Sonntag, 22. Juli 2018

Gott treibt zwischen den Planken | Predigt über Joh 6,1-15

Manche Geschichten werden mehrfach erzählt. Immer wieder. Manchmal kurz hintereinander, manchmal mit etwas Abstand nochmal. Ich habe gelernt: Wenn ich gleich abwinke und sage: Kenne ich schon, verpasse ich etwas. Übersehe die Bedeutung, die die Geschichte für die Erzählerin hat. Überhöre die kleinen Nuancen, die winzigen Details, in denen sich die Geschichte von Mal zu Mal unterscheidet. 

Die Geschichte von der Speisung der Fünftausend zum Beispiel. Oder der Viertausend. Markus erzählt sie. Gleich zweimal. So wie Matthäus. Lukas erzählt sie auch. Und Johannes – wir haben seine Version gerade gehört. Sechsmal eine ähnliche Geschichte vom Sattwerden. Vom Endlich-mal-genug-Haben. Das spricht für die Bedeutung, die die Geschichte gehabt hat, damals, für die ersten Christinnen und Christen. Die bei Wundergeschichten nicht gleich unbequem auf ihren Stühlen hin und her gerutscht sind, weil sie nicht in ihr Weltbild passten. Denen herzlich egal war, wie genau das jetzt abgelaufen sein könnte. Sie kannten das Problem: Hunger. Mangel. Die Angst, am Ende des Tages hungrig nach Hause zu gehen und für ihre ebenso hungrige Familie nur ein Achselzucken übrig zu haben. Für sie zählte das Endergebnis, als Verheißung, als Anspruch, als Versprechen: Jesus macht satt. Gott macht satt. Nicht nur seelisch-geistlich – dafür ist wenig Platz, wenn der Magen sich vor Hunger windet. Sondern auch körperlich. Und Gott sorgt dafür, dass genug für alle da ist. Sogar mehr als genug. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren und einsam sind. Punkt. Oder Ausrufezeichen. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren und einsam sind! 

„Niemand soll ertrinken müssen!“ Das hat unser Präses Manfred Rekowski vor einigen Tagen gesagt in einem Videotagebuch von seiner Reise nach Malta. Er hat dort Seenotretter besucht. Sie kümmern sich um diejenigen, die fliehen. Vor Problemen, deren Wurzeln zum Teil in Europa liegen. Vor Kriegen, die sie nicht angezettelt haben und die mit Waffen unter anderem aus Deutschland ausgefochten werden. „Das Bildmaterial enthält belastende Sequenzen“, warnt die Website unserer Landeskirche: „Es zeugt von der Entdeckung zweier Toter und einer sterbenden Frau“ zwischen den Planken eines Schiffswracks. Es sind „unerträgliche“ Bilder, „Bilder zum Wegsehen“, sagt der Präses in diesem Video mit fahler Stimme in der kleinen Küche eines Rettungsdienstes. „Aber wir dürfen nicht wegsehen.“ Die Organisationen, die die Schiffbrüchigen retten, sind seit einigen Tagen beispiellos pauschaler und böswilliger Kritik ausgesetzt, unser Präses auch, unter anderem auf der Facebookpräsenz der Landeskirche. 

„Ich verachte diese menschenverachtende Heuchelei, die denen hilft, die ins Meer springen [...], es ist Gotteslästerung“, schreibt einer. „Die Kirche mischt sich in Sachen ein, die sie nichts angehen“ ein anderer. Von „elenden Gutmenschen“ eine dritte. Gott will nicht, dass Menschen hungern und frieren oder ertrinken. Manchen Menschen hingegen scheint das egal zu sein. Oder zumindest scheinen sie es als notwendiges Übel in Kauf zu nehmen, weil man ja schließlich nicht allen helfen kann und weil sie meinen, man solle, so noch jemand anderes auf der Facebook-Seite, lieber erst den Menschen vor Ort helfen. 

Bei den Kommentaren dreht sich einem der Magen genauso um wie beim Video mit dem Leichenfund auf dem Mittelmeer. Ich möchte dahinter nicht nur Bösmenschentum und die Verrohung der Diskussionskultur vermuten. Ich ahne, dass es dabei auch um die Angst geht, dass es nicht genug ist. Die Angst, derer sich Populisten bedienen, wenn sie das Leid vor unserer Haustür gegen das Leid anderswo in der Welt ausspielen. Eine Angst, die auch Johannes in seiner Version der Geschichte zu Wort kommen lässt: 

Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme. 

Die Jünger sind so kurz davor, die Leute hungrig nach Hause zu schicken. Weil die Aufgabe unlösbar erscheint – der Jahreslohn eines Arbeiters würde nicht ausreichen, die Leute satt zu machen, und erst recht nicht die kleine Reisekasse, die die Jünger dabeihaben. Er hat ja vielleicht sogar Recht – wenn er die Rechnung ohne Gott macht. Wenn wir bei dem, was wir tun, immer nur von dem ausgehen, was wir haben oder leisten können. Dann entfalten die Zahlen ihre bedrohliche Eigendynamik, die alles lähmen und zum Stillstand bringen kann. 

Zahlen und ihre Magie. 1405 Ertrunkene im Mittelmeer – und eine unschätzbare Dunkelziffer. Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen das auch anderswo spüren können, mit einer Zahl, die uns ebenso direkt betrifft: „Die Kirchen verlieren 2017 660.000 Mitglieder“, titelten die großen Zeitungen. Eine Zahl, die erschlägt, die lähmt, die das Gefühl geben kann: Es hat doch alles keinen Zweck! Aber auch eine Zahl, die unterschlägt, hinter der verborgen bleibt, dass die steigende Zahl der Taufen und der Aufnahmen die Kirchenaustritte überwiegt. Die meisten der 660.000 Menschen sind gestorben, nicht ausgetreten. Natürlich bleibt die Zahl groß und hoch. Aber wenn wir davon ausgehen, dass Gott mit dieser Kirche noch etwas vorhat, dann spielen solche Zahlen keine Rolle. 

Gott hat etwas vor. Das ist die Grundmelodie, die die Geschichte trägt, so wie Johannes sie erzählt. Der hier und dort Andeutungen einstreut, Erinnerungen an die Geschichte vom Exodus, von Israels Flucht aus Ägypten. Erinnerungen an erfrischende Wasserquellen in der unbarmherzig heißen Wüste. An Schutz vor übermächtigen Feinden. An die Erfahrung: Gott ist da. 

Wo ist Gott im Mittelmeer? Wenn ich Bilder sehe von Ertrunkenen, die zwischen Schiffstrümmern treiben, dann denke ich mit Eli Wiesel: Gott treibt zwischen den Planken. Aber ich glaube auch: Gott ist mit dabei auf den Rettungsschiffen. Christus wird in diesem Moment der Einlauf in den Hafen in Italien verweigert. Und Gott sorgt dafür, dass die Helferinnen auf den Schiffen nicht nur Tote im Wasser finden. So wie Gott dafür sorgt, dass der bescheidene Beitrag eines kleinen Jungen, fünf Brote und zwei Fische, ausreicht, um 5000 Menschen satt zu machen. Wer vom reichsten Teil der Welt aus Gott klagt, warum anderswo Menschen verhungern, muss sich fragen lassen, wo seine fünf Brote und zwei Fische sind, mit denen Jesus ein Wunder machen will. 

Manche Geschichten werden mehrfach erzählt. Weil sie Wichtiges zu sagen haben, etwas, das wir uns selbst sagen lassen müssen. Mehrfach. Immer wieder: Gott will nicht, dass Menschen verhungern, erfrieren, ertrinken oder vor Einsamkeit eingehen. Und Gott ist da. Meistens. 

Am Ende erzählt Johannes etwas, das nicht leicht zu hören ist: Jesus entzieht sich. Er stiehlt sich davon. Macht sich aus dem Staub, verschwindet in die Einsamkeit der Berge, als die Menge ihn gewaltsam zu etwas machen will, was er nicht sein kann. Zu einem Herrscher mit irdischen Zielen, irdischen Möglichkeiten, irdischen Plänen. 

