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Samstag, 28. Mai 2016

Gängige Sprachkritik und spannende Biografie: Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit



„Auf Dresdens Straßen liegt das Christuskind. Totgetreten von 15.000 Demonstranten im eisig kalten Schnee. Es ist vergessen wie ein Haufen Dreck. Keiner blickt zu ihm herunter, das Volk marschiert über die zertrümmerten Knochen hinweg. [...] Das ganze Land spricht von den selbsternannten Verteidigern des Christentums im Abendlande. Doch wer wie sie den Fremden das Obdach verweigert, der ist kein Christ.“ 

Diese großen, ärgerlichen und wahren Sätze standen, soweit ich weiß, 2014 in keiner Weihnachtspredigt, aber auf dem Blog von Erik Flügge. Vielleicht wegen dieser Sätze (und wegen der großartigen Currywurst-Wahlkampagne von Squirrel&Nuts) bin ich geneigter, ihm zuzuhören, als ich das sonst bin, wenn wieder jemand sagt, dass wir Theologen schlecht sprechen. Weiß ich ja selbst, und sage ich ja auch immer wieder. Und liest man ja auch immer wieder (hier und hier und hier und so). Den Startschuss machte vor einem Jahr ein Blogpost mit dem Titel „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache.“ Der Text darunter ventilierte zum größten Teil Altbekanntes, aber mich hat damals der Titel angefixt. Weil selten so deutlich gesagt wird, dass das Überleben der „Kirche des Wortes“ an der Sprache hängt. Mehr, außer ein paar Riten und Handauflegungen, die allesamt aber wieder an Sprachhandeln rückgekoppelt werden, haben wir ja nicht. 

Umso mehr wundert es mich, dass im Theologiestudium so wenig Wert auf Sprache gelegt wird. Klar gibt es immer mal wieder Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben oder Sprecherziehung. Aber sonst? Reiner Preul hat das einmal in aller Deutlichkeit gesagt: 

„Es ist gelegentlich vorgekommen, dass Studierende mich gefragt haben, ob ich sie für den Pfarrberuf für geeignet halte. Ich habe dann unter anderem auch nach ihrer Deutschnote gefragt. War diese nicht besser als ausreichend, dann habe ich zwar nicht direkt abgeraten – Schulnoten sind bekanntlich nicht immer gerecht -, aber doch Bedenken geäußert. Wenn wem das Wort nicht hinreichend zu Gebote steht, wer Schwierigkeiten mit dem flüssigen und präzisen Ausdruck in seiner eigenen Sprache hat, der wird sich als Pastor oder Pastorin arg quälen müssen.“ 
 (Reiner Preul, Pfarrerinnen und Pfarrer als eloquente und gebildete Zeitgenossen, in:
Regina Sommer/Julia Koll (Hg.), Schwellenkunde. Einsichten und Aussichten für den Pfarrberuf im 21. Jahrhundert,
FS Ulrike Wagner-Rau, Stuttgart 2012, 104-116, Zit. 104). 

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht nicht um schillernd perfekte Kunstsprache (oder Sprachkunst), die so glatt ist, dass man daran abrutscht, oder so gewaltig, dass sie jedem Zuhörenden die Sprache verschlägt. Dass in Bibel und Kirchengeschichte immer wieder Menschen mit Sprachfehlern zu Wortführern (Moses, Paulus, Melanchthon) und Legastheniker zu Bestsellerautoren (Gollwitzer) werden, sollte zu denken geben, ebenso wie die Einwände der dialektischen Theologen, die vor fremdem Feuer auf Gottes Altar warnten. Aber darum geht es auch nicht, wenn ich Erik Flügge richtig verstehe. Er stößt sich nicht an Sprechfehlern, sondern an den Manierismen von Leuten, die aufgrund ihres Bildungsgrades eigentlich in der Lage wären, es besser zu können, die aber durch ihre Art des Sprechens und des Argumentierens Distanz herstellen, wo Nähe angebracht wäre, und Banalisieren, wo es ans Eingemachte geht. 

Und so beginnt das Buch, nach dem erneuten Abdruck seines oben erwähnten Blogeintrags, mit dem hoffnungsvollen Bekenntnis: „Ich glaube noch daran, dass eine Predigt wirken kann“ (10). Dass als Anlass dieser Hoffnung dann Beispiele aus politischen Reden und historisch fragwürdige Lutherbilder zitiert werden, mag dem Anliegen geschuldet sein, aus einem pointierten Kurztext möglichst schnell ein vielgelesenes Buch zu machen. Aber es zeigt auch die Aporie: „Diese Texte sind zwar selten, aber sie entstehen immer wieder neu. Nur leider hört man sie seit Jahrzehnten nicht mehr aus Deutschlands kirchlichen Kreisen.“ Um es vorneweg zu sagen: Eine direkt praxisfähige Antwort im Sinne einer griffigen How-To-Anweisung, von ein paar Thesen in der Mitte des Buchs abgesehen, gibt es nicht („Es hilft nur die Flucht nach vorne: Ein eigener Gedanke muss her.“), aber auch sonst bleibt das Buch lesenswert, weil überall kleine Zwischenbemerkungen eines mit einem Bein außerhalb der Kirche Stehenden eingestreut sind, bei denen man sich ertappt fühlt und fragen lassen muss: Muss das eigentlich so sein? 

Da geht es um den ständigen Verständigungs- und Überzeugungszwang: „Kirche hält es nicht aus, das die Menschen am Ende einer Veranstaltung unüberzeugt, zweifelnd, nicht glaubend bleiben. Man versucht mit immer mehr Nachdruck das Verständnis des Gegenübers zu erzwingen. Der muss doch glauben! – Und so scheitert die Verkündigung.“ (14f.). Nebenbei: Sätze wie dieser entspannen mich beim Lesen, weil sie zeigen, dass auch ein Kommunikationsprofi nicht immer nur Gold im Mund führt. Das macht das Ganze ehrlich: „Auch mein Text ist Teil der Bürgerlichkeit“ (22). Oder auch: „Hier sitze ich nun und weiß selbst die Antwort nicht“ (29) – Letzteres bezogen auf die alte Frage nach der Adressatenbezogenheit am Beispiel eines Kindergottesdienstes. 

Bei vielem von dem, was Flügge beschreibt, finde ich mich wieder: Im Klagen über die olle Rose von Jericho (33ff.). Oder über das Existieren am Rand der Kirche: „Ich bin kirchenfern – so fern man nur sein kann, denn Kirche hat Menschen, die so leben wie ich, schon lange aufgegeben. […] Nur eine Sache kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten: Warum ich mich mit Gott und seiner Kirche beschäftige, obwohl sie Menschen wie mich schon längst aufgegeben hat.“ (18). Oder in der simplen Feststellung: „Wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr für eure Kirche sprecht, klingt’s plötzlich scheiße.“ (8) 

Vieles von dem, was Flügge beschreibt, ist in den letzten Jahrzehnten auch in der Homiletik ausführlich diskutiert worden, Martin Nicol und Alexander Deeg haben im Besonderen auch Perspektiven zur Abhilfe vorgestellt. Spannend ist, dass Flügge auch hier den Finger in die Wunde legt und mit der Klarsichtigkeit eines frühen Josuttis feststellt: „[O]hne Performativität ist alles theologische Tun recht langweilig. Die emotionale Methodik bietet hier einen Ausweg. Hält man einen Impuls, an dessen Ende zwanzig Menschen weinend vor einem sitzen, dann spürt man endlich wieder auch als Theologe oder Theologin Macht. [...] Ich stelle die Frage: Geht es wirklich um das Erleben des anderen, oder um das Sich-selbst-als-mächtig-Erleben?“ (36). 

Flügge unterstellt hier eine kirchenpolitische Dimension: „Je stärker ich mich Symbolen bediene, desto weniger bin ich gezwungen, mich selbst zu positionieren. Wenn ich etwas bebildere, so überlasse ich den Adressierten die Entscheidung über die genaue Interpretation und mache mich im besten Sinne innerkirchlich unangreifbar. […] Welcher Bischof würde wohl wegen ein paar Kraftsteinen zum klärenden Gespräch einladen? – Wegen ein paar markigen [sic] Worten kann das durchaus passieren.“ (39). 
Hier ist die Perspektive sehr deutlich eine katholische, in evangelischen Gefilden hat man seit langer Zeit keine Lehrbeanstandungsverfahren mehr zu befürchten. Aber auch bei uns gibt es Konfliktvermeidungsstrategien, die dazu führen, dass Predigerinnen und Prediger selten so offen und deutlich so richtige und angreifbare Dinge sagen wie Margot Käßmann („Nichts ist gut in Afghanistan!)“ oder Christiane Quincke („Pforzheim war keine unschuldige Stadt.“). Und so sind die systemimmanenten Faktoren, die Flügge als so lähmend für inner- und außerkirchliche Kommunikation wahrnimmt („Um den heißen Brei“, 43-46), auch aus evangelischer Sicht lesenswert, wenn auch ernüchternd. 

Und so geht eigentlich im Ganzen weiter. Das Buch liest sich flüssig runter, natürlich auch deswegen, weil das meiste nicht neu ist. Nur eben hübsch pointiert gesagt. Man nickt manches Mal heftig und freut sich, weil da jemand das in Worte fasst, was einen selbst so kolossal stört. Man schüttelt schadenfroh lächelnd den Kopf, weil dem Autor manche Formulierungen auch nur so halb gelingen. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, warum wir so harmlos sind. Man wird mitgenommen zu Begegnungen mit Menschen in der Kirche, und gerät dort ins Stocken, wo Flügge selbst an analytische und rhetorische Grenzen stößt und ratlos fragt: „Und was nun?“ 

Das macht das Buch für mich lesens- und kaufenswert: Das mehr als nur zwischen den Zeichen durchschimmernde Selbstporträt des Autors als junger Mann, der an einem kaum zu definierenden Ort seiner Kirche unterwegs ist und damit, jetzt kommt die Kirchenhistoriker wieder durch, eine überaus seltene Quelle der Selbstdarstellung eines mobilen Performers im Dunstkreis der Amtskirche. Man kann den Jargon der Betroffenheit als einen weiteren Beitrag zur kirchlichen Sprachwelt lesen. Dann lohnen sich die 16 EUR für 160 Seiten nicht so wirklich, das meiste kann man sich auch aus seinem Blog und diversen Interviews selbst zusammenklauben. Man kann es aber auch als kirchlich-religiöse Biografie lesen, und dann lohnt es sich ganz außerordentlich. Finde ich. Und lese meine Predigt für morgen zum x-ten Mal kritisch Korrektur.

