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Donnerstag, 29. März 2018

Und dann das. | Predigt über Judas. Und die anderen. Gründonnerstag 2018



Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Da war diese Hochzeit in Kana. 
Trinken, anerkennend nicken, den Abend lang werden lassen. 
Körbe voll mit Brot und Fischen durch eine Menschenmenge schleppen. 
Mit vollen Händen nach allen Seiten geben. 
Sauanstrengend und unglaublich berührend. 
Am Fuße eines grasigen Hügels liegen und ihn reden hören und wissend nicken und mit der Menge jubeln und manche Worte wie kleine Schatzkästchen in der Brust aufbewahren: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ 
Mit Geistern und Dämonen kämpfen und spielend leicht gewinnen. 
Den Goldstaub zwischen den eigenen Fingern ahnen, wenn sie segnend auf dem Kopf eines anderen liegen und Angst, Schwermut, sogar Krankheit vertreiben. 
Unter dem Jubel der Menge durch das große Stadttor einziehen, Palmzweigen ausweichen, lächeln und winken und lächeln und winken, die Gesänge der Massen im Ohr und im Herzen: Hosianna. Sauanstrengend, aber unglaublich berührend. 
Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Und dann das. 

„Einer von euch wird mich verraten.“ 

Und nach einem kurzen Moment der Irritation richten sich alle Blicke auf den Einen. 

Judas Iskariot. Geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31 nach Christus. Der Beiname Iskariot leitet sich wahrscheinlich vom Hebräischen Isch-Kerijot ab, zu deutsch: Der Mann aus Kerijot, oder aber: Der Mann aus der Stadt, d. h. Jerusalem. Ein Judäer in einer Gruppe aus Galiläern. Ein Stadtmensch in einer Gruppe Dorfbewohner. Man merkt es, klar. An der Art, wie er sich hinsetzt und das Essen zum Mund führt. An den Wörtern, die er benutzt. Am Sprachklang. Man merkt es halt. An dem ungeübten Umgang mit Fischernetzen und Mühlsteinen – und an der Selbstverständlichkeit, mit der er über die Straßen in Jerusalem flaniert. An der Sicherheit im Gespräch mit anderen Stadtleuten, mit Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Vielleicht fing es als Witz an, als Frotzelei unter Mannschaftskameraden: „Sicher, dass du nicht einer von denen bist?!“ Haha. Ein Lachen, ein Schulterklopfen. Vielleicht wurde das Lachen mit der Zeit angestrengter. Vielleicht hat Judas irgendwann gesagt: Gut. Dann ich eben einer von denen. Aber dann richtig. 

Judas Iskariot. Geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31, Suizid durch Erhängen. Der Beiname Iskariot leitet sich wahrscheinlich ab vom lateinischen sicarius, Dolch. Er weist ihn als Sikarier aus, als Dolchträger, als Mitglied einer Gruppe politischer Aktivisten, manche würden sagen Terroristen. Im ersten Jahrhundert kämpfen sie für die Befreiung Israels von den Römern. Ihre Dolche tragen sie unter dem Gewand, blitzschnell holen sie ihn heraus, um im Schutz großer Volksmengen Attentate auf Angehörige der verhassten Oberschicht zu verüben. In Jesus von Nazareth meint Judas, einen Bruder im Geiste zu erkennen. Einen, der den Traum von der großen Freiheit mitträumt. Als sich abzeichnet, dass Jesus sich nicht als revolutionärer Freiheitskämpfer versteht, wendet Judas sich enttäuscht ab und paktiert mit der Jerusalemer Obrigkeit: Gegen die symbolische Bezahlung von 30 Silberlingen liefert er Jesus von Nazareth den Behörden aus. Nach dem Schauprozess setzt der desillusionierte und von Schuld geplagte Aktivist seinem Leben selbst ein Ende. 

Judas Iskariot, geboren um das Jahr Null. Gestorben um das Jahr 31 unter ungeklärten, aber überaus spektakulären Umständen. Ein instabiler Charakter, aufbrausend, oberflächlich, mit schwieriger Vergangenheit. Früh fällt er negativ auf, man munkelt, er würde Geld aus der gemeinsamen Kasse der Jünger unterschlagen. Ein ideales Opfer für den Teufel. Nachdem er sich an Jesus in der Wüste die Zähne ausgebissen hat, versenkt er seine Krallen in Judas. Packt ihn an seinen Schwachstellen: An seiner Angst, an seiner Enttäuschung, an seiner Geldgier, an seinem Bedürfnis nach Sicherheit. Flüstert ihm leise die nächsten Schritte ins Ohr. Ein heimliches Treffen mit den Behörden, ein Beuten Silbermünzen wechselt den Besitzer. Von dem Geld kauft Judas ein Stück Land, was ihm als Jünger verwehrt gewesen war. Aber unrecht Tun gedeieht nicht: Kurz nach dem Landerwerb stürzt er auf seinem Acker und verstirbt qualvoll an inneren Verletzungen. An alten oder an jungen. Oder an beidem. 

Die biografischen Angaben über Judas gehen weit auseinander. Über dem Wikipedia-Artikel steht: „Dieser Artikel ist nicht genügend mit Belegen ausgestattet. Näheres auf unserer Diskussionsseite.“ Die Biografien gehen auseinander. Lebensgeschichten werden nie einfach so erzählt, sondern immer mit einem Hintergedanken: Dem Leben Sinn zu geben, den Einzelnen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Schon ganz früh gehen die Biografien auseinander, weil man erklären musste, was eigentlich gar nicht sein dürfte: Wie kann es sein, dass jemand die Seiten wechselt, der doch ganz nah bei Jesus war? Der all das miterlebt hat. Und wie kann es sein, dass Jesus das auch noch zulässt? Und welche Rolle spielt Gott eigentlich bei dem Ganzen? Fragen, die weit über Judas hinausgehen. Und vielleicht ist es auch falsch, zu schnell alles auf Judas zu schieben. Die Christenheit hat das sehr früh und sehr konsequent getan. So konsequent, dass bis heute kein deutsches Standesamt „Judas“ als Vornamen akzeptiert. Wohlgemerkt, dieselben Standesämter, die in den Vergangenen Jahren Namen wie Sexmus Ronny, Pumuckl, Tarzan, Winnetou, Pepsi-Carola, Chanel und Cinderella-Melodie akzeptiert haben, aber das nur am Rande. 

Vielleicht ist es falsch, alles zu schnell auf Judas zu schieben. In dem Moment, in dem Jesus sagt: „Einer von Euch wird mich verraten“, fragt jeder Einzelne aufgeregt: „Bin ich’s?!“ Allein die Frage zeigt mir, wie unsicher, wie aufgeladen die ganze Situation war. Wie wenig wir wissen, wie wir am nächsten Tag handeln werden. Wie wenig wir selbst uns vertrauen können. Ich hätte nicht gern dabeigesessen. Ich hätte nicht gewusst: Herr, bin ich’s? Werde ich irgendwann so tun, als ob ich ihn nicht kenne, so wie Petrus? Wäre ich am Kreuz weggelaufen, wie die Jünger? Hätte ich in der Konfrontation mit den römischen Soldaten alles, was ich von Jesus gelernt habe, über Bord geworfen und zum Schwert gegriffen? Hätte ich nach der Kreuzigung das Weite gesucht, wie die beiden Jünger, die sich nach Emmaus absetzen? 

Ich weiß es nicht. Und solange ich es nicht weiß, bleibt ein Rest Respekt vor Judas. Vielleicht auch Angst, Weil ich nicht weiß, ob nicht irgendwann, in irgendeiner schwierigen Situation, in irgendeiner Krise irgendeiner Beziehung, nicht der Verräter in mir die Oberhand gewinnt. Wenn ich von einem Freund enttäuscht bin. Wenn in die Ehe der Alltag einkehrt und andere Mütter plötzlich auch schöne Kinder bekommen. Wenn ich in einem Land leben würde, in dem Glauben gefährlich ist. 

Beim letzten Essen von Jesus mit seinen Jüngern, das zugleich auch das erste Abendmahl war, wird mit Händen greifbar, wie zerbrechlich die Gemeinschaft ist. Am Tag drauf werden Versprechen gebrochen wie am Abend zuvor das Brot. „Herr, bin ich’s?“ Der Kelch geht an niemandem vorbei. Und Jesus bleibt mittendrin sitzen. Hält die bröckelnde Gemeinschaft aus, hält zusammen, was noch zusammenzuhalten ist. Taucht mit dem, der ihn ausliefern wird, die Hand in die Schüssel. Zuckt nicht zurück, bleibt nah, bleibt da. Teilt mit allen Brot und Wein. Baut seine Kirche auf den, der in nicht einmal vierundzwanzig Stunden dreimal sagen wird: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Hält auch das aus. Und kehrt nach all dem wieder zurück, drei Tage später. Ohne ein Wort des Vorwurfs, ohne die schmerzhafte Frage: „Warum?“ Nur mit dem heilenden Satz: „Friede sei mit euch.“ 

Judas wird das nicht mehr erleben. Für Judas gibt es in dieser Welt kein Ostern, keine Auferstehung, keine Möglichkeit, die Hände in die Wunden zu legen und zu erkennen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott.“ Jesus steht wieder auf. Judas bleibt unten. Aber so wenig, wie wir wirklich erfassen, wirklich verstehen können, was ihn zum Verrat getrieben hat, und so wenig wir seine Rolle in dem Geschehen begreifen können, so wenig wissen wir auch über das, was dazwischen passiert. Judas Hoffnung bleibt der Karsamstag. 

Im Heidelberger Katechismus heißt es (44): „Warum steht im Glaubensbekenntnis ‚abgestiegen in die Hölle‘?“ Und er gibt die Antwort: „Damit wird mir zugesagt, dass ich selbst in meinen schwersten Anfechtungen gewiss sein darf, dass mein Herr Christus mich von der höllischen Angst und Pein erlöst hat, weil er auch an seiner Seele unaussprechliche Angst, Schmerzen und Schrecken am Kreuz und schon zuvor erlitten hat.“ 

Sie haben so viel miteinander erlebt. 
Auf langen staubigen Straßen miteinander gestritten. 
Gedacht, sie wüssten Bescheid. Und immer wieder erkannt, wie wenig sie wussten. 
Wollten Hütten bauen und endlich ein Zuhause finden, und durften es nicht. 
Haben mit Dämonen gekämpft und sind nur um Haaresbreite selbst davon gekommen. 
Wollten übers Wasser laufen und haben dabei kalte Füße bekommen. 
Wollten sich mit Schwert und dem eigenen Leben zwischen Jesus und die Soldaten stellen – und wurden zurückgepfiffen. 
Konnten oder wollten das Kreuz nicht tragen, den letzten Weg nicht mitgehen, die Hoffnung nicht über den Tod hinaus festhalten. 
Lachten halb höhnisch, halb genervt, als die Frauen vom leeren Grab erzählten. 

Und dann das. 

„Friede sei mit euch.“

Freitag, 31. Oktober 2014

Gerechte Karikaturen: Traueransprachen als Porträtskizzen





Erkennen Sie diese Dame? Wahrscheinlich nicht, denn: Sie kennen sie ja nicht. Obwohl - manche hier Lesende sind ja Theolog_innen, wieder manche davon wissen um das konfessionelle Profil und die theologischen Vorlieben des hier Schreibenden, haben also aufgrund des Kontextes vielleicht eine Idee? 

Immer noch nicht?



Na denn. Es ist Lollo von Kirschbaum, kongeniale Gefährtin von Karl Barth. 


Wer jetzt nochmal drauf nach oben scrollt, erkennt sie - trotz aller Weglassungen, trotz aller Abweichungen vom Original: Das Lächeln ist ein bisschen weniger breit, die Nase charmant korrigiert, die Augen etwas größer, die Zähne weniger betont. Die Zeichnung wirkt dadurch weniger lebendig, etwas zu schön gezeichnet, weil Charakteristika zurücktreten. Das hat aber etwas damit zu tun, dass das genau die Dinge sind, die man bei einer Karikatur vor allen anderen übertreiben würde, dazu aber später mehr. Wer das Originalfoto lange genug anschaut, wird gar nicht mehr anders können, als in der Skizze oben die Person wiederzuerkennen. Das hat was mit dem Gehirn zu tun: Skizzen bauen auf eine Kooperation mit dem Betrachtenden, der das, was offen geblieben ist, vor seinem inneren Auge ausfüllt. Man macht also im Kopf das hier:



Die Skizze ist dabei gleichzeitig leichter und schwerer als eine "gewöhnliche" Zeichnung. Leichter, weil es weniger Striche sind, da man sich auf die Kooperation mit den Betrachtenden verlassen kann - und weil gerade Zeichnungen von Gesichtern komplizierter und aufwändiger sind als andere, denn unser Gehirn ist auf Gesichter besonders "geeicht" und registriert Abweichungen besonders deutlich, sodass sehr schnell ein gestörter Gesamteindruck entsteht. Desginer oder Zeichnerinnen, die sich mit menschlichen Figuren in 2D oder 3D beschäftigen, wissen um und fürchten das Phänomen des uncanny valley. Das besagt, dass es bei menschenähnlichen Darstellungen auf einem recht hohen Niveau einen Punkt kurz vor der absolut fotorealistischen Abbildung gibt, an dem die Akzeptanz beim Betrachter radikal sinkt und in Abwehr umkippt. Klassisches Beispiel ist zum Beispiel eine Handprothese, die anatomisch sehr genau ist, aber aufgrund der unnatürlichen Kunsttoffoberfläche und ihrer Unbeweglichkeit von nicht wenigen Menschen als abstoßend empfunden wird. Diesem Risiko entgeht man bei einer Skizze. Schwerer als ein Gemälde ist eine skizzenhafte Darstellung, weil man auswählen und sich für eine sehr geringe Anzahl von Strichen entscheiden muss - und gegen eine ganze Masse anderer. Man muss entscheiden: Welche Konturen, Flächen, Akzente sind besonders wichtig, sind die absolut notwendigen Guidelines, damit die Betrachtende das Bild in der vom Zeichner beabsichtigten Weise vervollständigen kann? In der obigen, etwas schematischen Skizze, sind einige Entscheidungen gefallen, in denen gleichzeitig natürlich sehr viele Spekulationen über die Persönlichkeit der Abgebildeten stecken. Der strenge Seitenscheitel wird rausgelassen, die prominenten Augenbrauen, verschmitzte Augen, ein breit lächelnder Mund mit recht schmalen Lippen - und die teils kokette, teils fast stereotyp die Gelehrte ausweisende Handhaltung. Die Bücher hätten auch noch mit dazu gekonnt, das hätte diesen Aspekt noch verstärkt.

In einer Traueransprache arbeite ich ähnlich. Ich bekomme meist eine Fülle von Informationen über den Verstorbenen - und muss auswählen, denn: Oft ist mir die Person nicht so gut bekannt, dass ich mich ohne die Lebendvorlage an einem Porträt versuchen würde. Das Risiko ist zu groß, dass bei einem an sich ganz realistischen Porträt wenige geringe Abweichungen dazu führen, dass die Zuhörer_innen ein gestörter Gesamteindruck entsteht, die Predigt also gewissermaßen im literarischen uncanny valley untergeht. Also versuche ich mich an einer Skizze. Voraussetzen muss ich dabei, dass das Bildmaterial, das mir Angehörige im Gespräch zur Verfügung stellen, einigermaßen repräsentativ für das Bild ist, das der Rest der Trauergemeinde hat. In der homiletischen Praxis heißt das, dass ich keine Lebensläufe verlese, sondern auf Anekdoten setze, also in der Predigt kurze Szenen skizziere, bei denen ich den Eindruck habe: Die erzählen etwas Grundlegendes über den Menschen, wie ihn seine Angehörigen erlebt haben. Ich wähle aus und verstärke vielleicht das eine oder andere. Das kann bis dahin führen, dass die Grenze zur Karikatur tangiert wird. In obiger Porträtskizze wäre das kein großer Aufwand, es würde reichen, die Zähne etwas prominenter darzustellen, die Nase etwas zu vergrößern und das Kinn deutlicher hervortreten zu lassen und vielleicht den Seitenscheitel zu betonen. "Karikatur" hat in dem Zusammenhang natürlich einen negativen Beigeschmack, wie "Ironie" in der Predigt ja auch. Aber ich gehe von dem Grundsatz des deutschen Karikaturisten Hans
Gutes Beispiel: Pfannmüllers
Karikatur von Theo Lingen
(c) wikipedia.de
Pfannmüller
aus, der einmal gesagt hat: "Karikieren darf nur, wer gerecht sein kann" - eine gute Karikatur entblößt also nicht oder macht lächerlich, sondern hebt liebenswerte Eigenheiten hervor, an die sich Bekannte gern erinnern. In der Situation der Trauerpredigt kann das manchmal für eine Art comic relief sorgen, ein Schmunzeln unter Tränen, das die Ambivalenzen der Trauer und der Erinnerung offen hält. Das muss natürlich dem individuellen Kontext entsprechen und ist deswegen nicht immer möglich. Und das setzt neben Fingerspitzengefühl auch einen guten Kontakt zu den Angehörigen voraus, das bedeutet unter Umständen auch, dass ich mir für manche Bildmotive eine Erlaubnis hole, etwa dann, wenn ich das Gefühl habe, dass eine sehr repräsentative Anekdote zu persönlich ist oder missverstanden werden kann. Und der Grundsatz der Gerechtigkeit gilt auch hier - Wilhelm Gräb hat einmal gesagt, bei Kasualien geht es um "Rechtfertigung von Lebensgeschichten". Das heißt für Trauergottesdienst und Bestattung, dass Ambivalenzen und Schattenseiten nicht krampfhaft verschwiegen werden - aber auch, dass der Liturg oder die Liturgin sich kein letztes Urteil über den Verstorbenen und seine Beziehungen anmaßt. 

Spannend finde ich den Gedanken der Skizze auch deswegen, weil eine Skizze ja in einem weitaus höheren Maß als etwa ein Ölgemälde die Kooperation mit den Betrachtenden voraussetzen: Sie vervollständigen das Bild, füllen die Lücken mit eigenen Bildern, Erfahrungen, Gefühlen. Auch in der Traueransprache predigt die Gemeinde mit, die Menschen bringen eigene Erfahrungen mit ein. Auch deswegen vermeide ich absolute Aussagen wie "NN war so und so". Und setze stattdessen auf Bilder - die dann wiederum Anknüpfungspunkte für die Theologie sein können, wenn eine charakteristische Szene aus dem Leben des Verstorbenen in eine biblische Szene überblendet.

Apropos Lollo von Kirschbaum: In seiner Traueransprache für sie, als sie nach einer langen zelebralen Erkrankung gestorben war, und die mit den berührenden Worten beginnt Jetzt ist sie unseren Blicken ganz entschwunden. Es war ein langes, langsames Weggehen, sagte Helmut Gollwitzer: 

"Als Lollo bei Karl Barth auf ein Denken stieß, das ganz von diesem Geheimnis [des Todes Jesu Christi] in Anspruch genommen war, da war sie gefesselt davon und wollte dabei sein und hat ihren wichtigen Beitrag geleistet zu einer Denkarbeit, die dem Leben erweckenden Weitererzählen des Sterbens unseres Herrn Jesus dienen kann."

Das ist für mich ein Paradebeispiel für eine gelungene Skizze: Entschiedene Striche, die das Bild einer leidenschaftlichen Frau und leidenschaftlichen Denkerin und Theologin zeichnen, die auch das Wagnis einer liebenswürdigen und würdigenden Karikatur riskieren ("gefesselt", "wollte dabei sein") - und gleichzeitig Raum lassen für Ambivalenzen: Für den kognitiven Abbau - und für die destruktive Seite der Leidenschaft von Kirschbaums nicht nur für Karl Barths Theologie, sondern auch für Karl Barth selbst, die sie auch "gefesselt" und diesem Leben nicht wenig Leid beschert hat und von der alle Anwesenden im Trauergottesdienst wussten. 

Sonntag, 27. Juli 2014

Trauer üben.


NICHT IHR HABT MICH ERWÄHLT, SONDERN ICH HABE EUCH ERWÄHLT (JOH 15,16)



Wir sitzen im Sommerhäuschen in Schweden. Die nächsten Nachbarn, ein paar hundert Meter weg, klopfen an und erzählen von herzzerreißendem Miauen von unter ihrem Haus. Da unten sitzt eine winzig kleine Katze, die die Augen noch nicht lange aufgehabt haben kann. Wir holen sie rein, füttern sie mit ein bisschen verdünnter Milch, lassen sie durchs Haus tapsen und sich vor dem Kamin ein wenig aufwärmen - es ist Anfang September, und in Schweden macht sich in kaltklaren Morgen und kürzeren Abenden der Herbst bemerkbar. Danach bringen wir sie zum Holzschuppen. Das muss ein guter Platz für kleine Katzen sein, die sich oft da aufhalten: Schutz vor Regen und Kälte, enge Spalte im windschiefen Holz, durch die kleine Katzen raus-, aber keine Füchse reinkönnen. Ein paar Handtücher, ein bisschen Milch, das muss reichen. Nach ein paar Stunden gehe ich gucken - das winzige Wesen sitzt immer noch in seinem Stoffnest. Wieder zurück, nestle ich am Gatter - und höre ein leises Miauen. Drehe mich um - zwei Meter hinter mir sitzt die Katze, die ich kurz darauf zum Kater erkläre und Måns nenne. Er ist mir hinterhergelaufen, guckt mich erwartungsvoll an und scheint zu sagen: Hier bin ich. Ich brauche dich. Ich will bei dir sein. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.


Also kommt er wieder zu uns, erklärt das Erdgeschoss kurzerhand zu seinem Reich und macht sich auf, auch den letzten Winkel zu erkunden. Wir, allesamt erklärte Katzennichtmöger und allerhöchstens Hundemenschen, seufzen, kichern, jaulen vor schierer Verzückung, machen Fotos, streicheln, rennen durcheinander, um ihm das Leben so angenehm wie möglich zu machen, lachen über uns selbst und schütteln den Kopf, wie schnurgerade solche kleinen Wesen den Weg ins Herz finden. Gegen Abend werden wir wieder erwachsen: Måns muss draußen schlafen, muss aus eigener Kraft die Nacht überstehen in seinen Handtüchern zwischen Gummistiefeln und Pilzkörben unter der Bank auf der kleinen Veranda. 

Ich liege abends wach, horche angestrengt in die Dunkelheit und grüble: Mittelfristig muss er alleine klarkommen - aber wer weiß, was jetzt gerade im Moment für ihn das Richtige ist? Wer weiß überhaupt jemals irgendwann, was gerade im Moment das Richtige ist? In meinem Tagebuch notiere ich: Vad behöver han just nu? Är det kroppsvärme, är det mer mjölk, är det sällskap..? Han jamar inte i alla fall, hoppas det är ett bra tecken. Hjärtskärande, det är vad det är! - Was braucht er jetzt gerade? Körperwärme, mehr Milch, einfach Gesellschaft? Herzzerreißend ist das, nichts anderes! Und ich denke an Mikael Wiehes Lied vom kleinen Mädchen mit dem verletzten Vogel im Arm - och hon springer med darrande lockar, hon springer på taniga ben... finns det liv, är det aldrig för sent! -  Gibt es Leben, ist es nie zu spät. Und in mir rast es vor Wut, als ich daran denke: Es Menschenkinder gibt, die verhungern, erfrieren, oder einfach an Einsamkeit sterben. 

SI TU M'APPRIVOISES, NOUS AURONS BESOIN L'UN DE L'AUTRE



Måns übersteht die Nacht, mehr noch: Wir machen ihn in den nächsten Tagen bekannt mit einer Patchworkkatzenfamilie, die ständig vor unserer Küchentür herumlungert - obwohl wir natürlich alle beteuern, uns strengstens an das von Muttern verhängte Katzenfütterverbot zu halten. Wahrscheinlich ist er mit allen über ein paar Ecken verwandt. Da ist eine, die noch Milch hat. Und eine, die etwas älter ist, aber selbst noch ziemlich klein. Måns schläft abends bei ihnen, und tagsüber entdeckt er mit seiner älteren Cousine die Welt: Ahmt ihre Bewegungen nach, läuft ihr hinterher, springt nach einem Tag wie sie vom Treppenabsatz herunter, lernt und wächst mit ihr im Takt. Wenn ich mich auf die Stufe vor der Küchentür setze, klettert Måns mein Hosenbein hoch, legt sich in meine Armbeuge und döst eine halbe Stunde vor sich hin. 


Irgendwann im Laufe der Tage sagt Mamma, nicht ohne Stolz: "Weißt du, ich glaube, wir haben dem richtig das Leben gerettet." Ja, denke ich, und irgendwie gibt man dabei so viel von sich selbst. Und mir kommt eine Passage aus dem kleinen Prinzen in den Sinn: 

"Nein", sagte der kleine Prinz, "ich suche Freunde. Was heißt 'zähmen'?" "Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache", sagte der Fuchs. "Es bedeutet, sich 'vertraut machen'." -
"Vertraut machen?" - "Gewiß", sagte der Fuchs. "Noch bist du für mich nichts als ein kleiner junge, der hunderttausend kleinen jungen völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt... 
[...] Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast."


Die Tage gehen, die Abende werden kürzer. Die Kraniche brechen auf, die Wildgänse fliegen in V-förmigen Formationen in den Süden, und das Brennholz im Schuppen ist fast aufgebraucht. Der Sommer geht zu Ende. Der letzte Sauerteig wird verbraucht, die Boote saubergemacht und an Land gezogen, die Motoren bei den Verwandten im Geräteschuppen untergebracht. Bald geht es heimwärts. Das heißt auch: Abschied von Måns, und der Gedanke daran fällt schwer. Ab und zu blitzt die Idee auf: Kann man ihn nicht doch mitnehmen? Nein, kann man nicht!, sagt der Kopf, und hat natürlich recht. Aber!, sagt das Herz, und ich setze mich ein paar Mal mehr auf den Treppenabsatz vor der Küchentür in die Sonne und lasse Måns ein paar Minuten dösen.


WENN ES KEINE TRÄNEN GÄBE, WÜRDEN DIE RIPPEN VERBRENNEN 


Es war an meinem letzten Tag. Morgens durchs Esszimmerfenster die Katzen beim Spielen beobachten, sich für den Abschied am Abend wappnen. Dann: Großeinkauf, all die Dinge, die man in Deutschland nicht kriegt, aber dringend braucht. Mit prallvollen Tüten beladen kommen wir zurück, laufen rein und raus, stellen ab, reißen Türen und Fenster auf, holen noch mehr Tüten aus dem Kofferraum. Plötzlich ein lautes Knarzen, ein dumpfer Schlag. Jemand in der Küche ruft. Auf der Schwelle der Küchentür hockt Måns, schüttelt den Kopf, zuckt hin und her. Die Küchentür. Schwer, fällt von alleine zu, ist deswegen meistens mit einer Schnur an der Hauswand befestigt. Nur heute nicht. Er wollte schnell in die Küche - und war eine halbe Sekunde zu langsam. Einen Augenblick lang sieht es aus, als würde er sich nur den Schreck aus den Gliedern schütteln. Dann sinkt er zur Seite. Aus seinem Hinterteil tropft es. Das kenne ich aus dem Krankenhaus: Kontrollverlust des Schließmuskels. Nie gut. Als klar ist, dass das hier nicht wieder gut wird, setze ich mich auf den Treppenabsatz vor der Küchentür. Måns stirbt auf meinem Arm. 

Ein Satz, der in Schweden manchmal in Todesanzeigen von Kindern steht, taucht auf. Lille Måns, som till oss kom, blott hälsade, och vände om. - Kleiner Måns, der zu uns kam, nur kurz grüßte, und wieder umkehrte. Ja, es ist nicht dasselbe, klar. Ein Kind ist etwas anderes als ein Katzenjunges. Aber - ach Scheiße. Es fühlt sich an, als ob wir einem Vertrauen, das in uns gesetzt, einer Aufgabe, die uns übertragen wurde, nicht gerecht geworden sind. Du bist verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast...

Wir begraben ihn unter dem Kirschbaum vor dem Küchenfenster. Heben eine kleine Grube aus, gehen runter zum See, sammeln Steine, damit nicht der erstbeste Fuchs ihn ausgräbt. Als ich ihn in der Hand halte, um ihn in sein Handtuch einzuwickeln, wirkt er ein bisschen größer als sonst. Und das fühlt sich wichtig an, irgendwie bekräftigt der Tod so, dass selbst die paar Wochen ein ganzes, gültiges Leben waren. 

Ein kleiner Teil in mir schaltet um auf "professionell". Der große andere Rest ist wütend und traurig und wütend und traurig. Aber der Pfarrer kann nicht anders, als einen Trauerprozess im Kleinen, wie im Schnelldurchlauf, zu beobachten, und registriert: Es tut gut, das Grab auszuheben, mit Löffeln und Händen, weil der Spaten schon weggepackt ist, einen Teil der Gefühle in physische Arbeit umzuwandeln. Es ist gut, den kleinen Körper zu halten und zu spüren, wie er kälter wird. Das hilft, das Unabänderliche zu begreifen, buchstäblich. Den Körper ablegen, ein letztes Mal wie zur Ruhe betten. Das eigentliche Begraben, das auf unseren Friedhöfen meist pietätsvoll erst dann geschieht, wenn die Angehörigen die Grabstätte verlassen haben, entfaltet seine ganze schmerzhafte Brachialität - av jord är du kommen, jord skall du åter bli. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Aber jede Handvoll Erde ist ein Einverständnis mit dem, ein Annehmen dessen, "was an der menschlichen Existenz im Wesentlichen unannehmbar ist" (Milan Kundera). Aufs Ganze gesehen skandalös, ja. Aber im Einzelfall immer lebensnotwendig. Der Steinhaufen tut mehr, als nur vor Raubtieren zu schützen: Er bleibt als Denkmal für ein Leben, das von außen so unwesentlich, so kurz, so leicht zu übersehen ist, das aber für einige wenige "einzig in der Welt" geworden ist. Als wir fertig sind, legen sich die Katzen um den Steinhaufen und bleiben den ganzen Tag dort liegen. 


(c) Roberto Kemter / pixelio.de

Im Morgengrauen, nach einer durchwachten Nacht, breche ich auf. Ein letzter Gang zum Grab, ein Satz aus der reformierten Grablegungsliturgie streift durch den Nebel: Haben wir ihn geliebt, so wollen wir ihm diese Liebe über den Tod hinaus bewahren. Haben wir einmal zu wenig geliebt, und sind ihm im Leben etwas schuldig geblieben, so bitten wir Gott um Vergebung unserer Schuld. Ich fahre Richtung Westen, an der Küste biege ich nach links. Als ich auf dem Hallandsås bin, geht die Sonne auf. Ein Zwischenstopp in Lund, ein bisschen Zeichenmaterial kaufen. Fahre durch Straßen, auf denen ich während des Studiums unzählige Male unterwegs gewesen bin, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Jetzt mit  dem Auto. Komisch. Siehst du, sagt der Kopf, das Leben geht weiter. Ich weiß, sagt das Herz, aber das dauert, könnten wir mal ...? "Wenn es keine Tränen gäbe, würden die Rippen verbrennen", sagen beide gleichzeitig. Und ich fahre erstmal rechts ran.


Montag, 23. Juni 2014

Für den besten aller Zwecke

(c) commons.wikimedia.org

Normalerweise halte ich mich mit Spendenaufrufen zurück. Aber es gibt eben auch Projekte, die einem am Herzen liegen. Dazu gehören Initiativen, die sich der Verständigung zwischen Christen und Juden (und Muslimen) verschrieben haben. Ich bin stolz darauf, Mitglied einer Landeskirche zu sein, die in dieser Hinsicht prophetisch vorangeschritten ist und mit dem Synodalbeschluss von 1980 viele Steine ins Rollen und manche zum Weichen gebracht hat. 

Zu den besonderen Initiativen, die in diesem Geist arbeiten, gehört die kleine Siedlung Nes Ammim im Norden Israels. Ich werde dort endlich auch mal hinfahren, Ende des Jahres wird es hier viel darüber zu lesen geben. Wer schon vorher mehr über die Arbeit dort wissen will, kann sich im Internet informieren: Auf den offiziellen Seiten (www.nesammim.org/ und www.nesammim.de/) gibt es viel zu entdecken, der Studienleiter Rainer Stuhlmann bietet auf seinem Blog fundierte, nachdenkliche, herausfordernde Reflexionen über das Leben und Arbeiten vor Ort - und spricht immer mal wieder im Deutschlandradio über seine Erfahrungen. 

Um vor Ort mobil zu bleiben, benötigt der Verein Nes Ammim Deutschland e.V. Spenden für die Anschaffung eines dringend notwendigen Kleinbusses. Spenden, die unter Stichwort "Auto" eingehen, sind steuerabzugsfähig. Kontodaten sind IBAN: DE17 3506 0190 1010 9880 19, BIC: GENODED1DKD.

Wer von den mitlesenden Kolleg_innen noch nach guten Kollektenzwecken sucht oder Sonderkollekten zu bestimmen hat, wer nicht weiß, was er oder sie sich zum Geburtstag wünschen soll - hier wäre ein echt gutes, professionell und engagiert geleitetes Projekt, das sehr konkret Hilfe gut gebrauchen kann. 

Als kleines Schmankerl: Wer eine Einzelspende von 500 EUR oder mehr nachweisen kann, bekommt einen eigenen Cartoon zum Thema seiner/ihrer Wahl - entweder komplett handgezeichnet oder digital mit Recht zur Veröffentlichung. Wenn das mal kein Anreiz ist... ;-)

Samstag, 12. April 2014

Von Dämonen, Monstern und anderem Getier - fremde Mächte in deutschsprachigen Popsongs

(c) moviepilot.de

WUNDERGESCHICHTEN - (M)EINE ENTDECKUNGSREISE

Ich habe lange Zeit Problem mit Wundergeschichten gehabt, genauer gesagt mit Exorzismen, also solchen Geschichten, in denen Jesus Dämonen austreibt. Dabei hat mich weniger die mythologische Sprache gestört (ich habe noch in der Schule Bruno Bettelheim rauf und runter gelesen und dabei gelernt: (Nicht nur) "Kinder brauchen Märchen"), meine Schwierigkeiten lagen an anderer Stelle: Zum Einen hat mich die Stigmatisierung offensichtlich psychisch kranker Menschen gestört, zum Anderen die mit Heilungsgeschichten unweigerlich verbundene Theodizeefrage, die Frage: Warum ging es da, und warum geht es in anderen Fällen nicht? Beide Problemkreise sind für mich immer noch relevant, im Blick auf die zweite Frage habe ich aber gelernt, dass die Theodizeefrage letzten Endes nicht auf einer abstrakt-argumentativen Ebene generell gelöst, sondern nur im Einzelfall beantwortet werden kann - ich finde also die Klagepsalmen hier weitaus hilfreicher als Leibniz

Im Blick auf die erste Problematik, die Sache mit der Stigmatisierung, habe ich einerseits viel durch meine Arbeit in der Krankenhausseelsorge, andererseits viel von der modernen Wunderrezeption gelernt, die nicht so sehr über Bultmann, sondern vor allem über eine allzu simple Vorstellung von Entmythologisierung hinausgeht: Zum Beispiel bei Gerd Theißen, der, seine Exorzismendeutung in einer Predigt über Mk 1,32-39 zusammenfassend, über "Dämonen" sagt:
"Dämonen sind eine mythische Deutung dissoziativer Phänomene, einer Spaltung unseres Bewusstseins, bei denen ein Teil in uns keinen Zugang zu anderen Teilen unserer Person hat. Die Vertreibung von Dämonen ist eine Aufhebung solcher dissoziativer Zustände. Sie bedeutet: Menschen werden wieder Herr in ihrem eigenen Leben."
Ich habe auch gelernt, dass in der sog. "Dritten Welt" der seitens der abendländischen Theologie immer wieder mit großer Verve unternommene Versuch, eine "vernünftige", entmythologisierte Wunderdeutung durchzusetzen, nicht selten mit der Hemmung befreiungstheologischer Emanzipationsbewegungen, die durch die Wundergeschichten inspiriert werden, sich mit dem vermeintlich Faktischen nicht abzufinden, einhergeht. So stellt Wolfgang Schoberth fest:
"Die prinzipielle Kritik am Wunderglauben erweist sich auch als eine eurozentristische Perspektive, die den Glaubensstil gebildeter Europäer mit christlicher Religion insgesamt identifiziert. [...] Säkularisierung wird so zum Moment kolonialistischer Herrschaft, das den Leidenden Hoffnung und Kraft raubt. Zur materiellen Enteignung tritt die geistliche. [...] Die Zeichen und Wunder Jesu [...] öffnen die Augen für den Gott, der die Welt verwandelt."
Der Aufsatz von Schoberth in dem von Werner H. Ritter und Michaela Albrecht herausgegebenen Band Zeichen und Wunder. Interdisziplinäre Zugänge (Göttingen 2007, Biblisch-Theologische Schwerpunkte 31) ist bei google Books fast komplett lesbar; ich kann das Buch aber uneingeschränkt zur Anschaffung empfehlen. 

Ein dritter "Meilenstein" auf meiner Reise in die neutestamentlichen Wundergeschichten war eine Entdeckung, die ich zweier meiner Lieblingstheologen verdanke (Karl Barth und Peter Bukowski) zu verdanken habe und die im Kontext der sog. Accra-Erklärung von 2004 stand; der Reformierte Weltbund erklärt dort zur kapitalistisch-globalisierten Wirtschaftsordnung der Gegenwart:
"Diese Ideologie, die von sich behauptet, es gäbe zu ihr keine Alternative, verlangt den Armen und der Schöpfung unendliche Opfer ab und verspricht fälschlicherweise, die Welt durch die Schaffung von Reichtum und Wohlstand retten zu können. Sie tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen zu wollen und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst gleichkommt. [...] Als Wahrheits- und Gerechtigkeitssuchende, die sich die Sichtweise der Machtlosen und Leidenden zu Eigen machen, sehen wir, dass die gegenwärtige Welt-(Un)Ordnung auf einem außerordentlich komplexen und unmoralischen Wirtschaftssystem beruht, das von (einem) Imperium verteidigt wird. Unter dem Begriff "Imperium" verstehen wir die Konzentration wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht zu einem Herrschaftssystem unter der Führung mächtiger Nationen, die ihre eigenen Interessen schützen und verteidigen wollen."
Peter Bukowski hat in einem großartigen Vortrag auf dem Kölner Kirchentag auf Karl Barth hingewiesen, der in den Nachlassfragmenten zu KD IV,4 eine Lanze für mythologisches Reden bricht. Er schreibt dort (§78, S. 363ff.) über die "herrenlosen Gewalten" und stellt fest: 
Das Neue Testament "sieht und versteht die Menschen als Schiebende nicht nur, sondern auch als Geschobene - als Treibende nicht nur, sondern als Getriebene … Ohne deren Verantwortlichkeit und Schuld in Frage zu stellen, sieht es hinter und über jenen … jene unangreifbaren, aber höchst wirksamen Potenzen, Faktoren und Agenten, jene imaginären, aber gerade in ihrem imaginären Charakter erstaunlich aktiven ,Götter' und ,Herren'"
Ein weiterer Schritt für mich war die Arbeit in der Krankenhausseelsorge. Peter Bukowski hat uns im Predigerseminar beigebracht, "die Bibel ins Gespräch zu bringen", den unglaublichen Reichtum an menschlichen Erfahrungen, die vor dem Horizont des Glaubens gedeutet werden, zu benutzen, der Menschen dabei hilft, ihre Situation in Worte zu fassen. Und mir ist dort aufgefallen, dass die (bewusst mythologische/metaphorische) Rede von "Dämonen" Menschen hilft, eine Art dissoziativen Transfer vorzunehmen, einen Schritt, der ihnen hilft, sich selbst nicht mit ihrer Krankheit zu identifizieren. Wer in dieser Hinsicht weiterlesen will: Auch Rudolf Bohren beschreibt in seinem Buch Aus der Tiefe der Zisterne die "Schwermut" als eine Art machtvolles Gegenüber, die katholische Pastoraltheologin und Psychiaterin Doris Nauer schafft es in ihrem Grundlagenwerk Seelsorge. Sorge um die Seele (Stuttgart 2007) sogar, den Exorzismus pastoralpsychologisch zu rehabilitieren. 


LEKTIONEN IN DÄMONOLOGIE VON PETER FOX, ICH + ICH UND ROSENSTOLZ

Obwohl Untersuchungen immer wieder zeigen, dass auch der moderne Mensch offensichtlich sehr schnell bereit ist, gerade im Krankheitsfall auf irrationale Erklärungsmuster und Hoffnungsperspektiven zurückzugreifen (Globuli und eine verheerende Vulgärpsychosomatik im Stil von "Krankheit als Weg" sind dabei nur die prominentesten Beispiele). Wie konsensfähig und massentauglich explizit mythologische Deutungsmuster sein können, ist mir erst auf einer Autofahrt nach Halle an der Saale aufgefallen: Peter Fox' Stadtaffe, eins meiner absoluten Lieblingsalben, lief auf autorepeat, und irgendwann hörte ich bei Das zweite Gesicht mal genauer hin:


In dem Song, in dem es, grob gesagt, um Schadenfreude, falschen Ehrgeiz und andere Untugenden geht, heißt es in Bridge und Refrain: 


Denn es steckt mit dir unter einer Haut,
Du weißt, es will raus ans Licht.
Die Käfigtür geht langsam auf, da zeigt es sich,
Das zweite Gesicht

Ein Biest lebt in deinem Haus,
du schließt es ein, es bricht aus.
Das gleiche Spiel, jeden Tag,
Vom Laufstall bis ins Grab.


Darüber fiel mir ein Lied von Rosenstolz ein. Auch da geht es, in Aufnahme volksmündlicher Farbenlehre, um Das gelbe Monster Neid als Antriebskraft destruktiver Verhaltensweisen.


Auch Rosenstolz wissen ein Lied davon zu singen, wie frustrierend der Kampf gegen den psychischen Eroberungskrieg einer fremden Macht sein kann:

Ich halt das nicht mehr lange aus,
Ich werf das gelbe Monster raus!
Es bohrt sich mitten in mein Herz
Und es fängt von vorne an,
dass ich gar nicht anders kann:
Der Neid verändert mein Gesicht -
das gelbe Monster bin ja ich! 

Und es macht mich blind,
lässt mich böse sein,
macht mich zum Sklaven 
meiner eigenen Gedankenwelt,
bis sie zusammenfällt
und mich nichts mehr hält.

Eine weitere theologische Pointe bei diesem Song: Der zweite Teil erinnert deutlich an die ursprüglich auf Augustin zurückgehende und von Martin Luther im 16. Jahrhundert wiederentdeckte Rede vom Sünder als homo incurvatus in se, dem "in sich selbst verkrümmten Menschen". Soll mal einer sagen, Rechtfertigungstheologie würde heute keinen mehr interessieren...

Ein drittes Beispiel ist mir erst vor ein paar Monaten in die Hände gefallen, bzw. zu Ohren gekommen: Auf dem ach-so-schönen Album Vom selben Stern von Ich + Ich gibt es ein Lied mit dem prägnanten Titel Dämonen. 


Das ist besonders interessant, weil es hier, im Gegensatz zu Peter Fox und Rosenstolz, nicht (nur) um Untugenden, sondern um Krankheit geht, genauer gesagt um Sucht - und weil die Metaphorik an die Grundbedeutung des griechischen Wortes für "Teufel" erinnert: διάβολος heißt nämlich so etwas wie "Durcheinanderbringer"...

Ich kämpfe gegen die Dämonen,
sie sollen nicht bei mir wohnen, sondern gehen.
Sie durchbrechen die Kontrollen,
sie machen, was sie wollen,
sie verdrehen [...]
Sie durchkreuzen die Gedanken,
bis man die letzten Schranken vergisst
[...]
Sie halten mich ganz klein 
und verstecken bei mir Wein
und Nikotin.
Ich will nichts mehr davon finden
Sie sollen sofort verschwinden 
und mich nicht stören.
Ich wünsch sie auf der Stelle in der Hölle,
wo sie hingehören.

Bezeichnend ist, dass in keinem der Lieder eine Lösung gefunden wird. Sie beschränken sich auf die Beschreibung vergeblicher Strategien - der Exorzismus bleibt aus, die Dämonen entziehen sich allen Selbstbefreiungsversuchen. In diesem Sinne: Ite, missa est!

Donnerstag, 20. Februar 2014

Sieben Wochen ohne Theaterdonner

Der Kirchengeschichtler frohlockt über die quasi-reformationszeitlichen Verhältnisse: Wittenberg ruft - und alle schreien. Das Zentrum für evangelische Predigtkultur schlägt eine Fastenaktion vor: Sieben Wochen ohne große Worte. Das Ganze ist gewissermaßen verpartnert mit der diesjährigen Fastenaktion der EKD, die ihrerseits unter dem Motto Sieben Wochen ohne falsche Gewissheit "raus aus fragloser Routine und halben Wahrheiten, zum Nachfragen und Neudenken locken" möchte. Das Predigtzentrum schlägt vor, in der Fastenzeit asketisch mit den "großen Worten" umzugehen, jenen geprägten Begriffen aus Frömmigkeit und Theologie, die im fachwissenschaftlichen Diskurs unumgänglich sind, auf der Kanzel bedeutungsschwanger daherkommen, aber oft genug, wie es Dietmar Wischmeyer und Oliver Welke in ihrem übrigens sehr empfehlenswerten Buch Frank Bsirske macht Urlaub auf Krk. Deutsche Helden privat (Berlin 2013, 108ff.) so hübsch ausdrücken, letztlich nur "dieses nickende Wissen [...] bei den Schäfchen" und "dieses unnachahmbare Wir-Gefühl der Ahnungslosigkeit, für das sie alle so lieben" verursachen. Die Begründung ist so simpel wie einleuchtend, das Ziel so ehrenhaft wie nachvollziehbar:
"Kaum eine Predigt kommt ohne Große Worte aus: Barmherzigkeit, Hoffnung, Kreuz … Manchmal funktionieren sie wie Platzhalter, aus denen die Inhalte längst ausgewandert sind. Die Predigtsprache gerinnt in Substantiven. Wie kann sie wieder lebendig, anschaulich und konkret werden?"
(So formuliert auf der Begleithomepage des Projekts: www.ohne-grosse-worte.de)

Wer mitmachen möchte, kann sich eine Karte zuschicken lassen, auf der die 49 großen Begriffe, die es zu vermeiden gilt, abgedruckt sind:

(c) Zentrum für evangelische Predigtkunst

Vielleicht vorneweg: Man kann, was die Auswahl der Begriffe im Einzelnen angeht, sicherlich geteilter Meinung sein. Ich zum Beispiel finde, dass Gott und Jesus keine Begriffe, sondern Namen sind. Und sicherlich betreffen betreffen manche Begriffe die eigene Predigtpraxis mehr als andere - das ist aber im Übrigen bei allen Fastenempfehlungen so: In manchen neo-orthodoxen Gemeinden gehört es vor der Fastenzeit fast zum guten Ton, einander zu informieren: "Ich faste auf..." Ich war bei sowas immer fein raus und habe zum Beispiel "auf" Kaffee und Zigaretten gefastet. Ich war auch meistens einer der wenigen, der das komplett die sieben Wochen durchgehalten hat, was bei einem bekennenden Kaffeehasser und Nichtraucher auch keine große Kunst ist. Aber im Großen und Ganzen ist das doch eine ganz hübsche Idee, eine Art rhetorisches Trainingsprogramm (wie ja im Protestantismus generell das Fasten eher eine freiwillige und nach Bedarf zu definierende und dosierende geistliche Übung ist). Und ein auf eine überschaubare Zeitspanne angelegtes Experiment in einer Zeit, in der ansonsten oft und gern gerade die "großen Worte" explizit zum Thema gemacht werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dachte ich. 

Haha. Denn dann ging es los in den sozialen Medien, meist erst dann, wenn traditionelle reaktionäre Bedenkenträgermedien die Meldung entdeckt und sich ausführlichst darüber ausgelassen hatten. Ich zitiere mal meine Lieblingsstellen - dass es sich hierbei um Originalzitate handelt, möge man mir einfach glauben, ich verzichte auf genaue Quellenangaben, weil ich finde, dass es ein Akt der Nächstenliebe ist, Menschen nicht auf jeden Mumpitz, den sie in den Äther blasen, festzulegen:
"Die spinnen doch diese Protestanten seit jeher..." 
"Die EKD ist seit 50 Jahren nicht mehr ernst zu nehmen - und in 100 Jahren eh vollkommen verschwunden. Also, wen kümmerts?" 
"Den Gemeindegliedern, deren Pfarrer sich daran halten wollen, kann ich nur empfehlen: Fastet vom Gottesdienstbesuch. Das Opfer, das ihr dabei bringt, wäre wahrscheinlich nicht allzu groß." 
"Mit ihrer "Roten Liste" können die EKD Glaubensfastenden _kein_ Glaubenszeugnis über Jesus Christus ablegen, aber über Wotan und Thor können sie ja dann ganz unverbindlich plaudern. Chapeau !" 
"Man sollte dem Potestanten sagen es wäre besser für ihn gewesen, bis Ende der Fastenzeit ganz zu schweigen, oder mal bei den Kirchenvätern sich zu informieren, oder wenigstens mal 40 Tage so zu fasten wie es 400-1500 n.Chr alle Christen gemacht haben. Wenn der Computer mit Viren befallen ist, muss man das System neu installieren, sollte aber tunlichst vermeiden andere damit anzustecken." 
Und so weiter. Das große Übel von web 2.0 ist ja, dass es vielen Zeitgenossen vom unangenehmen Typus des "Leserbriefschreibers" eine bis dato nicht gekannte Öffentlichkeit bietet und suggeriert, dass jedwedem Flackern im Großhirn automatisch der Rang einer begründeten Meinung zukommt. Aber als demokratisch-freiheitlich gesinnter Mensch sagt man sowas natürlich nicht laut, sondern fragt sich im Stillen, ob verbaldiarrhöinduzierte Hyperemesis als Berufskrankheit durchgeht, seufzt so vor sich hin und macht ein paar Fleißaufgaben, weil ja niemand am eigenen Beißreflex ersticken soll. Also:

WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DER KANZELSPRACHE?


Alle, die in der Initiative per se Abzulehnendes, da Neuartiges und den damit unvermeidlich verbundenen Untergang des christlichen Abendlandes zu wittern meinen, seien hiermit beruhigt. Ich zitiere einfach mal aus ein paar Jährchen Predigtratgeberliteratur:

(c) zazzle.de
"Theologische Stilistik verklausuliert, verschließt die Predigt, statt ihren Inhalt zu verstehen zu geben. [...] Sofern die semantische Welt, aus der der Prediger seine Formulierungen bezieht, keine Einstiegsmöglichkeiten bietet, gewinnt sie für den Hörer auch nicht an Gestalt; die "existiert" für ihn nicht. Der Prediger führt zwar vor, wie gewandt er sich in seiner Welt bewegen kann; aber dem Hörer signalisiert er damit unter Umständen - und ohne es zu wollen -, daß das Ganze wohl eine Nummer zu hoch und der Glaube letztlich eine Sache für "Auskenner" ist. [...] Ein solcher Predigtstil liegt in dichter Nachbarschaft zu christlich-religiöser Phraseologie, in der man nur noch vage eine theologische Motiviertheit, geschweige denn eine im Evangelim begründete Predigtintention erkennen kann. [...] Dieser Stil ist sowohl in semantischer wie in theologischer Hinsicht als eine Art Rauschen zu beschreiben, das es nicht möglich macht, Genaueres zu verstehen, das aber ständig vorgibt, daß es etwas zu verstehen gebe. [...] Was im Rahmen theologischer Systeme plausibel ist, kann außerhalb dieses Systems völlig unverständlich sein. Freilich - auch solches Reden bleibt nicht ohne Wirkung; es kann z.B. zur faktischen Exkommunikation der Predigthörer führen, also eine 'asoziale Note' haben. Wer sich der 'Sprache Kanaans' bedient, ist sich womöglich der sozialen Komponente sprachlichen Handelns nicht hinreichend bewußt."
(Wilfried Engemann, Einführung in die Homiletik, Tübingen/Basel 2002 [UTB 2128], 34-36.328f.)

"Spreche ich so, dass es auch mein Nachbar verstünde, mein Hausarzt oder der Schaffner im Bus? Oder rede ich im frommen Jargon? [...] Dagegen ist in manchen, unterschiedlichen kirchlichen Milieus ein Jargon üblich, der für Außenstehende nicht nur schwer verständlich ist, sondern obendrein abstoßend. Da wird z.B. in der Sprache der Lutherbibel geredet [...]. Da werden die sonst aus der Sprache längst ausgewanderten grammatischen Endungen munter weiter gebraucht [...] Natürlich wissen wir auch alle, wer der "reiche Jüngling" und die "blutflüssige Frau waren. Die "Epheser" sind uns so vertraut wie der FC Bayern. Wir danken Gott nicht, wir bitten ihn: "Hab Dank..." [...] Die Reihe ließe sich nahezu brenzenlos fortsetzen. Abgesehen von der Unverständlichkeit für nicht Eingeweihte ist die Gefahr des frommen Jargons die uneingestandene gedankliche Unklarheit: Ich benutze unter Umständen Begriffe, die Klarheit suggerieren ("Heil", "Sünde", "Barmherzigkeit", "Gerechtigkeit"), bei näherem Hinschauen aber alles andere als klar sind." 
(Michael Herbst/Matthias Schneider, ...wir predigen nicht uns selbst. 
Ein Arbeitsbuch für Predigt und Gottesdienst, Neukirchen-Vluyn ²2002, 159f.)

