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Montag, 15. Mai 2017

Das Bibelregal

Vorbemerkung: Wie immer, so ist auch dieser Konfisamstag (10-15 Uhr inklusive Mittagspause) die reinste Materialschlacht (Kosten ca. 100 EUR, Bücher nicht mitgerechnet) und wahrscheinlich in 1-2 Stunden unter der Woche nicht zu bewerkstelligen. Vor allem braucht es Teamer_innen, die Verantwortung für die Vorbereitung übernehmen und mit einigem Bastelaufwand eine Bibel präparieren. Was genau zu tun ist, wird gleich erklärt.

DIE BIBEL - BUCH VOLLER BÜCHER

Quelle: Württembergische Bibelanstalt via rpi-virtuell.de


Aus Religions- und Konfirmandenunterricht bekannt ist das Arbeitsblatt, bei dem die Bibel als Bücherregal gezeichnet wird, manchmal mit Lücken, in die die Konfis die fehlenden Titel einsetzen können. Das Bild finden wir genial, aber nur auf Papier zu schwach. Also bestücken wir in der Einheit ein Bücherregal mit Büchern und arbeiten damit. Das Ergebnis ist und bleibt work in progress, weil nur exemplarisch einzelne Bücher bearbeitet werden, sodass noch genug Arbeit für spätere Konfi- oder sonstige Gemeindegruppen übrig bleibt. 

Zu den Zielen der Einheit gehören die Reaktivierung von bereits vorhandenem Wissen, Grundkenntnisse über den Aufbau der Bibel und die kreative Auseinandersetzung mit einem konkreten Text aus einem konkreten biblischen Buch. Es geht nicht darum, den Aufbau der Bibel auswändig zu lernen - wofür sollte das gut sein, falls nicht einzelne Konfis später Theologie studieren und dann weniger für die Bibelkundeprüfung lernen müssen?

DIE VORBEREITUNG



Man braucht ein Bücherregal. Wir haben ein halbhohes BILLY-Regal (80 cm Breite) genommen. Dann braucht man Bücher. Wir hatten einen ziemlich großen Vorrat an alten Bibeln (Spenden von Schulen und dergleichen), die z. T. kaputt und gammelig waren und deswegen nicht mehr gelesen und auch von keiner Büchersammelstelle mehr angenommen werden, außerdem ein paar alte Gesangbücher. Als die ausgingen, behalfen wir uns mit Ladenhütern aus dem Büchertauschregal im Gemeindehaus. Die Bücher werden in verschiedenen Farben mit dcfix-Folie beklebt und beschriftet (um Platz und Material zu sparen, haben wir einige zusammengefasst, z. B. 1./2. Samuel, Dodekapropheton usw.). Im Team haben wir zu den einzelnen Büchern zentrale oder besonders ansprechende Texte gesammelt, für die jeweils zwei Teamer_innen die Verantwortung übernommen haben: Die Konfis sollen das entsprechende Buch gestalten, sei es als Buchtresor, sei es als Pop-Up-Buch (Anleitungen gibt es im Internet). Gerade das Herstellen von Buchtresoren, bei denen große Teile aus der Mitte herausgeschnitten werden, ist zeitaufwändig und muss vorher passieren. Außerdem machten sich die Teamer_innen ein paar Gedanken um die kreative Gestaltung - manche wollten etwas zum Mitnehmen in die Bücher legen, andere schöne Szenen entstehen lassen. Auf jeden Fall hilft es, wenn man mit den Konfis nicht bei Null anfängt. Material wurde auf Wunsch angeschafft. Das Bücherregal wollte eigentlich ein Teamer während der ersten einführenden Spieleinheiten aufbauen, dann aber spielte es eine Rolle bei der Konfliktbearbeitung zweier Konfis - nach gemeinsamem Möbelaufbau lässt sich bei einer fairtrade-Limo gut über Probleme reden. 

ZUM EINSTIEG: SPIELE


Wir starten mit dem allseits (allerdings eher als Kennenlernspiel) beliebten Klopapierspiel: Eine Rolle Klopapier wird rumgegeben, die Konfis dürfen sich so viele Blätter abreißen, wie sie wollen/brauchen. In der Originalversion des Spiels geht es dann darum, pro Blatt eine persönliche Sache von sich zu erzählen, wir variieren hier: Pro Blatt sollen die Konfis eine biblische Figur oder eine Geschichte, vielleicht sogar einen Vers nennen - die anderen dürfen dabei helfen, damit möglichst viele Geschichten zusammenkommen und nicht gleich am Anfang der Einheit stockende Langeweile aufkommt. So füllt sich der Raum mit bereits vorhandenem Bibelwissen, über dessen schiere Größe die Gruppe staunen kann. 

Dann spielen wir eine Runde Bibelfußball: Die Konfis benutzen ihre eigenen Bibeln, um Fragen zu beantworten - solche Fragenkataloge gibt es dankenswerter Weise schon im Internet, etwa hier. Weil wir gern groß denken, verteilen wir die Konfis tatsächlich im Raum und lassen sie einen Ball nach vorn bewegen. So prägen sich einzelne Bücher ein, und die Konfis kommen ins Blättern. Das kennen sie bei uns bereits, weil wir biblische Texte konsequent aus der Bibel lesen und nicht auf Arbeitsblätter drucken.


DAS REGAL UND DIE BÜCHER


Nach der Spieleeinheit zeigen wir den Konfis das Bücherregal. Einige kennen das Konzept bereits aus der Grundschule, zeigen sich aber sehr interessiert an der dreidimensionalen Umsetzung - unsere Erfahrung ist, dass Konfis es durchaus wertschätzen können, wenn Arbeitsmaterial sorgfältig vorbereitet wird. 


Die ehrenamtlichen Teamer_innen hatten im Vorfeld die Verantwortung für ein biblisches Buch übernommen, hatten die ihnen zur Verfügung stehende Bibel entsprechend vorbereitet und sich einen kleinen Werbeslogan zurechtgelegt, anhand dessen sich jeweils zwei bis drei Konfis für eine Kleingruppe entscheiden konnten. In diesem Erstversuch hatten wir im Team folgende Schwerpunkte ausgewählt: Deuteronomium (10 Gebote, konkret Sabbatsheiligung), Jesaja (Tierfrieden aus Jes 11), Psalter (Ps 23), Apostelgeschichte (Apg 2 - Pfingstwunder) und 1. Korinther (Abendmahl). Den Teamer_innen stand zudem Zusatzmaterial mit Einleitungswissen über Entstehungskontext und Inhalt der biblischen Bücher zur Verfügung, das sie, je nach Bedarf, einfließen lassen konnten. 