Montag, 20. April 2015

Von häretischem Gedöns und der Unverzeihlichkeit der Langeweile - Ein Kommentar aus homiletischer Sicht


Prediger_innen, die ihre Kanzelrede mit der stereotypen Ankündigung einer Provokation beginnen, stehen aus gutem Grund unter dem Verdacht, letzten Endes doch nur sich selbst zu predigen. Das gilt auch für Theologieprofessoren, wenn sie sich bei den Häretikern bedienen, um marktschreierisch irgendwelche Menschen aus einem angeblichen Kirchenschlaf wecken zu wollen.  

Notger Slenczkas Argumentation in seinem 2013 erschienenen Aufsatz „Die Kirche und das Alte Testament“, dessen Kernthesen nun in mehreren Einzelschriften verteidigt und bestätigt wurden, ist aus theologischer Sicht im Ganzen und aus homiletischer Perspektive im Besonderen unhaltbar. Slenczka folgt im Wesentlichen Adolf von Harnack,  der in seiner Schrifttheologie auch dem Neuen Testament nur recht widerwillig („weil sich eine bessere Urkundensammlung für die Bestimmung dessen, was christlich ist, nicht schaffen lässt.“) einen kanonischen Rang einräumt – eine solche begrenzte, zweckrationale Sicht auf die Schrift aber ist einer Kirche, die sich selbst vollmundig als „Kirche des Wortes“ bezeichnet, nicht angemessen, weil es die Eigenwirksamkeit des Wortes, das „nicht leer zurückkommen wird“ (Jes 55), negiert. Auch Harnacks progressives Geschichtsverständnis ist nicht nur, entgegen aller anderslautenden Beteuerungen seiner Epigonen, in ihrer religionsgeschichtlichen Ausrichtung implizit antijudaistisch (und antikatholisch und letzten Endes antiökumenisch), ihr liegt auch Verständnis von einer sich einseitig positiv weiterentwickelnden Menschheit zugrunde, das aus geschichtswissenschaftlicher Sicht unhaltbar ist.

Slenczka sieht im AT das „Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularem Anspruch“, dem er den universalen Charakter des NT entgegenstellt. Aus homiletischer und predigtpraktischer Sicht ist diese inakzeptable Abwertung der Hebräischen Bibel besonders fatal: Lebensnahe und Leben verändernde christliche Verkündigung lebt von den Erinnerungsorten dieser „Stammesreligion“, von den Erzählungen um die Lagerfeuer der Karawansereien, von Wüstenwanderungen und durchwachten Nächten in den zugigen Zelten der Heimatlosen. Der mutwillige Verzicht auf den „Überschuss“ der Hebräischen Bibel an Erzählstoffen, an Erfahrungen von Armut und Müdigkeit, an skandalös realistischen Darstellungen von Eros und Politik (Miskotte), kann kaum zu etwas anderem führen als zu Predigten, die steril, vergeistigt und unerträglich langweilig sind. Mehr noch: Für Kanzelreden, die christliche Identität außerhalb des „Wahrheitsraums“ (Crüsemann) der Hebräischen Bibel konstruieren wollen und damit die durch den Lauf der Geschichte hindurch wirksame Treue Gottes verneinen, bleibt nur die Flucht in höchstens philosophisch reizvolle Gedankenspiele über das „Wesen des Christentums“, die letzten Endes selbstreferenziell bleiben müssen. Und damit trostlos.


Die Evangelische Kirche hat das seit Längerem erkannt und unternimmt in der derzeiterprobten Perikopenrevision den dankenswerten Versuch, „aufgrund der in den vergangenen Jahrzehnten stärker bewusst gewordenen Bedeutung des Alten Testamentes für den christlichen Glauben Umfang und Funktion der alttestamentlichen Texte im Gefüge der Perikopenordnung neu zu bestimmen.“ Aus homiletischer Sicht erscheint dies verheißungsvoller und auf heilsame Weise provokanter als postmoderner Markionismus.

Mittwoch, 4. Februar 2015

"Hassprediger" ist kein gutes Wort

Dem Bremer Kollegen Olaf Latzel, dessen Gemeinde es schon öfter zielgenau in die Schlagzeilen geschafft hat, wird seit der Kontroverse um seine Gideonspredigt vom 18. Januar eine zweifelhafte Auszeichnung zuteil: In der Tages- und Wochenpresse, in Blogs und Tweets nennt man ihn "Hassprediger". Damit kann er sich in illustre Gesellschaft einreihen, in der homiletischen Hall of Shame trifft man unter anderem auf Ayatollah Khomeini,  Metin Kaplan, den mittlerweile verstorbenen Baptistensychopathen Fred Phelps, Kardinal Meisner, das Autorenkollektiv rund um kath.net und andere (kann man alles auch bei wikipedia nachlesen). Dabei wird der Begriff von so unterschiedlich tickenden Zeitgenossen wie Matthias Mattussek und Volker Beck benutzt - allein deswegen lohnt es sich ja schon, sich diesem Titel etwas näher zuzuwenden.

Wie in der Wikipedia richtig bemerkt, ist ein erstes gehäuftes Aufkommen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zu beobachten, das heißt in der Zeit des Kulturkampfes, jener Epoche, in der Befürworter von König- und Kaiserreich mit ultramontanen, d. h. mit Rom loyalen, Katholiken um die Deutungshoheit im Lande kämpften. Dieser Kampf wurde vor allem publizistisch geführt, der ursprüngliche Sitz im Leben des Begriffs liegt also in der Polemik. 

Karl Christian Friedrich Krause 1890 (Bild von books.google.com)

Davon büßte er nichts ein, als er knapp hundert Jahre später wieder salon- und irgendwann auch feuilletonfähig wurde; ein früher Beleg, der sich eben auf o. g. Ayatollah bezieht, ist ein Leserbrief an den SPIEGEL Ende 1979. Und diese Quelle reicht eigentlich schon aus, um sich darüber klar zu werden, in welchen Kontext der Begriff "Hassprediger" gehört, und in welchem er auch bleiben sollte: Von Hasspredigern schreibt man in Leserbriefen, in Forenbeiträgen und Kommentaren, der Begriff gedeiht in den moderigen Ecken der Informationsgesellschaft, im Schattenreich der Meinungsfreiheit, er ist letztlich in keiner Weise präziser, aussagekräftiger oder durchdachter als das meist aus anderer Ecke schwappende Gerede von der Lügenpresse. 

Dabei dienen derartige Kampfvokabeln nicht nur der Diskreditierung und Diffamierung der so Betitelten, sondern auch der emotionalen Entlastung derer, die ihn benutzen: Ich rufe laut "Hassprediger" - und fühle mich danach erstmal besser, weil ich meiner (vielleicht ja sogar berechtigten) Entrüstung Ausdruck verschafft habe. Das Perfide ist aber, dass dadurch der Eindruck entsteht, es sei alles gesagt, zumal, wenn sich der Begriff in einer Debatte erstmal etabliert ist, diese meist nur noch darum kreist, ob man ihn benutzen darf oder nicht. 

Zu Latzels Predigt ist aber längst nicht alles gesagt, die Debatte wird auch dann nicht beendet werden können, wenn die Staatsanwaltschaft herausgefunden hat, ob der "Anfangsverdacht der Volksverhetzung" begründet ist oder nicht. Denn die Debatte darf nicht nur auf einer juristischen, sondern muss auch und vor allem auf einer theologischen Ebene geführt werden, und das nicht nur über Latzel oder mit ihm allein, sondern auch mit seiner Gemeinde - die hat ihn ja gewählt und scheint's ganz zufrieden. 

Natürlich ist die Predigt problematisch. Wer sie noch nicht kennt, kann sie unter anderem hier nachhören - ich empfehle allerdings, das nicht auf nüchternen oder allzu vollen Magen zu tun. Sie ist vor allem erst einmal schlecht, aus handwerklich-homiletischer Perspektive, auch aus theologischer Sicht (vor allem im Blick auf die ungenierte Identifikation des spätmodernen Christentums mit dem Israel der Richterzeit). Und sie ist eben nicht nur platt und in historischer Hinsicht uninformiert: natürlich weckt Latzel mehr als nur ein ungutes Gefühl, wenn er mit hörbarem Genuss in Gewaltfantasien schwelgt ("Hackärrr! Hackärrr! Verbrennen! Ausreißen!"). 

Aber es hilft eben wenig, hier von "Hassprediger" zu sprechen, weil man sich damit letztlich auf Latzels Niveau hinunter begibt und das mitmacht, woran er willentlich oder unbewusst arbeitet: Die Vulgarisierung des interreligiös-theologischen Diskurses. Pilotprojekte wie das von ihm angesprochene House of One bedürfen der Begleitung durch fundierte theologische Reflexion, und diese wird erschwert, wenn sie auf markige Schwarz-Weiß-Positionen reduziert wird, so wie das unter anderem im Umfeld diverser sozialmedialer #JesuisOlaf-Initiativen geschieht. 

Freitag, 31. Oktober 2014

Gerechte Karikaturen: Traueransprachen als Porträtskizzen





Erkennen Sie diese Dame? Wahrscheinlich nicht, denn: Sie kennen sie ja nicht. Obwohl - manche hier Lesende sind ja Theolog_innen, wieder manche davon wissen um das konfessionelle Profil und die theologischen Vorlieben des hier Schreibenden, haben also aufgrund des Kontextes vielleicht eine Idee? 

Immer noch nicht?



Na denn. Es ist Lollo von Kirschbaum, kongeniale Gefährtin von Karl Barth. 