"[V]ielleicht ist die Korrektheit das eingefleischteste Laster der Prediger. Ich hege den Verdacht, daß der Korrektheit eine ungezählte Zahl von Seelen geopfert werden, und ich erhebe Protest gegen eine eine Menschen opfernde Korrektheit. [...] Der Gegensatz zu Korrektheit heißt darum auch nicht Schlampigkeit, sondern Freiheit. Korrekte Predigten sind unfrei und ohne befreiende Kraft. Korrektheit riecht immer ein wenig nach Gefängnis und Gefangenschaft. [...] Artikuliert sich solche Gefangenschaft auf der Kanzel, weht Gefängnisluft in die Gemeinde. In solcher Gefängnisluft erstickt das Evangelium. Dann hören Mencshen vielleicht eine Predigt über das Evangelium, das Evangelium selbst bleibt stumm. Dies nenne ich die Menschen opfernde Korrektheit: dem Prediger ist es wichtiger, richtig zu predigen, als daß Menschen zur Freiheit kommen und über dem Evangelium froh werden. Seien Richtigkeit kommt vor der Rettung der andern. - WIll man solch predigende Korrektheit theologisch erklären, wird man sie als "Dienst des Buchstabens" verstehen, der damit beginnt, daß der Prediger sich von Regeln beherrschen läßt, statt daß er sie beherrscht. Im Endeffekt macht er aus dem Evangelium Gesetz und aus dem Gesetz Gesetzlichkeit. [...] Die Beliebigkeit und Häufigkeit einer auf der Kanzel gebrauchten Wendung sagt nichts aus über ihre Wahrheit, wohl aber verrät jede Floskel eine Wahrheit, indem sie eine Aussage macht über die Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Predigers."
(Rudolf Bohren, Predigtlehre, Gütersloh [1980] 61993, 403.416)

"Es ist gutt, das einer nur predige iuxta analogiam fidei. Ad simplicem modum contionandis e omnes contionatores debent assuefacere, und sollen bey sich beschließen, das sie predigen jungen, unvorstendigen leuten, pawern, die eben so wenig vorstehen als die jungen under 12, 13, 14, 20 jaren, denen man allein predigt. Das ist auch der grosseste haufe. Das dieselbige vorstehen ader etwas daras fassen mugen und ihr leben beßern. [...] Man sol sich aldohin accomodiren ad auditores, und das feilet gemeinglich allen predigern, das sie predigen, das das gemeine volck gar wenig daraus lerne. [...] Einfeldig zu predigen, ist eine große kunst. Christus thuts selber; er redet allein vom ackerwerck, vom senffkorn, und brauchet eitel grobe, pewrische similitudines."
(Martin Luther, Tischrede vom 23. Juli 1539, in: WAT 4, 447).



Halten wir das doch erstmal fest: Die Warnung vor unverständlichen Phrasen, und klingen sie auch noch so biblisch, ist so alt die das Nachdenken über die evangelische Predigt selbst. Und: Die Wahrheit einer Predigt bemisst sich nicht an der Anzahl der in ihr behaupteten theologischen Richtigkeiten, die charakterlich entsprechend disponierte Menschen mit Bademeisterfrömmigkeit auf einer internen Checkliste abhaken können. Die Problematik hat Peter Bukowski (Predigt wahrnehmen. Homiletische Perspektiven, Neukirchen-Vluyn (4)1999, 149) schön auf den Punkt gebracht: "Jeder Predigthörer kenn den Effekt, den Passagen dieser Art bei ihm auslösen. Man kann (im besten Fall) den Eindruck, es war alles richtig, ja man hätte jeden Satz unterschreiben können, und doch hat einen das Gehörte nicht angesprochen. Warum nicht? Weil man das alles so oder so ähnlich schon oft gehört hat. Wenn wir nach solchen Predigten sagen: 'Heute war wieder alles richtig', dann verstehen wir 'richtig' als Schimpfwort. Das liegt daran, daß sich Aussagen - unbeschadet der Sachgemäßheit ihres Inhalts - abnutzen. Informationen sind nämlich nicht konservierbar, im Gegenteil, sie büßen mit dem Grad ihrer Bekanntheit von ihrer Wirkungskraft ein."

Soviel erstmal zur sprachlichen Korrektheit der Predigt. Aber da ist ja noch die Sache mit dem Fasten.



WIE WAR DAS NOCHMAL MIT DEM FASTEN?


Manche Kritik entzündet sich an dem Missverständnis, das Zentrum für evangelische Predigtkultur wolle als Einrichtung der EKD den in den Gliedkirchen Predigenden irgendetwas vorschreiben. Es ist ein bisschen langweilig, dass man das immer wieder betonen muss, aber es sei trotzdem gesagt: Dazu gibt es überhaupt kein Mandat - und deswegen auch keinen Grund zur Sorge. Die Kirchenordnung stellt nämlich eindeutig fest: "Die Pfarrerinnen und Pfarrer sind im Rahmen der kirchlichen Ordnung in der Verkündigung und in der Seelsorge selbstständig" (Art 51, Abs 1 KO.EKIR).

Davon abgesehen, lohnt (wie immer!) der Blick in die Kirchen- und Theologiegeschichte 
 - was sich die Reformatoren zu dem Thema gedacht haben, ist durchaus anregend. Die hatten ja überhaupt nichts gegen Askese, eher im Gegenteil. Ihre Kritik richtete sich nur gegen das Fasten als Pflichtübung spätmittelalterlicher Frömmigkeit und gegen das Missverständnis, es würde daran, wie wir vor Gott stehen, im Kern irgendetwas ändern - sie konnten sich dabei u.a. auf Jesaja 58 berufen. Huldrych Zwingli etwa stellt in seiner Schrift Von Erkiesen und Freiheit der Speisen (1522) fest, dass keine kirchliche Obrigkeit das Recht hat, den Gläubigen das Fasten aufzuerlegen: "Und sind wir under kein gsatz verbunden, denn das gsatz der liebe, und fryheit der spysen schadt der liebe des nächsten nüt, so sy recht gelert und erkent wirt, so sind wir demselben gbott oder gsatzt nüt schuldig."

In CA XXVI stellen die Reformatoren fest, "daß ein jeglicher schuldig ist, sich mit leiblicher Übung, wie Fasten und anderer Arbeit, so zu halten, daß er nicht Ursache zu Sündigen gebe, nicht, daß er mit solchen Werken Gnade verdiene. [...] Und wird also nicht das Fasten verworfen, sondern daß man ein notigen Dienst daraus auf bestimmte Tage und Speisen, zu Verwirrung der Gewissen, gemacht hat." Die CA liegt damit ganz auf der Linie Luthers, der im Kleinen Katechismus etwas eingängiger schreibt: "Fasten und leiblich sich bereiten ist zwar eine feine äußerliche Zucht; aber der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden", an anderer Stelle, im Sermon von den guten Werken, ausdrücklich vor geistlicher Überanstrengung warnt und daher rät: "[W]enn er fände, dass ihm vom Fasten der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde […], so soll er das Fasten ganz gehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zur Gesundheit nötig ist."

UNTERM STRICH...


... gilt also wieder einmal der gut paulinische Grundsatz: Prüfet alles und behaltet das Beste. Will sagen: Die Fastenaktion ist eine gute und, wie ich finde, inspirierende Möglichkeit, die eigene Predigtpraxis auf ihre Floskellastigkeit und Lebensnähe hin zu überprüfen. Dass das einfach wird, hat ja niemand behauptet - und wer trotz Nachtschichten und wortschöpferischer Schwerstarbeit am Schreibtisch immer noch große Worte in seinem Manuskript findet, der möge doch bitte, ehe "dass ihm der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde, essen und schlafen" gehen.

Und wem der Kamm immer noch nicht abgeschwollen ist, wer immer noch meint, sich schon über Predigten ärgern zu müssen, die noch gar nicht geschrieben sind, dem sei an dieser Stelle empfohlen, sich an anderer Stelle in Askese zu üben: