Dienstag, 30. Oktober 2018

Ach, lasst mir doch meine Kürbisse...



Ein bisschen leiser scheint es geworden zu sein. Trotzdem kann man den Kalender danach stellen - Ende Oktober ist es wieder soweit: Das Naserümpfen, das Unken und Motzen über Halloween. "Es gibt kein Entkommen", zelotete vor einigen Jahren Margot Käßmann ausgerechnet in der BILD-Zeitung und bediente sich dabei altbekannter Argumente aus der Mottenkiste kulturkritischer Protestanten und anderer sittlichkeitsbewegter und vaterlandsbesorgter Kreise. Argumente, die in den frühen 20er und späten 40er Jahren des letzten Jahrhunderts Hochkonjunktur hatten, als die Kirchen sich noch vehement für ein Verbot des rheinischen Karnevals einsetzten: Es sei reiner Kommerz, man habe diese und jene erschröckende Eskalationsanekdote gehört, außerdem sind die Katholiken auch dagegen. 

Die "heidnischen Wurzeln"

 

Evangelisch.de lässt in diesem Jahr den Vorsitzenden der Evangelischen Allianz, Ekkehard Vetter, zu Wort kommen. Der raunt in der Osnabrücker Zeitung, dass hinter Halloween "ein heidnischer Brauch und die Tradition des Totenkultes steht." Soso. Der geneigte Leser mag sich fragen, welcher Totenkult dahinter stehen mag, aber mit Detailfragen wollen sich Vertreter*innen solcher sogenannter Kontinuitätshypothesen nicht befassen. Diese Hypothesen sind aus zwei Gründen problematisch: 

Die penetrante Rückführung von Volksfesten auf vermeintlich antik-pagane Vorläufer war ein liebes Hobby der romantischen Volkskundler. Im Bestreben, den bürgerlichen (und unterbürgerlichen) Festkalender zu adeln (und zum Teil mit dezidiert kirchen- oder christentumsfeindlicher Spitze), konstruierte man riesige Spannungsbögen über Zeiten und Räume hinweg. Historisch ist das kaum haltbar, aber die Volkskundler der ersten Stunde arbeiteten eher assoziativ als quellenkritisch. Da findet man in irgendeinem Werk über die Sitten und Gebräuche der Etrusker einen Bericht über Geschenkbräuche im Winter, und schon hat man die Wurzeln der Weihnacht im vorchristlichen Dunkel ausgegraben. Und wo keine Quellen zur Hand waren, scheute man sich nicht, die Belege einfach zu erfinden. Was so gut ins eigene Weltbild passt, das muss es schließlich gegeben haben. Das Anliegen der romantischen Volkskundler war es, den Festen den Anschein des "Ursprünglichen", "Reinen", "Echten" zu geben. Im Laufe der Zeit wurde daraus auch das "echt Germanische" - kein Wunder, dass die Nazis diese Kontinuitätshypothesen gern aufnahmen und mit ihrer Hilfe versuchten, die christlichen Wurzeln der Fest- und Feiertage zu leugnen, um diese im Dienste nationalsozialistischer Propaganda zu instrumentalisieren. 
Der erste, der die heidnische Herkunft von Halloween behauptete, war der schottische Ethnologe James Frazer. Der bezog sich methodisch auf Wilhelm Mannhardt, war ganz einer religionskritischen Grundansicht verhaftet, die Menschheit entwickle sich mental von der Magie über die Religion zur Wissenschaft, und also fast ein Musterbeispiel für den westeuropäischen Kontinuitätenbastler. In Deutschland verbreitete das zwischen 1927 und 1942 (...) erschienene Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens ähnliche Thesen. 

Haltbar sind solche Kontinuitätshypothesen nach heutigem historischen Wissensstand und methodischen Standard nicht. Allzu frei und mitunter gewaltsam werden hier disparate Befunde unter eine Überschrift gestellt, allzu unkritisch werden hier mitunter hochgradig zweifelhafte Quellen zitiert. 

Selbst, wenn es solche heidnischen Wurzeln gäbe - die Dinge ändern ihren Charakter, wenn sie in einen neuen Kontext gestellt werden. Zum Beispiel die Kartoffel: Bei den indigenen Völkern Süd- und Mittelamerikas spielte sie eine wichtige Rolle im kultischen Leben, der ganze Festkalender richtete sich nach dem Saat- und Ernterhythmus. Als sie in die Alte Welt importiert wurde, verlor sie diesen Zusammenhang und wurde zum gänzlich entmythologisierten Nahrungsmittel. Oder die Olympischen Spiele - in der Antike frömmer und religiöser und kultischer als heute der Kirchentag. Käme jemand auf die Idee, Leichtathletik zu verbieten, weil in der Antike (und zwar nachweislich) körperliche Ertüchtigung mit religiösem Überbau betrieben werden konnte? Ich hoffe nicht. 

"Wir sind evangelisch und feiern Reformationstag"


In sozialen Medien machen dieser Tage wieder Memes mit einer sehr eigenen Ästhetik die Runde: "Wir sind evangelisch, wir feiern kein Halloween." Oder: "Wir sind evangelisch, wir feiern Reformationstag." 

Im ersten Fall wird ein Kausalzusammenhang behauptet, der alles andere als selbstverständlich ist. Ich habe nachgegeguckt: In keiner reformatorischen oder modernen Bekenntnisschrift ist von Halloween die Rede. "Ich bin evangelisch. Ich feiere kein Halloween" bewegt sich auf einer Linie mit Sätzen wie: "Ich habe keine Mikrowelle. Ich bin 1,75 m groß" oder "Ich lese keine Liebesromane. Ich wohne im dritten Stock." Beide Sätze können jeweils für sich genommen durchaus wahr sein - aber das eine muss mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun haben.