Wer jetzt nochmal drauf nach oben scrollt, erkennt sie - trotz aller Weglassungen, trotz aller Abweichungen vom Original: Das Lächeln ist ein bisschen weniger breit, die Nase charmant korrigiert, die Augen etwas größer, die Zähne weniger betont. Die Zeichnung wirkt dadurch weniger lebendig, etwas zu schön gezeichnet, weil Charakteristika zurücktreten. Das hat aber etwas damit zu tun, dass das genau die Dinge sind, die man bei einer Karikatur vor allen anderen übertreiben würde, dazu aber später mehr. Wer das Originalfoto lange genug anschaut, wird gar nicht mehr anders können, als in der Skizze oben die Person wiederzuerkennen. Das hat was mit dem Gehirn zu tun: Skizzen bauen auf eine Kooperation mit dem Betrachtenden, der das, was offen geblieben ist, vor seinem inneren Auge ausfüllt. Man macht also im Kopf das hier:



Die Skizze ist dabei gleichzeitig leichter und schwerer als eine "gewöhnliche" Zeichnung. Leichter, weil es weniger Striche sind, da man sich auf die Kooperation mit den Betrachtenden verlassen kann - und weil gerade Zeichnungen von Gesichtern komplizierter und aufwändiger sind als andere, denn unser Gehirn ist auf Gesichter besonders "geeicht" und registriert Abweichungen besonders deutlich, sodass sehr schnell ein gestörter Gesamteindruck entsteht. Desginer oder Zeichnerinnen, die sich mit menschlichen Figuren in 2D oder 3D beschäftigen, wissen um und fürchten das Phänomen des uncanny valley. Das besagt, dass es bei menschenähnlichen Darstellungen auf einem recht hohen Niveau einen Punkt kurz vor der absolut fotorealistischen Abbildung gibt, an dem die Akzeptanz beim Betrachter radikal sinkt und in Abwehr umkippt. Klassisches Beispiel ist zum Beispiel eine Handprothese, die anatomisch sehr genau ist, aber aufgrund der unnatürlichen Kunsttoffoberfläche und ihrer Unbeweglichkeit von nicht wenigen Menschen als abstoßend empfunden wird. Diesem Risiko entgeht man bei einer Skizze. Schwerer als ein Gemälde ist eine skizzenhafte Darstellung, weil man auswählen und sich für eine sehr geringe Anzahl von Strichen entscheiden muss - und gegen eine ganze Masse anderer. Man muss entscheiden: Welche Konturen, Flächen, Akzente sind besonders wichtig, sind die absolut notwendigen Guidelines, damit die Betrachtende das Bild in der vom Zeichner beabsichtigten Weise vervollständigen kann? In der obigen, etwas schematischen Skizze, sind einige Entscheidungen gefallen, in denen gleichzeitig natürlich sehr viele Spekulationen über die Persönlichkeit der Abgebildeten stecken. Der strenge Seitenscheitel wird rausgelassen, die prominenten Augenbrauen, verschmitzte Augen, ein breit lächelnder Mund mit recht schmalen Lippen - und die teils kokette, teils fast stereotyp die Gelehrte ausweisende Handhaltung. Die Bücher hätten auch noch mit dazu gekonnt, das hätte diesen Aspekt noch verstärkt.

In einer Traueransprache arbeite ich ähnlich. Ich bekomme meist eine Fülle von Informationen über den Verstorbenen - und muss auswählen, denn: Oft ist mir die Person nicht so gut bekannt, dass ich mich ohne die Lebendvorlage an einem Porträt versuchen würde. Das Risiko ist zu groß, dass bei einem an sich ganz realistischen Porträt wenige geringe Abweichungen dazu führen, dass die Zuhörer_innen ein gestörter Gesamteindruck entsteht, die Predigt also gewissermaßen im literarischen uncanny valley untergeht. Also versuche ich mich an einer Skizze. Voraussetzen muss ich dabei, dass das Bildmaterial, das mir Angehörige im Gespräch zur Verfügung stellen, einigermaßen repräsentativ für das Bild ist, das der Rest der Trauergemeinde hat. In der homiletischen Praxis heißt das, dass ich keine Lebensläufe verlese, sondern auf Anekdoten setze, also in der Predigt kurze Szenen skizziere, bei denen ich den Eindruck habe: Die erzählen etwas Grundlegendes über den Menschen, wie ihn seine Angehörigen erlebt haben. Ich wähle aus und verstärke vielleicht das eine oder andere. Das kann bis dahin führen, dass die Grenze zur Karikatur tangiert wird. In obiger Porträtskizze wäre das kein großer Aufwand, es würde reichen, die Zähne etwas prominenter darzustellen, die Nase etwas zu vergrößern und das Kinn deutlicher hervortreten zu lassen und vielleicht den Seitenscheitel zu betonen. "Karikatur" hat in dem Zusammenhang natürlich einen negativen Beigeschmack, wie "Ironie" in der Predigt ja auch. Aber ich gehe von dem Grundsatz des deutschen Karikaturisten Hans
Gutes Beispiel: Pfannmüllers
Karikatur von Theo Lingen
(c) wikipedia.de
Pfannmüller
aus, der einmal gesagt hat: "Karikieren darf nur, wer gerecht sein kann" - eine gute Karikatur entblößt also nicht oder macht lächerlich, sondern hebt liebenswerte Eigenheiten hervor, an die sich Bekannte gern erinnern. In der Situation der Trauerpredigt kann das manchmal für eine Art comic relief sorgen, ein Schmunzeln unter Tränen, das die Ambivalenzen der Trauer und der Erinnerung offen hält. Das muss natürlich dem individuellen Kontext entsprechen und ist deswegen nicht immer möglich. Und das setzt neben Fingerspitzengefühl auch einen guten Kontakt zu den Angehörigen voraus, das bedeutet unter Umständen auch, dass ich mir für manche Bildmotive eine Erlaubnis hole, etwa dann, wenn ich das Gefühl habe, dass eine sehr repräsentative Anekdote zu persönlich ist oder missverstanden werden kann. Und der Grundsatz der Gerechtigkeit gilt auch hier - Wilhelm Gräb hat einmal gesagt, bei Kasualien geht es um "Rechtfertigung von Lebensgeschichten". Das heißt für Trauergottesdienst und Bestattung, dass Ambivalenzen und Schattenseiten nicht krampfhaft verschwiegen werden - aber auch, dass der Liturg oder die Liturgin sich kein letztes Urteil über den Verstorbenen und seine Beziehungen anmaßt. 

Spannend finde ich den Gedanken der Skizze auch deswegen, weil eine Skizze ja in einem weitaus höheren Maß als etwa ein Ölgemälde die Kooperation mit den Betrachtenden voraussetzen: Sie vervollständigen das Bild, füllen die Lücken mit eigenen Bildern, Erfahrungen, Gefühlen. Auch in der Traueransprache predigt die Gemeinde mit, die Menschen bringen eigene Erfahrungen mit ein. Auch deswegen vermeide ich absolute Aussagen wie "NN war so und so". Und setze stattdessen auf Bilder - die dann wiederum Anknüpfungspunkte für die Theologie sein können, wenn eine charakteristische Szene aus dem Leben des Verstorbenen in eine biblische Szene überblendet.

Apropos Lollo von Kirschbaum: In seiner Traueransprache für sie, als sie nach einer langen zelebralen Erkrankung gestorben war, und die mit den berührenden Worten beginnt Jetzt ist sie unseren Blicken ganz entschwunden. Es war ein langes, langsames Weggehen, sagte Helmut Gollwitzer: 

"Als Lollo bei Karl Barth auf ein Denken stieß, das ganz von diesem Geheimnis [des Todes Jesu Christi] in Anspruch genommen war, da war sie gefesselt davon und wollte dabei sein und hat ihren wichtigen Beitrag geleistet zu einer Denkarbeit, die dem Leben erweckenden Weitererzählen des Sterbens unseres Herrn Jesus dienen kann."

Das ist für mich ein Paradebeispiel für eine gelungene Skizze: Entschiedene Striche, die das Bild einer leidenschaftlichen Frau und leidenschaftlichen Denkerin und Theologin zeichnen, die auch das Wagnis einer liebenswürdigen und würdigenden Karikatur riskieren ("gefesselt", "wollte dabei sein") - und gleichzeitig Raum lassen für Ambivalenzen: Für den kognitiven Abbau - und für die destruktive Seite der Leidenschaft von Kirschbaums nicht nur für Karl Barths Theologie, sondern auch für Karl Barth selbst, die sie auch "gefesselt" und diesem Leben nicht wenig Leid beschert hat und von der alle Anwesenden im Trauergottesdienst wussten. 

Freitag, 21. Februar 2014

Casual Friday: Die Faulheit des Predigers

Zum Wochenende ein kleines Fundstück aus der Predigtlehre von Rudolf Bohren, das mir beim gestrigen Zitatesuchen in die Hände gefallen ist:

 

Donnerstag, 20. Februar 2014

Sieben Wochen ohne Theaterdonner

Der Kirchengeschichtler frohlockt über die quasi-reformationszeitlichen Verhältnisse: Wittenberg ruft - und alle schreien. Das Zentrum für evangelische Predigtkultur schlägt eine Fastenaktion vor: Sieben Wochen ohne große Worte. Das Ganze ist gewissermaßen verpartnert mit der diesjährigen Fastenaktion der EKD, die ihrerseits unter dem Motto Sieben Wochen ohne falsche Gewissheit "raus aus fragloser Routine und halben Wahrheiten, zum Nachfragen und Neudenken locken" möchte. Das Predigtzentrum schlägt vor, in der Fastenzeit asketisch mit den "großen Worten" umzugehen, jenen geprägten Begriffen aus Frömmigkeit und Theologie, die im fachwissenschaftlichen Diskurs unumgänglich sind, auf der Kanzel bedeutungsschwanger daherkommen, aber oft genug, wie es Dietmar Wischmeyer und Oliver Welke in ihrem übrigens sehr empfehlenswerten Buch Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk. Deutsche Helden privat (Berlin 2013, 108ff.) so hübsch ausdrücken, letztlich nur "dieses nickende Wissen [...] bei den Schäfchen" und "dieses unnachahmbare Wir-Gefühl der Ahnungslosigkeit, für das sie alle so lieben" verursachen. Die Begründung ist so simpel wie einleuchtend, das Ziel so ehrenhaft wie nachvollziehbar:
"Kaum eine Predigt kommt ohne Große Worte aus: Barmherzigkeit, Hoffnung, Kreuz … Manchmal funktionieren sie wie Platzhalter, aus denen die Inhalte längst ausgewandert sind. Die Predigtsprache gerinnt in Substantiven. Wie kann sie wieder lebendig, anschaulich und konkret werden?"
(So formuliert auf der Begleithomepage des Projekts: www.ohne-grosse-worte.de)

Wer mitmachen möchte, kann sich eine Karte zuschicken lassen, auf der die 49 großen Begriffe, die es zu vermeiden gilt, abgedruckt sind:

(c) Zentrum für evangelische Predigtkunst

Vielleicht vorneweg: Man kann, was die Auswahl der Begriffe im Einzelnen angeht, sicherlich geteilter Meinung sein. Ich zum Beispiel finde, dass Gott und Jesus keine Begriffe, sondern Namen sind. Und sicherlich betreffen betreffen manche Begriffe die eigene Predigtpraxis mehr als andere - das ist aber im Übrigen bei allen Fastenempfehlungen so: In manchen neo-orthodoxen Gemeinden gehört es vor der Fastenzeit fast zum guten Ton, einander zu informieren: "Ich faste auf..." Ich war bei sowas immer fein raus und habe zum Beispiel "auf" Kaffee und Zigaretten gefastet. Ich war auch meistens einer der wenigen, der das komplett die sieben Wochen durchgehalten hat, was bei einem bekennenden Kaffeehasser und Nichtraucher auch keine große Kunst ist. Aber im Großen und Ganzen ist das doch eine ganz hübsche Idee, eine Art rhetorisches Trainingsprogramm (wie ja im Protestantismus generell das Fasten eher eine freiwillige und nach Bedarf zu definierende und dosierende geistliche Übung ist). Und ein auf eine überschaubare Zeitspanne angelegtes Experiment in einer Zeit, in der ansonsten oft und gern gerade die "großen Worte" explizit zum Thema gemacht werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dachte ich. 

