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Mittwoch, 17. Juni 2015

Efter regnet... Andakt vid midsommarfirandet i Köln

(Betraktelsen fick skrivas om tidigt i lördags morse. Inspiration kommer, om man bortser från själva vädret, främst från Maria Bergius Krämer)



Sommar, sommar, sommar,
men det är inte så mycket till dans i folkets park,
och inga picknickfiltar på roddklubbens gröna
men ack så dyblöta äng.
Sommaren är kort,
det mesta regnar bort,
men måste det regna just idag?
Kan inte du beställa solsken,
var det någon som undrade häromdagen,
du som av yrkesmässiga skäl ändå borde ha
bra kontakter till vem det än är
som ställer och styr däruppe?

Men den som ställer och styr däruppe
kanske tyckte att det på tiden
att det regnade lite, just idag.
Fråga mina sloknade blommor i trädgården,
fråga det knastrande, gulnade gräset,
fråga den torra markens sprickor,
fråga allt det som väckts till nytt liv efter regnet,
se dig omkring och upptäck
den vackra och lysande grönskan
nu när de senaste dagarnas damm har sköljts bort.

Åh jag vandrar
i ett sommarregn
Ett regn som svalkar sanningen
Ett regn som sköljer dumheten
som vandrar
i ett sommarregn
så sjunger Per Gessle i musikgruppen Gyllene tider.

Sommarregn i all ära, men måste det regna just idag,
då vi firar vår anrika midsommarfest?
Kanske just det.
Jag ringde styrelsen i förmiddags, för jag undrade:
Blir det något firande i dag?
Absolut, sa de, då får vi väl trängas ihop under taket här.
Och när vi lagt på,
så tänkte jag att det kanske ligger en djupare mening
i det plaskande midsommarregnet,
som åtminstone då höll på att ösa ner utanför mitt fönster.
För ibland blir det inte som man har planerat.
Livet kommer emellan, helt enkelt.
Och visst kan man tycka att det är dumt,
och visst kan man gå omkring hela dagen
med bitter min och bistra tankar,
och mumla om hur orättvist det är,
hur synd om alla förberedelserna.
Men jag tror att man kan välja att acceptera det
och göra det bästa av situationen.
„Det blir aldrig fel, det blir bara annorlunda“,
var de någon som sa i min hemförsamling i Askim utanför Göteborg,
när årets tipsvandring precis blivit inställd pga åskväder
för ett par år sen.
Och precis som vi gör idag så bestämde vi oss då
att fira så bra det bara går,
och vad ska jag säga: Det blev en mycket lyckad eftermiddag.

Livet blir inte alltid så som vi har tänkt oss.
Och det kanske är bra att vi påminns om det då och då,
att våra prioriteringar inte alltid håller,
och att vi blir tvungna att släppa våra krav på perfektion
och öppna oss för nya möjligheter
bortom allt det som vi kan föreställa oss.

Ibland är den bästa festen den som börjar lite trögt och stapplande,
ibland är det lättare att brista ut i gapskratt när mascaran ändå runnit nerför ansiktet,
ibland leder det trånga myllret under ett skyddande tak
till spännande möten, givande samtal och nya bekantskap.
Ibland är det bara att göra som barnen
och ha kul ändå.

Kära vänner, om vi inte gjort det än,
så tycker jag att vi ska bestämma oss nu
för att ha en riktigt härlig dag tillsammans
härute i det gröna.

Där den som styr och ställer däruppe
är i full fart med att skapa nytt liv.


Hör, nu har regnet slutat att falla
Se, nu är luften klar och blå
Det är skönt att andas
Se, solen bryter äntligen fram
Och trollar med varje blad och strå
Jorden doftar ny
Solen värmer mot din hy
Allting har vilat
Allting får liv igen.
(Mats Nörklid)


Amen.

Donnerstag, 5. März 2015

Passion in Bildern (II): "Entartete Kunst" und eine Freundschaft, die tragisch endet




Unser heutiges Bild stammt aus der neunteiligen Bilderreihe „Das Leben Christi“ aus den Jahren 1911 und 1912 von Emil Nolde, dem großen deutschen Expressionisten des 20. Jahrhunderts. Die Bilder sind allesamt Aquarelle in ausdrucksstarken Farben und zum Teil sehr simplen, zweidimensonalen Figuren, fast so, wie man sie aus Kinderbibeln kennt – hier wirkt einerseits im Großen die Romantik nach, andererseits im Kleinen und Entscheidenden die Bibelstunden auf dem Bauernhof in Nolde (daher der Künstlername). 



Wohlgemerkt, in allen Bildern bis auf das, was uns heute besonders interessiert, aber dazu später. Diese Bilderreihe war im Jahr 1937 Mittelpunkt der Naziausstellung „entartete Kunst“, die Kulturvasallen Joseph Goebbels‘ hatten darüber ein Plakat hängen lassen mit der Aufschrift: „Gemalter Hexenspuk, geschnitzte Pamphlete von psychopathischen Schmierfinken“ – übrigens, bezeichnender Weise hat die Kirche an manchen Stellen in ihrer Kritik an Noldes religiösen Bildern zum Teil fast wortwörtlich dasselbe gesagt – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Nolde selbst war von dieser Kritik auf zweifache Art getroffen: Erstens verstand er selbst seine „biblischen und Legendenbilder“ als Ausdruck einer respektablen Religiosität und Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens – und er war selbst ein fieser Antisemit, aktives NSDAP-Mitglied und Kämpfer gegen die von ihm selbst so bezeichnete „Überfremdung germanischer Kunst.“ 

