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Mittwoch, 28. Februar 2018

Wenn dein Kind dich morgen fragt...

Preacher-Slam-inspirierter Wortbeitrag zum Eröffnungsabend der ZEIT-Konferenz "Die Zukunft der Religion" am 23. Februar in der Hamburger Hauptkirche St. Petri


Mein heutiger Beitrag zur interreligiösen Verständigung 

Hamburg. Steindamm, St. Georg, heute Nachmittag gegen 16 Uhr. Auf der Straße stehen Christen einer bestimmten Couleur und wollen missionieren. Muslime aus einem ähnlichen Milieu und mit selbiger Absicht gesellen sich dazu. Als ich aus dem Dönerladen komme, kommen zwei auf mich zu und werden fast handgreiflich darüber, wer mich als erstes bekehren darf. Beide sehen meinen dringenden Bedarf bestätigt, als ich meinen Beruf verrate. Es reicht, Pfarrer im Rheinland zu sein und damit in einer Kirche zu dienen, die nicht nur die Frauenordination, sondern auch die Trauung und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften praktiziert. Ich so: "Okay... wenn euer Glaube gegen predigende Frauen und Schwule und Lesben ist, bin ich definitiv raus - ich kann mir den Himmel ohne sie überhaupt nicht vorstellen." Nacn zehn Minuten verabschieden wir uns voneinander, die beiden sind sich in fast rührend brüderlicher Weise absolut einig, dass ich auf jeden Fall in die Hölle komme... #truestory

Wenn dein Kind dich morgen fragt...

Ich soll etwas zum Abendland erzählen. Das fällt mir schwer, denn in der Bibel findet man, anders, als viele das gerne hätten, nichts darüber. Aber ich stolpere über etwas anderes, über eine alte Kirchentagslosung: Wenn dein Kind dich morgen fragt... (Dtn 6,20).

Wenn dein Kind dich morgen fragt nach diesem legendären Land, das einst im Meer versank - willst du ihm dann von Atlantis erzählen? Oder von Holland?! Willst du erzählen, wie ihr an Feiertagen nach Venlo zum Einkaufen oder Frikandelessen gefahren seid, und wenn dein Kind dann fragt: "Was sind denn Feiertage?!" - willst du dann erklären: "Das waren Tage, an denen man nicht arbeiten musste". Und willst du, dass dein Kind dann entgeistert fragt, ob wir denn damals nicht wussten, was ein Bruttoinlandsprodukt ist?

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, können wir ans Meer fahren?", willst du dann sagen: "Aber ja, Dortmund ist ja nicht weit, und der Strand ist sehr schön. Oder der Harz! Da hat man Berge und Meer. Der Harz ist wie Korsika!" Aber Korsika kennt ja schon keiner mehr... 

Und wenn dein Kind dich morgen fragt, ob das eigentlich wirklich so ganz plötzlich gekommen ist, das mit dem Klimawandel, willst du dann sagen: "Eigentlich wollte ich demonstrieren gehen, aber es gab da keine Parkplätze"? Oder: "Das Biofleisch war so teuer, 10 EUR das Pfund Mett, da hat man zur Happy Hour eine Shisha und zwei Cocktails für bekommen!"?

Wenn dein Kind dich morgen fragt, woher eigentlich die kleinen Kinder kommen, willst du dann anfangen von Bienchen und Blümchen, und wenn dein Kind dich dann verständnislos anguckt und fragt: "Bienchen? Blümchen? Was ist denn das?", willst du dann sagen: "Es war einmal..." und von Glyphosat anfangen und dann müde abwinken und es weiter youporn gucken lassen?

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, warum habt ihr eigentlich diese oder jene Haar- und Augenfarbe und dieses oder jenes Geschlecht für mich ausgesucht?" - willst du dann sagen: "Das war halt gerade im Angebot?"

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, ich habe mein bilinguales Abitur in der Tasche und einen Studienplatz für International Business, aber keine Haare am Sack - ich bin dreizehn! Ist das der Sinn des Lebens?", willst du ihm dann erzählen von geheimnisvollen Schulfächern wie Kunst, Musik, Sport, Reli oder Deutsch, von Freistunden, die ihr im Oberstufenraum abgehangen habt, von endlosen durchdiskutierten oder einfach nur durchsoffenen Nächten in Studentenkneipen, von Auslandssemestern komplett ohne Scheine, dafür aber mit Freunden fürs Leben und der einen oder anderen dekorativen Narbe in Haut und Herz? Und bist du sicher, dass dein Kind auch nur ein Wort versteht von dem, was du ihm da erzählst? 

Und wenn dein Kind dich morgen fragt: "Papa, wer war eigentlich Dietrich Bonhoeffer?", willst du dann sagen: "Das war ein Widerstandskämpfer im Dritten Reich..."? Und wenn dein Kind dann mit großen Augen fragt: "Widerstand... aber wogegen denn?", willst du dann nochmal anfangen und sagen: "Das war ein Pfarrer." Und wenn dein Kind dann fragt: "Was waren denn Pfarrer?", willst du dann sagen: "Das waren Leute, die in Kirchen saßen und darauf warteten, dass Leute reinkommen"? Und wenn dein Kind dann fragt, was denn Kirchen sind - willst du dann sagen: "Unten am Marktplatz steht eine, da, wo der Applestore drin ist"?

Wenn dein Kind dich morgen fragt, warum man unser Land eigentlich das Land der "Richter und Henker" nennt, willst du dann anfangen und sagen, das hätte was mit den Kommentarspalten im Internet zu tun, oder mit Germany's Next Topmodel? Und dann innehalten, weil es doch eigentlich "Tischler und Banker" heißen müsste, oder, nein, es heißt: "Dichter und Denker" - und willst du, dass dein Kind dann sagt: "Ah... Mario Barth und so, ne?"

Und wenn Du den Herrn Jesus fragst, was er eigentlich mit diesem "christlichen Abendland" zu tun hat, kannst du dann hören, wie es im Himmel leise kichert? Weißt du dann noch, dass es heißt: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid", und nicht: "Bitte ERST die Leute aussteigen lassen!"? Und dass er gesagt hat: "Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird nimmermehr dürsten", und nicht: "Draußen nur Kännnchen!" oder "Das Wasser des Lebens gibt's nur noch von Nestlé"? Und dass es immer noch "Karwoche" heißt, niemals "Kehrwoche"?

Wer weiß das schon... Aber wenn du ihn fragst - eins wirst du vielleicht hören: 

Wenn dein Kind dich morgen fragt - was willst du ihm erzählen? Das entscheidest du. Heute.

Sonntag, 26. Juni 2016

Wenn Jungs "anders" sind - Josef und Billy Elliot



Wenn Jungs anders sind.
Das ist so ein Thema, mit dem manche Eltern sich an ihren Pfarrer wenden.
Oder an den Hausarzt.
Eltern, die sich Sorgen machen um ihr Kind, Angst haben vor dieser Welt und den Wunden, die sie für die bereithält, die anders sind.
Eltern, die wütend sind, weil ihr Junge andere Wege geht, Wege, die sie nicht verstehen, nicht kennen, nicht gut finden. 

Durham, englischer Nordosten, 1984. Weit weg von Kathedrale und Universität liegen die engen Bergarbeitersiedlungen, winzige Einfamilienhäuser, 70 m² auf drei Etagen, eng an eng gepresst, roter Backstein, dazwischen Beton, Klo in einem kleinen Verschlag auf dem Hinterhof. Das Straßenbild ist wie das Klima ist wie der Dialekt, rau und unverputzt. Ein spindeldürrer Junge, neun, vielleicht zehn, turnt durch eine winzige, bis unters Dach verdreckte Küche. Man sieht, dass hier nur Männer wohnen, oder fast. In einer Ecke stehen selbstgemalte Streikschilder: Thatcher Raus, Nicht aufgeben! Der Junge, Billy Elliot, hievt einen Topf mit Eiern vom Gasherd, fängt verkohlte Toastbrotscheiben aus der Luft, balanciert alles auf einem Tablett, schiebt mit dem Kopf die Tür zu einer winzigen Kammer auf, entdeckt das leere, zerwühlte Bett, flucht laut auf, lässt das Tablett fallen. Krachend fällt die Tür ins Schloss. Er rennt durch die engen Straßen, im Zickzack zwischen Gartenzäunen und Briefkästen, unter Wäscheleinen her, um eine Ecke und hinaus auf eine überwucherte Wiese am Fluss. Dort steht eine ältere Dame im Nachthemd, sieht sich verwirrt um. Komm, Oma, sagt Billy Elliot, nimmt sie behutsam in den Arm und führt sie nach Hause. „Ich wollte Ballettänzerin werden“, erklärt sie aufgekratzt. „Jaja, Oma, wir gehen nach Hause“, sagt er. Im Hintergrund kommen auf einer Brücke mit quietschenden Reifen mehrere Mannschaftswagen zum Stehen, Polizisten in Krawalluniform und mit Schutzschilden steigen aus und marschieren zum Bergwerk, wo seit einem Jahr die Bergarbeiter streiken. Wut liegt in der Luft, in erster Reihe stehen Billy Elliots Vater und sein älterer Bruder. 

Die Mutter ist gestorben und nicht mehr da. Die Großmutter dement und auch nicht mehr wirklich da. Die Frauen fehlen. Ähnlich wie bei Josef und seinen Brüdern, im Hause Jakobs. Es gibt natürlich Frauen, sogar mehrere, und das ist Teil des Problems, aber sie bleiben merkwürdig unsichtbar in der ganzen Geschichte. Und auch Josefs Mutter ist gestorben. Wut liegt in der Luft, es zündelt und knistert zwischen den Brüdern. Sowieso, weil es Haupt- und Nebenfrauen gibt, und damit auch Söhne, die dem alten Vater Jakob mehr am Herzen liegen als andere. Martin Luther sagt dazu, man solle nicht meinen, dass die alten Heiligen aus Holz oder Stein, also gefühl- und affektlos gewesen seien. Die Familie von Jakob, Lea, Rahel, Bilha und ihren Kindern Dina und den Brüdern, ist zerstritten, und wie in vielen dysfunktionalen Familien ist auch hier nicht klar, wer hier Opfer, Täter, wer Schuld und wer verletzt ist. Wahrscheinlich alle. 

Josef ist in der Brüderhierarchie als einer der jüngsten ganz weit unten, aber trotzdem Vaters Liebling. Und eine Petze, er erzählt seinem Vater brühwarm, was seine anderen Söhne über ihn reden. Jakob aber hatte Josef lieber als seine anderen Söhne, und er schenkte Josef einen bunten Rock.

Um Billy Elliots Hals baumeln braune, zerschlissene Handschuhe. Er hat sie in von seinem Vater geschenkt bekommen, und der wiederum von seinem Vater. „Trage sie mit Stolz, Sohnemann“, hat der Vater gesagt. Man redet nicht viel in der Familie Elliot, Konflikte werden bearbeitet, in dem man Türen knallt oder die Faust sprechen lässt. Missmutig trottet Billy Elliot zur Sporthalle, lässt sich in der ersten Runde niederschlagen. Trag die Handschuhe mit Stolz, brüllt der Vater, der das Training beobachtet hat, bevor er wütend rausstürmt und die Tür hinter sich zuknallt. Nach dem Boxtraining wird ein Klavier in die Halle gerollt, die kettenrauchende Miss Wilkinson hält ihre Ballettstunde. Fasziniert schaut Billy, zuerst wegen der kleinen Nachbarstochter, aber dann ist er mehr und mehr gebannt von den fließenden Bewegungen der Ballettschülerinnen. „In die Reihe mit dir“, schnauzt die Ballettlehrerin und zieht ihn an die Stange. Erst stakst Billy etwas ungelenk umher, dann beginnt er, sich in den Bewegungen zuhause zu fühlen, zieht seine Boxstiefel aus und die Ballettschuhe an, hängt die Boxhandschuhe an den Nagel und spürt zum ersten Mal: Wenn ich tanze, dann ist es so, als ob ich mich in mir selbst verliere, wie Elektrizität. Auf dem Nachhauseweg springt, tanzt, schwebt Billy Elliot über Beton und durch den Hof mit dem Klo im Bretterverschlag. Demi plié, glissade, arabesque. Und Billy Elliot verliert sich in sich selbst und träumt vom Tanzen.



Josef träumt auch, von Brüdern, die sich vor ihm verneigen, und ist so undiplomatisch, das auch noch zu erzählen. Und dann ist da dieses Kleidungsstück, das er von seinem Vater bekommen hat. Wir wissen nicht genau, was das für ein Rock war. Ein bunter Rock vielleicht, oder einer mit langen Ärmeln, auf jeden Fall ein wertvolles Kleidungsstück, das nicht für die Feldarbeit geeignet ist. Was wenige Ausleger sehen: Das Wort, das hier benutzt wird, kommt auch an einer anderen Stelle vor, und da meint es ein Prinzessinnenkleid. 

Josef ist anders. Anders als seine Brüder, als Ruben, der Erste und Stärkste, der wie Wasser aufwallt, und anders als die anderen: Simon und Levi tragen mörderische Waffen, sind voll Zorn und Grimm, Juda ist ein Löwe, Dan eine Schlange, Benjamin ein reißender Wolf. Und Josef träumt und trägt ein Prinzessinnenkleid. Jetzt kommt, sagen seine Brüder, wir wollen ihn töten und ihn in eine der Zisternen werfen, und wir werden sagen: Ein wildes Tier hat ihn gefressen. Wir werden ja sehen, was aus seinen Träumen wird…

In der Küche der Familie Elliot, zwischen Stapeln von Geschirr und Streikschildern. Der Widerstand der Gewerkschaft bröckelt. Alles schreit, nur die Oma sitzt wie versteinert. Die Ballettlehrerin macht einen Hausbesuch und erzählt von ihren Plänen, Billy bei der Königlichen Ballettakademie anzumelden. Alle schreien, am lautesten sein älterer Bruder. Verdammt nochmal, brüllt er und seine Stimme überschlägt sich, dann tanz, tanz, verdammt nochmal, und er packt seinen kleinen Bruder und rammt ihn auf den Küchentisch. Komm, tanz für uns, höhnt er. Billy Elliot steht wie festgefroren da, und alle schreien. Bis die Ballettlehrerin aus der Küche stürmt, die Tür knallt. In der nächsten Szene sieht man Billy Elliot durch die engen Straßen tanzen. Demi plié, glissade, arabesque. 

Jungs, die anders sind, haben es nicht leicht. Die nicht, die weiblicher scheinen als andere, aber auch die nicht, die lauter, lebhafter und draufgängerischer sind als die, die man normal nennt. Den Einen sagt man: „Jungs spielen nicht mit Puppen.“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, und man winkt ihnen auf dem Schulhof mit abgeknicktem Handgelenk zu. Die einen nennt man „Schwuchtel“, die anderen nennt man „schwierig“ oder „ADHSler“, gibt ihnen Ritalin und allgemein schlechte Chancen in einem Bildungssystem, das Stillsitzen und Bravsein mit besseren Noten und Schulempfehlungen belohnt als Raufen, Schreien und Fußballspielen. 



Die großen Männergestalten in der Bibel sind auch oft anders, anders als die Gesellschaft sie gern hätte. Da sind die Depressiven – Saul, Elias, Paulus. Da sind die Alten und Schwachen – Abraham, Simeon. Da sind die viel zu Schönen – wieder Saul – und die viel zu Hässlichen, so wie Paulus. Da sind Männer, die Männer lieben – David und Jonathan und ein geheimnisvoller Lieblingsjünger im Johannesevangelium. Und da sind die, die sogar von ihrer eigenen Familie für verrückt gehalten werden – wieder David, und Jesus selbst: Und Jesu Familie machte sich auf, um ihn zu holen, denn sie sagten: Er ist verrückt (Mk 3,21). Der Jesus, der im Lukasevangelium mal als Hirte, der seinen Schafen hinterhereilt, mal als Hausfrau, die ihren Silbergroschen sucht, beschrieben wird, und von dem Paulus später schreibt: In Christus ist weder Mann, noch Frau (Gal 3). 

Wer anders ist, hat in der Bibel gute Chancen. Entweder, weil Gott ein besonders großes Herz für die Unikate unter seinen Schöpfungen hat, oder weil das enge Verhältnis zum Ewigen, das Berührtsein von der anderen Seite Menschen verändert, spürbar anders werden lässt, sodass sie es schwer haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu halten. Wer anders ist, hat gute Chancen – aber hat es nicht leicht in der Welt, die ganz eigene Wunden für die bereithält, die anders sind, Wunden, die in religiösen Kreisen oft tiefer geschlagen werden und schwerer verheilen als anderswo… Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
 
Was heißt das für uns als Gemeinde? Wie viel Platz räumen wir denjenigen ein, die „anders“ sind, die an der Norm scheitern oder sich selbstbewusst darüber hinwegsetzen? Wie sehr gestehen wir uns selbst unser Anderssein ein, unsere Abweichungen, unsere Spleens, unsere Träume vom Tanzen? 

