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Dienstag, 29. Dezember 2015

Heilige Familie - Christnacht queer 2015



Am Ende des Jahres steht sie im Wohnzimmer,
aus Keramik oder Holz,
inmitten süddeutsch anmutender Stallromantik,
wir holen sie raus,
stauben sie ab,
stellen sie hin,
singen sie an:
Die Heilige Familie.
Eine Frau, ein Mann,
und ein Kind,
holder Knab‘ mit lockigem Haar
und Heiligenschein.

Landauf, landab wird sie beschworen,
bei den selbsternannten Rettern
des Abendlands,
sie zeigen sie vor,
halten sie hoch,
beten sie an:
Die Heilige Familie.
Eine Frau, ein Mann,
und 1,38 Kinder, durchschnittlich,
holder Knab‘ mit lockigem Haar oder
liebreizendes Mädel mit strengem Zopf
und glänzenden Zukunftsaussichten.

Am Ende des Jahres sitzt sie im Wohnzimmer,
aus Fleisch und Blut,
inmitten einer Wolke aus Old Spice und Kölnisch Wasser.
Wir laden sie ein,
füttern sie durch,
halten sie aus,
zweifeln sie an:
Die Heilige Familie.
Eine Frau, ein Mann,
Kinder und Enkelkinder,
Schwippschwägerinnen und Cousins
und Oma und Onkel Karl,
und deine alte Großtante
- Moment, ich dachte: Deine alte Großtante?!
Faltiges Haupt mit silbernem Haar,
und das Christkind kommt erst in die Krippe,
wenn wir in der Kirche waren,
und Oma legt es selbst rein.
Dann wird gegessen,
dann sehen wir uns die Weihnachssendung im dritten Programm an,
dann gibt es Bescherung,
und dann wird es gemütlich.



Wir schenken uns ja nichts.
Wir schenken uns wirklich nichts.
„Also, wir machen den Rotkohl ja immer selbst. Aber jedem das Seine.“
„Sag mal, Junge, warum hast Du denn immer noch keine Freundin?“
„Früher war mehr Lametta.“
„Sag mal, ist deine Vorstrafe eigentlich verjährt oder wie das heißt?“
„Hast Du eigentlich zugenommen?“
Wir schenken uns nichts.
Und im Schein der Heiligen Nacht scheint mancher Heiligenschein
doch sehr scheinheilig zu sein.
Und es riecht nicht nach Zimt, sondern nach verbrannter Erde.
Und mittendrin steht die Krippe aus dem Erzgebirge,
und die hat beim letzten Umzug gelitten:
Josef hat nur einen Arm,
die Heiligen drei Könige haben ihre Geschenke verloren,
und die Futterkrippe ist weg,
und das, wo Oma doch gleich das Jesuskind reinlegen wollte.

Aber die Krippe stimmt eh nicht.
Sie ist zu schön.
Christ ist geboren,
aber nicht in weißgetünchtem Stall in Oberbayern,
sondern in einer Höhle zu Bethlehem,
und es roch nicht nach Zimt oder Glühwein oder Gänsebraten
oder nach Old Spice und Kölnisch Wasser,
sondern nach Schafmist und Schweiß,
nach stockigen Kleidern und schnellem Aufbruch.
Freue dich, o Christenheit,
denn alle Jahre wieder kommt das Christuskind,
auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.
Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
auch, wenn es nicht nach Zimt riecht,
sondern nach Einsamkeit und kalten Zigaretten,
nach Kummer und Kümmerling,
und vor der Tür stehen nicht die Weisen aus dem Morgenland,
sondern die Abschiebeamten aus dem Abendland.
Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Und die Krippe stimmt eh nicht.
Sie ist zu klein,
obwohl sie größer sein kann,
sein müsste:
Eine Frau, ein Mann,
holder Knab mit lockigem Haar,
ein paar Hirten, drei Könige,
aber es fehlen ein paar,
es fehlt die ganze Welt.
Freue dich, o Christenheit,
denn das erwachsene Christkind wird sagen:
Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?
Wer Gottes Willen tut, der ist meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester.
Die Heilige Familie ist Wahlverwandtschaft.
Nicht ihr habt mich erwählt, wird das erwachsene Christkind sagen,
sondern ich habe euch erwählt.
Die Heilige Familie ist Patchwork:
Das Christkind ist unehelich,
seinen Vater hat nie jemand gesehen.

Und die Krippe ist kaputt.
Josef hat nur einen Arm,
die Heiligen drei Könige haben ihre Geschenke verloren.
Und das Christkind hat nichts, auf das es sich betten kann.
Und Oma steht auf, feierlich,
nimmt das Christkind,
geht zur Krippe – und stutzt.
Nimmt den Aschenbecher vom Tisch,
stellt ihn in den Stall,
legt das Christkind rein,
tritt einen Schritt zurück.
Sie nickt, und sie lächelt,
und sagt zufrieden:

„Jetzt stimmt es.“

Samstag, 22. November 2014

Fernsehpfarrer: Fast ein bisschen Fernsehgeschichte

Man fällt förmlich von der Fernsehcouch vor lauter Aktualität in der neuen Folge der Herzensbrecher (hier zu sehen): Letzte Woche hat nun auch die westfälische Landessynode festgehalten, dass Winkelmessen vorreformatorischer Schnickschnack und "päbstische Grewel" und Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Gottesdienst erlaubt sind. Und auch in der Heilandkirche geht es diese Woche kaum um etwas anderes, nebenbei wird fast ein bisschen Fernsehgeschichte geschrieben. 

DIE DIENSTLICHE EBENE


Schon letzte Woche hatte sich Sohn Nummer II in privatim geoutet, nun auch vor der ganzen Familie. Und auch dienstlich bekommt der Fernsehpfarrer es mit dem Thema zu tun: Ein schwules Paar möchte sich kirchlich trauen lassen und wendet sich dafür an den jungen Nachwuchspastor Wenkstern. Der jedoch entpuppt sich als erzkonservativer Knochen und weigert sich. Die beiden Amtsbrüder streiten sich lauthals darüber und führen die üblichen Argumente beider Seiten ins Feld; sogar das EKD-Familienpapier und der es verantwortende Ratsvorsitzende finden Erwähnung, das Drehbuch zeigt hier fast schon ans Schlüsselromanhafte grenzende Qualitäten. 

Dadurch, dass die beiden Talarträger sich vor der gesamten Belegschaft streiten, haben alle anderen auch Gelegenheit, ihre persönliche Meinung zum Thema abzusondern; das Spektrum dürfte so ziemlich alles abdecken, was auch in Gemeinden kursiert, besonders positiv fällt dabei wieder einmal die in letzter Zeit ohnehin aus dramaturgischen Gründen ganz stark menschelnde Presbyteriumsvorsitzende auf.



Wie realistisch das ist? Nun ja. Der theologische Nachwuchs steht im Moment gerade bei älteren Kolleg_innen unter einer Art Generalverdacht, engstirnig, rückwärtsgewandt, konservativ zu sein. Ich bezweifle das, zumal in der Postmodernen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten konfessionellen Milieu nicht mehr automatisch an bestimmte theologisch-ethische Grundsätze geknüpft sind - eine Studentin sagte einmal: "Ich kann doch Lobpreislieder mögen und gleichzeitig für die Homo-Ehe sein!" Sicherlich gibt es Generationskonflikte (die allerdings selten ausgefochten werden, weil auf den Pfarrkonventen die Pfarrer_innen U40 in der absoluten Minderzahl sind, wenn sie denn überhaupt vorkommen), die auch mit Prägungen und Vorstellungen von Wesen und Auftrag der Kirche zu tun haben. Das hängt aber m. E. damit zusammen, dass heutige Studierende sich aus bestimmten Gründen sehr bewusst für ein Theologiestudium und für den Pfarrberuf entscheiden - heutzutage studiert niemand mehr Theologie, weil der NC für Sozialpädagogik zu hoch ist.
Von daher ventiliert die Serie an der Stelle durchaus Stereotypen, die in mancherlei Köpfen genauso existieren. 

Aber damit ist der dienstliche Teil der Affäre noch nicht beendet: Nachdem Pfarrer Tabarius die Kasualie übernommen hat, kommt es zum Konflikt mit besagtem Paar, als er ihnen eröffnet, dass er sie mitnichten "trauen", sondern nur "segnen" könne. Das entspricht geltendem Kirchenrecht im Rheinland (nur handeln die Artikel 16 und 17, die Tabarius in dem Zusammenhang nennt, von den Aufgaben des Presbyteriums) - und es ist auch in der Hinsicht realistisch, dass der Unterschied zwischen Trauung und Segnung Außenstehenden (und denkenden Menschen im Allgemeinen) nur schwer zu vermitteln ist. Einer der beiden Trauwilligen macht daraufhin einen Rückzieher, im entsprechenden Gespräch finden auch durchaus aktuelle Toleranzdiskurse ihren Niederschlag (btw.: Das Wort wurde nachweislich zum ersten Mal von Martin Luther im Deutschen verwendet und war bei ihm, wie es sich auch noch bei Goethe andeutet, explizit negativ besetzt). Pfarrer Tabarius kann sie natürlich doch überreden, weist auf den demonstrativen Charakter einer öffentlichen gottesdienstlichen Handlung hin, und so wird wenig später in der Bonner Heilandkirche aus vollem Männerherzen (und mit farblich falscher Stola) gesegnet. 


Wie realistisch das ist, darüber ließe sich streiten, denn: Es dürfte nicht selten vorkommen, dass Pfarrer_innen (in Absprache mit dem Presbyterium und mit guten theologischen Argumenten) über die noch bestehenden Regelungen hinweggehen und regelrechte "Traugottesdienste" auch mit schwullesbischen Paaren feiern. In der Praxis führt das nur zu dem Problem, dass die bestehenden Regelungen, die in allem "Interimslösung" atmen, nicht angetastet werden, weil niemand die Notwendigkeit sieht. Das ZDF jedenfalls schreibt damit fast Fernsehgeschichte, denn es zeigt m. W. die zweite gottesdienstliche Begleitung eines schwulen Paares im deutschen Fernsehen - die ersten waren 2010 die Kollegen von der ARD, als Dirk Bach die (nicht mehr) Verbotene Liebe von "Chrolli" öffentlich segnete (hier gibt es sogar eine Radioandacht dazu). Und ich finde es durchaus festhaltenswert (auch im Blick auf die legendäre Lindenstraßenfolge von 1990), dass ethisch motivierte und notwendige Tabubrüche auch heute noch vor allem bei den Öffentlich-Rechtlichen stattfinden, während die Privaten sich oft auf das Durchbrechen von Geschmacksgrenzen beschränken.

(c) express.de

Nun hat aber das Thema Homosexualität nicht nur eine dienstliche Dimension; wie bereits gesagt, beschäftigt die Familie Tabarius das Coming-Out des Zweitältesten. 

DIE PRIVATE EBENE


In der Familie geht es hoch her: "Tom" outet sich mit einigem Getöse beim brüderlichen Fernsehabend, und jeder geht so nach seiner Facon damit um: Tabarius demonstriert Akzeptanz und Vaterliebe, neigt aber ein bisschen zu großen Gesten, was dem Sohn negativ aufstößt. Auch der älteste Sohn zeigt uneingeschränkte Solidarität bei gleichzeitigem Rückfall in pathologisches Vokabular. Der Zweitjüngste findet's schlimm und ekelig, was er bei Tisch in Knittelversen unmissverständlich kundtut, wird aber gegen Ende der Folge zur Räson gerufen. Der Jüngste betet bei Tisch: "Mach, dass Tom doch nicht schwul ist, damit er nicht so viele Probleme bekommt..." - eine nette gebetstheologische Reminiszenz an die alte von Praunheim'sche Erkenntnis: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (besagter Film wurde 1970 übrigens im Auftrag des WDR gedreht). 

Die Serie wagt dabei ein offenes Ende: Während sich Pfarrhaus, Kirche und gottesdienstliche Gemeinde als Schutzräume erweisen, erfährt "Tom" bei der Rückkehr in die Schule unverhohlene Diskriminierung. Das ist selten für das Vorabendfernsehen und bei allen Cliffhangerfunktionen zu würdigen. 



A propos Cliffhanger: Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Der Zweitälteste muss sich mindestens mit seinem besten Freund noch versöhnen (man munkelt, dass die Frauenhilfen in den Gemeinden bereits um Kuchen wetten, ob sie sich nicht vielleicht doch am Ende kriegen). Und in der Gemeinde hängt nach dem dramatischen Streit der Pfarrer und dem energischen Auftritt der Sekretärin der Haussegen mehr als schief. 

Sie ist es auch, die, vom pastoralen Konsensfähigkeitsdiktat ihres Vorgesetzten befreit, deutlich macht: Nach zwanzig Jahren der Diskussion auf allen kirchlichen Ebenen ist die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität in erster Linie keine Frage der Theologie mehr. Sondern des Charakters.



Übrigens: Im Nachgang der Folge unternehmen die Herzensbrecher wieder einmal den Durchbruch durch die vierte Wand: Kurz nach Ausstrahlung der Folge meldet sich auf der FB-Page der Serie Wenkstern-Darsteller Lee Rychter per Video zu Wort und lädt zur Debatte ein: "Mich würde sehr interessieren, wie ihr das seht, inwieweit man dazu heutzutage überhaupt noch die Bibel zitieren kann und sich darauf berufen kann, inwiefern das alles überhaupt noch so funktioniert und ob das alles nicht längst schon überholt ist. Und inwiefern das überhaupt mit der Institution Kirche zu vereinbaren ist. Deswegen könnt Ihr hier fleißig kommentieren, liken, sharen, bzw. teilen... Sharing is Caring, "Geben ist seliger denn Nehmen", hab' ich gelernt, Apostelgeschichte 20,35."

Samstag, 15. November 2014

Fernsehpfarrer im Realitätscheck 2.0: Amtsschimmel und Bürohengste

Bevor gleich die neue Folge über den Bildschirm flimmert, noch schnell ein kleiner Rückblick auf die Irrungen und Wirrungen der letzten Woche. Mit besonderer Freude, denn: Wir hatten Kreissynode, mit einem Gottesdienst in der Kartäuserkirche - der Kirche also, in der (und um die) Andreas Tabarius unterwegs ist. Doll, wa? Da macht die Synode doch gleich noch mehr Spaß!

"DER NEUE" - ÜBERRASCHENDE KLÄRUNGEN

Ereignisreich wie immer gestaltet sich das Leben in der Bonner Heiland-Kirchengemeinde, die diesmal (die Folge gibt es hier) ordentlich von der Ankunft "des Neuen", Nachwuchspfarrer Wenkstern, in Aufruhr versetzt wird. Der wird aber dringend gebraucht: Als Entlastung für den überarbeiteten Tabarius - und aus dramaturgischen Gründen, denn: In dem Maße, in dem die bislang recht einseitig böse Presbyteriumsvorsitzende vermenschlicht wird, steigt das Bedürfnis nach einem zweiten Hauptantagonisten, gegen den Tabarius heldenhaft anrennen kann. 
Vor allem aber führt die Ankunft des Neuen zur Klärung einer Frage, die den eifrigen Seriengucker seit der ersten Folge nicht schlafen lässt: Wer ist eigentlich Schwester Sabine, oder "Frau Breckwoldt", die stets im Kielwasser der Presbyteriumsvorsitzenden die Bildfläche kreuzt und immer mal wieder gerne die Pfarrerschaft angurrt?



Im Gespräch mit dem Neuen wird klar: Sie ist "stellvertretende Presbyteriumsvorsitzende" (und spekuliert auf die nächste Wahl). Im wirklichen Leben wäre sie das höchstwahrscheinlich nicht, denn: Die Vorsitzende ist ja Nicht-Theologin, und da gilt Art. 21 KO: "Wird der Vorsitz einer Presbyterin, einem Presbyter übertragen [...], soll für die Stellvertretung eine Pfarrerin, ein Pfarrer [...] gewählt werden." Und "soll" heißt in Gesetzestexten bekanntlich "muss, wenn kann!". Dahinter steckt der theologische und kirchengeschichtliche Hintergrund, dass im Rheinland, in dessen kollektiven Gedächtnis die reformiert-niederrheinischen Flüchtlingsgemeinden des 17. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle spielen, und daher großer Wert darauf gelegt wird, dass kirchliche Gremien mindestens paritätisch besetzt sind oder sogar von mehr Laien als Theolog_innen geleitet werden. Insider erkennen hier Luthers "Priestertum aller Gläubigen", aber das spielt in der Heilandkirche ohnehin keine so große Rolle.



Jedenfalls: Der Neue kommt, und wie schon aus seiner Frontstellung gegen die patente Sekretärin Frau Markwart in Sachen "Lakritze" (bäh...) deutlich wird, haben wir es hier mit dem nächsten Unsympathen zu tun. Der sorgt allerdings zunächst erstmal für große Verwirrung: Wie immer in der Gemeinde des Herzensbrechers, so "passieren" Personalentscheidungen irgendwie so über Nacht. Und so gibt es für den jungen Pfarrer z. A. (zur Anstellung) auch erstmal keinen Schreibtisch. Den muss er sich selbst aus der Rumpelkammer holen, wird aus den heiligen Hallen des Chefs verjagt und muss sich das ohnehin enge Büro mit der Sekretärin teilen. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Für das Amtszimmer eines Pfarrers oder einer Pfarrerin gibt es relativ strenge Regeln, die v. a. absichern sollen, dass die seelsorgliche Schweigepflicht gewahrt bleibt. Niemand residiert auf dem Gemeindeamt, wie Andreas Tabarius das tut - und keine Gemeindesekretärin führt dem Pfarrer den Kalender, die haben schon genug anderes zu tun. 
Interessant gestaltet sich das erste Dienstgespräch, bei dem Termine hin- und hergeschoben werden. Denn da zeigt sich, dass der Stelleninhaber eigentlich gar nicht so recht entlastet werden will. Und das ist gar nicht mal so unrealistisch - Hand aufs Herz: Wir glauben fast alle im tiefsten Innern, dass die ganze Welt nur wegen uns evangelisch ist, und dass der demografische Wandel nur dadurch aufzuhalten ist, dass wir uns um jeden Termin höchstselbst kümmern.



DER PFARRER UND DIE LIEBE

Zwischen Pfarrer Tabarius und seinem letzten Gspusi, besagter Sekretärin, kriselt es ja seit einigen Folgen. Und wer Augen hat zum Hören, der konnte schon erahnen, dass die neue Chorleiterin hier großangelegte Kabalen vorbereitet - und noch dazu mit unfairen Mitteln kämpft, denn: Sie ist Psychologin, und das heißt in Vorabendseriensprache so viel wie: "Kann Gedanken lesen". Auch hier schimmern die Regeln des Fernsehabends durch - ganz ohne weibliches Biest geht es also offensichtlich nicht. 


Und so enden Pfarrer und Chorleiterin nach kurzem Landeanflug in der Kneipe schließlich im Lotterbett. Schön blöd, möchte man sagen, vor allem dann, wenn es schon in der alten Gemeinde Zoff deswegen gab. Die Sache mit den Beziehungen ist spannend - und gehört auch zu den Dingen, die man als Pfarrer gerne mal gefragt wird: "Darfst du denn...?" Ja. Dürfen wir. Heiraten. Kinder kriegen. Verpartnern. Scheiden lassen. "Evangelische Freiheit", nennt man das wohl - historisch hat das etwas mit der Aufhebung des (Pflicht-)Zölibats durch die Reformatoren zu tun. Die waren nämlich einstimmig dagegen: Luther forderte die Abschaffung schon 1520 in seiner Adelsschrift (und setzte das, zum anfänglichen Missfallen einiger seiner Mitstreiter, darunter Melanchthon, schon 1525 in die Tat um), Johann Eberlin von Günzburg schrieb 1522 gar ein ganzes Büchlein darüber, Wie gar gefährlich es sei, so ein Priester kein Eheweib hat. 1530 schließlich stellte die Confessio Augustana (Art. XXIII) fest, dass der Zölibat weder mit der Schrift, noch Tradition und Vernunft zu vereinbaren sei. Und so kam das evangelische Pfarrhaus.