Im zweiten Fall wird schlimmstenfalls schlichtweg gelogen. Der Statistik nach feiern nämlich nur sehr wenige Menschen in Deutschland den Reformationstag in der einzigen Form, die sich bislang durchgesetzt hat: Indem sie einen Gottesdienst besuchen. Und damit hängt zusammen, dass Halloween überhaupt keine Konkurrenz dazu sein kann: Es ist bislang, von den Zentenarien abgesehen, nicht gelungen (und vielleicht hat es auch niemand versucht), dem Reformationstag einen Volksfestcharakter zu geben. Wir hätten als Kinder nicht quengelnd vor dem Fernseher gesessen und nach geschnitzten Kürbissen verlangt, wenn es kindgerechte und spaßige Formen gegeben hätte, den Reformationstag zu begehen. Wenn zum Beispiel Martin Luther in die Häuser gekommen wäre und den Kindern, die brav das Vaterunser aufsagen konnten, Geschenke gegeben oder in die bereitgestellten Stiefel gelegt hätte. Oder wenn wir im Garten Thesen gesucht hätten. Oder so, you know what I mean. 

Natürlich ist Halloween auch ein Triumph des Kommerzes und ein Beispiel für die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Aber man kann ihm nun wirklich nicht anlasten, dass die evangelischen Kirchen es nie richtig hinbekommen haben, Reformationsparty zu feiern.

Lasst mir meine Kürbisse.


Natürlich bin ich befangen. Als Kölner stürze ich mich selbstverständlich auf jede Gelegenheit, mich schon vor dem 11.11. zu verkleiden. Vielleicht dieses Jahr als Johann Tetzel. Und Nachbarskinder, die mir "Süßes oder Saures" entgegenblaffen, werde ich freundlich ermahnen, ein bisschen höflicher zu sein, dann gibt's auch was, um sich die Zähne zu ruinieren. Und bestimmt werde ich vorher pflichtschuldig in irgendeine Veranstaltung zum Reformationstag gehen. Wahrscheinlich wird mir ein Kollege oder eine Kollegin erzählen, wie wichtig die Reformation ist, "gerade in der heutigen Zeit". Wahrscheinlich wird man sentimental daran erinnern, wie voll die Reformationstagsfeiern letztes Jahr gewesen sind. Wahrscheinlich werde ich "Ein feste Burg" singen und mir wünschen, es klänge ein bisschen mehr nach Fangesang aus der Südkurve. Wahrscheinlich werde ich das dumpfe Gefühl haben, dass es irgendwie "richtig" ist, wenig Spaß bei so einer Veranstaltung zu haben, weil "kein Spaß" eben so gut evangelisch und die angemessene Haltung gegenüber so bedeutenden Phänomenen wie der Reformation ist.

Freitag, 12. Oktober 2018

Wunderbar gemacht. | Ansprache zur Vernissage


Ansprache anlässlich der Eröffnung unserer Ausstellung Wunderbar gemacht im Gemeindezentrum Uellendahl.


Kehren wir zurück an den Anfang. Also ganz zurück.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und ganz viel dazwischen. Und bevor Gott noch den Sabbat schuf und ein wohlverdientes Nickerchen machte, lehnte er sich zurück und nickte zufrieden. Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Alles.
Sehr gut.
Alles.

(Mücken und Wespen und Lakritz kann es damals noch nicht gegeben haben, aber lassen wir das.)

Und Adam und Eva lustwandelten durch den Garten Eden, und sie waren beide nackt und schämten sich nicht, denn sie hatten es noch im Ohr: Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und siehe: Es war sehr gut.

„Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke…“

Und es hätte so wunderbar weitergehen können.
Wenn nicht die Schlange eines Tages leise den ersten Zweifel in die Welt gezischt hätte:
„Sollte Gott wirklich gesagt haben…?“

Und schon im Garten Eden fing damit die Diskussion an, was man denn nun essen darf und was nicht, und Adam und Eva beginnen eine Apfel-Diät oder Steinzeitkost oder was weiß ich, und sie erkennen, dass sie nackt sind. Und das Wissen, dass sie wunderbar gemacht sind, wird leise, aber unaufhaltsam übertönt von dem leisen Zischen: „Sollte Gott wirklich gesagt haben…?“

Und Adam und Eva fingen an, sich feige zu beblättern und ihre Körper zu verstecken.

Wir kennen die Stimme der Schlange.
Sie zischelt und schlängelt sich durch die Jahrhunderte, jetzt vielleicht lauter als je zuvor.
Eine amerikanische Kollegin (Nadia Bolz-Weber, ich weiß nur nicht mehr, wo) hat einmal gesagt: „Zeig mir irgendein Körperteil. Und ich zeige Dir eine Branche, die ihr Geld damit verdient, Menschen zu überreden, dass genau dieser Körperteil an ihnen falsch ist und korrigiert werden muss.“

Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.
Und wir stehen vor dem Spiegel und beäugen uns kritisch und sagen: Naja.
Es wächst sich halt raus…

Wir haben auf unser Projekt überwiegend und überschwänglich viele positive Rückmeldungen bekommen. Aber manchmal auch die Frage: Warum macht ihr das als Kirche?

Und die Antwort ist eigentlich sehr einfach: Weil es halt das ist, was wir als Kirche so machen.

Wir suchen und finden Schönheit dort, wo niemand sie vermutet.

Wir sehen im Tod des Einen die Grundlage neuen Lebens für alle. So wie wir auf Gräbern inmitten von Trauer und Tod von Auferstehung und Leben sprechen.

Wir suchen Gottes Spuren in der Welt und finden sie in den Gesichtern und Geschichten der Menschen. Wir blicken in ein von Sorgenfalten durchfurchtes Gesicht und sagen leise: Danke, Gott, dass Du diesen Menschen bis hierher getragen hast.

Wir sagen Menschen, die unter ihrer Schuld zu zerbrechen drohen: Dein Sünden sind dir vergeben – geh‘ hin im Frieden des Herrn.

Wir erheben unsere Stimme, um der Schlange zu widersprechen, wenn sie redegewandt und eindringlich und unheimlich überzeugend sagt: Du bist nicht wunderbar. Du bist zu alt, zu dick, zu dünn, zu dunkel, zu langsam, zu gezeichnet vom Leben, zu klein, zu groß, zu anders, zu männlich, zu weiblich oder zu wenig von beidem…

Nein! Und weil Bilder manchmal so viel lauter sprechen als Worte, tun wir es eben auch mit Fotos.

Warum wir das als Kirche machen?

Gucken Sie sich die Bilder an. Dann wissen sie’s.

Sonntag, 2. September 2018

Gefährlicher Glaube | Predigt über Apg 9 und Mendelssohns "Paulus"

Gottesdienst unter Mitwirkung der Kantorei Dreiklang e. V., die Chorstücke und Choräle aus Mendelssohns Paulus sang. Das ganze Oratorium gibt es am 16. September zu hören! Außerdem wurde im Gottesdienst der Sohn zweier junger Leute aus Iran getauft, die wegen ihres Glaubens flüchten mussten und in unserer Gemeinde eine Heimat gefunden haben. Die Predigt wich in manchen Punkten vom Manuskript ab - es gilt halt das gesprochene Wort...

Drei Geschichten verschränken sich heute in diesem Gottesdienst. Drei Geschichten von Menschen, die Christinnen und Christen werden, die es nicht quasi von Geburt an sind, die nicht mehr oder weniger hineingeboren werden in eine Gemeinde, sondern für die sich irgendwann im Laufe ihres Lebens etwas verändert. Drei Geschichten – und eigentlich sind es noch mehr. 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/86/Niccol%C3%B2_dell%27_Abbate_002.jpg
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Da ist Saulus, der sprichwörtlich zum Paulus wird. Der seine Karriere beginnt als gnadenloser Verfolger der noch jungen christlichen Gemeinde und dann nach einem umwerfenden Erlebnis auf der Straße nach Damaskus zum Apostel wird, den seine Reisen bis an die Enden der damals bekannten Welt und darüber hinaus führen. 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/Felix_Mendelssohn_Bartholdy.jpg
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Da ist Felix, Sohn der bedeutenden und wohlhabenden jüdischen Familie Mendelssohn, Enkel des bedeutenden jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn. „Ein Judensohn, aber kein Jude“, so soll Goethe über ihn gesagt haben. Felix wird nicht jüdisch erzogen, sondern 1816, im Alter von sieben Jahren, getauft. Ab diesem Zeitpunkt nutzt die Familie den „christlichen“ zweiten Nachnamen Bartholdy. Mit Mitte Zwanzig beginnt Felix mit den Arbeiten am „Paulus“, einem großen Oratorium, das seinen Ruf als Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik festigt. 

Da sind F. und N. Die, als Muslime aufgewachsen, auf verschiedenen Wegen schon in ihrer Heimat im Iran von Jesus Christus hören. Im Iran, wo das Christentum eigentlich eine längere Geschichte als der Islam hat, aber nur unter einem Prozent der Bevölkerung Christinnen und Christen sind, ist das keine ungefährliche Angelegenheit: Zwar werden ihnen einige Rechte zugesprochen, der Übertritt zum Christentum ist aber nur erlaubt, wenn die Eltern auch Christen sind. „In vielen Kirchen sind sonntags Polizisten in Zivil unterwegs, die sehr genau gucken, wer da alles den Gottesdienst besucht und getauft wird. Besteht ein Verdacht auf Mission, ist der Pastor sehr schnell im Gefängnis und die Kirche geschlossen“, das hast du, N., einmal für den Gemeindebrief erzählt. Auf verschlungenen Wegen lernen sie sich in Deutschland kennen und lieben, landen in Wuppertal und, darüber freuen wir uns sehr, in unserer Gemeinde. Und bekommen den kleinen P., der heute getauft wird. 

Drei Geschichten, die in diesem Gottesdienst ineinander fließen. Und viele mehr kommen dazu – wir alle haben unsere eigene Geschichte mit Gott, die wenigsten wahrscheinlich bruchlos und gerade. Vielleicht können die wenigsten von uns so einen klaren Punkt benennen, an dem man sagen könnte: Dann und dann war es soweit. Ich kann das nicht. Ich kann nicht diesen einen Punkt festmachen und sagen: Hier hat mein Glaube angefangen. Ich kann mich aber an Zeiten erinnern, in denen ich dachte: Das ist alles nichts. In denen ich das Gefühl hatte, allein zu sein unter einem weiten Himmel, der kein Geheimnis birgt hinter Sonne, Mond und Sternen außer der kalten Unendlichkeit des Alls oder in denen ich dachte: Wenn es Gott gibt, dann weiß ich gerade nicht, ob ich ihn mag. Oder brauche. Oder will. Und ich kann Punkte benennen, an denen wir uns wiedergefunden haben. Man wird nicht fertig mit dem Glauben. 

