Samstag, 12. April 2014

Der Hieb mit der Kelle - Wider die Sarrazinierung der kirchlichen Diskurskultur

Ich bin Pfarrer der evangelischen Kirche. Also solcher leide ich, wie wahrscheinlich jede_r Kolleg_in, oft und viel an ihr, an ihren verkrusteten Strukturen, an ihrer selbstfabrizierten Milieuverengung, an der naiven und unredlichen Blauäugigkeit, mit der in übergriffiger Weise denjenigen, die in verheerend großer Zahl in den immer wieder erhobenen Mitgliederbefragungen dokumentieren, dass sie so gut wie keine Bindung an die Kirche haben, unterstellt wird, sie seien irgendwo doch alle gut evangelisch. Am krampfhaften Festhalten an ortsweise überkommenen Strukturen wie dem Parochialsystem und der Dienstwohnungspflicht. An handwerklich schlecht gemachten Gottesdiensten und selbstgenügsamer Beliebigkeit in wohlfeilen Worten zum Sonntag, zur Lage oder zum Morgen. An zeitfressenden Verwaltungsprozessen, die nur wenig Zeit für das Wesentliche lassen und dadurch die Qualität kirchlicher Arbeitsfelder in Mitleidenschaft ziehen. An der kaninchenhaften Schockstarre, mit der sie so oft vor der angeblich unvermeidbaren demografischen Entwicklung steht und sich dann eben damit abfindet, dass unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen stellenweise nur noch im Promillebereich Mitglieder erreichen. An den klandestinen Bedingungen, unter denen die EKD in abgeschiedener Expertenklausur Denkschriften und Arbeitshilfen entstehen lässt und damit alle presbyterial-synodalen Grundsätze über Bord wirft (als Rheinländer bin ich an der Stelle besonders empfindlich) - hat zum Beispiel irgendjemand, der nicht zufällig jemanden kennt, dem die Ehre zu teil wurde, in eine entsprechende Kommission berufen zu werden, schon irgendwas Konkretes zur geplanten Gesangbuchrevision gehört? 

Das alles würde bei Weitem schon für eine Beschäftigung reichen, aber öffentliche Debatten über solche und vergleichbare Fragen zu führen, ist schwer. Zum Einen aus internen Gründen - Systeme haben, wie wir wissen, ein unglaubliches Selbstschutzpotenzial. Was den Diskurs meiner Wahrnehmung nach aber auch erschwert, und zwar in nicht geringem Maße, ist das gerade wieder in Mode kommende Kirchenbashing. Ich meine damit nicht die berechtigte Kritik an den Vorgängen im Bistum Limburg oder am kirchlichen Arbeitsrecht - das kann in einigen Fällen vielleicht sogar ein Beweis für die Existenz einer prophetia extra muros ecclesiae sein, einer Prophetie, die von außen kommt. Ich meine das populistische und pauschalisierende Rummeckern, das sich einer ernsthaften Auseinandersetzung verschließt. Lange Zeit war das eine Spezialität irgendwelcher diffus links stehender Milieus, jede Kabarettnummer konnte mit ein paar Seitenhieben auf die Kirchen und ihre Botschaft einige sichere Lacher abernten. Mittlerweile ist das anders - Michael Herbst hat jüngst zu Bedenken gegeben, dass viele, gerade jüngere Leute, keine schlechten, sondern gar keine Erfahrungen mehr mit Kirche haben. Und bei Kabarettisten der jüngeren Generation wie Marc-Uwe Kling, der in seinen Känguru-Texten ab und an auf kirchliche und theologische Themen kommt, bleibt letztlich nur witzig präsentierte Ahnungslosigkeit. 

Der Triumphzug eines medialen, kulturellen und politischen Populismus, der in den letzten Monaten wieder um scheinbar sichere Errungenschaften der Zivilisation fürchten lässt, macht auch vor der Kirche nicht halt. Das Klima ist günstig für reaktionäre Stammtischparolen, die sich der gerechtfertigten gesellschaftlichen Ächtung entziehen können, wenn sie sich unter den nur scheinbar demokratisch anmutenden Titel "Man wird doch noch mal sagen dürfen..." stellen. Konservativen Marktschreiern wie Martin Lohmann (ein Blick in das Programm des von ihm verantworteten katholisch-vagabundierenden Nischensenders K-TV müsste ausreichen, ihn als repräsentativen Christenvertreter zu diskreditieren), Hartmut Steeb oder dem schwäbischen Volksschullehrer Gabriel Stängele, Urheber der Petition gegen den Bildungsplan in BaWü (ein Blick in die Redaktionsgeschichte der Petition offenbart nicht nur orthografisch-stilistische Schwächen und argumentative Schlichtheit, sondern auch eine frappante sprachliche Nähe zu rechtspopulistisch agierenden Splitterparteien) wird in öffentlich-rechtlichen Talkshows eine Bühne geboten, auf der sie, meist als alleinige Kirchenvertreter, ihre Vorstellung vom Christsein unwidersprochen zelebrieren können. 

