hat. Oder seine Kollegin aus der Kinderheilkunde, die unheimliche Christl Vonholdt, Mutter Oberin der nicht minder umstrittenen Kommunität Offensive Junger Christen, die zwar Teil des Diakonischen Werkes der EKD ist (warum eigentlich...?), sich aber im Großen und Ganzen am rechten Rand der Aufmerksamkeit und ansonsten, wie der SPIEGEL einst so treffend schrieb, in "christlich-fundamentalistischen Dunstkreisen" tummelt. 

Natürlich hat die evangelische Kirche Einiges aufzuarbeiten und nachzuholen. Die jetzt von allen Seiten aber lautstark geforderte "Distanzierung" würde die schrägen Dummheiten dieser Randgestalten aber auf eine Art und Weise adeln und ihnen eine Aufmerksamkeit bescheren, die sie nicht verdienen. Die in dem Film dargestellten Personen sind nicht repräsentativ für die entschiedene Mehrheit der Kirchenleitungen und der Pfarrerschaft im evangelischen Deutschland. Gott sei Dank.