Donnerstag, 11. Juli 2013

Zur Kritik an der Kritik der Kritik... oder so

Ich persönlich bin ja kein Freund von Denkschriften und anderem derartigen Papierkram. Weder habe ich das Gefühl, mir von Expertenkommissionen sagen lassen zu müssen, was man als evangelischer Christ glauben sollte, noch kann ich der EKD die lehramtliche Autorität zugestehen, die ihr zumindest in den medialen Diskussionen immer wieder zugesprochen wird. Das sei vorausgeschickt, wenn es jetzt um die viel gescholtene Orientierungshilfe (!) zum Thema Familie ("Zwischen Autonomie und Verlässlichkeit") geht. Genauer gesagt soll es in diesem Beitrag gar nicht so sehr um die Orientierungshilfe selbst als vielmehr um einige der -gelinde gesagt- heftigen Reaktionen darauf gehen. Denn die sagen in den meisten Fällen mehr über die Kritiker als über das Familienpapier aus, bzw. über das der Kritik zu Grunde liegende Verständnis von Kirche und Theologie. 

Der Evangelist. 

 

Ulrich Parzany etwa, den selten Sorgen um die eigene Meinung plagen, schämt sich gar für seine evangelische Kirche. Zumindest sagt das IDEA Spektrum (für Nicht-Eingeweihte: die BILD-Zeitung der frommen Subkultur):
Parzany erinnert daran, dass die evangelische Kirche entstanden sei, weil die Reformatoren sich auf das vierfache „Allein“ beriefen: allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift. Nun bescheinigten der Kirche sogar die säkularen Medien einen laxen Umgang mit der Bibel. 
Quelle: idea.de
Das reformatorische Stichwort sola scriptura ("allein die Schrift") muss also wieder für so einiges herhalten, und wie so viele vor ihnen verwechseln Parzany selbst und die von ihm zitierten "säkularen Medien" dies mit einem platten Biblizismus. Das ist ein hermeneutischer Fehlschluss, zudem trifft die pauschale Kritik, die EKD kümmere sich nicht um die Bibel, auf die Familien-Orientierungshilfe gerade nicht zu: Das Kapitel "Theologische Orientierung" nimmt sich zwar in der Tat auf das Ganze des Papiers gesehen ziemlich gering aus, weil man, wieder einmal, sehr damit beschäftigt ist, anderen staatspolitischen Akteuren zu sagen, was sie tun sollen - das hat u.a. auch Ulrich Eibach besonders hervorgehoben. Aber es ist eine Stärke ebendieser theologischen Orientierung in all ihrer Kürze, dass sie das breite biblische Zeugnis für unterschiedliche Lebensformen ernst nimmt und aufdeckt, dass das von vielen Kritikern propagierte Eheideal mitnichten irgendwann zu biblischen Zeiten vom Himmel gefallen ist, sondern in weiten Teilen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts stammt. 

Der konservative Kolumnist.


Daran möchte man auch Jan Fleischhauer erinnern, dessen Kolumne bei S.P.O.N. Parzany womöglich vorschwebt, wenn dieser von säkularen Medien spricht: Fleischhauer konzentriert sich bei seiner Kritik an der "Orientierungshilfe" (ach ja, Anführungszeichen können ja doch verräterisch sein) vor allem auf das Versprechen beim Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung:
Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen - auch wenn der Pastor sagt, es gelte, "bis dass der Tod euch scheidet". Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.
Auch die EKD denkt die Ehe nun von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren.
Allein die kurze Skizze der Szenerie deutet an, dass Fleischhauer bestimmte Dinge nicht
www.spon.de
verstanden hat. Einen "Traualtar" gibt es in evangelischen Kirchen nicht, weil es - streng genommen - keine "richtigen" Altäre gibt, und weil in evangelischen Gottesdiensten keine Ehen geschlossen, sondern bereits bestehende Ehen gesegnet werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied, den man allerdings nicht der EKD, sondern Luther anlasten muss - die Einsicht, dass Ehen nicht im Himmel geschlossen werden, ist so alt wie die evangelische Kirche selbst. Bei aller Sympathie für Verlässlichkeit und Exklusivität von Paarbeziehungen: Die ätzende Unterstellung, es würde hier um leichtfertige Floskeln gehen ("nicht länger wirklich ernst gemeint"), geht an der seelsorglichen Realität vorbei. 

Das Zugeständnis, dass auch die Ehen evangelischer Christinnen und Christen in die Brüche gehen können, ist ebenfalls kein Geistesblitz der Expertenkommission gewesen und somit auch kein "neuer Höhepunkt" der "Selbstsäkularisierung der Protestanten" oder ein Erguss "heiliger Teestubeneinfalt" (schade übrigens, dass konservative Kreise anscheinend nie ganz ohne Käßmann-Bashing auskommen). Die Ehescheidung war schon in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts eine durchaus realistische Option, als man erkannte, dass Gelingen oder Scheitern ehelichen Lebens nicht allein in den Händen der Beteiligten liegt. So heißt es etwa in der Pommerschen Kirchenordnung von 1535, die gleichzeitig dem Scheidungsrichter die Chance gibt, seine Hände in Unschuld zu waschen: 
"wenn överst einer sick weder godt scheidet dorch unvorhapentlick wederkamendt eder unvorsoenlicken ehebröcke, so schide wi se nicht, sünder de düvel hefft se gescheidet."
- zitiert nach Gerold Tietz, Verlobung, Trauung und Hochzeit 
in den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Univ.-Diss. Tübingen 1969, 24.

Neben dem Ehebruch akzeptierten die Reformatoren auch die "bösliche Verlassung" und die Zerrüttung der Ehe als Scheidungsgründe. Natürlich kann und muss man sich fragen, ob man die sozialdisziplinierenden Ordnungen des 16. Jahrhunderts als Grundlage heutiger ethischer Entscheidungen heranziehen will - immerhin sehen die meisten dieser Ordnungen für diejenigen, die nicht solvent genug sind, überhaupt keine Ehe vor, weil weder weltliche noch geistliche Obrigkeit ein Interesse an der Reproduktion von Armut hatte. Wenn man sie dennoch als Inspirationsquelle nutzen möchte, könnte man vielleicht den Blick auf die äußerst zahlreichen Verbote allzu exzessiver Hochzeitsfeiern lenken, aber das nur am Rande. 

Nicht alles, was Fleischhauer schreibt, ist gänzlich verkehrt, ich nehme ihm sogar zu hundert Prozent ab, dass die Konfirmation seines Sohnes nicht schön war. Und, ja, ich bin auch der Meinung, dass die Folgen von Ehescheidungen für das Umfeld und nicht zuletzt für die Kinder (wenn auch hier sicherlich gilt, dass in manchen Fällen ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende) zu wenig bedacht sind. 
Und ich kann auch seine Enttäuschung verstehen, ohne sie zu teilen, wenn er plötzlich gewahr wird, dass die Kirche nicht dafür da ist, konservativen politischen Meinungen ein religiöses Finish zu verpassen. 

Der Karrrdinal.

 

Ach ja, der hat ja auch noch gefehlt (hat eigentlich Matthias Mattussek noch nichts gesagt?). Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst wortreich zu urteilen und in gewohnt zelotischer Manier sich selbst und seine Kirche als weihrauchgeschwängerte Bastion all dessen zu inszenieren, was früher angeblich besser gewesen ist. Zwar schreckt auch Meisner bei aller Altehrwürdigkeit nicht vor dem Gebrauch von Kampfbegriffen aus dem vulgärfundamentalistischen Standardrepertoire zurück ("Zeitgeist statt Heiliger Geist"); die Wurzel allen Übels indes liegt seiner Meinung nach weiter zurück:
Die Reformatoren haben die christliche Überzeugung von der Sakralität der Ehe aufgegeben und diese zu einem "weltlich Ding" erklärt, worauf sich auch das vorgelegte Dokument beruft. Wie sich nun in aller Deutlichkeit zeigt, wird die Ehe so zu einer rein innerweltlichen Institution, die durch andere Zweckverbindungen ersetzt werden kann. Dass ausgerechnet Christen einen solchen Rückschritt im Verständnis von Ehe und Familie initiieren würden, hätte ich nicht für möglich gehalten!
Das unpräzise Gerede von "der christliche[n] Überzeugung von der Sakralität der Ehe"  suggeriert, es habe vor der Reformation keine andere gegeben. Das jedoch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Unsinn. In einer apologetischen Schrift vom Anfang des 3. Jahrhunderts heißt es über die Christen, diese seien eigentlich Menschen wie alle anderen auch, sie
"sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden [...], heiraten und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen [Kinder] nicht aus."
- Zitiert nach Chr. Grethlein, Grundinformation Kasualien. 
Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens, Göttingen 2007, 218.

Und noch in den Entscheidungen der Konzile von Basel/Ferrara/Florenz und Trient mehr als 1000 Jahre später zeigt sich, dass die Sakramentalität der Ehe alles andere als eindeutig ist. Ganz abrunden lässt sich die Kirchengeschichte also nicht.

Es ist im Übrigen auch nicht so, dass die EKD hier mit dem Zeitgeist im Rücken irgendwelche Dämme einreißen würde. Die Kritik an einer offenbarungstheologischen Überhöhung biologischer oder sozialer Strukturen hat gute Tradition. Schon 1951 schrieb Karl Barth:

Es waren Denkgewohnheiten und praktische Gepflogenheiten der ‚christianisierten‘ Heidenvölker, die dem Begriff der ‚Familie‘ später den Glanz eines Grundbegriffes christlicher Ethik gegeben haben. Wir haben keinen Anlaß, uns ihnen anzuschließen
- K. Barth, KD III/4, Zürich 1951, 271.

Man mag sich ja fragen, warum sich ein katholischer Erzbischof bemüßigt fühlt, derart ausführlich Stellung zu einer evangelischen Orientierungshilfe zu beziehen. Die Antwort gibt der Kardinal selbst: 
Im Zeitalter der Ökumene ist es geradezu die Pflicht der katholischen Kirche, an den Geschehnissen in anderen Kirchen und Gemeinschaften Anteil zu nehmen. Darum bitte ich die Evangelische Kirche in Deutschland eindringlich, ihre Position hinsichtlich von Ehe und Familie zu überdenken und zurückzukehren zur Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat.
Die "Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat" ist natürlich keine andere als die, die der Kardinal selbst vertritt. Aber da treffen sich evangelische und katholische Christen durchaus - man hat ja immer die gleiche Meinung wie der Herr Jesus. Und natürlich ist es gut, wenn wir Stellungnahmen der anderen wahrnehmen, gerne auch kritisch. Aber nicht alle Kritik geht eben von theologischen oder hermeneutischen Voraussetzungen aus, die unkritisch übernommen werden können. Einige kritische Stimmen allerdings sehr wohl:

Begründete Kritik

 

(c) de.wikipedia.org
Trotz aller erfreulichen Tendenzen ist die Orientierungshilfe sicher nicht frei von problematischen Passagen und Schlussfolgerungen. Wäre ja auch schlimm, wenn das anders wäre. Zwei Kritikern aus den eigenen Reihen kann ich mich streckenweise anschließen:

Frank Otfried July, Bischof der Württembergischen Landeskirche, findet viel Positives an der Orientierungshilfe, kritisiert jedoch vor allem zwei Punkte: Mit der Relativierung der Ehe sei eine Institutionenethik zugunsten einer Beziehungsethik verändert worden, was in der Tat bedenkenswert ist. Gewichtiger scheint mir seine Anfragen an den Entstehungsprozess der Orientierungshilfe zu sein:

Grundsätzlich bin ich im Zweifel, ob bei solch grundlegenden Fragen – wie in der vorgelegten Orientierungshilfe – das Verfahren zur Entstehung sachgerecht ist. [...] Als evangelische Kirche tun wir gut daran, bei derartigen Fragen in einem ausführlichen Konsultationsprozess die Landeskirchen, Synoden, Kirchengemeinderäte etc. zu beteiligen, um zu einer weithin getragenen Orientierung zu kommen. Eine solche Konsultation rege ich ausdrücklich an.

Hier stellt sich die Frage nach Autorität(sanspruch) und Selbstverständnis der EKD, wenn Stellungnahmen hinter verschlossenen Türen durch einige wenige Experten produziert und dann gegenüber der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, quasi als "Überraschung" aus dem Hut gezaubert werden. Ähnlich scheint das Vorgehen bei der sich in Arbeit befindlichen Orientierungshilfe zum Thema "Sexualität" zu sein, über die sich der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in Schweigen hüllt

(c) EKiR-Archiv
Markus Dröge, Bischof der EKBO, spricht sich in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel für die Aufwertung ehelicher und partnerschaftlicher Treue aus, allerdings gänzlich ohne moralisierendes Beharren auf tradierten Lebensformen, sondern unter Rückgriff auf die gut biblisch-theologische Kategorie des Bundes. Er schreibt abschließend:

