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Sonntag, 26. November 2017

Tick-Tack-Oma und Adressbuch | Predigt über Dan 12,1b-3 am Ewigkeitssonntag

Die Ticktack-Oma hatte so ein kleines Adressbuch. Beim Trauergespräch lag es auf dem Tisch, sonst hat es immer da gelegen, wo es hingehört: Neben dem Telefon, das noch ein eigenes Tischchen mit dazugehöriger Sitzbank hatte. Die Namen darin: Alle mit Bleistift reingeschrieben. Nach ihrem 90. Geburtstag hat sie es angeschafft, hat die Namen all derer, die noch lebten, übertragen. Es waren weniger als die, die sie rausgelassen hat. „Ich bin doch eine der Letzten“, hat sie gesagt, „und ich bin es leid, die Namen von denen, die ich überlebt habe, durchzustreichen und jedes Mal, wenn ich eine Postkarte schreiben will oder eine Nummer raussuche, darüber zu stolpern. Jetzt radiere ich sie aus.“ Dann hat sie gelacht. „Und wenn ich doch noch jemand Neues kennen lerne, ist genug Platz!“ 


Neunzigjährige haben oft diesen Blick auf Leben und Tod. Einige derer, deren Namen wir heute hier genannt haben, hatten schon lange gesagt: „Es ist doch gut. Es reicht mir mit dem Leben.“ Man guckt anders auf das Leben, wenn die Grenze langsam aus dem Nebel auftaucht. Man sortiert, gewichtet vielleicht nochmal neu: Das, was früher so wichtig war, verliert an Bedeutung. Und anderes wird unschätzbar wertvoll. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ 

Der Ewigkeitssonntag gehört den Grenzgängern. Denen, die die Grenze passiert haben, und denen, die auf der anderen Seite stehen geblieben sind und ihnen nachblicken. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, wenn die Tage kürzer und die Menschen dünnhäutig sind, versammeln wir uns und rücken zusammen. Wir teilen das Brot, das wir haben, miteinander, reichen es herum, Hände berühren sich, Blicke werden getauscht, kurz, flüchtig, ein leises „Danke“, ein etwas lauteres „Amen“, eine stille Träne. Wir hören Namen, die etwas in uns zum Klingen bringen: Schmerz. Trauer. Sehnsucht. Dankbarkeit. Erleichterung. Oder irgendetwas anderes, das nur wir fühlen und das wir niemandem verraten. Wir hören Namen wie Abkürzungen für ganze Lebensgeschichten. Manche Geschichten sind länger, andere kürzer. Manche zu kurz. Alle ausnahmslos so vielschichtig und tiefgründig, dass kein Roman der Welt sie ganz erzählen könnte. Wir hören Namen, die von Klingelschildern, aus Kundenkarteien, Telefonbüchern und Geburtstagskalendern verschwunden sind – oder bei denen wir es einfach noch nicht übers Herz gebracht haben, sie aus dem Handy zu löschen. 

Am Ewigkeitssonntag blättere ich in der Bibel und suche Trost, Hoffnung, Perspektive, und vielleicht auch eine Antwort auf die Frage: Was ist mit Erwin oder meinetwegen mit Tick-Tack-Oma, jetzt, wo sie tot sind? Ich suche – und finde. Im hinteren Teil des Alten Testaments, im zuletzt hinzugefügten Buch der Hebräischen Bibel, im Buch Daniel. Ganz am Ende lesen wir Visionen, für Menschen geschrieben sind, die an ihre Grenzen kommen. An die Grenzen des Ertragbaren, des Verstehbaren. Um sie herum wütet der Tyrann, sie werden geknechtet, verfolgt, unterdrückt. Sie klagen laut und mit Rech: Es kann doch nicht sein, dass das, was ist, alles gewesen sein soll. Es kann doch nicht sein, dass der Tod und seine weltlichen Handlanger das letzte Wort behalten. Ihnen wird ein Ausblick geschenkt, der über unsere Grenzen hinausführt: 

[Denn] es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich. 

Wieder ein Buch. Ein Buch, in dem Namen verzeichnet sind. Nicht mit Bleistift – damit schreibt man im Himmel nicht. Gott schreibt auf wetterfestes Papier mit dokumentenechter Tinte, die auch unter Tränen nicht verläuft. Namen, die stehen bleiben. Die Lebensgeschichten in sich bergen im Buch des Lebens, das mit jeder Taufe ein neues Kapitel bekommt. „Ja, den Namen, den wir geben, schreib ins Lebensbuch zum Leben“, singen wir dann. 

Möglich, dass diese Vorstellung nicht lückenlos tröstlich ist, nicht auf den ersten Blick. Möglich, dass unser Gottesbild sich mit dem Bild vom Nikolaus vermischt, der mit weißem Bart und gerunzelter Stirn streng über den Rand seiner Brille guckt, den Zeigefinger in seinem goldenen Buch, das zwei Spalten hat: Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind? Der alles aufgeschrieben hat, wirklich alles, und bei dem man nicht weiß, ob er ein Geschenk oder die Rute rausholt. Vielleicht hat Daniel sich das so vorgestellt. Dass Gott doppelte Buchführung macht. Es klingt zumindest so: „Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande.“ Ich kann diesen Satz nicht einfach weglassen, aber ich möchte versuchen, ihn zu verstehen. Und vorsichtig weiterdenken. Die Worte sind geschrieben in einer Zeit, die gar nicht so anders ist als unsere eigene. Es gibt Menschen, die anderen Leid zufügen. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Es gibt Verfolgung und Mord, seelische und körperliche Vergewaltigung, häusliche Gewalt und sträfliche Vernachlässigung. Es gibt Opfer und Täter, freiwillig und unfreiwillig. 

Tick-Tack-Oma wusste das. Hat schnell umgeschaltet, wenn im Fernsehen etwas über die unmittelbaren Nachkriegsjahre kam, über das, was damals so gemacht wurde und über das man nicht spricht. Und hat, als die Demenz die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verwischte, manchmal leise und unzusammenhängend über die jüdische Familie mit dem Geschäft nebenan gesprochen und den Kopf geschüttelt und sich die Hand vors Gesicht gehalten, als wollte sie nicht, dass man sie ansieht. Ich weiß nicht, ob für Tick-Tack-Oma die Vorstellung ertragbar, ob es gerecht wäre, im Buch des Lebens auch die Namen derer zu lesen, die im Krieg oder kurz danach etwas in ihr kaputt gemacht haben. Und dass sie selbst, wenn Soll und Haben aufgerechnet würden, hart an der Grenze wäre. Wie alle anderen. Namen bergen Lebensgeschichte. 