Seit einigen Tagen wird in den sozialen Medien ein Artikel aus der Illustrierten FOCUS geteilt, mit Stirnrunzeln bedacht, aber auch frenetisch beklatscht. Unter dem markigen Titel Vom guten Geist verlassen. Warum diesen Kokolores der Evangelischen Kirche kein Gläubiger braucht lässt sich Klaus Kelle (ja, es ist der Ehemann jener Birgit, die von Matthias Mattussek jüngst als Kuh bezeichnet wurde) über von ihm konstatierten Missstände in deutschen Amtskirchen aus. 

Ich muss sagen: Beim ersten Lesen der Titelschlagzeile bin ich zusammen gezuckt, teils aus einem Gefühl schuldbewussten Ertappt-Werdens, teils aus einer diebischen Vorfreude - wie gesagt, auch ich leide, wie wahrscheinlich alle meiner Kolleg_innen, immer wieder an meiner eigenen Kirche. Und mir fallen spontan so einige Dinge ein, die ich selbst fabriziert habe und die man im Rückblick sicherlich mit Fug und Recht als Kokolores bezeichnen könnte. Doch was dann folgt, ist keine ernst gemeinte Analyse und auch keine launige Satire, sondern schlichtweg ein krudes Sammelsurium von Pauschalvorwürfen, ein wildes Assoziieren von miteinander in keinem Kausalzusammenhang stehenden Phänomenen - und über weite Strecken ein Beispiel für unredliche Argumentationstechniken. Aber der Reihe nach:

Nach einem Einstieg über Martin Luther (man muss sich ja Gewährsmänner holen), schießt Kelle gegen die Aktion Eine Tür ist genug. Ich musste selber erst ein bisschen rumgooglen, um zu verstehen, worum es geht. Offensichtlich hat das etwas mit der vor einigen Monaten durch die Medien gehenden Diskussion um die genderneutrale Beschilderung von Klotüren zu tun - ich muss gestehen, dass ich das damals als Adiaphoron abgetan habe und "Eine Tür" jetzt vor allem als Sammlung schöner, weil unterschiedlicher Liebesgeschichten kenne - der Konnex war mir nicht bewusst und ist mir auch jetzt noch nicht klar. Aber das zu erklären, liegt auch nicht im Interesse des Autors, denn der poltert munter weiter, das Schlagwort "Gender" ist sein Stichwortgeber: Er habe es "erst für einen Aprilscherz gehalten, aber es ist leider wahr": Die EKD hat ihr Studienzentrum für Genderfragen eröffnet - mit einem Vier-Gänge-Menü! Ich habe zunächst nicht verstanden, was daran so skandalös ist, bis mir eingefallen ist, dass in dem Milieu, dem sich Kelle hier in Herz und Hose schreibt, "Gender" ein Reizwort ist, das pars pro toto für alles steht, was die  eigene Weltsicht in Frage stellen könnte und damit per se von Übel ist. 
Kelle zetert noch ein bisschen über den jüngst eröffneten LesbenFriedhof in Berlin. Dieser hat erst einmal nichts mit der EKD zu tun - was Kelle hier betreibt, nennt man in der Rhetorik Brunnenvergiftung, oder, etwas feiner gesagt, guilt by association: Er schmeißt seiner Leserschaft Stichworte hin, von denen er weiß, dass sie sie doof finden und sorgt dafür, dass sich ihre negative Meinung dadurch ohne sachlichen Grund potenziert. 

Das kann er übrigens gut: "Aber ich frage mich, was ihre Repräsentanten umtreibt, sich in diesen Tagen vor dem Osterfest mit Feminismus und Klotüren zu beschäftigen", lamentiert Kelle weiter - auch diese Taktik ist so perfide wie sie unappetitlich ist: Denn damit unterstellt er kirchlicherseits ein Desinteresse an, wie er ja gar nicht so falsch schreibt, "dem Fest der Auferstehung Christi, das viele tiefgläubige Christen - ebenso wie die katholischen - würdevoll feiern werden." Interessant übrigens, dass "tiefgläubig" offensichtlich ein Gegenbegriff zu "katholisch" ist - aber lassen wir die Haarspaltereien. Jedenfalls suggeriert Kelle, die "Repräsentanten" der evangelischen Kirche, dazu gehören dann wohl auch wir Pfarrer_innen, würden sich nicht um Ostern, sondern um sozialpolitische Orchideenthemen kümmern. Traurig, dass man erwähnen muss, dass landauf, landab die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, anderes dafür mit Recht liegen bleibt - aber traurig ist ja so einiges. Jedenfalls wird es dann noch theologisch, und Kelle verketzert Gendertheorien in Gänze als "Irrlehre", die dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht widersprechen. Nach diesem Anathema endet die erste Seite des Artikels mit dem Link zu einer weiteren FOCUS-Meldung: "Großer Fortschritt: England und Wales erlauben Homo-Ehe". Guck an.

Auf der zweiten Seite geht es unter der Zwischenüberschrift "Wasserköpfe und Klotüren: So vergrault man junge Menschen" wieder mit Luther weiter, von dem wir, wie Kelle richtig bemerkt, nie erfahren werden, was er zur EKD heute sagen würde. Es folgen einige Auslassungen zur kirchlichen Landschaft, die an sich gar nicht so falsch sind - er wehrt sich dagegen, den (unleugbar niedrigen) Gottesdienstbesuch allzu schlecht zu reden, verweist auf die aufgeblähte Verwaltung hier und spirituelle Aufbrüche dort. Aber dann geht es wieder los: "Zeitgeistiges Mainstream-Gedöns" brauche, so poltert Kelle, kein Mensch - genau dieses Stichwort ist mit einem Link unterlegt, der zur "FightChurch", einer krawallevangelikalen Initiative aus den USA führt, bei der sich Pastoren um der Männlichkeit des Glaubens Willen prügeln. Das ist in der Tat Gedöns - aber man fragt sich, was ein solcher Hinweis in einem Text über die EKD zu suchen hat, zumal Kelle damit etwas anprangert, was auch und gerade aus gendertheoretischer Perspektive problematisch ist: Die unkritische Rezeption und Perpetualisierung überkommener Männlichkeitsideale. Warum "die Amtskirchen sich mit so viel Kokolores beschäftigen", will Kelle wissen - auch hier findet sich wieder ein Link, der zu einem Bericht über den "amerikanischen Tebartz-van Elst" führt, Erzbischof Wilton Gregory von Atlanta (USA) - was der wiederum mit der EKD zu tun hat, wird nur mit Blick auf die von Kelle nun mehrfach demonstrierte rhetorische Taktik klar: Wenn zu befürchten ist, dass die aufgezählten "Argumente" nicht ausreichen, um die Pumpe des spladderjournalismusverwöhnten Lesers ans Rasen zu bringen, sucht man also wild in der Weltgeschichte rum und verknüpft wahllos Beispiele für die seltsamen Blüten, die das religiöse Leben unleugbar treiben kann, zu einer kakophon-larmoyanten Motette über den allgemeinen Niedergang. Am Ende könnte Kelle sogar fast wieder meine Zustimmung finden - er berichtet abschließend von einer Begegnung mit einem ranghohen Katholiken (der wiederum wenig mit der EKD zu tun hat) und dessen Unverständnis auf seine Nachfrage, wie die kirchliche Strategie aussähe, mit der dem erwarteten Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen entgegengesteuert werden solle. Wie gesagt: Könnte meine Zustimmung finden - aber da ist das Kind im Brunnen schon lange ersoffen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich solchem Spökes einmal so viel Platz in den Kirchengeschichten einräumen würde, war immer geneigt, dem Volksmund zu glauben, der davor warnt, sich mit Hunden schlafen zu legen und mit Flöhen wieder aufzuwachen. Aber mich hat ein sehr lesenswerter Artikel von Antje Schrupp eines Besseren belehrt, sie schreibt dort:
"Das Problem ist nicht, dass solche Ansichten vertreten werden, sondern dass sie von den Fundamentalisten eben gerade nicht vertreten werden, weil sie nämlich Andersdenkenden von vornherein die Ernsthaftigkeit absprechen, zum Beispiel, indem sie ihnen Ideologie, Zeitgeistigkeit und so weiter vorwerfen. Ihr Anliegen ist nicht die Auseinandersetzung, sondern sie hoffen auf das Prinzip “Wer am lautesten schreit, hat recht” – und kommen damit leider eben allzu oft durch.

Wie im Internet so ist auch in der Kirche der Ratschlag “Don’t feed the Trolls” falsch, denn Trolle geben sich immer gut an den Zeitgeist angepasst, sodass sie auf den ersten Blick harmlos und sogar plausibel aussehen. Natürlich sind alle Christen dagegen, die Botschaft des Evangeliums zu verwässern. Und natürlich sind wir alle dagegen, Männer zu diskriminieren. Es ist daher notwendig, sich öffentlich von solchen Positionen zu distanzieren und den quasi unbeteiligten und wenig im Thema versierten Zuschauer_innen zu erläutern, warum diese Unterstellungen (Nicht-Fundis wären nicht fromm oder Feministinnen wollten Männer unterdrücken) erstens falsch sind und zweitens unverschämt."
Es kann und darf nicht sein, dass wichtige Debatten über notwendige Veränderungen in der Kirche ersticken, weil krawallreaktionäre Schreihälse bestimmte Themen kapern, Begriffe besetzen und Brunnen vergiften. Es kann und darf nicht sein, dass die zunehmende Sarrazinierung öffentlicher Kirchen- und Religionsdiskurse fraglos hingenommen wird. Deswegen nochmal: Ite, missa est!

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