Donnerstag, 17. Oktober 2013

Vom "Du" auf und unter der Kanzel

Während meines Studiums in Schweden habe ich an der Folkuniversitetet unterrichtet, und zwar Deutsch und Schwedisch (ein Hoch auf die Zweisprachigkeit!). In Anfängerkursen wurde jeweils dasselbe Thema lebhaft diskutiert, allerdings aus deutlich unterschiedlichen Perspektiven: Es ging um die Anrede. Im Deutschkurs war es den überwiegend schwedischen Teilnehmenden kaum begreiflich zu machen, welche Bedingungen in Deutschland an ein "Du" geknüpft sein können. Und im Schwedischkurs konnten gerade österreichischen, ungarischen, aber auch deutschen Studierende kaum nachvollziehen, dass das "Du" in Schweden nicht nur die voraussetzungslos gängige Anredeform ist, sondern dass außerdem der Versuch, seinem Gegenüber dadurch, dass man ihn oder sie siezt, besonderen Respekt entgegen zu bringen, geradezu kontraproduktiv sein und bei Angehörigen einer bestimmten Generation, die die Du-Reform noch selbst erlebt haben, zu geradezu ungehaltenen Reaktionen führen kann - weil das freundlich gemeinte "Sie" der Bankangestellten oder des Kellners als unhöfliche Distanzierung verstanden wird. 

(c) hejsweden.com
Hätte ich meinen Schülern gesagt, das fein gesponnene Netzwerk aus Regeln und Konventionen, das das vertrauliche "Du" im Deutschen umgibt, sei einfach zu durchdringen - es wäre glatt gelogen gewesen. Und gerade im Berufsalltag erlebe ich immer wieder Fallstricke, Unsicherheiten, Ungeklärtes.

"Der Herr segne Sie?" Och nööö...


Da gibt es einerseits das liturgische Du. Ist klar, die versammelte Gemeinde wird als Gemeinschaft aus Schwestern und Brüder angesprochen, und damit eben als "Ihr" oder (kollektiv) als "Du". Bei Traugesprächen weise ich das Brautpaar daraufhin, dass ich bei den Traufragen in diesen Sprachmodus wechsle. Mir ist aber aufgefallen, dass ich in der Predigt die Brautpaare, aber auch die gottesdienstliche Sonntagsgemeinde meistens (es sei denn, ich duze die Mehrzahl der Versammelten auch im persönlichen Umgang) sieze - vielleicht, weil Predigtsprache für mich keine liturgische Sprache ist. Letztere lebt zu einem nicht geringen Teil von einer gewissen Wiederholbarkeit, vielleicht sogar Formelhaftigkeit. Und so etwas versuche ich in der Predigt zu vermeiden, hier ist meine Alltagssprache prägender.

Im Konfirmandenunterricht lasse ich mich von den Jugendlichen duzen. Das hat mit dem Brauch in meiner Gemeinde zu tun, hinter dem ich aber voll und ganz stehe: Ich hege und pflege die vielleicht etwas pathetische Auffassung, dass a) der Konfirmanden- kein Schulunterricht und b) die Gemeinde eine Gemeinschaft von Glaubensgeschwistern ist, die sich den sie umgebenden gesellschaftlichen Konventionen zu einem gewissen Teil entzieht. Und wie viele andere, so mache auch ich hier die Erfahrung: Respekt und Autorität hängen nicht mit der Anrede zusammen. 

In diesen beiden Kontexten ist das relativ einfach zu regeln: Da bestimme ich, Punkt aus. Nur: Das ist ja leider/zum Glück nicht immer der Fall.

... wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen


(c) wikimedia.org - Synode te Dordrecht
Schwieriger wird es nämlich einerseits im Umgang mit Kolleg_innen - bei Facebook wird es derzeit unter Pfarrerinnen und Pfarrern lebhaft diskutiert. Ich habe den Eindruck, dass sich (vor allem) Pfarrer oft automatisch, zumindest recht schnell duzen. Das mag in anderen Berufssparten auch der Fall sein und zum Teil daran liegen, dass ein Großteil der Kollegen zu den älteren Post-68ern gehört. Jedenfalls erlebe ich es oft, dass das im persönlichen Gespräch nach zwei-drei Sätzen kurz abgeklärt wird ("Äh, wir duzen uns, oder?"), oder dass ich als neuer (und noch meist jüngster) Kollege in diesen Sprachgebrauch automatisch inkludiert werde. Wogegen ich überhaupt nichts habe, ich duze mich grundsätzlich gern und bin, wie schon erwähnt, der Auffassung, dass Nähe und Distanz auch auf anderem Wege ihren sprachlichen Ausdruck finden können. 