Ich begrüße die Orientierungshilfe ausdrücklich als einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Allerdings hätte ich mir mehr theologische Klarheit gewünscht, um die verlässliche Gemeinschaft sowohl in der Ehe als auch in anderen Lebensformen noch deutlicher zu stärken. Die Ökumene könnte gestärkt werden, wenn die katholische Kirche den Ball als Herausforderung aufnimmt und nun selbst konstruktiv darlegt, wie sie neue Lebensformen angemessen ethisch würdigen will.
Ich würde einen Schritt weiter gehen und mir nicht nur mehr theologische Klarheit, sondern mehr Vertrauen in die Theologie wünschen. Es ist richtig und gut und unaufgebbar, dass wir humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst- und aufnehmen. Es wird aber den berechtigten Erwartungen, die Menschen an die Kirche richten, nicht gerecht, wenn wir uns darauf beschränken, allgemeine Richtigkeiten und einen breiten gesellschaftlichen Konsens mit einigen Bibelversen und Zitaten aus der Theologiegeschichte zu schmücken. Das ist kein prophetisches Wagnis, denn was in der Orientierungshilfe als status quo festgestellt wird, entspricht, auch, wenn es in kirchlichen Kreisen für Aufruhr sorgt, weitestgehend dem absoluten common sense der Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte. Vom Politikunterricht der siebten Klasse habe ich behalten, dass es ein typisches Vorgehen von Leitungsfiguren mit schwacher Autorität ist, genau das anzuordnen oder zu erlauben, was die Gruppenmitglieder ohnehin tun. Vielleicht würde es uns als Kirche gut tun, uns auf unsere Kernkompetenzen zu besinnen und uns, bei aller notwendigen Dialogbereitschaft, nicht so sehr nach dem erhofften Höflichkeitsapplaus Außenstehender zu richten. 


Zum Schluss: Meine fuffzich Cent

 

(c) de.wikipedia.org
Vieles ist ja schon gesagt worden. Das ist gut so, das wollte die EKD nach eigenen Aussagen. Und s.c.j. wird die Diskussion weitergehen und vielleicht die theologischen Lücken in der Argumentation durch den vielstimmigen Chor der Gemeinden und Einzelstimmen auffüllen. Ich glaube, die Diskussion kann noch gar nicht zu Ende sein, weil evangelische Ethik an einem besonderen Maßstab zu messen ist: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", sagt Jesus - und für mich hängt die Glaubwürdigkeit (oder meinentwegen auch die Verlässlichkeit) der Orientierungshilfe u.a. daran, inwieweit die hier vertretenen Thesen die Selbstverständlichkeiten in der Institution in Frage zu stellen vermögen und sich etwa im Pfarrdienstrecht niederschlagen: Hier sind viele Grundannahmen und Konsequenzen noch einem idealisierten Bild des evangelischen Pfarrhauses verpflichtet, das aber ebensosehr ein Kind des 19. Jahrhundert und von dessen bürgerlichen Tugenden beeinflusst ist wie diejenigen Vorstellungen von der Ehe, die in der Orientierungshilfe zurückgewiesen werden. Die Entscheidung muss hier bei den Gemeinden liegen: wenn die klassische Institution "Pfarrhaus" mancherorts milieubedingt dem Gemeindeaufbau dienen kann - wunderbar! Aber wenn Gemeinden den Schritt in Milieus wagen, die von bürgerlichen Lebensentwürfen abgestoßen werden (Insider erkennen die Eindrücke aus den Niederlanden wieder), dann muss das Pfarrdienstrecht es auch ermöglichen, "den Griechen ein Grieche zu sein".

Dienstag, 9. Juli 2013

Niederländische Notizen - Teil 3: Auf Pilgrimsväterspuren in Rotterdam

Am vorletzten Tag unseres Pastoralkollegs in den Niederlanden, in dessen Rahmen wir uns innovative  Gemeindeprojekte ansehen, geht es in die zweitgrößte Stadt des Landes, nach Rotterdam.

Oude of Pelgrimvaderskerk

Vom pittoresken, im strahlenden Sonnenlicht Urlaubsfeeling versprühenden Kai im Rotterdamer Stadtteil Delfshaven betreten wir die kühle Stille der Oude of Pelgrimvaderskerk (Alte oder Pilgerväterkirche) - und atmen historische Luft: Von hier aus sind 1620 die puritanischen Pilgerväter, die vor religiöser Verfolgung aus England flüchten mussten, aufgebrochen, um auf der Mayflower in die Neue Welt zu ziehen. Das geschichtliche Erbe ist allgegenwärtig, in vielen Räumen hängen Memorabilien, Schaukästen und Infotafeln. Der Kirchraum selbst lässt mein reformiertes Herz höher schlagen: Dunkles Holz, viele Presbyterbänke, im Zentrum des Chorraums eine gewaltige Kanzel mit einem riesigen Schalldeckel (oder, noch schöner gesagt, Kanzelhimmel), davor ein schlichter Abendmahlstisch. An den Wänden die zehn Gebote. Es erinnert mich ein bisschen an die
Synagoge in Kopenhagen, und ich denke: Genauso muss es sein, mehr Bethaus und Schule als Kultstätte. In meine Schwärmereien mischt sich aber auch der Gedanke, dass es auch hier nicht besonders innovativ aussieht, und Pieter L. de Jong, der mittlerweile emeritierte, aber deswegen nicht weniger umtriebige senior pastor der Gemeinde mit schlohweißem Wuschelhaar, der uns empfängt, würde sich wohl auch gegen diese Etikettierung wehren.

Er erzählt von seinen Dienstjahren zwischen 1991 und 2012, während der eine massive white flight einsetzte, also "autochthone (ethnische) Niederländer" den Stadtteil verließen. Sie machen mittlerweile knapp 20% der Einwohnerschaft des Rotterdamer Westens aus. Er beschreibt die Stimmung bei seinem Amtsantritt, zu einer Zeit, als man begann, Kirchen zu verkaufen und Restgemeinden zusammen zu legen. Auch seine Gemeinde verkaufte ihre Kirche, allerdings, und das erscheint als ein äußerst cleverer Kniff, an eine staatliche Stiftung zum Erhalt wertvoller Gebäude, deren Hauptmieter die Gemeinde wurde. Die historische Kirche wurde so erhalten, aber der Gemeindehaushalt ist nicht mehr mit den horrenden Instandhaltungskosten belastet. 
Trotz eines vergleichsweise florierenden Gemeindelebens (mit 150 Gottesdienstteilnehmenden im Jahr 1992) entschied man sich, auf die jüngere Generation in den 20ern und 30ern zu setzen und zwar, wie Pieter erklärt, aus pragmatischen Gründen: "Alte Menschen sind viel flexibler als junge. Junge Menschen suchen Gott und sich selbst, aber sie haben auch mit 30 ihren ersten Job, gründen eine Familie und sind dermaßen eingespannt, dass man auf sie besser eingehen muss. Die Alten ziehen dann mit." Von Niederschwelligkeit im landläufigen Sinne kann dabei keine Rede sein: Wer Mitglied der Gemeinde sein will, verpflichtet sich zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch (und das heißt: jeden Sonntag, den man in der Stadt verbringt!) und zur Teilnahme an einem Hauskreis sowie, wenn noch Ressourcen vorhanden sind, in einem Arbeitskreis oder Ausschuss. Der Gottesdienst soll ein Heimkommen ermöglichen und gleichzeitig deutlich machen, dass es um den/die/das "ganz Andere" geht, sprich (wie Pieter es ausdrückt): "Gute biblische Predigt. Zeitung lesen können die jungen Leute selber. Von uns erwarten sie etwas, das sich sich nicht selbst sagen können."

Zu Anfang sehen wir einen Videoausschnitt aus einem Taufgottesdienst - und das eigentlich Spektakuläre ist nicht eine besonders ausgefeilte Liturgie (mit dem, was Pieter de Jong und sein Kollege Martijn van Laar da vorne veranstalten, würden sie aus jedem Thomas-Kabel-Seminar hochkant rausfliegen!), sondern die brechend volle Kirche und die Anteilnahme der Gemeinde an der Taufe der sechs Erwachsenen. Spannend finde ich auch, aber das nur als Randbemerkung, wie ungeniert in dieser doch eher streng reformierten (hervormden) Gemeinde fotografiert und gefilmt wird, während sich in fast jeder neueren Kasualhandreichung ein mehrseitiger Eiertanz findet, was wie wo und wem erlaubt sein kann... Jedenfalls: Es ist offensichtlich nicht die Ästhetik, die anspricht, sondern der Inhalt und die Gemeinschaft, die in der Pelgrimvaderskerk etwa dadurch gefördert wird, dass junge Familien zum Bleiben animiert werden. Der Eindruck verstärkt sich abends beim Hören einer Audioaufnahme eines Gottesdienstes: Das Orgelspiel ist nicht wirklich virtuos, aber gut mitsingbar, die liturgische Sprache einfach und dabei konzentriert, die Predigt ausgefeilt und biblisch fundiert, allerdings ohne große Schnörkel. Das Konzept geht jedenfalls auf: 400 Menschen besuchen durchschnittlich den Gottesdienst am Sonntagmorgen, darunter ein Viertel zwischen 20 und 30 Jahren, zu den Gottesdiensten am Nachmittag und am Abend kommen jeweils noch etwa 100 Teilnehmende. 

Einen zweiten Arbeitsschwerpunkt stellt uns Martijn van Laar vor, seines Zeichens missionary minister und als solcher mit der Arbeit der Gemeinde im Stadtteil betraut. Einen Großteil dieser Arbeit macht die Begegnung mit Muslimen aus, die Martijn als äußerst fruchtbar empfindet: In einem Dialog auf Graswurzelniveau (vorwiegend junge Leute treffen sich in gemeinsam vorbereiteten und getragenen Gesprächsgruppen) treffen Menschen inmitten der hitzigen Debatte um die "Islamisierung" der Gesellschaft zusammen und lernen mit- und voneinander - Christen und Muslime suchen gemeinsam "der Stadt Bestes" (Jer 29,7). Für die Gemeinde bedeutet dies die Chance, sich über Inhalte und Konsequenzen ihres Glaubens klarer zu werden und, redend wie handelnd, Rechenschaft abzulegen - "because Muslims ask the right questions". Gleichzeitig bleibt mir etwas im Ohr, das so ähnlich klingt wie das, was Rikko Voorberg zum Kontakt mit Atheisten gesagt hatte: "The missionary knife cuts on both sides - Das Messer der Mission schneidet nach beiden Seiten." Der Dialog verändert beide, und es scheint ihnen und dem Stadtteil gut zu tun.

Geloven in Spangen

Am Nachmittag geht es weiter zu einer church plant der Gemeinde im deutlich weniger pittoresken Stadtteil Spangen. Einige Zahlen können vielleicht einen ganz guten Eindruck von den Lebensumständen jenseits des "Zaubertunnels" vermitteln: 80 Nationalitäten bei knapp 10.000 Einwohnern, von denen 54% ohne Grundbildung sind, 33% kein Niederländisch sprechen, 21% Sozialhilfe beziehen und 33% unter der Armutsgrenze leben. In dieser Realität betreibt Nico van Splunter das Projekt Geloven in Spangen (Glauben in Spangen), bei dem zwischen diakonischem und missionarischem Handeln nicht zu trennen ist: Neben einer Vielzahl sozialer Aktivitäten (zum Beispiel der Vermittlung von Sprachpartnern - taal buddies -, die Frauen mit Migrationshintergrund, die ihre Wohnung nicht verlassen, Niederländisch beibringen) finden in einer Schule Gottesdienste mit Trommeln und einer Kurzpredigt statt, von denen einer im Monat eine doe-viering, also ein "Mitmach-Gottesdienst" ist, bei dem die Gemeinde mit einem praktischen Auftrag hinausgeschickt wird. Bei einem solchen Gottesdienst, in dem es um das Reich Gottes ging, hat man, so erzählt Nico, die Gemeinde mit Digitalkameras ausgestattet und sie gebeten, an diesem Sonntagvormittag Fotos im Stadtteil zu machen von Situationen, in denen sie das Reich Gottes angebrochen oder noch in weiter Ferne sehen (noch so eine Idee, die bei mir unter "Will! Ich! Auch!" abgespeichert wird). Daneben gibt es Alphakurse, eine Gruppe, die für den Stadtteil und die Menschen betet, Sozialberatung und vieles mehr; die Gemeinde ist Teil der internationalen Initiative Serve the City. Und natürlich wird viel gegessen.

Die aus ursprünglich fünf Personen bestehende Kerngruppe ist mittlerweile auf 30 Mitarbeitende angewachsen, die unter anderem damit beschäftigt sind, Mitglieder der Gemeinde für die Übernahme eigener Verantwortung zuzurüsten. Das erklärte Ziel ist es, die Initiative irgendwann ganz in die Hände des Stadtteils zu übergeben - so wie die Hauptaufgabe des Kirchenpflanzers Nico von Splunter darin besteht, sich selbst überflüssig zu machen. 


Auf dem Weg zurück nach Amerongen...

...denke ich viel nach über die großartigen Initiativen und die überaus sympathischen Menschen, die wir in Rotterdam getroffen haben. Grandios finde ich immer noch die Idee mit dem Kirchenverkauf. Sicherlich geht es nicht überall so einfach, und natürlich setzt es einiges an Mut voraus, die Herrschaft im eigenen Haus aufzugeben. Aber ich sehe auch, wie einige Gemeinden in Deutschland unter den finanziellen Lasten altehrwürdiger Gebäude ächzen oder der Erneuerung des Gottesdienstes durch die Architektur Grenzen gesetzt sind. Solche Aspekte sind mir wichtig, gerade angesichts der momentanen Anstrengungen in der Praktischen Theologie, das Konzept der "Heiligen Orte" für den Protestantismus salonfähig zu machen und so kirchlichem Bestitzstandswahrungsdenken noch mehr Argumente an die Hand zu geben.  

Auch in Rotterdam ist uns wieder die Konzentration auf das "Kerngeschäft" begegnet - Bibel. Beten. Essen. Und eben auch: Tun. Das hat mich sehr beeindruckt - die zumindest auf Gemeindeebene kranke Trennung zwischen Kirche und Diakonie ist hier (noch?) nicht vollzogen.

In Spangen hat mich begeistert, dass die Verantwortlichen hier nicht auf gut ausgebildete Menschen zielen, um ihnen Leitungsaufgaben anzutragen, sondern auf die Zurüstung der Menschen vor Ort setzen. Erinnert ein bisschen an den schönen Satz, der vor einem Jahr oder länger mal ein kurzzeitiges Facebook-Meme war: Gott beruft nicht die Qualifizierten - er qualifiziert die Berufenen

Schließlich bleibe ich auch, noch einmal, am Konzept des church plantings hängen, diesmal eher an der Person des Kirchenpflanzers, dessen oberstes Ziel es ist, eine Arbeit in Gang zu bringen, die ihn selbst überflüssig macht und ihn irgendwann weiter ziehen lässt. Sehr apostolisch-paulinisch, das. Und sehr weit weg von so mancher pastoraler Praxis in Deutschland...

Niederländische Notizen - Teil 2: Ermutigendes aus Amsterdam

"Traum von Amsterdam,/ der die Hoffnung nahm", singt bekanntlich Axel Fischer. Alles Quatsch, sage ich, zumindest haben uns engagierte Mokkumer bei unserem Besuch verschiedener innovativer Projekte gezeigt, dass die Hoffnung auf eine relevante Kirche alles andere als ein Traum bleiben muss. Drei Gemeinden haben wir besucht, in denen durchweg und auf je eigene Art inspirierende Menschen neue Wege gehen.

Jeruzalemkerk


(c) nl.wikipedia.org
Ein bisschen nach Trutzburg sieht sie schon aus, die in den 1920ern im Amsterdamer Stil erbaute Jeruzalemkerk, die sich über dem Stadtteil De Baarsjes im Westen der Hauptstadt erhebt. Auch von innen sieht sie, bei aller architektonischen Rafinesse und bei aller Wertschätzung für guten alten reformierten Kirchenbau, zunächst nicht unbedingt nach Innovation aus:


Wie gesagt, innovativ sieht es zunächst nicht aus, auch wenn die zahlreichen Aushänge im Eingangsbereich ein aktives Gemeindeleben verheißen. Dann empfängt uns der hiesige Pastor Bas van der Graaf, und der sieht mit Nerdbrille, (in Pfarrerskreisen eher selten gesehen) gut sitzendem Hemd und Jeans schon eher nach "junger Gemeinde" aus. Er führt
uns direkt zu einem kleinen raumplanerischen Kleinod, nämlich in den Cafébereich auf der Empore, genannt van boven. Der Platz oben gefällt mir spontan ausgesprochen gut, weil er unprätentiös und einladend wirkt und gleichzeitig eine Kontinuität zwischen dem Gottesdienst und dem "Danach" herstellt - auch beim Kirchkaffee bleibt man im Kirchenraum. Auf der Brüstung steht Infomaterial, eine alte mechanische Schreibmaschine als Deko und ein paar Kerzen - in Deutschland wäre das wahrscheinlich aus bau- und sicherheitstechnischen Gründen undenkbar, hier sind es charmante kleine Details, die den Raum aufwerten und gleichzeitig deutlich machen, dass die Nachbarn im Nordwesten etwas lockerer an manche Sachen rangehen. 

Einfach "locker" im Sinne von "nachlässig" und "nicht so streng" geht es allerdings in der Gemeinde keineswegs zu, das wird im Gespräch mit Bas van der Graaf ziemlich schnell deutlich: Er bezeichnet seine Gemeinde als "gut orthodox", die Kompromisse bei der Form, nicht aber bei den Inhalten eingeht: In einem ausgesprochenen Zuzugsgebiet versucht die Jeruzalemkerk, Formen des Gemeindelebens anzubieten, die vor allem junge Menschen zum Bleiben und zur aktiven Mitarbeit ermutigen - "junge Menschen wollen machen." Gelegenheit dazu bieten 15 Bibelkreise und ein regelmäßig angebotener Alphakurs, der nicht dem traditionell thematischen Aufbau folgt, sondern aus gemeinsamem Essen und der fortlaufenden Lektüre des Markusevangeliums besteht. Verantwortliches Mitarbeiten findet auf den verschiedenen Leitungs- und Organisationsebenen statt, auf denen sich, in Aufnahme der ministry structure von Willow Creek, an die 100 Personen einbringen. 
Der Gottesdienst folgt einem relativ traditionellen Aufbau, in dem abwechselnd eine Band oder die neu renovierte Orgel spielt. Seine Predigten hat van der Graaf zwar im Laufe seiner Amtszeit gekürzt, kommt aber nach eigenen Angaben dennoch auf gut 20 Minuten - ganz entsprechend der reformierten Tradition und den Bedürfnissen der allsonntäglich etwa 150 Mitglieder zählenden Gottesdienstgemeinde, die ziemlich heterogen (weiß, um die Dreißig, obere Mittelschicht) ist und zu einem nicht geringen Anteil aus Zugezogenen aus dem niederländischen bible belt besteht.

In Erinnerung bleiben mir vor allem die Konzentration auf die Bibel, die in allen Haus- und Studienkreisen im Zentrum steht, die Betonung des gemeinsamen Essens und das Setzen auf eine Freiwilligenkultur, die Gemeindeglieder ernst und in Verantwortung nimmt.

Stroom-West



Eine ganz andere Zielgruppe hat dagegen Rikko Voorberg von der relativ jungen pop-up-church Stroom-West im Blick: Der gelernte Theologe, Künstler und storyteller hat sich, in Sinus-Sprache gesagt, des Milieus der Experimentalisten angenommen - also der Gruppe junger Menschen zwischen 20 und 35, bei denen traditionelle kirchliche Formen schlichtweg keine Chance hat."If you're from the church, you don't have the credit to share anything", ist die lapidare Feststellung Voorbergs, der gleichzeitig bei den jungen Künstlerinnen und Künstlern ein Interesse an religiösen Fragen und Symbolen wahrnimmt, mit dem sie sich von den manchmal fast pauschal kirchen- und religionsfeindlichen Einstellungen früherer Generationen unterscheiden. Nach zwei Jahren des performativen Experimentierens im open space hat sich eine kleine Form der gottesdienstlichen Feier entwickelt:  Man trifft sich zweiwöchentlich am Sonntagvormittag zu einer bottle party irgendwo (nur eben nicht in einer Kirche), bricht das Brot, irgendjemand teilt seine Glaubensgeschichte mit den anderen, am Ende macht ein Kelch mit Wein die Runde - nach Rikko Voorberg die Verbindung aus "Brunch - der Amsterdamer Lebensform schlechthin" mit dem "Abendmahl - der kirchlichen Lebensform schlechthin". Die Arbeit von Stroom-West ist schwer zu beschreiben. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, kann das auf der Website des church plants tun, wer Rikko Voorberg in Action erleben will, kann sich Videos ansehen - selbst, wenn man kein Niederländisch versteht, wird den Storyteller erkennen:

 Falls jemanden das gehäufte Vorkommen von Anglizismen in diesem Textteil stört - das ist durchaus beabsichtigt. Denn was mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist, ist das freundliche Unverständnis der meisten (weitaus älteren) Kollegen, die mit dem Ansatz von Stroom-West wenig anfangen konnten. Mehr als anderswo wird mir hier deutlich, wie exklusiv milieubezogene Gemeindeformen sind - das gilt aber für unsere traditionellen Formen genauso wie für das performative Milieu von Stroom-West. Deutlich klingt mir auch noch die radikale Voraussetzung in den Ohren, die Rikko Voorberg, der neben seiner halben Stelle als church planter als freischaffender Künstler arbeitet, für seine Arbeit benannt hat: "If I don't question my belief, I don't have any right to question an atheist's belief." Und die trennscharfe Unterscheidung, anhand derer sich nach seiner Erfahrung irgendwann die Gruppe im Umfeld der Gemeinde aufteilt in diejenigen, die an Religion interessiert, vielleicht sogar fasziniert sind, und die, die "surrender to the Gospel" - sich dem Evangelium unterwerfen. Vielleicht hat dieses Projekt mich mehr als alle anderen ins Nachdenken und Grübeln gebracht, weil es mir durchaus schmerzhaft deutlich gemacht hat, dass meine Kirche mir als Grenzgänger irgendwo zwischen Postmaterialismus und Experimentalismus nur wenig Heimat bietet - und dass die nicht selten von Ekelschranken flankierten Milieugrenzen auch mitten durch die Pfarrerschaft verlaufen.      Heilig vuurEine Tochtergemeinde der Jeruzalemkerk ist die neu gegründete Gemeinde Heilig Vuur (Heiliges Feuer) im Amsterdamer Stadtteil Oud West, der im Jahr 2009 ein weißer Fleck auf der kirchlichen Landkarte wurde, als die letzte Kirche ihre Pforten schloss. Pfarrerin Marghrietha Reinders war zunächst mit dem Auftrag unterwegs, zu eruieren, welche Chancen Formen traditioneller Kirchlichkeit in dem Stadtteil, in dem 177 Nationen leben, haben. Ihre Antwort nach mehreren Monaten war ebenso klar wie erschlagend: "I realised: No way. There are no possibilities for traditional church life in this neighbourhood. That is a harsh result, very harsh. And it made me very sad - Ich musste einsehen: Es funktioniert nicht. Traditionelles kirchliches Leben hat in dieser Umgebung keine Chance. Das ist ein hartes Ergebnis. Und es machte mich sehr traurig.Sie und zwei Kolleginnen aus der Gemeindeleitung, übrigens die einzigen Frauen und die einzigen Nicht-Theologinnen, die uns bei unseren Besuchen begegnen, erklären, was sie als das größte Hindernis traditioneller kirchlicher Arbeit erlebten: Diese gehe immer noch von einem Mindestmaß an traditioneller Relevanz aus und wende sich so nur an Menschen, die bereits Erfahrungen mit Kirche gemacht haben. Auch sie beschreiben eine Rückbesinnung auf das kirchliche "Kerngeschäft" als Schlüssel zum Gemeindeaufbau: Ihre erste organisierte Aktivität bestand aus einem Bibelkreis in einer Kneipe; ausgehend von den Geschichten von Jesus und dem Leben und Lehren der Propheten formulierten sie ihr Anliegen: "Die Straße mit der Geschichte Jesu erobern (Conquer the street with the story of Jesus), um so im Kontakt mit Stadtmenschen neue religiöse Sprache zu entwickeln. Mittlerweile auf etwa 300 Mitglieder angewachsen, mietet die Gemeinde Räume in einem kommunalen Begegnungszentrum. Dort finden Filmabende, eine Seelsorgesprechstunde, eine Frauengruppe, Gebets- und Bibelkreise statt, stets mit anschließendem gemeinsamen Essen. Auch hier also wieder der Focus auf Grundvollzüge des christlichen Glaubens, und Marghrieta wird fast energisch, als sie feststellt, was uns auch schon Nynke Dijkstra in aller Deutlichkeit mitgegeben hat: "Without prayer, you cannot do anything." Die Bibelkreise sind erfrischend pragmatisch: "We are quite eager to understand Paul - he addressed the small communities, and we are one of those. - Uns ist sehr daran gelegen, Paulus zu verstehen - er hat sich an die kleinen Gemeinden gewandt, und wir sind eine solche. Neben der großartigen Idee, Bibelkreise in Kneipen abzuhalten (und dem wunderbaren Motto: When (nicht: if!) you lose your church, go to the pub) fasziniert mich in Heilig Vuur vor allem, wie Marghrieta in sympathisch-verhuschter, aber doch glasklarer Weise ihren eigenen Werdegang beschreibt: Ursprünglich eine "linke, marxistische, barthianische Theologin", habe sie festgestellt: "Theology... ja, it's nice... but without connection to people's lifes, it's just a nice hobby." Der etwas argwöhnische Kirchengeschichtler in mir erkennt in dem, was sie sagt, Züge einer klassischen Konversionserzählung, wenn sie sagt, sie sei zu einer "disciple of Jesus", einer Jüngerin Jesu geworden. Allerdings: Sie wertet ihren theologischen Lebenslauf nicht ab und sie beschreibt auch nicht die Bekehrung zu einem amerikanisiert-evangelikalen Lebensstil, sondern ist ihren gesellschaftspolitischen Idealen durchaus treu geblieben. Wer Marghrieta bei der Arbeit folgen will, kann das übrigens hier tun - auch hier hindern mangelnde Sprachkenntnisse kaum daran, einen Eindruck vom Charisma dieser Kollegin zu bekommen. Was vom Tage übrig bleibt...Vieles schwirrt mir nach dem Tag in Amsterdam durch den Kopf. Aus der Jeruzalemkerk nehme ich einen kindlich-trotzigen Wunsch mit: Ich will auch eine Empore mit einer Bar! Und die Frage, ob die Gemeinde so großen Zulauf hätte, wenn nicht rundherum Kirchen geschlossen worden wären. Das schmälert ihre Arbeit keineswegs (Jan Heinrich Claussen hat vor Jahren in der FAZ mal Kluges zu einer notwendigen "Theologie der Kirchenschließung" geschrieben), aber es bleibt eben als Frage.Aus Stroom-West begleiten mich zwei Gedanken: Zum Einen hänge ich weiter an der Milieuthematik. Mir geht zum Beispiel durch den Kopf, dass ich gegen viele kirchliche Arbeitsfelder, mit denen ich schlichtweg nichts anfangen kann, eigentlich kaum Theologisches einzuwenden habe, sondern dass meine Abneigung gegen Piet-Janssens-Lieder, Breitcord und Batik und mit deutschem Akzent intoniertes "Siyahaaamba" viel eher ästhetische Gründe hat, die letztlich mit meinem eigenen, milieuverengten Blick zu tun haben. Ganz hart gesagt: Ich werde mir meiner eigenen Ekelschranken bewusst. Und ich frage mich, ob irgendwann einmal ein Kreissynodalvorstand den Mut aufbringt, statt der x-ten Entlastungs- oder Krankenhauspfarrstelle eine church-planting-Stelle einzurichten. Heilig Vuur schließlich hat mir deutlich gemacht, dass leidenschaftliche missionarische Arbeit auch dann möglich ist, wenn man sich nicht einer amerikanisiert-evangelikalen Subkultur unterwirft. Ganz platt gesagt: Ich kann Gemeindearbeit missionarisch aufziehen, ohne gleich mein SZ-Abo durch Idea Spektrum zu ersetzen. Der Gedanke befreit und ermutigt. Was mich auch noch beschäftigt: Rikko und Marghrieta arbeiten beide mit jeweils nur einer halben Stelle. Wahrscheinlich werden sie ihren Gemeinden noch einiges an ehrenamtlicher Arbeit schenken, aber mir macht es doch deutlich: Die Strukturen müssen nicht das Problem sein. Und die überall zu greifende Konzentration auf Bibel, Gebet und gemeinsames Essen bleibt mir eindrücklich in Erinnerung. Das ist ja eigentlich genau das, was alle externen Experten, die wir ständig um Rat fragen, uns immer wieder gebetsmühlenartig vorsagen: Reduktion aufs Kerngeschäft. Und vielleicht steckt so in dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Großkirchen auch eine Chance, die wir gar nicht so oft sehen: Wenn es niemanden mehr interessiert, werden wir irgendwann aufhören, zu jedem nur erdenklichen Thema Denkschriften in die Luft zu blasen oder gesellschaftlichen Ereignissen eine religiöse Goldkante zu verpassen, und mit all dem eigentlich immer nur zu beteuern: "Wir sind auch noch da!"        

Montag, 8. Juli 2013

Niederländische Notizen - Teil 1: Vom Ende der Selbstverständlichkeit

Vla, hagelslag, stroopwaffels, Marco van Basten, klompen – in den Niederlanden gibt es vieles, das es anderswo selten bis gar nicht gibt. Unter anderem, wenn man auf die Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte guckt, ein klares Krisenbewusstsein und eine entwaffnend optimistische Art, damit umzugehen. Deswegen fand Anfang Juli ein vom westfälischen Amt für missionarische Dienste organisiertes Pfarrkolleg in den Niederlanden statt, bei dem Kolleginnen und Kollegen aus EKiR und EKvW Inspiration und eine Antwort auf eine Frage suchten, die sich vielleicht auch in Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft stellen könnte wird: 

Was passiert eigentlich, wenn alle Möglichkeiten, sich über Relevanz und Zukunftsfähigkeit der eigenen Volkskirche Illusionen zu machen, erschöpft sind? 

Vor dieser Frage stand, bzw. steht seit einigen Jahren die Protestantse Kerk in Nederland (PKN). Nachdem 2004 ein langer und schwieriger, unter dem Motto Samen op weg (gemeinsam unterwegs) unternommener  Fusionsprozess der drei größten evangelischen Konfessionen (hervormd, gereformeerd und luthers- Wikipedia weiß mehr) zum Ende gekommen war, stellte man bald darauf fest: Ups. Die Mitgliedszahlen sinken rapide, Kirchen stehen leer und werden veräußert (einen Einblick in die Praxis bietet ein NRZ-Artikel über eine auf Kirchengebäude spezialisierte Immobilienfirma), etwa eine Millionen Niederländer, oft mit einem ethnischen Hintergrund auf einer der ehemaligen Überseekolonien, sind in sog. Migrantenkirchen organisiert, mit denen es wenige bis gar keine Kontakte gibt. 

Den daraufhin eingeleiteten Umdenk- und Umprofilierungsprozess beschrieb Dr. Arjan Plaisier, Mitglied der niederländischen Kirchenleitung, mit der von ihm wesentlich mitverfassten (und mit 47 Miniseiten erfreulich kurzen) Handreichung Leben aus der Kraft Gottes (De hartslag van het leven). Am Anfang stand und steht das ernüchternde Bewusstsein, zu einer „schweigenden Kirche ohne Zukunft“ geworden zu sein. Dies führte zunächst zu einer Rückbesinnung auf die Frage, was ‚Kirche‘ eigentlich ist. Die Handreichung gibt eine ebenso simple wie zu manchen sonstigen Äußerungen großer Volkskirchen quer stehende Antwort:

Es ist ein besonderes Privileg, zu Glauben und zur Kirche zu gehören. […] In der Kirche werden wir in das Leben mit Gott eingeführt. Die Kirche ist mehr als nur ein Zusammenschluss von Menschen. Sie existiert durch die Gnade Christi. Er lebt und gibt Leben. Jesus ist keine unbestimmte Idee „von früher“, sondern eine Wirklichkeit hier und jetzt. Wo zwei oder drei in Seinem Namen zusammen kommen, da ist Er mitten unter ihnen. Da ist Kirche. […] Es gab eine Zeit, in der man meinte, die Kirche würde ganz selbstverständlich fortbestehen. Aber diese Zeit ist vorbei. Das kirchliche Leben ist vielerorts arg zusammengeschrumpft. Das Ende der Selbstverständlichkeit verunsichert viele Menschen und macht unsicher. Fragen wir Gemeindeglieder heute, wozu die Kirche dient, bleibt es oft still. Und es wird oft noch stiller wenn wir fragen: „Was glaubst du?“ […] Was wollen wir mit diesem Positionspapier erreichen? Das Ziel ist, Mut zum Glauben zu machen und zu zeigen, dass Kirche auch in dieser Zeit (wieder) Sinn macht. Wir denken dabei nicht an irgendwelche Tricks oder spektakuläre Neuerungen. Das würde nur kurz helfen. Nein, wir wollen zurück zum Kern, zum Ursprung: zum Herrn der Kirche.
- Leben aus der Kraft Gottes, 7f.

refdag.nl
Es lohnt sich, das ganze Positionspapier mal durchzulesen. Die Rückkehr zum Kern und Ursprung bedeutet in der niederländischen Lesart eben nicht das Festhalten an alten Formen und irgendwie gesicherten Pfründen, sondern das kreative Ausprobieren neuer Formen, das Evangelium versteh- und lebbar zu machen. In der Praxis geschieht das, in Anlehnung an die fresh expressions-Initiative der Church of England, durch die Förderung exemplarischer „Experimentierfelder“ (pioniersplekken), die durch ein in der PKN eingerichtetes Amt gecoacht und unterstützt werden um „den Enthusiasten Raum zu bieten“.

In diesem landeskirchlichen Missionswerk arbeitet Nynke Dijkstra, unsere zweite Referentin am ersten Abend in den Niederlanden. Seit 2008 hat sie zunächst die bestehenden missionarischen Aktivitäten innerhalb der PKN eruiert – und uns den guten Rat gegeben: „Don’t start with action.“ Nach einer einjährigen Tour durch 80 Städte war ihr Fazit: Skeptisch sind vor allem die Pfarrer, die ihre lang eingeübten und liebgewonnenen Rollenvorstellungen nicht aufgeben wollen und sich vor allem durch soziologisches Handwerkszeug überzeugen lassen. Weitaus aufgeschlossener seien die Presbyterien und Kirchenvorstände gewesen, die allerdings ihre eigenen Fähigkeiten, über den Glauben zu sprechen, als defizitär einschätzten. Zwei Arbeitsschritte schlossen sich an diese groß angelegte Untersuchung an: Die Zusammenarbeit mit einem soziologischen Institut (das mit der SINUS-Milieustudie vergleichbare Informationen lieferte) und der Herstellung von Material, mit dessen Hilfe in den Presbyterien und Gemeinden die Auskunftsfähigkeit im Blick auf den eigenen Glauben eingeübt werden kann, darunter ein Buch mit „zehn schwierigen Fragen“ (tien moeilijke vragen) und, was ich besonders toll fand, ein Übungs-Set mit DVD und allem Schnickschnack, um in Presbyterien die religiöse Sprachfähigkeit einzuüben. 

Auf institutioneller Ebene ist die gezielte Förderung innovativer Projekte angesiedelt, die vier Voraussetzungen erfüllen müssen: Sie müssen explizit missionarisch sein, sie müssen eine besondere Zielgruppe, die bislang nicht im Focus der Gemeindearbeit steht, anvisieren, sie müssen kontextbezogen sein – und von anderen protestantischen Kirchen in der Umgebung unterstützt werden. Diese Bedingungen scheinen mir durchaus sinnvoll zu sein, denn sie minimieren die Versuchung, die zumindest in Deutschland nicht allzu klein ist, einfach bestehende Gemeindearbeit mit einem neuen Etikett zu versehen und mit gutem Gefühl alles beim Alten zu belassen. Dass solche Projekte nicht einfach so aus dem Bestehenden hervorwachsen, wird nicht verschwiegen: „You need the pioneer type“.

In einer weiteren Runde durch die Niederlande, die demnächst ansteht, soll es um das Potenzial des Gottesdienstes gehen – also relativ spät im Rahmen des Projektes, denn, so Nynke Dijkstra: „The Gottesdienst is the last thing to think about.“ Das überrascht, gilt doch bei uns oft die Innovation des Gottesdienstes oft als Startpunkt einer Gemeindeerneuerung, etwa durch die Einführung der mittlerweile vielerorts etablierten „Gottesdienste im zweiten Programm“. Den Gedanken finde ich spannend und sinnvoll, wenn klar ist, dass es auch bei den anderen missionarischen Projekten um geistliche Aktivität geht. Gleichzeitig zeigt sich bei vielen Projekten und in vielen lebendigen Gemeinden auch in den Niederlanden, dass das nicht der Königsweg sein muss. 

Auf die Frage nach den wichtigsten Grundsätzen für erfolgreiche missionarische Neuorientierung antwortete Dijkstra wie aus der Pistole geschossen: „Three things: Prayer. Communication. Leadership. – Drei Dinge: Gebet, Kommunikation, Leitung.“ Sehr eindrücklich erzählte sie von den Reaktionen, wenn sie in Gemeinden fragt, ob man dort für einen Aufbruch beten würde – und in der Sitzung vorschlägt, gemeinsam zu beten. Und zwar, und das machte sie für mich nicht nur sympathisch, sondern auch glaubwürdig, ganz ohne evangelikales Pathos, weil sie, wie sie sagte, dies auch erst neu einüben musste. Jedenfalls frage ich mich im Stillen, wie oft wohl in Presbyterien (vom obligatorischen Vaterunser am Ende jeder Sitzung) gemeinsam gebetet wird und ob und wie sehr wir glauben, dass das irgendetwas ändern würde.


Am Ende eines langen, gleichermaßen inspirierenden wie herausfordernden ersten Abends sind mir drei Eindrücke besonders im Gedächtnis geblieben:

1.       Das ungeschönte Krisenbewusstsein, ein „sense of urgency“ und das Eingeständnis, mit den über Jahrzehnte selbstverständlichen und gleichermaßen diffusen Konzepten von „Volkskirche“ an einem Ende angekommen zu sein. Das vermisse ich in Deutschland, wo die Situation sicherlich weniger prekär als in den Niederlanden ist. Aber es kann durchaus auch nur eine Frage der Zeit sein, bis auch wir gar keine andere Wahl mehr haben. Vielleicht sind wir noch nicht so weit – bekanntermaßen ist Leiden ja einfacher als Verändern. Und vielleicht ist unser Leidensdruck noch nicht groß genug, vielleicht sind die pseudotheologischen Beschwichtigungsformeln, mit denen wir unsere Statistiken schön reden, noch zu wolkig und zu mächtig. Vielleicht kommen wir erst dann an diesen Punkt, wenn die letzte Generation, die noch durchgehend von kirchlichen Riten und Symbolen begleitet aufgewachsen ist und für die wir mit den üblichen Gottesdienstzeiten und –formen, Geburtstagsbesuchen, Gemeindebriefen und diversen Gruppen und Kreisen gefühlte 80% unsere Ressourcen verwenden, ausgestorben ist.

2.       Die erfrischende Klarheit, mit der die Vortragenden die Sachlage, ihre Impulse und ihre Inspirationen schilderten: „Die Kirche ist vielleicht am Ende – aber Gott nicht.“ Das mag an der Struktur der niederländischen Sprache liegen, das mag auch daran liegen, dass beide in einer ihnen fremden Sprache referierten – es soll ja auch eine gute Übung für Predigten sein, weil begrenzte Sprachkompetenz zur Klarheit nötigt. 

3.       Die Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf das, was Kirche im Kern ausmacht. Das würde, zumal in Deutschland, möglicherweise einen Abschied von vielen liebgewonnenen Aktivitäten unter den Dächern der Gemeindehäuser bedeuten – bei den Niederländern standen jedoch nicht die „notwendigen Abschiede“, sondern der Blick auf das Neue im Vordergrund. 

Soweit also die (natürlich schon etwas verdauten und zusammengefassten) Eindrücke vom ersten Abend. Wie all das in der Praxis aussehen kann, welche Eindrücke sich bei unseren Besuchen in niederländischen Gemeinden bestätigt haben und welche Fragen dort neu aufgebrochen sind – morgen gibt es hier mehr dazu!    

 Rustikales Wohnen in Amerongen...