Aber kommen wir zum Bild selbst. Die knalligen Farben, die ausdruckstarken und deutlichen Formen, die sonst die biblischen Bilder auszeichnen, sucht man hier vergebens. Es ist dunkel, vieles wirkt undeutlich, verschwommen, man muss zwei-, dreimal hingucken, um überhaupt etwas zu erkennen. Das passt, denn es ist wahrscheinlich Abend im Garten Gethsemane. Das passt aber auch auf einer tieferen Ebene, denn wenn vertraute Menschen einen hintergehen, verraten, ausliefern – dann schwankt der Boden unter den Füßen, dann erscheint das, was vorher klar und stabil schien, plötzlich zwielichtig und brüchig. Und zwar auf Dauer – ich weiß nicht, wie oft mir schon jemand erzählt hat: Ich bin einmal sehr enttäuscht worden, mir fällt es schwer Vertrauen zu fassen. 

Es ist dunkel im Garten Gethsemane, und die Menschen sind nur zum Teil erkennbar. Das ist Judas. Er schlingt Jesus die Arme um den Hals, küsst ihn auf den Mund und sieht für mich sehr ungestüm, sehr vereinnahmend aus. Und vielleicht ist das so, so wie falsches Gelächter oft das lauteste ist, und die falschen Küsse die vermeintlich leidenschaftlichen und auf jeden Fall öffentlichkeitswirksamen. Der Judas auf diesem Bild ist noch nicht der, dem kurze Zeit später den Hohepriestern das Geld vor die Füße schmeißt und dem die eigene Existenz unerträglich wird und der seinem Leben ein Ende setzt. Dieser Judas hier ist überzeugt von dem, was er tut. Warum Judas zum Verräter wird, wissen wir letzten Endes nicht, da ist viel spekuliert worden. Ob es die Geldgier ist, ob es die Enttäuschung des politischen Aktivisten ist oder irgendwelche Zwischenmenschlichkeiten, von denen wir keine Ahnung haben – wir wissen es nicht. Aber weiß man überhaupt jemals wirklich, warum Menschen zu dem werden, was sie werden? 

Dann ist da noch Jesus auf dem Bild. Sein Blick scheint in weite Ferne zu gehen, sein Gesicht ist seltsam ausdruckslos. Ein Arm leicht erhoben, ich kann nicht sehen, ob er die Umarmung halb erwidert oder Judas halb abwehrt – aber es ist auf jeden Fall nur eine halbe Geste. Jesus lässt das alles mit sich geschehen, angeblich, weil es einfach so sein muss. Und auch das ist die Tragik menschlicher Beziehungen, die zerstörerisch enden: Es gehören immer zwei dazu, auf irgendeiner Ebene, bewusst oder unbewusst, auf eine Art und Weise gehört immer jemand dazu, der den anderen machen lässt, weil es angeblich irgendwie so sein muss. 

Im Vordergrund ein römischer Soldat, erkennbar am Helm und an den Fackeln, die er trägt. Also einer von der Gegenseite, an die Judas Jesus verkauft hat. Er schlägt die Hand vor den Mund und schaut sich das Geschehen ungläubig, fast entsetzt an. Vielleicht erkennt er, mit was für fiesen Mitteln seine Befehlshaber hantieren. Vielleicht ist es auch so, dass niemand einen Verräter mag, auch die nicht, die einen Nutzen von ihm haben. 

Im Hintergrund steht eine weitere Person. Man kann sie kaum erkennen, man sieht nur ihre Augen im Dunkeln leuchten und vielleicht schemenhaft ein paar Gesichtszüge, eine Hand. Und irgendwie passt es auch, denn in den meisten Fällen, in denen Vertraute zu Verrätern werden, in denen Menschen Menschen verraten, gibt es da jemanden im Hintergrund. Im Kleinen fängt das im Sandkasten oder auf dem Schulhof an, wenn da auf einmal jemand ist, der die cooleren Klamotten oder Spielzeuge hat und es wert scheint, dass man alle anderen plötzlich links liegen lässt. Das ist meistens dann so, wenn Liebende anfangen, einander zu belügen und zu hintergehen, weil da irgendjemand ist, der das verspricht, was man vermisst. 

Und mit all dem ist gerade einmal die Hälfte des Bildes beschrieben. Absolut dominant ist das Schwarz, die Dunkelheit, die Finsternis, die alle zu verschlucken droht. Und man, gerade bei Judas, gar nicht so richtig, ob er aus der Dunkelheit hervorgeht, oder ob sie ihn verschlingt. Vielleicht kann man das auch gar nicht so genau unterscheiden, vielleicht ist das so, dass bestimmte Mächte, Motive, Gedanken, mit denen man sich abgibt, für den Augenblick zwar einen Antrieb bedeuten, auf lange Sicht aber immer die auffressen, die sich mit ihnen abgeben. 