Dürfen - ja. Aber: Wie immer bei evangelischer Freiheit, so gilt auch für Pfarrer_innen im Besonderen der paulinische Grundsatz (1Kor 10,23f.): "Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf." Und so gelten für evangelische Theolog_innen (bereits in der Ausbildung) bestimmte Regeln: Eine Eheschließung/Verpartnerung ist dem Landeskirchenamt anzuzeigen. Partner oder Partnerin soll evangelisch sein, muss einer Kirche angehören, mit der die evangelische Kirche im ökumenischen Dialog steht (ACK-Fähigkeit) - Ausnahmen sind stets Einzelfallentscheidungen, die in den Landeskirchen unterschiedlich streng gehandhabt werden (wer erinnerte sich nicht an den großen Knall in Württemberg 2011?). Im Hintergrund dieser Überlegungen steht das Ideal des Pfarrhaus(halt)es, in dem die ganze Familie den Dienst des Amtsinhabers unterstützt. Und ganz von der Hand zu weisen sind manche Bedenken nicht, selbst, wenn man nicht das klassische Ideal der bürgerlichen Familie lebt - ein hohes Maß an Toleranz braucht der Pfarrberuf seitens der Familie allenthalben. Nur wird man als Pfarrer_in kaum jemanden ehelichen, der oder die so überhaupt gar nichts für den Beruf übrig hat.

Nun ging es ja jetzt ums Heiraten. Bei Tabarius und seinen Organistinnen aber eben nicht. Und hier wird es haarig, denn: Auch dort, wo die Kirche begrüßenswerter Weise ihr Partnerschaftsverständnis im Geist der Bibel geweitet hat, gehören zu den grundlegenden Eigenschaften einer aus christlich-ethischer Sicht vertretbaren Beziehung solche Dinge wie Treue, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit. Bisschen schwierig bei One-Night-Stands, schließlich heißt es im Ordinationsvorhalt: "Verhalte dich so, dass dein Zeugnis nicht unglaubwürdig wird" - und das betrifft nach allgemeiner Lesart auch das Privatleben. Früher, so erzählt man, wurde in Predigerseminaren zu allem Möglichen die Parole ausgegeben: "..., nur nicht in der eigenen Gemeinde!" 
Umso haariger wird es dann, wenn es um eine_n Mitarbeiter_in geht. Denn: Privatbeziehungen beeinflussen das berufliche Umfeld, vor allem dann, wenn es um ein öffentliches Amt geht. Ob man soweit gehen muss wie einige Kolleg_innen, die strikt auch von persönlichen Freundschaften in der Gemeinde abraten, halte ich für fraglich - aber nachdenken sollte man darüber schon. Im Extremfall kann nämlich ein tiefgreifender (und womöglich noch offen ausgetragener) persönlicher Konflikt dazu führen, dass der Zustand der "Ungedeihlichkeit" festgestellt wird - und das ist so ziemlich der einzige Grund, aus dem man eine_n Pfarrer_in aus der Gemeinde auch gegen seinen Willen entfernen kann. 

Wie gedeihlich das Verhältnis des Vorabendpfarrers Tabarius zu seiner Gemeinde ist, von einigen heroischen Einsätzen in Einzelschicksalen abgesehen, sei mal dahingestellt. Aber Vorsicht ist angesagt - man ahnt: Das gibt noch Zoff.

Donnerstag, 13. Februar 2014

Was Matthias Mattussek heimlich von Birgit Kelle denkt.

Es fällt im Moment manches Mal nicht leicht, die Conténance zu wahren beim Blick ins Fernsehen oder in die Tages- und Wochenpresse. Allzu häufig will sich ein Gähnen dem Gesicht entringen, wenn zum x-ten Mal ein- und dasselbe ventiliert wird, wenn die an sich hoch geschätzte Olivia Jones kenntnislos vom "Rückfall ins Mittelalter" spricht und so tut, als sei damit irgendetwas gesagt. Wenn Hartmut Steeb, Martin Lohmann oder der schwäbische Volksschullehrer Gabriel Stängle als repräsentative Vertreter abendländischen Christentums gehandelt werden. Und so weiter. Es ist das Übliche, die Debatte hat durch eine Veränderung in der Diskussionskultur neuen Schub bekommen: Wenn jetzt jemand halb entschuldigend, halb kämpferisch bekennt, er fände es eklig, wenn zwei Männer sich küssten, dann nicken integrationswillige LGTBQIs nicht mehr, sondern fragen nach, ob der Betreffende womöglich ein charakterliches Problem hat - oder ein therapeutisches, wenn er derartige Affekte für einen validen Rechtsgrundsatz hält.   

Und man sitzt da und denkt: Irgendeine von den üblichen Nasen fehlt doch noch in diesem Reigen (Alice Schwarzer hält sich ja derzeit aus gutem Grund medial eher bedeckt), aber wer? Und dann knallt es einem aus der WELT entgegen - natürlich, der Mattussek! In seinem Artikel geht es, wie in allen seinen Schriften, vor allem um Matthias Mattussek. An einer Stelle spricht er von Birgit Kelle, und wie bei so vielen, so scheint auch bei ihm durch, dass er sie vor allem wegen ihres vierfachen Mutterseins für qualifiziert hält. Das verrät was über das Frauenbild jenes Milieus, dem Frau Kelle sich so gern an den Hals schreibt und das auch Mattussek ab und zu gerne mit kleinen Schmankerln verköstigt. An einer Stelle stutzt der_die im deutschen Metaphernwald ortskundige Leser_in (stolpern Sie über das gender gap? Gut, ich auch!), denn da schreibt er:
Sie dachte wohl in der Sendung, sie sei vom Eis, nachdem sie gleich eingangs betont hatte, dass sie schwule Freunde habe, und dass sie selbstverständlich nichts gegen Schwule habe, dass sie sie tolerieren würde, [...].
Hoppla. Hat Mattussek Kelle gerade als Kuh bezeichnet? Ich denke schon.

Übrigens: Wie man hier und da lesen kann, hat die EKD die ad-hoc-Kommission, die ein Papier zum Thema Sexualethik vorbereiten soll, vorerst auf Eis gelegt. Ich finde das gut, denn es schien eine Zeit lang, dass dieses Papier unter ähnlich klandestinen Bedingungen entstehen würde wie das Familienpapier. Aus diesem publizistischen wie ekklesiologischen Debakel hat man offensichtlich gelernt. Ich finde es aber auch gut, weil ich glaube, dass das Thema fürs Erste abgefrühstückt und der Brunnen vergiftet ist. Für die nächstens einzuläutende Fastenzeit werden sich die Kirchengeschichten daher in Askese üben, was den Themenkomplex Sexualethik angeht, und sich verstärkt der Flüchtlingsthematik zuwenden.

Mittwoch, 8. Januar 2014

Der Winter, der Hitzlsperger, die Kosten, der Nutzen, das Schweigen der Lämmer

Es dauert ja noch einen Monat, aber ich habe schon entschieden: Ich werde die Olympischen Spiele in Sotschi boykottieren. Jawoll, basta aus! Der Fairness halber muss ich dazu sagen, dass das wahrscheinlich keine Nase interessiert, weil meine Einschaltquote ohnehin nicht gezählt wird. Und ich muss zugeben, dass mir das nicht sonderlich schwer fällt, denn ich wüsste nichts, was ich langweiliger fände als Wintersport im Fernsehen. Das Testbild vielleicht, aber das gibt es ja so gut wie gar nicht mehr. Wie gesagt, es kostet mich nicht viel, mich hier heroisch zu zeigen.

(c) brash.de

Unterm Strich wird es auch den ehemaligen Amtsbruder Joachim Gauck wenig kosten, ihm aber viel einbringen, dass er nicht nach Sotschi fährt - auch, wenn das ausdrücklich nicht als Boykott zu verstehen, sondern allein protokollarischen Gründen geschuldet sei. Laut einer Stern-Umfrage finden das trotzdem 65% der Befragten richtig super. Aber den eigenen Unmut über das, was auch immer der Putin da drüben in Russland wieder anstellt, öffentlich zu machen, dürfte wiederum einen Teil dieser Befragten weitaus weniger kosten, als etwa die Lebensgefährtin der eigenen Tochter so mir nichts, dir nichts zu akzeptieren. 


Kosten und Nutzen eben. Während diese Zeilen entstehen, poppt bei Facebook eine Meldung aus der ZEIT auf, von vier, fünf, sieben, zwölf, dreizehn Freunden in Windeseile geteilt: Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet, vier Monate nach dem Ende seiner aktiven Karriere. Ich habe das ZEIT-Interview noch nicht gelesen, teile die Nachricht aber natürlich auch brav. Weil ich meine Solidarität zeigen möchte, jaja. Und: Weil ich ein paar Leuten in meinem Freundeskreis gerne eine lange Nase mache, denn: Was hab' ich gesagt?! Mal ehrlich: So mutig das Outing ist, so wenig überraschend ist es unterm Strich. Das, was man von Thomas Hitzlsperger so in den letzten Jahren zu hören und zu lesen bekam, hat sich immer allzu sehr von dem entschieden, was die allermeisten Fußballer sonst absondern. Nicht nur quantitativ, im Blick auf die Anzahl der Wörter pro Satz und dergleichen. Sondern auch qualitativ, weil Hitzlsperger immer ein Maß an Nachdenklichkeit an den Tag gelegt hat, über das nicht verfügt, wer nicht einmal einen komplizierteren biografischen Bruch verarbeiten musste. Das hätte natürlich auch eine lange Krankheits- oder Verletzungsgeschichte sein können, in dem Fall war es nunmal die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Identität in einem oft nicht nur latent homophoben Milieu. Hitzlspergers Entscheidung ist mutig, sie ist gut - sie kostet ihn dabei nicht ganz so viel wie seinerzeit Anton Hysén oder einen anderen Spieler, der auf dem Höhepunkt oder, noch schwieriger, am Anfang seiner Karriere steht. Aber immer noch genug - und ihr Nutzen wird, so Gott will und wir leben, relativ hoch sein, weil aktive Spieler, die vor derselben Entscheidung stehen, die vielen, vielen Solidaritätsbekundungen wahrnehmen: Die Sportschau, die das Interview kurz und knapp mit "Respekt!" verlinkt, die 7.500, denen das gefällt und die die wenigen Irren, die irgendwelche rassistischen oder einfach nur dummen, die Grenzen sind bekanntlich fließend, Sprüche ablassen, in die Schranken weisen. 

Kosten, Nutzen, da waren wir ja. Und bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi, die ich, wie alle Olympischen und sonstigen Winterspiele zuvor, boykottieren werde - nur eben dieses Jahr mit politischer Agenda, die ich auch theologisch begründe - ich könnte ja gar nicht anders: Weil Gott Gott ist, der Schöpfer allen Lebens und Bundespartner des Menschen, gehören menschliche Grundrechte zu den unaufgebbaren Voraussetzungen, die eine Gesellschaft erfüllen oder zumindest tatkräftig erstreben muss, wenn sie sich selbst als human bezeichnen und das ihr aufgetragene dominium terrae treu ausüben will. 

Im mittlerweile letztjährigen "Sommer ohne Loch" war Sotschi schon einmal Thema hier bei den Kirchengeschichten. In der Nachrichtenflaute, in der sich unter die üblichen Meldungen über Lieben und Leiden der C-Prominenz unter anderem auch die Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Russland mischten, fragte ich damals nach der Rolle der Sportbeautftragten der EKD und ihrer Gliedkirchen, die sich nun langsam aufmachen Richtung Sotschi, um den Athlet_innen seelsorglichen Beistand zu leisten. Das an sich ist sicher ein guter und wichtiger Dienst. Aber noch immer wartet man, bislang vergeblich, auf ein kirchenleitendes Wort zur Lage in Russland. Das extra zur Winterolympiade herausgegebene Begleitheft Mittendrin enthält ein paar geistliche Impulse, darunter auch ein paar sehr originelle und gut geschriebene Andachtstexte. 
Was man indes vergebens sucht, sind Stichworte wie "Menschenrechte", "Meinungsfreiheit", "Vielfalt". Offensichtlich will man die Athlet_innen in dieser angespannten Situation damit nicht belasten, was sicherlich gut gemeint, aber ein Irrweg ist: Denn die Kirche suggeriert damit, sie selbst sei unpolitisch - und versucht gleichzeitig, ob gewollt oder nicht gewollt, die Sportlerinnen und Sportler mit auf diese Ebene herunterzuziehen. Schade eigentlich, denn so drängt sich auch die Frage auf, ob das ganze Bohei um das Familienpapier im letzten Jahr doch nur ein Theaterdonner war, wenn es offensichtlich nur darum geht, die eigene Anschlussfähigkeit an den humanwissenschaftlichen Diskurs der letzten Jahre zur Schau zu stellen, ohne die sich dabei aufdrängenden Konsequenzen für die eigene institutionelle Lebenspraxis zu ziehen. Kostet nicht viel, sowas. Nützt aber auch nichts.

Freitag, 20. Dezember 2013

Casual Friday

Es ist Ende Dezember, casual friday, Deutschland spricht, neben der Großen Koalition, über  #Mundpropaganda (oder auch dagegen), ein paar versprengte Komiker, vorzugsweise aus Baden-Württemberg, beweinen die "Regenbogen-Ideologie" der Schullehrpläne - was für eine Gelegenheit, einen schon etwas älteren Cartoon aus der Mottenkiste zu holen.


Donnerstag, 12. September 2013

EKD-Familienpapier: Nächste Runde...

Der Streit um die jüngst veröffentlichte Orientierungshilfe der EKD zum Thema "Familie" geht, wie man hört, in die nächste Runde: Laut Pressemitteilung vom 7. September lädt die EKD zu einem Symposium, bei dem namhafte evangelische Theolog_innen fachlich fundiertes Input geben sollen. Ratsvorsitzender Schneider lässt dazu verlauten:

„Der Rat ist sich einig, dass die Orientierungshilfe in sozialpolitischer Hinsicht ein für die evangelische Kirche wichtiger Text ist. Der Text hat ausgehend von der Ehe als gute Gabe Gottes neue gesellschaftliche Realitäten von Familie in den Blick genommen. Eine theologische Bestimmung der Ehe im Lichte dieses Wandels leistet die Orientierungshilfe nicht. Daher bedürfen die im Zuge der Veröffentlichung aufgeworfenen theologischen Grundsatzfragen, insbesondere zum Bibel- und evangelischen Eheverständnis einer weiteren Diskussion und Erörterung.“

Das Symposium wird sicherlich eine spannende Angelegenheit, zumal zu hoffen ist, dass die EKD nicht hinter wichtige Aussagen zurückrudert, diesen aber mehr theologische Substanz verleiht. Ein bisschen Unbehagen bleibt indes doch - wenn wir als Kirche eine Kernkompetenz haben, dann ist es Theologie. Und man fragt sich, welches Verständnis von Kirche und von Theologie dahinter steckt, wenn letztere nur dann auf den Plan gerufen wird, um eine Meinung, die man ohnehin schon hat, mit entsprechenden Vokabeln auszuschmücken. Warum man nicht von Anfang an breiter und tiefer biblisch-theologisch argumentiert hat, statt den absolut etablierten und in keinster Weise mehr irgendwie herausfordernden Mainstream der Soziologie zu parafrasieren und ihm einige Bibelstellen beizumischen, wird wohl ein Rätsel bleiben...

Es ist zwar noch nicht casual friday, aber aus gegebenem Anlass der Familienpapier-Cartoon nochmal in schön:



Freitag, 19. Juli 2013

Ab jetzt neu: Der casual friday!

In Berufen mit traditionell strengen Dresscodes ist es seit Mitte des 20. Jahrhunderts Sitte (gewesen?), am Freitag im Büro die obersten Hemdknöpfe aufzumachen, die Ärmel hochzukrempeln oder, am Aloha Friday, Hawaiihemden zu tragen und sich so in Wochenendstimmung zu schaukeln. Von einer casual-friday-Regelung in der kirchlichen Amtstrachtsverordnung ist mir nichts bekannt, von daher beerdige ich freitags bis auf Weiteres in schwarz. Aber, wer weiß...

Ab sofort geht es jedenfalls bei den Kirchengeschichten freitags more casual zu, sprich: Der Freitag gehört dem Humor, der Satire, dem Spökes und Quatsch - entweder aus eigener Werkstatt oder aus der weiten Fundgrube des Internet. 

Den Anfang macht ein gezeichneter Kommentar zur Diskussion um das EKD-Familienpapier. Sorry für die Druckqualität.

 

Nachtrag: Das Bild gibt es hier jetzt auch in schön!

Donnerstag, 11. Juli 2013

Zur Kritik an der Kritik der Kritik... oder so

Ich persönlich bin ja kein Freund von Denkschriften und anderem derartigen Papierkram. Weder habe ich das Gefühl, mir von Expertenkommissionen sagen lassen zu müssen, was man als evangelischer Christ glauben sollte, noch kann ich der EKD die lehramtliche Autorität zugestehen, die ihr zumindest in den medialen Diskussionen immer wieder zugesprochen wird. Das sei vorausgeschickt, wenn es jetzt um die viel gescholtene Orientierungshilfe (!) zum Thema Familie ("Zwischen Autonomie und Verlässlichkeit") geht. Genauer gesagt soll es in diesem Beitrag gar nicht so sehr um die Orientierungshilfe selbst als vielmehr um einige der -gelinde gesagt- heftigen Reaktionen darauf gehen. Denn die sagen in den meisten Fällen mehr über die Kritiker als über das Familienpapier aus, bzw. über das der Kritik zu Grunde liegende Verständnis von Kirche und Theologie. 

Der Evangelist. 

 

Ulrich Parzany etwa, den selten Sorgen um die eigene Meinung plagen, schämt sich gar für seine evangelische Kirche. Zumindest sagt das IDEA Spektrum (für Nicht-Eingeweihte: die BILD-Zeitung der frommen Subkultur):
Parzany erinnert daran, dass die evangelische Kirche entstanden sei, weil die Reformatoren sich auf das vierfache „Allein“ beriefen: allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift. Nun bescheinigten der Kirche sogar die säkularen Medien einen laxen Umgang mit der Bibel. 
Quelle: idea.de
Das reformatorische Stichwort sola scriptura ("allein die Schrift") muss also wieder für so einiges herhalten, und wie so viele vor ihnen verwechseln Parzany selbst und die von ihm zitierten "säkularen Medien" dies mit einem platten Biblizismus. Das ist ein hermeneutischer Fehlschluss, zudem trifft die pauschale Kritik, die EKD kümmere sich nicht um die Bibel, auf die Familien-Orientierungshilfe gerade nicht zu: Das Kapitel "Theologische Orientierung" nimmt sich zwar in der Tat auf das Ganze des Papiers gesehen ziemlich gering aus, weil man, wieder einmal, sehr damit beschäftigt ist, anderen staatspolitischen Akteuren zu sagen, was sie tun sollen - das hat u.a. auch Ulrich Eibach besonders hervorgehoben. Aber es ist eine Stärke ebendieser theologischen Orientierung in all ihrer Kürze, dass sie das breite biblische Zeugnis für unterschiedliche Lebensformen ernst nimmt und aufdeckt, dass das von vielen Kritikern propagierte Eheideal mitnichten irgendwann zu biblischen Zeiten vom Himmel gefallen ist, sondern in weiten Teilen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts stammt. 

Der konservative Kolumnist.


Daran möchte man auch Jan Fleischhauer erinnern, dessen Kolumne bei S.P.O.N. Parzany womöglich vorschwebt, wenn dieser von säkularen Medien spricht: Fleischhauer konzentriert sich bei seiner Kritik an der "Orientierungshilfe" (ach ja, Anführungszeichen können ja doch verräterisch sein) vor allem auf das Versprechen beim Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung:
Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen - auch wenn der Pastor sagt, es gelte, "bis dass der Tod euch scheidet". Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.
Auch die EKD denkt die Ehe nun von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren.
Allein die kurze Skizze der Szenerie deutet an, dass Fleischhauer bestimmte Dinge nicht
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verstanden hat. Einen "Traualtar" gibt es in evangelischen Kirchen nicht, weil es - streng genommen - keine "richtigen" Altäre gibt, und weil in evangelischen Gottesdiensten keine Ehen geschlossen, sondern bereits bestehende Ehen gesegnet werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied, den man allerdings nicht der EKD, sondern Luther anlasten muss - die Einsicht, dass Ehen nicht im Himmel geschlossen werden, ist so alt wie die evangelische Kirche selbst. Bei aller Sympathie für Verlässlichkeit und Exklusivität von Paarbeziehungen: Die ätzende Unterstellung, es würde hier um leichtfertige Floskeln gehen ("nicht länger wirklich ernst gemeint"), geht an der seelsorglichen Realität vorbei. 

Das Zugeständnis, dass auch die Ehen evangelischer Christinnen und Christen in die Brüche gehen können, ist ebenfalls kein Geistesblitz der Expertenkommission gewesen und somit auch kein "neuer Höhepunkt" der "Selbstsäkularisierung der Protestanten" oder ein Erguss "heiliger Teestubeneinfalt" (schade übrigens, dass konservative Kreise anscheinend nie ganz ohne Käßmann-Bashing auskommen). Die Ehescheidung war schon in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts eine durchaus realistische Option, als man erkannte, dass Gelingen oder Scheitern ehelichen Lebens nicht allein in den Händen der Beteiligten liegt. So heißt es etwa in der Pommerschen Kirchenordnung von 1535, die gleichzeitig dem Scheidungsrichter die Chance gibt, seine Hände in Unschuld zu waschen: 
"wenn överst einer sick weder godt scheidet dorch unvorhapentlick wederkamendt eder unvorsoenlicken ehebröcke, so schide wi se nicht, sünder de düvel hefft se gescheidet."
- zitiert nach Gerold Tietz, Verlobung, Trauung und Hochzeit 
in den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Univ.-Diss. Tübingen 1969, 24.

Neben dem Ehebruch akzeptierten die Reformatoren auch die "bösliche Verlassung" und die Zerrüttung der Ehe als Scheidungsgründe. Natürlich kann und muss man sich fragen, ob man die sozialdisziplinierenden Ordnungen des 16. Jahrhunderts als Grundlage heutiger ethischer Entscheidungen heranziehen will - immerhin sehen die meisten dieser Ordnungen für diejenigen, die nicht solvent genug sind, überhaupt keine Ehe vor, weil weder weltliche noch geistliche Obrigkeit ein Interesse an der Reproduktion von Armut hatte. Wenn man sie dennoch als Inspirationsquelle nutzen möchte, könnte man vielleicht den Blick auf die äußerst zahlreichen Verbote allzu exzessiver Hochzeitsfeiern lenken, aber das nur am Rande. 

Nicht alles, was Fleischhauer schreibt, ist gänzlich verkehrt, ich nehme ihm sogar zu hundert Prozent ab, dass die Konfirmation seines Sohnes nicht schön war. Und, ja, ich bin auch der Meinung, dass die Folgen von Ehescheidungen für das Umfeld und nicht zuletzt für die Kinder (wenn auch hier sicherlich gilt, dass in manchen Fällen ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende) zu wenig bedacht sind. 
Und ich kann auch seine Enttäuschung verstehen, ohne sie zu teilen, wenn er plötzlich gewahr wird, dass die Kirche nicht dafür da ist, konservativen politischen Meinungen ein religiöses Finish zu verpassen. 

Der Karrrdinal.

 

Ach ja, der hat ja auch noch gefehlt (hat eigentlich Matthias Mattussek noch nichts gesagt?). Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst wortreich zu urteilen und in gewohnt zelotischer Manier sich selbst und seine Kirche als weihrauchgeschwängerte Bastion all dessen zu inszenieren, was früher angeblich besser gewesen ist. Zwar schreckt auch Meisner bei aller Altehrwürdigkeit nicht vor dem Gebrauch von Kampfbegriffen aus dem vulgärfundamentalistischen Standardrepertoire zurück ("Zeitgeist statt Heiliger Geist"); die Wurzel allen Übels indes liegt seiner Meinung nach weiter zurück:
Die Reformatoren haben die christliche Überzeugung von der Sakralität der Ehe aufgegeben und diese zu einem "weltlich Ding" erklärt, worauf sich auch das vorgelegte Dokument beruft. Wie sich nun in aller Deutlichkeit zeigt, wird die Ehe so zu einer rein innerweltlichen Institution, die durch andere Zweckverbindungen ersetzt werden kann. Dass ausgerechnet Christen einen solchen Rückschritt im Verständnis von Ehe und Familie initiieren würden, hätte ich nicht für möglich gehalten!
Das unpräzise Gerede von "der christliche[n] Überzeugung von der Sakralität der Ehe"  suggeriert, es habe vor der Reformation keine andere gegeben. Das jedoch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Unsinn. In einer apologetischen Schrift vom Anfang des 3. Jahrhunderts heißt es über die Christen, diese seien eigentlich Menschen wie alle anderen auch, sie
"sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden [...], heiraten und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen [Kinder] nicht aus."
- Zitiert nach Chr. Grethlein, Grundinformation Kasualien. 
Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens, Göttingen 2007, 218.

Und noch in den Entscheidungen der Konzile von Basel/Ferrara/Florenz und Trient mehr als 1000 Jahre später zeigt sich, dass die Sakramentalität der Ehe alles andere als eindeutig ist. Ganz abrunden lässt sich die Kirchengeschichte also nicht.

Es ist im Übrigen auch nicht so, dass die EKD hier mit dem Zeitgeist im Rücken irgendwelche Dämme einreißen würde. Die Kritik an einer offenbarungstheologischen Überhöhung biologischer oder sozialer Strukturen hat gute Tradition. Schon 1951 schrieb Karl Barth:

Es waren Denkgewohnheiten und praktische Gepflogenheiten der ‚christianisierten‘ Heidenvölker, die dem Begriff der ‚Familie‘ später den Glanz eines Grundbegriffes christlicher Ethik gegeben haben. Wir haben keinen Anlaß, uns ihnen anzuschließen
- K. Barth, KD III/4, Zürich 1951, 271.

Man mag sich ja fragen, warum sich ein katholischer Erzbischof bemüßigt fühlt, derart ausführlich Stellung zu einer evangelischen Orientierungshilfe zu beziehen. Die Antwort gibt der Kardinal selbst: 
Im Zeitalter der Ökumene ist es geradezu die Pflicht der katholischen Kirche, an den Geschehnissen in anderen Kirchen und Gemeinschaften Anteil zu nehmen. Darum bitte ich die Evangelische Kirche in Deutschland eindringlich, ihre Position hinsichtlich von Ehe und Familie zu überdenken und zurückzukehren zur Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat.
Die "Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat" ist natürlich keine andere als die, die der Kardinal selbst vertritt. Aber da treffen sich evangelische und katholische Christen durchaus - man hat ja immer die gleiche Meinung wie der Herr Jesus. Und natürlich ist es gut, wenn wir Stellungnahmen der anderen wahrnehmen, gerne auch kritisch. Aber nicht alle Kritik geht eben von theologischen oder hermeneutischen Voraussetzungen aus, die unkritisch übernommen werden können. Einige kritische Stimmen allerdings sehr wohl:

Begründete Kritik

 

(c) de.wikipedia.org
Trotz aller erfreulichen Tendenzen ist die Orientierungshilfe sicher nicht frei von problematischen Passagen und Schlussfolgerungen. Wäre ja auch schlimm, wenn das anders wäre. Zwei Kritikern aus den eigenen Reihen kann ich mich streckenweise anschließen:

Frank Otfried July, Bischof der Württembergischen Landeskirche, findet viel Positives an der Orientierungshilfe, kritisiert jedoch vor allem zwei Punkte: Mit der Relativierung der Ehe sei eine Institutionenethik zugunsten einer Beziehungsethik verändert worden, was in der Tat bedenkenswert ist. Gewichtiger scheint mir seine Anfragen an den Entstehungsprozess der Orientierungshilfe zu sein:

Grundsätzlich bin ich im Zweifel, ob bei solch grundlegenden Fragen – wie in der vorgelegten Orientierungshilfe – das Verfahren zur Entstehung sachgerecht ist. [...] Als evangelische Kirche tun wir gut daran, bei derartigen Fragen in einem ausführlichen Konsultationsprozess die Landeskirchen, Synoden, Kirchengemeinderäte etc. zu beteiligen, um zu einer weithin getragenen Orientierung zu kommen. Eine solche Konsultation rege ich ausdrücklich an.

Hier stellt sich die Frage nach Autorität(sanspruch) und Selbstverständnis der EKD, wenn Stellungnahmen hinter verschlossenen Türen durch einige wenige Experten produziert und dann gegenüber der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, quasi als "Überraschung" aus dem Hut gezaubert werden. Ähnlich scheint das Vorgehen bei der sich in Arbeit befindlichen Orientierungshilfe zum Thema "Sexualität" zu sein, über die sich der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in Schweigen hüllt

(c) EKiR-Archiv
Markus Dröge, Bischof der EKBO, spricht sich in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel für die Aufwertung ehelicher und partnerschaftlicher Treue aus, allerdings gänzlich ohne moralisierendes Beharren auf tradierten Lebensformen, sondern unter Rückgriff auf die gut biblisch-theologische Kategorie des Bundes. Er schreibt abschließend:

Ich begrüße die Orientierungshilfe ausdrücklich als einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Allerdings hätte ich mir mehr theologische Klarheit gewünscht, um die verlässliche Gemeinschaft sowohl in der Ehe als auch in anderen Lebensformen noch deutlicher zu stärken. Die Ökumene könnte gestärkt werden, wenn die katholische Kirche den Ball als Herausforderung aufnimmt und nun selbst konstruktiv darlegt, wie sie neue Lebensformen angemessen ethisch würdigen will.
Ich würde einen Schritt weiter gehen und mir nicht nur mehr theologische Klarheit, sondern mehr Vertrauen in die Theologie wünschen. Es ist richtig und gut und unaufgebbar, dass wir humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst- und aufnehmen. Es wird aber den berechtigten Erwartungen, die Menschen an die Kirche richten, nicht gerecht, wenn wir uns darauf beschränken, allgemeine Richtigkeiten und einen breiten gesellschaftlichen Konsens mit einigen Bibelversen und Zitaten aus der Theologiegeschichte zu schmücken. Das ist kein prophetisches Wagnis, denn was in der Orientierungshilfe als status quo festgestellt wird, entspricht, auch, wenn es in kirchlichen Kreisen für Aufruhr sorgt, weitestgehend dem absoluten common sense der Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte. Vom Politikunterricht der siebten Klasse habe ich behalten, dass es ein typisches Vorgehen von Leitungsfiguren mit schwacher Autorität ist, genau das anzuordnen oder zu erlauben, was die Gruppenmitglieder ohnehin tun. Vielleicht würde es uns als Kirche gut tun, uns auf unsere Kernkompetenzen zu besinnen und uns, bei aller notwendigen Dialogbereitschaft, nicht so sehr nach dem erhofften Höflichkeitsapplaus Außenstehender zu richten. 


Zum Schluss: Meine fuffzich Cent

 

(c) de.wikipedia.org
Vieles ist ja schon gesagt worden. Das ist gut so, das wollte die EKD nach eigenen Aussagen. Und s.c.j. wird die Diskussion weitergehen und vielleicht die theologischen Lücken in der Argumentation durch den vielstimmigen Chor der Gemeinden und Einzelstimmen auffüllen. Ich glaube, die Diskussion kann noch gar nicht zu Ende sein, weil evangelische Ethik an einem besonderen Maßstab zu messen ist: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", sagt Jesus - und für mich hängt die Glaubwürdigkeit (oder meinentwegen auch die Verlässlichkeit) der Orientierungshilfe u.a. daran, inwieweit die hier vertretenen Thesen die Selbstverständlichkeiten in der Institution in Frage zu stellen vermögen und sich etwa im Pfarrdienstrecht niederschlagen: Hier sind viele Grundannahmen und Konsequenzen noch einem idealisierten Bild des evangelischen Pfarrhauses verpflichtet, das aber ebensosehr ein Kind des 19. Jahrhundert und von dessen bürgerlichen Tugenden beeinflusst ist wie diejenigen Vorstellungen von der Ehe, die in der Orientierungshilfe zurückgewiesen werden. Die Entscheidung muss hier bei den Gemeinden liegen: wenn die klassische Institution "Pfarrhaus" mancherorts milieubedingt dem Gemeindeaufbau dienen kann - wunderbar! Aber wenn Gemeinden den Schritt in Milieus wagen, die von bürgerlichen Lebensentwürfen abgestoßen werden (Insider erkennen die Eindrücke aus den Niederlanden wieder), dann muss das Pfarrdienstrecht es auch ermöglichen, "den Griechen ein Grieche zu sein".