Und so, wie manche ihren eigenen Namen kaum leiden mögen, bergen die Namen auch die Kapitel unserer Lebensgeschichten, die schwer ertragbar sind. Möglich, dass nicht jeder die Vorstellung mag, dass am Ende jeder Name laut aus dem Buch des Lebens vorgelesen wird, inklusive der ganzen peinlichen zweiten und dritten Vornamen nach irgendwelchen Verwandten, die man zu Lebzeiten, wo es nur ging, verschwiegen hat. 

Möglich, dass es selbst im Himmel nicht ohne doppelte Buchführung geht, um der Gerechtigkeit willen. Aber damit ist noch nicht gesagt, dass dort so gerechnet wird, wie wir es gewohnt sind. Kurz gesagt: Weil Christus einen Strich durch die Rechnung macht. Auf der Soll-Seite. Weil Gott die Ewigkeit nicht ohne uns verbringen will und keine Freude hat an Plätzen, die beim großen Festmahl im Himmel leer bleiben. Er hat das Chaos in Welt verwandelt. Er kann auch unseren Namen einen neuen Klang geben. Kann und wird sie neu durchbuchstabieren und unsere Lebensgeschichten so erzählen, dass wir sie neu und anders hören. Wir sind hier an der absoluten Grenze all dessen, was Theologie und Glauben leisten können. Dorthin wagen wir uns am Ewigkeitssonntag. Halb verschüchtert, halb trotzig. Und lassen Gott nicht. Nicht ohne Hoffnung. Gesät werden Menschen in eine Welt voller Erniedrigung, Erhöhte stehen auf. Gesät werden Zerbrechliche, Menschen voller Kraft von Gott stehen auf. Nicht ohne Versprechen: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. 

Irgendwann, wenn dermaleinst die Zeit in Rente gegangen ist, wacht Tick-Tack-Oma auf. Mit einem Mal hell wach, wie man nur mit einem Mal wach ist, wenn man seinen eigenen Namen hört. Und sie steht auf, wundert sich, wie leicht das geht, spürt weder „Knie“ noch „Rücken“, schüttelt sich den Staub aus den Kleidern und fühlt sich überhaupt blendend. Geht langsam in den Flur, hört von irgendwoher leise Musik. Ihr Blick fällt auf ein Telefontischchen, ordentlich, mit Sitzbank, und auf das riesige aufgeschlagene Buch darauf. Namen über Namen, alle feinsäuberlich notiert, mit Tinte, nicht mit Bleistift. „Das ist die Gästeliste“, sagt jemand hinter ihr. Gott ist aus der Küche gekommen und hat die Schürze noch umgebunden und die Ärmel hochgekrempelt. „Gästeliste? Für heute?“ fragt Tick-Tack-Oma, und Gott sagt: „Für ewig.“ Und wieder fällt ihr Blick auf die endlosen Reihen von Namen, manche persönlich bekannt, manche aus Funk und Fernsehen, andere fremd und gänzlich unbekannt. Und ihr eigener natürlich. „Und die kennst du alle?“ fragt sie skeptisch, und Gott strahlt: „Jede und jeden Einzelnen.“ 

Amen.

Eindrücke aus dem Gottesdienst...








Freitag, 31. Oktober 2014

Gerechte Karikaturen: Traueransprachen als Porträtskizzen





Erkennen Sie diese Dame? Wahrscheinlich nicht, denn: Sie kennen sie ja nicht. Obwohl - manche hier Lesende sind ja Theolog_innen, wieder manche davon wissen um das konfessionelle Profil und die theologischen Vorlieben des hier Schreibenden, haben also aufgrund des Kontextes vielleicht eine Idee? 

Immer noch nicht?



Na denn. Es ist Lollo von Kirschbaum, kongeniale Gefährtin von Karl Barth. 


Wer jetzt nochmal drauf nach oben scrollt, erkennt sie - trotz aller Weglassungen, trotz aller Abweichungen vom Original: Das Lächeln ist ein bisschen weniger breit, die Nase charmant korrigiert, die Augen etwas größer, die Zähne weniger betont. Die Zeichnung wirkt dadurch weniger lebendig, etwas zu schön gezeichnet, weil Charakteristika zurücktreten. Das hat aber etwas damit zu tun, dass das genau die Dinge sind, die man bei einer Karikatur vor allen anderen übertreiben würde, dazu aber später mehr. Wer das Originalfoto lange genug anschaut, wird gar nicht mehr anders können, als in der Skizze oben die Person wiederzuerkennen. Das hat was mit dem Gehirn zu tun: Skizzen bauen auf eine Kooperation mit dem Betrachtenden, der das, was offen geblieben ist, vor seinem inneren Auge ausfüllt. Man macht also im Kopf das hier:



Die Skizze ist dabei gleichzeitig leichter und schwerer als eine "gewöhnliche" Zeichnung. Leichter, weil es weniger Striche sind, da man sich auf die Kooperation mit den Betrachtenden verlassen kann - und weil gerade Zeichnungen von Gesichtern komplizierter und aufwändiger sind als andere, denn unser Gehirn ist auf Gesichter besonders "geeicht" und registriert Abweichungen besonders deutlich, sodass sehr schnell ein gestörter Gesamteindruck entsteht. Desginer oder Zeichnerinnen, die sich mit menschlichen Figuren in 2D oder 3D beschäftigen, wissen um und fürchten das Phänomen des uncanny valley. Das besagt, dass es bei menschenähnlichen Darstellungen auf einem recht hohen Niveau einen Punkt kurz vor der absolut fotorealistischen Abbildung gibt, an dem die Akzeptanz beim Betrachter radikal sinkt und in Abwehr umkippt. Klassisches Beispiel ist zum Beispiel eine Handprothese, die anatomisch sehr genau ist, aber aufgrund der unnatürlichen Kunsttoffoberfläche und ihrer Unbeweglichkeit von nicht wenigen Menschen als abstoßend empfunden wird. Diesem Risiko entgeht man bei einer Skizze. Schwerer als ein Gemälde ist eine skizzenhafte Darstellung, weil man auswählen und sich für eine sehr geringe Anzahl von Strichen entscheiden muss - und gegen eine ganze Masse anderer. Man muss entscheiden: Welche Konturen, Flächen, Akzente sind besonders wichtig, sind die absolut notwendigen Guidelines, damit die Betrachtende das Bild in der vom Zeichner beabsichtigten Weise vervollständigen kann? In der obigen, etwas schematischen Skizze, sind einige Entscheidungen gefallen, in denen gleichzeitig natürlich sehr viele Spekulationen über die Persönlichkeit der Abgebildeten stecken. Der strenge Seitenscheitel wird rausgelassen, die prominenten Augenbrauen, verschmitzte Augen, ein breit lächelnder Mund mit recht schmalen Lippen - und die teils kokette, teils fast stereotyp die Gelehrte ausweisende Handhaltung. Die Bücher hätten auch noch mit dazu gekonnt, das hätte diesen Aspekt noch verstärkt.

