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Sonntag, 16. Februar 2014

Der Preacher Slam!

http://www.flora2.de/wp-content/uploads/2014/02/PreacherSlam.jpg

Eine Woche ist er schon her, der erste Düsseldorfer Preacher Slam, bei dem in der Neanderkirche in der Altstadt Pfarrer_innen und Slam Poets das Publikum ihre Texte unters Volk brachten. Jaja, der Erfahrungsbericht kommt ein bisschen spät, aber ich wollte warten, bis die Videos online waren - es gilt ja immer noch das gesprochen Wort. In einem Satz: Es hat ganz phänomenal viel Spaß gemacht! Der gesamte Parkettbereich der Kirche (deren Architektur mein reformiertes Herz pochen lässt!)  knallevoll mit knapp 300 Leuten, ein von der ersten Minute an ganz hinreißendes Publikum, das an die goldene Regel des Poetry Slam - Respect the Poets! - eigentlich gar nicht erinnert werden musste. Gutdraufige Moderatoren, die mir schon allein durch ihren beständigen Kampf mit den Grundrechenarten das gute Gefühl gaben: Die Welt zu Gast bei Freunden! Der Adrenalinpegel bei den Slammenden (zumindest bei mir) wurde durch das fortlaufende Auslosen der Reihenfolge auf angenehm hohem Niveau gehalten, aber schon mit dem Auftritt des Opferlamms wich das Lampenfieber einem Gefühl, das ich bis dato vor allem als Beschwichtigungsparole bei den Bundesjugendspielen kannte: "Dabeisein ist alles." Denn das stimmt echt! Es war einfach, mit den anderen mitzufiebern, zuzuhören, in Sprachbildern und Wortkaskaden zu baden, zutiefst gerührt (danke, Anke und Becci!) und vor Lachen geschüttelt zu werden. Und in sich die schönste aller Formen des Neides zu spüren, wenn man beim Hören eines Textes denkt, dass man den gerne selbst geschrieben hätte - und anzuerkennen, dass man das nicht gekonnt hätte und einfach nur froh ist, den hören zu dürfen.

In der ersten Runde trafen drei Slammer auf zwei Vertreter der Pastoralliga, in der zweiten Runde, nach einer dringend nötigen Pause ging es andersherum weiter. Tendenziell zeichnete sich ein höherer Punktedurchschnitt für die Profipoet_innen ab, was ich ihnen von Herzen gönne, aber gleichzeitig auch schade fand, weil ich die Texte der Kolleg_innen, die ja nun speziell für diesen Anlass geschrieben waren, ganz großartig fand. Und ich habe mir lange Gedanken gemacht, ob es nur die Slamerfahrung ist, die hier eine Rolle spielt - zu einer wirklichen Antwort bin ich nicht gekommen.

Die Spannung steigt: Runde Zwei.


Nachdem in der ersten Runde zwei Amtsgeschwister den Reigen eröffnen durften - mir war das ganz recht, denn ich habe ja gelernt, dass die Bewertungen zum Ende hin tendenziell ansteigen -, wurde es in der zweiten Runde ernst. Der erste Pfarrer wird ausgelost, die Spannung steigt - "ich bin's nicht." Dafür aber the best Vikarsmentor ever (das Zusammentreffen hatte ja schon im Vorhinein den Spaß fast bis ins Unendliche gesteigert), der mit einem grandiosen Text über das entjungferte Universum und dessen prüde Mutter nicht unbedigt die Punktzahl bekam, die er verdient hätte, der aber im Blick auf Satzlänge und Aufnahmebereitschaft des Publikums auch sehr hoch gepokert hatte. Direkt danach: El maestro und unser Coach, der Zymny, mit dem genialen Grundgedanken, wie wohl ein Kind die ihm nicht verständlichen Teile einer Predigt durch eigenes Wissen auffüllt. Und ich überlege fieberhaft, wie auch schon nach dem monumentalen Auftritt von Lasse Samström in der Runde vorher, ob mein Text nicht mehr dadaistische Elemente braucht, ob ich einfach ein paar Silben vertausche oder ein paar Vokalisen ins Mikro brülle. Der nächste Pfarrer - wieder geht der Kelch an mir vorüber. Der letzte Slammer, Sowaswiequasipotenziellerzukünftigerkollege Bleu Broode, singt zwischendrin, genau wie Sulaiman Masomi, und wie ja auch schon Julia Engelmann in dem Video da, und das Publikum rast. Ein Gedanke formt sich in meinem Kopf, dann bin ich auch schon dran, betrete die Bühne, entscheide kurz und schmerzlos - und eröffne mit ein paar Takten aus dem Soundtrack eines Films meiner späten Kindheit. Ob das Publikum Schweinchen Babe kennt, weiß ich nicht, aber: Et läuft!

Aaaand the winner is...



... haha, me! Interessanter Weise wiederholt sich etwas, das auch schon beim Kirche²-Slam in Hannover passiert ist: Die Profipoeten liegen weit vorn, der Slam scheint beschlossene Sache, dann betritt als allerletztes ein_e Theolog_in (in Hannover war es ja Christina Brudereck) die Bühne und räumt ab. Ich freue mich wie ein Schneekönig (auch darüber, dass die Siegertrophäe richtiger Schnaps ist und kein Killepitsch), fühle mich aber auch ein bisschen nach Schummeln - denn richtig poetisch war mein Text eigentlich nicht, trotz mancher Knittelverse, eher ein Stück Stand-Up und sehr klar auf punchlines hin geschrieben. Aber freuen tu' ich mich trotzdem, auch und vor allem über die Stimmung am Ende. Eine Zugabe habe ich natürlich nicht, aber, was soll's, Musik läuft ja erwiesener Maßen ganz gut, und warum hat man sonst vor Jahren mal fast oder sogar ein bisschen Gesang studiert. Der Abend klingt in gemütlicher Runde in den niegelnagelneuen Räumen der Jugendkirche aus, und ich bin voll Siegestaumel und diebischer Freude, dass ich den Pokal von Düsseldorf nach Köln (ha!) hole. 

Was ich mitnehme?


Falls jemand es noch nicht gemerkt haben sollte: Ich reflektiere ja für mein Leben gern - die déformation professionelle des postmodernen Theologen! Und das Ganze stand ja durchaus auch unter erklärtem Forschungsinteresse. Was also nehme ich aus dem Ganzen mit, im Blick auf das Predigen, aber auch darüber hinaus? Mal abgesehen von den Auslosungstischtennisbällen, die fürderhin meinen Schreibtisch zieren sollen?


Fangen wir mit dem Letzten an. Was mich sehr überrascht und extremst gefreut hat, war die Kollegialität - nicht nur hinter (in der Neanderkirche eher neben) der Bühne, sondern schon beim Workshop: Die Neugier auf die Texte der Kolleg_innen, der Spaß miteinander und das gute Gefühl, gemeinsame Sache zu machen. Dieses schöne Gefühl umgibt das Projekt "Predigt und Poetry Slam" insgesamt, übers Internet waren schon vorher Reaktionen von Pfarrer_innen gekommen, auf die bisherigen lyrischen Versuche auf der Kanzel und die Reflexion darüber, die von großer Lust aufs Ausprobieren und aufs Predigen allgemein erzählten - schönere Rückmeldungen habe ich eigentlich noch nie bekommen, und wenn das der Effekt ist, dann, bitte, Leute: Probiert aus, tobt euch aus - und teilt es mit anderen! Vielleicht ist diese Freude über die gemeinsame Arbeit an Sprache und Wörtern übers Internet und mit der damit verbundenen räumlichen Distanz einfacher als auf Pfarrkonventen - aber ich glaube, dass inspirierender Austausch über das eigene Predigen auch dort möglich ist, und wünsche mir, dass ich so etwas noch oft erleben darf! 

Was ich auch mitnehme, ist neues Vertrauen in das gesprochene Wort. Klar ist das unser Metier, aber manchmal nagen sie doch, die Anfragen an das Genre der Predigt in Zeiten der Clipkultur. Dass sich beides nicht ausschließt, nehme ich aus den Reaktionen auf die Videos vom Preacher Slam mit, die in sozialen Netzwerken von den verschiedensten Leuten kommentiert und geteilt werden und damit dazu veranlassen können, die Mauer von Skepsis, die institutionelle Religiosität in der Postmodernen umgibt, zu durchbrechen. Ich nehme auch größere Freiheit mit im Blick auf das Experimentieren mit Sprachstilen, Genres, Färbungen, Tonfällen - neben allem anderen ist das, zumindest für mich, eine gute Übung, von einem salbungsvollen Kanzelton wegzukommen. Und mehr Mut zum Fragment. Denn es bleibt ja nicht aus, dass in poetischer Sprache bestimmte Dinge ungesagt, bestimmte Aspekte unbedacht bleiben - und sich gleichzeitig Räume öffnen, die die Zuhörenden im Idealfall zum eigenen Nachdenken und Nachspüren ermutigen, zu eigenen Begegnungen mit dem Wort und - jetzt fange ich an zu träumen - zum eigenen Formulieren, Dichten, Ausdruck. Christian Lehnert sagt dazu sehr schön: "Gedichte entstehen dort, wo die Sprache versagt, wo ich nichts mehr sagen und doch nicht schweigen kann." Eine nicht zu leugnende Erfahrung vom Preacher Slam ist auch, dass auch die Texte von Pfarrer_innen nach ihrem Unterhaltungswert gemessen werden. Ich glaube nicht, dass sich letzten Endes daran entscheidet, ob eine Predigt gut ist oder schlecht - sehr wohl aber, ob Menschen besser zuhören können oder nicht. Eindrücklich war auch die Erfahrung, ohne Kanzel und Talar, ohne architektonischen und textilen Schutz, für das, was man zu sagen hat, einzustehen und, damit verbunden, Subjektivität zu wagen. Ich glaube ja immer noch, dass es beim Predigen und im Gottesdienst auch etwas Objektives gibt, das von außerhalb unserer Verfügbarkeit und Erfahrung auf uns trifft, aber ich möchte auch ernst nehmen, was einige Gemeindeglieder neulich beim Predigtnachgespräch sagten: "Mich interessiert, was Dir der Text bedeutet - um mich dann auf meine eigene Weise davon ansprechen zu lassen." Die Überlegungen von Manfred Josuttis zum "Ich" auf der Kanzel sind gerade in dieser Hinsicht für mich noch einmal ganz neu interessant geworden. Schließlich nehme ich auch die Frage nach der Performance mit. Auch die Predigt will gestaltet sein, Andrea Bieler und Hans-Martin Gutmann schreiben (und bringen damit einen großen Teil meiner Gedanken ganz zielgerichtet und wunderbar auf den Punkt):
"Die Predigt existiert nur im Augenblick ihrer Performance. Sie kann auch nicht jenseits leiblicher Ausdrucksform erfasst werden. Als Text ist sie nur Manuskript. Predigen ist eine verbale, somatische Handlung, in der mittels der Modulierung der Stimme und der Bewegung des Körpers etwas gesagt wird. Im leblichen Sprechen werden Informationen vermittelt. Jedoch nicht nur Informationen, sondern auch Metaphern, Bilder, Poetisches, durch die wir Dinge über Gott und die Welt sagen, die nur so und nicht anders gesagt werden können. [...] Predigerinnen ringen in einer Welt, die in öffentlichen Diskursen dem instrumentellen Sprachraum die Vorherrschaft lässt, um den Raum medialer Sprache, sie formen Hoffnung auf das Kommen Gottes und die Auferstehung des Fleisches in konkrete Erzählungen; sie gießen das Vertrauen in die Rechtfertigung des "Überflüssigen" in narrative und poetische Formen; sie artikulieren die Klage über die unerlöste Kreatur und darin bringen sie auch die Welt der nackten Tatsachen zur Sprache."
(A. Bieler, H.M. Gutmann, Rechtfertigung des "Überflüssigen". Die Aufgabe der Predigt heute, Gütersloh 2008, 222f.)

Wie geht's weiter?

Jahaa, gute Frage. Für mich persönlich natürlich mit den oben gestellten Fragen und Weiterdenksportaufgaben, mit der wahrscheinlich nie endenden, sondern immer nur an Zwischenstationen ankommenden Suche nach Ausdrucksformen, die dem grundlegenden Paradox der Predigt (Karl Barth still rulez!) und den Anforderungen einer postmodernen Gottesdienstgemeinde gerecht werden. Und ich freue mich, in den nächsten Wochen mir ein paar Slams aus Publikumssicht anzugucken. Ende Mai geht es zum Predigt-Slam-Workshop ins Zentrum für evangelische Predigtkultur nach Wittenberg.

Und, ganz aktuell und vielleicht das Spannendste: In unserer Gemeinde wollen wir die Verse schmieden, solange sie heiß sind. Und wagen ein Experiment am 23.3. um 18 Uhr in der Christuskirche in Köln-Dellbrück: Gottesdienst meets Poetry Slam oder, besser, Spoken Word (weil wegen Bewertung und so): Klavier und Schlagzeug statt Orgel, gestraffte und offenere Liturgie, und die Predigt besteht aus mehreren fünfminütigen Texten, die verschiedene Leute zu einem vorgegebenen Bibelvers (angepeilt ist: "Und Gott sah, dass es gut war.") geschrieben haben und performen. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen - stay tuned, das wird nicht das Letzte gewesen sein, was hier zu dem Thema gesagt worden ist. Und wer sich selbst der Herausforderung stellen will, wende sich vertrauensvoll an mich!

Und zum guten Schluss - natürlich ein kleiner Eindruck für all diejenigen, die nicht dabei waren oder es gerne nochmal sehen wollen. Mit herzlicher Empfehlung auch der anderen tollen Texte und Menschen. Viel Spahaß!


Montag, 3. Februar 2014

Selbstversuch SlamPredigt - Rückblick, Ausblick, Seeblick.

Joar, da hat die Gemeinde aber mal was erleben dürfen: Poetryslampredigt auf der ganz normalen Sonntagskanzel. Hollarididudeljö, möchte man mit Loriot sagen (zweites Futur bei Sonnenaufgang). Das Texten und, vielmehr natürlich noch, das Performen war schon eine spannende Sache, ebenso die Reaktion der Leute, und in dieser ungefähren Reihenfolge notiere ich jetzt einfach mal meine Beobachtungen, Erfahrungen und Fragen:

DAS TEXTEN.


(c) Marvin Siefke / pixelio.de
Die Idee war ursprünglich gar nicht, auf der Kanzel Poetry Slam zu spielen, dafür kenne ich Genre und Szene zu wenig, fand ich. Irgendwie kam es aber dann doch dazu, als ich in der Predigtvorbereitung zu Mk 4,35-41 an der Frage der Jünger hängen blieb: "Wer ist er eigentlich?" Die Frage finde ich berechtigt und (zumal im christologisch-dramaturgischen Duktus des Markusevangeliums) interessant, weil sie sich doch eigentlich jedem aufdrängt, der irgendwas mit dem Christentum zu tun hat. Und dann war da irgendwo im Hinterkopf ein Versfragment, ein einsam klingendes Reimpaar (ich tippe auf Revoluzzer-Tempelputzer), und damit war das Fabulieren auch schon in vollem Gange. Und es passte dann auch inhaltlich/dramaturgisch gut, am Anfang eine Kaskade von Jesusbildern und christologischen Hoheitstiteln auf die Hörer_innen einprasseln zu lassen und die inhaltliche Herausforderung von 2000 Jahren Christologiegeschichte durch eine akustische wiederzugeben. Relativ schnell war auch der Gedanke da, sich an den Verben weiterzuhangeln, mich also an dem in der Geschichte geschilderten Handeln Jesu zu orientieren (narrative Christologie!) - immerhin ist es ausdrücklich er, der die Handlung in Gang setzt. Zwei weitere Aspekte, die mir im Kopf herumschwirrten und zwar nicht unbedingt expressis verbis genannt wurden, aber im Hintergrund tatkräftig mitgearbeitet haben, sind die deutlich exorzistische Kolorierung des Rettungswunders und der Ansatz der Pyrotheologie (putziger Name). Relativ schnell war dann auch der erste Teil fertig - ich hatte, in Nicol'scher Diktion, einen Move. Einen Move. Für einen sechsminütigen Slambeitrag oder eine Kurzandacht hätte der vielleicht sogar ausgereicht, aber ich hatte eben noch gute zehn Predigtminuten zu füllen. Also war für mich erst einmal wieder aktiver Konsum angesagt, und ich verbrachte einige Stunden bei youtube auf der Suche nach Anregungen.     

HÖREN, SEHEN, LERNEN UND ABGRENZEN.


Den Wissenschaftler in meinem Kopf kann und will ich ja gar nicht so richtig ausschalten, und wenn ich mir an die fünfzig Poetry Slam-Videos angucke, neige ich natürlich zum Analysieren, Systematisieren, Typisieren - und im Moment übrigens auch, curse you, poets!, zum Reimen. Ich will mich gar nicht groß in Milieustudien vertiefen, und meine Beobachtungen sind sicherlich nur bedingt repräsentativ. Ein paar wiederkehrende Dinge fallen mir auf: Es gibt offenbar Schablonen, stilbildende Vortragsarten. Eine bestimmte Art von Sprechgesang assoziieren auch einige, die sich nicht viel in der entsprechenden Szene rumtreiben, mit Poetry Slam. Mich interessieren mehr die narrativen Texte - die klingen, selbst wenn sie auswendig aufgesagt werden, oft und wahrscheinlich bewusst wie abgelesen. Das finde ich spannend, und wenn ich demnächst daran denke, werde ich mal irgendwo in Fachzeitschriftendatenbanken suchen, ob sich nicht die Erzählforschung schon dieses Phänomens angenommen hat, merke aber: Für mich ist Erzählen etwas anderes als Vortragen

Was mir auch vor allem bei den anfänglichen Selbstpräsentationen auffällt, ist eine Neigung zum understatement in Sprache und Gesamtauftreten, die im krassen Gegensatz zu der manchmal virtuosen Wortakrobatik steht. Dazu gehört auch eine modische Uniformität - und wenn Kleider wirklich Leute machen, bin ich schon lange ein Slammer, denn ich besitze gleich mehrere Kapuzenpullis, Beanies und Jeans sowie den einen oder anderen RiesenmonsterstrickschalinSchlangeKaaGröße. All das scheint zur notwendigen Grundausstattung zu gehören. Und ich frage mich, oder, ich sag's besser gleich, bin mir ziemlich sicher, dass die Glaubwürdigkeit der Vortragenden beim Publikum viel mit den fast ritualisiert erscheinenden Demonstrationen zu tun haben: "Ich bin Eine_r von Euch". Und da komme ich ans Grübeln und bin mir fast sicher, dass ich bei der Zielgruppe von Poetry Slams, sollten sie sich mal in einen Gottesdienst verirren, schon durch meine gottesdienstliche Arbeitskleidung verloren habe, noch bevor der Kanzelgruß fertigdeklamiert ist - vielleicht, weil ich im Talar so wenig von mir preisgebe.

(c) maedchenschatz.blogspot.de

Ich gucke und gucke und lerne viel, spreche halblaut manche Dinge nach, variiere, probiere aus, erfinde lustige Wörter, habe zwischendurch tierischen Spaß und erinnere mich selbst daran, dass ich immer schon anregen wollte, eine Must-Read-Liste für Prediger_innen zusammen zu tragen, um bei Großmeister_innen der Gegenwartssprache und Erzählkunst (wer's wissen will: Wiglaf Droste, Sibylle Berg, Max Goldt, Walter Moers) zu lernen. Und überhaupt sollten mehr Leute Peter Fox hören.

Aber ich schweife ab. In einer Doku zum Thema werden drei Grundsätze genannt: Spontaneität - Subjektivität - Kompromisslosigkeit. Dass der erste und der letzte immer so lupenrein befolgt werden, zweifle ich spontan und kompromisslos an. Aber der zweite... joar, auf jeden Fall. Subjektiv, sicherlich manchmal auch ein bisschen selbstreferenziell und nabelschaufreudig. In dem Zusammenhang fällt mir auch ein, dass ich wenige bis keine Zitate höre, oder wenn, dann nur solche, die ich nicht als solche erkenne. Und hier sehe ich schon einen grundlegenden Unterschied zur Predigt, die ja in aller Regel nicht eine freie Aneinanderreihung von Gedanken und Befindlichkeiten zu einem Thema eigener Wahl ist, sondern sich, mal ganz allgemein gesprochen, auf eine literarische Vorlage mit irgendwie normativem Charakter bezieht. Wie wirkt sich das auf die sprachliche Gestalt meiner Predigt aus? Die Frage ist für mich tatsächlich offen.

WEITER: TEXTEN.


Ich entscheide mich, weil ich in der Predigt ja die Zeit habe, Passagen mit unterschiedlicher Dynamik, Covers und Remixes von Stilen, die mir gefallen haben, einfließen zu lassen. Den Aufzählungstext am Anfang, etwas Stand-Up-Anekdötchenhaftes in der Mitte, engagiertes Reimen mit subjektiver Note und einem "Baby, Du bist Du"-crescendo zum Ende hin. Und stelle fest: Dann passiert da aber ganz schön viel, holla. Und Arbeit macht's auch, aber ich habe Spaß in Tüten, wälze, zum ersten Mal bei einer Predigtvorbereitung, Reimlexika, forsche nach Synonymen, tauche hier und da in einen flow, finde eine gute Balance zwischen den Forderungen "Liebe deinen Text" und "Kill your darlings". Ab und zu flattern Mahnungen aus alten Predigtlehrbüchern auf meinen Schreibtisch, die vor dem Fabulieren warnen, vor der eitlen Freude an der eigenen Sprache. "Rhetorik ist fremdes Feuer auf Gottes Altar", solche Sachen. Neenee, halte ich entgegen, ich sitze ja nicht da und freue mich wie ein Schneekönig über meine ach-so-gelungenen Formulierungen (naja, nicht nur zumindest), sondern ich ringe ja um eine angemessene Sprache, um (Barmen!) die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Also bitte. Natürlich haben die Altvorderen auch recht, wenn sie vor der Gefahr des Herumlaberns warnen. Aber ich nehme mir dann vor, genau das eben nicht zu tun. OK?
Erwähnte ich schon das mit dem Spaß? Ja, achso, naja, aber es sei nochmal gesagt: Ich habe lange nicht mehr so intensiv an einzelnen Formulierungen gefeilt, immer wieder umgestellt, Nuancen verändert, herumgefrickelt, hab' ausprobiert, aussortiert, austariert und wegradiert... und es fängt schon wieder an - curse you, poets!
Zwischendurch lese ich Partien laut, sitzend, stehend, rumlaufend, probiere verschiedenen Tempi, verschiedene Tonlagen und Pausen durch, und merke ganz deutlich: Er will raus. Der Text drängt zur Performance.

Günther Gumbold / pixelio.de

DIE PERFORMANCE.

Jahaaa. Zum ersten Mal seit meiner allerersten Predigt habe ich Vortragsanweisungen in meinem Manuskript stehen. Pausenzeichen, Unterstreichungen, Bögen, Haken, Ausrufezeichen, Klammern, kleine Männchen mit großen Gesten (für das Feeling). Vor der Performance aber kommt die Anmoderation, das Warming-Up mit dem Publikum. Das ist im Gottesdienst anders als beim Slam, ich habe mit den Leuten ja schon gesprochen. Aber ich erkläre doch kurz, dass die Predigt etwas anders wird als sonst (weil ich auf Fortbildung war - in den ersten zwei Minuten darf man kalauern, habe ich irgendwo gehört oder selbst entschieden), erzähle ein bisschen zum Thema Poetry Slam und bitte die Leute, wie das Publikum in den slammenden Kneipen und Diskos zu bewerten: Kann das was? Lohnt es sich, da weiterzumachen? Hat mir das gefallen? Und so weiter. Gerne am Ende des Gottesdienstes. Die Konzentration ist enorm, kein Mucks ist zu hören. Ich lese den Bibeltext, dann meine christologische Kaskade - und stelle fest: Das Setting verändert Vieles. Der Talar, die Kanzel, ein Mikrofon, das man sich fast hinter die Backenzähne klemmen muss und das einem nicht wirklich viel Freiheit lässt und dann doch wieder zum lauten Deklamieren verführt und letzten Endes zwischendurch ausfällt. Ich merke auch so eine Tendenz zum Ausbalancieren: Wollte ich bei der Performance eigentlich die einzelnen Teile deutlich voneinander absetzen, klingt es bei nochmaligem Kontrollhören doch sehr ausgeglichen und alles einander ähnlich. Das führt etwa dazu, dass die Reaktion auf lustige Passagen eher verhalten ist, weil viele noch an anderen, dichteren Stellen zu hängen scheinen. Auch das mit den langen Sätzen gelingt mir nicht so richtig - was das angeht: Mir ist aufgefallen, dass in manchen Texten bei Poetry Slams stellenweise sehr lange Sätze vorkommen, was auf der Kanzel und bei allen anderen Gelegenheiten eigentlich als no-go und Zumutung für die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörenden gilt. Wenn aber vereinzelt solche langen Sätze kommen, dann werden sie lustvoll zelebriert, durch bewusste Überphrasierung in ihre Bestandteile zerlegt und dem Publikum zugänglich gemacht, der Slammer inszeniert sich als Führer durch ein Dickicht aus verschlungenen Pfaden. Das hat was, definitiv. Sollte aber, finde ich, wie jedes Stilmittel nur dann eingesetzt werden, wenn man begründen kann, warum man es an dieser Stelle zu brauchen meint. Genauso wie fast gerappte Passagen, die großen Spaß machen und auf der Kanzel eine Dynamik reinbringen, wie sie dort sonst selten vorkommt.

Was den Kontakt zu den Zuhörenden angeht, bin ich mir unsicher. Ich merke, dass ich stärker am Manuskript klebe als sonst, introvertierter bin - und dass die sechs Minuten, auf die sich deutsche Poetry Slammer_innen begrenzen, wahrscheinlich schon eine Art Obergrenze markieren. Andererseits: Die Gemeinde ist extrem konzentriert, man merkt den Leuten an, dass sie zuhören wollen - was, glaube ich, auch mit der informellen Begrüßung am Anfang der Predigt zu tun hat, zumindest legt ein Teil der Rückmeldungen das nahe:

FEEDBACK.


Vorneweg direkt gleich mal: Es lohnt sich total, die Gemeinde einzubeziehen. In meiner Anmoderation (die ich beim nächsten Mal etwas kürzer und weniger apologetisch halten würde) habe ich von einem Experiment und Wagnis gesprochen und um Rückmeldungen gebeten. Die Verabschiedung an der Kirchentür nach dem Gottesdienst dauert weitaus länger als sonst, weil sehr viele Leute etwas zu sagen haben. Und das nehme ich, unabhängig von dem Slam-Experiment, mit: Es ist gut, die Leute mit ins Boot zu holen. Eigene Unsicherheit zuzugestehen (ohne sich gleich prophylaktisch für den Auftritt zu entschuldigen), die Menschen als die kompetenten Hörer_innen anzusprechen, die sie sind, und sich mit ihnen gemeinsam auf einen Weg zu machen - in unserem Fall auf die Suche nach angemessenen neuen Formen der Verkündigung. 
Denn das liegt Vielen offensichtlich sehr am Herzen. Die meisten Rückmeldungen sind überaus positiv - true story: Der Gesamttenor ist sogar weitaus positiver, als ich das erwartet hätte. Die einzelnen Statements sind dabei ausgesprochen differenziert, stark auf das eigene Erleben bezogen, bieten aber auch Vorschläge zur Performance, sind sehr konstruktiv und irgendwie... solidarisch. Alle sind sich einig, dass die Kirche aktiv nach neuen Formen der Verkündigung suchen muss und dabei auch kreativ mit Sprache spielen darf - bei dem doch tendenziell eher höheren Altersdurchschnitt dieser Gottesdienstgemeinde hätte ich das nicht für selbstverständlich gehalten, lasse mich aber wieder einmal eines Besseren belehren. Wahrscheinlich hatte der niederländische Kollege recht, der uns im Sommer sagte: "Nicht die Jungen sind die Flexiblen, sondern die Alten!"
Viele haben sich selbst als sehr konzentriert beim Hören wahrgenommen, auf meine Rückfrage hin, ob sie es zu anstrengend fanden, verneinen die meisten aber, der Tenor geht eher in die Richtung: Dafür kommen wir irgendwie doch auch hierher. Sehr positiv gewürdigt wird auch der Verzicht auf typische Kanzelsprache (deren Anteil ich beim Hören doch stärker finde als erhofft).
Die meisten kritischen Anmerkungen beziehen sich auf den Umgang mit dem Mikrofon, stellenweise sei in manchen Teilen der Kirche nichts zu hören gewesen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches in dieser Kirche, und ich würde mir wünschen, die Gemeindeglieder hätten mehr Mut, sich bemerkbar zu machen.
Manche überlegen aber auch in eine ähnliche Richtung wie ich, halten die Kanzel tendenziell für ungeeignet und schlagen das Mikro im Altarraum vor (das auch weitaus besser funktioniert) - "dann können Sie viel mehr mit dem ganzen Körper arbeiten". 

Mir fällt noch einmal der Umgang mit der Publikumswertung bei Poetry Slams ein: Die höchste und die niedrigste Punktzahl werden nicht mitgezählt, um Parteilichkeiten, Unpässlichkeiten und Grundsatzkonflikte nicht allzu viel Einfluss zuzugestehen. Eine einzelne Rückmeldung ist nur negativ, wird aber, das finde ich sehr hilfreich, äußerst wertschätzend vorgetragen. Der/die Betreffende würdigt den Wortwitz, findet aber, dass die "Botschaft" oder der "Inhalt" dahinter gänzlich zurückgetreten sei. Die ihm/ihr Nachfolgenden widersprechen energisch, aber ich möchte die dahinter stehenden Befürchtungen und die Sorge um die inhaltliche Qualität der gottesdienstlichen Predigt sehr ernst nehmen, und gleichzeitig in der Zusammenfassung der Rückmeldungen nicht überbewerten. Denn es scheint mir hier um eine grundsätzliche Anfrage an ungewohnte (unerhörte?) Predigtformen zu gehen. Solche (höflich ausgedrückt) "grundsätzlichen Anfragen" habe ich selbst auch - wenn ich in einem Gottesdienst zum Beispiel mit einer Sprechmotette belästigt werde, dann werde ich diesen Gottesdienst blöd finden, egal, was da sonst noch alles gelaufen ist. 

Unterm Strich: Die allermeisten Rückmeldungen waren wirklich positiv, und ich gehe mit einem warmen Gefühl nach hause. Nicht, weil ich meine eigene Performance so gediegen fand, sondern weil ich davon gerührt bin, wie sehr unsere Gemeindeglieder bereit sind, mit uns Predigenden unterwegs zu sein, wie sehr auch sie von Fragen um die Zukunft ihrer Kirche bewegt sind. Und das macht mir Mut, mich auch mit unfertigen Gedanken und Formen auf die Kanzel zu stellen.


MEIN FAZIT.

In einem Satz? Ich würd's wieder tun. Und werde es auch, am nächsten Sonntag. Ein Gottesdienstbesucher stellte fest, dass der Text von gestern (Mk 4) für so eine Art der Performance nun auch auch sehr geeignet sei. Jetzt am Sonntag ist der zweite Petrusbrief dran - ich seh mal, was der kann. Ich werde mir auch überlegen, ob ich nicht die Kanzel verlasse. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jede Sonntagspredigt jetzt so sein kann und soll - darum ging es ja von Anfang an auch gar nicht. Aber ich möchte mich weiter inspirieren lassen von den Wortkünstler_innen der Slam-Bühnen. Und ich überlege im Hinterkopf, ob man da nicht ein Format für Jugendgottesdienste draus entwickeln kann, drei Slammer_innen, die zu jeweils einen eigenen Text zu einem vorgegeben Thema oder Bibelvers performen. Nicht als die bereits bekannte Form "Pfarrer_innen gegen Poetryslammer_innen", sondern als genuine Predigtform. Mal sehen, wo die Gedanken noch hinwollen. Hintergrund dieser Überlegungen ist auch, dass mich generell frage (gut reformiert möchte ich ja die Liturgie immer der Predigt unterordnen), welcher liturgische Rahmen da passen würde.

Den oben hinterfragten "Zwang zur Subjektivität" finde ich bei näherer Betrachtung gar nicht so schlimm. Als Prediger kann ich mir ein bisschen Freiheit davon gönnen, indem ich relativ viel zitiere, parafrasiere, parodiere, mich auf Bewährtes stützen kann - und ich finde, dass so Worte aus der Tradition, Gesangbuchverse, aber auch Bibeltexte (schon allein so eine Wortkette wie "Wunder-Rat! Gott-Held! Ewig-Vater! Friede-Fürst!" drängt ja zur Performance!) noch einmal neu zu Gehör gebracht werden können. 
Das Gebot der Subjektivität bringt mich aber auch dazu, persönlich zu werden. Das ist immer ein Balanceakt, weil es immer auch die Gefahr gibt, zu privat und damit für die Zuhörenden entweder belanglos oder übergriffig zu werden, aber das Problem scheint es beim Poetry Slam auch zu geben. Und es ist ja durchaus bekannt, das Predigthörende auch die persönliche Auskunft der/des Predigenden darüber schätzen, wie er oder sie den Glauben im Alltag lebt - oder auch daran scheitert. In oben erwähnter Doku findet Maximilian Humpert, selbst sehr profilierter Slammer aus Remscheid, es "generell immer gut bei Slams, wenn Leute persönlich werden. Ich mag das einfach, wenn man merkt, dass die Leute das gerade wirklich so meinen, weil [...] wenn sich etwas echt anfühlt, dann berührt mich das mehr [...] und ich freue mich darüber, wenn Leute sich das trauen.

Wie bereits weiter oben erwähnt, glaube ich, dass das Maß an Authentizität, das die Besucher eines Slams den Performenden zusprechen, stark von der Selbstanmoderation und dem Vortragsstil abhängen. Ich glaube, dass viele dieser Sprachformen schon eine gewisse Stufe der Ritualisierung oder (im nur gut gemeinten Sinne) Schablonisierung erreicht haben und bestimmte Wendungen oder Klangmuster direkt am Anfang den geneigten Zuhörenden signalisieren: Jetzt wird es echt und bedeutsam. Und bei mir wirklich offen ist da die Frage nach liturgisierten Grußformeln. Ich ahne eine Relevanz, eine spezifisch theologische Form des understatements darin, dass man sich als Prediger_in das erste Wort nehmen lässt und, zumindest formelhaft, der Bibel den Vortritt lässt. Aber ich frage mich auch, ob es nicht Menschen gibt, für die man sich gerade damit von vorneherein disqualifiziert. Auch deswegen bin ich schwer dafür, mit Sprachformen, Tonfällen und Vortragsweisen zu experimentieren.

Was mich auch noch begleitet, ist die Frage nach dem Open-Mic-Prinzip der meisten Slams (Meisterschaften ausgenommen): Wer kann, der darf. So etwas fehlt bei uns schlicht und ergreifend. Wenn ich mir das endlose "Zeugnisgeben" in manchen Freikirchen anhöre, finde ich das auch gar nicht schlecht - aber der Grundsatz beim Poetry Slam, auch unbekannten Autor_innen und Talenten eine Bühne zu geben, lässt mich doch noch einmal erneut fragen, wie es denn um unser Priestertum aller Gläubigen im Gottesdienst eigentlich bestellt ist.

Und zum Abschluss: Ich predige gern. Sehr gern sogar. Und ich mag es, mit einem biblischen Text unterwegs zu sein, damit zu ringen, zu sehen, was er mit mir und ich mit ihm mache. Und doch habe ich seit langem nicht mehr mit so viel Spaß an einer Predigt gesessen. Das war richtig Arbeit, und andere Dinge sind dafür liegen geblieben. Aber, hey, das finde ich dann irgendwie auch wieder angemessen. Ich würd's wieder tun.

Dienstag, 28. Januar 2014

"Erstmal Opferlamm!" - Eindrücke vom Poetry-Slam-Workshop (Predigtpop I)


Als predigender Mensch sollte man den Kontakt zu Leuten suchen, die sich auf hohem Niveau mit Sprache beschäftigen. Gestern war dazu mal wieder die Gelegenheit, und zwar im Rahmen eines Poetry-Slam-Workshops zusammen mit fünf Kolleg_innen aus Düsseldorf. Dabei ging es nicht nur um zweckfreies Fortbildungsinteresse, sondern war gleichzeitig ein Instant-Trainingslager für den ersten PreacherSlam in NRW (Infos siehe unten), bei dem wir in zwei Wochen dabei sind und unter dem Motto "Schöpfung und Evolution" gegen die deutsche Poetry-Slam-Oberliga antreten. Juhu. Ich bin ja seit einem überaus demütigenden Erlebnis mit prominentem Besuch bei uns im Judo-Verein anno 1993 zurückhaltend, was das Sparring mit deutschen oder sonstigen Meistern im größeren Stil anbelangt... Aber das vergessen wir ganz schnell wieder, und ich bin guter Hoffnung, dass wir eine reelle Chance haben. Immerhin haben manche von uns länger studiert als die meisten Profislammer alt sind - das muss sich doch irgendwie lohnen! In einer früheren Auflage dieses pastoral-laikalen Dichterwettstreits unter schöpfungstheologischen Vorzeichen Anfang des letzten Jahres in Hannover hat dann auch gleich eine Theologin gewonnen - das Video der großartigen Christina Brudereck lässt mich allerdings vor Neid erblassen und fragen, ob das wirklich so eine gute Idee war, bei diesem Slam mitzumachen. Aber ums Gewinnen geht es ohnehin nicht, belehrt mich unser Referent Jan-Philipp Zymny, seines Zeichens tatsächlich deutscher Meister, und wirkt dabei so entspannt, dass ich es ihm tatsächlich glaube. Fast. Doch, eigentlich schon. Aber nun denn - worum geht es eigentlich? 

Slampoetry, Poetry Slam - weg vom Wasserglas und rein ins Zeitlimit!

Das Format Poetry Slam stammt aus den USA und ist dort, wie der Zymny erklärt, als Alternative zu den klassischen "Wasserglaslesungen" entstanden, bei denen junge und nicht mehr ganz so junge Literaten das Publikum mit ihren Texten beglücken. In Deutschland, wo man nunmehr nach dem Mutterland die weltweit zweitgrößte Poetry-Slam-Szene findet, hat man sich auf relativ fest umrissene Eckpunkte geeinigt: Vorgetragen werden ausschließlich selbstgeschriebene Texte im engen zeitlichen Rahmen von wahlweise fünf oder sechs Minuten. Requisiten sind nicht erlaubt, die Slammer_innen arbeiten nur mit dem eigenen Körper und vor allem der eigenen Stimme. Dabei wird recht schnell deutlich, dass es Grenzfälle gibt: Verkleidungen sind nicht gern gesehen, gesungen wird nur kurz, abschnitts- und zitatweise. Anmoderationen werden nicht zum eigentlichen Votrag gerechnet, sie sind aber wichtig, um eine Beziehung zum Publikum aufzubauen - außerdem soll es Untersuchungen geben, die besagen, dass Zuhörer_innen sich nie an die ersten paar Sätze eines Votrags unterhalten können, weswegen man nicht mit dem hart erarbeiteten Text anfängt. Die Wertung nimmt das Publikum vor: Für jeden Vortrag werden sieben Anwesende ausgesucht, die ihn mit Punkten von 0-10 bewerten. Um den Einfluss allzu parteiischer Wertungen möglichst gering zu halten, werden jeweils die höchste und die niedrigste Punktzahl außer Acht gelassen. Eine Regel gilt übrigens auch für das Publikum: Respect the poets - das bedeutet zum Beispiel, dass es immer einen Höflichkeitsapplaus gibt. Und dass die Zuhörer_innen nicht reinquatschen. All das kann man auch ausführlichst bei wikipedia nachlesen. 

Wenn ich diese zunächst rein formalen Punkte mit unserer Predigtpraxis vergleiche, fallen mir, je länger ich darüber nachdenke, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Ein Unterschied ist natürlich die Zeit - noch wird uns die gute Viertelstunde zugestanden. Und wir dürfen freier mit dem Material von Kolleg_innen umgehen - die Predigtideen anderer Leute zu übernehmen und damit auf die Kanzel zu gehen, ist ausdrücklich erlaubt. Der Wettbewerbscharakter, die formalen Regeln, all das scheint zunächst den Poetry-Slam von der Predigt zu unterscheiden. Der Unterschied liegt aber meiner Meinung nach höchstens darin, dass die Regeln im einen Fall ausgesprochen sind, im anderen Fall stillschweigend vorausgesetzt werden können: Natürlich vergleichen Gemeindeglieder die Predigten verschiedener Prediger_innen, und natürlich spielen dabei auch persönliche Sympathien eine Rolle. Bei einem Stichwort halte ich mich dann doch länger auf und komme ans Nachdenken: Respect the poets. Die Slammer_innen bekommen einen Höflichkeitsapplaus, allein aus dem einen Grund: Weil sie sich trauen, auf die Bühne zu gehen. Diese Haltung finde ich eigentlich auch im Gottesdienst angemessen - gebe aber auch zu, dass ich mich als Predigthörer selbst daran erinnern muss. Respect the poets lässt sich aber auch als Aufforderung an die Mitstreitenden verstehen. Auch das ist mir sympathisch.

Was mir auch noch durch den Kopf geht, ist die Frage nach den Anmoderationen. Als Pfarrer_innen haben wir es da leichter und schwerer zugleich, denn bei uns ist die Predigt nicht unsere erste Wortmeldung im Gottesdienst, und wir haben geprägte Formeln und Wendungen zur Verfügung. Ich frage mich allerdings, ob liturgische Grüße in einer tradierten Sprachform tatsächlich noch als Begrüßung verstanden werden - auch wenn eine captatio benevolentiae, mit der man sich des Wohlwollens seiner Hörerschaft versichert, seit der Antike in jeder Rede, jedem Brief buchstäblich zum guten Ton gehört, muss man ja nicht zwingend antike Formulierungen verwenden. Auf der anderen Seite kennt man natürlich das andere Extrem, das belanglose Geblubber, mit denen in Gottesdiensten Spannungsbögen zerkloppt werden - unser Referent warnt uns wohl nicht ganz ohne Grund, die Anmoderation nicht zu zerreden. Mehr zum Thema "Liturgische Moderation" hat übrigens Harald Schroeter-Wittke in PTh 99 (2010) geschrieben. 

Von geschriebenen und gesprochenen Wörtern: Text und Performance

Die Herkunft des Poetry Slam aus Literaturlesungen scheint bedeutsamer, als im ersten Moment gedacht, denn unser Referent spricht durchgängig und mit großem Respekt vom "Text". Diese Hochschätzung des literarischen (Zwischen-)Produkts überrascht mich, weil sie quer steht zu einer Tendenz in manchen Teilen von Kirche und Theologie, das Predigtmanuskript per se für ein Übel zu halten. (Wer tiefer in die Debatte einsteigen will, dem sei die Streitschrift von Alexander Deeg, Christian Stäblein und Michael Meyer-Blanck ans Herz gelegt.) Das hat seinen wahren Kern: Es gilt das gesprochene Wort, und man merkt es einer Predigt oft auf unangenehme Weise an, wenn beim Formulieren nicht bedacht wurde, dass der Text auch noch zu Gehör gebracht werden muss. Beim Workshop wird deutlich, dass es sich hier um zwei zwar aufeinander bezogene, aber doch separate Arbeitsschritte handelt: Der Text mit einer eigenen Dignität, der dann aber zur Performance drängt. Und die wiederum ist abhängig von ihrer literarischen Vorlage - "was hilft dem Text am Besten?", oder, pädagogisch gesagt, "form follows function". Dabei wird nicht verschwiegen, dass ein tendenziell eher schlechterer Text durch eine gute Performance deutlich gewinnen kann - und umgekehrt. Das kann man finden, wie man will, aber es ist nunmal einfach so und zeigt, dass die Trennung von Form und Inhalt gar nicht scharf ist, wie wir immer tun oder es gerne hätten.

Was ich fürs Erste mitnehme:
 
 

Den letzten Satz hat unser Referent uns mitgegeben, als wir innerhalb einer halben Stunde eigene Texte vorbereiten sollen, und er bezieht ihn auf Form wie Inhalt gleichermaßen.
Am Abend komme ich nach dem Kurztraining nicht unbedingt weniger aufgeregt, aber ermutigt nach hause. Ich bin gespannt, wie die Poetry-Slam-Experience weiter geht - vielleicht sehen wir uns live am 9.2.? Und: Ich bin "angefixt" im Blick auf mein eigenes Predigen, fühle mich bestärkt und herausgefordert von diesen klugen, kreativen und engagierten Menschen, die ihre Texte unters Volk bringen wollen. Und ich freu mich, nach fast einem Monat Kanzelurlaub, total auf die nächste Predigt! Und allein dafür lohnt es sich. 



Achso, wer sich über den fachtheologisch anmutenden Titel wundert: Das "Opferlamm" ist ein Beitrag, der am Anfang eines Slam-Abends das Publikum in Stimmung bringen soll. Der läuft außerhalb der Wertung - hence the name.

Samstag, 25. Januar 2014

Predigtpop - eine kleine Themenreihe für größere homiletische Referenzrahmen


Das Predigen ist eine "Kunst unter Künsten", findet Martin Nicol im Rahmen seiner zu Recht viel beachteten dramaturgischen Homiletik. Mhhm, denke ich. Einerseits: Ja, das ist sicherlich richtig, und es gibt viel zu entdecken. Allerdings ist mir auch Kristian Fechtners Ansatz äußerst sympathisch, Predigt und Gottesdienst als Kunsthandwerk zu denken. 

Wenn man die Beispiele, die Nicol in seinen Büchern zur dramaturgischen Homiletik anführt, ernst nimmt, dann ist andererseits aber auch klar, dass die Predigt unter manchen Kunstformen eher zuhause zu sein scheint als unter anderen: Nicol geht es um DOGMA-Filme. Bach-Fugen und die unvermeidlichen Goldberg-Variationen. Miró-Skulpturen. Und dergleichen, es wird jedenfalls relativ deutlich: Homiletische Kunstgriffe lernt man am Besten in Programmkinos, beim Schlendern durch einen Skulpturenpark, in der Konzerthalle, beim jazzuntermalten Fingerfoodnaschen auf Ausstellungseröffnungen, während eines arte-Themenabends oder beim Blättern im Feuilleton.

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Bild: idealcoffee.ce

Dagegen ist zunächst einmal überhaupt nichts zu sagen. Nur: Bei den Kunstformen, denen gemeinhin eine homiletische Verwertbarkeit zugestanden wird, handelt es sich um einen äußerst schmalen und von persönlichen Präferenzen der Predigenden bestimmten Ausschnitt aus dem gesamtkulturellen Angebot. Und hier liegt, glaube ich, ein Problem: Denn es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Mensch, der mit dem neuesten filmischen Meisterwerk von Lars von Trier schlichtweg nichts anfangen kann, sich von einer Predigt mitreißen lässt, deren Sprache und Struktur sich genau daran orientieren und die sich sich eine Ästhetik zum Maßstab nimmt, die vielen Predigthörenden nicht zugänglich ist. Das ist kein kleines Problem, denn: Ob Kunst oder Handwerk - die Predigt ist auch immer und vor allem Dienst, und zwar ein Dienst an den faktisch in der Kirche Anwesenden. Nicht an denen, die sich Prediger_in als Gesprächspartner für einen netten Abend bei einem schönen Glas Rotwein und einem guten Käse wünschen würde. Es gibt Gemeinden, in denen das deckungsgleich ist. Dann: Yippie! 

Bild: ebay.de
Was aber, wenn sich die Gottesdienstgemeinde am Sonntag oder, vielleicht eher, bei einer Kasualie überwiegend aus Menschen zusammensetzt, die mehr Helene Fischer als Heinrich Schütz hören, eher den Landarzt als Dogville gucken und sich lieber ein Poster mit einem Delfin als einen Chagallnachdruck übers Sofa hängen? Deren Esszimmerwand kein schlichtes, aber elegantes Kreuz, sondern ein großes "LOVE" aus totaaal süß bemalten Holzbuchstaben ziert? Die in der Küche einen Fernseher stehen haben? Die in einer sonntäglichen Predigt nach zwei Minuten wegknicken, aber Mario Barth (hier verläuft meine persönliche Schmerzgrenze und Ekelschranke) zwei Stunden zuhören? Es dürfte klar sein, was gemeint ist.

In der nächsten Zeit werden hier bei den Kirchengeschichten also Kunstformen ausgesprochen populärer Kultur auf ihre homiletische Verwertbarkeit hin abgeklopft, sprich: Ich gucke Schlagertextern, Comedy-Writern, StandUp-Komikern und Poetryslammern über die Schulter und versuche, für meine Predigtpraxis etwas mitzunehmen. Da die meisten Texte quasi schon fertig sind, kann ich das Fazit ja verraten: Ich finde, wir müssen unsere homiletischen Referenzrahmen erweitern. Das hat durchaus etwas Politisches, denn damit verbunden ist die Frage, welchen Milieus eigentlich die Deutungshoheit über kirchliches Leben und Handeln zusteht.

Wer sich über die kulturpolitische Forderung hinaus für homiletisches Handwerkszeug interessiert und wissen will, was Schlagertexter, Stand-Upper und Poetry-Slammer zur Predigt beitragen können - ab nächster Woche geht's los!

Samstag, 30. November 2013

Nie ohne Handschuhe Tränen trocknen...


Seht auf und erhebt eure Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.
(Lukas 21,28)


Rote Augen starren mir entgegen. Das Gesicht übersäht mit braunen Flecken, der Mund von Herpes zerfressen. Der junge Mann keucht. Zwei Krankenschwestern in voller Schutzmontur drehen ihn mit routinierten Handgriffen auf die Seite und versorgen die klaffenden Wundliegegeschwüre. Mit ihren durchsichtigen Schutzmasken sehen sie aus wie ein Minenräumkommando. Als sie den jungen Mann wieder auf den Rücken drehen, läuft ihm eine Träne aus dem Augenwinkel. Instinktiv streift die jüngere Krankenschwester ihren Handschuh ab und wischt ihm die Träne aus dem Gesicht. Ihre ältere Kollegin schreckt auf. "Hoffentlich desinfizierst du dir die Hand jetzt ordentlich", zischt sie nach dem Passieren der Luftschleuse. "Wenn du unbedingt meinst, Tränen trocknen zu müssen, zieh dir wenigstens Schutzhandschuhe an!" "Ich weiß", entgegnet ihre junge Kollegin, "aber er war doch traurig." Unbeirrt wiederholt die ältere Krankenschwester die geltenden Schutzmaßnahmen.

Unruhig blitzt der Filmtitel auf, Bilder zucken ineinander, Bilder aus dem Stockholm der Achtzigerjahre, unterlegt mit basslastig wabernden Synthesizerklängen. Eine Stimme. "Das, was in dieser Geschicht erzählt wird, ist passiert. Und es ist hier passiert, in dieser Stadt. Es war wie ein Krieg, in Friedenszeiten ausgefochten. In einer Stadt, in der die meisten mit ihrem Leben weitermachten, als ob nichts geschehen wäre, wurden junge Männer plötzlich krank. Magerten ab. Verblassten. Und starben..."

In meinem kleinen roten Häuschen im småländischen Hochland, in der Idylle eines mückenschweren Sommerabends, 300 Kilometer und 30 Jahre entfernt von der Zeit und dem Ort, an dem das böse wahre Märchen spielt, wird es kalt. Ich bin kein besonders engagierter Filmgucker, würde gern die eindrucksvolle Bildersprache filmischer Meisterwerke und die grandiose Kreativität vieler Filmschaffender besser würdigen können. Aber wenn ich abends aufs Sofa plumpse, habe ich meistens keine Geduld mehr für quälend realistisch dargestellte Abgründe menschlichen Lebens, tiefsinnig inszenierte Konflikte und anspruchsvoll verschlungene Handlungswege. Darin ähnele ich meinem Vater, der mit großer Hingabe das Traumschiff, Inga Lindström und Rosamunde Pilcher guckt. Das habe er sich verdient, sagt er, als Kriegskind habe er schließlich genug Elend im wirklichen Leben gesehen. Ausnahmesweise ist es anders. Ich ziehe mir die Bettdecke über die Schultern und rücke näher an mein Notebook. Im Laufwerk surrt die DVD, und ich starre wie verhext auf den Bildschirm.

(c) Sveriges Television

Ein strahlender Frühlingstag. Die Sonne scheint zwischen den Zweigen rosa blühender Kirschbäume hindurch. Unter den Bäumen tänzeln junge Männer, umarmen, küssen sich. Eine Traumsequenz, eine Szene aus der Vergangenheit. Die meisten sind tot. Außer Benjamin. Ihm gehört die Stimme aus dem Off. "Und so lebe ich weiter. Ich habe ein ganz gutes Leben. Ein sehr gutes Leben, aufs Ganze gesehen. Die Risse gibt es, klar. Zwischendurch droht alles zusammenzubrechen. Wenn ich an Rasmus denke und an all die anderen Freunde. Sie, die lebten und verschwanden. Ich bin irgendwie nur halb ohne sie." Für einen Moment blitzt die Silhouette eines menschlichen Körpers auf, eingepackt in einem schwarzen Plastiksack. Darauf: Ein rosafarbener Zettel. Schwarze Druckbuchstaben. Ansteckungsgefahr. Dann wieder: Die rosafarbenen Wipfel von Kirschbäumen, die in voller Blüte stehen. Synthetische Streicherklänge schwellen im Hintergrund. "Und es waren diejenigen, die am meisten liebten. Die von Liebe besessen waren. Sie holte der Frost."

Der Bildschirm ist dunkel. Draußen wird es langsam hell. Morgennebel hängt über der taunassen Wiese vor dem Haus. Die letzten Worte klingen nach. Sie holte der Frost. Vier Stunden habe ich wie gebannt vor dem Bildschirm gehangen, gelacht und geweint. Eine Szene wird mich noch tagelang verfolgen: Die Leiche eines jungen Mannes liegt auf einem Krankenhausbett. Ausgemergelt, bleich, von Krankheit gezeichnet. Routiniert verpacken Krankenhausangestellte den leblosen Körper in einem schwarzen Plastiksack, dichten alles mit einigen Rollen Gaffatape ab und befestigen den Zettel mit der Warnung vor dem Ansteckungsrisiko daran. 

(c) Sveriges Television

Theoretisch wusste ich schon vorher, dass es so war, im Schweden der Achtziger. Dass man AIDS-Tote nicht verbrannte, aus Angst, sie würden die Luft verpesten. Dass sie stattdessen im schwarzen Müllsack und in verlöteten Särgen vergraben wurden, weil man fürchtete, sie könnten das Grundwasser kontaminieren. Heute blickt man etwas verschämt auf dieses Kapitel der jüngsten Geschichte zurück. Es passt nicht zum gegenwärtig gepflegten, liberal-aufgeklärten Image des Landes, dass noch vor dreißig Jahren schwedische Politiker und Ärztinnen in Parlamentsdebatten und Zeitungsartikeln vorschlagen, flächendeckende HIV-Tests einzuführen und Infizierte wahlweise in der Achselhöhle zu tätowieren oder in ausbruchssicheren Sammelkolonien, vorzugsweise auf einer küstenfernen Insel, zu isolieren. Letzterer Vorschlag wird auch im bayerischen Kabinett unter Peter Gauweiler dankbar angenommen, ähnliche Diskussionen werden auch in Deutschland geführt, allerdings nicht in dem Maße wie in Schweden, einem ungleich kleineren Land mit einer mitunter ans Manische grenzenden Sorge um die Volksgesundheit. 

Die Kirche hat sich, wie so oft, wenn es hart auf hart kommt, nicht mit Ruhm bekleckert: Als Sighsten Herrgård, Modedesigner und der erste Prominente in Schweden, der sich öffentlich zu seiner AIDS-Erkrankung bekennt, verstärktes Engagement der Kirche fordert, erwidert Dag Sandahl, (ehemaliges) stellvertretendes Mitglied der schwedischen Kirchenleitung und selbstgefälliges Sprachrohr der lutherischen Rechten in Schweden, lakonisch, die Kirche könne ja nicht auf jeden Zug aufspringen. Überall im Land tragen Pfarrerinnen und Pfarrer ihren Teil zur Hysterie bei, sei es, indem sie laut herausposaunen, AIDS sei eine Strafe Gottes, sei es, indem sie den pseudoapokalyptischen Lügenpropheten nicht widersprechen. Oder indem sie in ihren Trauerpredigten fiktive Freundinnen erfinden und zur Spende an die Krebsstiftung aufrufen. Der Jesus der Evangelien, der Aussätzige durch handgreifliche,
Quelle: dioezese-linz.at
körperliche Zuwendung aus ihrer Isolation herausholt (Mk 1,40-45 u.ö.) taugte und taugt offensichtlich nur so lange als Vorbild, wie man die Geschichten über ihn metaphorisch verwässern und damit das Evangelium sterilisieren kann. Auch in Deutschland waren es eher Pioniergeister wie Dorothea Strauß, Gründerin von "Kirche posithiv", die den diakonischen Auftrag und die theologische Relevanz erkannten - der Leib Christi ist nie nur partiell von HIV und AIDS betroffen. Und bis heute wird die Todesursache eines bedeutenden Praktischen Theologen meist nur hinter vorgehaltener Hand beim Namen genannt und im akademischen Gedenken beschämt verschwiegen.