Unschwer zu erkennen: Psalm 23

BASTELN UND GESTALTEN


In den Kleingruppen lasen die Konfis zunächst den betreffenden Text, dann ging es an die kreative Umsetzung. Die Erfahrung zeigt, dass es hilfreich ist, wenn die Teamer_innen schon ein paar mehr oder weniger lose Vorstellungen haben, was möglich wäre - so fängt man nicht ganz bei Null an, sollte aber flexibel bleiben für die Ideen der Konfis. Für die Vorbereitung haben sich die Fragen aus der Werkwinkel-Arbeit als zielführend erwiesen, die ohnehin für das Ganze hier Pate steht, nur halt in ganz klein. Den Arbeitsschritt hatten wir mit einer Stunde veranschlagt, es hat sich aber gezeigt, dass die allermeisten Gruppen auch noch mehr Zeit hätten gebrauchen können, weil die Bastelfreude relativ groß war. Zum Arbeitsauftrag gehörte außerdem die Vorbereitung einer Mini-Mini-Präsentation mit 1-2 Einleitungssachen zum bearbeiteten Buch und das Beschriften einer Leseempfehlung ("Warum sollte man dieses Buch lesen, wem würdet Ihr es zum Lesen geben?"), die von den Konfis unterschrieben und vorne auf die Bibel geklebt wird - wie diese Empfehlungen der Belegschaft, die es in manchen Buchhandlungen gibt. Das diente einerseits der Bündelung, andererseits dem Einstieg in das Gespräch über die Bibel über die Konfigruppe hinaus (dazu später mehr).




Dann war erstmal eine längere Pause überfällig. 


Der sog. Tierfrieden (Jesaja 11)


WIE ES WEITERGEHEN KANN


Das Bücherregal steht an prominenter Stelle bei uns im Gemeindezentrum, vor dem Eingang zum Kirchraum. Geplant ist, die gesamte Ecke noch ein wenig einladender zu gestalten, mit Lesesessel und ein paar Bildern zur Bibel und einem Karton mit Bibeln zum Mitnehmen. Ein Punkt auf dem Buchrücken verrät der Gemeinde, welche Bücher schon bearbeitet sind. Mit den nächsten Konfijahrgängen werden wir weiter daran arbeiten, der Impuls soll aber auch in andere Gemeindegruppen gegeben werden. Als wir die Aktion im Gottesdienst tags darauf kurz vorstellten, war die Resonanz jedenfalls sehr positiv, von einigen Eltern kam die Rückmeldung, dass das jeweilige Buch und die Bibel allgemein noch beim Abendessen Thema war. Wir freuen uns, dass das Bücherregal weiter mit Leben gefüllt wird und würden das Ganze auf jeden Fall wieder machen. Sind aber auch froh, dass nicht mehr 40+ Bücher mit dcfix beklebt werden müssen - und losen jetzt schon aus, wer die nächsten Büchertresore vorbereiten muss. Hand aufs Herz, die Aktion war bislang die arbeitsreichste und hat uns in der Woche davor ein bisschen Nerven gekostet. Wir fanden, dass es sich gelohnt hat, aber man braucht wirklich die Ressourcen dafür.


Die Interpretation einer Jungsgruppe zum 3. Gebot: "Du sollst den Sabbat heiligen" (Dtn). Nicht im Bild sind die letzten Änderungen: Ein QR-Code mit Chill-Out-Musik und ein Schild mit dem Gebot. Auf die Zettel haben die Konfis kleine Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen notiert.



Samstag, 12. April 2014

Von Dämonen, Monstern und anderem Getier - fremde Mächte in deutschsprachigen Popsongs

(c) moviepilot.de

WUNDERGESCHICHTEN - (M)EINE ENTDECKUNGSREISE

Ich habe lange Zeit Problem mit Wundergeschichten gehabt, genauer gesagt mit Exorzismen, also solchen Geschichten, in denen Jesus Dämonen austreibt. Dabei hat mich weniger die mythologische Sprache gestört (ich habe noch in der Schule Bruno Bettelheim rauf und runter gelesen und dabei gelernt: (Nicht nur) "Kinder brauchen Märchen"), meine Schwierigkeiten lagen an anderer Stelle: Zum Einen hat mich die Stigmatisierung offensichtlich psychisch kranker Menschen gestört, zum Anderen die mit Heilungsgeschichten unweigerlich verbundene Theodizeefrage, die Frage: Warum ging es da, und warum geht es in anderen Fällen nicht? Beide Problemkreise sind für mich immer noch relevant, im Blick auf die zweite Frage habe ich aber gelernt, dass die Theodizeefrage letzten Endes nicht auf einer abstrakt-argumentativen Ebene generell gelöst, sondern nur im Einzelfall beantwortet werden kann - ich finde also die Klagepsalmen hier weitaus hilfreicher als Leibniz

Im Blick auf die erste Problematik, die Sache mit der Stigmatisierung, habe ich einerseits viel durch meine Arbeit in der Krankenhausseelsorge, andererseits viel von der modernen Wunderrezeption gelernt, die nicht so sehr über Bultmann, sondern vor allem über eine allzu simple Vorstellung von Entmythologisierung hinausgeht: Zum Beispiel bei Gerd Theißen, der, seine Exorzismendeutung in einer Predigt über Mk 1,32-39 zusammenfassend, über "Dämonen" sagt:
"Dämonen sind eine mythische Deutung dissoziativer Phänomene, einer Spaltung unseres Bewusstseins, bei denen ein Teil in uns keinen Zugang zu anderen Teilen unserer Person hat. Die Vertreibung von Dämonen ist eine Aufhebung solcher dissoziativer Zustände. Sie bedeutet: Menschen werden wieder Herr in ihrem eigenen Leben."
Ich habe auch gelernt, dass in der sog. "Dritten Welt" der seitens der abendländischen Theologie immer wieder mit großer Verve unternommene Versuch, eine "vernünftige", entmythologisierte Wunderdeutung durchzusetzen, nicht selten mit der Hemmung befreiungstheologischer Emanzipationsbewegungen, die durch die Wundergeschichten inspiriert werden, sich mit dem vermeintlich Faktischen nicht abzufinden, einhergeht. So stellt Wolfgang Schoberth fest:
"Die prinzipielle Kritik am Wunderglauben erweist sich auch als eine eurozentristische Perspektive, die den Glaubensstil gebildeter Europäer mit christlicher Religion insgesamt identifiziert. [...] Säkularisierung wird so zum Moment kolonialistischer Herrschaft, das den Leidenden Hoffnung und Kraft raubt. Zur materiellen Enteignung tritt die geistliche. [...] Die Zeichen und Wunder Jesu [...] öffnen die Augen für den Gott, der die Welt verwandelt."
Der Aufsatz von Schoberth in dem von Werner H. Ritter und Michaela Albrecht herausgegebenen Band Zeichen und Wunder. Interdisziplinäre Zugänge (Göttingen 2007, Biblisch-Theologische Schwerpunkte 31) ist bei google Books fast komplett lesbar; ich kann das Buch aber uneingeschränkt zur Anschaffung empfehlen. 

Ein dritter "Meilenstein" auf meiner Reise in die neutestamentlichen Wundergeschichten war eine Entdeckung, die ich zweier meiner Lieblingstheologen verdanke (Karl Barth und Peter Bukowski) zu verdanken habe und die im Kontext der sog. Accra-Erklärung von 2004 stand; der Reformierte Weltbund erklärt dort zur kapitalistisch-globalisierten Wirtschaftsordnung der Gegenwart:
"Diese Ideologie, die von sich behauptet, es gäbe zu ihr keine Alternative, verlangt den Armen und der Schöpfung unendliche Opfer ab und verspricht fälschlicherweise, die Welt durch die Schaffung von Reichtum und Wohlstand retten zu können. Sie tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen zu wollen und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst gleichkommt. [...] Als Wahrheits- und Gerechtigkeitssuchende, die sich die Sichtweise der Machtlosen und Leidenden zu Eigen machen, sehen wir, dass die gegenwärtige Welt-(Un)Ordnung auf einem außerordentlich komplexen und unmoralischen Wirtschaftssystem beruht, das von (einem) Imperium verteidigt wird. Unter dem Begriff "Imperium" verstehen wir die Konzentration wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht zu einem Herrschaftssystem unter der Führung mächtiger Nationen, die ihre eigenen Interessen schützen und verteidigen wollen."
Peter Bukowski hat in einem großartigen Vortrag auf dem Kölner Kirchentag auf Karl Barth hingewiesen, der in den Nachlassfragmenten zu KD IV,4 eine Lanze für mythologisches Reden bricht. Er schreibt dort (§78, S. 363ff.) über die "herrenlosen Gewalten" und stellt fest: 
Das Neue Testament "sieht und versteht die Menschen als Schiebende nicht nur, sondern auch als Geschobene - als Treibende nicht nur, sondern als Getriebene … Ohne deren Verantwortlichkeit und Schuld in Frage zu stellen, sieht es hinter und über jenen … jene unangreifbaren, aber höchst wirksamen Potenzen, Faktoren und Agenten, jene imaginären, aber gerade in ihrem imaginären Charakter erstaunlich aktiven ,Götter' und ,Herren'"
Ein weiterer Schritt für mich war die Arbeit in der Krankenhausseelsorge. Peter Bukowski hat uns im Predigerseminar beigebracht, "die Bibel ins Gespräch zu bringen", den unglaublichen Reichtum an menschlichen Erfahrungen, die vor dem Horizont des Glaubens gedeutet werden, zu benutzen, der Menschen dabei hilft, ihre Situation in Worte zu fassen. Und mir ist dort aufgefallen, dass die (bewusst mythologische/metaphorische) Rede von "Dämonen" Menschen hilft, eine Art dissoziativen Transfer vorzunehmen, einen Schritt, der ihnen hilft, sich selbst nicht mit ihrer Krankheit zu identifizieren. Wer in dieser Hinsicht weiterlesen will: Auch Rudolf Bohren beschreibt in seinem Buch Aus der Tiefe der Zisterne die "Schwermut" als eine Art machtvolles Gegenüber, die katholische Pastoraltheologin und Psychiaterin Doris Nauer schafft es in ihrem Grundlagenwerk Seelsorge. Sorge um die Seele (Stuttgart 2007) sogar, den Exorzismus pastoralpsychologisch zu rehabilitieren. 


LEKTIONEN IN DÄMONOLOGIE VON PETER FOX, ICH + ICH UND ROSENSTOLZ

Obwohl Untersuchungen immer wieder zeigen, dass auch der moderne Mensch offensichtlich sehr schnell bereit ist, gerade im Krankheitsfall auf irrationale Erklärungsmuster und Hoffnungsperspektiven zurückzugreifen (Globuli und eine verheerende Vulgärpsychosomatik im Stil von "Krankheit als Weg" sind dabei nur die prominentesten Beispiele). Wie konsensfähig und massentauglich explizit mythologische Deutungsmuster sein können, ist mir erst auf einer Autofahrt nach Halle an der Saale aufgefallen: Peter Fox' Stadtaffe, eins meiner absoluten Lieblingsalben, lief auf autorepeat, und irgendwann hörte ich bei Das zweite Gesicht mal genauer hin:


In dem Song, in dem es, grob gesagt, um Schadenfreude, falschen Ehrgeiz und andere Untugenden geht, heißt es in Bridge und Refrain: 


Denn es steckt mit dir unter einer Haut,
Du weißt, es will raus ans Licht.
Die Käfigtür geht langsam auf, da zeigt es sich,
Das zweite Gesicht

Ein Biest lebt in deinem Haus,
du schließt es ein, es bricht aus.
Das gleiche Spiel, jeden Tag,
Vom Laufstall bis ins Grab.


Darüber fiel mir ein Lied von Rosenstolz ein. Auch da geht es, in Aufnahme volksmündlicher Farbenlehre, um Das gelbe Monster Neid als Antriebskraft destruktiver Verhaltensweisen.


Auch Rosenstolz wissen ein Lied davon zu singen, wie frustrierend der Kampf gegen den psychischen Eroberungskrieg einer fremden Macht sein kann:

Ich halt das nicht mehr lange aus,
Ich werf das gelbe Monster raus!
Es bohrt sich mitten in mein Herz
Und es fängt von vorne an,
dass ich gar nicht anders kann:
Der Neid verändert mein Gesicht -
das gelbe Monster bin ja ich! 

Und es macht mich blind,
lässt mich böse sein,
macht mich zum Sklaven 
meiner eigenen Gedankenwelt,
bis sie zusammenfällt
und mich nichts mehr hält.

Eine weitere theologische Pointe bei diesem Song: Der zweite Teil erinnert deutlich an die ursprüglich auf Augustin zurückgehende und von Martin Luther im 16. Jahrhundert wiederentdeckte Rede vom Sünder als homo incurvatus in se, dem "in sich selbst verkrümmten Menschen". Soll mal einer sagen, Rechtfertigungstheologie würde heute keinen mehr interessieren...

Ein drittes Beispiel ist mir erst vor ein paar Monaten in die Hände gefallen, bzw. zu Ohren gekommen: Auf dem ach-so-schönen Album Vom selben Stern von Ich + Ich gibt es ein Lied mit dem prägnanten Titel Dämonen. 


Das ist besonders interessant, weil es hier, im Gegensatz zu Peter Fox und Rosenstolz, nicht (nur) um Untugenden, sondern um Krankheit geht, genauer gesagt um Sucht - und weil die Metaphorik an die Grundbedeutung des griechischen Wortes für "Teufel" erinnert: διάβολος heißt nämlich so etwas wie "Durcheinanderbringer"...

Ich kämpfe gegen die Dämonen,
sie sollen nicht bei mir wohnen, sondern gehen.
Sie durchbrechen die Kontrollen,
sie machen, was sie wollen,
sie verdrehen [...]
Sie durchkreuzen die Gedanken,
bis man die letzten Schranken vergisst
[...]
Sie halten mich ganz klein 
und verstecken bei mir Wein
und Nikotin.
Ich will nichts mehr davon finden
Sie sollen sofort verschwinden 
und mich nicht stören.
Ich wünsch sie auf der Stelle in der Hölle,
wo sie hingehören.

Bezeichnend ist, dass in keinem der Lieder eine Lösung gefunden wird. Sie beschränken sich auf die Beschreibung vergeblicher Strategien - der Exorzismus bleibt aus, die Dämonen entziehen sich allen Selbstbefreiungsversuchen. In diesem Sinne: Ite, missa est!

Donnerstag, 11. Juli 2013

Zur Kritik an der Kritik der Kritik... oder so

Ich persönlich bin ja kein Freund von Denkschriften und anderem derartigen Papierkram. Weder habe ich das Gefühl, mir von Expertenkommissionen sagen lassen zu müssen, was man als evangelischer Christ glauben sollte, noch kann ich der EKD die lehramtliche Autorität zugestehen, die ihr zumindest in den medialen Diskussionen immer wieder zugesprochen wird. Das sei vorausgeschickt, wenn es jetzt um die viel gescholtene Orientierungshilfe (!) zum Thema Familie ("Zwischen Autonomie und Verlässlichkeit") geht. Genauer gesagt soll es in diesem Beitrag gar nicht so sehr um die Orientierungshilfe selbst als vielmehr um einige der -gelinde gesagt- heftigen Reaktionen darauf gehen. Denn die sagen in den meisten Fällen mehr über die Kritiker als über das Familienpapier aus, bzw. über das der Kritik zu Grunde liegende Verständnis von Kirche und Theologie. 

Der Evangelist. 

 

Ulrich Parzany etwa, den selten Sorgen um die eigene Meinung plagen, schämt sich gar für seine evangelische Kirche. Zumindest sagt das IDEA Spektrum (für Nicht-Eingeweihte: die BILD-Zeitung der frommen Subkultur):
Parzany erinnert daran, dass die evangelische Kirche entstanden sei, weil die Reformatoren sich auf das vierfache „Allein“ beriefen: allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift. Nun bescheinigten der Kirche sogar die säkularen Medien einen laxen Umgang mit der Bibel. 
Quelle: idea.de
Das reformatorische Stichwort sola scriptura ("allein die Schrift") muss also wieder für so einiges herhalten, und wie so viele vor ihnen verwechseln Parzany selbst und die von ihm zitierten "säkularen Medien" dies mit einem platten Biblizismus. Das ist ein hermeneutischer Fehlschluss, zudem trifft die pauschale Kritik, die EKD kümmere sich nicht um die Bibel, auf die Familien-Orientierungshilfe gerade nicht zu: Das Kapitel "Theologische Orientierung" nimmt sich zwar in der Tat auf das Ganze des Papiers gesehen ziemlich gering aus, weil man, wieder einmal, sehr damit beschäftigt ist, anderen staatspolitischen Akteuren zu sagen, was sie tun sollen - das hat u.a. auch Ulrich Eibach besonders hervorgehoben. Aber es ist eine Stärke ebendieser theologischen Orientierung in all ihrer Kürze, dass sie das breite biblische Zeugnis für unterschiedliche Lebensformen ernst nimmt und aufdeckt, dass das von vielen Kritikern propagierte Eheideal mitnichten irgendwann zu biblischen Zeiten vom Himmel gefallen ist, sondern in weiten Teilen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts stammt. 

Der konservative Kolumnist.


Daran möchte man auch Jan Fleischhauer erinnern, dessen Kolumne bei S.P.O.N. Parzany womöglich vorschwebt, wenn dieser von säkularen Medien spricht: Fleischhauer konzentriert sich bei seiner Kritik an der "Orientierungshilfe" (ach ja, Anführungszeichen können ja doch verräterisch sein) vor allem auf das Versprechen beim Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung:
Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen - auch wenn der Pastor sagt, es gelte, "bis dass der Tod euch scheidet". Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.
Auch die EKD denkt die Ehe nun von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren.
Allein die kurze Skizze der Szenerie deutet an, dass Fleischhauer bestimmte Dinge nicht
www.spon.de
verstanden hat. Einen "Traualtar" gibt es in evangelischen Kirchen nicht, weil es - streng genommen - keine "richtigen" Altäre gibt, und weil in evangelischen Gottesdiensten keine Ehen geschlossen, sondern bereits bestehende Ehen gesegnet werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied, den man allerdings nicht der EKD, sondern Luther anlasten muss - die Einsicht, dass Ehen nicht im Himmel geschlossen werden, ist so alt wie die evangelische Kirche selbst. Bei aller Sympathie für Verlässlichkeit und Exklusivität von Paarbeziehungen: Die ätzende Unterstellung, es würde hier um leichtfertige Floskeln gehen ("nicht länger wirklich ernst gemeint"), geht an der seelsorglichen Realität vorbei. 

Das Zugeständnis, dass auch die Ehen evangelischer Christinnen und Christen in die Brüche gehen können, ist ebenfalls kein Geistesblitz der Expertenkommission gewesen und somit auch kein "neuer Höhepunkt" der "Selbstsäkularisierung der Protestanten" oder ein Erguss "heiliger Teestubeneinfalt" (schade übrigens, dass konservative Kreise anscheinend nie ganz ohne Käßmann-Bashing auskommen). Die Ehescheidung war schon in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts eine durchaus realistische Option, als man erkannte, dass Gelingen oder Scheitern ehelichen Lebens nicht allein in den Händen der Beteiligten liegt. So heißt es etwa in der Pommerschen Kirchenordnung von 1535, die gleichzeitig dem Scheidungsrichter die Chance gibt, seine Hände in Unschuld zu waschen: 
"wenn överst einer sick weder godt scheidet dorch unvorhapentlick wederkamendt eder unvorsoenlicken ehebröcke, so schide wi se nicht, sünder de düvel hefft se gescheidet."
- zitiert nach Gerold Tietz, Verlobung, Trauung und Hochzeit 
in den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Univ.-Diss. Tübingen 1969, 24.

Neben dem Ehebruch akzeptierten die Reformatoren auch die "bösliche Verlassung" und die Zerrüttung der Ehe als Scheidungsgründe. Natürlich kann und muss man sich fragen, ob man die sozialdisziplinierenden Ordnungen des 16. Jahrhunderts als Grundlage heutiger ethischer Entscheidungen heranziehen will - immerhin sehen die meisten dieser Ordnungen für diejenigen, die nicht solvent genug sind, überhaupt keine Ehe vor, weil weder weltliche noch geistliche Obrigkeit ein Interesse an der Reproduktion von Armut hatte. Wenn man sie dennoch als Inspirationsquelle nutzen möchte, könnte man vielleicht den Blick auf die äußerst zahlreichen Verbote allzu exzessiver Hochzeitsfeiern lenken, aber das nur am Rande. 

Nicht alles, was Fleischhauer schreibt, ist gänzlich verkehrt, ich nehme ihm sogar zu hundert Prozent ab, dass die Konfirmation seines Sohnes nicht schön war. Und, ja, ich bin auch der Meinung, dass die Folgen von Ehescheidungen für das Umfeld und nicht zuletzt für die Kinder (wenn auch hier sicherlich gilt, dass in manchen Fällen ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende) zu wenig bedacht sind. 
Und ich kann auch seine Enttäuschung verstehen, ohne sie zu teilen, wenn er plötzlich gewahr wird, dass die Kirche nicht dafür da ist, konservativen politischen Meinungen ein religiöses Finish zu verpassen. 

Der Karrrdinal.

 

Ach ja, der hat ja auch noch gefehlt (hat eigentlich Matthias Mattussek noch nichts gesagt?). Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst wortreich zu urteilen und in gewohnt zelotischer Manier sich selbst und seine Kirche als weihrauchgeschwängerte Bastion all dessen zu inszenieren, was früher angeblich besser gewesen ist. Zwar schreckt auch Meisner bei aller Altehrwürdigkeit nicht vor dem Gebrauch von Kampfbegriffen aus dem vulgärfundamentalistischen Standardrepertoire zurück ("Zeitgeist statt Heiliger Geist"); die Wurzel allen Übels indes liegt seiner Meinung nach weiter zurück:
Die Reformatoren haben die christliche Überzeugung von der Sakralität der Ehe aufgegeben und diese zu einem "weltlich Ding" erklärt, worauf sich auch das vorgelegte Dokument beruft. Wie sich nun in aller Deutlichkeit zeigt, wird die Ehe so zu einer rein innerweltlichen Institution, die durch andere Zweckverbindungen ersetzt werden kann. Dass ausgerechnet Christen einen solchen Rückschritt im Verständnis von Ehe und Familie initiieren würden, hätte ich nicht für möglich gehalten!
Das unpräzise Gerede von "der christliche[n] Überzeugung von der Sakralität der Ehe"  suggeriert, es habe vor der Reformation keine andere gegeben. Das jedoch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Unsinn. In einer apologetischen Schrift vom Anfang des 3. Jahrhunderts heißt es über die Christen, diese seien eigentlich Menschen wie alle anderen auch, sie
"sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden [...], heiraten und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen [Kinder] nicht aus."
- Zitiert nach Chr. Grethlein, Grundinformation Kasualien. 
Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens, Göttingen 2007, 218.

Und noch in den Entscheidungen der Konzile von Basel/Ferrara/Florenz und Trient mehr als 1000 Jahre später zeigt sich, dass die Sakramentalität der Ehe alles andere als eindeutig ist. Ganz abrunden lässt sich die Kirchengeschichte also nicht.

Es ist im Übrigen auch nicht so, dass die EKD hier mit dem Zeitgeist im Rücken irgendwelche Dämme einreißen würde. Die Kritik an einer offenbarungstheologischen Überhöhung biologischer oder sozialer Strukturen hat gute Tradition. Schon 1951 schrieb Karl Barth:

Es waren Denkgewohnheiten und praktische Gepflogenheiten der ‚christianisierten‘ Heidenvölker, die dem Begriff der ‚Familie‘ später den Glanz eines Grundbegriffes christlicher Ethik gegeben haben. Wir haben keinen Anlaß, uns ihnen anzuschließen
- K. Barth, KD III/4, Zürich 1951, 271.