Es ist kein weiter Gedankensprung, mit der Schwärze in dem Bild den Tod zu verbinden, den Tod beider Hauptfiguren, auf den es hinausläuft. Dabei ist es, glaube ich, nicht nur der physische Tod am Kreuz und der Tod am Strang. Es gibt noch etwas, das man in den verschiedensten Zusammenhängen als den „sozialen Tod“ kennt. Eine eindrückliche Schilderung davon haben wir in dem Psalm, den wir vorhin gebetet haben, gehört. Der soziale Tod ist der Abbruch aller Beziehungen, schon im Leben. In unseren Breitengraden ist er vielleicht besonders in denjenigen Institutionen verbreitet, in denen alte und kranke Menschen ohne menschliche Kontakte vor sich hin vegetieren, nicht mehr als Personen, sondern nur noch als Insassen behandelt werden. Am sozialen Tod sterben Menschen, der so genannte Alterssuizid, ob er aktiv durch Medikamentenüberdosierungen oder eher „passiv“ durch Nahrungsverweigerung oder schlichtweg Selbstaufgabe geschieht, ist eine Tatsache. 

Jesus selbst ist auch den sozialen Tod gestorben, nicht allein wegen Judas. 
Auch wegen Petrus und aller anderen, die ihn verlassen haben. 
Jesus selbst ist in das Dunkle menschlicher Verwicklungen hinabgestiegen 
und hat dafür gesorgt, dass die Zeiten und Räume der Einsamkeit 
keine Sekunde lang Momente der Gottesferne sind. 
Das ist keine Entschuldigung. 
Das ist die einzige Hoffnung für alle Menschen, 
die einander ins Dunkel reißen. 
Amen.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Passion in Bildern (I): "Eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht haben will"

Raoef Mamedov (1979), Last Supper. Quelle. postkiwi.com

Liebe Gemeinde, unsere Reihe von Passionsandachten wird heute mit einem Ensemble aus fünf Fotografien von Raoef Mamedov eröffnen. Der Künstler wurde 1956 in Aserbaidschan geboren, ist heute, nach entsprechendem Studium und Praxis Professor an der Hochschule für Film und Fernsehdirektor in Moskau. Vor seiner Karriere als Fotograf arbeitete er als Sozialarbeiter in der Psychiatrie. Aus den offiziellen Biografien geht nicht draus hervor, was genau das für Einrichtungen waren, aber es ist davon auszugehen, dass die Zustände in einer geschlossenen Anstalt in der Sowjetunion der späten Siebziger andere waren als wir sie heute gewohnt sind. Sein Bild heißt: „Das letzten Abendmahl“ und ist, wie Sie wahrscheinlich auch erst einmal von Ferne erkennen können, eine Nachstellung des berühmten Gemäldes von Leonardo Da Vinci. Da sind sie alle, Jesus, die Jünger. Aber der Reihe nach. 

Jesus sitzt in der Mitte. Mit hängenden Schultern blickt er auf einen unbestimmten Punkt irgendwo neben seinem Teller. Der Teller ist leer, das Brot, das werden wir später sehen, ist unter den Jüngern geteilt. Geteilt, oder zerbrochen, wer weiß das schon. An seiner rechten Hand eine Brille, das Symbol des Gelehrten, des Rabbiners. Jesus sitzt von allen anderen getrennt und vielleicht sind es innerhalb der Passionsgeschichte diese kleinen Momente, in denen sich schon abzeichnet, dass Er einen Weg zu gehen hat, den niemand seiner Jünger mitgehen kann. Gerade hat er die Worte gesprochen, die die Gemeinschaft der Jünger aufsprengen und sie vereinzeln: „Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst.“ Das schafft Unruhe am Tisch. Einer fragt den anderen: „Doch nicht ich!“, so schreibt die Bibel. Und die Jünger reagieren ganz unterschiedlich, aber doch so ähnlich und so nachvollziehbar auf diese Ankündigung, auf das Wissen, dass für Einen von ihnen ihre Gemeinschaft mit Jesus, ihre Gemeinschaft miteinander nicht soviel bedeutet hat, oder eben doch zu viel. 

Geht man von den allgemeinen Annahmen zu Leonardo Davincis Bild aus, so ist es Thomas, der Jesus hier drohend den Zeigefinger entgegenstreckt, denselben Zeigefinger, den er später in seine Wunde legen wird. Er scheint wütend auf Jesus zu sein, wie wir so oft wütend auf den Überbringer schlechter Nachrichten sind, nicht auf die Verursacher selbst. Daneben Jakobus der Zebedaide, der Donnersohn, der mit seiner Geste und seinem abgelenkten Blick ins leere ganz klar macht: „Ich habe damit nichts zu tun!“ Philippus starrt Jesus ungläubig an, es ist nicht klar, ob er sich an die Brust fasst oder ob er sich sein Gewand enger um den Körper zieht, als wäre es plötzlich kalt geworden. 

Am einen Ende des Tisches, vermutlich sind es Matthäus, Thaddäus und Simon, herrscht Ratlosigkeit. Matthäus blickt seinen Nachbarn an, als erhoffte er sich von ihm ein erlösendes Lachen, eine Auflösung – war doch alles nur ein Scherz! Sein Nachbar Thaddäus zeigt ihm die kalte Schulter, er scheint sich zu Simon zu lehnen und misstrauisch ihn Richtung seines Nachbarn zu zeigen. Hier zeigt sich, dass die Frage: „Bin ich’s?“, wie sie in der Bibel noch als Erstreaktion der Jünger geschildert wird, auf lange Sicht wahrscheinlich für keinen Menschen auszuhalten ist und schnell zur Frage wird: „Meinst Du, der war’s?“ 
Simon der Zelot starrt mit hochgezogenen Augenbrauen vor sich hin, die Hände ausgebreitet, als zucke er die Schultern. „Wer versteht schon alles von dem, was Jesus so von sich gibt?“ 