Josef gelangt auf Umwegen nach Ägypten. Dort macht er Karriere, aber der Weg nach oben ist mit Rückschlägen, Verrat, Sex- und Machtmissbrauch und Intrigen gepflastert. Unter seiner Verwaltung wird Ägypten reich, seine Träume erweisen sich als zuverlässige Wirtschaftsprognosen und ermöglichen es, rechtzeitig Vorräte anzusammeln. Eine Hungersnot zieht über die Welt, und vierzehn Jahre nach dem Mordversuch an Josef werden seine Brüder zu Flüchtlingen und ziehen nach Ägypten und begegnen ihm dort wieder, sind verunsichert, ängstlich und haben Angst vor seiner Rache, als sie ihn erkennen. Und Josef weint und sagt: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen.“

Billy Elliot wird in London an der Ballettakademie angenommen. Vierzehn Jahre später betreten sein Vater und sein Bruder einen großen Konzertsaal, sichtlich verunsichert in der fremden Umgebung, falsch angezogen, ungewohnt. Hinter den Kulissen bereiten sich die Tänzer für den Auftritt vor. Billy Elliot ist erwachsen, athletisch, trägt weißgefiederte Hosen, ist am ganzen Körper weiß geschminkt mit einem schwarzen Streifen auf Scheitel, Stirn und Nase. Das Orchester spielt, die Töne schwellen an zu Tschaikowskis Schwanensee. Für einen Moment stockt die Musik, der Vater im Publikum hält den Atem an, zuckt zusammen: Das Orchester spielt bombastische Klänge, Streicher und Bläser in H-Moll, und Billy Elliot betritt die Bühne und tanzt, springt, schwebt, fliegt, als hätte die Schwerkraft ihn freigegeben. Und sein Vater bricht in Tränen aus. 

Und Jakob lag auf dem Sterbebett und segnete seine Söhne und sprach: Josef wird wachsen, er wird wachsen wie ein Baum an der Quelle, dass die Zweige emporsteigen über die Mauer. Von deines Vaters Gott werde dir geholfen, und von dem Allmächtigen seist du gesegnet mit Segen oben vom Himmel herab, mit Segen von der Flut, die drunten liegt, mit Segen der Brüste und des Mutterleibes. Mögen die Segnungen der ewigen Berge, die köstlichen Güter der ewigen Hügel auf das Haupt Josefs und den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern kommen. 



Wenn Jungs anders sind.
Das ist so ein Thema, mit dem manche Eltern sich an ihren Pfarrer wenden.
Vor einigen Tagen gingen die Worte einer Mutter über das Internet durch die Welt. Sie schrieb:

„Mein sechsjähriger Sohn trägt gern Nagellack. Er zieht gern Mädchenkleidung an und Tutus. Vielleicht ist das eine Phase, vielleicht auch nicht. Ich liebe ihn und akzeptiere ihn, wie er ist. Ich habe immer gedacht, dass ihn das schützt vor den Schmerzen böser Worte und vor Schulschlägern, und ich habe mir nie Sorgen gemacht.
Vor ein paar Tagen kam er nach Hause und erzählte von Kindern in der Schule, die ihn ärgern wegen seines Nagellacks, und zum ersten Mal in seinem Leben war ich nahe dran, ihn zu überreden, es sein zu lassen, diesen Teil von sich zu verstecken. Weil ich zum ersten Mal Angst hatte, er würde eines Abends niedergeschossen, wenn er mit Freunden unterwegs ist. Ich hatte solche Angst, dass ich dachte, es wäre besser, wenn ich aufhören würde, ihn in seinem Anderssein zu bestärken. Und dann dachte ich an all die Gründe, warum ich ihn so sein lasse, wie er ist. […]
Ich will, dass diese Welt sich ändert. Dass sie besser wird für ihn, ihn verdient. Weil er ein wunderbarer, großartiger Mensch ist. […] Er hat ein Leuchten in sich, das niemand auslöschen kann, so sehr das auch schon manche Menschen versucht haben. […] Gestern haben wir neuen Nagellack gekauft und Tutus getragen. Hier ist er, Welt. Sieh meinen Sohn als den wunderbaren Menschen, der er ist. Zeig ihm Liebe. Zeig ihm Respekt. Helft uns, die Welt so zu machen, dass sie ihn verdient.“

Wenn Jungs anders sind.
Das ist so ein Thema, mit dem manche Eltern sich an ihren Pfarrer wenden.
Eltern, die sich Sorgen machen um ihr Kind, Angst haben vor dieser Welt und den Wunden, die sie für die bereithält, die anders sind.
Eltern, die wütend sind, weil ihr Junge andere Wege geht, Wege, die sie nicht verstehen.
Und ich sage: Segnet Eure Kinder. Sagt ihnen:
Geh, geh hinaus in die Welt, dorthin, wo Er dich führt. Und ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen, und du sollst ein Segen sein.
Amen.

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Die Grundidee für die Predigt verdanke ich Kerstin Söderblom und ihrem Artikel auf evangelisch.de - danke dafür!

Samstag, 28. Mai 2016

Gängige Sprachkritik und spannende Biografie: Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit



„Auf Dresdens Straßen liegt das Christuskind. Totgetreten von 15.000 Demonstranten im eisig kalten Schnee. Es ist vergessen wie ein Haufen Dreck. Keiner blickt zu ihm herunter, das Volk marschiert über die zertrümmerten Knochen hinweg. [...] Das ganze Land spricht von den selbsternannten Verteidigern des Christentums im Abendlande. Doch wer wie sie den Fremden das Obdach verweigert, der ist kein Christ.“ 

Diese großen, ärgerlichen und wahren Sätze standen, soweit ich weiß, 2014 in keiner Weihnachtspredigt, aber auf dem Blog von Erik Flügge. Vielleicht wegen dieser Sätze (und wegen der großartigen Currywurst-Wahlkampagne von Squirrel&Nuts) bin ich geneigter, ihm zuzuhören, als ich das sonst bin, wenn wieder jemand sagt, dass wir Theologen schlecht sprechen. Weiß ich ja selbst, und sage ich ja auch immer wieder. Und liest man ja auch immer wieder (hier und hier und hier und so). Den Startschuss machte vor einem Jahr ein Blogpost mit dem Titel „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache.“ Der Text darunter ventilierte zum größten Teil Altbekanntes, aber mich hat damals der Titel angefixt. Weil selten so deutlich gesagt wird, dass das Überleben der „Kirche des Wortes“ an der Sprache hängt. Mehr, außer ein paar Riten und Handauflegungen, die allesamt aber wieder an Sprachhandeln rückgekoppelt werden, haben wir ja nicht. 

Umso mehr wundert es mich, dass im Theologiestudium so wenig Wert auf Sprache gelegt wird. Klar gibt es immer mal wieder Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben oder Sprecherziehung. Aber sonst? Reiner Preul hat das einmal in aller Deutlichkeit gesagt: 

„Es ist gelegentlich vorgekommen, dass Studierende mich gefragt haben, ob ich sie für den Pfarrberuf für geeignet halte. Ich habe dann unter anderem auch nach ihrer Deutschnote gefragt. War diese nicht besser als ausreichend, dann habe ich zwar nicht direkt abgeraten – Schulnoten sind bekanntlich nicht immer gerecht -, aber doch Bedenken geäußert. Wenn wem das Wort nicht hinreichend zu Gebote steht, wer Schwierigkeiten mit dem flüssigen und präzisen Ausdruck in seiner eigenen Sprache hat, der wird sich als Pastor oder Pastorin arg quälen müssen.“ 
 (Reiner Preul, Pfarrerinnen und Pfarrer als eloquente und gebildete Zeitgenossen, in:
Regina Sommer/Julia Koll (Hg.), Schwellenkunde. Einsichten und Aussichten für den Pfarrberuf im 21. Jahrhundert,
FS Ulrike Wagner-Rau, Stuttgart 2012, 104-116, Zit. 104). 

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht nicht um schillernd perfekte Kunstsprache (oder Sprachkunst), die so glatt ist, dass man daran abrutscht, oder so gewaltig, dass sie jedem Zuhörenden die Sprache verschlägt. Dass in Bibel und Kirchengeschichte immer wieder Menschen mit Sprachfehlern zu Wortführern (Moses, Paulus, Melanchthon) und Legastheniker zu Bestsellerautoren (Gollwitzer) werden, sollte zu denken geben, ebenso wie die Einwände der dialektischen Theologen, die vor fremdem Feuer auf Gottes Altar warnten. Aber darum geht es auch nicht, wenn ich Erik Flügge richtig verstehe. Er stößt sich nicht an Sprechfehlern, sondern an den Manierismen von Leuten, die aufgrund ihres Bildungsgrades eigentlich in der Lage wären, es besser zu können, die aber durch ihre Art des Sprechens und des Argumentierens Distanz herstellen, wo Nähe angebracht wäre, und Banalisieren, wo es ans Eingemachte geht. 

Und so beginnt das Buch, nach dem erneuten Abdruck seines oben erwähnten Blogeintrags, mit dem hoffnungsvollen Bekenntnis: „Ich glaube noch daran, dass eine Predigt wirken kann“ (10). Dass als Anlass dieser Hoffnung dann Beispiele aus politischen Reden und historisch fragwürdige Lutherbilder zitiert werden, mag dem Anliegen geschuldet sein, aus einem pointierten Kurztext möglichst schnell ein vielgelesenes Buch zu machen. Aber es zeigt auch die Aporie: „Diese Texte sind zwar selten, aber sie entstehen immer wieder neu. Nur leider hört man sie seit Jahrzehnten nicht mehr aus Deutschlands kirchlichen Kreisen.“ Um es vorneweg zu sagen: Eine direkt praxisfähige Antwort im Sinne einer griffigen How-To-Anweisung, von ein paar Thesen in der Mitte des Buchs abgesehen, gibt es nicht („Es hilft nur die Flucht nach vorne: Ein eigener Gedanke muss her.“), aber auch sonst bleibt das Buch lesenswert, weil überall kleine Zwischenbemerkungen eines mit einem Bein außerhalb der Kirche Stehenden eingestreut sind, bei denen man sich ertappt fühlt und fragen lassen muss: Muss das eigentlich so sein? 

Da geht es um den ständigen Verständigungs- und Überzeugungszwang: „Kirche hält es nicht aus, das die Menschen am Ende einer Veranstaltung unüberzeugt, zweifelnd, nicht glaubend bleiben. Man versucht mit immer mehr Nachdruck das Verständnis des Gegenübers zu erzwingen. Der muss doch glauben! – Und so scheitert die Verkündigung.“ (14f.). Nebenbei: Sätze wie dieser entspannen mich beim Lesen, weil sie zeigen, dass auch ein Kommunikationsprofi nicht immer nur Gold im Mund führt. Das macht das Ganze ehrlich: „Auch mein Text ist Teil der Bürgerlichkeit“ (22). Oder auch: „Hier sitze ich nun und weiß selbst die Antwort nicht“ (29) – Letzteres bezogen auf die alte Frage nach der Adressatenbezogenheit am Beispiel eines Kindergottesdienstes. 

Bei vielem von dem, was Flügge beschreibt, finde ich mich wieder: Im Klagen über die olle Rose von Jericho (33ff.). Oder über das Existieren am Rand der Kirche: „Ich bin kirchenfern – so fern man nur sein kann, denn Kirche hat Menschen, die so leben wie ich, schon lange aufgegeben. […] Nur eine Sache kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten: Warum ich mich mit Gott und seiner Kirche beschäftige, obwohl sie Menschen wie mich schon längst aufgegeben hat.“ (18). Oder in der simplen Feststellung: „Wenn man mit euch ein Bier trinkt, dann klingt ihr ganz normal. Sobald ihr für eure Kirche sprecht, klingt’s plötzlich scheiße.“ (8) 

Vieles von dem, was Flügge beschreibt, ist in den letzten Jahrzehnten auch in der Homiletik ausführlich diskutiert worden, Martin Nicol und Alexander Deeg haben im Besonderen auch Perspektiven zur Abhilfe vorgestellt. Spannend ist, dass Flügge auch hier den Finger in die Wunde legt und mit der Klarsichtigkeit eines frühen Josuttis feststellt: „[O]hne Performativität ist alles theologische Tun recht langweilig. Die emotionale Methodik bietet hier einen Ausweg. Hält man einen Impuls, an dessen Ende zwanzig Menschen weinend vor einem sitzen, dann spürt man endlich wieder auch als Theologe oder Theologin Macht. [...] Ich stelle die Frage: Geht es wirklich um das Erleben des anderen, oder um das Sich-selbst-als-mächtig-Erleben?“ (36). 

Flügge unterstellt hier eine kirchenpolitische Dimension: „Je stärker ich mich Symbolen bediene, desto weniger bin ich gezwungen, mich selbst zu positionieren. Wenn ich etwas bebildere, so überlasse ich den Adressierten die Entscheidung über die genaue Interpretation und mache mich im besten Sinne innerkirchlich unangreifbar. […] Welcher Bischof würde wohl wegen ein paar Kraftsteinen zum klärenden Gespräch einladen? – Wegen ein paar markigen [sic] Worten kann das durchaus passieren.“ (39). 
Hier ist die Perspektive sehr deutlich eine katholische, in evangelischen Gefilden hat man seit langer Zeit keine Lehrbeanstandungsverfahren mehr zu befürchten. Aber auch bei uns gibt es Konfliktvermeidungsstrategien, die dazu führen, dass Predigerinnen und Prediger selten so offen und deutlich so richtige und angreifbare Dinge sagen wie Margot Käßmann („Nichts ist gut in Afghanistan!)“ oder Christiane Quincke („Pforzheim war keine unschuldige Stadt.“). Und so sind die systemimmanenten Faktoren, die Flügge als so lähmend für inner- und außerkirchliche Kommunikation wahrnimmt („Um den heißen Brei“, 43-46), auch aus evangelischer Sicht lesenswert, wenn auch ernüchternd. 

Und so geht eigentlich im Ganzen weiter. Das Buch liest sich flüssig runter, natürlich auch deswegen, weil das meiste nicht neu ist. Nur eben hübsch pointiert gesagt. Man nickt manches Mal heftig und freut sich, weil da jemand das in Worte fasst, was einen selbst so kolossal stört. Man schüttelt schadenfroh lächelnd den Kopf, weil dem Autor manche Formulierungen auch nur so halb gelingen. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, warum wir so harmlos sind. Man wird mitgenommen zu Begegnungen mit Menschen in der Kirche, und gerät dort ins Stocken, wo Flügge selbst an analytische und rhetorische Grenzen stößt und ratlos fragt: „Und was nun?“ 

Das macht das Buch für mich lesens- und kaufenswert: Das mehr als nur zwischen den Zeichen durchschimmernde Selbstporträt des Autors als junger Mann, der an einem kaum zu definierenden Ort seiner Kirche unterwegs ist und damit, jetzt kommt die Kirchenhistoriker wieder durch, eine überaus seltene Quelle der Selbstdarstellung eines mobilen Performers im Dunstkreis der Amtskirche. Man kann den Jargon der Betroffenheit als einen weiteren Beitrag zur kirchlichen Sprachwelt lesen. Dann lohnen sich die 16 EUR für 160 Seiten nicht so wirklich, das meiste kann man sich auch aus seinem Blog und diversen Interviews selbst zusammenklauben. Man kann es aber auch als kirchlich-religiöse Biografie lesen, und dann lohnt es sich ganz außerordentlich. Finde ich. Und lese meine Predigt für morgen zum x-ten Mal kritisch Korrektur.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Trinitatis-Fragment

„Ist gut jetzt!“ rief Gott und schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch, dass es nur so dröhnte und sein Teeglas einen klirrenden Sprung machte und heißer, süßer Pfefferminztee auf die gläserne Tischplatte schwappte. Unten in der Welt hörte man entferntes Donnergrollen. 
Auf dem Schreibtisch stand ein riesiger Flachbildschirm, über die in nicht enden wollenden Reihen die Meldungen rasten, wie der Börsenticker bei den Nachrichten. Nur, dass es keine Börsenmeldungen waren. Nichts und niemand blieb unbemerkt. Auf einem blauen Band flackerten die Geburten vorbei. Auf einem schwarzen die Todesfälle. Und auf einem roten Band die unnötigen, die vorzeitigen Todesfälle: Verhungernde Kinder, Mordopfer, Verkehrstote. Und das rote Band lief heute für Gottes Geschmack wieder einmal viel zu schnell. 

„Es ist gut jetzt“, schnaubte der Allmächtige noch einmal und blickte dann auf ein Bild, das in seinem Büro an der Wand hing. Ein furchtbar kitschiges Bild, das eine bergige, sattgrün bewaldete Landschaft zeigte, durch die sich ein knallblauer Wasserlauf zog. Das Wasser schien sich zu bewegen, was an den blinkenden Lämpchen hinter der Leinwand lag. Im pastellfarbenen Himmel zogen Schwalben ihre Kreise, vorne im Bild galoppierten wilde Pferde mit fliegender Mähne. Furchtbar kitschig, ja, aber Gott hatte einen Hang zum Kitsch. Deswegen hatte er sich beim Schaffen der Welt mit Sonnenauf- und Sonnenuntergängen, malerischen Blumenwiesen und imposanten Gebirgspanoramen besonders viel Mühe gegeben, ja, er war im Kern mehr Künstler als Handwerker. Der Blick auf das Bild beruhigte ihn immer. Und ließ ihn leicht sentimental werden, wenn er daran dachte, wie alles angefangen hatte. 

Am Anfang das Chaos. Wie bei Moses unterm Sofa. Das ganze Universum hatte rum- und durcheinandergelegen, aber: Es war ein kreatives Chaos gewesen, das Gott nach und nach in Sinn verwandelt hatte. Er sah es alles noch vor sich, als wäre es gestern gewesen: Grüne, gichtbekronte Meere, klarblaue Flüsse und Seen, leuchtende Wiesen, wogende Wälder, zwitschernde Vögel. Schön war es gewesen. Und dann war er auf die Idee gekommen, den Menschen da rein zu setzen… 

Ein kurzer Gong riss Gott aus seiner Nostalgie. Zeit für das informelle Vorstandsgespräch. Daran hielt man eisern fest, eine Stunde für Teambuilding und kurzwegige Kommunikation. Gott machte sich auf zur himmelseigenen Chill-Out-Lounge, die mit Tüchern an Decken und Wänden und bunten Kissen nicht nur zufällig an ein Beduinenzelt erinnerte – die Besinnung auf die nomadischen Ursprünge war für die Corporate Identity seit ehedem wichtig. 



Jesus war schon da, fläzte sich auf den Kissen und zog blubbernd an einer Wasserpfeife. 
„Fehlt nur noch der Heilige Geist“, sagte Gott. 
„Ich bin schon da“, hauchte eine Stimme, die von überall und nirgends zu kommen schien. 
„Also dann“, sagte Gott und ließ sich ächzend auf ein Kissen sinken. 
„Ich fang an. Diese Menschen!“ stöhnte er. 
„Ey, vorsicht“, sagte Jesus. 
„Ich höre da bei dir raus, dass die Dir Kummer machen“, raunte der Heilige Geist. 
„Ja, genau“, sagte Gott, „manchmal wünsche ich mir, ich hätte sie nie erschaffen.“ 
„Du würdest Dir wünschen, Du hättest sie nie erschaffen“, spiegelte der Heilige Geist wieder. „Hm…“, sagte Jesus. „Machen wir doch mal ein kleines Gedankenexperiment: Stell Dir vor, Du könntest zaubern oder so ähnlich…“ 
„Ich kann zaubern, oder so ähnlich“, unterbrach ihn Gott ungehalten. 
„Und stell Dir vor“, sprach Jesus unbeirrt weiter, „Du könntest sie mit einem Fingerschnipsen verschwinden lassen…“ 
„Das könnte ich tatsächlich“, grummelte Gott, „ist gar nicht viel Aufwand: Ein kleiner Meteoriteneinschlag, ein paar Wochen Dauerregen…“ 
„Aber das wolltest du ja nicht mehr machen“, hauchte der Heilige Geist. 
Gott brummte. 
 „Jetzt lasst uns doch mal weiterdenken“, beharrte Jesus. „Stell dir vor, du würdest es machen. Wie würde die Welt dann aussehen?“ 



Und Gott schwärmte von knallblauem Wasser, von einem pastellfarbenen Himmel, über den Schwalben ihre Kreise zogen und von galoppierenden Wildpferden mit fliegender Mähne. Jesus und der Heilige Geist kannten das Bild aus seinem Büro und sagten nichts. 
„Und ungestört würden die Blumen blühen und die Bäume ausschlagen, und Frühling würde auf den Winter folgen und Regen auf Sonnenschein, und die Bienen würden surren… und…“ Er stockte. „Und?“, fragten Jesus und der Heilige Geist gleichzeitig. 
„Es wäre wie damals“, sagte Gott langsam. „Idyllisch. Wunderschön. Und… furchtbar langweilig.“ 

Und Gott erinnerte sich daran, dass er genau deswegen gegen alle Vernunft und gegen alle Voraussicht die Menschen geschaffen hatte, nicht weil er sie gebraucht hätte – sondern weil er sie wollte. 
Und Gott zog gedankenverloren an seiner Shisha. Dichter, weißer Rauch umwallte ihn, blieb wie ein weißer Rauschebart an seinem Kinn hängen und sank dann unendlich träge hinunter, immer weiter. Und die Menschen sahen dichte weiße Wolken am klarblauen Himmel. Nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man sehen, dass sie sich bewegten. Am Besten geht das, wenn man sich auf einer Wiese auf den Rücken legt. Und Gott dachte, in Abwandlung einer verdammt guten Predigt, die sein Sohn einmal auf einem Berg gehalten hatte: Selig sind, die stehen bleiben und in den Himmel gucken. Denn sie ahnen, dass es gut war und wieder gut sein kann. 

„Bist du fertig“, fragte Jesus nach einer Weile. 
„Ja“, nickte Gott, doch dann dachte er wieder an das rote Band auf seinem Bildschirm, das immer schneller raste. „Obwohl… es ist doch wirklich gut jetzt, so kann das doch nicht bleiben“, sagte er noch einmal. 
„Ich kümmer‘ mich drum“, raunte der Heilige Geist und rauschte abwärts, kitzelte hier und dort ein paar Nasen, berührte ein paar Herzen und weckte hier und dort ein bisschen Lust an der Unendlichkeit. Bei einigen von denen, die träumerisch in den Himmel guckten, und auch bei ein paar anderen. 

Und Gott nickte, und sah, dass es ganz gut war.

Sonntag, 15. Mai 2016

Pfadverlierer - querfeldein. Gottesdienst zum 50. Schwenke-Lager des Kreuzpfadfinderbunds Wuppertal

Zur Vorgeschichte: Ich kenne, oder kannte bisher, kaum Pfadfinder, mein Wissen beschränkte sich bislang auf das, was ich vom Fähnlein Fieselschweif gelesen hatte. "Hättest Du Lust, den Gottesdienst bei uns auf dem Lager zu machen?" fragten die netten Pfadis, die bei uns im Gemeindehaus herumturnen. "Klar", sagte ich, und dachte: Machste halt was Nettes, bisschen Pfingsten, bisschen Pfadfinder, und irgendwie geht es doch bei beidem darum, eine Idee um die Welt zu tragen. Dann Freitagabend. Ich bei Pfadfinderlager. Ich muss bei solchen Gottesdiensten dagewesen sein vorher, muss ein bisschen Stallgeruch geschnuppert haben. Wir besprechen den Gottesdienst. "Was erwartet Ihr denn, oder besser: Wie sollte ein Gottesdienst sein, damit ihr hinterher sagt: Der war gut!", frage ich, ganz pädagogisch. Und bekomme ebenso pädagogisch zur Antwort: "Am besten: Anders... Also, bisher haben irgendwie alle immer was zu Pfingsten gemacht, dann was zu Pfadfindern, und dass es irgendwie bei beiden darum geht, eine Idee um die Welt zu tragen." Hmpf. Also zurück auf Los. Immerhin: Pfarrer und Pfadfinder pfangen beide mit pfa an. Das ist ja schon was. 

 

Mir sagen die Leute, und Euch vielleicht auch:
Geh deinen Weg, geradeaus, unbeirrt,
kletter höher, schneller weiter
auf der Karriereleiter,
damit was aus dir wird!

Halt dich nicht auf Nebengleisen auf,
mal dir, mach dir deinen Lebenslauf
wiediewiediewie’s den Chefs,
den Lehrern und Eltern, den Medien der Welt gefällt.
Deine Karriere sei wie dein Gesicht,
mit eben aufgetragener Makeupschicht
keine Ecken und Kanten,
keine interessanten Varianten,
keine Abweichungen und Durchstreichungen,
keine Wiederholung und Erholung,
für dich gibt’s nur die Überholung,
die Letzten werden die Letzten bleiben
und den Ersten auf ewig hinterhertreiben.
Deine Lebensgeschichte
soll kein Märchen, kein Gedicht,
sondern ein Heldenepos sein,
ohne Punkt und Komma,
nur mit Ausrufezeichen.
Sei Krieger, sei Sieger,
und Überflieger.
Lern Chinesisch schon im privaten Kindergarten,
in den nur die Harten kommen.
Such dir die richtigen Freunde aus,
möglichst die aus gutem Haus,
guck nicht zu viel nach rechts und links,
dein Weg ist klar, immer stur geradeaus.
Die Schule geht bis kurz nach vier,
der Unterricht geht weiter, erst am Klavier,
dann auf dem Platz,
nicht für die Schule lernen wir,
sondern für den Lebenslauf.
Halt die Deadline ein, so ist’s fein,
hol die Ellenbogen raus, burn dich aus.
Klick dich, fax dich, mail dich hoch
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch
kick dich, box dich, schlaf dich hoch
bück dich hoch, ja!
Geh deinen Weg, geradeaus, unbeirrt,
kletter höher, schneller weiter
auf der Karriereleiter,
damit was aus dir wird!
 
Aber was wird aus mir?
Mein Weg geht nicht immer geradeaus.
Ich scher manchmal zur Seite aus,
bleibe an Blumen und Schaufenstern stehn
oder weiß einfach nicht, wie es weitergeht.
Ich stolper über Stock und Stein,
querfeldein,
fall manchmal rein und manchmal hin,
und weiß oft gar nicht, wo ich bin,
nur da, wo ich nicht sein soll.
Mein Weg geht nicht immer geradeaus,
eher querfeldein.
Man müsste Pfadfinder sein,
allzeit bereit, ich weiß nur nicht, wozu,
und fühl mich manchmal mehr
als wär ich Pfadverlierer.
Dann hock ich im Wald,
um mich rum nass und kalt,
und ich hoffe, dass da bald
jemand kommt und Halt sagt
und ein Feuer macht aus dem, was hier liegt,
der aus Pflöcken und Planen ein Zelt zusammenkriegt
 
es muss im Leben doch jemanden geben,
der einen Pfad für mich findet,
meine Wunden verbindet
und mir sagt: Es wird alles gut.

Aber manchmal denk ich dran,
manchmal glaub ich dran,
manchmal hoffe ich drauf
und manchmal spüre ich auch,
dass da jemand ist, der mit mir geht,
der’s Leben kennt, der mich versteht.
Einer, der mich begleitet, querfeldein,
über Stock und Stein
und mir hilft, mein eigener Pfadfinder zu sein,
ich bin nicht allein, mein
Stamm, mein Verband
nennt sich „Kirche“ oder auch einfach Volk Gottes.

Ich hab auch ein Versprechen gegeben,
dass in meinem Leben
der Nächste etwas zählen soll,
egal aus welchem Volk,
egal aus welcher Stadt,
von welchem Verein und aus welchem Land -
zu meinem Stamm, meinem Verband
gehören alle, denen Gott den Kopf gewaschen hat,
und wenn unsere Dämme brechen und uns fast nichts mehr hält,
dann gilt sein Versprechen
Ich bin bei euch, bis ans Ende der Welt.

Und so lauf ich weiter querfeldein,
durch Dickicht und Wälder,
über Stock und Stein,
nicht nur geradeaus,
hab meinen Glauben dabei,
der nicht immer eins zu eins
sagt, was ich jetzt tun soll,
der nicht immer wie ein festes Haus,
aber immerhin wie eine Kröte oder Lokomotive ist
eine Plane, von einem Pfahl gestützt,
der mich vor dem schlimmsten Regen beschützt
bis es irgendwann weitergeht.
Mein Leben ist ein Abenteuer,
mein Glaube wie ein Lagerfeuer,
um das wir uns versammeln,
wenn über uns die Sterne glühn,
von dem uns eine Flamme
ganz tief berührt
und wir sie mit uns führn,
und was wir tun, ist nicht vergebens.

Jesus sagt: Ich bin, wenn ihr wollt,
das Stockbrot des Lebens,
ich mach euch satt
und geb euch Kraft
für den Weg, der vor Euch liegt.


 
Der führt nicht immer geradeaus,
der führt auch manchmal querfeldein.
Aber ich werde bei euch sein
und ihr sollt meine Pfadfinder sein.
Allzeit bereit, und ich frage: Wozu?
Und er sagt: Das wirst du schon sehn,
wenn wir, ich und Du, zusammen durchs Leben gehn.

Ich bin Pfarrer, und das fängt ja schon einmal
so an wie Pfadfinder,
und vor allem sind wir, allesamt, überall
Gottes Kinder.
Und er wird sein Versprechen nicht brechen,
und wir unseres auch nicht.
Tragt in die Welt euer Licht.
Sagt allen: Fürchtet euch nicht. 
Amen.