Samstag, 5. September 2015

Pastorale Kuppelei oder missionarische Chance? Tro, hopp och kärlek (svt)

Tro, hopp och kärlek. Das ist der Name einer neuen Doku-Soap im schwedischen (Staats-)Fernsehen. Glaube, Hoffnung, Liebe, eins der bekanntesten Bibelzitate überhaupt. Und offensichtlich mit Bedacht ausgewählt, denn: Es geht um Dating mehr oder weniger im Stil von „Bauer sucht Frau“ (das auch in Schweden mit großem Erfolg gelaufen ist), aber das allein macht es ja nicht interessant genug, um hier erwähnt zu werden. Nein, es geht um Pfarrerinnen und Pfarrer (bzw. einen freikirchlichen Pastor), die einen Partner/eine Partnerin suchen. 

https://instagram.com/josefemanuel/


Das Thema ist in Schweden wahrscheinlich ein bisschen weniger kontrovers als es in Deutschland wäre: In Deutschland prägt (trotz der heldenhaften Einsätze von Simon Böer, Lee Rychter, Robert Atzorn, Christine Neubauer und Veronica Ferres und allen anderen) der zölibatäre katholische Priester das mediale Pfarrbild entscheidend mit, in Schweden ist der aber eine absolute Ausnahmeerscheinung. Vor etwa zehn Jahren gab es schonmal einen Werbespot, der zwei Kolleg_innen beim Flirten zeigte – ganz fremd ist die Idee dem schwedischen Fernsehen also nicht. 

Anfang des Jahres ging eine Mail an diverse Pfarrer_innen raus, Jacob Sunnliden war so nett, sie öffentlich zu machen:
"Im Frühjahr 2015 plant SVT [...] ein neues Format zu produzieren. Ein Format, bei dem es um Glaube, Liebe und Hoffnung gehen soll... Die Sendung soll vier alleinstehenden Pfarrer_innen folgen, die für ihren Job brennen und die einen Lebenspartner finden möchten. Der Gedanke ist auch, dass wir ein moderneres Bild von der Pfarrschaft und davon, was die Kirche heutzutage macht, zeigen wollen. Jetzt suche ich diese Pfarrer. Bist du es? Oder kennst du jemanden, der deiner Meinung nach dazu passt? Das Format soll einen seriösen Ton haben und mehr in Richtung Dokumentation gehen. Ich erzähle sehr gerne mehr und biete ein Gespräch dazu an. Aber ich möchte noch einmal betonen, dass wir eine seriöse Sendung produzieren wollen, die weit entfernt ist von einer albernen Doku-Soap. Keiner der Pfarrer, die mitwirken, sollen sich auf irgendeine Weise Sorgen um ethische oder moralische Problemstellungen machen. Und ich lege persönlich Wert darauf, dass die 'richtigen' Pfarrer_innen hier die Kirche repräsentieren sollen."
Die bindungswilligen Pfarrerinnen und Pfarrer konnten sich auf eine Initiative von SVT hin bewerben und sich dann Ende März mit einem kurzen Video den potenziellen Kandidat_innen vorstellen. 

MIT VIERUNDVIERZIG JAHREN, DA FÄNGT DAS LEBEN AN...