Gott ist da, ja. Christus ist da, ja, überall, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind. Aber er entzieht sich, wenn wir ihn vereinnahmen und missbrauchen wollen für unserer Ziele, unsere Zwecke, unsere Zwänge. München, 24. April 2018. Der frischgebackene Ministerpräsident verkündet seinen ersten Amtserlass: In jeder bayrischen Amtsstube soll ein Kreuz hängen. Ausdrücklich nicht als religiöses Symbol, sondern als Bekenntnis zu unserer bayrischen Identität. Im darauffolgenden Blitzlichtgewitter merkt niemand der Anwesenden, dass Jesus sich nach einem schmerzerfüllten Blick auf das eigenhändig von Söder aufgehangene Kreuz still und leise verabschiedet und davonstiehlt. Vielleicht geht er in die Berge, um allein zu sein und für uns zu beten, dass nicht alles so kommen möge, wie wir es heraufbeschwören. „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Vielleicht setzt er sich neben einen Bettler und macht aus einem Euro in dessen Hut genug für ein Abendessen. Vielleicht geht er in eine Flüchtlingsunterkunft und sorgt dafür, dass das kleine bisschen Kraft, dass die junge Mutter noch hat, ausreicht, um ihre Kinder heute Nacht in den Schlaf zu wiegen. Vielleicht heuert er auf der Lifeline an und sorgt dafür, dass die Puste der Retter, die eigentlich schon längst ausgegangen ist, noch reicht, um alle Lebenden aus dem Meer zu ziehen. Vielleicht lässt er sich ins Wasser sinken und treibt neben den Leblosen zwischen den Planken. Damit sie nicht allein sind. 

Manche Geschichten müssen erzählt werden. Immer und immer wieder. Amen. 


Freitag, 30. März 2018

Pastor Fritz und KarfreiT4g - Predigt mit Friedrich v. Bodelschwingh

Die kursiven Partien stammen aus einer Karfreitagspredigt von Friedrich von Bodelschwingh d. J., abgedruckt in: Lebendig und frei. Predigten 1. Folge, Bielefeld ²1947, 92-99.

Karfreitag 1945. 30. März. 
Dresden brennt. 
Budapest ist befreit. 
Ebenso Limburg, Remagen, Wiesbaden und Mannheim. 
Hildesheim liegt in Trümmern. 

In der Zionskirche der Anstalt Bethel bei Bielefeld steigt Pastor Fritz auf die Kanzel. Ordnet seine Blätter, lässt den Blick über seine Gemeinde schweifen. Mitarbeitende, Ärzte, Pflegerinnen und natürlich Bewohnerinnen und Bewohner der von Bodelschwinghschen Anstalten, des Lebenswerks seines Vaters. Und sein eigenes. Viele kennt er mit Namen. Elfriede, die Mongoloide mit den sorgfältig geflochtenen Zöpfen. Heinrich, der Fallsüchtige, der nur mit Helm draußen herumlaufen darf. Magdalene, die Schwachsinnige, die am liebsten „Guten Abend, gute Nacht“ singt. Johannes, für den sie gar kein Etikett haben, der weder läuft noch spricht noch singt. Ein Großteil der Gemeinde: Lebensunwertes Leben in den Augen derer, die gerade den Krieg verlieren. 



Nun stehen wir im Geist unter Christi Kreuz. Still, ganz still stehen wir da. Das wilde Getümmel dieser Tage weicht für einen Augenblick zurück. Die weltgeschichtlichen Entscheidungen, die sich jetzt vollziehen, verlieren ihr Gewicht gegenüber der heilsgeschichtlichen Entscheidung, die auf Golgatha gefallen ist. Was in den sechs Stunden des Karfreitags geschah, das wirkt in alle Ewigkeit hinein. 

Karfreitag ist der Tag, an dem die Verhältnisse auf den Kopf gestellt und damit zurechtgerückt werden. Gottes Sohn stirbt am Kreuz. Ein Heide, der römische Räuberhauptmann, erkennt ihn als den, der er ist und war und sein wird. Sechs Stunden auf dem Schädelberg sind entscheidender als sechs Jahre Krieg und zwölf Jahre NS-Diktatur. Das Tausendjährige Reich, das in weiten Teilen schon in Trümmern liegt, verblasst im Licht der Ewigkeit. Unter dem Kreuz wird als Schuld erkannt und benannt, was in den Naziblättern noch als Heldentaten gefeiert wird. 

Niemand kann das Geheimnis des Sterbens Jesu fassen, der nichts von eigener Schuld weiß. Bei uns ist alles am verkehrten Ort, bei ihm alles am rechten Platz. Dann fangen wir an, uns zu schämen. Wir empfangen, was unsere Taten wert sind. Diese Unterschrift dürfen wir gewiß auch unter das setzen, was wir in der Geschichte unserer Tage mit tiefem Schrecken erleben. Dabei denken wir nicht an die Schuld einzelner Menschen, nicht nur an die Schuld unseres Volkes, sondern wir denken zunächst an unsere eigene Schuld. Wieviel hat bei uns selbst, in unserer Bethelgemeinde, in der Christenheit unserer deutschen Heimat am verkehrten Platz gestanden! Nun rückt Gottes gewaltige Hand es zurecht. Wieviel ungeschicktes, liebloses, kaltes, eigenwilliges Handeln hat es bei uns, in unserer Bethelgemeinde, und in der ganzen Christenheit gegeben! Nun streicht Gottes Gericht das alles durch. Wir beugen uns unter sein Gericht. Auch wenn es unsere äußere und innere Existenz völlig zu zerschlagen droht. 

Friedrich von Bodelschwingh weiß, wovon er redet, wenn er von Schuld in seiner Bethelgemeinde spricht. Von eigener Schuld. Auch er hat sich anfangs täuschen lassen, hat ohne Not den Treueeid auf Hitler geschworen und 1936 einen Aufruf zu den Reichstagswahlen veröffentlicht. 1931 sagt er auf einem medizinischen Kongress Worte, die ihm wahrscheinlich selbst schon 1945 unmöglich schienen: „Ich würde den Mut haben, vorausgesetzt, dass alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen, wenn ich für diesen Leib verantwortlich bin.“ Von 3.000 Bewohnerinnen und Bewohnern mit Behinderungen der Betheler Anstalten werden während des Dritten Reichs 1.700 zwangssterilisiert, mit Bodelschwinghs ausdrücklicher Billigung. 

Erst mit der Zeit beginnt er, sich von den Nazis zu distanzieren. So wie Bodelschwingh sich selbst im Schächer am Kreuz wiedererkennt, erkennt er in den Reaktionen der Menschen um Jesus herum auch die Reaktionen auf die Mitglieder seiner Betheler Zionsgemeinde wieder: 

Die Stimmen der vielen Leute, die des Weges vorüberkamen und nichts anderes sahen als den Allerverachtetsten und Unwertesten, voller Schmerzen und Krankheit. Da war eine Gestalt, die ihnen nicht gefallen konnte. 

 Als die Nazis ab 1940 mit der Aktion T4 im Stillen die „Ausmerzung lebensunwerten Lebens“ beginnen, wehrt sich von Bodelschwingh. Mit offenem Protest und mit zivilem Ungehorsam, der seiner Gemeinde das Leben rettet. Im Mai 1945 wird er sagen: „Wir wollen uns auch nicht mit dem Hinweis darauf decken, dass wir vieles nicht gewusst haben, was hinter den Stacheldrähten der Lager und in Polen und Russland geschehen ist.“ Bodelschwinghs Kollege und Mitaktivist, Pastor Braune, wurde für sein Engagement von der Gestapo in Schutzhaft gesteckt. Für das, was Bodelschwingh kurz vor Kriegsende von der Kanzel sagt, hätte er einige Jahre zuvor wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt werden können. Einigen seiner Amtsbrüder ist das passiert. 

Hätten die Nazis Sinn für Poesie gehabt, hätten sie ihn auch früher drankriegen können. 1927 schreibt Bodelschwingh ein Lied für Karfreitag. Aus unbekannten Gründen verschwindet es in der Schublade. Erst in dem Gottesdienst, dessen Predigt wir hier in Auszügen hören, wird es erstmals öffentlich gesungen. Aber es wird vorher in einer Kirchenzeitung abgedruckt, 1938, eine Woche vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich. 

Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha. 

Das war ein zutiefst politischer Satz in einem System, das Anspruch auf den ganzen Menschen erhob, das darauf abzielte, die Bevölkerung von frühester Kindheit an mit der nationalsozialistischen Ideologie zu impfen, alle Lebensbereiche zu durchdringen. Das wird überall ein zutiefst politischer Satz sein, wo geistige und politische Strömungen, Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen Anspruch auf den ganzen Menschen erheben. Überall dort, wo Paulus‘ Satz gesagt werden muss: „Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte.“ 

Tief und tiefer wir uns neigen 
vor dem Wunder, das geschah, 
als der Freie ward zum Knechte 
und der Größte ganz gering, 
als für Sünder der Gerechte 
in des Todes Rachen ging. 

