Montag, 10. Juni 2013

"Hilfe, ich soll eine Fürbitte halten...!" Erste Hilfe für Betroffene

„… dann halten Sie doch einfach eine Fürbitte!“ Das sagen wir Pastorinnen und Pastoren gern, wenn bei Gesprächen vor Taufen und Trauungen der Wunsch nach Mitwirkung von Verwandten und Freunden geäußert wird. Es ist auch eine schöne Möglichkeit: Ein Gottesdienst gewinnt dadurch, wenn mehr Stimmen als nur die der Liturgen in ihm laut werden. Und das Beten mit- und füreinander gehört ohnehin zum Wichtigsten, was man mit- und füreinander tun kann, auch in Familien - a family that prays together stays together war der vielleicht etwas vereinfachende, aber sehr eingängige Slogan einer katholischen Kampagne im England der 1950erjahre. 

Foto von blog.prinz.de
Allerdings: Einfach ist so eine Fürbitte wahrscheinlich in erster Linie für uns selbst, die wir fast jeden Sonntag neue verfassen, von uns selbst aus alten Gottesdiensten klauen oder aus dem geschätzten Regalmeter mit Gebetsliteratur abschreiben, der in jedem pastoralen Arbeitszimmer zu finden sein dürfte. Für die betroffenen Paten oder „Trauzeugen“ (in Anführungszeichen deswegen, weil in evangelischen Gottesdiensten nicht getraut, sondern eine bereits vollzogene Eheschließung gesegnet wird) ist da manchmal guter Rat teuer. Nicht jede betet selbst so regelmäßig und selbstbewusst, dass sie sich ohne weiteres nach vorne stellt und stellvertretend für die Anwesenden das Wort ergreift. Mancher ist sich womöglich unsicher, ob er nicht Gefahr läuft, irgendwelche ungeschriebenen Regeln zu brechen, und seien es die der Grammatik kirchlicher Binnensprache. Kein Wunder also, dass die Frage nach Fürbitten manche online-Diskussion entfacht und manchen Websites durchaus unterschiedlicher Qualität Besucherinnen und Besucher zutreibt. 

Bei der Suche im Internet stellt sich heraus, dass es von „offizieller“ Seite keinen Leitfaden gibt – weder die Evangelische, noch die Katholische Kirche bieten leicht zugängliche Orientierungs- und Formulierungshilfen an. Das finde ich äußerst schade, zumal ich glaube, dass das Formulieren einer Fürbitte auch ein interessanter geistlicher Prozess sein kann.


Aber, genug der Vorrede, hier nun meine sieben Schritte für Betroffene als ein Weg zur eigenen Fürbitte – entscheiden Sie selbst, welche für Sie brauchbar und wichtig sind.

1. Nehmen Sie sich Papier, Stift - und Zeit!

(c) Lupo / pixelio.de
Das sei an dieser Stelle gesagt: Sie haben eine schöne, aber eben doch eine Arbeit vor sich. Das braucht Zeit und Ruhe. Setzen Sie sich irgendwo hin, wo Sie ungestört sind und wo Sie sich entspannen und gleichzeitig konzentrieren können - bei manchen ist das der Schreib-, bei anderen der Küchentisch, der Lieblingssessel oder eine Bank im Garten unter der Birke. Stellen Sie Ihr Smartphone auf lautlos und nehmen Sie Papier und Stift mit - so mancher guter Einfall ist schon sang- und klanglos im Nirwana des Gedankenwirrwarrs, das leicht entsteht, wenn wir erst ans Überlegen kommen, wieder untergegangen.

2. Fragen Sie sich: Um was bitte ich? 

Gönnen Sie sich ein bisschen Zeit und Ruhe, um sich diese Gedanken zu machen. Was wünschen Sie dem Brautpaar und seiner Familie, was hoffen Sie für das Leben des Täuflings und seiner Eltern? Was befürchten Sie, bzw. was wollen Sie auf gar keinen Fall? Und was brauchen Sie als Angehörige/r, um ihnen in den verschiedenen Lebenssituationen beizustehen? Schreiben Sie auf, was Ihnen in den Sinn kommt, ohne gleich danach auszusortieren, welche Formulierungen im Gottesdienst „schön klingen“.

Gönnen Sie sich die Zeit für diesen ersten Schritt, Sie ahnen es vielleicht schon: Hier geht es durchaus ans Eingemachte, genauer gesagt: Um Ihre Vorstellungen von einem gelingenden Leben - und um Ihre Erfahrungen, wo solche Vorstellungen nicht erfüllt worden, Träume geplatzt sind und wo Ihr Leben unerwartete Wendungen genommen hat. Und um die Frage, wie solche Erfahrungen Ihren Glauben beeinflusst, Ihre Vorstellungen von und Ihre Beziehung zu Gott verändert haben. 