Man mag sich ja fragen, warum sich ein katholischer Erzbischof bemüßigt fühlt, derart ausführlich Stellung zu einer evangelischen Orientierungshilfe zu beziehen. Die Antwort gibt der Kardinal selbst: 
Im Zeitalter der Ökumene ist es geradezu die Pflicht der katholischen Kirche, an den Geschehnissen in anderen Kirchen und Gemeinschaften Anteil zu nehmen. Darum bitte ich die Evangelische Kirche in Deutschland eindringlich, ihre Position hinsichtlich von Ehe und Familie zu überdenken und zurückzukehren zur Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat.
Die "Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat" ist natürlich keine andere als die, die der Kardinal selbst vertritt. Aber da treffen sich evangelische und katholische Christen durchaus - man hat ja immer die gleiche Meinung wie der Herr Jesus. Und natürlich ist es gut, wenn wir Stellungnahmen der anderen wahrnehmen, gerne auch kritisch. Aber nicht alle Kritik geht eben von theologischen oder hermeneutischen Voraussetzungen aus, die unkritisch übernommen werden können. Einige kritische Stimmen allerdings sehr wohl:

Begründete Kritik

 

(c) de.wikipedia.org
Trotz aller erfreulichen Tendenzen ist die Orientierungshilfe sicher nicht frei von problematischen Passagen und Schlussfolgerungen. Wäre ja auch schlimm, wenn das anders wäre. Zwei Kritikern aus den eigenen Reihen kann ich mich streckenweise anschließen:

Frank Otfried July, Bischof der Württembergischen Landeskirche, findet viel Positives an der Orientierungshilfe, kritisiert jedoch vor allem zwei Punkte: Mit der Relativierung der Ehe sei eine Institutionenethik zugunsten einer Beziehungsethik verändert worden, was in der Tat bedenkenswert ist. Gewichtiger scheint mir seine Anfragen an den Entstehungsprozess der Orientierungshilfe zu sein:

Grundsätzlich bin ich im Zweifel, ob bei solch grundlegenden Fragen – wie in der vorgelegten Orientierungshilfe – das Verfahren zur Entstehung sachgerecht ist. [...] Als evangelische Kirche tun wir gut daran, bei derartigen Fragen in einem ausführlichen Konsultationsprozess die Landeskirchen, Synoden, Kirchengemeinderäte etc. zu beteiligen, um zu einer weithin getragenen Orientierung zu kommen. Eine solche Konsultation rege ich ausdrücklich an.

Hier stellt sich die Frage nach Autorität(sanspruch) und Selbstverständnis der EKD, wenn Stellungnahmen hinter verschlossenen Türen durch einige wenige Experten produziert und dann gegenüber der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, quasi als "Überraschung" aus dem Hut gezaubert werden. Ähnlich scheint das Vorgehen bei der sich in Arbeit befindlichen Orientierungshilfe zum Thema "Sexualität" zu sein, über die sich der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in Schweigen hüllt

(c) EKiR-Archiv
Markus Dröge, Bischof der EKBO, spricht sich in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel für die Aufwertung ehelicher und partnerschaftlicher Treue aus, allerdings gänzlich ohne moralisierendes Beharren auf tradierten Lebensformen, sondern unter Rückgriff auf die gut biblisch-theologische Kategorie des Bundes. Er schreibt abschließend:

Ich begrüße die Orientierungshilfe ausdrücklich als einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Allerdings hätte ich mir mehr theologische Klarheit gewünscht, um die verlässliche Gemeinschaft sowohl in der Ehe als auch in anderen Lebensformen noch deutlicher zu stärken. Die Ökumene könnte gestärkt werden, wenn die katholische Kirche den Ball als Herausforderung aufnimmt und nun selbst konstruktiv darlegt, wie sie neue Lebensformen angemessen ethisch würdigen will.
Ich würde einen Schritt weiter gehen und mir nicht nur mehr theologische Klarheit, sondern mehr Vertrauen in die Theologie wünschen. Es ist richtig und gut und unaufgebbar, dass wir humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst- und aufnehmen. Es wird aber den berechtigten Erwartungen, die Menschen an die Kirche richten, nicht gerecht, wenn wir uns darauf beschränken, allgemeine Richtigkeiten und einen breiten gesellschaftlichen Konsens mit einigen Bibelversen und Zitaten aus der Theologiegeschichte zu schmücken. Das ist kein prophetisches Wagnis, denn was in der Orientierungshilfe als status quo festgestellt wird, entspricht, auch, wenn es in kirchlichen Kreisen für Aufruhr sorgt, weitestgehend dem absoluten common sense der Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte. Vom Politikunterricht der siebten Klasse habe ich behalten, dass es ein typisches Vorgehen von Leitungsfiguren mit schwacher Autorität ist, genau das anzuordnen oder zu erlauben, was die Gruppenmitglieder ohnehin tun. Vielleicht würde es uns als Kirche gut tun, uns auf unsere Kernkompetenzen zu besinnen und uns, bei aller notwendigen Dialogbereitschaft, nicht so sehr nach dem erhofften Höflichkeitsapplaus Außenstehender zu richten. 


Zum Schluss: Meine fuffzich Cent

 

(c) de.wikipedia.org
Vieles ist ja schon gesagt worden. Das ist gut so, das wollte die EKD nach eigenen Aussagen. Und s.c.j. wird die Diskussion weitergehen und vielleicht die theologischen Lücken in der Argumentation durch den vielstimmigen Chor der Gemeinden und Einzelstimmen auffüllen. Ich glaube, die Diskussion kann noch gar nicht zu Ende sein, weil evangelische Ethik an einem besonderen Maßstab zu messen ist: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", sagt Jesus - und für mich hängt die Glaubwürdigkeit (oder meinentwegen auch die Verlässlichkeit) der Orientierungshilfe u.a. daran, inwieweit die hier vertretenen Thesen die Selbstverständlichkeiten in der Institution in Frage zu stellen vermögen und sich etwa im Pfarrdienstrecht niederschlagen: Hier sind viele Grundannahmen und Konsequenzen noch einem idealisierten Bild des evangelischen Pfarrhauses verpflichtet, das aber ebensosehr ein Kind des 19. Jahrhundert und von dessen bürgerlichen Tugenden beeinflusst ist wie diejenigen Vorstellungen von der Ehe, die in der Orientierungshilfe zurückgewiesen werden. Die Entscheidung muss hier bei den Gemeinden liegen: wenn die klassische Institution "Pfarrhaus" mancherorts milieubedingt dem Gemeindeaufbau dienen kann - wunderbar! Aber wenn Gemeinden den Schritt in Milieus wagen, die von bürgerlichen Lebensentwürfen abgestoßen werden (Insider erkennen die Eindrücke aus den Niederlanden wieder), dann muss das Pfarrdienstrecht es auch ermöglichen, "den Griechen ein Grieche zu sein".