Wer aufmerksam liest, wird auch 1938 erkennen können, dass das Kreuz Christi und das Hakenkreuz nicht zusammengehen. Auch, wenn im Jahr 1938 erschreckend viele Christinnen und Christen das dachten. Auch, wenn heute wieder Parteien, die aus ihrer Sympathie für das Dritte Reich keinen Hehl machen, das Kreuz als politisches Symbol besetzen wollen. Und wenn Politikerinnen und Politiker, die zweifellos keine Nazis sind, aber erschreckend kurzsichtig, versuchen, auf dieser Welle mitzuschwimmen. Als 1945 die evangelischen Kirchen das Stuttgarter Schuldbekenntnis verfassten, hätten sie vielleicht nicht gedacht, wie aktuell es 2018 sein würde: „Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde.“ 

Der Freie wird zum Knecht, der Große wird gering. Der Gerechte wird gerichtet. Wo sonst die Arme zum deutschen Gruß emporschnellen, wird sich verbeugt. Tief und tiefer. An Karfreitag werden die Verhältnisse auf den Kopf und damit richtig gestellt. Will jemand der erste sein, der soll der letzte sein vor allen und aller Knecht, hat der gesagt, dessen Tod wir heute gedenken. Mit nationalsozialistischer Herrenmenschenideologie ist das unvereinbar. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet, heißt es bei Jesaja, in einem der Texte, die von Anfang an wichtig für die Deutung des Todes Jesu waren. 
Das steht auch quer zu unseren modernen Märchen von Selbstoptimierung, bei denen es allerletzten Endes um Selbstrechtfertigung und Selbstrettung geht. Unterm Kreuz wird klar, dass das nicht funktioniert. Beim Todesurteil über Jesus aus Nazareth haben die öffentliche Meinung, die politischen Entscheidungsträger und die religiöse Elite in beispielloser Einigkeit zusammengewirkt. An seinem Sterben wird deutlich, wie sehr die Welt zum Tod drängt und sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. 
So wird das Lied von Bodelschwingh, so wird sogar ein noch viel älteres und viel staubigeres Lied wie „O Haupt voll Blut und Wunden“ zum Protestsong in der Welt der Fitness-Apps, Schönheits-OP's und Coachingschwemme. 

Doch ob tausend Todesnächte 
liegen über Golgatha, 
ob der Hölle Lügenmächte 
triumphieren fern und nah, 
dennoch dringt als Überwinder 
Christus durch des Sterbens Tor. 

Auch das so eine Strophe, die einen 1938 den Kopf hätte kosten können. Er hat es nie gesagt, aber man wird Bodelschwingh unterstellen können, dass er „der Höllen Lügenmächte“ sehr genau identifizieren konnte, als er ihnen sein trotziges „Dennoch“ entgegenstellte. Ein „Dennoch“, das nachhallt. Das mir Mut macht inmitten von Diskussionen um fake news und alternative Fakten. Die Wahrheit wird uns freimachen. 

Karfreitag 1945. 30. März. 
Dresden brennt. 
Budapest ist befreit. 
So wie Limburg, Remagen, Wiesbaden und Mannheim. 
Hildesheim liegt in Trümmern. 
In der Betheler Zionskirche ist Pastor Fritz am Ende seiner Predigt angelangt. Gleich wird sein Karfreitagslied zum ersten Mal gesungen, von einem vielstimmigen und sehr durchwürfelten Chor: Die unbeirrbar festen Soprane der Diakonissen, die zittrigen Tenöre der ältere Mitarbeiter, die in Teilen unverständlichen Laute der Bewohnerinnen und Bewohner, die sich freuen, wenn gesungen wird. Er lässt den Blick über seine Gemeinde schweifen. Viele sind da, weil er die Kurve gekriegt und sich widersetzt hat. Einige, die früher immer da waren, fehlen. Sind umgekommen bei den Luftangriffen auf die Anstalt vor wenigen Wochen, 58 insgesamt. 519 Mitglieder der Gemeinde werden im Krieg gefallen sein. In die grauen Busse nach Hadamar musste kein einziger einsteigen. Pastor Fritz ordnet seine Blätter. Die letzten Sätze gehen auch auswendig. Er hat sie bewusst einfach gehalten, in kurzen Sätzen, damit alle sie hören und verstehen. Auch Elfriede. Und Heinrich. Und Magdalene. Und Johannes. 

Wir wollen diese Botschaft des Karfreitags um so stiller hören, um so tiefer fassen, weil jetzt alle irdischen Türen nur in eine dunkle Zeit zu führen scheinen. Christus ist gestorben, damit wir heute nicht verzagen müssen. Christus ist gestorben, damit wir wissen: ER läßt uns nie allein, auch dann nicht, wenn unser Leben lauter Sterben wird. Scheinen unsere Wege völlig dunkel, dann gibt er uns die Gewißheit: Auch in der tiefsten Dunkelheit ist er bei uns. Mit mir, sagt er, mit mir. Überall, wo wir mit ihm sind und er mit uns, da ist auf dieser von Kampf und Leid erfüllten Erde ein Stück Himmelreich. Amen.

Donnerstag, 29. März 2018

Und dann das. | Predigt über Judas. Und die anderen. Gründonnerstag 2018



Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Da war diese Hochzeit in Kana. 
Trinken, anerkennend nicken, den Abend lang werden lassen. 
Körbe voll mit Brot und Fischen durch eine Menschenmenge schleppen. 
Mit vollen Händen nach allen Seiten geben. 
Sauanstrengend und unglaublich berührend. 
Am Fuße eines grasigen Hügels liegen und ihn reden hören und wissend nicken und mit der Menge jubeln und manche Worte wie kleine Schatzkästchen in der Brust aufbewahren: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ 
Mit Geistern und Dämonen kämpfen und spielend leicht gewinnen. 
Den Goldstaub zwischen den eigenen Fingern ahnen, wenn sie segnend auf dem Kopf eines anderen liegen und Angst, Schwermut, sogar Krankheit vertreiben. 
Unter dem Jubel der Menge durch das große Stadttor einziehen, Palmzweigen ausweichen, lächeln und winken und lächeln und winken, die Gesänge der Massen im Ohr und im Herzen: Hosianna. Sauanstrengend, aber unglaublich berührend. 
Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Und dann das. 

„Einer von euch wird mich verraten.“ 

Und nach einem kurzen Moment der Irritation richten sich alle Blicke auf den Einen. 

Judas Iskariot. Geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31 nach Christus. Der Beiname Iskariot leitet sich wahrscheinlich vom Hebräischen Isch-Kerijot ab, zu deutsch: Der Mann aus Kerijot, oder aber: Der Mann aus der Stadt, d. h. Jerusalem. Ein Judäer in einer Gruppe aus Galiläern. Ein Stadtmensch in einer Gruppe Dorfbewohner. Man merkt es, klar. An der Art, wie er sich hinsetzt und das Essen zum Mund führt. An den Wörtern, die er benutzt. Am Sprachklang. Man merkt es halt. An dem ungeübten Umgang mit Fischernetzen und Mühlsteinen – und an der Selbstverständlichkeit, mit der er über die Straßen in Jerusalem flaniert. An der Sicherheit im Gespräch mit anderen Stadtleuten, mit Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Vielleicht fing es als Witz an, als Frotzelei unter Mannschaftskameraden: „Sicher, dass du nicht einer von denen bist?!“ Haha. Ein Lachen, ein Schulterklopfen. Vielleicht wurde das Lachen mit der Zeit angestrengter. Vielleicht hat Judas irgendwann gesagt: Gut. Dann ich eben einer von denen. Aber dann richtig. 

Judas Iskariot. Geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31, Suizid durch Erhängen. Der Beiname Iskariot leitet sich wahrscheinlich ab vom lateinischen sicarius, Dolch. Er weist ihn als Sikarier aus, als Dolchträger, als Mitglied einer Gruppe politischer Aktivisten, manche würden sagen Terroristen. Im ersten Jahrhundert kämpfen sie für die Befreiung Israels von den Römern. Ihre Dolche tragen sie unter dem Gewand, blitzschnell holen sie ihn heraus, um im Schutz großer Volksmengen Attentate auf Angehörige der verhassten Oberschicht zu verüben. In Jesus von Nazareth meint Judas, einen Bruder im Geiste zu erkennen. Einen, der den Traum von der großen Freiheit mitträumt. Als sich abzeichnet, dass Jesus sich nicht als revolutionärer Freiheitskämpfer versteht, wendet Judas sich enttäuscht ab und paktiert mit der Jerusalemer Obrigkeit: Gegen die symbolische Bezahlung von 30 Silberlingen liefert er Jesus von Nazareth den Behörden aus. Nach dem Schauprozess setzt der desillusionierte und von Schuld geplagte Aktivist seinem Leben selbst ein Ende. 

Judas Iskariot, geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31 unter ungeklärten, aber überaus spektakulären Umständen. Ein instabiler Charakter, aufbrausend, oberflächlich, mit schwieriger Vergangenheit. Früh fällt er negativ auf, man munkelt, er würde Geld aus der gemeinsamen Kasse der Jünger unterschlagen. Ein ideales Opfer für den Teufel. Nachdem er sich an Jesus in der Wüste die Zähne ausgebissen hat, versenkt er seine Krallen in Judas. Packt ihn an seinen Schwachstellen: An seiner Angst, an seiner Enttäuschung, an seiner Geldgier, an seinem Bedürfnis nach Sicherheit. Flüstert ihm leise die nächsten Schritte ins Ohr. Ein heimliches Treffen mit den Behörden, ein Beuten Silbermünzen wechselt den Besitzer. Von dem Geld kauft Judas ein Stück Land, was ihm als Jünger verwehrt gewesen war. Aber unrecht Tun gedeieht nicht: Kurz nach dem Landerwerb stürzt er auf seinem Acker und verstirbt qualvoll an inneren Verletzungen. An alten oder an jungen. Oder an beidem. 

Die biografischen Angaben über Judas gehen weit auseinander. Über dem Wikipedia-Artikel steht: „Dieser Artikel ist nicht genügend mit Belegen ausgestattet. Näheres auf unserer Diskussionsseite.“ Die Biografien gehen auseinander. Lebensgeschichten werden nie einfach so erzählt, sondern immer mit einem Hintergedanken: Dem Leben Sinn zu geben, den Einzelnen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Schon ganz früh gehen die Biografien auseinander, weil man erklären musste, was eigentlich gar nicht sein dürfte: Wie kann es sein, dass jemand die Seiten wechselt, der doch ganz nah bei Jesus war? Der all das miterlebt hat. Und wie kann es sein, dass Jesus das auch noch zulässt? Und welche Rolle spielt Gott eigentlich bei dem Ganzen? Fragen, die weit über Judas hinausgehen. Und vielleicht ist es auch falsch, zu schnell alles auf Judas zu schieben. Die Christenheit hat das sehr früh und sehr konsequent getan. So konsequent, dass bis heute kein deutsches Standesamt „Judas“ als Vornamen akzeptiert. Wohlgemerkt, dieselben Standesämter, die in den Vergangenen Jahren Namen wie Sexmus Ronny, Pumuckl, Tarzan, Winnetou, Pepsi-Carola, Chanel und Cinderella-Melodie akzeptiert haben, aber das nur am Rande. 

Vielleicht ist es falsch, alles zu schnell auf Judas zu schieben. In dem Moment, in dem Jesus sagt: „Einer von Euch wird mich verraten“, fragt jeder Einzelne aufgeregt: „Bin ich’s?!“ Allein die Frage zeigt mir, wie unsicher, wie aufgeladen die ganze Situation war. Wie wenig wir wissen, wie wir am nächsten Tag handeln werden. Wie wenig wir selbst uns vertrauen können. Ich hätte nicht gern dabeigesessen. Ich hätte nicht gewusst: Herr, bin ich’s? Werde ich irgendwann so tun, als ob ich ihn nicht kenne, so wie Petrus? Wäre ich am Kreuz weggelaufen, wie die Jünger? Hätte ich in der Konfrontation mit den römischen Soldaten alles, was ich von Jesus gelernt habe, über Bord geworfen und zum Schwert gegriffen? Hätte ich nach der Kreuzigung das Weite gesucht, wie die beiden Jünger, die sich nach Emmaus absetzen? 

Ich weiß es nicht. Und solange ich es nicht weiß, bleibt ein Rest Respekt vor Judas. Vielleicht auch Angst, Weil ich nicht weiß, ob nicht irgendwann, in irgendeiner schwierigen Situation, in irgendeiner Krise irgendeiner Beziehung, nicht der Verräter in mir die Oberhand gewinnt. Wenn ich von einem Freund enttäuscht bin. Wenn in die Ehe der Alltag einkehrt und andere Mütter plötzlich auch schöne Kinder bekommen. Wenn ich in einem Land leben würde, in dem Glauben gefährlich ist. 

Beim letzten Essen von Jesus mit seinen Jüngern, das zugleich auch das erste Abendmahl war, wird mit Händen greifbar, wie zerbrechlich die Gemeinschaft ist. Am Tag drauf werden Versprechen gebrochen wie am Abend zuvor das Brot. „Herr, bin ich’s?“ Der Kelch geht an niemandem vorbei. Und Jesus bleibt mittendrin sitzen. Hält die bröckelnde Gemeinschaft aus, hält zusammen, was noch zusammenzuhalten ist. Taucht mit dem, der ihn ausliefern wird, die Hand in die Schüssel. Zuckt nicht zurück, bleibt nah, bleibt da. Teilt mit allen Brot und Wein. Baut seine Kirche auf den, der in nicht einmal vierundzwanzig Stunden dreimal sagen wird: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Hält auch das aus. Und kehrt nach all dem wieder zurück, drei Tage später. Ohne ein Wort des Vorwurfs, ohne die schmerzhafte Frage: „Warum?“ Nur mit dem heilenden Satz: „Friede sei mit euch.“ 

Judas wird das nicht mehr erleben. Für Judas gibt es in dieser Welt kein Ostern, keine Auferstehung, keine Möglichkeit, die Hände in die Wunden zu legen und zu erkennen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott.“ Jesus steht wieder auf. Judas bleibt unten. Aber so wenig, wie wir wirklich erfassen, wirklich verstehen können, was ihn zum Verrat getrieben hat, und so wenig wir seine Rolle in dem Geschehen begreifen können, so wenig wissen wir auch über das, was dazwischen passiert. Judas Hoffnung bleibt der Karsamstag. 

Im Heidelberger Katechismus heißt es (44): „Warum steht im Glaubensbekenntnis ‚abgestiegen in die Hölle‘?“ Und er gibt die Antwort: „Damit wird mir zugesagt, dass ich selbst in meinen schwersten Anfechtungen gewiss sein darf, dass mein Herr Christus mich von der höllischen Angst und Pein erlöst hat, weil er auch an seiner Seele unaussprechliche Angst, Schmerzen und Schrecken am Kreuz und schon zuvor erlitten hat.“ 

Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Auf langen staubigen Straßen miteinander gestritten. 
Gedacht, sie wüssten Bescheid. Und immer wieder erkannt, wie wenig sie wussten. 
Wollten Hütten bauen und endlich ein Zuhause finden, und durften es nicht. 
Haben mit Dämonen gekämpft und sind nur um Haaresbreite selbst davon gekommen. 
Wollten übers Wasser laufen und haben dabei kalte Füße bekommen. 
Wollten sich mit Schwert und dem eigenen Leben zwischen Jesus und die Soldaten stellen – und wurden zurückgepfiffen. 
Konnten oder wollten das Kreuz nicht tragen, den letzten Weg nicht mitgehen, die Hoffnung nicht über den Tod hinaus festhalten. 
Lachten halb höhnisch, halb genervt, als die Frauen vom leeren Grab erzählten. 

Und dann das. 

„Friede sei mit euch.“

Mittwoch, 28. Februar 2018

Wenn dein Kind dich morgen fragt...

Preacher-Slam-inspirierter Wortbeitrag zum Eröffnungsabend der ZEIT-Konferenz "Die Zukunft der Religion" am 23. Februar in der Hamburger Hauptkirche St. Petri


Mein heutiger Beitrag zur interreligiösen Verständigung 

Hamburg. Steindamm, St. Georg, heute Nachmittag gegen 16 Uhr. Auf der Straße stehen Christen einer bestimmten Couleur und wollen missionieren. Muslime aus einem ähnlichen Milieu und mit selbiger Absicht gesellen sich dazu. Als ich aus dem Dönerladen komme, kommen zwei auf mich zu und werden fast handgreiflich darüber, wer mich als erstes bekehren darf. Beide sehen meinen dringenden Bedarf bestätigt, als ich meinen Beruf verrate. Es reicht, Pfarrer im Rheinland zu sein und damit in einer Kirche zu dienen, die nicht nur die Frauenordination, sondern auch die Trauung und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften praktiziert. Ich so: "Okay... wenn euer Glaube gegen predigende Frauen und Schwule und Lesben ist, bin ich definitiv raus - ich kann mir den Himmel ohne sie überhaupt nicht vorstellen." Nacn zehn Minuten verabschieden wir uns voneinander, die beiden sind sich in fast rührend brüderlicher Weise absolut einig, dass ich auf jeden Fall in die Hölle komme... #truestory

Wenn dein Kind dich morgen fragt...