Haha. Denn dann ging es los in den sozialen Medien, meist erst dann, wenn traditionelle reaktionäre Bedenkenträgermedien die Meldung entdeckt und sich ausführlichst darüber ausgelassen hatten. Ich zitiere mal meine Lieblingsstellen - dass es sich hierbei um Originalzitate handelt, möge man mir einfach glauben, ich verzichte auf genaue Quellenangaben, weil ich finde, dass es ein Akt der Nächstenliebe ist, Menschen nicht auf jeden Mumpitz, den sie in den Äther blasen, festzulegen:
"Die spinnen doch diese Protestanten seit jeher..." 
"Die EKD ist seit 50 Jahren nicht mehr ernst zu nehmen - und in 100 Jahren eh vollkommen verschwunden. Also, wen kümmerts?" 
"Den Gemeindegliedern, deren Pfarrer sich daran halten wollen, kann ich nur empfehlen: Fastet vom Gottesdienstbesuch. Das Opfer, das ihr dabei bringt, wäre wahrscheinlich nicht allzu groß." 
"Mit ihrer "Roten Liste" können die EKD Glaubensfastenden _kein_ Glaubenszeugnis über Jesus Christus ablegen, aber über Wotan und Thor können sie ja dann ganz unverbindlich plaudern. Chapeau !" 
"Man sollte dem Potestanten sagen es wäre besser für ihn gewesen, bis Ende der Fastenzeit ganz zu schweigen, oder mal bei den Kirchenvätern sich zu informieren, oder wenigstens mal 40 Tage so zu fasten wie es 400-1500 n.Chr alle Christen gemacht haben. Wenn der Computer mit Viren befallen ist, muss man das System neu installieren, sollte aber tunlichst vermeiden andere damit anzustecken." 
Und so weiter. Das große Übel von web 2.0 ist ja, dass es vielen Zeitgenossen vom unangenehmen Typus des "Leserbriefschreibers" eine bis dato nicht gekannte Öffentlichkeit bietet und suggeriert, dass jedwedem Flackern im Großhirn automatisch der Rang einer begründeten Meinung zukommt. Aber als demokratisch-freiheitlich gesinnter Mensch sagt man sowas natürlich nicht laut, sondern fragt sich im Stillen, ob verbaldiarrhöinduzierte Hyperemesis als Berufskrankheit durchgeht, seufzt so vor sich hin und macht ein paar Fleißaufgaben, weil ja niemand am eigenen Beißreflex ersticken soll. Also:

WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DER KANZELSPRACHE?


Alle, die in der Initiative per se Abzulehnendes, da Neuartiges und den damit unvermeidlich verbundenen Untergang des christlichen Abendlandes zu wittern meinen, seien hiermit beruhigt. Ich zitiere einfach mal aus ein paar Jährchen Predigtratgeberliteratur:

(c) zazzle.de
"Theologische Stilistik verklausuliert, verschließt die Predigt, statt ihren Inhalt zu verstehen zu geben. [...] Sofern die semantische Welt, aus der der Prediger seine Formulierungen bezieht, keine Einstiegsmöglichkeiten bietet, gewinnt sie für den Hörer auch nicht an Gestalt; die "existiert" für ihn nicht. Der Prediger führt zwar vor, wie gewandt er sich in seiner Welt bewegen kann; aber dem Hörer signalisiert er damit unter Umständen - und ohne es zu wollen -, daß das Ganze wohl eine Nummer zu hoch und der Glaube letztlich eine Sache für "Auskenner" ist. [...] Ein solcher Predigtstil liegt in dichter Nachbarschaft zu christlich-religiöser Phraseologie, in der man nur noch vage eine theologische Motiviertheit, geschweige denn eine im Evangelim begründete Predigtintention erkennen kann. [...] Dieser Stil ist sowohl in semantischer wie in theologischer Hinsicht als eine Art Rauschen zu beschreiben, das es nicht möglich macht, Genaueres zu verstehen, das aber ständig vorgibt, daß es etwas zu verstehen gebe. [...] Was im Rahmen theologischer Systeme plausibel ist, kann außerhalb dieses Systems völlig unverständlich sein. Freilich - auch solches Reden bleibt nicht ohne Wirkung; es kann z.B. zur faktischen Exkommunikation der Predigthörer führen, also eine 'asoziale Note' haben. Wer sich der 'Sprache Kanaans' bedient, ist sich womöglich der sozialen Komponente sprachlichen Handelns nicht hinreichend bewußt."
(Wilfried Engemann, Einführung in die Homiletik, Tübingen/Basel 2002 [UTB 2128], 34-36.328f.)

"Spreche ich so, dass es auch mein Nachbar verstünde, mein Hausarzt oder der Schaffner im Bus? Oder rede ich im frommen Jargon? [...] Dagegen ist in manchen, unterschiedlichen kirchlichen Milieus ein Jargon üblich, der für Außenstehende nicht nur schwer verständlich ist, sondern obendrein abstoßend. Da wird z.B. in der Sprache der Lutherbibel geredet [...]. Da werden die sonst aus der Sprache längst ausgewanderten grammatischen Endungen munter weiter gebraucht [...] Natürlich wissen wir auch alle, wer der "reiche Jüngling" und die "blutflüssige Frau waren. Die "Epheser" sind uns so vertraut wie der FC Bayern. Wir danken Gott nicht, wir bitten ihn: "Hab Dank..." [...] Die Reihe ließe sich nahezu brenzenlos fortsetzen. Abgesehen von der Unverständlichkeit für nicht Eingeweihte ist die Gefahr des frommen Jargons die uneingestandene gedankliche Unklarheit: Ich benutze unter Umständen Begriffe, die Klarheit suggerieren ("Heil", "Sünde", "Barmherzigkeit", "Gerechtigkeit"), bei näherem Hinschauen aber alles andere als klar sind." 
(Michael Herbst/Matthias Schneider, ...wir predigen nicht uns selbst. 
Ein Arbeitsbuch für Predigt und Gottesdienst, Neukirchen-Vluyn ²2002, 159f.)

"[V]ielleicht ist die Korrektheit das eingefleischteste Laster der Prediger. Ich hege den Verdacht, daß der Korrektheit eine ungezählte Zahl von Seelen geopfert werden, und ich erhebe Protest gegen eine eine Menschen opfernde Korrektheit. [...] Der Gegensatz zu Korrektheit heißt darum auch nicht Schlampigkeit, sondern Freiheit. Korrekte Predigten sind unfrei und ohne befreiende Kraft. Korrektheit riecht immer ein wenig nach Gefängnis und Gefangenschaft. [...] Artikuliert sich solche Gefangenschaft auf der Kanzel, weht Gefängnisluft in die Gemeinde. In solcher Gefängnisluft erstickt das Evangelium. Dann hören Mencshen vielleicht eine Predigt über das Evangelium, das Evangelium selbst bleibt stumm. Dies nenne ich die Menschen opfernde Korrektheit: dem Prediger ist es wichtiger, richtig zu predigen, als daß Menschen zur Freiheit kommen und über dem Evangelium froh werden. Seien Richtigkeit kommt vor der Rettung der andern. - WIll man solch predigende Korrektheit theologisch erklären, wird man sie als "Dienst des Buchstabens" verstehen, der damit beginnt, daß der Prediger sich von Regeln beherrschen läßt, statt daß er sie beherrscht. Im Endeffekt macht er aus dem Evangelium Gesetz und aus dem Gesetz Gesetzlichkeit. [...] Die Beliebigkeit und Häufigkeit einer auf der Kanzel gebrauchten Wendung sagt nichts aus über ihre Wahrheit, wohl aber verrät jede Floskel eine Wahrheit, indem sie eine Aussage macht über die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Predigers."
(Rudolf Bohren, Predigtlehre, Gütersloh [1980] 61993, 403.416)

"Es ist gutt, das einer nur predige iuxta analogiam fidei. Ad simplicem modum contionandis e omnes contionatores debent assuefacere, und sollen bey sich beschließen, das sie predigen jungen, unvorstendigen leuten, pawern, die eben so wenig vorstehen als die jungen under 12, 13, 14, 20 jaren, denen man allein predigt. Das ist auch der grosseste haufe. Das dieselbige vorstehen ader etwas daras fassen mugen und ihr leben beßern. [...] Man sol sich aldohin accomodiren ad auditores, und das feilet gemeinglich allen predigern, das sie predigen, das das gemeine volck gar wenig daraus lerne. [...] Einfeldig zu predigen, ist eine große kunst. Christus thuts selber; er redet allein vom ackerwerck, vom senffkorn, und brauchet eitel grobe, pewrische similitudines."
(Martin Luther, Tischrede vom 23. Juli 1539, in: WAT 4, 447).