Dienstag, 9. Juli 2013

Niederländische Notizen - Teil 3: Auf Pilgrimsväterspuren in Rotterdam

Am vorletzten Tag unseres Pastoralkollegs in den Niederlanden, in dessen Rahmen wir uns innovative  Gemeindeprojekte ansehen, geht es in die zweitgrößte Stadt des Landes, nach Rotterdam.

Oude of Pelgrimvaderskerk

Vom pittoresken, im strahlenden Sonnenlicht Urlaubsfeeling versprühenden Kai im Rotterdamer Stadtteil Delfshaven betreten wir die kühle Stille der Oude of Pelgrimvaderskerk (Alte oder Pilgerväterkirche) - und atmen historische Luft: Von hier aus sind 1620 die puritanischen Pilgerväter, die vor religiöser Verfolgung aus England flüchten mussten, aufgebrochen, um auf der Mayflower in die Neue Welt zu ziehen. Das geschichtliche Erbe ist allgegenwärtig, in vielen Räumen hängen Memorabilien, Schaukästen und Infotafeln. Der Kirchraum selbst lässt mein reformiertes Herz höher schlagen: Dunkles Holz, viele Presbyterbänke, im Zentrum des Chorraums eine gewaltige Kanzel mit einem riesigen Schalldeckel (oder, noch schöner gesagt, Kanzelhimmel), davor ein schlichter Abendmahlstisch. An den Wänden die zehn Gebote. Es erinnert mich ein bisschen an die
Synagoge in Kopenhagen, und ich denke: Genauso muss es sein, mehr Bethaus und Schule als Kultstätte. In meine Schwärmereien mischt sich aber auch der Gedanke, dass es auch hier nicht besonders innovativ aussieht, und Pieter L. de Jong, der mittlerweile emeritierte, aber deswegen nicht weniger umtriebige senior pastor der Gemeinde mit schlohweißem Wuschelhaar, der uns empfängt, würde sich wohl auch gegen diese Etikettierung wehren.

Er erzählt von seinen Dienstjahren zwischen 1991 und 2012, während der eine massive white flight einsetzte, also "autochthone (ethnische) Niederländer" den Stadtteil verließen. Sie machen mittlerweile knapp 20% der Einwohnerschaft des Rotterdamer Westens aus. Er beschreibt die Stimmung bei seinem Amtsantritt, zu einer Zeit, als man begann, Kirchen zu verkaufen und Restgemeinden zusammen zu legen. Auch seine Gemeinde verkaufte ihre Kirche, allerdings, und das erscheint als ein äußerst cleverer Kniff, an eine staatliche Stiftung zum Erhalt wertvoller Gebäude, deren Hauptmieter die Gemeinde wurde. Die historische Kirche wurde so erhalten, aber der Gemeindehaushalt ist nicht mehr mit den horrenden Instandhaltungskosten belastet. 
Trotz eines vergleichsweise florierenden Gemeindelebens (mit 150 Gottesdienstteilnehmenden im Jahr 1992) entschied man sich, auf die jüngere Generation in den 20ern und 30ern zu setzen und zwar, wie Pieter erklärt, aus pragmatischen Gründen: "Alte Menschen sind viel flexibler als junge. Junge Menschen suchen Gott und sich selbst, aber sie haben auch mit 30 ihren ersten Job, gründen eine Familie und sind dermaßen eingespannt, dass man auf sie besser eingehen muss. Die Alten ziehen dann mit." Von Niederschwelligkeit im landläufigen Sinne kann dabei keine Rede sein: Wer Mitglied der Gemeinde sein will, verpflichtet sich zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch (und das heißt: jeden Sonntag, den man in der Stadt verbringt!) und zur Teilnahme an einem Hauskreis sowie, wenn noch Ressourcen vorhanden sind, in einem Arbeitskreis oder Ausschuss. Der Gottesdienst soll ein Heimkommen ermöglichen und gleichzeitig deutlich machen, dass es um den/die/das "ganz Andere" geht, sprich (wie Pieter es ausdrückt): "Gute biblische Predigt. Zeitung lesen können die jungen Leute selber. Von uns erwarten sie etwas, das sich sich nicht selbst sagen können."

Zu Anfang sehen wir einen Videoausschnitt aus einem Taufgottesdienst - und das eigentlich Spektakuläre ist nicht eine besonders ausgefeilte Liturgie (mit dem, was Pieter de Jong und sein Kollege Martijn van Laar da vorne veranstalten, würden sie aus jedem Thomas-Kabel-Seminar hochkant rausfliegen!), sondern die brechend volle Kirche und die Anteilnahme der Gemeinde an der Taufe der sechs Erwachsenen. Spannend finde ich auch, aber das nur als Randbemerkung, wie ungeniert in dieser doch eher streng reformierten (hervormden) Gemeinde fotografiert und gefilmt wird, während sich in fast jeder neueren Kasualhandreichung ein mehrseitiger Eiertanz findet, was wie wo und wem erlaubt sein kann... Jedenfalls: Es ist offensichtlich nicht die Ästhetik, die anspricht, sondern der Inhalt und die Gemeinschaft, die in der Pelgrimvaderskerk etwa dadurch gefördert wird, dass junge Familien zum Bleiben animiert werden. Der Eindruck verstärkt sich abends beim Hören einer Audioaufnahme eines Gottesdienstes: Das Orgelspiel ist nicht wirklich virtuos, aber gut mitsingbar, die liturgische Sprache einfach und dabei konzentriert, die Predigt ausgefeilt und biblisch fundiert, allerdings ohne große Schnörkel. Das Konzept geht jedenfalls auf: 400 Menschen besuchen durchschnittlich den Gottesdienst am Sonntagmorgen, darunter ein Viertel zwischen 20 und 30 Jahren, zu den Gottesdiensten am Nachmittag und am Abend kommen jeweils noch etwa 100 Teilnehmende. 