Ich soll etwas zum Abendland erzählen. Das fällt mir schwer, denn in der Bibel findet man, anders, als viele das gerne hätten, nichts darüber. Aber ich stolpere über etwas anderes, über eine alte Kirchentagslosung: Wenn dein Kind dich morgen fragt... (Dtn 6,20).

Wenn dein Kind dich morgen fragt nach diesem legendären Land, das einst im Meer versank - willst du ihm dann von Atlantis erzählen? Oder von Holland?! Willst du erzählen, wie ihr an Feiertagen nach Venlo zum Einkaufen oder Frikandelessen gefahren seid, und wenn dein Kind dann fragt: "Was sind denn Feiertage?!" - willst du dann erklären: "Das waren Tage, an denen man nicht arbeiten musste". Und willst du, dass dein Kind dann entgeistert fragt, ob wir denn damals nicht wussten, was ein Bruttoinlandsprodukt ist?

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, können wir ans Meer fahren?", willst du dann sagen: "Aber ja, Dortmund ist ja nicht weit, und der Strand ist sehr schön. Oder der Harz! Da hat man Berge und Meer. Der Harz ist wie Korsika!" Aber Korsika kennt ja schon keiner mehr... 

Und wenn dein Kind dich morgen fragt, ob das eigentlich wirklich so ganz plötzlich gekommen ist, das mit dem Klimawandel, willst du dann sagen: "Eigentlich wollte ich demonstrieren gehen, aber es gab da keine Parkplätze"? Oder: "Das Biofleisch war so teuer, 10 EUR das Pfund Mett, da hat man zur Happy Hour eine Shisha und zwei Cocktails für bekommen!"?

Wenn dein Kind dich morgen fragt, woher eigentlich die kleinen Kinder kommen, willst du dann anfangen von Bienchen und Blümchen, und wenn dein Kind dich dann verständnislos anguckt und fragt: "Bienchen? Blümchen? Was ist denn das?", willst du dann sagen: "Es war einmal..." und von Glyphosat anfangen und dann müde abwinken und es weiter youporn gucken lassen?

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, warum habt ihr eigentlich diese oder jene Haar- und Augenfarbe und dieses oder jenes Geschlecht für mich ausgesucht?" - willst du dann sagen: "Das war halt gerade im Angebot?"

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, ich habe mein bilinguales Abitur in der Tasche und einen Studienplatz für International Business, aber keine Haare am Sack - ich bin dreizehn! Ist das der Sinn des Lebens?", willst du ihm dann erzählen von geheimnisvollen Schulfächern wie Kunst, Musik, Sport, Reli oder Deutsch, von Freistunden, die ihr im Oberstufenraum abgehangen habt, von endlosen durchdiskutierten oder einfach nur durchsoffenen Nächten in Studentenkneipen, von Auslandssemestern komplett ohne Scheine, dafür aber mit Freunden fürs Leben und der einen oder anderen dekorativen Narbe in Haut und Herz? Und bist du sicher, dass dein Kind auch nur ein Wort versteht von dem, was du ihm da erzählst? 

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, wer war eigentlich Dietrich Bonhoeffer?", willst du dann sagen: "Das war ein Widerstandskämpfer im Dritten Reich..."? Und wenn dein Kind dann mit großen Augen fragt: "Widerstand... aber wogegen denn?", willst du dann nochmal anfangen und sagen: "Das war ein Pfarrer." Und wenn dein Kind dann fragt: "Was waren denn Pfarrer?", willst du dann sagen: "Das waren Leute, die in Kirchen saßen und darauf warteten, dass Leute reinkommen"? Und wenn dein Kind dann fragt, was denn Kirchen sind - willst du dann sagen: "Unten am Marktplatz steht eine, da, wo der Applestore drin ist"?

Wenn dein Kind dich morgen fragt, warum man unser Land eigentlich das Land der "Richter und Henker" nennt, willst du dann anfangen und sagen, das hätte was mit den Kommentarspalten im Internet zu tun, oder mit Germany's Next Topmodel? Und dann innehalten, weil es doch eigentlich "Tischler und Banker" heißen müsste, oder, nein, es heißt: "Dichter und Denker" - und willst du, dass dein Kind dann sagt: "Ah... Mario Barth und so, ne?"

Und wenn Du den Herrn Jesus fragst, was er eigentlich mit diesem "christlichen Abendland" zu tun hat, kannst du dann hören, wie es im Himmel leise kichert? Weißt du dann noch, dass es heißt: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid", und nicht: "Bitte ERST die Leute aussteigen lassen!"? Und dass er gesagt hat: "Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird nimmermehr dürsten", und nicht: "Draußen nur Kännnchen!" oder "Das Wasser des Lebens gibt's nur noch von Nestlé"? Und dass es immer noch "Karwoche" heißt, niemals "Kehrwoche"?

Wer weiß das schon... Aber wenn du ihn fragst - eins wirst du vielleicht hören: 

Wenn dein Kind dich morgen fragt - was willst du ihm erzählen? Das entscheidest du. Heute.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Du kleine Stadt... | Predigt in der Christvesper über Mi 5

I. COMING HOME FOR CHRISTMAS 


Kurz vor Weihnachten: Autobahnen zu und Züge überfüllt.
Weihnachten geht es nach Hause.
Söhne und Töchter, die irgendwo in der weiten Welt studieren,
packen ihre Sachen zusammen und fahren ins Elternhaus.
Manche freuen sich darauf.
Auf vertraute Gerüche, 
auf das Lieblingsessen von früher, 
auf das Wiedersehen mit Freunden 
an diesem alljährlich felsenfest stehenden Kneipenabend. 
Andere freuen sich, wenn der Heimaturlaub wieder vorbei ist. 
Sind rausgewachsen. 
Aus dem Bett in ihrem ehemaligen Zimmer, 
aus den Tagesabläufen der Eltern, 
aus den Diskussionen, ob es denn – Vegetarier hin oder her – 
zu Weihnachten nicht doch ein Stückchen Gans sein darf. 



Kurz vor der ersten Weihnacht waren die Straßen auch zu und die Herbergen überfüllt. 
Vor der ersten Weihnacht ging es nach Hause. 
Aus anderen Gründen damals als heute 
- Es begab sich aber zu der Zeit, 
dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, 
dass alle Welt geschätzt würde. 
Und jeder ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. - 
aber vielleicht mit ganz ähnlichen Gedanken und Gefühlen. 

Für viele, die heute hier sind, heißt Weihnachten: Zurück nach Wuppertal. 
Für Maria und Josef hieß es: Zurück nach Bethlehem. 

 II. DU KLEINE STADT… 


O Bethlehem, du kleine Stadt, Dorf neben anderen Dörfern, im Bergland am Rande der Wüste. Ein paar Häuser, eine kleinere Synagoge, überall Zisternen, weil die Stadt noch nicht an die antike Wasserversorgung angeschlossen ist. Die Menschen in Bethlehem leben vom Ackerbau und von ihren Olivenbäumen, aber nicht von dem kleinen Goldrand der Stadtgeschichte: Aus Bethlehem stammt immerhin der legendäre König David. Aber das ist lange her. 

O Wuppertal, du kleine Stadt. Stadt neben anderen Städten, im Bergischen zwischen Rheinland und Westfalen. Es gibt, immerhin, eine Universität, ein Opern- und Schauspielhaus, die Schwebebahn, einen Bahnhof, der gerade aufgehübscht wird, und viele Staus, wenn die Stadt durch Baumaßnahmen auf der B7 oder der A46 wieder einmal so gut wie abgeschnitten ist. Die Menschen leben in Wuppertal leben gut oder schlecht von ihrer Arbeit, von Sozialhilfe oder von Luft und Liebe, aber nicht von den kleinen Goldrändern der Stadtgeschichte: Immerhin war hier eine der ersten Industrieregionen Deutschlands, immerhin gab es immer wieder Prominenz von Friedrich Engels über Johannes Rau bis Pina Bausch, immerhin wurde hier die Barmer Theologische Erklärung verfasst. Aber das ist lange her. 