Manchmal wird das explizit gemacht; als ich anfing, Fortbildungen zu besuchen, habe ich das mir neue Konzept des Kurs-Du kennen gelernt - man duzt sich im Rahmen der Fortbildung, ohne sich für die Zeit danach darauf zu verpflichten. Es geht auch andersherum: Ab und an sind mir Menschen, mit denen ich mich duze, in Prüfungszusammenhängen begegnet. Da sind wir nach kurzer Regieanweisung zum Prüfungs-Sie übergegangen. Differenziert denkende Menschen dürften damit kein Problem haben.

Oft findet das aber geradezu im Vorbeigehen statt, und hier erlebt man ab und zu, dass Vorgesetzte uneindeutig sind. Da rutscht plötzlich ein "Du" raus, wiederholt sich vielleicht - und ich stehe dumm da und weiß nicht: Wie soll ich die jetzt anreden? Nehme ich das (nicht ausdrücklich erwünschte) "Du" - und überspringe damit übergriffiger Weise an und für sich sinnvolle Grenzen? Oder sieze ich weiter - und riskiere damit, irgendetwas zu markieren, das ich gar nicht will? 

Ich bin grundsätzlich immer dafür, solche Irritationen anzusprechen und zu klären - nur: Es gibt im Deutschen ja auch dahingehend Konventionen, wem es zusteht, solche metakommunikativen Diskurse vom Zaun zu brechen: Der Ältere bietet es dem Jüngeren an, die hierarchisch höher Gestellte derjenigen auf niedrigerer Gehaltsstufe, die Frau dem Mann (letzteres halte ich für im Kern sexistisch, auch, wenn das sicherlich im Einzelfall nicht so beabsichtig ist. Aber ich meine ja auch, dass Standardtanz mit dem ganzen "Führen" und "Geführt Werden" ins Neandertal gehört - skandinavische Sozialisation halt!). 

Grüß Gott, Herr Pfarrer..!


Ach ja, diese Regeln - das macht es auch mit dem Rest der Gemeinde nicht einfacher. Ich habe gelernt: Im Deutschen bietet der Ältere dem Jüngeren das "Du" an. Also warte ich geduldig, denn aufgrund der kirchenpolitischen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte bin ich in der Kirche jenseits von Kinder- und Jugendarbeit als 31jähriger immer der Jüngere. Mittlerweile stelle ich aber fest: Es gibt noch andere Kriterien, an denen sich so etwas entscheiden kann. Und in einer bürgerlichen Hierarchie, die vielerorts zumindes in den Köpfen noch eine Rolle spielt, stehe ich als Pfarrer qua Amt relativ weit oben - bin also derjenige, von dem hier die Initiative erwartet wird. Was wiegt denn nun schwerer? 
Und: Sind mit der Frage nach dem Du und dem Sie nicht auch Aspekte tangiert, die über den rein privaten Sprachgebrauch hinausgehen? Im Kreise hauptamtlich Mitarbeitender habe ich mehrfach den Eindruck gehabt, dass es da Abstufungen gibt: Die Pfarrer_innen duzen einander quasi automatisch und andere Mitarbeitende mit Hochschulbildung (den Kantor oder die Gemeindepädagogin) recht schnell, Küster oder Gemeindesekretärinnen eher selten und höchstens nach vielen Jahren gemeinsamen Dienstes, während Kirchenmusikerinnen und Jugendleiter mit der Küsterin öfter per Du sind. Ist es Zufall, dass diese Abstufungen mit den Gehaltsstufen korrelieren? Ich glaube ja nicht, und ich kann verstehen, dass einer der Haupteinwände gegen die Differenzierung zwischen Du und Sie lautet, dass sie Hierarchien sprachlich und damit gedanklich verfestigt. