Sonntag, 24. Juli 2016

Zeitunglesen, Fangenspielen, Mitgehen - Predigt über Phil 3,7-14



(Predigttext aus der BasisBibel)

Karl Barth hat mal gesagt, man müsse als Theologe zwei Dinge lesen: Die Bibel und die Zeitung. Es gibt verschiedene Varianten seines Zitats, alle gehen in dieselbe Richtung: „Wie man beten soll, steht in der Bibel; was man beten soll, steht in der Zeitung.“ Manchmal ermöglicht die Bibel dann einen neuen Blick auf das, was in der Zeitung steht. Und manchmal liest man im Licht der Zeitungsmeldungen Bibeltexte anders als vorher. 

Es gibt Tage und Wochen, da müssen Predigten umgeschrieben werden. Diese Woche war so eine. Es fing an mit Nizza und Istanbul, es ging weiter mit Würzburg und München. Und ein Predigttext wie der, den Sie gerade in der Lesung gehört haben, bekommt einen anderen Klang. 

Paulus blickt auf sein Leben zurück. Auf sein altes Leben als jüdischer Gelehrter und Beamter, der ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben führte und von seiner Religion und seiner Identität so überzeugt, so erfüllt war, dass er die jungen christlichen Gemeinden von Amts wegen und aus vollem Herzen verfolgte. Das allein macht ihn verdächtig in diesen Tagen, in denen wir erleben, dass Gewalt gegen Angehörige anderer Religionen alles andere ist als ein dunkles, aber zum Glück abgeschlossenes Kapitel der Menschheitsgeschichte. 

Paulus hat diese Phase seines Lebens hinter sich gelassen, die wundersame Begegnung mit dem Auferstandenen auf der Straße vor Damaskus hat ihm seine eigene Blindheit vor Augen geführt und die Augen geöffnet für das Neue. Die Bibel erzählt von vielen Begegnungen, die für die Beteiligten lebensverändernd sind. Und immer wieder geht es dabei um Menschen, die von einer falschen und verhängnisvollen Radikalität befreit werden. Einer Radikalität, die gefährlich ist und zum Töten bereit macht, weil religiöse Menschen das Bild, das sie von Gott haben, mit Gott selbst verwechseln. Paulus, Jona, Elia und andere müssen lernen, dass Gott größer ist als all unsere Bilder. 

Paulus hat dazugelernt, aber das macht ihn in dieser Briefpassage nicht unbedingt sympathischer. Was ihm früher wichtig war, ist jetzt in seinen Augen nicht mehr als Dreck. Auch wenn hier der Eifer der Frischbekehrten spricht, die bekanntermaßen meist päpstlicher sind als der Papst, fällt es schwer, von der unheilvollen Wirkungsgeschichte, die solche Sätze hatten und haben, abzusehen. Als im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit die Inquisition wütete, gehörten zu den für Juden gefährlichsten Figuren diejenigen, die selbst einmal Juden gewesen waren und die Polizisten, Richter und Henker mit allerlei haarsträubenden Geschichten über ihre religiöse Herkunftsfamilie fütterten, über all das, was sie jetzt für Dreck hielten. Auch Martin Luthers widerliche Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) bezog sich zu einem großen Teil auf solche Verleumdungen durch Neubekehrte. 

Aber, und das ist der eine Grund, warum ich glaube, dass dieser Predigttext auch und gerade angesichts dessen, was wir in der Zeitung lesen, notwendig und heilsam ist, aber Paulus spricht nicht über das Judentum. Das, was Paulus für Dreck hält, ist nicht seine jüdische Identität, sondern sein Status in der Gesellschaft. In einigen Versen zuvor, die Sie in der Lesung nicht gehört haben, zählt Paulus eine ganze Reihe von Eigenschaften und Leistungen auf, die ihm die Anerkennung seiner Umwelt absicherten: Seine Herkunft, sein frommer Eifer, seine religiöse Bildung. 

Paulus ist nicht judenfeindlich, aber sehr wohl kulturkritisch. Er wendet sich gegen eine Kultur, in der Ehre, und andere Männersachen, alles ist. Das, was wirklich zählt, ist nicht die gute Kinderstube oder ein prestigeträchtiger Nachname. Und auch nicht der lückenlose Lebenslauf oder das, was am Monatsende auf dem Konto steht. Nicht die Zeugnisnoten und auch nicht der Applaus der Mehrheitsgesellschaft. Und erst recht nicht die religiösen Leistungen. Das war die große Erkenntnis der Reformation, das spielt heute auch noch eine Rolle, und das möchte ich nicht nur den religiösen Gewalttätern, von denen es in jeder Religion welche gibt, entgegenrufen. Das muss ich mir selbst immer wieder ins Stammbuch schreiben lassen. Zum Beispiel dann, wenn ich im Presbyterium beim Tagesordnungspunkt „Bericht aus den Bezirken“ versucht bin, nur von dem zu erzählen, was bei uns ganz besonders gut läuft. 

Das, was wirklich zählt, worauf sich bauen und womit sich leben lässt, findet nach Paulus überhaupt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt in der Beziehung zwischen Christus und dem oder der Einzelnen. Die Verse am Ende des Predigttextes, in denen es um Zieleinläufe und Siegerkränze geht, werden oft und gern herausgeholt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in Predigten sportliche Metaphern bemühen wollen. Aber es geht nicht um einen Wettlauf zu einem Ziel, sondern um das Verstecken- und Fangenspielen zweier Verliebter, eine Szene, wie man sie zwischen Göttern und Menschen oft auf griechischen Vasen findet. Ein Bild, das zwei Figuren in ständiger Bewegung zeigt, abwechselnd Jäger und Gejagte. Wenn das die Welt verstünde, sähe manches anders aus: Glauben ist kein Wettkampf, sondern ein Tanz. Mitten im immer schneller werdenden Gleichschritt, mitten im Dröhnen der Soldatenstiefel, mitten im Rennen um den ersten Platz tanzen Menschen aus der Reihe, wiegen sich im Takt einer Melodie, die Gott ihnen ins Herz legt und tanzen zu Klängen, die von einer anderen Welt singen. 

Vase im Louvre: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theseus_pursuit_Louvre_G423.jpg


Das, was wirklich zählt, ist das, was mit unserem Leben passiert, wenn Christus uns die Hand auf die Schulter legt, uns in die Augen schaut und sagt: „Komm!“ 

Der zweite Grund, warum ich diesen Predigttext so heilsam in allen Nachrichten dieser Woche finde, ist, wie Paulus sich selbst in diesem Bild beschreibt. In der göttlichen Tanzschule ist selbst Paulus ein Anfänger, der vielleicht ein paar Grundschritte beherrscht, der den Rhythmus schon im Blut spürt, aber der noch nicht die Leichtigkeit besitzt, die zum Tanzen in Vollendung gehört. Paulus ist noch nicht fertig, seine Erkenntnis ist und bleibt Stückwerk. Diese Ehrlichkeit versöhnt, und diese Bescheidenheit wünsche ich mir in diesen Tagen. Auch, weil so eine Einsicht vielleicht die beste Medizin gegen Fundamentalismus jeglicher Art ist. 

Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen – weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. 

Religion und das, was Menschen aus ihr machen, ist in den letzten Jahren wie kaum jemals zuvor in die Schlagzeilen geraten. Vielleicht, weil aufgrund schlimmer Verbrechen in ihrem Namen deutlicher wird, dass Glauben keine Weltanschauung ist, sondern eine Beziehung, die das Leben verändert, und zwar nachhaltig und von Grund auf. Das fürchten wir, weil es Dinge in Frage stellt. Darauf hoffen wir, weil die Welt verloren wäre, wenn wir uns nicht verändern könnten. Natürlich kann man jeden Satz, den Paulus hier schreibt, ein wenig zuspitzen und aus dem Zusammenhang reißen und ihn dann in Bekennervideos der Terroristen wiedererkennen. Aber wenn wir aus diesem Grund über unseren Glauben schweigen, wenn wir öffentliche Plätze aus Angst vor Anschlägen meiden, dann haben die gewonnen, die Religion missbrauchen und Menschen töten. 

Die Fähigkeit, die eigene Vergangenheit, das eigene Leben, die eigene Religiosität kritisch zu betrachten, gehört nach Paulus zu einem erwachsenen Glauben dazu. Anlass dazu gibt unter anderem das Reformationsjubiläum, vor dem es seit gut zehn Jahren kaum ein Entrinnen gibt. Aber wir haben gelernt. Wir haben gelernt, dass das nicht einfach Lutherfestspiele sein können, dass wir auch und gerade bei den Gründervätern und –müttern unserer Konfession genau hingucken, alles prüfen müssen – und das Beste behalten. Luthers Judenschriften gehören zu dem, was die Erinnerung schwierig macht, und dass wir uns immer wieder damit auseinandersetzen, zeigt doch, wie sehr wir in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten dazu gelernt haben. Gott sei Dank. Luthers Hetzschriften gegen Juden sind nicht evangelisch, sie sind falsch und böse und entstammen einer Biografie, in der es viel Licht, aber eben auch viel Schatten gab. Aber so ist das Leben. 

Zu dem Guten, was man von Luther lernen und behalten kann, gehört ein Zitat, das wie ein Kommentar zu unserem Predigttext klingt und das es mir leichter macht, morgens die Zeitung aufzuschlagen und mit dem Wechselspiel von Licht und Schatten in meiner eigenen Welt umzugehen: 

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles. 

Amen. 

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Ein paar Anregungen stammen von Christian A. Eberhart, David E. Fredrickson und Rainer Stuhlmann.


Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Pfarrer,

    mein Name ist Bernd Kammermeier. Ich will Ihnen gerne ihren Götterglauben lassen. Wenn Sie mit ihm verantwortungsbewusst umgehen und niemandem schaden - leider keine Seltenheit in der Geschichte des Christentums - dann haben sie meine volle Sympathie, wenn auch keinen Respekt.

    Was nicht geht, sind Sätze wie dieser: "Luthers Hetzschriften gegen Juden sind nicht evangelisch, sie sind falsch und böse und entstammen einer Biografie, in der es viel Licht, aber eben auch viel Schatten gab." Wissen Sie was: Luther selbst war nicht evangelisch, so wie Jesus nicht christlich und Abraham und Mose nicht jüdisch waren.

    Aber ich erkenne hinter Ihrer Aussage eine typische Absicht: Das Gute wird der Religion zugerechnet, das Schlechte hat damit nichts zu tun. So, wie Islamisten nichts mit dem Islam zu tun haben. Ich bin Mitherausgeber aller judenfeindlichen Schriften Luthers seit 1532 bis Lebensende. "Von den Juden und ihren Lügen" liegt seit Anfang des Jahres vor, der Rest erscheint demnächst. Ich habe mich mit drei Kollegen zweieinhalb Jahre lang durch diese unsäglich grauenhaften Texte gearbeitet. Ich empfehle Ihnen, sich dies auch einmal anzutun. Wir haben extra in heutiges Deutsch übertragen, damit der Charakter Luthers zum Vorschein kommt. Dieser Mann war nicht von christlicher Nächstenliebe beseelt, sondern von einem unbändigen Hass auf alle, die seinen Herrn Jesus nicht anerkannten.

    Die Art der Argumentation ist wegen seiner sola scriptura-Lesart derart erbärmlich und wirkt heute nun noch lächerlich, dass ich mich frage, wie man Luther ernst nehmen kann. Aber er war wie er ist und von mir aus soll er mit katachronistischen Weichspülern reingewaschen werden (was unhistorisch ist), aber eines geht gewiss nicht: Den größten Antisemiten seiner Zeit, der bis ins Dritte Reich wirkte und als geistiger Brandstifter für den Tod von 6 Mio. Unschuldiger mitverantwortlich ist, noch heute mit einem Aufwand, der inzwischen die 220 Mio. Euro-Grenze überschritten hat, zu feiern. Nicht im Land des Holocaust. Ich schäme mich dafür abgrundtief.

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    1. Sehr geehrter Herr Kammermeier,
      wie Sympathie ohne Respekt geht, ist mir schleierhaft, aber das sind wohl in humanistischem Gewand daherkommende Ambivalenzen, die es auszuhalten gilt.
      Luthers Judenschriften sind mir durchaus bekannt. Wenn Luther nicht evangelisch war, dann ist es wohl auch kein Problem, zu sagen, dass seine Judenschriften das auch nicht waren? Aber das ist wohl eine Petitesse.
      Dass ich Religionen an sich und dem Christentum im Speziellen das Schlechte abspreche, sehe ich gerade in dieser Predigt nicht.
      Eine Reinwaschung Luthers kann ich beim besten Willen nicht erkennen, auch und gerade nicht um organisatorischen Umfeld des Reformationsjubiläum (angesichts dessen ich Ihrer generellen Skepsis durchaus ein ganzes Maß an Verständnis aufbringen kann). Die evangelische Kirche macht in dieser Hinsicht ihre Hausaufgaben, auch und gerade im Blick auf die Rezeptionsgeschichte. Selbiges gilt übrigens auch im Blick auf die Shoah, da hat die Kirche ihr Versagen und ihre Mittäterschaft weitaus ausführlicher aufgearbeitet als Karl-Heinz Deschner das konnte und wollte. Und, ja, es bleibt ambivalent. Luther als "Antisemiten" zu bezeichnen, ist auch nicht gerade historisch korrekt, als Label aber durchaus gangbar, nicht zuletzt dadurch, dass Luther in seinem Eifer mehr war als Kind seiner Zeit. Trotzdem erinnern wir auch Max Planck als Physiker, nicht als Frauenfeind oder Antifeministen. Die historische Bedeutung Luthers ist auch in Zeiten von Diskursanalyse und Wissenssoziologie nicht zu bestreiten, darum muss man sich mit ihm auseinander setzen. Aber das geschieht, auch und gerade in den evangelischen Kirchen.

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    2. "wie Sympathie ohne Respekt geht, ist mir schleierhaft..."

      Respekt entsteht durch Rückschau auf die Lebensleistung. Leider verwechseln Gläubige oft religiöse Erziehung mit Lebensleistung. Sympathisch hingegen sind mir alle Menschen.

      "Eine Reinwaschung Luthers kann ich beim besten Willen nicht erkennen, auch und gerade nicht um organisatorischen Umfeld des Reformationsjubiläum (angesichts dessen ich Ihrer generellen Skepsis durchaus ein ganzes Maß an Verständnis aufbringen kann)."

      Das deckt sich mit einem ev. Pfarrer, der bei einem meiner Vorträge meinte, dass man Luther nicht feiern solle.

      "Die evangelische Kirche macht in dieser Hinsicht ihre Hausaufgaben, ..."

      Das sind eher die ev. Landeskirchen. Die EKD hat noch arge Probleme, die Dinge offen auszusprechen. Angefangen beim 1. Ratsvorsitzenden Theophil Wurm und dem einseitigen Stuttgarter Schuldbekenntnis.

      "Selbiges gilt übrigens auch im Blick auf die Shoah, da hat die Kirche ihr Versagen und ihre Mittäterschaft weitaus ausführlicher aufgearbeitet als Karl-Heinz Deschner das konnte und wollte."

      Deschner hätte dies gerne ausführlicher behandelt, aber Krankheit und Tod haben das verhindert. Dass die EKD dies in Fachkreisen erörtert, weiß ich. Doch ihre schöne Lutherdekade will sie sich nicht durch zu viel Öffentlichkeit verderben lassen.

      "Luther als "Antisemiten" zu bezeichnen, ist auch nicht gerade historisch korrekt, als Label aber durchaus gangbar, ..."

      Bis 1945 war Luther sogar einer der größten Antisemiten Deutschlands. Natürlich gibt es das Wort "Antisemitismus" erst seit 1860, aber wer würde argumentieren, die Ermordung der Armenier sei kein Genozid gewesen, weil es diesen Begriff völkerrechtlich erst seit 1948 gibt?

      Wobei es für die Theologie ein Armutszeugnis wäre, wenn man eher hinnähme, dass Luther die Juden hasste, weil er das AT auf das Kommen Jesu Christi hin auslegte, als dass man ihm völkisch-rassistische Gründe unterstellt. Wenn die Bibel zu solchen Wortexzessen Anlass gibt, dann sollten deren Vertreiber einmal darüber nachdenken, was sie da tun.

      "Trotzdem erinnern wir auch Max Planck als Physiker, nicht als Frauenfeind oder Antifeministen."

      Planck hat keine frauenfeindliche Physik entwickelt, doch Luther eine judenfeindliche Theologie. Das ist der Unterschied. Es gibt immer Menschen, die Aversionen entwickeln. Wenn diese ihre öffentlich wahrgenommene Arbeit nicht tangieren, kann uns das egal sein, außer strafrechtliche Faktoren treten dazu. Luther war auf dem Gebiet, für das er heute gefeiert wird, ein Judenfeind - auch ein Muslimenfeind, Frauenfeind, Bauernfeind, Hexenfeind und Feind behinderter Kinder.

      "Die historische Bedeutung Luthers ist [...] nicht zu bestreiten, darum muss man sich mit ihm auseinander setzen."

      Das habe ich getan. Was bleibt, ist eine zweifelhafte Leistung um die deutsche Sprache, eine fehlerhafte Übersetzung der Bibel, die Spaltung der christlichen Kirche in zwei erbittert verfeindete Lager, daraus resultierend der 30-jährige Krieg etc.

      Was in der Tat bleibt - doch dies war keine Absicht -, ist, dass er bewies, dass man nach 1.000 Jahren lähmenden Christentums einen Sachverhalt in mehr als einer Richtung bedenken kann. Er hat neue Argumentationsweisen eröffnet und dadurch indirekt zur Aufklärung beigetragen, die freilich die andere Richtung einschlug: Nicht hin zum Wort Gottes, sondern hin zur Wirklichkeit, die empirisch und ergebnisoffen untersucht wird. Die Folge war die Demontage der Bibel als Quelle der Weisheit und eine zunehmende Öffnung der Gesellschaft hin zur Freiheit des Geistes.

      Heutige Theologen müssen etwas verteidigen, was nicht mehr zu verteidigen ist. Die Zeit des Götterglaubens geht unaufhaltsam vorüber. Die Menschheit wird erwachsen (gerade ist sie mitten in der Pubertät) und begreift - leider nicht flächendeckend - wie machtvoll wir inzwischen sind. Jesus kam noch mit dem Schwert, wir Heutigen müssen endlich Pflüge daraus schmieden...

      Bernd P. Kammermeier

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  2. Lieber Herr Kammermeier,

    ich lese mit einiger Verwunderung Ihre Kommentare unter dieser Predigt, aber ich nehme wahr, daß Ihnen diese Diskussion augenscheinlich ein Herzensanliegen ist.


    Ich verstehe allerdings schon grundsätzlich nicht, was Sie am Genre "Predigt" derart mißverstehen konnten, daß sie auf eine innerevangelisch nun wirklich ausführlich diskutierte Frage nun den anscheinend akademischen Scheinwerfer lenken wollen.

    (Ich gehe also im Folgenden davon aus, daß Sie einfach nicht wissen, was eine „Predigt“ ist, und werfe Ihnen das auch nicht vor, lasse mich vielmehr darauf ein, was Sie trotzdem sagen wollten, weil es Ihnen so wichtig ist.)

    Sie selbst scheinen sehr gebildet, sie wissen sogar um die Etymologie des Wortes "Respekt" - wie schön! Sie scheinen sogar kirchenhistorisch so gebildet, daß Sie die entsprechenden Fachpublikationen zu Luthers ‚Judenschriften‘ zur Kenntnis genommen haben und als wüßten Sie, wovon Sie schreiben. Und doch wundere ich mich und frage Sie: Sind Namen wie Thomas Kaufmann und Dorothea Wendebourg Ihnen ein Begriff - also: begreifen Sie, was diese und Andere geschrieben haben - oder ist das für Ihre Einlassungen eigentlich gar nicht so wichtig?

    Oder wissen Sie eigentlich gar nicht, wovon Sie schreiben?

    Grundsätzlicher: Daß Sie sich für klug halten, geht ja schon aus Ihrem Duktus hervor, und gebildet scheinen Sie allemal zu sein. Allein so richtig auszukennen scheinen Sie sich nicht ...

    Ich bekomme diesen Eindruck jedenfalls dann, wenn ich ernstnehme, worauf Sie sich fokussieren und was Sie schreiben: "Wissen Sie was: Luther selbst war nicht evangelisch". Das finden Sie bestimmt ganz klug, aber jeder candidatus theologiae gähnt bei dieser Erkenntnis nur lediglich noch einmal...
    Aber Sie sind ja auch wissenschaftlich sehr wichtig, immerhin haben Sie eine Neuauflage einer ohnehin im Fachdiskurs breit rezipierten Schrift Luthers noch einmal in geringer Stückzahl "in heutiges Deutsch" übertragen, damit das die Welt doch endlich mal zur Kenntnis nehme!

    Etymologe, der Sie sein wollen, wundere ich mich dennoch darüber, welches Verständnis "dem Guten" (da muß doch mindestens Aristoteles kommen!) und "der Religion" (Cicero? gar Freud, wo nicht Durkheim?) Ihrer Argumentation zugrundeliegt. Jemand, der so schön "katachronistisch" schreiben kann, der wir doch auch wohl "epi-", "para-", "dia-", "meta-", "peri-", "pros-", "syn-", und "hyper-" denken können, hoffe ich.


    Aber dann noch einmal grundsätzlich zurückgefragt zu dieser ganzen Bildungshuberei unter einer Predigt(!) ? -
    Es ist ja ganz nett, daß Sie so generös jedem seinen "Götterglauben" sein ließen, als hätte Sie darum jemand gebeten. Aber dafür, daß Sie so Einiges besser wissen als viele Andere, wäre Ihre aktuelle Erkenntnis fünfhundert Jahre nach Luther vielleicht doch besser dort aufgehoben, wo das auch jemand breitflächiger publizieren wollte (also dort, wo die Klientel sich darum schert ... - wollte die FAZ nicht oder hat sie darüber einfach schon letztes Jahr substanzieller berichtet als Sie?)

    Freundlich,
    kein Kirchenhistoriker.

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    1. Eine sehr nette, höfliche und pseudoschlaue Beleidigung. Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt im Vergleich zu Zeiten, wo man Ketzer wie mich einfach mit "scharfer Barmherzigkeit" (Martin Luther) verbrannt hat. Respekt!

      Nur ein Beispiel für diese Art der subtilen Beleidigung:

      "immerhin haben Sie eine Neuauflage einer ohnehin im Fachdiskurs breit rezipierten Schrift Luthers noch einmal in geringer Stückzahl "in heutiges Deutsch" übertragen, damit das die Welt doch endlich mal zur Kenntnis nehme!"

      Gerade wird die 3. Auflage gedruckt, weil der Verkauf die Erwartungen des Verlages weit übertroffen hat, zwei Folgebände gehen demnächst in Druck und wir planen sogar, alle unappetitlichen Texte Luthers als Gesamtwerk zu publizieren.

      Das ist ja schön und gut, wenn diese Schriften in Fachkreisen bekannt sind. Solange daraus keine Konsequenzen gezogen werden und dem bewusst uninformiert gehaltenen Bürger Geld aus der Tasche gezogen wird, um diesen wirkmächtigen Antisemiten zu feiern, kann ich hier keinen adäquaten Umgang mit dem Thema erkennen.

      Daher die Bücher. Aber 2017 wird es erst richtig lustig. Freuen Sie sich darauf.

      Mit herzlichem Gruß

      Bernd P. Kammermeier

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  3. Sehr geehrter Herr Kammermeier,

    dieses Thema scheint Ihnen sehr am Herzen zu liegen. Dies lese ich aus Ihrer engagiert geführten, doch auch an der ein oder anderen Stelle sehr einseitigen und zynischen Argumentation.
    Ich möchte mich an dieser Stelle auf ein paar Dinge beschränken:
    Die EKD arbeitet auch diese Seite Luthers kritisch auf. Siehe hierzu die Erklärung der EKD-Synode vom 11.11.2015 (https://www.luther2017.de/de/wiki/martin-luther-und-die-juden/ekd-synode-distanziert-sich-von-luthers-judenfeindschaft/, Zugriff: 27.07.2016).
    Sie können versichert sein, dass in der universitären Theologie keine Verherrlichung Luthers stattfindet, sondern ein kritischer Umgang mit Luther selbst und seiner Wirkung durch die Geschichte hindurch. Theologie (nicht gleich zu setzen mit Ihrem Religionsbegriff) ist schließlich eine Wissenschaft (was Sie vermutlich bestreiten würden), die wissenschaftlich und vor allem historisch-kritisch arbeitet.
    Ich kann Ihren skeptischen Blick auf die Feierlichkeiten rund um das Jubiläum der Reformation durchaus nachvollziehen. Ich teile diesen an der ein oder anderen Stelle.
    Soviel erstmal in Kürze.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Ein Student des "Götterglaubens"

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    1. Lieber Student des Götterglaubens,

      "dieses Thema scheint Ihnen sehr am Herzen zu liegen. Dies lese ich aus Ihrer engagiert geführten, doch auch an der ein oder anderen Stelle sehr einseitigen und zynischen Argumentation."

      Wenn Kirchen glauben weiterhin auf Staatskosten ihre Clubtreffen feiern zu dürfen (und religiös strammstehende Politiker dies durchwinken), werde ich mich immer engagieren, wie auch bei der Genitalverstümmelung von Knaben, die mit tatkräftiger Argumentationshilfe der christlichen Kirchen durch den Bundestag legalisiert wurde. Oder bei der Sterbehilfe-Debatte, etc. pp.

      Ja, ich bin hier einseitig auf Seiten der Opfer und reflektiere den Zynismus jeglicher Religion, die aufgrund von Wahnvorstellungen Privilegien einfordert. Dazu sehe ich mich als evolutionärer Humanist und Mensch verpflichtet.

      "Die EKD arbeitet auch diese Seite Luthers kritisch auf."

      Ich weiß das alles, doch wo sind die Konsequenzen? Wolfgang Huber hat 2008 in der Eröffnungsrede der Lutherdekade ganze 35 Buchstaben auf die Judenfeindschaft Luthers verwendet bei 70.000 Buchstaben der gesamten Rede! Nur als Beispiel.

      "Sie können versichert sein, dass in der universitären Theologie keine Verherrlichung Luthers stattfindet, sondern ein kritischer Umgang mit Luther selbst und seiner Wirkung durch die Geschichte hindurch."

      Und warum feiert man dann einen Antisemiten im Land des Holocaust? Weil man sich ein Geschäft verspricht, dessen Risiken der Steuerzahler zwangsweise übernimmt. Toll!

      "Theologie [...] ist schließlich eine Wissenschaft (was Sie vermutlich bestreiten würden), die wissenschaftlich und vor allem historisch-kritisch arbeitet."

      Mit Verlaub: das ist Unsinn. Theologie wird nie ihren "Gott" falsifizieren, weil dann die Prämisse weg wäre. Und eine Wissenschaft, die nicht falsifizieren kann oder will, ist per Definition keine Wissenschaft.

      "Ich kann Ihren skeptischen Blick auf die Feierlichkeiten rund um das Jubiläum der Reformation durchaus nachvollziehen. Ich teile diesen an der ein oder anderen Stelle."

      Und? Was sollen wir nun tun? Wegsehen, weil das so schön deutsch ist? Oder dazulernen und in der eigenen Geschichte aufräumen? Gerade die ev. Kirche hat in ihrer Geschichte viele dunkle Kapitel, die dringend auch öffentlich sichtbar aufgearbeitet werden müssten.

      Aber wenn die Kirche das selbst nicht hinbekommen, springen wir gerne ein. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, aufgeklärt zu werden, weil sie den ganzen Zirkus finanziert.

      Mit herzlichem Gruß

      Bernd P. Kammermeier

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