Felix Mendelssohn Bartholdy wird auch kaum fertig mit seinem Paulus. Er feilt über Jahre daran. Verändert die Struktur, verwirft bereits geschriebene Musikstücke, komponiert Neues, setzt die Teile anders zusammen. Streitet sich mit Zeitgenossen, die sagen: Über Paulus kann man kein Oratorium schreiben – wie soll die Musik, die so unwiderstehlich das Gefühl anspricht, diesen verkopften Denker beschreiben können? Sein Vater Abraham begleitet die Arbeit an der Partitur eng bis zu seinem Tod. In Briefen ermutigt er Felix zur Aufnahme traditioneller Elemente evangelischer Kirchenmusik, um seine protestantische Identität zu beweisen. Die Arbeit am Paulus wird so zur Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Wann immer Felix ein Musikstück nur mit seinem jüdischen Nachnamen Mendelssohn unterschreibt, ermahnt ihn sein Vater, doch lieber den christlichen Nachnamen Bartholdy zu benutzen, denn, so schreibt er mehrfach: „Es wird ebensowenig jemals einen christlichen Mendelssohn geben wie einen jüdischen Konfuzius.“ Wahrscheinlich treibt Abraham Mendelssohn Bartholdy die Ahnung oder die Erfahrung, dass seine Familie immer unter Verdacht stehen wird, immer beweisen muss, dass sie die besseren Christen sind. Dass sie es ernst meinen. So, wie viele Menschen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind, immer wieder beweisen müssen, dass sie die besseren Deutschen sind. Gerade in der Entstehungszeit des Paulus ist die Familie Mendelssohn Bartholdy antisemitischen Vorurteilen und Kampagnen ausgesetzt, einen Höhepunkt erreicht das mit der Schmähschrift Richard Wagners, Das Judenthum in der Musik, mit dem er Mendelssohns Ansehen nachhaltig beschädigt.  Felix wird das zum Glück nicht mehr selbst erleben. 

Wie es ist, wenn Leute sagen: „Du bist doch gar kein Christ“, das hast du auch erlebt, N. Wir haben beide mit deiner Anwältin und einem Gott sei Dank kompetenten Übersetzer im Anhörungszimmer gesessen und immer fassungsloser den immer abstruseren Fragen der Sachbearbeiterin zugehört, mit der sie prüfen wollte, ob Du denn wirklich Christ bist. Ich möchte sie hier nicht wiederholen, aber ich zitiere ein paar Fragen und Aussagen von Mitarbeitenden des Bundesamtes für Migration, die in einigen Zeitungen veröffentlicht worden sind – Sie können ja überlegen, ob Ihnen eine Antwort eingefallen wäre: 

„Was ist die weltliche Hauptstadt des christlichen Glaubens?" 
„Sie kennen doch bestimmt das Gleichnis vom verlorenen Sohn – wie hießen die beiden Söhne?“ 
„Warum haben Sie die Bibel nicht vollständig gelesen?“ 
„Warum tragen Sie kein Kreuz?“ Oder, als Variante: „Warum tragen Sie ein Kreuz, wenn Sie evangelisch sind?“ 
„Martin Luther ist eine wichtige Person im Evangelium. Wie ist er gestorben?“ 

Immer wieder werden Anträge abgelehnt mit der Begründung: Es zwingt Sie doch niemand, Ihren Glauben öffentlich zu bekennen, Sie sind ja selber schuld! N., du hast selbst einmal gesagt: „Ich hatte ein gutes Leben im Iran. Mehrere Leute haben mir geraten, nach außen als Moslem zu leben und mein Christentum für mich zu behalten, aber das wäre nicht gegangen. Ich kann doch nicht über das schweigen, was mich so fasziniert und bewegt – Jesus hat auch gesagt, dass wir unser Licht nicht irgendwo verstecken sollen.“ 

Auch Paulus sieht sich in seiner Karriere als Apostel immer wieder Anfeindungen ausgesetzt – man wirft ihm seine Vergangenheit als Christenverfolger vor, man spricht ihm die Befähigung ab, über den Glauben zu sprechen, weil er Jesus nicht zu Lebzeiten gekannt hat. Paulus antwortet auf solche Anfeindungen, in dem er von seinem eigenen Leben erzählt, wie er selbst Gott am eigenen Leib erfahren hat, auch von seinen eigenen Zweifeln und Abgründen. Und vielleicht ist das auch bei uns so. Wir können und dürfen vielleicht sowieso nur von Gott reden, wenn wir zugleich bereit sind, auch von uns selbst zu reden, von unserem Leben, unserer Geschichte. 

Das ist nicht einfach, das wissen wir alle selbst. 

Die Geschichten, die hier heute zusammenfließen, erinnern uns daran, dass das auch gefährlich sein kann. Die Christenverfolgung der Antike, die Paulus wahrscheinlich in Rom das Leben gekostet hat, ist nicht ohne Parallelen in der Gegenwart. Fragen Sie unseren Pastor Favor Bancin, unter welchen Gefahren Christinnen und Christen mittlerweile in Teilen Indonesiens leben. Informieren Sie sich in den Nachrichten, wie christliche Gemeinden in der Türkei leben oder in China. Wie es in der DDR war. Oder fragen Sie Pfarrerinnen und Pfarrer in Ostdeutschland, die gegen die braune Hetze der AfD, Pegida, der Pro-Bewegung und anderer Nazis den Glauben an den dreieinen Gott bekennen, der der Schöpfer und Erhalter ALLER Menschen ist, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion. 

Und wenn wir aus den Ereignissen in Chemnitz in diesen Tagen eins mitnehmen, dann doch das: Der Anfangschoral von Mendelssohn, den wir gerade gehört haben, gilt uns, hier, heute, jetzt, uns im Einzelnen, uns in Deutschland, in Europa, in der Welt: Wachet auf, ruft uns die Stimme! 

Als einige von unseren Chorsängerinnen und Chorsängern dankenswerter Weise hier vorbei gekommen sind, um den Gottesdienst mit vorzubereiten, da waren wir, als wir im Gespräch an diesem Punkt angelangt waren, für den Moment sprachlos, so irgendwie. Warum muss das sein? Warum muss das für Menschen gefährlich sein, wenn sie ihren Glauben bekennen? Wir haben geahnt, dass man die Schuld dafür nicht allein Gott in die Schuhe schieben kann – denn es sind immer Menschen, die andere Menschen quälen, foltern, mobben, töten. Aber warum muss das sein? Und wir haben das starke Gefühl gehabt, dass es dafür keine allgemeingültige Antwort geben kann. Nur den Protest. Und die Hoffnung, dass allerletzten Endes die Verfolger nicht das letzte Wort haben werden. Dass Gott mit den Rattenfängern und Volksverhetzern unserer Tage noch etwas anfangen kann, dass er mit ihnen das tun kann, was er mit Paulus getan hat: Dass er sie umwirft und auf den richtigen Weg bringt und dass sie mit seiner Hilfe sogar noch oder wieder Gutes tun können, wenn sie ihre bösen Wege verlassen. So wie Gott auch mit uns und unseren verdrehten, schrägen und manchmal schlimmen Lebensgeschichten etwas anfangen kann. 

In der Josefsgeschichte sagt Josef ja zu seinen Brüdern den wichtigen Satz: „Ihr hattet Böses im Sinn, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Und das erleben wir heute. Lieber N., liebe F., es ist schlimm, dass Ihr Eure Heimat verlassen musstet. Und gleichzeitig sind wir als Gemeinde unendlich dankbar, dass Ihr hier seid und dass Ihr ein Segen seid mitten unter uns! 

Und wir sind in der Vorbereitung gedanklich noch einen Schritt weitergegangen. Und haben geahnt, dass es noch eine Hoffnung gibt, einen Trost, wenn den Bösen nicht Einhalt geboten wird. Einen Trost, der nicht einfach so auf ein Kalenderblatt gedruckt oder in einem griffigen Satz zusammengefasst werden kann. Einen Trost, der die Grenzen unseres Denkens und unseres Lebens sprengt. Einen Trost, den nicht wir denen, die um ihres Glaubens Willen verfolgt werden, zusprechen, sondern sie uns. Einen Trost, den die Kantorei uns jetzt zusingt.


Siehe Wir preisen selig, die erduldet haben. Denn ob der Leib gleich stirbt, doch wird die Seele leben. 

Christus spricht: Ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.

Wir stehen zu unserem Glauben. Wir sprechen gemeinsam das Bekenntnis, dass gefährlich sein kann. Und wir bekennen stellvertretend für die Menschen, die das nicht können:

Ich glaube an Gott, den Vater, ...
Amen.

Freitag, 24. August 2018

Gottes verlorenes Blau | Predigt am Israelsonntag über Sach 8

GOTTES VERLOREN GEGANGENES BLAU


So spricht der HERR der Heerscharen: Es werden noch Völker kommen und Bewohner vieler Städte. Und die Bewohner der einen werden zur anderen gehen und sagen: Lasst uns hingehen, um das Angesicht des HERRN zu besänftigen und um den HERRN der Heerscharen zu suchen! Auch ich will gehen! Und viele Völker und mächtige Nationen werden kommen, um den HERRN der Heerscharen in Jerusalem zu suchen und um das Angesicht des HERRN zu besänftigen.

Die Sonne steht hoch über dem Platz vor der Klagemauer. Die Touristen nehmen sich eine kostenlose weiße Kippa aus den bereitstehenden Kästen, die Juden haben ihre eigene dabei, wenn sie sie nicht schon aufhaben. Der Ort ist heilig. Gott wohnt in den Ruinen, heißt es, und so fließen beim Anblick der mächtigen, von Rissen durchfurchten Sandsteinmauer die Ehrfurcht vor Gottes Nahsein und die Trauer über den zweimal zerstörten Tempel ineinander. Wie überall in Jerusalem, wie eigentlich immer im Judentum sind Dank und Klage nur einen Herzschlag voneinander entfernt. Manche legen sich ihren Tallit an, den blauweißen Gebetsmantel, an den die blauweiße Flagge Israels erinnert. Dann treten sie an die Mauer und legen die Stirn an den heißen Sandstein, zwischen den Rissen und Ritzen, in die tausende und abertausende kleiner Zettel gesteckt sind. Gebete, Wünsche, Segenssprüche. Lautlos beten sie: Barukh atah Adonaj, Eloheinu, v'Elohei Awotenu, Elohei Awraham, Elohei Jizhak, vElohei Ja'akow. - Gelobt seist du, Ewiger, unser G'tt und G'tt unserer Väter, G'tt Abrahams, G'tt Isaaks und G'tt Jakobs.

Bei jeder kleinen Bewegung zittern die Tzitziyot, die weißen, geknoteten Fäden an den Ecken des Gebetsmantels. Früher, vor 2000 Jahren, waren sie blau. Aber mit der Zerstörung des zweiten Tempels ist das Wissen verlorengegangen, welches Blau dafür verwendet wurde. Bis heute weiß man es nicht. Und so erinnern die weißen Fäden an Gottes verlorengegangenes Blau. So wie wir uns heute am Israelsonntag an Wissen über unsere Herkunft erinnern, das in der Kirche lange verloren gegangen war, das unsere Väter und Vätersväter vergessen, verdrängt oder verleugnet haben.