3. Machen Sie sich klar: Wen bitte ich?


Es klingt überflüssig, sei aber trotzdem noch einmal gesagt: Beten ist Reden mit Gott. Das heißt: Mein Ansprechpartner auch in der Fürbitte ist Gott, niemand anderes. Das schließt etwa folgenden gute Wünsche aus: „Mein liebes Patenkind, ich möchte immer für dich dasein…“ und so weiter. Das ist ein schönes und wichtiges Versprechen – aber das sollten Sie Ihrem Patenkind an einer anderen Stelle (und, gerade bei Säuglingen) auch zu einem Zeitpunkt (nochmal) geben, wenn das Kind es versteht. Auch Glückwünsche an das Brautpaar kommen später beim Essen besser. 

Das führt gleichzeitig eine besondere Art der Sprache mit sich – wir reden nicht über Gott und über das Beten („ich bitte Gott um…“), sondern mit ihm („Gott, ich bitte dich um…“). Das heißt auch, dass man nicht unter der Hand Appelle an die Anwesenden richtet – schon allein deswegen nicht, weil die Angesprochenen in dieser Situation nicht reagieren können.

Und das hat Auswirkungen auf das, um was Sie bitten. Ein kluger Mensch hat mal gesagt: "Man soll den lieben Gott nicht um das bitten, was man selbst tun kann." Es gibt Fälle, in denen das eindeutig ist und in denen die genaue Unterscheidung nicht nur unser Beten, sondern auch unser Handeln beeinflussen kann: Man kann Gott um gerechte Arbeitsbedingungen für die Kinder in den Textilfabriken von Bangladesh bitten. Man kann auch erst einmal aufhören, selbst die Kleidung zu kaufen, die genau dort für Centbeträge produziert wird. Aber natürlich ist das pauschal, und natürlich ist die Unterscheidung nicht immer so einfach. 
Vielleicht hilft hier das Konkrete: „Gott, stell' NN Menschen an die Seite, die für ihn da sind und ihm zuhören“ ist eine häufig vorgetragene Fürbitte bei Taufen, gerade bei kleinen Kindern. Das ist in hohem Maße wünschenswert. Aber: Bei der Taufe versprechen mindestens die Eltern und Paten, im Rahmen ihrer Möglichkeiten für das Kind da zu sein. Damit soll dieser Aspekt gar nicht ganz rausfallen, aber ein bisschen erweitert werden. Zum Beispiel, indem man für diese Menschen um Geduld bittet, um das richtige Maß, das Gefühl für die eigenen Grenzen und um den langen Atem, den es braucht, wenn man ein Kind auf seinem Weg begleiten will.

4. Probieren Sie es aus!

Klingt vielleicht zunächst komisch, aber: Wenn Sie im Gottesdienst eine Fürbitte halten, dann tun Sie nichts anderes als das, was Sie zuhause abends vor dem Schlafengehen, sonntags in der Kirche, in schwierigen Situationen stoßseufzend ohnehin tun: Beten.

(c) Isinor / pixelio.de
Vielleicht tun Sie das aber auch gar nicht so regelmäßig. Vielleicht gehören Sie zu denen, die in einem vollen Alltag Schwierigkeiten haben, dafür Platz zu reservieren, oder die von sich sagen: "Ich weiß gar nicht richtig, wie das geht". Das ist überhaupt nichts Schlimmes, Sie sind auch nicht allein damit - und haben jetzt eine Supergelegenheit, damit anzufangen! 

Probieren Sie Ihre Bitten, von denen jetzt einige auf Ihrem Zettel stehen dürften, aus: Lesen Sie sie laut - und gehen Sie mal davon aus, dass der, den Sie ansprechen, Ihnen auch jetzt schon zuhört. Und seien Sie ruhig offen für die Vorschläge, die Ihnen dabei in den Mund gelegt werden.

5. Fragen Sie sich: Mit wem bitte ich?


Wenn Sie im Gottesdienst eine Fürbitte vortragen, dann tun Sie das stellvertretend für alle anderen, die idealer Weise am Ende laut und einstimmend „Amen“ sagen können. In einem Trau- oder Taufgottesdienst sind eine Menge Menschen mit dabei, die sehr unterschiedliche Lebensgeschichten und Lebensentwürfe haben. Auch deswegen ist eine Fürbitte mehr als eine Auflistung Ihrer persönlichen Wünsche. 
Natürlich kommen nie alle in gleichem Maße in einer Fürbitte vor – dafür sind Menschen zu verschieden. Aber bedenken Sie, dass in einem Traugottesdienst die Bitte „Erhalte alle Ehen“ problematisch sein könnte. Denn bei aller Sympathie für Verbindlichkeit in Ehen: Es gibt weiß Gott auch Beziehungen, von denen man nur hoffen kann, dass einer von beiden die Reißleine zieht, bevor der Schaden noch größer wird. 

Nehmen Sie sich auch hier ein bisschen Zeit und fantasieren Sie ein bisschen: Wer außer Ihnen sitzt noch in diesem Gottesdienst? Welche Geschichten haben die anderen – und was erhoffen sie sich von Gott? Wie gesagt: Es geht hier nicht um den Zwang zu Vollständigkeit, eher um eine Einladung, den Blick zu weiten. Und damit sind wir schon beim nächsten Punkt: 

6. Weiten Sie den Blick.


Die Fürbitte ist ein klassischer Punkt des Gottesdienstes, an dem die Gottesdienstgemeinde den Blick weitet und auch diejenigen mit aufnimmt, die nicht mit in der Kirche sind. Gerade bei einem Traugottesdienst oder einem separaten Taufgottesdienst ist das wichtig, denn beides sind keine familiären Privatveranstaltungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern Feiern der Gemeinde.  Und die hat eine Verantwortung für die Welt. 

Die Struktur der Fürbitte kann dabei diesen Prozess der Öffnung widerspiegeln – beginnen Sie mit der Fürbitte für die Familie, machen Sie dann den Kreis etwas größer und nehmen Sie die Gemeinde und oder die Stadt mit hinein, um dann zum großen Weltgeschehen zu kommen, zum Beispiel, in dem Sie um Weisheit, Geduld und Mut für die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger beten – nötig ist das allemal.  Unter diesem Aspekt können Sie die Punkte eins bis drei noch einmal wiederholen. 

7. Feilen Sie an der Form.

Jetzt geht es an das Ausformulieren, und erst jetzt ist die Zeit für kleinere Schönheitskorrekturen an den einzelnen Formulierungen: Welche Bitten kann man zusammen fassen, in welcher Reihenfolge tragen Sie sie vor? Gibt es Wiederholungen, die man entweder durch sprachliche Variationen auflockern könnte - oder kann man sie bewusst stark machen, um eine Regelmäßigkeit im Sprachrhythmus zu gewinnen? Beides hat seinen Reiz.
Erliegen Sie nicht der Versuchung, Ihre eigenen Formulierungen ins Kirchendeutsche zu übersetzen - es wird allen Anwesenden gut tun, mal keine theologisierenden Formulierungen zu hören!

Wenn Sie nicht der/die einzige Fürbittende sind, sind hier auch Absprachen mit den anderen Beteiligten dran. Falls Sie die noch nicht kennen - umso besser! Einigen Sie sich darauf, in welcher Reihenfolge Sie einzelne Partien übernehmen. 


In katholischen Gottesdiensten ist es üblich, dass die ganze Gemeinde nach den Einzelbitten oder nach thematisch zusammengefassten Bitten sagt: "Herr, erhöre uns". Oder etwas in der Art. Ich finde das sehr schön, weil so alle anderen stärker beteiligt sind - allerdings ist es eher unüblich in evangelischen Gemeinden. Helfen Sie dann einfach den Leuten, indem Sie am Anfang eine kurze Regieanweisung geben: "Wir halten Fürbitte und ich bitte Euch, nach den Bitten mit uns einzustimmen in den Ruf: Herr, erhöre uns." Und markieren Sie in der Fürbitte, wann es so weit ist - zum Beispiel, indem Sie sagen: "...gemeinsam rufen wir zu Dir: Herr, erhöre uns.

Jetzt kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen. Und bei Fragen helfen die Kolleginnen und Kollegen vor Ort weiter!

Kommentare:

  1. Endlich einmal eine verständliche Anleitung auch für Ungeübte. Die Leitsätze nehme ich gleich zum Taufgespräch mit. Herzlichen Dank, Herr Kollege!

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    1. Herzlich gerne! Über Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge freue ich mich sehr!

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  2. Habs jetzt schon mehrfach weitergegeben. Habs aber ein bisschen gekürzt.

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  3. Ich denke, man sollte sich aber auch nicht zu viel Sorgen darüber machen. :)
    Vielen Dank für den Beitrag! Ich weiß, dass sich sehr viele Menschen damit schwer tun und Hilfe benötigen!
    thira3006

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  4. Prima! Ich werde es weitergeben, Taufpaten und Trauzeugen werden keine Ausrede mehr haben!

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