Ihnen genau gegenüber, am anderen Ende des Tisches, herrscht ähnlicher Aufruhr. Bartholomäus hat sich von seinem Stuhl erhoben, stützt sich auf dem Tisch ab. Daneben Jakobus der Jüngere. Entgeistert starrt er Jesus an, aus seiner Geste ist für mich nicht ersichtlich, ob er ihn festhalten oder ob er den Verdacht, den Gedanken, Jesus selbst wegstoßen will. Andreas, der Bruder des Petrus, scheint den Verdacht mit den Händen abzuwehren, wieder: „Ich war’s nicht!“ Stiller scheint es um die nächsten drei zu sein, Petrus, Judas und der Lieblingsjünger. Letzterer ist, unschwer zu erkennen, eine Frau, Mamedov hat das ewige Rätsel um die Figur in Davincis Bild für sich gelöst. Sie sitzt vom Bild her am nächsten bei Jesus, wie auch der Lieblingsjünger nach dem Johannesevangelium ihm oft am nächsten sitzt. Und vielleicht ist es diese Nähe, die es ihr möglich macht, zu akzeptieren. Sie faltet die Hände und senkt den Blick. Petrus sitzt da, einen Ellenbogen und eine Hand auf dem Tisch abgestützt, das Kinn hochgezogen, den Blick auf Jesus. Als warte er auf irgendeine Anweisung. Als meine er, irgendetwas tun zu können. 

Und dann Judas. Der mit ganz anderem beschäftigt scheint. Das Messer in der einen Hand, wendet er sich dem Lieblingsjünger zu und zumindest für mich sieht das nach eindeutiger Anmache aus. Ein doppelter Verrat an Jesus, sozusagen – zuerst liefere ich Dich aus, dann mache ich mich an die ran, die Du liebst. 

Liebe Gemeinde, eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht will. So war diese Bildbetrachtung heute angekündigt. Und in der Tat möchte ich nicht an diesem Tisch sitzen, möchte ich so etwas nicht erleben - die Ankündigung, dass Einer die Gemeinschaft verraten wird, die gegenseitigen Anschuldigungen, das feige Flüstern der Einen und das unreflektierte Poltern der Anderen. Und noch etwas macht diese Tischgemeinschaft zu einer, die keiner so recht haben will. Sie haben es längst gesehen, die Darsteller auf dem Bild haben das Down Syndrom, eine Trisomie 21, früher in locker-rassistischem Zungenschlag als „Mongolismus“ bezeichnet. Die Schauspielgruppe, mit der Mamedov 1997 über einige Wochen intensiv gearbeitet und dann eine Fotoreihe gemacht hat, sind alle gut jenseits der Dreißig. Wollte er das Projekt in ein paar Jahren wiederholen, hätte er größere Mühe, genügend Leute zu finden. Denn zwischen siebzig und neunzig Prozent der Kinder, bei denen eine Nackenfaltenmessung die Ängste der Eltern bestätigt, werden in der westlichen Welt nicht geboren. 

Mamedovs Bild macht mir deutlich, dass die menschliche, zwischenmenschliche und übermenschliche Gemeinschaft, die Gott in Jesus Christus gesucht und geschaffen hat, weiter ist als unsere schiefen und so veränderlichen Maßstäbe dafür, was gelungenes und gutes Leben ist. Und zwar nicht nur im Blick auf Gesundheit, Unversehrtheit, Kraft. Sondern auch im Blick auf Schuld und Versagen. Es tröstet mich, dass sich diese Szenen menschlichen Versagens, die im Bild aufgefangen, eingefroren sind, VOR dem letzten Abendmahl abspielen. Jesus sitzt und isst mit seinen Jüngern, obwohl – und vielleicht: weil sie Brüdermörder, Drückeberger, Skeptiker, misstrauische Lästermäuler sind. Dann gilt die Gemeinschaft auch uns, mit all unseren Fehlern, all unseren Schwächen, all unserer Schuld. 

Und der Friede Gottes…

Montag, 22. Dezember 2014

Irdene Unikate - zur sechsten O-Antiphon



Durch das Internet flattert eine Zeichnung,
wenige Striche mit Tusche, ein bisschen Aquarellfarbe,
grau, braun, schwarz und weiß.
Am linken Rand die unerklimmbar hohe,
weiße, glatte Bordwand eines Schiffs,
im Zentrum eine Holzbarke, voll mit Menschen.
Es kommt ein Schiff,
geladen bis an den höchsten Bug.
„Woher kommt ihr?“ fragt der Kapitän des großen Schiffes.
„Von der Erde“, antworten die Flüchtlinge.

Wir kommen von der Erde.
Wir sind aus Erde.
Und werden dorthin zurückkehren.
Alle.
Das eint.
Das erdet.
Ich bin nicht das Produkt meiner Leistung,
nicht das Ergebnis meiner eigenen Fantasie.
Ich bin handgemacht
und veredelt mit der Signatur des Künstlers.
Ein Einzelstück, aber
Teil einer Serie,
mit knapp 100 Milliarden anderen Unikaten
seit Anbeginn der Zeit.
Der Künstler verkauft seine Werke nicht,
kein einziges.
Er leiht sie gern aus,
für 70, 80 Jahre,
die ganz Wertvollen für kürzere Zeit.
Er sammelt sie bei sich,
restauriert liebevoll diejenigen,
die mit Sprüngen und Rissen zurückkommen,
schafft Neues.
Work in progress.
Wir sind aus Erde.
Stabil, aber formbar.
Als Eckstein, als Fundament nur bedingt geeignet.
Dafür braucht es einen anderen.
Wunderrat, Ewig-Vater, Friedefürst.
Auf den kann man bauen.
Mit lebendigen Steinen aus Erde und Geist,

Unikate einer Serie. 