Vor vier Jahren kam in der ARD eine halbstündige Dokumentation mit dem reißerischen Titel Aidskrieg - dankenswerter Weise ist er in der Mediathek immer noch abrufbar. Auch da werden Eindrücke von der Zeit damals vermittelt (großartig: Rita Süssmuth!), die Reportage kommt aber nicht an die Wucht der dramatisierten und personalisierten Darstellung in dem Fernsehfilm heran, der mich im Sommer auf heilsame Weise um den Schlaf gebracht hat.

Torka aldrig tårar utan handskar. Trockne nie Tränen ohne Handschuhe. So heißt der Fernsehfilm von Simon Kaiser, der in Schweden auf DVD erhältlich ist - leider bislang ohne englische oder deutsche Untertitel. Er ist eine Adaption der gleichnamigen Bücher von D. Jonas Gardell (Eingeweihte erkennen die theologische Ehrendoktorwürde, verliehen von der Universität Lund), in denen den Autor viele eigene Lebensthemen bewegen, unter anderem das Problem der Vereinbarkeit von offen gelebter Homosexualität und einer freikirchlichen Sozialisation - in einer der bewegendsten Szenen liest Benjamin seinem sterbenden Partner Rasmus aus Offenbarung 21 vor, ein Text, der immer wieder auftaucht. Vor allem aber sind die Bücher ein Denkmal, eine Rehabilitation und ein später Ehrensalut für all die jungen Männer, die der Frost holte und die man Sondermüll verscharrte. Und eine Möglichkeit für die Angehörigen, aus dem Schatten von Scham und Trauer herauszutreten.

Die letzte, lange Woche des Kirchenjahres geht zu Ende. Hier an der schwedischen Westküste ist es dunkel, in den Fenstern gehen die Lichter an. Es wird der erste Dezember. Welt-AIDS-Tag. Und erster Advent. Seht auf und erhebt eure Häupter.



Weiterführende Links:

Donnerstag, 28. November 2013

Zum Hören...

... gibt, bzw. gab es diese Woche Radioandachten, die zum Thema passen.

Zum Beispiel hier oder hier.

Mittwoch, 27. November 2013

Tröstliches und Schmerzhaftes aus der Kirchenmusikgeschichte

"Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann, doch worüber zu schweigen unmöglich ist", wusste bekanntlich schon Victor Hugo. Die Kirchenmusikgeschichte hält einiges zum Thema Tod und Sterben bereit, sie übersetzt tröstliche Worte in bewegende Klänge und verhilft diesen Worten zum Durchdringen in emotionale Tiefenschichten. Oder sie drückt unaussprechliche Schmerzen aus und verhindert so, dass das Schweigen alles Gefühl erstickt - und lenkt gleichzeitig, und sei es in kurzen Zwischentönen, den Blick aus der Enge der eigenen Trauer in die Weite, die sich am Horizont christlicher Hoffnung entfaltet. Die folgenden Beispiele stammen allesamt aus dem gängigen Repertoire bekannter Komponisten - es warten noch viele Schätze darauf, gehoben zu werden.

Natürlich handelt es sich hier um eine extremst kleine und in hohem Maße persönliche Auswahl - die aufgeführten Musikstücke haben für bestimmte Menschen biografische Relevanz. Herzlichen Dank fürs Teilen! Und eigene Vorschläge sind natürlich herzlich willkommen...


Heinrich Schütz (1585-1672): Die mit Tränen säen




Heinrich Schütz: Herr, wenn ich nur Dich habe

(Aus den Musikalischen Exequien, SWV 280)



Johann Sebastian Bach (1685 - 1750): Wir setzen uns mit Tränen nieder

(Aus der Matthäuspassion, BWV 244)



Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 - 1847): Denn er hat seinen Engeln befohlen

(Aus dem Oratorium Elias, MWV A25)




Johannes Brahms (1833 - 1897): Herr, lehre doch mich

(Aus dem Deutschen Requiem, op. 45)

 


Dienstag, 26. November 2013

Seilspringen am Grab


segovax / pixelio.de
Auf dem Gebiet unserer Gemeinde liegt ein etwas über hundert Jahre alter, mit 20.000 Quadratmetern Fläche äußerst kleiner, fast winziger Friedhof. Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet, ist der Stadtteil um ihn herum gewachsen, und so ist er fast ganz von Gärten und Gebäuden umrahmt. Er verfügt deswegen auch über keine durchgehende Friedhofsmauer, sondern an manchen Stellen nur über einen Maschendrahtzaun, der ihn unter anderem vom Pausenhof der ebenfalls in direkter Nachbarschaft gelegenen Grundschule trennt. 

Dass diese Besonderheit, die sich höchstwahrscheinlich eher einer städtebaulichen Verlegenheit als einer gezielten Überlegung verdankt, durchaus ihren Reiz hat, ist mir neulich bei einer Beerdigung klar geworden: 

Wir stehen an einem Grab in unmittelbarer Nähe zu ebendiesem Zaunstück, und zwar vormittags, genau zur großen Pause. Die Trauergemeinde ist ziemlich groß, deswegen ist lautes Sprechen am Grab angesagt - trotzdem geht das dramatisch gedonnerte "Erde zu Erde..." fast im Pausentrubel unter: Durch die Drahtmaschen hindurch, über den kleinen Kiesweg und einige Grabsteine hinweg windet sich, hopst und hüpft das Lachen und Schreien der Kinder, umtanzt die trauergekleideten Erwachsenen, zupft hier und da an einem Mantel oder spielt mit einem schwarzen Schal und plumpst erst weit hinter uns in das weiche Gras der Urnenfelder.

Anfangs stört mich das Gejohle, Kinderfreundlichkeit hin oder her, zugegebener Maßen enorm. Aber während die Trauergesellschaft langsam am Grab vorbeizieht, stehe ich am Rand und kann die Kinder beobachten, die ganz ungestört von dem Abschied nebenan auf ihrer Seite des Zauns seilspringen. Ab und zu blickt eins zu uns herüber, ohne sich ernsthaft stören zu lassen, ab und zu guckt einer der Trauernden den spielenden Kindern zu. Und ich stelle mir vor, wie sich beider Blicke für einen Moment treffen, wie sich ein stummes, flüchtiges, aber beide Seiten bewegendes Gespräch zwischen ihnen entspinnt, und mir gefällt das Ensemble von Friedhof und Grundschule mit kaum mehr als einem symbolischen Zaun dazwischen mehr und mehr:

Die Trauernden, die gerade die äußerste, hintere Grenze des menschlichen Daseins entlangwandern, werden daran erinnert, dass nur wenige Schritte weiter das pralle Leben tobt, dass die Welt entgegen dem, was manche fühlen mag, nicht stehen geblieben ist. Und die Kinder lernen auf eine ungezwungene Art und aus der Nähe, dass der Tod, so angemessen der Protest gegen ihn aus theo- und christologischer Sicht auch ist, zum Leben dazugehört, oder besser: Ins Leben gehört. In den Alltag, in die Mitte der Gesellschaft. Dorthin, wo wir ihn eigentlich nicht haben wollen, weil er zu sehr daran erinnert, dass wir alle auf relativ dünnem Boden stehen. 

Angehörige sind vor Beerdigungen oft unsicher, ob sie ihre Kinder mitnehmen sollen oder nicht. Ich bin in der Regel dafür, wenn sich, gerade bei jüngeren Kindern, sicherstellen lässt, dass eine von dem Todesfall nicht ganz so betroffene Bezugsperson für sie da sein und auf ihre Fragen antworten kann. Aber die Frage erübrigt sich im Grunde, wenn die Kinder ihre erste Beerdigung schon während irgendeiner großen Pause auf ihrer Seite des Zauns, aus einer sicheren und an der Stelle guten Entfernung miterleben konnten.

"Media vitae in morte sumus", wusste man im Mittelalter zu singen - "inmitten des Lebens sind wir vom Tod umfangen". Auf dem kleinen Friedhof bei uns in der Gemeinde ist es fast anders herum, in Abwandlung eines Gedichts von Rainer Maria Rilke gesagt: Das Leben ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir in den Fängen des Todes uns fühlen, / wagt es zu spielen, / hier neben uns. 

(c) Astrid Kirchhoff / pixelio.de