ZIZIYOT – GOTTES ERINNERUNGSANKER


Vier geknotete Fäden, früher blau, heute weiß, an jeder Ecke des Gebetsmantels. Planvoll angebracht auf Anweisung von ganz oben. Und der Herr sprach zu Mose: Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen, dass sie und ihre Nachkommen sich Quasten machen an den Zipfeln ihrer Kleider und blaue Schnüre an die Quasten der Zipfel tun. Und dazu sollen die Quasten euch dienen: sooft ihr sie anseht, sollt ihr an alle Gebote des Herrn denken und sie tun. Die Fäden sind Erinnerungsanker Gottes. Hilfsmittel, die dafür sorgen, dass Gott im Klein-Klein des Alltags nicht vergessen wird. Stolpersteine auf dem Weg, die zum Stehenbleiben auffordern. Zum Innehalten, während der Tag weiter fließt. Einmal durchatmen. Die Augen vom Boden heben und den Blick nach oben riskieren. Im Blau des Himmels eine Welt dahinter erahnen und spüren: Es macht einen Unterschied, ob man glaubt oder nicht. Es spielt eine Rolle. Es ändert das Leben. Es erinnert an Gottes Spielregeln für eine friedliche Welt: Brich mit den Hungrigen dein Brot. So einer nackt ist, dann kleide ihn. Und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus. 

Menschen brauchen solche Erinnerungsanker Gottes. Zu keiner Zeit, an keinem Ort der Welt ist Glauben nur einfach oder selbstverständlich gewesen. Immer und immer wieder überspült die Brandung des Alltags die guten Vorsätze: Ich wollte ja eigentlich öfter beten oder in die Kirche gehen. Sie kennen das. Hierzulande erfüllen die Kirchenglocken diese Funktion. Sie sagen nicht nur die Zeit an, sondern rufen zum Gebet. Zum kurzen Innehalten, zum Stillwerden und in den Himmel Hineinspüren, bis der letzte Glockenschlag verklungen ist. Während wir hier in der Kirche das Unservater beten, läutet draußen die Glocke und lädt auch die Menschen, die nicht hier sind, dazu ein, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Einzustimmen in den Chor aus unzähligen Stimmen und Sprachen, in Gedanken einen kleinen Zettel für Gott in den Riss in der Mauer zu stecken mit einem Namen, einer Bitte, einem Dank. Auch in unseren Kalender sind solche Erinnerungsanker eingestreut, Feiertage, an denen im Laufe des Jahres Gottes Geschichte mit uns durchbuchstabiert wird und wichtige Themen in Erinnerung gerufen werden, vom Advent über Weihnachten, Passionszeit, Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt bis hin zum Totensonntag. Und mittendrin im Sommerloch der Israelsonntag, der seit knapp vierzig Jahren an etwas erinnert, über das unsere traditionellen Glaubensbekenntnisse schweigen: Gott ist in Israel zur Welt gekommen. Wir brauchen Erinnerungsanker. Und diesen ganz besonders.  

So spricht der HERR der Heerscharen: In jenen Tagen, da werden zehn Männer zugreifen aus allen Sprachen der Nationen, sie ergreifen den Saum eines Judäers und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört: Gott ist bei euch! 

GLAUBEN AM ROCKZIPFEL LERNEN 


Wir lernen Glauben durch andere. Von anderen. Mit anderen. Bei Manchen sind das die Eltern, die vor dem Essen oder Schlafengehen ein Gebet sprechen. Bei Manchen die Oma, die in jedes Brot vor dem Anschneiden ein kleines Kreuz ritzt. Wieder andere durch die Lieder geistlicher Dichter, die das in Worte fassen, was sie selbst spüren oder ahnen, aber nicht so richtig beschreiben können. Der überwiegende Teil aller Worte in diesem Gottesdienst stammt nicht von uns selbst, sondern aus Formulierungen, die sich seit Jahrhunderten, zum Teil Jahrtausenden bewährt haben, die tragen und sicherlich auch herausfordern. Wir lernen Glauben am Rockzipfel. Auch, wenn wir das vielleicht gar nicht wollen. An jemandes Rockzipfel zu hängen, das klingt unselbständig und ängstlich. Und das kann es sein, auch im Glauben, wenn man sich krampfhaft an alten Zöpfen festklammert, als gelte es das Leben. Und unsere Kirche hätte sich keinen Millimeter von der Stelle bewegt, wenn nicht hier und dort mutige Männer und Frauen die alten Zöpfe losgelassen hätten. Aber in den allermeisten Fällen haben sie dann einen anderen Faden aufgenommen, der irgendwann schon einmal da war und vergessen worden ist, und haben daran angeknüpft. Als Luther von der Rechtfertigung allein aus Glauben sprach, konnte er das aufnehmen, was Augustin und vor ihm schon Paulus gesagt hatte. Als Theologinnen im letzten Jahrhundert begannen, spezifisch weibliche Perspektiven auf Gott freizulegen, konnten sie an Frauen und ihre vergessenen Geschichten anknüpfen, von Eva über Miriam, Deborah, Maria und Elisabeth bis hin zu Lydia und Junia. So wurden im Lauf der Zeit immer wieder verlorengegangene Farben Gottes neu entdeckt und in die Zipfel am Saum des Mantels eingewoben und verknotet. Und von einem Zipfel kommen wir nicht los, wenn wir uns weiter Christinnen und Christen nennen wollen.