Gefunden bei marthori (da findet man sowieso Tolles!).

Der Ruf nach dem Orient - zur fünften O-Antiphon


Donnerstag, 29. Mai 2014

Ein Text und sein Echo - Lk 2,1


Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

Religionsunterricht, 6. Klasse, bei der neuen Referendarin.

Referendarin:
"Du bist alle Welt. Du hast gehört: Du sollst geschätzt werden. Was macht das mit dir? Welche Fragen gehen dir dabei durch Kopf und Herz?"

Schüler:
"Schriftlich oder mündlich?!"




Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

Irgendein Experte aus der "freien Wirtschaft", der auf eine Synode, einen Pfarrkonvent, eine Kirchenleitungssitzung eingeladen wird, um mal "ganz bewusst die kirchliche Binnenperspektive aufzubrechen", "damit man nicht immer im eigenen Saft kocht".

Experte:
"Große Bewegungen brauchen große Entscheidungen! Und große Menschen, die Großes wollen! Wie viel Größe gesteht Ihre Kirche, Ihr Unternehmen, sich selbst zu?! Wie groß sind Ihre Führungspersönlichkeiten? Wie sehr wagen Sie, top-down zu entscheiden, einen Kurs vorzugeben, wenn es nötig ist?! Lassen Sie mich ganz provokant fragen: Wer bei Ihnen hat Eier genug, den Augustus zu machen und etwas anzuordnen?!"



Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

Weihnachtsgottesdienstlicher Baustein des Arbeitskreises "Genderbewusste Liturgie" der Evangelischen Akademie Butzenhausen.

"die zeit
die welt
zwei von mir
zwei von uns
zwei weiblichkeiten / die
ineinander fallend einander beschenkend /
dem handeln des einen
mannes
eine heilvolle
grenze setzen.
nicht er / augustus / sondern Sie:
die zeit
die welt
bringen sich in bewegung"



Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

Positionspapier der Kirchenleitung zum Thema "Organisation und Verwaltung"


"Auch in der Umwelt des Neuen Testaments sind statistische Erhebungen selbstverständliche Grundlage makroökonomischer Steuerung. Vom Kaiser unbeabsichtigt, setzt seine Anordnung eines Volkszensus zugleich die heilvolle Geschichte des Kommens Gottes zur Welt unaufhaltsam in Gang. Volkswirtschaftliches und behördliches Handeln erfährt so eine deutliche theologische und christologische Aufwertung. Als kennzeichnendes Leuchtfeuer sehen wir daher im Jahr 2030 auch die kleinen und großen Strukturelemente kirchlicher Verwaltung. Wie auch Augustus seine Volkszählung nicht begründet, so strebt auch die kirchliche Verwaltung in wohltuender, prophetischer Abgrenzung zur zwanghaften Effizienzsteigerung ihrer Umwelt nicht nach logischer Stringenz oder messbaren Resultaten, und predigt (Barmen III) demnach durch ihr So-Sein eine heilsame Ethik der Selbstgenügsamkeit."


Am zweiten Tag unseres Wittenberger Slam-Workshops standen Textproduktion und -redaktion auf dem Programm - immerhin sollte es abends in die Bütt gehen. Für Leute wie mich, die noch keinen blassen Schimmer hatten, was sie im CLACK-Theater auf die Bühne bringen sollten, gab es eine weitere Einheit mit Schreibimpulsen. Dabei sind einige nette Literaturstückchen entstanden, die unter "Wiedervorlage" einsortiert wurden. Eine der möglichen Übungen war das verfremdende Nacherzählen eines biblischen Textes. Ich habe es abgewandelt und nenne das Ganze TEXTECHO und fantasiere ein paar Stimmen zu einem Bibeltext oder einem einzelnen Vers zusammen. Im vorangehenden Beispiel mit satirischen Untertönen - aber ich könnte mir vorstellen, das auch zur Predigtvorbereitung zu benutzen, quasi imaginäre Gesprächspartner_innen auftreten zu lassen, so ein bisschen was wie ein Bibliolog mit mir selbst. 

Mittwoch, 19. März 2014

Eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht haben will

Zum Welt-Down-Syndrom-Tag eine Passionsandacht von 2010, aus einer Reihe zu modernen Passionsdarstellungen.  

http://www.postkiwi.com/images/2007/4/mamedov-last-supper.jpg
Bildquelle: postkiwi.com
Liebe Gemeinde, unsere Reihe von Passionsandachten wird heute mit einem Ensemble aus fünf Fotografien von Raoef Mamedov eröffnet. Der Künstler wurde 1956 in Aserbaidschan geboren, ist heute, nach entsprechendem Studium und Praxis Professor an der Hochschule für Film und Fernsehdirektor in Moskau. Vor seiner Karriere als Fotograf arbeitete er als Sozialarbeiter in der Psychiatrie. Aus den offiziellen Biografien geht nicht draus hervor, was genau das für Einrichtungen waren, aber es ist davon auszugehen, dass die Zustände in einer geschlossenen Anstalt in der Sowjetunion der späten Siebziger andere waren als wir sie heute gewohnt sind. Sein Bild heißt: „Das letzten Abendmahl“ und ist, wie Sie wahrscheinlich auch erst einmal von Ferne erkennen können, eine Nachstellung des berühmten Gemäldes von Leonardo Da Vinci. 

Da sind sie alle, Jesus, die Jünger. Aber der Reihe nach. 

Jesus sitzt in der Mitte. Mit hängenden Schultern blickt er auf einen unbestimmten Punkt irgendwo neben seinem Teller. Der Teller ist leer, das Brot, das werden wir später sehen, ist unter den Jüngern geteilt. Geteilt, oder zerbrochen, wer weiß das schon. An seiner rechten Hand eine Brille, das Symbol des Gelehrten, des Rabbiners. Jesus sitzt von allen anderen getrennt und vielleicht sind es innerhalb der Passionsgeschichte diese kleinen Momente, in denen sich schon abzeichnet, dass Er einen Weg zu gehen hat, den niemand seiner Jünger mitgehen kann. Gerade hat er die Worte gesprochen, die die Gemeinschaft der Jünger aufsprengen und sie vereinzeln: „Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst.“ Das schafft Unruhe am Tisch. Einer fragt den anderen: „Doch nicht ich!“, so schreibt die Bibel. Und die Jünger reagieren ganz unterschiedlich, aber doch so ähnlich und so nachvollziehbar auf diese Ankündigung, auf das Wissen, dass für Einen von ihnen ihre Gemeinschaft mit Jesus, ihre Gemeinschaft miteinander nicht soviel bedeutet hat, oder eben doch zu viel. 

Geht man von den allgemeinen Annahmen zu Leonardo Davincis Bild aus, so ist es Thomas, der Jesus hier drohend den Zeigefinger entgegenstreckt, denselben Zeigefinger, den er später in seine Wunde legen wird. Er scheint wütend auf Jesus zu sein, wie wir so oft im ersten Moment wütend auf den Überbringer schlechter Nachrichten sind, nicht auf die Verursacher selbst. Daneben Jakobus der Zebedaide, der Donnersohn, der mit seiner Geste und seinem abgelenkten Blick ins leere ganz klar macht: „Ich habe damit nichts zu tun!“ Philippus starrt Jesus ungläubig an, es ist nicht klar, ob er sich an die Brust fasst oder ob er sich sein Gewand enger um den Körper zieht, als wäre es plötzlich kalt geworden. Am einen Ende des Tisches, vermutlich sind es Matthäus, Thaddäus und Simon, herrscht Ratlosigkeit. Matthäus blickt seinen Nachbarn an, als erhoffte er sich von ihm ein erlösendes Lachen, eine Auflösung – war doch alles nur ein Scherz! Sein Nachbar Thaddäus zeigt ihm die kalte Schulter, er scheint sich zu Simon zu lehnen und misstrauisch ihn Richtung seines Nachbarn zu zeigen. Hier zeigt sich, dass die Frage: „Bin ich’s?“, wie sie in der Bibel noch als Erstreaktion der Jünger geschildert wird, auf lange Sicht wahrscheinlich für keinen Menschen auszuhalten ist und schnell zur Frage wird: „Meinst Du, der war’s?“ Simon der Zelot starrt mit hochgezogenen Augenbrauen vor sich hin, die Hände ausgebreitet, als zucke er die Schultern. „Wer versteht schon alles von dem, was Jesus so von sich gibt?“ Ihnen genau gegenüber, am anderen Ende des Tisches, herrscht ähnlicher Aufruhr. Bartholomäus hat sich von seinem Stuhl erhoben, stützt sich auf dem Tisch ab. Daneben Jakobus der Jüngere. Entgeistert starrt er Jesus an, aus seiner Geste ist für mich nicht ersichtlich, ob er ihn festhalten oder ob er den Verdacht, den Gedanken, Jesus selbst wegstoßen will. Andreas, der Bruder des Petrus, scheint den Verdacht mit den Händen abzuwehren, wieder: „Ich war’s nicht!“ Stiller scheint es um die nächsten drei zu sein, Petrus, Judas und den Lieblingsjünger. Letzterer ist, unschwer zu erkennen: Eine Frau, Mamedov hat das ewige Rätsel um die Figur in Davincis Bild für sich gelöst. Sie sitzt vom Bild her am nächsten bei Jesus, wie auch der Lieblingsjünger nach dem Johannesevangelium ihm oft am nächsten sitzt. Und vielleicht ist es diese Nähe, die es ihr möglich macht, zu akzeptieren. Sie faltet die Hände und senkt den Blick. Petrus sitzt da, einen Ellenbogen und eine Hand auf dem Tisch abgestützt, das Kinn hochgezogen, den Blick auf Jesus. Als warte er auf irgendeine Anweisung. Als meine er, irgendetwas tun zu können. Und dann Judas. Der mit ganz anderem beschäftigt scheint. Das Messer in der einen Hand, wendet er sich dem Lieblingsjünger zu und zumindest für mich sieht das nach eindeutiger Anmache aus. Ein doppelter Verrat an Jesus, sozusagen – zuerst liefere ich Dich aus, dann mache ich mich an die ran, die Du liebst. 