In einer Traueransprache arbeite ich ähnlich. Ich bekomme meist eine Fülle von Informationen über den Verstorbenen - und muss auswählen, denn: Oft ist mir die Person nicht so gut bekannt, dass ich mich ohne die Lebendvorlage an einem Porträt versuchen würde. Das Risiko ist zu groß, dass bei einem an sich ganz realistischen Porträt wenige geringe Abweichungen dazu führen, dass die Zuhörer_innen ein gestörter Gesamteindruck entsteht, die Predigt also gewissermaßen im literarischen uncanny valley untergeht. Also versuche ich mich an einer Skizze. Voraussetzen muss ich dabei, dass das Bildmaterial, das mir Angehörige im Gespräch zur Verfügung stellen, einigermaßen repräsentativ für das Bild ist, das der Rest der Trauergemeinde hat. In der homiletischen Praxis heißt das, dass ich keine Lebensläufe verlese, sondern auf Anekdoten setze, also in der Predigt kurze Szenen skizziere, bei denen ich den Eindruck habe: Die erzählen etwas Grundlegendes über den Menschen, wie ihn seine Angehörigen erlebt haben. Ich wähle aus und verstärke vielleicht das eine oder andere. Das kann bis dahin führen, dass die Grenze zur Karikatur tangiert wird. In obiger Porträtskizze wäre das kein großer Aufwand, es würde reichen, die Zähne etwas prominenter darzustellen, die Nase etwas zu vergrößern und das Kinn deutlicher hervortreten zu lassen und vielleicht den Seitenscheitel zu betonen. "Karikatur" hat in dem Zusammenhang natürlich einen negativen Beigeschmack, wie "Ironie" in der Predigt ja auch. Aber ich gehe von dem Grundsatz des deutschen Karikaturisten Hans
Gutes Beispiel: Pfannmüllers
Karikatur von Theo Lingen
(c) wikipedia.de
Pfannmüller
aus, der einmal gesagt hat: "Karikieren darf nur, wer gerecht sein kann" - eine gute Karikatur entblößt also nicht oder macht lächerlich, sondern hebt liebenswerte Eigenheiten hervor, an die sich Bekannte gern erinnern. In der Situation der Trauerpredigt kann das manchmal für eine Art comic relief sorgen, ein Schmunzeln unter Tränen, das die Ambivalenzen der Trauer und der Erinnerung offen hält. Das muss natürlich dem individuellen Kontext entsprechen und ist deswegen nicht immer möglich. Und das setzt neben Fingerspitzengefühl auch einen guten Kontakt zu den Angehörigen voraus, das bedeutet unter Umständen auch, dass ich mir für manche Bildmotive eine Erlaubnis hole, etwa dann, wenn ich das Gefühl habe, dass eine sehr repräsentative Anekdote zu persönlich ist oder missverstanden werden kann. Und der Grundsatz der Gerechtigkeit gilt auch hier - Wilhelm Gräb hat einmal gesagt, bei Kasualien geht es um "Rechtfertigung von Lebensgeschichten". Das heißt für Trauergottesdienst und Bestattung, dass Ambivalenzen und Schattenseiten nicht krampfhaft verschwiegen werden - aber auch, dass der Liturg oder die Liturgin sich kein letztes Urteil über den Verstorbenen und seine Beziehungen anmaßt. 

Spannend finde ich den Gedanken der Skizze auch deswegen, weil eine Skizze ja in einem weitaus höheren Maß als etwa ein Ölgemälde die Kooperation mit den Betrachtenden voraussetzen: Sie vervollständigen das Bild, füllen die Lücken mit eigenen Bildern, Erfahrungen, Gefühlen. Auch in der Traueransprache predigt die Gemeinde mit, die Menschen bringen eigene Erfahrungen mit ein. Auch deswegen vermeide ich absolute Aussagen wie "NN war so und so". Und setze stattdessen auf Bilder - die dann wiederum Anknüpfungspunkte für die Theologie sein können, wenn eine charakteristische Szene aus dem Leben des Verstorbenen in eine biblische Szene überblendet.

Apropos Lollo von Kirschbaum: In seiner Traueransprache für sie, als sie nach einer langen zelebralen Erkrankung gestorben war, und die mit den berührenden Worten beginnt Jetzt ist sie unseren Blicken ganz entschwunden. Es war ein langes, langsames Weggehen, sagte Helmut Gollwitzer: 

"Als Lollo bei Karl Barth auf ein Denken stieß, das ganz von diesem Geheimnis [des Todes Jesu Christi] in Anspruch genommen war, da war sie gefesselt davon und wollte dabei sein und hat ihren wichtigen Beitrag geleistet zu einer Denkarbeit, die dem Leben erweckenden Weitererzählen des Sterbens unseres Herrn Jesus dienen kann."

Das ist für mich ein Paradebeispiel für eine gelungene Skizze: Entschiedene Striche, die das Bild einer leidenschaftlichen Frau und leidenschaftlichen Denkerin und Theologin zeichnen, die auch das Wagnis einer liebenswürdigen und würdigenden Karikatur riskieren ("gefesselt", "wollte dabei sein") - und gleichzeitig Raum lassen für Ambivalenzen: Für den kognitiven Abbau - und für die destruktive Seite der Leidenschaft von Kirschbaums nicht nur für Karl Barths Theologie, sondern auch für Karl Barth selbst, die sie auch "gefesselt" und diesem Leben nicht wenig Leid beschert hat und von der alle Anwesenden im Trauergottesdienst wussten. 

Donnerstag, 28. November 2013

Zum Hören...

... gibt, bzw. gab es diese Woche Radioandachten, die zum Thema passen.

Zum Beispiel hier oder hier.

Dienstag, 26. November 2013

Seilspringen am Grab


segovax / pixelio.de
Auf dem Gebiet unserer Gemeinde liegt ein etwas über hundert Jahre alter, mit 20.000 Quadratmetern Fläche äußerst kleiner, fast winziger Friedhof. Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet, ist der Stadtteil um ihn herum gewachsen, und so ist er fast ganz von Gärten und Gebäuden umrahmt. Er verfügt deswegen auch über keine durchgehende Friedhofsmauer, sondern an manchen Stellen nur über einen Maschendrahtzaun, der ihn unter anderem vom Pausenhof der ebenfalls in direkter Nachbarschaft gelegenen Grundschule trennt. 

Dass diese Besonderheit, die sich höchstwahrscheinlich eher einer städtebaulichen Verlegenheit als einer gezielten Überlegung verdankt, durchaus ihren Reiz hat, ist mir neulich bei einer Beerdigung klar geworden: 

Wir stehen an einem Grab in unmittelbarer Nähe zu ebendiesem Zaunstück, und zwar vormittags, genau zur großen Pause. Die Trauergemeinde ist ziemlich groß, deswegen ist lautes Sprechen am Grab angesagt - trotzdem geht das dramatisch gedonnerte "Erde zu Erde..." fast im Pausentrubel unter: Durch die Drahtmaschen hindurch, über den kleinen Kiesweg und einige Grabsteine hinweg windet sich, hopst und hüpft das Lachen und Schreien der Kinder, umtanzt die trauergekleideten Erwachsenen, zupft hier und da an einem Mantel oder spielt mit einem schwarzen Schal und plumpst erst weit hinter uns in das weiche Gras der Urnenfelder.

Anfangs stört mich das Gejohle, Kinderfreundlichkeit hin oder her, zugegebener Maßen enorm. Aber während die Trauergesellschaft langsam am Grab vorbeizieht, stehe ich am Rand und kann die Kinder beobachten, die ganz ungestört von dem Abschied nebenan auf ihrer Seite des Zauns seilspringen. Ab und zu blickt eins zu uns herüber, ohne sich ernsthaft stören zu lassen, ab und zu guckt einer der Trauernden den spielenden Kindern zu. Und ich stelle mir vor, wie sich beider Blicke für einen Moment treffen, wie sich ein stummes, flüchtiges, aber beide Seiten bewegendes Gespräch zwischen ihnen entspinnt, und mir gefällt das Ensemble von Friedhof und Grundschule mit kaum mehr als einem symbolischen Zaun dazwischen mehr und mehr:

Die Trauernden, die gerade die äußerste, hintere Grenze des menschlichen Daseins entlangwandern, werden daran erinnert, dass nur wenige Schritte weiter das pralle Leben tobt, dass die Welt entgegen dem, was manche fühlen mag, nicht stehen geblieben ist. Und die Kinder lernen auf eine ungezwungene Art und aus der Nähe, dass der Tod, so angemessen der Protest gegen ihn aus theo- und christologischer Sicht auch ist, zum Leben dazugehört, oder besser: Ins Leben gehört. In den Alltag, in die Mitte der Gesellschaft. Dorthin, wo wir ihn eigentlich nicht haben wollen, weil er zu sehr daran erinnert, dass wir alle auf relativ dünnem Boden stehen. 

Angehörige sind vor Beerdigungen oft unsicher, ob sie ihre Kinder mitnehmen sollen oder nicht. Ich bin in der Regel dafür, wenn sich, gerade bei jüngeren Kindern, sicherstellen lässt, dass eine von dem Todesfall nicht ganz so betroffene Bezugsperson für sie da sein und auf ihre Fragen antworten kann. Aber die Frage erübrigt sich im Grunde, wenn die Kinder ihre erste Beerdigung schon während irgendeiner großen Pause auf ihrer Seite des Zauns, aus einer sicheren und an der Stelle guten Entfernung miterleben konnten.

"Media vitae in morte sumus", wusste man im Mittelalter zu singen - "inmitten des Lebens sind wir vom Tod umfangen". Auf dem kleinen Friedhof bei uns in der Gemeinde ist es fast anders herum, in Abwandlung eines Gedichts von Rainer Maria Rilke gesagt: Das Leben ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir in den Fängen des Todes uns fühlen, / wagt es zu spielen, / hier neben uns. 

(c) Astrid Kirchhoff / pixelio.de

Donnerstag, 11. Juli 2013

Zur Kritik an der Kritik der Kritik... oder so

Ich persönlich bin ja kein Freund von Denkschriften und anderem derartigen Papierkram. Weder habe ich das Gefühl, mir von Expertenkommissionen sagen lassen zu müssen, was man als evangelischer Christ glauben sollte, noch kann ich der EKD die lehramtliche Autorität zugestehen, die ihr zumindest in den medialen Diskussionen immer wieder zugesprochen wird. Das sei vorausgeschickt, wenn es jetzt um die viel gescholtene Orientierungshilfe (!) zum Thema Familie ("Zwischen Autonomie und Verlässlichkeit") geht. Genauer gesagt soll es in diesem Beitrag gar nicht so sehr um die Orientierungshilfe selbst als vielmehr um einige der -gelinde gesagt- heftigen Reaktionen darauf gehen. Denn die sagen in den meisten Fällen mehr über die Kritiker als über das Familienpapier aus, bzw. über das der Kritik zu Grunde liegende Verständnis von Kirche und Theologie. 

Der Evangelist. 

 

Ulrich Parzany etwa, den selten Sorgen um die eigene Meinung plagen, schämt sich gar für seine evangelische Kirche. Zumindest sagt das IDEA Spektrum (für Nicht-Eingeweihte: die BILD-Zeitung der frommen Subkultur):
Parzany erinnert daran, dass die evangelische Kirche entstanden sei, weil die Reformatoren sich auf das vierfache „Allein“ beriefen: allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift. Nun bescheinigten der Kirche sogar die säkularen Medien einen laxen Umgang mit der Bibel. 
Quelle: idea.de
Das reformatorische Stichwort sola scriptura ("allein die Schrift") muss also wieder für so einiges herhalten, und wie so viele vor ihnen verwechseln Parzany selbst und die von ihm zitierten "säkularen Medien" dies mit einem platten Biblizismus. Das ist ein hermeneutischer Fehlschluss, zudem trifft die pauschale Kritik, die EKD kümmere sich nicht um die Bibel, auf die Familien-Orientierungshilfe gerade nicht zu: Das Kapitel "Theologische Orientierung" nimmt sich zwar in der Tat auf das Ganze des Papiers gesehen ziemlich gering aus, weil man, wieder einmal, sehr damit beschäftigt ist, anderen staatspolitischen Akteuren zu sagen, was sie tun sollen - das hat u.a. auch Ulrich Eibach besonders hervorgehoben. Aber es ist eine Stärke ebendieser theologischen Orientierung in all ihrer Kürze, dass sie das breite biblische Zeugnis für unterschiedliche Lebensformen ernst nimmt und aufdeckt, dass das von vielen Kritikern propagierte Eheideal mitnichten irgendwann zu biblischen Zeiten vom Himmel gefallen ist, sondern in weiten Teilen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts stammt. 

Der konservative Kolumnist.


Daran möchte man auch Jan Fleischhauer erinnern, dessen Kolumne bei S.P.O.N. Parzany womöglich vorschwebt, wenn dieser von säkularen Medien spricht: Fleischhauer konzentriert sich bei seiner Kritik an der "Orientierungshilfe" (ach ja, Anführungszeichen können ja doch verräterisch sein) vor allem auf das Versprechen beim Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung:
Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen - auch wenn der Pastor sagt, es gelte, "bis dass der Tod euch scheidet". Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.
Auch die EKD denkt die Ehe nun von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren.
Allein die kurze Skizze der Szenerie deutet an, dass Fleischhauer bestimmte Dinge nicht
www.spon.de
verstanden hat. Einen "Traualtar" gibt es in evangelischen Kirchen nicht, weil es - streng genommen - keine "richtigen" Altäre gibt, und weil in evangelischen Gottesdiensten keine Ehen geschlossen, sondern bereits bestehende Ehen gesegnet werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied, den man allerdings nicht der EKD, sondern Luther anlasten muss - die Einsicht, dass Ehen nicht im Himmel geschlossen werden, ist so alt wie die evangelische Kirche selbst. Bei aller Sympathie für Verlässlichkeit und Exklusivität von Paarbeziehungen: Die ätzende Unterstellung, es würde hier um leichtfertige Floskeln gehen ("nicht länger wirklich ernst gemeint"), geht an der seelsorglichen Realität vorbei. 

Das Zugeständnis, dass auch die Ehen evangelischer Christinnen und Christen in die Brüche gehen können, ist ebenfalls kein Geistesblitz der Expertenkommission gewesen und somit auch kein "neuer Höhepunkt" der "Selbstsäkularisierung der Protestanten" oder ein Erguss "heiliger Teestubeneinfalt" (schade übrigens, dass konservative Kreise anscheinend nie ganz ohne Käßmann-Bashing auskommen). Die Ehescheidung war schon in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts eine durchaus realistische Option, als man erkannte, dass Gelingen oder Scheitern ehelichen Lebens nicht allein in den Händen der Beteiligten liegt. So heißt es etwa in der Pommerschen Kirchenordnung von 1535, die gleichzeitig dem Scheidungsrichter die Chance gibt, seine Hände in Unschuld zu waschen: 
"wenn överst einer sick weder godt scheidet dorch unvorhapentlick wederkamendt eder unvorsoenlicken ehebröcke, so schide wi se nicht, sünder de düvel hefft se gescheidet."
- zitiert nach Gerold Tietz, Verlobung, Trauung und Hochzeit 
in den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Univ.-Diss. Tübingen 1969, 24.

Neben dem Ehebruch akzeptierten die Reformatoren auch die "bösliche Verlassung" und die Zerrüttung der Ehe als Scheidungsgründe. Natürlich kann und muss man sich fragen, ob man die sozialdisziplinierenden Ordnungen des 16. Jahrhunderts als Grundlage heutiger ethischer Entscheidungen heranziehen will - immerhin sehen die meisten dieser Ordnungen für diejenigen, die nicht solvent genug sind, überhaupt keine Ehe vor, weil weder weltliche noch geistliche Obrigkeit ein Interesse an der Reproduktion von Armut hatte. Wenn man sie dennoch als Inspirationsquelle nutzen möchte, könnte man vielleicht den Blick auf die äußerst zahlreichen Verbote allzu exzessiver Hochzeitsfeiern lenken, aber das nur am Rande. 

Nicht alles, was Fleischhauer schreibt, ist gänzlich verkehrt, ich nehme ihm sogar zu hundert Prozent ab, dass die Konfirmation seines Sohnes nicht schön war. Und, ja, ich bin auch der Meinung, dass die Folgen von Ehescheidungen für das Umfeld und nicht zuletzt für die Kinder (wenn auch hier sicherlich gilt, dass in manchen Fällen ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende) zu wenig bedacht sind. 
Und ich kann auch seine Enttäuschung verstehen, ohne sie zu teilen, wenn er plötzlich gewahr wird, dass die Kirche nicht dafür da ist, konservativen politischen Meinungen ein religiöses Finish zu verpassen. 

Der Karrrdinal.

 

Ach ja, der hat ja auch noch gefehlt (hat eigentlich Matthias Mattussek noch nichts gesagt?). Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst wortreich zu urteilen und in gewohnt zelotischer Manier sich selbst und seine Kirche als weihrauchgeschwängerte Bastion all dessen zu inszenieren, was früher angeblich besser gewesen ist. Zwar schreckt auch Meisner bei aller Altehrwürdigkeit nicht vor dem Gebrauch von Kampfbegriffen aus dem vulgärfundamentalistischen Standardrepertoire zurück ("Zeitgeist statt Heiliger Geist"); die Wurzel allen Übels indes liegt seiner Meinung nach weiter zurück:
Die Reformatoren haben die christliche Überzeugung von der Sakralität der Ehe aufgegeben und diese zu einem "weltlich Ding" erklärt, worauf sich auch das vorgelegte Dokument beruft. Wie sich nun in aller Deutlichkeit zeigt, wird die Ehe so zu einer rein innerweltlichen Institution, die durch andere Zweckverbindungen ersetzt werden kann. Dass ausgerechnet Christen einen solchen Rückschritt im Verständnis von Ehe und Familie initiieren würden, hätte ich nicht für möglich gehalten!
Das unpräzise Gerede von "der christliche[n] Überzeugung von der Sakralität der Ehe"  suggeriert, es habe vor der Reformation keine andere gegeben. Das jedoch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Unsinn. In einer apologetischen Schrift vom Anfang des 3. Jahrhunderts heißt es über die Christen, diese seien eigentlich Menschen wie alle anderen auch, sie
"sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden [...], heiraten und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen [Kinder] nicht aus."
- Zitiert nach Chr. Grethlein, Grundinformation Kasualien. 
Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens, Göttingen 2007, 218.

Und noch in den Entscheidungen der Konzile von Basel/Ferrara/Florenz und Trient mehr als 1000 Jahre später zeigt sich, dass die Sakramentalität der Ehe alles andere als eindeutig ist. Ganz abrunden lässt sich die Kirchengeschichte also nicht.

Es ist im Übrigen auch nicht so, dass die EKD hier mit dem Zeitgeist im Rücken irgendwelche Dämme einreißen würde. Die Kritik an einer offenbarungstheologischen Überhöhung biologischer oder sozialer Strukturen hat gute Tradition. Schon 1951 schrieb Karl Barth:

Es waren Denkgewohnheiten und praktische Gepflogenheiten der ‚christianisierten‘ Heidenvölker, die dem Begriff der ‚Familie‘ später den Glanz eines Grundbegriffes christlicher Ethik gegeben haben. Wir haben keinen Anlaß, uns ihnen anzuschließen
- K. Barth, KD III/4, Zürich 1951, 271.

Man mag sich ja fragen, warum sich ein katholischer Erzbischof bemüßigt fühlt, derart ausführlich Stellung zu einer evangelischen Orientierungshilfe zu beziehen. Die Antwort gibt der Kardinal selbst: 
Im Zeitalter der Ökumene ist es geradezu die Pflicht der katholischen Kirche, an den Geschehnissen in anderen Kirchen und Gemeinschaften Anteil zu nehmen. Darum bitte ich die Evangelische Kirche in Deutschland eindringlich, ihre Position hinsichtlich von Ehe und Familie zu überdenken und zurückzukehren zur Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat.
Die "Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat" ist natürlich keine andere als die, die der Kardinal selbst vertritt. Aber da treffen sich evangelische und katholische Christen durchaus - man hat ja immer die gleiche Meinung wie der Herr Jesus. Und natürlich ist es gut, wenn wir Stellungnahmen der anderen wahrnehmen, gerne auch kritisch. Aber nicht alle Kritik geht eben von theologischen oder hermeneutischen Voraussetzungen aus, die unkritisch übernommen werden können. Einige kritische Stimmen allerdings sehr wohl:

Begründete Kritik

 

(c) de.wikipedia.org
Trotz aller erfreulichen Tendenzen ist die Orientierungshilfe sicher nicht frei von problematischen Passagen und Schlussfolgerungen. Wäre ja auch schlimm, wenn das anders wäre. Zwei Kritikern aus den eigenen Reihen kann ich mich streckenweise anschließen:

Frank Otfried July, Bischof der Württembergischen Landeskirche, findet viel Positives an der Orientierungshilfe, kritisiert jedoch vor allem zwei Punkte: Mit der Relativierung der Ehe sei eine Institutionenethik zugunsten einer Beziehungsethik verändert worden, was in der Tat bedenkenswert ist. Gewichtiger scheint mir seine Anfragen an den Entstehungsprozess der Orientierungshilfe zu sein:

Grundsätzlich bin ich im Zweifel, ob bei solch grundlegenden Fragen – wie in der vorgelegten Orientierungshilfe – das Verfahren zur Entstehung sachgerecht ist. [...] Als evangelische Kirche tun wir gut daran, bei derartigen Fragen in einem ausführlichen Konsultationsprozess die Landeskirchen, Synoden, Kirchengemeinderäte etc. zu beteiligen, um zu einer weithin getragenen Orientierung zu kommen. Eine solche Konsultation rege ich ausdrücklich an.

Hier stellt sich die Frage nach Autorität(sanspruch) und Selbstverständnis der EKD, wenn Stellungnahmen hinter verschlossenen Türen durch einige wenige Experten produziert und dann gegenüber der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, quasi als "Überraschung" aus dem Hut gezaubert werden. Ähnlich scheint das Vorgehen bei der sich in Arbeit befindlichen Orientierungshilfe zum Thema "Sexualität" zu sein, über die sich der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in Schweigen hüllt

(c) EKiR-Archiv
Markus Dröge, Bischof der EKBO, spricht sich in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel für die Aufwertung ehelicher und partnerschaftlicher Treue aus, allerdings gänzlich ohne moralisierendes Beharren auf tradierten Lebensformen, sondern unter Rückgriff auf die gut biblisch-theologische Kategorie des Bundes. Er schreibt abschließend:

Ich begrüße die Orientierungshilfe ausdrücklich als einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Allerdings hätte ich mir mehr theologische Klarheit gewünscht, um die verlässliche Gemeinschaft sowohl in der Ehe als auch in anderen Lebensformen noch deutlicher zu stärken. Die Ökumene könnte gestärkt werden, wenn die katholische Kirche den Ball als Herausforderung aufnimmt und nun selbst konstruktiv darlegt, wie sie neue Lebensformen angemessen ethisch würdigen will.
Ich würde einen Schritt weiter gehen und mir nicht nur mehr theologische Klarheit, sondern mehr Vertrauen in die Theologie wünschen. Es ist richtig und gut und unaufgebbar, dass wir humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst- und aufnehmen. Es wird aber den berechtigten Erwartungen, die Menschen an die Kirche richten, nicht gerecht, wenn wir uns darauf beschränken, allgemeine Richtigkeiten und einen breiten gesellschaftlichen Konsens mit einigen Bibelversen und Zitaten aus der Theologiegeschichte zu schmücken. Das ist kein prophetisches Wagnis, denn was in der Orientierungshilfe als status quo festgestellt wird, entspricht, auch, wenn es in kirchlichen Kreisen für Aufruhr sorgt, weitestgehend dem absoluten common sense der Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte. Vom Politikunterricht der siebten Klasse habe ich behalten, dass es ein typisches Vorgehen von Leitungsfiguren mit schwacher Autorität ist, genau das anzuordnen oder zu erlauben, was die Gruppenmitglieder ohnehin tun. Vielleicht würde es uns als Kirche gut tun, uns auf unsere Kernkompetenzen zu besinnen und uns, bei aller notwendigen Dialogbereitschaft, nicht so sehr nach dem erhofften Höflichkeitsapplaus Außenstehender zu richten. 


Zum Schluss: Meine fuffzich Cent

 

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Vieles ist ja schon gesagt worden. Das ist gut so, das wollte die EKD nach eigenen Aussagen. Und s.c.j. wird die Diskussion weitergehen und vielleicht die theologischen Lücken in der Argumentation durch den vielstimmigen Chor der Gemeinden und Einzelstimmen auffüllen. Ich glaube, die Diskussion kann noch gar nicht zu Ende sein, weil evangelische Ethik an einem besonderen Maßstab zu messen ist: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", sagt Jesus - und für mich hängt die Glaubwürdigkeit (oder meinentwegen auch die Verlässlichkeit) der Orientierungshilfe u.a. daran, inwieweit die hier vertretenen Thesen die Selbstverständlichkeiten in der Institution in Frage zu stellen vermögen und sich etwa im Pfarrdienstrecht niederschlagen: Hier sind viele Grundannahmen und Konsequenzen noch einem idealisierten Bild des evangelischen Pfarrhauses verpflichtet, das aber ebensosehr ein Kind des 19. Jahrhundert und von dessen bürgerlichen Tugenden beeinflusst ist wie diejenigen Vorstellungen von der Ehe, die in der Orientierungshilfe zurückgewiesen werden. Die Entscheidung muss hier bei den Gemeinden liegen: wenn die klassische Institution "Pfarrhaus" mancherorts milieubedingt dem Gemeindeaufbau dienen kann - wunderbar! Aber wenn Gemeinden den Schritt in Milieus wagen, die von bürgerlichen Lebensentwürfen abgestoßen werden (Insider erkennen die Eindrücke aus den Niederlanden wieder), dann muss das Pfarrdienstrecht es auch ermöglichen, "den Griechen ein Grieche zu sein".

Dienstag, 9. Juli 2013

Niederländische Notizen - Teil 3: Auf Pilgrimsväterspuren in Rotterdam

Am vorletzten Tag unseres Pastoralkollegs in den Niederlanden, in dessen Rahmen wir uns innovative  Gemeindeprojekte ansehen, geht es in die zweitgrößte Stadt des Landes, nach Rotterdam.

Oude of Pelgrimvaderskerk

Vom pittoresken, im strahlenden Sonnenlicht Urlaubsfeeling versprühenden Kai im Rotterdamer Stadtteil Delfshaven betreten wir die kühle Stille der Oude of Pelgrimvaderskerk (Alte oder Pilgerväterkirche) - und atmen historische Luft: Von hier aus sind 1620 die puritanischen Pilgerväter, die vor religiöser Verfolgung aus England flüchten mussten, aufgebrochen, um auf der Mayflower in die Neue Welt zu ziehen. Das geschichtliche Erbe ist allgegenwärtig, in vielen Räumen hängen Memorabilien, Schaukästen und Infotafeln. Der Kirchraum selbst lässt mein reformiertes Herz höher schlagen: Dunkles Holz, viele Presbyterbänke, im Zentrum des Chorraums eine gewaltige Kanzel mit einem riesigen Schalldeckel (oder, noch schöner gesagt, Kanzelhimmel), davor ein schlichter Abendmahlstisch. An den Wänden die zehn Gebote. Es erinnert mich ein bisschen an die
Synagoge in Kopenhagen, und ich denke: Genauso muss es sein, mehr Bethaus und Schule als Kultstätte. In meine Schwärmereien mischt sich aber auch der Gedanke, dass es auch hier nicht besonders innovativ aussieht, und Pieter L. de Jong, der mittlerweile emeritierte, aber deswegen nicht weniger umtriebige senior pastor der Gemeinde mit schlohweißem Wuschelhaar, der uns empfängt, würde sich wohl auch gegen diese Etikettierung wehren.

Er erzählt von seinen Dienstjahren zwischen 1991 und 2012, während der eine massive white flight einsetzte, also "autochthone (ethnische) Niederländer" den Stadtteil verließen. Sie machen mittlerweile knapp 20% der Einwohnerschaft des Rotterdamer Westens aus. Er beschreibt die Stimmung bei seinem Amtsantritt, zu einer Zeit, als man begann, Kirchen zu verkaufen und Restgemeinden zusammen zu legen. Auch seine Gemeinde verkaufte ihre Kirche, allerdings, und das erscheint als ein äußerst cleverer Kniff, an eine staatliche Stiftung zum Erhalt wertvoller Gebäude, deren Hauptmieter die Gemeinde wurde. Die historische Kirche wurde so erhalten, aber der Gemeindehaushalt ist nicht mehr mit den horrenden Instandhaltungskosten belastet. 
Trotz eines vergleichsweise florierenden Gemeindelebens (mit 150 Gottesdienstteilnehmenden im Jahr 1992) entschied man sich, auf die jüngere Generation in den 20ern und 30ern zu setzen und zwar, wie Pieter erklärt, aus pragmatischen Gründen: "Alte Menschen sind viel flexibler als junge. Junge Menschen suchen Gott und sich selbst, aber sie haben auch mit 30 ihren ersten Job, gründen eine Familie und sind dermaßen eingespannt, dass man auf sie besser eingehen muss. Die Alten ziehen dann mit." Von Niederschwelligkeit im landläufigen Sinne kann dabei keine Rede sein: Wer Mitglied der Gemeinde sein will, verpflichtet sich zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch (und das heißt: jeden Sonntag, den man in der Stadt verbringt!) und zur Teilnahme an einem Hauskreis sowie, wenn noch Ressourcen vorhanden sind, in einem Arbeitskreis oder Ausschuss. Der Gottesdienst soll ein Heimkommen ermöglichen und gleichzeitig deutlich machen, dass es um den/die/das "ganz Andere" geht, sprich (wie Pieter es ausdrückt): "Gute biblische Predigt. Zeitung lesen können die jungen Leute selber. Von uns erwarten sie etwas, das sich sich nicht selbst sagen können."

Zu Anfang sehen wir einen Videoausschnitt aus einem Taufgottesdienst - und das eigentlich Spektakuläre ist nicht eine besonders ausgefeilte Liturgie (mit dem, was Pieter de Jong und sein Kollege Martijn van Laar da vorne veranstalten, würden sie aus jedem Thomas-Kabel-Seminar hochkant rausfliegen!), sondern die brechend volle Kirche und die Anteilnahme der Gemeinde an der Taufe der sechs Erwachsenen. Spannend finde ich auch, aber das nur als Randbemerkung, wie ungeniert in dieser doch eher streng reformierten (hervormden) Gemeinde fotografiert und gefilmt wird, während sich in fast jeder neueren Kasualhandreichung ein mehrseitiger Eiertanz findet, was wie wo und wem erlaubt sein kann... Jedenfalls: Es ist offensichtlich nicht die Ästhetik, die anspricht, sondern der Inhalt und die Gemeinschaft, die in der Pelgrimvaderskerk etwa dadurch gefördert wird, dass junge Familien zum Bleiben animiert werden. Der Eindruck verstärkt sich abends beim Hören einer Audioaufnahme eines Gottesdienstes: Das Orgelspiel ist nicht wirklich virtuos, aber gut mitsingbar, die liturgische Sprache einfach und dabei konzentriert, die Predigt ausgefeilt und biblisch fundiert, allerdings ohne große Schnörkel. Das Konzept geht jedenfalls auf: 400 Menschen besuchen durchschnittlich den Gottesdienst am Sonntagmorgen, darunter ein Viertel zwischen 20 und 30 Jahren, zu den Gottesdiensten am Nachmittag und am Abend kommen jeweils noch etwa 100 Teilnehmende. 

Einen zweiten Arbeitsschwerpunkt stellt uns Martijn van Laar vor, seines Zeichens missionary minister und als solcher mit der Arbeit der Gemeinde im Stadtteil betraut. Einen Großteil dieser Arbeit macht die Begegnung mit Muslimen aus, die Martijn als äußerst fruchtbar empfindet: In einem Dialog auf Graswurzelniveau (vorwiegend junge Leute treffen sich in gemeinsam vorbereiteten und getragenen Gesprächsgruppen) treffen Menschen inmitten der hitzigen Debatte um die "Islamisierung" der Gesellschaft zusammen und lernen mit- und voneinander - Christen und Muslime suchen gemeinsam "der Stadt Bestes" (Jer 29,7). Für die Gemeinde bedeutet dies die Chance, sich über Inhalte und Konsequenzen ihres Glaubens klarer zu werden und, redend wie handelnd, Rechenschaft abzulegen - "because Muslims ask the right questions". Gleichzeitig bleibt mir etwas im Ohr, das so ähnlich klingt wie das, was Rikko Voorberg zum Kontakt mit Atheisten gesagt hatte: "The missionary knife cuts on both sides - Das Messer der Mission schneidet nach beiden Seiten." Der Dialog verändert beide, und es scheint ihnen und dem Stadtteil gut zu tun.

Geloven in Spangen

Am Nachmittag geht es weiter zu einer church plant der Gemeinde im deutlich weniger pittoresken Stadtteil Spangen. Einige Zahlen können vielleicht einen ganz guten Eindruck von den Lebensumständen jenseits des "Zaubertunnels" vermitteln: 80 Nationalitäten bei knapp 10.000 Einwohnern, von denen 54% ohne Grundbildung sind, 33% kein Niederländisch sprechen, 21% Sozialhilfe beziehen und 33% unter der Armutsgrenze leben. In dieser Realität betreibt Nico van Splunter das Projekt Geloven in Spangen (Glauben in Spangen), bei dem zwischen diakonischem und missionarischem Handeln nicht zu trennen ist: Neben einer Vielzahl sozialer Aktivitäten (zum Beispiel der Vermittlung von Sprachpartnern - taal buddies -, die Frauen mit Migrationshintergrund, die ihre Wohnung nicht verlassen, Niederländisch beibringen) finden in einer Schule Gottesdienste mit Trommeln und einer Kurzpredigt statt, von denen einer im Monat eine doe-viering, also ein "Mitmach-Gottesdienst" ist, bei dem die Gemeinde mit einem praktischen Auftrag hinausgeschickt wird. Bei einem solchen Gottesdienst, in dem es um das Reich Gottes ging, hat man, so erzählt Nico, die Gemeinde mit Digitalkameras ausgestattet und sie gebeten, an diesem Sonntagvormittag Fotos im Stadtteil zu machen von Situationen, in denen sie das Reich Gottes angebrochen oder noch in weiter Ferne sehen (noch so eine Idee, die bei mir unter "Will! Ich! Auch!" abgespeichert wird). Daneben gibt es Alphakurse, eine Gruppe, die für den Stadtteil und die Menschen betet, Sozialberatung und vieles mehr; die Gemeinde ist Teil der internationalen Initiative Serve the City. Und natürlich wird viel gegessen.

Die aus ursprünglich fünf Personen bestehende Kerngruppe ist mittlerweile auf 30 Mitarbeitende angewachsen, die unter anderem damit beschäftigt sind, Mitglieder der Gemeinde für die Übernahme eigener Verantwortung zuzurüsten. Das erklärte Ziel ist es, die Initiative irgendwann ganz in die Hände des Stadtteils zu übergeben - so wie die Hauptaufgabe des Kirchenpflanzers Nico von Splunter darin besteht, sich selbst überflüssig zu machen. 


Auf dem Weg zurück nach Amerongen...

...denke ich viel nach über die großartigen Initiativen und die überaus sympathischen Menschen, die wir in Rotterdam getroffen haben. Grandios finde ich immer noch die Idee mit dem Kirchenverkauf. Sicherlich geht es nicht überall so einfach, und natürlich setzt es einiges an Mut voraus, die Herrschaft im eigenen Haus aufzugeben. Aber ich sehe auch, wie einige Gemeinden in Deutschland unter den finanziellen Lasten altehrwürdiger Gebäude ächzen oder der Erneuerung des Gottesdienstes durch die Architektur Grenzen gesetzt sind. Solche Aspekte sind mir wichtig, gerade angesichts der momentanen Anstrengungen in der Praktischen Theologie, das Konzept der "Heiligen Orte" für den Protestantismus salonfähig zu machen und so kirchlichem Bestitzstandswahrungsdenken noch mehr Argumente an die Hand zu geben.  

Auch in Rotterdam ist uns wieder die Konzentration auf das "Kerngeschäft" begegnet - Bibel. Beten. Essen. Und eben auch: Tun. Das hat mich sehr beeindruckt - die zumindest auf Gemeindeebene kranke Trennung zwischen Kirche und Diakonie ist hier (noch?) nicht vollzogen.

In Spangen hat mich begeistert, dass die Verantwortlichen hier nicht auf gut ausgebildete Menschen zielen, um ihnen Leitungsaufgaben anzutragen, sondern auf die Zurüstung der Menschen vor Ort setzen. Erinnert ein bisschen an den schönen Satz, der vor einem Jahr oder länger mal ein kurzzeitiges Facebook-Meme war: Gott beruft nicht die Qualifizierten - er qualifiziert die Berufenen

Schließlich bleibe ich auch, noch einmal, am Konzept des church plantings hängen, diesmal eher an der Person des Kirchenpflanzers, dessen oberstes Ziel es ist, eine Arbeit in Gang zu bringen, die ihn selbst überflüssig macht und ihn irgendwann weiter ziehen lässt. Sehr apostolisch-paulinisch, das. Und sehr weit weg von so mancher pastoraler Praxis in Deutschland...