JESU GEBETSMANTEL


Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an Jesus heran und berührte den Saum seines Gewandes. Denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. Jesus trägt einen jüdischen Gebetsmantel. Hat ihn nie wirklich abgelegt. Die Frau berührt nicht einfach den Saum, sondern greift nach einem der geknoteten Fäden, in dem noch das Blau, das verlorengegangen ist, schimmert. Hält sich daran fest. Und jeder Goj, jeder Nicht-Jude, der sich an Christus festhält, der zu ihm sagt: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“, spricht auch nach, was Sacharja den Völkern in den Mund legt: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört: Gott ist bei euch. 

WESTERN WALL REVISITED 


Die Sonne ist hinter Felsendom, Goldkuppel und Klagemauer gewandert. Der Vorplatz liegt im Schatten, aber immer noch drängen Leute nach, Juden und Nicht-Juden. Hinter den Militärkontrollen sieht man schnell, wer Tourist ist und wer hier das Hausrecht hat. Die einen ziehen ihre mitgebrachte Kippa auf, wenn sie nicht schon eine tragen, waschen sich an den vorgesehenen Wasserstellen, legen ihren Gebetsmantel um, treten vor die Mauer und legen die Stirn an den Sandstein, der noch die Hitze des Tages gespeichert hat. Die anderen treten erst unschlüssig von einem Fuß auf den anderen, dann gucken sie, wie Juden es machen, und tun es ihnen gleich. Wir haben gehört: Gott ist bei euch. Amen.

Sonntag, 22. Juli 2018

Gott treibt zwischen den Planken | Predigt über Joh 6,1-15

Manche Geschichten werden mehrfach erzählt. Immer wieder. Manchmal kurz hintereinander, manchmal mit etwas Abstand nochmal. Ich habe gelernt: Wenn ich gleich abwinke und sage: Kenne ich schon, verpasse ich etwas. Übersehe die Bedeutung, die die Geschichte für die Erzählerin hat. Überhöre die kleinen Nuancen, die winzigen Details, in denen sich die Geschichte von Mal zu Mal unterscheidet. 

Die Geschichte von der Speisung der Fünftausend zum Beispiel. Oder der Viertausend. Markus erzählt sie. Gleich zweimal. So wie Matthäus. Lukas erzählt sie auch. Und Johannes – wir haben seine Version gerade gehört. Sechsmal eine ähnliche Geschichte vom Sattwerden. Vom Endlich-mal-genug-Haben. Das spricht für die Bedeutung, die die Geschichte gehabt hat, damals, für die ersten Christinnen und Christen. Die bei Wundergeschichten nicht gleich unbequem auf ihren Stühlen hin und her gerutscht sind, weil sie nicht in ihr Weltbild passten. Denen herzlich egal war, wie genau das jetzt abgelaufen sein könnte. Sie kannten das Problem: Hunger. Mangel. Die Angst, am Ende des Tages hungrig nach Hause zu gehen und für ihre ebenso hungrige Familie nur ein Achselzucken übrig zu haben. Für sie zählte das Endergebnis, als Verheißung, als Anspruch, als Versprechen: Jesus macht satt. Gott macht satt. Nicht nur seelisch-geistlich – dafür ist wenig Platz, wenn der Magen sich vor Hunger windet. Sondern auch körperlich. Und Gott sorgt dafür, dass genug für alle da ist. Sogar mehr als genug. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren und einsam sind. Punkt. Oder Ausrufezeichen. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren und einsam sind! 

„Niemand soll ertrinken müssen!“ Das hat unser Präses Manfred Rekowski vor einigen Tagen gesagt in einem Videotagebuch von seiner Reise nach Malta. Er hat dort Seenotretter besucht. Sie kümmern sich um diejenigen, die fliehen. Vor Problemen, deren Wurzeln zum Teil in Europa liegen. Vor Kriegen, die sie nicht angezettelt haben und die mit Waffen unter anderem aus Deutschland ausgefochten werden. „Das Bildmaterial enthält belastende Sequenzen“, warnt die Website unserer Landeskirche: „Es zeugt von der Entdeckung zweier Toter und einer sterbenden Frau“ zwischen den Planken eines Schiffswracks. Es sind „unerträgliche“ Bilder, „Bilder zum Wegsehen“, sagt der Präses in diesem Video mit fahler Stimme in der kleinen Küche eines Rettungsdienstes. „Aber wir dürfen nicht wegsehen.“ Die Organisationen, die die Schiffbrüchigen retten, sind seit einigen Tagen beispiellos pauschaler und böswilliger Kritik ausgesetzt, unser Präses auch, unter anderem auf der Facebookpräsenz der Landeskirche. 

„Ich verachte diese menschenverachtende Heuchelei, die denen hilft, die ins Meer springen [...], es ist Gotteslästerung“, schreibt einer. „Die Kirche mischt sich in Sachen ein, die sie nichts angehen“ ein anderer. Von „elenden Gutmenschen“ eine dritte. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren oder ertrinken. Manchen Menschen hingegen scheint das egal zu sein. Oder zumindest scheinen sie es als notwendiges Übel in Kauf zu nehmen, weil man ja schließlich nicht allen helfen kann und weil sie meinen, man solle, so noch jemand anderes auf der Facebook-Seite, lieber erst den Menschen vor Ort helfen. 

Bei den Kommentaren dreht sich einem der Magen genauso um wie beim Video mit dem Leichenfund auf dem Mittelmeer. Ich möchte dahinter nicht nur Bösmenschentum und die Verrohung der Diskussionskultur vermuten. Ich ahne, dass es dabei auch um die Angst geht, dass es nicht genug ist. Die Angst, derer sich Populisten bedienen, wenn sie das Leid vor unserer Haustür gegen das Leid anderswo in der Welt ausspielen. Eine Angst, die auch Johannes in seiner Version der Geschichte zu Wort kommen lässt: 

Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme. 