 III. GOTT FÄNGT KLEIN AN – UND MACHT’S WIE IMMER 


Von Bethlehem hat damals niemand Großes erwartet. Von David auch nicht. Als jüngster von acht Söhnen bleibt ihm das Schafehüten, alle interessanten Tätigkeiten von den älteren, stärkeren Brüdern schon weggeschnappt, so wie wahrscheinlich auch die potenziellen Heiratskandidatinnen. Und trotzdem fällt die Wahl zum König nicht auf die ungleich hochglanzmagazingeeigneteren Brüder, sondern auf David. Die damals noch viel kleinere Stadt Bethlehem erlebt ihr Aschenputtelmärchen, bei dem Gott nicht zum ersten Mal zeigt, wie er so tickt: Der Mensch sieht, was vor Augen ist – Gott aber sieht das Herz an. Und unter diesem Blick Gottes wird das Kleine groß, das Unbedeutende wichtig, und das Vernachlässigte rückt vor in die erste Reihe. Die Letzten werden die ersten sein. Der Jüngste wird König und dereinst einen Riesen mit einer Steinschleuder besiegen. 

An Weihnachten kehrt Gott auch zurück. Nach Bethlehem, und zu sich selbst. Fängt klein an, ganz klein, unscheinbar und verletzlich. Und legt in diesem bescheidenen Anfang der Welt eine neue Zukunft in die Wiege. Vertraut diesen Anfang einer jungen Frau an, die vom Leben noch nicht viel gesehen hat, und einem jungen Mann, der am Liebsten das Weite suchen würde. Lässt sich bestaunen von Hirten mit speckiger Kleidung, schlechtem Ruf und grober Sprache. 
Und so sitzen heute hinter den Wuppertaler Fenstern junge Frauen und Männer in zerbrechlichen Beziehungen, gehen auf Wuppertaler Straßen Menschen, denen man nicht im Dunkeln begegnen will, und wissen vielleicht selbst nicht: Auch sie können es sein. Zeugen von Gottes Wundern und Träger seines Friedens und Geburtshelfer der Weihnachtsbotschaft. 

 IV. JERUSALEM UND BERLIN 


Der Erste, dem so ein Bild vorschwebte, war der Prophet Micha. Einer, den Gott in seine Richtung blicken ließ. In einer Zeit, in der große Teile seines Volkes im Exil waren, träumte er davon, dass sie nach Hause zurückkehren. Dass das Kriegführen verlernt und Waffen zu Werkzeugen umgeschmiedet würden. Dass Friede sei. Und dass dieser Friede von Bethlehem ausgehen würde. Weil er von der Hauptstadt Jerusalem nichts mehr erwartete, von ihren korrupten Beamten, ihrer schwerfälligen Politik und ihrem ausgebluteten Königshaus. So, wie heute in Wuppertal und anderswo Menschen von der Tagespolitik in Berlin oder Düsseldorf nichts mehr erwarten und sich entweder zurückziehen oder denen ihre Stimme geben, die am Lautesten schreien. Aber Micha war, bei aller beißenden Kritik an den Machthabenden, kein Wutbürger. Weil er ahnte: Wirklicher, dauerhafter Frieden wird nicht dadurch kommen, dass die Einen sich gegen die Anderen durchsetzen. Nicht dadurch, dass man ihn absichert und umzäunt. Der Friede von Bethlehem wird gewagt, gesucht – und empfangen. 

V. FRIEDE GABST DU SCHON, FRIEDEN MUSS NOCH WERDEN 


Wenn man heute in Bethlehem unterwegs ist, könnte man meinen: Das hat nicht geklappt. Die Stadt liegt mitten in einer der umstrittensten Gegenden der Welt. Vom restlichen Westjordanland ist sie durch eine Sperrmauer abgetrennt. Die Heiligen Drei Könige hätten heute gehörige Schwierigkeiten, mit ihren Geschenken zum Christkind vorzudringen, wahrscheinlich müssten sie stundenlang bei einem Checkpoint ausharren und ihre Pakete auf Sprengstoff untersuchen lassen. 

Wenn man heute in Wuppertal unterwegs ist, könnte man auch meinen: Das hat nicht geklappt. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander klafft, wenn kleine Säuglinge im Wald vergraben werden, wenn die Stadt den traurigen Rekord von 39 so genannten Angstorten hält. Und trotzdem. 

Trotzdem will ich daran glauben, dass Weihnachten etwas geändert hat und ändern wird und ändert. Auch in diesem Jahr. In Bethlehem. In Wuppertal und anderswo. Und dass der Blick zurück zur Krippe etwas verändert. 

Da stehen wir. 
Gucken zurück, auf die Krippe. 
Gucken verstohlen zur Seite, 
finden uns wieder neben Menschen, 
um wir vielleicht lieber einen großen Bogen machen würden. 
Und teilen doch das Wunder miteinander. 

Hier sitzen wir. 
Geben gleich das Friedenslicht weiter, 
Kerze für Kerze für Kerze. 
Reihen uns ein in eine Kette, 
die von der Geburtskirche in Bethlehem 
bis auf den Uellendahl reicht. 
Und die hier nicht zu Ende sein muss. 
So wie in rund zwanzig anderen Kirchen in der Stadt 
und drum herum. 
Gehen nach Hause – und mit jedem Menschen, 
dem Sie in den nächsten Tagen begegnen, 
haben Sie vielleicht, 
ohne es zu wissen, 
das Licht geteilt. 

Und für jeden Menschen, 
dem Sie in den nächsten Tagen begegnen, 
hat Gott ganz sicher in Bethlehem einen neuen Anfang gesetzt. 
Für den Penner am Döppersberg, 
für die junge Mutter auf der Gathe, 
für den alten Nachbarn am Weinberg. 
Und sogar und ganz sicher für den Menschen, 
der Ihnen aus dem Spiegel entgegenguckt. 

 VI. COMING HOME FOR CHRISTMAS II 


Weihnachten geht es nach Hause. 
Und wir kehren zurück. 
Zu den neuen Anfängen Gottes, 
der sich klein macht und unsere Anfänge heiligt. 
Auch die ganz kleinen, 
von denen niemand etwas erwartet. 
Auch im Heimaturlaub, 
ob er nun mit freudigem Herzklopfen 
oder mit Magenschmerzen absolviert wird. 
Wer unbequem im Bett im alten Kinderzimmer liegt, 
erinnere sich daran, dass man selbst in einer Krippe schlafen kann, 
wenn es sein muss. 

Wer nicht mehr hören kann, 
dass die Schwester schon zwei Kinder, 
der Cousin einen Job 
und der Nachbarsjunge eine eigene Praxis hat, 
denke an David und daran, 
dass die Letzten die Ersten sein werden. 

Und wer keinen Gänsebraten will, 
der isst keinen. 

Und plötzlich ist Weihnachten. 
O je. 
O ja. 
O nein. 
O doch.
Okay. 
O Gott. 
O du fröhliche. 
O Heiland, reiß die Himmel auf. 
Über Bethlehem, der kleinen Stadt. 
Und über Wuppertal. 
Und über uns. 
Und überhaupt 
und überall 
und über allem 
und allen: 
Friede auf Erden. 
Amen.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Weinende Visionäre und großes Kino | Predigt über Offb 5 und BWV 62

Aus dem Kantatengottesdienst in der Kölner Antoniterkirche.
 

GROSSES KINO 

 

Lehnen Sie sich zurück. Greifen Sie in Gedanken in die Tüte mit Popcorn, trinken Sie einen Schluck, was auch immer, denn: Sie erwartet großes Kino. Großes Ohrenkino gleich nach der Predigt mit der Bachkantate, und vorher schon großes Kino für Auge und Herz, ein bisschen auch für den Kopf, mit einem Text aus der Bibel, der es in sich hat. Bei dem es ums Ganze geht. Großes Kino halt, dabei weniger „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, eher „Armageddon“, auch nicht „der kleine Lord“. Am Anfang des Kirchenjahres blättern wir zum Ende der Bibel, schlagen die Offenbarung des Johannes auf. Ein Buch voller Rätsel, voller Bilder, voller Ausrufe- und mindestens so vielen Fragezeichen. Wir gucken dem Seher Johannes über die Schulter. Er bekommt das, was viele Menschen sich wünschen, worauf sie hoffen, wonach sie lautstark verlangen, wenn die Gegenwart zu schwer zu ertragen ist. Johannes bekommt Einblick in die Zukunft. Nicht in die nächste Woche, nicht auf den Rest seines eigenen Lebens, sondern in die Zukunft, die Gott für diese Welt vorgesehen hat. Großes Kino eben, keine Kaffeesatzleserei. Wir treten neben Johannes, als er in Gedanken im Thronsaal steht.  

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 


ZEIT DER GEHEIMNISSE – IST DA JEMAND? 

 

Advent ist die Zeit der Geheimnisse. Ein Kalender mit vierundzwanzig Türchen, jedes mit einem kleinen Geheimnis dahinter. Ein kurzer Blick auf verheißungsvoll raschelnde Pakete, bevor sie bis Heiligabend irgendwo verschwinden und in der Zwischenzeit aufgeregt rätseln lassen, was da wohl drin ist. Immerhin: Am Ende der Adventszeit werden wir es wissen. Die Türchen sind aufgemacht, Geheimnisse gelüftet und Pakete ausgepackt. Im himmlischen Thronsaal scheint die Lage anders zu sein. Da ist das Buch, eine kunstvoll gefaltete Rolle, von innen und außen beschriftet. Allem Anschein nach eine Urkunde göttlicher Herrschaft, und damit auch ein Dokument voller Wahrheit und Klarheit über die Zukunft der Welt. Nur eben: Versiegelt. Mit nicht nur einem, sondern gleich mit sieben Siegeln, und die mystische Zahlenspielerei macht deutlich: Dieser Code ist nur mit göttlicher Kraft und Autorität zu brechen. 

Einerseits finde ich das gut. Das mahnt zur Vorsicht bei Zukunftsprognosen und Kaffeesatzleserei aller Art. Die Zukunft liegt bei Gott, und da liegt sie gut. 

Und andererseits macht es mich ungeduldig. Mir geht es wie Johannes. Ich will lesen. Und wissen, wie es ausgeht. Nicht einmal im Detail, will nur wissen, dass es gut ausgeht. Wie wenn ich bei einem unerträglich spannenden Krimi verbotenerweise auf die letzten Seiten blättere, um zu sehen, wer am Ende noch alles am Leben ist. Wie Johannes auf der Insel Patmos, der aus dem Exil heraus sieht und hört, wie seine Schwestern und Brüder im Glauben von den Römern verfolgt und getötet werden. Spürt und weiß: Unfrieden herrscht auf der Erde, und ein gutes Ende ist kaum vorstellbar. Unfrieden herrscht auf der Erde, und Ungeduld sogar im Himmel, wenn ein starker Engel die heilige Stille durchbricht und ruft: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Ja, wer? Wer kann die Siegel aufbrechen, wer versteht die Geheimnisse dieser Welt, und wer kann eigentlich dafür sorgen, dass am Ende alles gut wird? Ist da überhaupt jemand? Ist da jemand, der mein Herz versteht? Und der mit mir bis ans Ende geht? Ist da jemand, der noch an mich glaubt? Ist da jemand? Ist da jemand? Der mir den Schatten von der Seele nimmt? Und mich sicher nach Hause bringt? Ist da jemand? Ist da jemand? -- Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. 

ES IST ZUM WEINEN 

 

Es ist doch zum Weinen. Dass da niemand ist, der dieses Buch öffnen kann. Dass da niemand ist, der weiß, wie es geht, wie es sein wird. Es ist doch zum Weinen, dass allem Anschein nach das Böse, das Tödliche, das Dumme, das Unfaire, das Lebensverachtende in der Welt den Sieg davonträgt. 
Es ist doch zum Weinen, dass wir bald drei Monate immer noch nicht wissen, wer die Regierung stellen wird, und ein Minister im Alleingang gegen den Willen von Millionen von Bürgern und gegen den Willen der Kanzlerin den Einsatz einer hoch umstrittenen Chemiekeule genehmigt. 
Es ist doch zum Weinen, dass mehr als siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Partei die drittmeisten Stimmen bekommt, die die Zeit zwischen 33 und 45 schönreden und vielleicht sogar in Teilen wiederholen will. 
Es ist doch zum Weinen. 
Auch all das, was es nicht in die Zeitung schafft. Gestern Nachmittag war ich bei der Andacht eines Kollegen mit seiner Konfirmandengruppe dabei. In der kleinen kalten Kapelle auf dem Altar das Bild eines Zwölfjährigen. Lukas. Er war in ihrer Konfigruppe. War. In der Nacht von Sonntag auf Montag ist er gestorben. Einfach so. Morgens nicht mehr aufgewacht. „Ich bin sprachlos“, sagte der Kollege, „ich bin sprachlos, auch, wenn ich gerade rede.“ Und wir haben Kerzen angezündet und geweint. Geweint wie jetzt gerade Menschen weinen, überall in der Welt, aus den verschiedensten Gründen. 


Wie Johannes im himmlischen Thronsaal weint, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun. Weint, bis ihm jemand die Hand auf die Schulter legt. 

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; […]Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. 

GROSSES KINO, EIN UNERWARTETER HAUPTDARSTELLER – VARIATIONEN EINES THEMAS 

 

Mitten im Thronsaal ist der schon da, der die Siegel brechen und die Zukunft in die Hand nehmen kann. Ist schon da, aber kommt erst jetzt in den Blick. Drängt sich nicht vor, ruft nicht laut „hier“, aber lässt sich finden. Wie am Anfang, der kleine Lord in der Krippe auf Stroh, wie am vermeintlichen Ende am Kreuz, wie beim Sequel neben dem beiseite gerollten Stein über seinem leeren Grab. Wie beim großen Finale im himmlischen Thronsaal. Das, was Johannes hier sieht, ist bei Lichte betrachtet eigentlich gar nicht so neu. Glanz und Gloria beiseite lassend, erkennen wir Variationen eines Themas, erleben wir, was Menschen immer und überall erleben, wenn Gott sich sehen lässt: Es wird anders. Anders als gedacht, anders, als wir es machen würden. Und vielleicht kann und wird es gerade deswegen gut. Das Wort wird Fleisch in der gänzlich kitschbefreiten Ungastlichkeit eines Viehstalls – und macht die, an denen die Weltgeschichte meist vorbeigeht, zu Trägerinnen und Boten des Heils. Der König kommt in nieder’n Hüllen. Der, der die Rettung aller Welt bedeutet, behält seinen unmissverständlich jüdischen Stallgeruch. Das Lamm, auf dem Altar politischen Kalküls und menschlicher Irrtümer geopfert, ist stärker als alle irdischen Herrscher, die sich als brüllende Löwen inszenieren. Und sieben Hörner sind und bleiben mehr als die zwei Hörner aller Götterfiguren und angeglichen Heilsbringer, als der Kopfschmuck aller Teufel und Dämonen dieser Welt. 

ALLE JAHRE WIEDER 

 

Wirklich neu ist das nicht, was Johannes sieht. Tröstlich, ja, ohne Zweifel. Alles wird gut, und im Spannungsbogen der biblischen Geschichte dürfte das kaum überraschen. Alles wird gut. Am Ende einer Predigt am ersten Advent dürfte auch das kaum überraschen. Aber die mächtige Dynamik dieser Welt und ihrer Geheimnisse bringt es mit sich, dass wir es immer wieder neu hören müssen. Auch am ersten Advent hier in Köln können wir großes Kino gebrauchen, mit Bildern, die mächtiger sind als die Schreckensszenarien der Nachrichten, und brüchiger und deshalb wahrer als unsere heimelige Adventsromantik. Auch am ersten Advent gibt es Menschen, auch hier in der Kirche, die Grund haben zu weinen, zu fragen: „Ist da jemand?!“, und mit Ambrosius und Luther und Bach und den Sängerinnen und Sängern aus Rösrath zu rufen: Nun komm, der Heiden Heiland. Komm und nimm die Geschichte in die Hand. Komm und mach uns frei. Komm und streite und siege und richte uns auf. Komm. Wir müssen es neu gesagt bekommen, es uns neu sagen lassen. Und mit der Frage im Hinterkopf: „Ist da jemand?“ hören wir die Kantate des fünften Evangelisten als großes, klingendes, uns bis in die tiefsten Fasern berührendes und veränderndes: JA, AMEN! 


Sonntag, 26. November 2017

Tick-Tack-Oma und Adressbuch | Predigt über Dan 12,1b-3 am Ewigkeitssonntag

Die Ticktack-Oma hatte so ein kleines Adressbuch. Beim Trauergespräch lag es auf dem Tisch, sonst hat es immer da gelegen, wo es hingehört: Neben dem Telefon, das noch ein eigenes Tischchen mit dazugehöriger Sitzbank hatte. Die Namen darin: Alle mit Bleistift reingeschrieben. Nach ihrem 90. Geburtstag hat sie es angeschafft, hat die Namen all derer, die noch lebten, übertragen. Es waren weniger als die, die sie rausgelassen hat. „Ich bin doch eine der Letzten“, hat sie gesagt, „und ich bin es leid, die Namen von denen, die ich überlebt habe, durchzustreichen und jedes Mal, wenn ich eine Postkarte schreiben will oder eine Nummer raussuche, darüber zu stolpern. Jetzt radiere ich sie aus.“ Dann hat sie gelacht. „Und wenn ich doch noch jemand Neues kennen lerne, ist genug Platz!“ 


Neunzigjährige haben oft diesen Blick auf Leben und Tod. Einige derer, deren Namen wir heute hier genannt haben, hatten schon lange gesagt: „Es ist doch gut. Es reicht mir mit dem Leben.“ Man guckt anders auf das Leben, wenn die Grenze langsam aus dem Nebel auftaucht. Man sortiert, gewichtet vielleicht nochmal neu: Das, was früher so wichtig war, verliert an Bedeutung. Und anderes wird unschätzbar wertvoll. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ 

Der Ewigkeitssonntag gehört den Grenzgängern. Denen, die die Grenze passiert haben, und denen, die auf der anderen Seite stehen geblieben sind und ihnen nachblicken. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, wenn die Tage kürzer und die Menschen dünnhäutig sind, versammeln wir uns und rücken zusammen. Wir teilen das Brot, das wir haben, miteinander, reichen es herum, Hände berühren sich, Blicke werden getauscht, kurz, flüchtig, ein leises „Danke“, ein etwas lauteres „Amen“, eine stille Träne. Wir hören Namen, die etwas in uns zum Klingen bringen: Schmerz. Trauer. Sehnsucht. Dankbarkeit. Erleichterung. Oder irgendetwas anderes, das nur wir fühlen und das wir niemandem verraten. Wir hören Namen wie Abkürzungen für ganze Lebensgeschichten. Manche Geschichten sind länger, andere kürzer. Manche zu kurz. Alle ausnahmslos so vielschichtig und tiefgründig, dass kein Roman der Welt sie ganz erzählen könnte. Wir hören Namen, die von Klingelschildern, aus Kundenkarteien, Telefonbüchern und Geburtstagskalendern verschwunden sind – oder bei denen wir es einfach noch nicht übers Herz gebracht haben, sie aus dem Handy zu löschen. 

Am Ewigkeitssonntag blättere ich in der Bibel und suche Trost, Hoffnung, Perspektive, und vielleicht auch eine Antwort auf die Frage: Was ist mit Erwin oder meinetwegen mit Tick-Tack-Oma, jetzt, wo sie tot sind? Ich suche – und finde. Im hinteren Teil des Alten Testaments, im zuletzt hinzugefügten Buch der Hebräischen Bibel, im Buch Daniel. Ganz am Ende lesen wir Visionen, für Menschen geschrieben sind, die an ihre Grenzen kommen. An die Grenzen des Ertragbaren, des Verstehbaren. Um sie herum wütet der Tyrann, sie werden geknechtet, verfolgt, unterdrückt. Sie klagen laut und mit Rech: Es kann doch nicht sein, dass das, was ist, alles gewesen sein soll. Es kann doch nicht sein, dass der Tod und seine weltlichen Handlanger das letzte Wort behalten. Ihnen wird ein Ausblick geschenkt, der über unsere Grenzen hinausführt: 

[Denn] es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich. 

Wieder ein Buch. Ein Buch, in dem Namen verzeichnet sind. Nicht mit Bleistift – damit schreibt man im Himmel nicht. Gott schreibt auf wetterfestes Papier mit dokumentenechter Tinte, die auch unter Tränen nicht verläuft. Namen, die stehen bleiben. Die Lebensgeschichten in sich bergen im Buch des Lebens, das mit jeder Taufe ein neues Kapitel bekommt. „Ja, den Namen, den wir geben, schreib ins Lebensbuch zum Leben“, singen wir dann. 

Möglich, dass diese Vorstellung nicht lückenlos tröstlich ist, nicht auf den ersten Blick. Möglich, dass unser Gottesbild sich mit dem Bild vom Nikolaus vermischt, der mit weißem Bart und gerunzelter Stirn streng über den Rand seiner Brille guckt, den Zeigefinger in seinem goldenen Buch, das zwei Spalten hat: Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind? Der alles aufgeschrieben hat, wirklich alles, und bei dem man nicht weiß, ob er ein Geschenk oder die Rute rausholt. Vielleicht hat Daniel sich das so vorgestellt. Dass Gott doppelte Buchführung macht. Es klingt zumindest so: „Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande.“ Ich kann diesen Satz nicht einfach weglassen, aber ich möchte versuchen, ihn zu verstehen. Und vorsichtig weiterdenken. Die Worte sind geschrieben in einer Zeit, die gar nicht so anders ist als unsere eigene. Es gibt Menschen, die anderen Leid zufügen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Es gibt Verfolgung und Mord, seelische und körperliche Vergewaltigung, häusliche Gewalt und sträfliche Vernachlässigung. Es gibt Opfer und Täter, freiwillig und unfreiwillig. 

Tick-Tack-Oma wusste das. Hat schnell umgeschaltet, wenn im Fernsehen etwas über die unmittelbaren Nachkriegsjahre kam, über das, was damals so gemacht wurde und über das man nicht spricht. Und hat, als die Demenz die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verwischte, manchmal leise und unzusammenhängend über die jüdische Familie mit dem Geschäft nebenan gesprochen und den Kopf geschüttelt und sich die Hand vors Gesicht gehalten, als wollte sie nicht, dass man sie ansieht. Ich weiß nicht, ob für Tick-Tack-Oma die Vorstellung ertragbar, ob es gerecht wäre, im Buch des Lebens auch die Namen derer zu lesen, die im Krieg oder kurz danach etwas in ihr kaputt gemacht haben. Und dass sie selbst, wenn Soll und Haben aufgerechnet würden, hart an der Grenze wäre. Wie alle anderen. Namen bergen Lebensgeschichte. 

Und so, wie manche ihren eigenen Namen kaum leiden mögen, bergen die Namen auch die Kapitel unserer Lebensgeschichten, die schwer ertragbar sind. Möglich, dass nicht jeder die Vorstellung mag, dass am Ende jeder Name laut aus dem Buch des Lebens vorgelesen wird, inklusive der ganzen peinlichen zweiten und dritten Vornamen nach irgendwelchen Verwandten, die man zu Lebzeiten, wo es nur ging, verschwiegen hat. 

Möglich, dass es selbst im Himmel nicht ohne doppelte Buchführung geht, um der Gerechtigkeit willen. Aber damit ist noch nicht gesagt, dass dort so gerechnet wird, wie wir es gewohnt sind. Kurz gesagt: Weil Christus einen Strich durch die Rechnung macht. Auf der Soll-Seite. Weil Gott die Ewigkeit nicht ohne uns verbringen will und keine Freude hat an Plätzen, die beim großen Festmahl im Himmel leer bleiben. Er hat das Chaos in Welt verwandelt. Er kann auch unseren Namen einen neuen Klang geben. Kann und wird sie neu durchbuchstabieren und unsere Lebensgeschichten so erzählen, dass wir sie neu und anders hören. Wir sind hier an der absoluten Grenze all dessen, was Theologie und Glauben leisten können. Dorthin wagen wir uns am Ewigkeitssonntag. Halb verschüchtert, halb trotzig. Und lassen Gott nicht. Nicht ohne Hoffnung. Gesät werden Menschen in eine Welt voller Erniedrigung, Erhöhte stehen auf. Gesät werden Zerbrechliche, Menschen voller Kraft von Gott stehen auf. Nicht ohne Versprechen: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. 

Irgendwann, wenn dermaleinst die Zeit in Rente gegangen ist, wacht Tick-Tack-Oma auf. Mit einem Mal hell wach, wie man nur mit einem Mal wach ist, wenn man seinen eigenen Namen hört. Und sie steht auf, wundert sich, wie leicht das geht, spürt weder „Knie“ noch „Rücken“, schüttelt sich den Staub aus den Kleidern und fühlt sich überhaupt blendend. Geht langsam in den Flur, hört von irgendwoher leise Musik. Ihr Blick fällt auf ein Telefontischchen, ordentlich, mit Sitzbank, und auf das riesige aufgeschlagene Buch darauf. Namen über Namen, alle feinsäuberlich notiert, mit Tinte, nicht mit Bleistift. „Das ist die Gästeliste“, sagt jemand hinter ihr. Gott ist aus der Küche gekommen und hat die Schürze noch umgebunden und die Ärmel hochgekrempelt. „Gästeliste? Für heute?“ fragt Tick-Tack-Oma, und Gott sagt: „Für ewig.“ Und wieder fällt ihr Blick auf die endlosen Reihen von Namen, manche persönlich bekannt, manche aus Funk und Fernsehen, andere fremd und gänzlich unbekannt. Und ihr eigener natürlich. „Und die kennst du alle?“ fragt sie skeptisch, und Gott strahlt: „Jede und jeden Einzelnen.“ 

Amen.

Eindrücke aus dem Gottesdienst...