Halten wir das doch erstmal fest: Die Warnung vor unverständlichen Phrasen, und klingen sie auch noch so biblisch, ist so alt die das Nachdenken über die evangelische Predigt selbst. Und: Die Wahrheit einer Predigt bemisst sich nicht an der Anzahl der in ihr behaupteten theologischen Richtigkeiten, die charakterlich entsprechend disponierte Menschen mit Bademeisterfrömmigkeit auf einer internen Checkliste abhaken können. Die Problematik hat Peter Bukowski (Predigt wahrnehmen. Homiletische Perspektiven, Neukirchen-Vluyn (4)1999, 149) schön auf den Punkt gebracht: "Jeder Predigthörer kenn den Effekt, den Passagen dieser Art bei ihm auslösen. Man kann (im besten Fall) den Eindruck, es war alles richtig, ja man hätte jeden Satz unterschreiben können, und doch hat einen das Gehörte nicht angesprochen. Warum nicht? Weil man das alles so oder so ähnlich schon oft gehört hat. Wenn wir nach solchen Predigten sagen: 'Heute war wieder alles richtig', dann verstehen wir 'richtig' als Schimpfwort. Das liegt daran, daß sich Aussagen - unbeschadet der Sachgemäßheit ihres Inhalts - abnutzen. Informationen sind nämlich nicht konservierbar, im Gegenteil, sie büßen mit dem Grad ihrer Bekanntheit von ihrer Wirkungskraft ein."

Soviel erstmal zur sprachlichen Korrektheit der Predigt. Aber da ist ja noch die Sache mit dem Fasten.



WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DEM FASTEN?


Manche Kritik entzündet sich an dem Missverständnis, das Zentrum für evangelische Predigtkultur wolle als Einrichtung der EKD den in den Gliedkirchen Predigenden irgendetwas vorschreiben. Es ist ein bisschen langweilig, dass man das immer wieder betonen muss, aber es sei trotzdem gesagt: Dazu gibt es überhaupt kein Mandat - und deswegen auch keinen Grund zur Sorge. Die Kirchenordnung stellt nämlich eindeutig fest: "Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind im Rahmen der kirchlichen Ordnung in der Verkündigung und in der Seelsorge selbstständig" (Art 51, Abs 1 KO.EKIR).

Davon abgesehen, lohnt (wie immer!) der Blick in die Kirchen- und Theologiegeschichte 
 - was sich die Reformatoren zu dem Thema gedacht haben, ist durchaus anregend. Die hatten ja überhaupt nichts gegen Askese, eher im Gegenteil. Ihre Kritik richtete sich nur gegen das Fasten als Pflichtübung spätmittelalterlicher Frömmigkeit und gegen das Missverständnis, es würde daran, wie wir vor Gott stehen, im Kern irgendetwas ändern - sie konnten sich dabei u.a. auf Jesaja 58 berufen. Huldrych Zwingli etwa stellt in seiner Schrift Von Erkiesen und Freiheit der Speisen (1522) fest, dass keine kirchliche Obrigkeit das Recht hat, den Gläubigen das Fasten aufzuerlegen: "Und sind wir under kein gsatz verbunden, denn das gsatz der liebe, und fryheit der spysen schadt der liebe des nächsten nüt, so sy recht gelert und erkent wirt, so sind wir demselben gbott oder gsatzt nüt schuldig."

In CA XXVI stellen die Reformatoren fest, "daß ein jeglicher schuldig ist, sich mit leiblicher Übung, wie Fasten und anderer Arbeit, so zu halten, daß er nicht Ursache zu Sündigen gebe, nicht, daß er mit solchen Werken Gnade verdiene. [...] Und wird also nicht das Fasten verworfen, sondern daß man ein notigen Dienst daraus auf bestimmte Tage und Speisen, zu Verwirrung der Gewissen, gemacht hat." Die CA liegt damit ganz auf der Linie Luthers, der im Kleinen Katechismus etwas eingängiger schreibt: "Fasten und leiblich sich bereiten ist zwar eine feine äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden", an anderer Stelle, im Sermon von den guten Werken, ausdrücklich vor geistlicher Überanstrengung warnt und daher rät: "[W]enn er fände, dass ihm vom Fasten der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde […], so soll er das Fasten ganz gehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zur Gesundheit nötig ist."

UNTERM STRICH...


... gilt also wieder einmal der gut paulinische Grundsatz: Prüfet alles und behaltet das Beste. Will sagen: Die Fastenaktion ist eine gute und, wie ich finde, inspirierende Möglichkeit, die eigene Predigtpraxis auf ihre Floskellastigkeit und Lebensnähe hin zu überprüfen. Dass das einfach wird, hat ja niemand behauptet - und wer trotz Nachtschichten und wortschöpferischer Schwerstarbeit am Schreibtisch immer noch große Worte in seinem Manuskript findet, der möge doch bitte, ehe "dass ihm der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde, essen und schlafen" gehen.

Und wem der Kamm immer noch nicht abgeschwollen ist, wer immer noch meint, sich schon über Predigten ärgern zu müssen, die noch gar nicht geschrieben sind, dem sei an dieser Stelle empfohlen, sich an anderer Stelle in Askese zu üben:



Sonntag, 16. Februar 2014

Der Preacher Slam!

http://www.flora2.de/wp-content/uploads/2014/02/PreacherSlam.jpg

Eine Woche ist er schon her, der erste Düsseldorfer Preacher Slam, bei dem in der Neanderkirche in der Altstadt Pfarrer_innen und Slam Poets das Publikum ihre Texte unters Volk brachten. Jaja, der Erfahrungsbericht kommt ein bisschen spät, aber ich wollte warten, bis die Videos online waren - es gilt ja immer noch das gesprochen Wort. In einem Satz: Es hat ganz phänomenal viel Spaß gemacht! Der gesamte Parkettbereich der Kirche (deren Architektur mein reformiertes Herz pochen lässt!)  knallevoll mit knapp 300 Leuten, ein von der ersten Minute an ganz hinreißendes Publikum, das an die goldene Regel des Poetry Slam - Respect the Poets! - eigentlich gar nicht erinnert werden musste. Gutdraufige Moderatoren, die mir schon allein durch ihren beständigen Kampf mit den Grundrechenarten das gute Gefühl gaben: Die Welt zu Gast bei Freunden! Der Adrenalinpegel bei den Slammenden (zumindest bei mir) wurde durch das fortlaufende Auslosen der Reihenfolge auf angenehm hohem Niveau gehalten, aber schon mit dem Auftritt des Opferlamms wich das Lampenfieber einem Gefühl, das ich bis dato vor allem als Beschwichtigungsparole bei den Bundesjugendspielen kannte: "Dabeisein ist alles." Denn das stimmt echt! Es war einfach, mit den anderen mitzufiebern, zuzuhören, in Sprachbildern und Wortkaskaden zu baden, zutiefst gerührt (danke, Anke und Becci!) und vor Lachen geschüttelt zu werden. Und in sich die schönste aller Formen des Neides zu spüren, wenn man beim Hören eines Textes denkt, dass man den gerne selbst geschrieben hätte - und anzuerkennen, dass man das nicht gekonnt hätte und einfach nur froh ist, den hören zu dürfen.

In der ersten Runde trafen drei Slammer auf zwei Vertreter der Pastoralliga, in der zweiten Runde, nach einer dringend nötigen Pause ging es andersherum weiter. Tendenziell zeichnete sich ein höherer Punktedurchschnitt für die Profipoet_innen ab, was ich ihnen von Herzen gönne, aber gleichzeitig auch schade fand, weil ich die Texte der Kolleg_innen, die ja nun speziell für diesen Anlass geschrieben waren, ganz großartig fand. Und ich habe mir lange Gedanken gemacht, ob es nur die Slamerfahrung ist, die hier eine Rolle spielt - zu einer wirklichen Antwort bin ich nicht gekommen.

Die Spannung steigt: Runde Zwei.


Nachdem in der ersten Runde zwei Amtsgeschwister den Reigen eröffnen durften - mir war das ganz recht, denn ich habe ja gelernt, dass die Bewertungen zum Ende hin tendenziell ansteigen -, wurde es in der zweiten Runde ernst. Der erste Pfarrer wird ausgelost, die Spannung steigt - "ich bin's nicht." Dafür aber the best Vikarsmentor ever (das Zusammentreffen hatte ja schon im Vorhinein den Spaß fast bis ins Unendliche gesteigert), der mit einem grandiosen Text über das entjungferte Universum und dessen prüde Mutter nicht unbedigt die Punktzahl bekam, die er verdient hätte, der aber im Blick auf Satzlänge und Aufnahmebereitschaft des Publikums auch sehr hoch gepokert hatte. Direkt danach: El maestro und unser Coach, der Zymny, mit dem genialen Grundgedanken, wie wohl ein Kind die ihm nicht verständlichen Teile einer Predigt durch eigenes Wissen auffüllt. Und ich überlege fieberhaft, wie auch schon nach dem monumentalen Auftritt von Lasse Samström in der Runde vorher, ob mein Text nicht mehr dadaistische Elemente braucht, ob ich einfach ein paar Silben vertausche oder ein paar Vokalisen ins Mikro brülle. Der nächste Pfarrer - wieder geht der Kelch an mir vorüber. Der letzte Slammer, Sowaswiequasipotenziellerzukünftigerkollege Bleu Broode, singt zwischendrin, genau wie Sulaiman Masomi, und wie ja auch schon Julia Engelmann in dem Video da, und das Publikum rast. Ein Gedanke formt sich in meinem Kopf, dann bin ich auch schon dran, betrete die Bühne, entscheide kurz und schmerzlos - und eröffne mit ein paar Takten aus dem Soundtrack eines Films meiner späten Kindheit. Ob das Publikum Schweinchen Babe kennt, weiß ich nicht, aber: Et läuft!

Aaaand the winner is...



... haha, me! Interessanter Weise wiederholt sich etwas, das auch schon beim Kirche²-Slam in Hannover passiert ist: Die Profipoeten liegen weit vorn, der Slam scheint beschlossene Sache, dann betritt als allerletztes ein_e Theolog_in (in Hannover war es ja Christina Brudereck) die Bühne und räumt ab. Ich freue mich wie ein Schneekönig (auch darüber, dass die Siegertrophäe richtiger Schnaps ist und kein Killepitsch), fühle mich aber auch ein bisschen nach Schummeln - denn richtig poetisch war mein Text eigentlich nicht, trotz mancher Knittelverse, eher ein Stück Stand-Up und sehr klar auf punchlines hin geschrieben. Aber freuen tu' ich mich trotzdem, auch und vor allem über die Stimmung am Ende. Eine Zugabe habe ich natürlich nicht, aber, was soll's, Musik läuft ja erwiesener Maßen ganz gut, und warum hat man sonst vor Jahren mal fast oder sogar ein bisschen Gesang studiert. Der Abend klingt in gemütlicher Runde in den niegelnagelneuen Räumen der Jugendkirche aus, und ich bin voll Siegestaumel und diebischer Freude, dass ich den Pokal von Düsseldorf nach Köln (ha!) hole. 

Was ich mitnehme?


Falls jemand es noch nicht gemerkt haben sollte: Ich reflektiere ja für mein Leben gern - die déformation professionelle des postmodernen Theologen! Und das Ganze stand ja durchaus auch unter erklärtem Forschungsinteresse. Was also nehme ich aus dem Ganzen mit, im Blick auf das Predigen, aber auch darüber hinaus? Mal abgesehen von den Auslosungstischtennisbällen, die fürderhin meinen Schreibtisch zieren sollen?


Fangen wir mit dem Letzten an. Was mich sehr überrascht und extremst gefreut hat, war die Kollegialität - nicht nur hinter (in der Neanderkirche eher neben) der Bühne, sondern schon beim Workshop: Die Neugier auf die Texte der Kolleg_innen, der Spaß miteinander und das gute Gefühl, gemeinsame Sache zu machen. Dieses schöne Gefühl umgibt das Projekt "Predigt und Poetry Slam" insgesamt, übers Internet waren schon vorher Reaktionen von Pfarrer_innen gekommen, auf die bisherigen lyrischen Versuche auf der Kanzel und die Reflexion darüber, die von großer Lust aufs Ausprobieren und aufs Predigen allgemein erzählten - schönere Rückmeldungen habe ich eigentlich noch nie bekommen, und wenn das der Effekt ist, dann, bitte, Leute: Probiert aus, tobt euch aus - und teilt es mit anderen! Vielleicht ist diese Freude über die gemeinsame Arbeit an Sprache und Wörtern übers Internet und mit der damit verbundenen räumlichen Distanz einfacher als auf Pfarrkonventen - aber ich glaube, dass inspirierender Austausch über das eigene Predigen auch dort möglich ist, und wünsche mir, dass ich so etwas noch oft erleben darf! 

Was ich auch mitnehme, ist neues Vertrauen in das gesprochene Wort. Klar ist das unser Metier, aber manchmal nagen sie doch, die Anfragen an das Genre der Predigt in Zeiten der Clipkultur. Dass sich beides nicht ausschließt, nehme ich aus den Reaktionen auf die Videos vom Preacher Slam mit, die in sozialen Netzwerken von den verschiedensten Leuten kommentiert und geteilt werden und damit dazu veranlassen können, die Mauer von Skepsis, die institutionelle Religiosität in der Postmodernen umgibt, zu durchbrechen. Ich nehme auch größere Freiheit mit im Blick auf das Experimentieren mit Sprachstilen, Genres, Färbungen, Tonfällen - neben allem anderen ist das, zumindest für mich, eine gute Übung, von einem salbungsvollen Kanzelton wegzukommen. Und mehr Mut zum Fragment. Denn es bleibt ja nicht aus, dass in poetischer Sprache bestimmte Dinge ungesagt, bestimmte Aspekte unbedacht bleiben - und sich gleichzeitig Räume öffnen, die die Zuhörenden im Idealfall zum eigenen Nachdenken und Nachspüren ermutigen, zu eigenen Begegnungen mit dem Wort und - jetzt fange ich an zu träumen - zum eigenen Formulieren, Dichten, Ausdruck. Christian Lehnert sagt dazu sehr schön: "Gedichte entstehen dort, wo die Sprache versagt, wo ich nichts mehr sagen und doch nicht schweigen kann." Eine nicht zu leugnende Erfahrung vom Preacher Slam ist auch, dass auch die Texte von Pfarrer_innen nach ihrem Unterhaltungswert gemessen werden. Ich glaube nicht, dass sich letzten Endes daran entscheidet, ob eine Predigt gut ist oder schlecht - sehr wohl aber, ob Menschen besser zuhören können oder nicht. Eindrücklich war auch die Erfahrung, ohne Kanzel und Talar, ohne architektonischen und textilen Schutz, für das, was man zu sagen hat, einzustehen und, damit verbunden, Subjektivität zu wagen. Ich glaube ja immer noch, dass es beim Predigen und im Gottesdienst auch etwas Objektives gibt, das von außerhalb unserer Verfügbarkeit und Erfahrung auf uns trifft, aber ich möchte auch ernst nehmen, was einige Gemeindeglieder neulich beim Predigtnachgespräch sagten: "Mich interessiert, was Dir der Text bedeutet - um mich dann auf meine eigene Weise davon ansprechen zu lassen." Die Überlegungen von Manfred Josuttis zum "Ich" auf der Kanzel sind gerade in dieser Hinsicht für mich noch einmal ganz neu interessant geworden. Schließlich nehme ich auch die Frage nach der Performance mit. Auch die Predigt will gestaltet sein, Andrea Bieler und Hans-Martin Gutmann schreiben (und bringen damit einen großen Teil meiner Gedanken ganz zielgerichtet und wunderbar auf den Punkt):
"Die Predigt existiert nur im Augenblick ihrer Performance. Sie kann auch nicht jenseits leiblicher Ausdrucksform erfasst werden. Als Text ist sie nur Manuskript. Predigen ist eine verbale, somatische Handlung, in der mittels der Modulierung der Stimme und der Bewegung des Körpers etwas gesagt wird. Im leblichen Sprechen werden Informationen vermittelt. Jedoch nicht nur Informationen, sondern auch Metaphern, Bilder, Poetisches, durch die wir Dinge über Gott und die Welt sagen, die nur so und nicht anders gesagt werden können. [...] Predigerinnen ringen in einer Welt, die in öffentlichen Diskursen dem instrumentellen Sprachraum die Vorherrschaft lässt, um den Raum medialer Sprache, sie formen Hoffnung auf das Kommen Gottes und die Auferstehung des Fleisches in konkrete Erzählungen; sie gießen das Vertrauen in die Rechtfertigung des "Überflüssigen" in narrative und poetische Formen; sie artikulieren die Klage über die unerlöste Kreatur und darin bringen sie auch die Welt der nackten Tatsachen zur Sprache."
(A. Bieler, H.M. Gutmann, Rechtfertigung des "Überflüssigen". Die Aufgabe der Predigt heute, Gütersloh 2008, 222f.)

Wie geht's weiter?

Jahaa, gute Frage. Für mich persönlich natürlich mit den oben gestellten Fragen und Weiterdenksportaufgaben, mit der wahrscheinlich nie endenden, sondern immer nur an Zwischenstationen ankommenden Suche nach Ausdrucksformen, die dem grundlegenden Paradox der Predigt (Karl Barth still rulez!) und den Anforderungen einer postmodernen Gottesdienstgemeinde gerecht werden. Und ich freue mich, in den nächsten Wochen mir ein paar Slams aus Publikumssicht anzugucken. Ende Mai geht es zum Predigt-Slam-Workshop ins Zentrum für evangelische Predigtkultur nach Wittenberg.

Und, ganz aktuell und vielleicht das Spannendste: In unserer Gemeinde wollen wir die Verse schmieden, solange sie heiß sind. Und wagen ein Experiment am 23.3. um 18 Uhr in der Christuskirche in Köln-Dellbrück: Gottesdienst meets Poetry Slam oder, besser, Spoken Word (weil wegen Bewertung und so): Klavier und Schlagzeug statt Orgel, gestraffte und offenere Liturgie, und die Predigt besteht aus mehreren fünfminütigen Texten, die verschiedene Leute zu einem vorgegebenen Bibelvers (angepeilt ist: "Und Gott sah, dass es gut war.") geschrieben haben und performen. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen - stay tuned, das wird nicht das Letzte gewesen sein, was hier zu dem Thema gesagt worden ist. Und wer sich selbst der Herausforderung stellen will, wende sich vertrauensvoll an mich!

Und zum guten Schluss - natürlich ein kleiner Eindruck für all diejenigen, die nicht dabei waren oder es gerne nochmal sehen wollen. Mit herzlicher Empfehlung auch der anderen tollen Texte und Menschen. Viel Spahaß!


Donnerstag, 6. Februar 2014

Eine Frage:

Was ist eine gute Predigt?

Montag, 3. Februar 2014

Selbstversuch SlamPredigt - Rückblick, Ausblick, Seeblick.

Joar, da hat die Gemeinde aber mal was erleben dürfen: Poetryslampredigt auf der ganz normalen Sonntagskanzel. Hollarididudeljö, möchte man mit Loriot sagen (zweites Futur bei Sonnenaufgang). Das Texten und, vielmehr natürlich noch, das Performen war schon eine spannende Sache, ebenso die Reaktion der Leute, und in dieser ungefähren Reihenfolge notiere ich jetzt einfach mal meine Beobachtungen, Erfahrungen und Fragen:

DAS TEXTEN.


(c) Marvin Siefke / pixelio.de
Die Idee war ursprünglich gar nicht, auf der Kanzel Poetry Slam zu spielen, dafür kenne ich Genre und Szene zu wenig, fand ich. Irgendwie kam es aber dann doch dazu, als ich in der Predigtvorbereitung zu Mk 4,35-41 an der Frage der Jünger hängen blieb: "Wer ist er eigentlich?" Die Frage finde ich berechtigt und (zumal im christologisch-dramaturgischen Duktus des Markusevangeliums) interessant, weil sie sich doch eigentlich jedem aufdrängt, der irgendwas mit dem Christentum zu tun hat. Und dann war da irgendwo im Hinterkopf ein Versfragment, ein einsam klingendes Reimpaar (ich tippe auf Revoluzzer-Tempelputzer), und damit war das Fabulieren auch schon in vollem Gange. Und es passte dann auch inhaltlich/dramaturgisch gut, am Anfang eine Kaskade von Jesusbildern und christologischen Hoheitstiteln auf die Hörer_innen einprasseln zu lassen und die inhaltliche Herausforderung von 2000 Jahren Christologiegeschichte durch eine akustische wiederzugeben. Relativ schnell war auch der Gedanke da, sich an den Verben weiterzuhangeln, mich also an dem in der Geschichte geschilderten Handeln Jesu zu orientieren (narrative Christologie!) - immerhin ist es ausdrücklich er, der die Handlung in Gang setzt. Zwei weitere Aspekte, die mir im Kopf herumschwirrten und zwar nicht unbedingt expressis verbis genannt wurden, aber im Hintergrund tatkräftig mitgearbeitet haben, sind die deutlich exorzistische Kolorierung des Rettungswunders und der Ansatz der Pyrotheologie (putziger Name). Relativ schnell war dann auch der erste Teil fertig - ich hatte, in Nicol'scher Diktion, einen Move. Einen Move. Für einen sechsminütigen Slambeitrag oder eine Kurzandacht hätte der vielleicht sogar ausgereicht, aber ich hatte eben noch gute zehn Predigtminuten zu füllen. Also war für mich erst einmal wieder aktiver Konsum angesagt, und ich verbrachte einige Stunden bei youtube auf der Suche nach Anregungen.     

HÖREN, SEHEN, LERNEN UND ABGRENZEN.


Den Wissenschaftler in meinem Kopf kann und will ich ja gar nicht so richtig ausschalten, und wenn ich mir an die fünfzig Poetry Slam-Videos angucke, neige ich natürlich zum Analysieren, Systematisieren, Typisieren - und im Moment übrigens auch, curse you, poets!, zum Reimen. Ich will mich gar nicht groß in Milieustudien vertiefen, und meine Beobachtungen sind sicherlich nur bedingt repräsentativ. Ein paar wiederkehrende Dinge fallen mir auf: Es gibt offenbar Schablonen, stilbildende Vortragsarten. Eine bestimmte Art von Sprechgesang assoziieren auch einige, die sich nicht viel in der entsprechenden Szene rumtreiben, mit Poetry Slam. Mich interessieren mehr die narrativen Texte - die klingen, selbst wenn sie auswendig aufgesagt werden, oft und wahrscheinlich bewusst wie abgelesen. Das finde ich spannend, und wenn ich demnächst daran denke, werde ich mal irgendwo in Fachzeitschriftendatenbanken suchen, ob sich nicht die Erzählforschung schon dieses Phänomens angenommen hat, merke aber: Für mich ist Erzählen etwas anderes als Vortragen

Was mir auch vor allem bei den anfänglichen Selbstpräsentationen auffällt, ist eine Neigung zum understatement in Sprache und Gesamtauftreten, die im krassen Gegensatz zu der manchmal virtuosen Wortakrobatik steht. Dazu gehört auch eine modische Uniformität - und wenn Kleider wirklich Leute machen, bin ich schon lange ein Slammer, denn ich besitze gleich mehrere Kapuzenpullis, Beanies und Jeans sowie den einen oder anderen RiesenmonsterstrickschalinSchlangeKaaGröße. All das scheint zur notwendigen Grundausstattung zu gehören. Und ich frage mich, oder, ich sag's besser gleich, bin mir ziemlich sicher, dass die Glaubwürdigkeit der Vortragenden beim Publikum viel mit den fast ritualisiert erscheinenden Demonstrationen zu tun haben: "Ich bin Eine_r von Euch". Und da komme ich ans Grübeln und bin mir fast sicher, dass ich bei der Zielgruppe von Poetry Slams, sollten sie sich mal in einen Gottesdienst verirren, schon durch meine gottesdienstliche Arbeitskleidung verloren habe, noch bevor der Kanzelgruß fertigdeklamiert ist - vielleicht, weil ich im Talar so wenig von mir preisgebe.

(c) maedchenschatz.blogspot.de

Ich gucke und gucke und lerne viel, spreche halblaut manche Dinge nach, variiere, probiere aus, erfinde lustige Wörter, habe zwischendurch tierischen Spaß und erinnere mich selbst daran, dass ich immer schon anregen wollte, eine Must-Read-Liste für Prediger_innen zusammen zu tragen, um bei Großmeister_innen der Gegenwartssprache und Erzählkunst (wer's wissen will: Wiglaf Droste, Sibylle Berg, Max Goldt, Walter Moers) zu lernen. Und überhaupt sollten mehr Leute Peter Fox hören.

Aber ich schweife ab. In einer Doku zum Thema werden drei Grundsätze genannt: Spontaneität - Subjektivität - Kompromisslosigkeit. Dass der erste und der letzte immer so lupenrein befolgt werden, zweifle ich spontan und kompromisslos an. Aber der zweite... joar, auf jeden Fall. Subjektiv, sicherlich manchmal auch ein bisschen selbstreferenziell und nabelschaufreudig. In dem Zusammenhang fällt mir auch ein, dass ich wenige bis keine Zitate höre, oder wenn, dann nur solche, die ich nicht als solche erkenne. Und hier sehe ich schon einen grundlegenden Unterschied zur Predigt, die ja in aller Regel nicht eine freie Aneinanderreihung von Gedanken und Befindlichkeiten zu einem Thema eigener Wahl ist, sondern sich, mal ganz allgemein gesprochen, auf eine literarische Vorlage mit irgendwie normativem Charakter bezieht. Wie wirkt sich das auf die sprachliche Gestalt meiner Predigt aus? Die Frage ist für mich tatsächlich offen.

WEITER: TEXTEN.


Ich entscheide mich, weil ich in der Predigt ja die Zeit habe, Passagen mit unterschiedlicher Dynamik, Covers und Remixes von Stilen, die mir gefallen haben, einfließen zu lassen. Den Aufzählungstext am Anfang, etwas Stand-Up-Anekdötchenhaftes in der Mitte, engagiertes Reimen mit subjektiver Note und einem "Baby, Du bist Du"-crescendo zum Ende hin. Und stelle fest: Dann passiert da aber ganz schön viel, holla. Und Arbeit macht's auch, aber ich habe Spaß in Tüten, wälze, zum ersten Mal bei einer Predigtvorbereitung, Reimlexika, forsche nach Synonymen, tauche hier und da in einen flow, finde eine gute Balance zwischen den Forderungen "Liebe deinen Text" und "Kill your darlings". Ab und zu flattern Mahnungen aus alten Predigtlehrbüchern auf meinen Schreibtisch, die vor dem Fabulieren warnen, vor der eitlen Freude an der eigenen Sprache. "Rhetorik ist fremdes Feuer auf Gottes Altar", solche Sachen. Neenee, halte ich entgegen, ich sitze ja nicht da und freue mich wie ein Schneekönig über meine ach-so-gelungenen Formulierungen (naja, nicht nur zumindest), sondern ich ringe ja um eine angemessene Sprache, um (Barmen!) die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Also bitte. Natürlich haben die Altvorderen auch recht, wenn sie vor der Gefahr des Herumlaberns warnen. Aber ich nehme mir dann vor, genau das eben nicht zu tun. OK?
Erwähnte ich schon das mit dem Spaß? Ja, achso, naja, aber es sei nochmal gesagt: Ich habe lange nicht mehr so intensiv an einzelnen Formulierungen gefeilt, immer wieder umgestellt, Nuancen verändert, herumgefrickelt, hab' ausprobiert, aussortiert, austariert und wegradiert... und es fängt schon wieder an - curse you, poets!
Zwischendurch lese ich Partien laut, sitzend, stehend, rumlaufend, probiere verschiedenen Tempi, verschiedene Tonlagen und Pausen durch, und merke ganz deutlich: Er will raus. Der Text drängt zur Performance.

Günther Gumbold / pixelio.de

DIE PERFORMANCE.

Jahaaa. Zum ersten Mal seit meiner allerersten Predigt habe ich Vortragsanweisungen in meinem Manuskript stehen. Pausenzeichen, Unterstreichungen, Bögen, Haken, Ausrufezeichen, Klammern, kleine Männchen mit großen Gesten (für das Feeling). Vor der Performance aber kommt die Anmoderation, das Warming-Up mit dem Publikum. Das ist im Gottesdienst anders als beim Slam, ich habe mit den Leuten ja schon gesprochen. Aber ich erkläre doch kurz, dass die Predigt etwas anders wird als sonst (weil ich auf Fortbildung war - in den ersten zwei Minuten darf man kalauern, habe ich irgendwo gehört oder selbst entschieden), erzähle ein bisschen zum Thema Poetry Slam und bitte die Leute, wie das Publikum in den slammenden Kneipen und Diskos zu bewerten: Kann das was? Lohnt es sich, da weiterzumachen? Hat mir das gefallen? Und so weiter. Gerne am Ende des Gottesdienstes. Die Konzentration ist enorm, kein Mucks ist zu hören. Ich lese den Bibeltext, dann meine christologische Kaskade - und stelle fest: Das Setting verändert Vieles. Der Talar, die Kanzel, ein Mikrofon, das man sich fast hinter die Backenzähne klemmen muss und das einem nicht wirklich viel Freiheit lässt und dann doch wieder zum lauten Deklamieren verführt und letzten Endes zwischendurch ausfällt. Ich merke auch so eine Tendenz zum Ausbalancieren: Wollte ich bei der Performance eigentlich die einzelnen Teile deutlich voneinander absetzen, klingt es bei nochmaligem Kontrollhören doch sehr ausgeglichen und alles einander ähnlich. Das führt etwa dazu, dass die Reaktion auf lustige Passagen eher verhalten ist, weil viele noch an anderen, dichteren Stellen zu hängen scheinen. Auch das mit den langen Sätzen gelingt mir nicht so richtig - was das angeht: Mir ist aufgefallen, dass in manchen Texten bei Poetry Slams stellenweise sehr lange Sätze vorkommen, was auf der Kanzel und bei allen anderen Gelegenheiten eigentlich als no-go und Zumutung für die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörenden gilt. Wenn aber vereinzelt solche langen Sätze kommen, dann werden sie lustvoll zelebriert, durch bewusste Überphrasierung in ihre Bestandteile zerlegt und dem Publikum zugänglich gemacht, der Slammer inszeniert sich als Führer durch ein Dickicht aus verschlungenen Pfaden. Das hat was, definitiv. Sollte aber, finde ich, wie jedes Stilmittel nur dann eingesetzt werden, wenn man begründen kann, warum man es an dieser Stelle zu brauchen meint. Genauso wie fast gerappte Passagen, die großen Spaß machen und auf der Kanzel eine Dynamik reinbringen, wie sie dort sonst selten vorkommt.