Die Jünger sind so kurz davor, die Leute hungrig nach Hause zu schicken. Weil die Aufgabe unlösbar erscheint – der Jahreslohn eines Arbeiters würde nicht ausreichen, die Leute satt zu machen, und erst recht nicht die kleine Reisekasse, die die Jünger dabeihaben. Er hat ja vielleicht sogar Recht – wenn er die Rechnung ohne Gott macht. Wenn wir bei dem, was wir tun, immer nur von dem ausgehen, was wir haben oder leisten können. Dann entfalten die Zahlen ihre bedrohliche Eigendynamik, die alles lähmen und zum Stillstand bringen kann. 

Zahlen und ihre Magie. 1405 Ertrunkene im Mittelmeer – und eine unschätzbare Dunkelziffer. Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen das auch anderswo spüren können, mit einer Zahl, die uns ebenso direkt betrifft: „Die Kirchen verlieren 2017 660.000 Mitglieder“, titelten die großen Zeitungen. Eine Zahl, die erschlägt, die lähmt, die das Gefühl geben kann: Es hat doch alles keinen Zweck! Aber auch eine Zahl, die unterschlägt, hinter der verborgen bleibt, dass die steigende Zahl der Taufen und der Aufnahmen die Kirchenaustritte überwiegt. Die meisten der 660.000 Menschen sind gestorben, nicht ausgetreten. Natürlich bleibt die Zahl groß und hoch. Aber wenn wir davon ausgehen, dass Gott mit dieser Kirche noch etwas vorhat, dann spielen solche Zahlen keine Rolle. 

Gott hat etwas vor. Das ist die Grundmelodie, die die Geschichte trägt, so wie Johannes sie erzählt. Der hier und dort Andeutungen einstreut, Erinnerungen an die Geschichte vom Exodus, von Israels Flucht aus Ägypten. Erinnerungen an erfrischende Wasserquellen in der unbarmherzig heißen Wüste. An Schutz vor übermächtigen Feinden. An die Erfahrung: Gott ist da. 

Wo ist Gott im Mittelmeer? Wenn ich Bilder sehe von Ertrunkenen, die zwischen Schiffstrümmern treiben, dann denke ich mit Eli Wiesel: Gott treibt zwischen den Planken. Aber ich glaube auch: Gott ist mit dabei auf den Rettungsschiffen. Christus wird in diesem Moment der Einlauf in den Hafen in Italien verweigert. Und Gott sorgt dafür, dass die Helferinnen auf den Schiffen nicht nur Tote im Wasser finden. So wie Gott dafür sorgt, dass der bescheidene Beitrag eines kleinen Jungen, fünf Brote und zwei Fische, ausreicht, um 5000 Menschen satt zu machen. Wer vom reichsten Teil der Welt aus Gott klagt, warum anderswo Menschen verhungern, muss sich fragen lassen, wo seine fünf Brote und zwei Fische sind, mit denen Jesus ein Wunder machen will. 

Manche Geschichten werden mehrfach erzählt. Weil sie Wichtiges zu sagen haben, etwas, das wir uns selbst sagen lassen müssen. Mehrfach. Immer wieder: Gott will nicht, dass Menschen verhungern, erfrieren, ertrinken oder vor Einsamkeit eingehen. Und Gott ist da. Meistens. 

Am Ende erzählt Johannes etwas, das nicht leicht zu hören ist: Jesus entzieht sich. Er stiehlt sich davon. Macht sich aus dem Staub, verschwindet in die Einsamkeit der Berge, als die Menge ihn gewaltsam zu etwas machen will, was er nicht sein kann. Zu einem Herrscher mit irdischen Zielen, irdischen Möglichkeiten, irdischen Plänen. 

Gott ist da, ja. Christus ist da, ja, überall, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind. Aber er entzieht sich, wenn wir ihn vereinnahmen und missbrauchen wollen für unserer Ziele, unsere Zwecke, unsere Zwänge. München, 24. April 2018. Der frischgebackene Ministerpräsident verkündet seinen ersten Amtserlass: In jeder bayrischen Amtsstube soll ein Kreuz hängen. Ausdrücklich nicht als religiöses Symbol, sondern als Bekenntnis zu unserer bayrischen Identität. Im darauffolgenden Blitzlichtgewitter merkt niemand der Anwesenden, dass Jesus sich nach einem schmerzerfüllten Blick auf das eigenhändig von Söder aufgehangene Kreuz still und leise verabschiedet und davonstiehlt. Vielleicht geht er in die Berge, um allein zu sein und für uns zu beten, dass nicht alles so kommen möge, wie wir es heraufbeschwören. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Vielleicht setzt er sich neben einen Bettler und macht aus einem Euro in dessen Hut genug für ein Abendessen. Vielleicht geht er in eine Flüchtlingsunterkunft und sorgt dafür, dass das kleine bisschen Kraft, dass die junge Mutter noch hat, ausreicht, um ihre Kinder heute Nacht in den Schlaf zu wiegen. Vielleicht heuert er auf der Lifeline an und sorgt dafür, dass die Puste der Retter, die eigentlich schon längst ausgegangen ist, noch reicht, um alle Lebenden aus dem Meer zu ziehen. Vielleicht lässt er sich ins Wasser sinken und treibt neben den Leblosen zwischen den Planken. Damit sie nicht allein sind. 

Manche Geschichten müssen erzählt werden. Immer und immer wieder. Amen.