Einen zweiten Arbeitsschwerpunkt stellt uns Martijn van Laar vor, seines Zeichens missionary minister und als solcher mit der Arbeit der Gemeinde im Stadtteil betraut. Einen Großteil dieser Arbeit macht die Begegnung mit Muslimen aus, die Martijn als äußerst fruchtbar empfindet: In einem Dialog auf Graswurzelniveau (vorwiegend junge Leute treffen sich in gemeinsam vorbereiteten und getragenen Gesprächsgruppen) treffen Menschen inmitten der hitzigen Debatte um die "Islamisierung" der Gesellschaft zusammen und lernen mit- und voneinander - Christen und Muslime suchen gemeinsam "der Stadt Bestes" (Jer 29,7). Für die Gemeinde bedeutet dies die Chance, sich über Inhalte und Konsequenzen ihres Glaubens klarer zu werden und, redend wie handelnd, Rechenschaft abzulegen - "because Muslims ask the right questions". Gleichzeitig bleibt mir etwas im Ohr, das so ähnlich klingt wie das, was Rikko Voorberg zum Kontakt mit Atheisten gesagt hatte: "The missionary knife cuts on both sides - Das Messer der Mission schneidet nach beiden Seiten." Der Dialog verändert beide, und es scheint ihnen und dem Stadtteil gut zu tun.

Geloven in Spangen

Am Nachmittag geht es weiter zu einer church plant der Gemeinde im deutlich weniger pittoresken Stadtteil Spangen. Einige Zahlen können vielleicht einen ganz guten Eindruck von den Lebensumständen jenseits des "Zaubertunnels" vermitteln: 80 Nationalitäten bei knapp 10.000 Einwohnern, von denen 54% ohne Grundbildung sind, 33% kein Niederländisch sprechen, 21% Sozialhilfe beziehen und 33% unter der Armutsgrenze leben. In dieser Realität betreibt Nico van Splunter das Projekt Geloven in Spangen (Glauben in Spangen), bei dem zwischen diakonischem und missionarischem Handeln nicht zu trennen ist: Neben einer Vielzahl sozialer Aktivitäten (zum Beispiel der Vermittlung von Sprachpartnern - taal buddies -, die Frauen mit Migrationshintergrund, die ihre Wohnung nicht verlassen, Niederländisch beibringen) finden in einer Schule Gottesdienste mit Trommeln und einer Kurzpredigt statt, von denen einer im Monat eine doe-viering, also ein "Mitmach-Gottesdienst" ist, bei dem die Gemeinde mit einem praktischen Auftrag hinausgeschickt wird. Bei einem solchen Gottesdienst, in dem es um das Reich Gottes ging, hat man, so erzählt Nico, die Gemeinde mit Digitalkameras ausgestattet und sie gebeten, an diesem Sonntagvormittag Fotos im Stadtteil zu machen von Situationen, in denen sie das Reich Gottes angebrochen oder noch in weiter Ferne sehen (noch so eine Idee, die bei mir unter "Will! Ich! Auch!" abgespeichert wird). Daneben gibt es Alphakurse, eine Gruppe, die für den Stadtteil und die Menschen betet, Sozialberatung und vieles mehr; die Gemeinde ist Teil der internationalen Initiative Serve the City. Und natürlich wird viel gegessen.

Die aus ursprünglich fünf Personen bestehende Kerngruppe ist mittlerweile auf 30 Mitarbeitende angewachsen, die unter anderem damit beschäftigt sind, Mitglieder der Gemeinde für die Übernahme eigener Verantwortung zuzurüsten. Das erklärte Ziel ist es, die Initiative irgendwann ganz in die Hände des Stadtteils zu übergeben - so wie die Hauptaufgabe des Kirchenpflanzers Nico von Splunter darin besteht, sich selbst überflüssig zu machen. 


Auf dem Weg zurück nach Amerongen...

...denke ich viel nach über die großartigen Initiativen und die überaus sympathischen Menschen, die wir in Rotterdam getroffen haben. Grandios finde ich immer noch die Idee mit dem Kirchenverkauf. Sicherlich geht es nicht überall so einfach, und natürlich setzt es einiges an Mut voraus, die Herrschaft im eigenen Haus aufzugeben. Aber ich sehe auch, wie einige Gemeinden in Deutschland unter den finanziellen Lasten altehrwürdiger Gebäude ächzen oder der Erneuerung des Gottesdienstes durch die Architektur Grenzen gesetzt sind. Solche Aspekte sind mir wichtig, gerade angesichts der momentanen Anstrengungen in der Praktischen Theologie, das Konzept der "Heiligen Orte" für den Protestantismus salonfähig zu machen und so kirchlichem Bestitzstandswahrungsdenken noch mehr Argumente an die Hand zu geben.  

Auch in Rotterdam ist uns wieder die Konzentration auf das "Kerngeschäft" begegnet - Bibel. Beten. Essen. Und eben auch: Tun. Das hat mich sehr beeindruckt - die zumindest auf Gemeindeebene kranke Trennung zwischen Kirche und Diakonie ist hier (noch?) nicht vollzogen.

In Spangen hat mich begeistert, dass die Verantwortlichen hier nicht auf gut ausgebildete Menschen zielen, um ihnen Leitungsaufgaben anzutragen, sondern auf die Zurüstung der Menschen vor Ort setzen. Erinnert ein bisschen an den schönen Satz, der vor einem Jahr oder länger mal ein kurzzeitiges Facebook-Meme war: Gott beruft nicht die Qualifizierten - er qualifiziert die Berufenen

Schließlich bleibe ich auch, noch einmal, am Konzept des church plantings hängen, diesmal eher an der Person des Kirchenpflanzers, dessen oberstes Ziel es ist, eine Arbeit in Gang zu bringen, die ihn selbst überflüssig macht und ihn irgendwann weiter ziehen lässt. Sehr apostolisch-paulinisch, das. Und sehr weit weg von so mancher pastoraler Praxis in Deutschland...