klippen kommer samtliga från svt.se

Der erste, der sein Glück versuchen darf, ist David Castor, ein computerinteressierter, bloggender Pfarrer aus Småland, der theologisch eher konservativ ist und nach eigener Aussage im Laufe seines 44jährigen Lebens noch keine Beziehung hatte. In einem Interview mit Kvällsposten erklärt er: 
„Ich habe keine Ahnung, warum ich ausgewählt wurde. Vielleicht haben sie [die Redaktion] mich bei Facebook gesehen, wo mein Status ‚Single‘ ist. [...] Sie haben damit gelockt, dass das Programm seriös sei und dass es um den Glauben, die Kirche und die Rolle des Pfarrers gehen sollte. Das fühlte sich gut an. [...] Aber diese Datingperspektive schien mir schon eher fremd und etwas, das halt dazugehörte. Aber jetzt finde ich das spannend – wenn auch ein bisschen surrealistisch. [...] Dass ich [...] noch niemanden kennengelernt habe, kann ich eigentlich nicht erkären. [...] Zum Teil hat das damit zu tun, dass ich etwas schüchtern bin, zum Titel hängt das damit zusammen, dass ich arbeite, wenn alle anderen frei haben. [...] Es wäre komisch, wenn ich in meinem Beruf [jemanden kennenlernen würde]. Die Rolle des Pfarrers ist, alle zu sehen. Und als solcher habe ich immer eine leitende Funktion.“ 
Die pastoraltheologischen Fragen, die mit der Sendung zusammenhängen, sind ohne Zweifel interessant. Mindestens genauso interessant ist aber auch die Frage: Wer meldet sich auf eine solche Kontaktanzeige hin? 

Für David hat SVT acht Frauen ausgewählt. Alle mittleren Alters, zum Teil schon mit Kindern aus einer früheren Ehe, eine ist Köchin, eine Schriftstellerin, eine andere Lehrerin. Die meisten tragen irgendwo ein Kreuz oder andere christliche Symbole, dem Dialekt nach zu urteilen kommt auch mindestens die Hälfte aus einer der Gegenden, die eher volksfromm sind: Die Westküste, Småland und andere Orte, die besonders empfänglich für die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts waren. In kurzen Videostatements geben sie als Gründe für ihre Bewerbung das Übliche an: Er wirkt nett, hat schöne Augen, gefällt ihnen, scheint Humor zu haben und dergleichen. 

David trifft alle acht Kandidatinnen hintereinander, probiert es also mit Speed-Dating. Weil er sich selbst für schüchtern hält, wünscht er sich ein Gegenüber, das etwas forscher ist. Mit der ersten Kandidatin hat er dabei kein Glück, denn die sagt nur: „Hallo“ und „nervös“, und spricht dann einfach nicht mehr, lässt sich auch von Davids aktivem Zuhören nicht zu weiteren Äußerungen bewegen. „Blackout“, sagt sie später. Die zweite Kandidatin ist ungleich gesprächiger, auf seine recht schnelle Frage, wie sie es wohl mit dem Glauben halte, sagt sie: „Ich bin damit aufgewachsen, dass Gott existiert... wenn ich zum Beispiel ein Glas umschmeiße und es im letzten Moment noch auffange, sage ich: ‚Danke, Gott!‘“, und dann sagt sie den sehr schönen, aber auch irgendwie traurigen Satz: „Ich habe nie daran gezweifelt, dass Gott existiert, aber er hat wohl das eine oder andere Mal an mir gezweifelt.“ „Das glaube ich nicht“, ruft David, und freut sich auf ein zweites Date. Sie auch. Die dritte im Bunde hat gleich zwei Kreuze umhängen, eins davon in mindestens Bischofsgröße, und fängt schon an zu reden, bevor sie sitzt: Es sei wichtig, über Jesus zu reden, außerdem sei er, also David, ja so nett. Dann sagt sie etwas streng: „Ich hoffe, dass Dir das mit dem Glauben auch wichtig ist!“ Schließlich sei es nicht, ü-ber-haupt nicht einfach, im heidnischen Schweden als „christliches Mädchen“ jemanden zu finden. Dann will sie noch wissen, was für ihn sonst noch „gutes Material für eine Ehefrau“ ausmache. David rutscht auf seiner Bank hin und her. Er findet das schwer zu sagen, man müsse ja gut miteinander auskommen. Mit mir kommt man gut aus, erklärt sie. David sieht nach dem Gespräch etwas gestresst aus, aber dann kommt auch schon Köchin Gina. Fünf Kinder, seit ihrem 29. Lebensjahr Christin – und mit einem Pastor verheiratet gewesen, der, wie sie freudestrahlend erklärt, David von Aussehen und Wesen her zum Verwechseln ähnlich gewesen sei. Die nächste Kandidatin kennt er schon virtuell, denn sie waren beide Mitglied im selben Forum, der anonymen Sprachpolizei („Du bist ein unglaublicher Nerd“, hatte schon der Moderator treffend bemerkt). Eine weitere Kandidatin tanzt in der Kirche Bauchtanz und geht in die Bibliodramagruppe einer Studentenpfarrerin, bei der sie Frauenfiguren aus dem Alten Testament gestaltet – „das ist ja mal was... äh... anderes“, sagt David und sieht alles andere als begeistert aus. 

ZWISCHEN BIBEL UND BOWLING




Josef Emanuel Barkenblom ist 31 Jahre und damit der Jüngste im Bunde, Jugendpastor der Pfingstkirche Södertörnskyrkan in Huddinge bei Stockholm. Auch er ist äußerst medienaffin, bloggt, twittert und ist bei Instagram. Auf seinem Blog erklärt er, warum er sich nach einiger Bedenkzeit zum Mitmachen entschlossen hat: 
„Ich habe mich entscheiden mitzumachen, weil das wahrscheinlich irgendjemandem helfen kann. Vielleicht hilft das jemandem zu einem positiven Bild von Gott, Christen, der Kirche und dem Bild von Pastoren! Und wie wir auf Beziehungen sehen. Ich dachte, ich bekomme eine Chance, mit meinem Leben zu ‚predigen‘. Nicht nur sonntags, sondern auch montags. Ich habe mich entschieden mitzumachen, weil wir alle mit Beziehungen zu tun haben und weil ich glaube, dass gesunde Vorbilder notwendig sind und ich ein solches sein will. Ich bin nicht perfekt. Ich habe eine Menge Fehler gemacht. Aber ich glaube an das Leben, das ich lebe und glaube, dass es das aushält, auf die Probe gestellt und im Fernsehen gezeigt zu werden. Beziehungen, Liebe und Sex sind Gottes Ideen, deswegen sollten wir, die wie Leiter sind und für Gott sprechen, auf jeden Fall zeigen können, wie das gehen soll. Darum zeige ich öffentliche Dates. Ich glaube nicht, dass das für mich einfacher wird, aber ich will dem Ganzen auf jeden Fall eine Chance geben. Vielleicht kann ich the love of my life finden!! =)“ 
In die engere Auswahl von Josef, der in seinem Bewerbungsvideo deutlich gemacht hat, dass er eine Heiratskandidatin sucht und Sex nur in der Ehe für ihn in Frage kommt, kommen fünf Frauen ungefähr in seinem Alter, darunter drei Studentinnen, eine Innenarchitektin und eine Kollegin, ebenfalls aus der Freikirche. Sie geben andere Gründe für ihr Mitmachen an: Sie suchen die Herausforderung, wollen ihren Glauben mit jemandem teilen, nicht mehr allein sein. Bevor sie zum Date fahren, beten sie daher gemeinsam für einen gelungenen Tag.

Um den Glauben geht es auch bei seinem ersten Date mit Johanna (der Innenarchitektin), bei dem sie sich zum Bowlen treffen. 

"NICHT OHNE MEINE CHEFIN"


Åsa Meurling ist 52 Jahre alt und Pfarrerin auf einigen Inseln vor Stockholm. Über ihre Motivation zum Mitwirken bei Tro, hopp och kärlek erklärt sie im Interview mit der Lokalzeitung „mitt i“
„Zuerst dachte ich, das sei ein Scherz, aber dann hat das Fernsehen mich angerufen, und da habe ich angefangen zu überlegen. Es ist nicht so einfach, hier draußen jemanden kennenzulernen. Ich treffe viele Menschen in meiner Gemeinde, aber ansonsten bewege ich mich nicht in Kontexten, in denen ich jemanden kennenlernen könnte. Und es ist ja nicht gerade so, dass der Richtige im Lebensmittelgeschäft von Djurö auf mich wartet. [...] Ich war ein bisschen unsicher, ob ich als Pfarrerin wirklich die Liebe im Fernsehen suchen kann, aber dann habe ich mit mehreren aus der Gemeinde gesprochen, und alle fanden das eine tolle Idee – Alte wie Junge! Aber vor allem finde ich es gut, ein realistisches Bild vom Beruf zeigen zu können. Viele haben vielleicht so eine Vorstellung, dass Pfarrer_innen sich für etwas Besseres halten und dass wir todernst sind, aber wir sind ja auch nur Menschen. [...] Der, den ich suche, muss sich nicht ‚Christ‘ nennen, aber sollte schon offen für die spirituelle Welt sein. Er sollte mein Alter haben, Wärme ausstrahlen, Nähe mögen und Humor haben.“ 
In Åsas engere Auswahl kommen fünf Männer, zu denen ihre Kollegin bei der gemeinsamen Durchsicht der Bewerbungsschreiben bemerkt: „Die wirken alle schon extrem seriös. Keiner scheint ja den geringsten Zweifel zu haben, dass er dich heiraten will...“ 

Screenshot från http://www.svtplay.se/video/3372423/tro-hopp-och-karlek/tro-hopp-och-karlek-sasong-1-avsnitt-1?tab=klipp

Zu ihrem ersten Date nimmt sie auch gleich Kollegin Yvonne, die auch ihre Chefin ist, mit. Das Gespann trifft auf alle Bewerber gleichzeitig, man verabredet sich am lauschigen See. Ein ehemaliger Berufssoldat hofft, dass sie keine Vegetarierin ist und dass sie nicht abends in der Küche Oblaten backt und Abendmahlswein braut. Ein pensionierter Manager möchte vor allem irgendeine Partnerin haben, und eine Pfarrerin könnte ja ein bisschen mehr Ordnung ins Leben bringen. Die Chefin übernimmt im Folgenden bei Sekt und Fingerfood die Gesprächsleitung, und man fragt sich bei den kurzen Ausschnitten, wer da eigentlich verkuppelt werden soll. In der nächsten Folge, das verrät die Vorschau am Ende, wird Åsa weinen. Und das fühlt sich nicht gut an. 

FUNKTIONSPFARRER FLIRTEN LEICHTER?


(c) blogg.svenskakyrkan.se
Kristin Molander ist 45, geschieden und arbeitet nicht als Gemeindepfarrerin, sondern im Kirchenamt, wo sie für den Kontakt zum ÖRK und zum LWB zuständig ist. Sie glaubt nicht, dass es ihr schwerer als anderen Leuten falle, jemanden kennen zu lernen, führt das aber auch darauf zurück, dass sie keine Gemeindepfarrerin ist: 
„Wenn man zum Beispiel als Gemeindepfarrerin in einer Kleinstadt arbeitet, gehört man ja ein bisschen zur Lokalprominenz, und dann trauen sich nicht alle Männer, die Initiative zu ergreifen und die Dorfpfarrerin anzubaggern. Mein Eindruck ist, dass sich eher Frauen auf so eine Art Beziehungsdrama einlassen. [...] Das allgemeine Bild von der Kirche und von Pfarrern ist relativ oberflächlich. Ich frage mich, wo diese Vorstellungen herkommen, und ich glaube: Der moralische Lebenswandel von Pfarrerinnen und Pfarrern, was man darf und nicht darf. Es gibt eine Erwartungshaltung von außen, dass man moralisch überlegen sein soll. Zusammenfassend kann man sagen, dass es viele Vorurteile gibt, starke und sehr vereinfachende.“ Im Interview mit unt.se scheint sie mit einiger Skepsis auf die Sendung zurückzublicken: Sie beschreibt die zwei Wochen, in denen sie aufgezeichnet wurde, als „eine Herausforderung und ein bisschen durchgedreht [...]. Ich hatte ja zwei Wochen Urlaub, Alltagsdinge wie Einkaufen und das Bringen und Abholen meiner Kinder spielten keine Rolle – die Welt draußen wurde ausgesperrt. Alles wurde zu einem künstlichen Spiel, in dem sich alles darum drehte, Männer kennen zu lernen [...]. Das Liebesleben ist kompliziert geworden, würde ich sagen...“ 
In dem etwas kritischeren Interview mit Kristin (mit der es offenbar Spannendes im Laufe der Sendung zu erleben gibt) erfährt man auch ein bisschen mehr über den Ablauf: Insgesamt um die 250 Pfarrerinnen und Pfarrer wurden gecastet, die Kandidat_innen, die den in der Sendung Mitwirkenden vorgeschlagen wurden, wurden außerdem, im Gegensatz zu den Aussagen des Moderators Mark Levengood, von der Produktionsfirma, nicht von ihnen selbst ausgewählt. 

In einem anderen Interview mit der schwedischen Kirchenzeitung Kyrkans tidning gibt auch Kristin eher berufliche Gründe für ihre Teilnahme an:
"Ich tue das hier für die Kirche und für mich, in der Reihenfolge. Das hier ist ein neuer Kontext für die Kirche, und kann ich dazu beitragen, indem ich christliches Verhalten zeige, dann will ich das machen. [...] Das Primäre ist für mich nicht, jemanden kennen zu lernen. [...] Wenn KG Hammar [der vorletzte schwedische Erzbischof] nur nieste, sind Leute aus der Kirche ausgetreten, und manche sind eingetreten. [...] Als Pfarrerin ist es schwer, alles ganz richtig zu machen, das ist meine Erfahrung. Ich bin im Reinen mit mir und meinem Glauben und meiner Berufung, so gehe ich damit um."
Kristins Kontaktanzeige hat anscheinend, wie schon bei David, am Ehesten diejenigen Kandidaten angesprochen, die man vielleicht als Erstes mit dem Format „Castingshow“ verbindet. Nizze, 48, ist angezogen wie ein Bestatter, nennt sich aber „Universalkünstler“, und hat sich nicht nur zu einem streichergeschwängerten „Liebeslied an Kristin“ hinreißen lassen, das er mit großem Ernst und annähernder Taktsicherheit vorträgt, sondern auch zu einem Armband, das er in der heimischen Schmiede zusammenhämmert. Tomas, der schon als Krankenpfleger, Soldat und Schauspieler gearbeitet hat, stellt fest: „Bei der Liebe ist es wichtig, dass das beidseitig ist. Sonst ist es ja sogar illegal.“ Rickard leert vor dem ersten Date, bei dem Kristin alle fünf auf einmal zum Grillen bei sich zuhause einlädt, eine halbe Flasche Parfüm über sich aus, steckt sich das türkise T-Shirt in die hochgezogene Jeans und freut sich, dass sie ihn von seinem Foto wiedererkennt. Nur in einer Bewerbung spielt das Thema Religion eine Rolle, bei allen anderen sind es auch eher die üblichen Gründe, insofern: Kein großer Unterschied zu anderen Kuppelshows, was vielleicht auch an Kristins Arbeit liegt. 

Am Ende strahlt Mark Levengood in die Kamera: „Glaube ist da, Hoffnung ist da – aber kommt auch die Liebe dazu? Jetzt beginnt das ernsthafte Dating, und wir werden merken: Es ist nicht einfach, den richtigen Partner fürs Leben zu finden. Sogar dann, wenn man Pfarrer_in ist.“

REAKTIONEN IN SCHWEDEN


Gerade zu Beginn der Vorarbeiten hat das Format natürlich für Reaktionen gesorgt. Jacob Sunnliden, ein bloggender Kollege, schrieb bereits im Januar, als die ersten Anfragen rausgingen: 

"Ich bin zwiegespalten bei dieser Idee. [...] [Die Produktionsfirma] will ein moderneres Bild der Pfarrerschaft zeigen. Moderner als welches, ist da die natürliche Frage? Aber dann wiederum ist das eine seriöse Serie, die außerdem bilden soll. Die Dokusoaps von SVT sollen darüber Auskunft geben, was die Kirche ist? Nja, ich bin skeptisch. [...] Nein, die Idee kann gut und vielleicht durchführbar sein. Aber ich mache mir keinerlei Sorgen, ob die Sendung überhaupt durchgeführt werden kann oder ob die Produktionsfirma Kandidaten finden könnte. Nein, so gut kenne ich meine Kirche..."

Die Reaktionen auf die Ausstrahlung der ersten Folge sind unterschiedlich. Auf dem Blogg der "Parteipolitisch Ungebundenen in der Schwedischen Kirche" (POSK), einer Partei im Kirchenparlament, schreibt ein_e Rezensent_in:
"Das Format hat viel Kritik bekommen, bevor es anfing. Sollen Pfarrer_innen wirklich bei einem Dating-Programm mitmachen? Jetzt habe ich die erste Folge gesehen. Ich finde, dass es gar nicht so schlimm ist. Es geht um Menschen, die die Liebe suchen und die durch ihren Beruf und ihr Leben Schwierigkeiten haben, jemanden zu finden. Und sie sind auch unerhört deutlich mit ihrem Glauben und dass dieser etwas für ihr Leben bedeutet. [...] Man könnte ja sagen: 'God moves in mysterious ways.'"
Im Editorial von Göteborgs-Posten wird Tro, hopp och kärlek als eins der Beispiele dafür angeführt, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Schweden seinem Auftrag und seinen eigenen Ambitionen nicht gerecht wird. 

TV-Bloggen schreibt ganz begeistert von der ersten Folge: 
"In der Ankündigung von SVT heißt es u. a., dass die Serie ein Bild davon geben will, worum es heutzutage im Pfarrberuf geht. Nach der Pilotfolge, die im Frühjahr gesendet wurde, und der Episode von heute Abend entsteht der Eindruck, dass der Fokus doch auf der Paarbildung und der Paarbeziehung liegt, und da unterscheiden sich Pfarrer_innen nicht so sehr von so genannten normalen Menschen, auch wenn sie erwartungsgemäß eine gewisse Menschenkenntnis und Lebensweisheit besitzen. Gut so, die Programmidee "Pfarrer sucht Lebenspartner" ist hochgradig interessant, und die Kostprobe von den Personen, die die Pfarrer_innen daten wollen, macht es nicht weniger interessant. Man glaubt ja, dass man als Zuschauer ziemlich schnell erkennt, zwischen wem es letztendlich funken wird. Man guckt allerdings nicht nur um zu sehen, ob man recht hat, sondern auch, weil das hier eine gut gemachte und engagierende Produktion zu sein scheint."

Offizielle Stellungnahmen der Kirche gibt es, soweit ich weiß, nicht.

EINFÄLTIGES BEDENKEN...


Eine Sendung wie diese weckt gleich eine ganze Reihe pastoraltheologischer Fragen, vielleicht sogar Zweifel berufsethischer Art. Mir fällt auf, dass drei von den vieren letztlich volksmissionarische Motive anführen, die sie zu ihrer Teilnahme bewegen: Sie wollen zeigen, dass Pfarrer_innen eben nicht 'anders' sind, sondern Menschen wie Du und Ich, die Kirche und ihre Vertreter_innen sollen als volks- und lebensnah gezeigt werden, sie wollen christliche Werte vermitteln. Diese Begründung liest man immer wieder, bzw. meistens dann, wenn Pfarrer_innen in Kontexten auftauchen, die ungewohnt scheinen. Nicht immer kann man sich dabei von dem Eindruck freimachen, dass hier ein eigentlich privates Interesse im Vordergrund steht, das pastoraltheologisch legitimiert wird. Gleichzeitig nehmen die Kandidat_innen damit die Argumentation des Fernsehsenders auf, der bei der Ankündigung der ersten Staffel verlauten lässt: "Mit Tro, hopp och kärlek wollen wir einen Einblick in einen Beruf geben, der von Vorurteilen umgeben ist, und zeigen, dass Pfarrer_innen und Pastoren auch eine Sehnsucht nach Liebe und Ehe haben, genau wie die meisten von uns."

Aus Sicht gängiger pastoraltheologischer Modelle würde man dem wahrscheinlich widersprechen müssen. "Der Pfarrer ist anders", schrieb schon Josuttis vor etlichen Jahren, und auch Isolde Karle, die in ihrem professionstheoretischen Ansatz sehr viel argumentative Mühe aufwendet, um aufzuzeigen, dass Pfarrer_innen ein bisschen Distanz zum gemeinen Volk ganz gut tut, hätte wohl etwas dagegen. Man wird auch fragen können, ob die medial inszenierte Vermischung von Privatperson und öffentlicher Rolle wirklich für die Einzelnen so gesund ist - aber das müssen die Kolleg_innen wohl selbst in der Supervision klären. 

Natürlich hat SVT es geschafft und mich bei meiner Neigung zur Fernsehsucht gepackt - die nächste Folge steht rot im Kalender. Und, ja, das Programm ist gut gemacht, die Kandidat_innen und vor allem ihre potenziellen Partner_innen, von denen einige Material bieten, von dem man im Schneideraum von RTL nur träumen kann, werden fast liebevoll dargestellt. Trotzdem komme ich aus dem Stirnrunzeln nicht mehr raus. Die Schüchternheit von drei der vier Kolleg_innen fordert Sympathie im wortwörtlichen Sinne heraus, aber wenn in der Vorschau schon Tränen zu sehen sind, fragt man sich doch, ob es letzten Endes nicht doch darum geht, im Dienst der Quote Emotionen zu generieren oder zumindest zu triggern und dann auszuschlachten. Und ob man als Pfarrer_in diese Art Fernsehen unterstützen will. 

Hui, so viel Text. Aber jetzt interessiert mich brennend: Was haltet Ihr, ob Kolleg_in oder nicht, von dem Format? Und: Welche Fragen würdet Ihr den Beteiligten stellen (Interviewanfrage ist schon raus...)?

Kommentare:

  1. Ich musste spontan an "Bauer sucht Frau" denken, eine Sendung, bei der ich immer nach wenigen Minuten wegschalten muss, weil solche Kombinationen von Exhibitionismus und Voyeurismus nicht gut ertrage. Und andererseits sage ich: Ja, das ist gut, das es so etwas gibt. Es ist in unserer Freizeitgesellschaft ein Handicap auf dem Heiratsmarkt, Bauer zu sein.

    Auch bei Pfarrern kann es solche Probleme geben. Von einem Ehepartner wird da zeitliches, ideologisches und repräsentatives Engagement und oft auch schlicht kostenlose Mitarbeit erwartet. Das kann ein Handicap sein. Außerdem ist es, glaube ich, gut, wenn mit Hilfe eines solchen Formats Pfarrer auch einmal außerhalb ihres normalen Rollenklischees wahrgenommen werden. Ein Seelsorger, der aus Einsamkeit einen solchen Schritt geht, ist ungewöhnlich.

    Trotzdem bleibt bei mir ein Störgefühl. Solche Format haben immer etwas von Vieh- oder Pferdemarkt. Was biete ich? Was wird geboten? Mit wem komme ich ins Geschäft? Bei Bauern ist das noch dicht am normalen Weltbild, bei Pfarrern läuft so eine Taxierung und Bewertung quer zu dem Bild, dass jeder Mensch um seiner selbst willen geliebt wird und anzunehmen ist.

    Interessieren würde mich die Reaktion der Gemeinden auf einen Auftritt ihres Pfarrers in dieser Sendung.

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    1. Das ist sicherlich ein Faktor, dass Pfarrer_innen schwerer jemanden kennen lernen. Aber ich finde die weitergehende Frage dann auch, wie tragfähig die Begegnungen solcher Formate sind.
      Und das mit der Taxierung quer zum Menschen- und Weltbild finde ich wichtig...

      Es gab, das habe ich erst heute gesehen, einen Pilotabschnitt, da wurden die Kandidaten auch an ihrem Arbeitsplatz gezeigt. Die, die da gefilmt wurden, Kollegen, Gemeindeglieder und so, schienen da nichts gegen zu haben, beim "kleinen Mann" auf der Straße sah das anders aus.

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  2. Ein paar Ideen dazu: https://zwischengerufen.wordpress.com/2015/11/08/alle-handelnden-personen-sind-frei-erfunden/

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