Liebe Gemeinde, eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht will. So war diese Bildbetrachtung heute angekündigt. Und in der Tat möchte ich nicht an diesem Tisch sitzen, möchte ich so etwas nicht erleben - die Ankündigung, dass Einer die Gemeinschaft verraten wird, die gegenseitigen Anschuldigungen, das feige Flüstern der Einen und das unreflektierte Poltern der Anderen. Aber noch etwas macht diese Tischgemeinschaft zu einer, die keiner so recht haben will. Sie haben es längst gesehen, die Schauspieler auf dem Bild haben das Down Syndrom, eine Mutation, eine Trisomie des 21. Chromosoms, früher in locker-rassistischem Zungenschlag als „Mongolismus“ bezeichnet. Die Schauspielgruppe, mit der Mamedov 1997 über einige Wochen intensiv gearbeitet und dann eine Fotoreihe gemacht hat, sind alle gut jenseits der Dreißig. Wollte er das Projekt in ein paar Jahren wiederholen, hätte er größere Mühe, genügend Leute zu finden. Denn zwischen siebzig und neunzig Prozent der Kinder, bei denen eine Nackenfaltenmessung die Ängste der Eltern bestätigt, werden in der westlichen Welt nicht geboren. 

Mamedovs Bild macht mir deutlich, dass die menschliche, zwischenmenschliche und übermenschliche Gemeinschaft, die Gott in Jesus Christus gesucht und geschaffen hat, weiter ist als unsere schiefen und so veränderlichen Maßstäbe dafür, was gelungenes und gutes Leben ist. Und zwar nicht nur im Blick auf Gesundheit, Unversehrtheit, Kraft. Sondern auch im Blick auf Schuld und Versagen. Es tröstet mich, dass sich diese Szenen menschlichen Versagens, die im Bild aufgefangen, eingefroren sind, VOR dem letzten Abendmahl abspielen. Jesus sitzt und isst mit seinen Jüngern, obwohl – und vielleicht: weil sie Brüdermörder, Drückeberger, Skeptiker, misstrauische Lästermäuler sind. Dann gilt die Gemeinschaft auch uns, mit all unseren Fehlern, all unseren Schwächen, all unserer Schuld. Und der Friede Gottes…

Montag, 17. Februar 2014

Sola Gratia

Es ist später Abend. Beißend kalter Wind schneidet durch Luft, Kleider und Glieder, schießt nadelspitze Regentropfen in jeden Winkel. Autos rasen vorbei, ein Lichtkegel, quietschende Reifen, eine Pfütze springt mir entgegen, klammert sich an mir fest, läuft mir langsam die Beine hinunter. Ein schwarzer Spalt zwischen zwei Häusern, eine kleine Gasse, ohne Namen, ohne Straßenlaternen. Ein kurzes Zögern, den Kragen hochgeschlagen, dann ein paar schnelle Schritte. Um die scharfkantige Ecke, um abgeblätterten Putz und verwaschenes Graffiti herum, hinein in das Dunkel der Gasse. Dann, endlich, das Haus. Unscheinbar, abgeklebte Fensterscheiben, weißblau flackernde Leuchtschrift, elektrisches Summen in unruhigen Intervallen. H… bsss… I… bss… M… und aus. Zwischen umgestürzten Mülltonnen eine Treppe, ein paar Stufen hoch. Glitschig, schwarzer Asphalt, steil. Mein Atem ein paar Stöße weißer Wolken. Eine schwere Eisentür, einen schwarze, glatte Wand. Der Wind sticht in den Augen. Wo ist die Klingel? Ich hebe den nassschweren Arm, poche leise, noch einmal, härter. Steif gefrorene Fingerknöchel zerspringen am kalten Metall, rutschen ab, noch einmal. Nichts. „Ähm“, mache ich. Nichts. „Meine Freunde sind schon drin“, versuche ich, etwas lauter, etwas schneller, damit der Wind meine Worte nicht auf halbem Weg packen und wegreißen kann. Nichts. „Verstehen Sie mich? Do you understand me? Ich muss da rein.“ Nichts. Ich mache kurz die Augen zu, atme tief ein, hinter der Tür höre ich leise Musik und Lachen. Ich will rein. Baue mich auf, ziehe mich hoch, mache meine Stimme tief und erwachsen: „Ich kenne den Chef. Ihr lasst mich besser rein.“ Zücke mein Handy und halte es hoch, falls mich irgendjemand durch eine Kamera beobachtet. „Ich kann auch anrufen“, drohe ich, „dann wird es ungemütlich!“ Nichts. Stecke das Handy in die Tasche, hole einen Schein raus. „Okay“, lenke ich ein. „Wieviel?“ Nichts. Gebe mich loyal. „Da kann man doch irgendwas machen. Hey, komm, ich bin wer weiß wie lange durch den Regen gelaufen… Ich will einfach nur rein, ein bisschen Spaß haben, ich mach bestimmt keinen Ärger.“ Nichts. Lautes Lachen von drinnen, Musik, dann wieder von der Straße quietschende Reifen. Ich schlage mit den Armen aus, lache gekünstelt. „Sesam, öffne dich“, rufe ich halb im Scherz, halb verzweifelt. „Komm jetzt, ich unterschreibe auch Eure Mitgliedskarte oder was auch immer ich tun muss.“ Nichts. Regen fällt mir auf den Kopf, macht ihn schwer, tropft runter auf meine Schultern, zieht sie nach unten, nimmt mich mit. Ich lasse mich auf die Stufe fallen, kalter, harter Beton. Über meine Schulter hinweg gucke ich zur Tür. „Ist egal, was ich tue, oder?“ frage ich leise vor mich hin. „Ich kann Männchen machen, soviel ich will, das bringt mich nicht rein, oder?“ Drehe mich weg, stehe langsam auf, mein Fuß tastet nach der nächst tieferen Treppenstufe. „Nein.“, sagt eine Stimme hinter mir. Eigentlich gar nicht unsympathisch, aber das ist jetzt auch egal. Mein Fuß sackt auf die nächste Stufe. Eine Hand berührt mich an der Schulter. Langsam drehe ich mich um. Eine Gestalt ist aus der Tür herausgetreten, steht mit mir im Regen, im Wind, in der Kälte. Hinter ihm, der Türrahmen und was dahinter ist, ein leuchtendes, goldenes Viereck, Wärme flutet ins Nasse, streichelt mir ins Gesicht, Lachen, Musik, Gesprächsfetzen flattern aus der Tür und tanzen um meinen Kopf. „Die Tür geht nur von innen auf“, erklärt er, fast entschuldigend. „Aber ist jetzt auch egal. Kommst du?“ Er hält mir die Hand hin. Für einen kurzen Moment zögere ich, sehe ich einen Fleck in seiner Handfläche, wie eine Narbe, dann legt sich meine Hand in seine. Seite an Seite gehen wir zur Tür, ich bleibe kurz stehen, sehe Gestalten innen drin, fröhlich, sauber, edel, strahlend und gucke meine nassen Jeans hinunter auf meine matschigen Schuhe. „Handtücher gibt’s drinnen“, sagt er und nickt mir zu: „Wenn einer fragt, sag einfach, du gehörst zu mir“, sagt er und zieht mich über die Schwelle rein ins Warme. 

(c) Andrea Damm / pixelio.de

Samstag, 12. Oktober 2013

Gebete, die zu Boden fallen


Yere Düşen Dualar - „Gebete, die zu Boden fallen“. So lautet der Originaltitel eines Romans von Sema Kaygusuz. Der Titel hat die deutsche Ausgabe leider nicht überlebt, bei Suhrkamp heißt es „Wein und Gold“, ich weiß auch gar nicht mehr, worum es in dem Buch geht. Aber das spielt im Moment auch keine Rolle. Mich hält das Bild fest:

Gebete, die zu Boden fallen. 

Ich glaube fast, das kann passieren. Zumindest befürchte ich das manchmal. Wenn der Kopf gesenkt ist. Wenn keine Luft mehr in den  Lungen ist, um sie in den Himmel hinaufzuschreien, wo sie hingehören. Wenn der Kloß im Hals nur noch Fetzen vorbeilässt, oder wenn im Kopf kein Raum ist, wo sie gedankliche Flügel bekommen können.


(c) Jürgen Acker / pixelio.de

Gebete, die zu Boden fallen. In der vierten Klasse einer Düsseldorfer Grundschule weckt dieses Bild Besorgnis – und ungeahnten Schaffensdrang. Marie ist der Meinung, dass man viel vorsichtiger durch die Welt gehen müsste, wenn überall auf dem Boden Gebete rumliegen. Einige Kinder überschlagen sich mit Erfindungen, um dieser Not Abhilfe zu schaffen: In der Kirche müsste ein kleines Trampolin stehen, findet Leonard, und jeder, der Angst hat, dass sein Gebet den Sprung in den Himmel nicht schafft, könnte sich davor stellen und seine Gebete auf das Trampolin fallen lassen – dann springt es hoch. Sophie denkt praktisch und wendet ein, dass die Gebete dann zwar nicht auf dem Boden liegen, aber dafür an der Kirchendecke kleben. Das weckt Widerspruch, einige Kinder sagen, wenn Gott in der Kirche wohnt, dann sei er groß genug, bis an die Decke zu kommen. Raúl meint, man könne Gott ja den Tipp geben, über dem Trampolin zu schweben. 

Alle sind sich einig: Auf dem Boden können die Gebete nicht liegen bleiben. Charlotte sieht das Ganze ein bisschen entspannter, denn: Immer, wenn etwas zu lang auf dem Boden liegt, wird es weggeräumt. Das wiederum beunruhigt Marius, denn seine Mutter droht ihm immer, wenn etwas zu lang bei ihm im Zimmer auf dem Boden rumliegt, wird es weggeschmissen. Und das kann ja nicht sein. 

Lena schließlich erinnert sich daran, wie sie vor einem Jahr Kröten über eine Landstraße getragen haben, und so kommen wir, über Umwege, auf das Thema Fürbitte zu sprechen. Das finden alle eine sehr nützliche Sache – bis auf Sophie, die irgendwann einwendet, dass man ja nie an alle denken könne. Ratlos sehen sich die Kinder an. 

(c) Henning Hraban Ramm / pixelio.de

Ihre Religionslehrerin Frau Tekampen stammt aus der reformierten Grafschaft und hat dort im Konfirmandenunterricht etwas vom munus triplex gehört, dem dreifachen Amt Jesu Christi – und erinnert daran, dass Christus selbst als Hohepriester in ständiger Fürbitte für uns eintritt und Gott mit unseren Sorgen und Problemen in den Ohren liegt. 

Was wir im Allgemeinen als schwer verständliches Lehrstück der Dogmatik handhaben, leuchtet den Kindern unmittelbar ein und gibt ihnen Mut zur Lücke, auch bei der Fürbitte, und erleichtert sie ein wenig von der Sorge um die Gebete, die zu Boden fallen.

Samstag, 27. Juli 2013

Hörempfehlung

Ein bisschen sommerlochträge, von daher hier nur ein paar Hör- und Nachleseempfehlungen. Wem dieser Blog gefällt, der wird vielleicht auch den einen oder anderen Beitrag bei Kirche in 1Live interessant finden...