Was den Kontakt zu den Zuhörenden angeht, bin ich mir unsicher. Ich merke, dass ich stärker am Manuskript klebe als sonst, introvertierter bin - und dass die sechs Minuten, auf die sich deutsche Poetry Slammer_innen begrenzen, wahrscheinlich schon eine Art Obergrenze markieren. Andererseits: Die Gemeinde ist extrem konzentriert, man merkt den Leuten an, dass sie zuhören wollen - was, glaube ich, auch mit der informellen Begrüßung am Anfang der Predigt zu tun hat, zumindest legt ein Teil der Rückmeldungen das nahe:

FEEDBACK.


Vorneweg direkt gleich mal: Es lohnt sich total, die Gemeinde einzubeziehen. In meiner Anmoderation (die ich beim nächsten Mal etwas kürzer und weniger apologetisch halten würde) habe ich von einem Experiment und Wagnis gesprochen und um Rückmeldungen gebeten. Die Verabschiedung an der Kirchentür nach dem Gottesdienst dauert weitaus länger als sonst, weil sehr viele Leute etwas zu sagen haben. Und das nehme ich, unabhängig von dem Slam-Experiment, mit: Es ist gut, die Leute mit ins Boot zu holen. Eigene Unsicherheit zuzugestehen (ohne sich gleich prophylaktisch für den Auftritt zu entschuldigen), die Menschen als die kompetenten Hörer_innen anzusprechen, die sie sind, und sich mit ihnen gemeinsam auf einen Weg zu machen - in unserem Fall auf die Suche nach angemessenen neuen Formen der Verkündigung. 
Denn das liegt Vielen offensichtlich sehr am Herzen. Die meisten Rückmeldungen sind überaus positiv - true story: Der Gesamttenor ist sogar weitaus positiver, als ich das erwartet hätte. Die einzelnen Statements sind dabei ausgesprochen differenziert, stark auf das eigene Erleben bezogen, bieten aber auch Vorschläge zur Performance, sind sehr konstruktiv und irgendwie... solidarisch. Alle sind sich einig, dass die Kirche aktiv nach neuen Formen der Verkündigung suchen muss und dabei auch kreativ mit Sprache spielen darf - bei dem doch tendenziell eher höheren Altersdurchschnitt dieser Gottesdienstgemeinde hätte ich das nicht für selbstverständlich gehalten, lasse mich aber wieder einmal eines Besseren belehren. Wahrscheinlich hatte der niederländische Kollege recht, der uns im Sommer sagte: "Nicht die Jungen sind die Flexiblen, sondern die Alten!"
Viele haben sich selbst als sehr konzentriert beim Hören wahrgenommen, auf meine Rückfrage hin, ob sie es zu anstrengend fanden, verneinen die meisten aber, der Tenor geht eher in die Richtung: Dafür kommen wir irgendwie doch auch hierher. Sehr positiv gewürdigt wird auch der Verzicht auf typische Kanzelsprache (deren Anteil ich beim Hören doch stärker finde als erhofft).
Die meisten kritischen Anmerkungen beziehen sich auf den Umgang mit dem Mikrofon, stellenweise sei in manchen Teilen der Kirche nichts zu hören gewesen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches in dieser Kirche, und ich würde mir wünschen, die Gemeindeglieder hätten mehr Mut, sich bemerkbar zu machen.
Manche überlegen aber auch in eine ähnliche Richtung wie ich, halten die Kanzel tendenziell für ungeeignet und schlagen das Mikro im Altarraum vor (das auch weitaus besser funktioniert) - "dann können Sie viel mehr mit dem ganzen Körper arbeiten". 

Mir fällt noch einmal der Umgang mit der Publikumswertung bei Poetry Slams ein: Die höchste und die niedrigste Punktzahl werden nicht mitgezählt, um Parteilichkeiten, Unpässlichkeiten und Grundsatzkonflikte nicht allzu viel Einfluss zuzugestehen. Eine einzelne Rückmeldung ist nur negativ, wird aber, das finde ich sehr hilfreich, äußerst wertschätzend vorgetragen. Der/die Betreffende würdigt den Wortwitz, findet aber, dass die "Botschaft" oder der "Inhalt" dahinter gänzlich zurückgetreten sei. Die ihm/ihr Nachfolgenden widersprechen energisch, aber ich möchte die dahinter stehenden Befürchtungen und die Sorge um die inhaltliche Qualität der gottesdienstlichen Predigt sehr ernst nehmen, und gleichzeitig in der Zusammenfassung der Rückmeldungen nicht überbewerten. Denn es scheint mir hier um eine grundsätzliche Anfrage an ungewohnte (unerhörte?) Predigtformen zu gehen. Solche (höflich ausgedrückt) "grundsätzlichen Anfragen" habe ich selbst auch - wenn ich in einem Gottesdienst zum Beispiel mit einer Sprechmotette belästigt werde, dann werde ich diesen Gottesdienst blöd finden, egal, was da sonst noch alles gelaufen ist. 

Unterm Strich: Die allermeisten Rückmeldungen waren wirklich positiv, und ich gehe mit einem warmen Gefühl nach hause. Nicht, weil ich meine eigene Performance so gediegen fand, sondern weil ich davon gerührt bin, wie sehr unsere Gemeindeglieder bereit sind, mit uns Predigenden unterwegs zu sein, wie sehr auch sie von Fragen um die Zukunft ihrer Kirche bewegt sind. Und das macht mir Mut, mich auch mit unfertigen Gedanken und Formen auf die Kanzel zu stellen.


MEIN FAZIT.

In einem Satz? Ich würd's wieder tun. Und werde es auch, am nächsten Sonntag. Ein Gottesdienstbesucher stellte fest, dass der Text von gestern (Mk 4) für so eine Art der Performance nun auch auch sehr geeignet sei. Jetzt am Sonntag ist der zweite Petrusbrief dran - ich seh mal, was der kann. Ich werde mir auch überlegen, ob ich nicht die Kanzel verlasse. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jede Sonntagspredigt jetzt so sein kann und soll - darum ging es ja von Anfang an auch gar nicht. Aber ich möchte mich weiter inspirieren lassen von den Wortkünstler_innen der Slam-Bühnen. Und ich überlege im Hinterkopf, ob man da nicht ein Format für Jugendgottesdienste draus entwickeln kann, drei Slammer_innen, die zu jeweils einen eigenen Text zu einem vorgegeben Thema oder Bibelvers performen. Nicht als die bereits bekannte Form "Pfarrer_innen gegen Poetryslammer_innen", sondern als genuine Predigtform. Mal sehen, wo die Gedanken noch hinwollen. Hintergrund dieser Überlegungen ist auch, dass mich generell frage (gut reformiert möchte ich ja die Liturgie immer der Predigt unterordnen), welcher liturgische Rahmen da passen würde.

Den oben hinterfragten "Zwang zur Subjektivität" finde ich bei näherer Betrachtung gar nicht so schlimm. Als Prediger kann ich mir ein bisschen Freiheit davon gönnen, indem ich relativ viel zitiere, parafrasiere, parodiere, mich auf Bewährtes stützen kann - und ich finde, dass so Worte aus der Tradition, Gesangbuchverse, aber auch Bibeltexte (schon allein so eine Wortkette wie "Wunder-Rat! Gott-Held! Ewig-Vater! Friede-Fürst!" drängt ja zur Performance!) noch einmal neu zu Gehör gebracht werden können. 
Das Gebot der Subjektivität bringt mich aber auch dazu, persönlich zu werden. Das ist immer ein Balanceakt, weil es immer auch die Gefahr gibt, zu privat und damit für die Zuhörenden entweder belanglos oder übergriffig zu werden, aber das Problem scheint es beim Poetry Slam auch zu geben. Und es ist ja durchaus bekannt, das Predigthörende auch die persönliche Auskunft der/des Predigenden darüber schätzen, wie er oder sie den Glauben im Alltag lebt - oder auch daran scheitert. In oben erwähnter Doku findet Maximilian Humpert, selbst sehr profilierter Slammer aus Remscheid, es "generell immer gut bei Slams, wenn Leute persönlich werden. Ich mag das einfach, wenn man merkt, dass die Leute das gerade wirklich so meinen, weil [...] wenn sich etwas echt anfühlt, dann berührt mich das mehr [...] und ich freue mich darüber, wenn Leute sich das trauen.

Wie bereits weiter oben erwähnt, glaube ich, dass das Maß an Authentizität, das die Besucher eines Slams den Performenden zusprechen, stark von der Selbstanmoderation und dem Vortragsstil abhängen. Ich glaube, dass viele dieser Sprachformen schon eine gewisse Stufe der Ritualisierung oder (im nur gut gemeinten Sinne) Schablonisierung erreicht haben und bestimmte Wendungen oder Klangmuster direkt am Anfang den geneigten Zuhörenden signalisieren: Jetzt wird es echt und bedeutsam. Und bei mir wirklich offen ist da die Frage nach liturgisierten Grußformeln. Ich ahne eine Relevanz, eine spezifisch theologische Form des understatements darin, dass man sich als Prediger_in das erste Wort nehmen lässt und, zumindest formelhaft, der Bibel den Vortritt lässt. Aber ich frage mich auch, ob es nicht Menschen gibt, für die man sich gerade damit von vorneherein disqualifiziert. Auch deswegen bin ich schwer dafür, mit Sprachformen, Tonfällen und Vortragsweisen zu experimentieren.

Was mich auch noch begleitet, ist die Frage nach dem Open-Mic-Prinzip der meisten Slams (Meisterschaften ausgenommen): Wer kann, der darf. So etwas fehlt bei uns schlicht und ergreifend. Wenn ich mir das endlose "Zeugnisgeben" in manchen Freikirchen anhöre, finde ich das auch gar nicht schlecht - aber der Grundsatz beim Poetry Slam, auch unbekannten Autor_innen und Talenten eine Bühne zu geben, lässt mich doch noch einmal erneut fragen, wie es denn um unser Priestertum aller Gläubigen im Gottesdienst eigentlich bestellt ist.

Und zum Abschluss: Ich predige gern. Sehr gern sogar. Und ich mag es, mit einem biblischen Text unterwegs zu sein, damit zu ringen, zu sehen, was er mit mir und ich mit ihm mache. Und doch habe ich seit langem nicht mehr mit so viel Spaß an einer Predigt gesessen. Das war richtig Arbeit, und andere Dinge sind dafür liegen geblieben. Aber, hey, das finde ich dann irgendwie auch wieder angemessen. Ich würd's wieder tun.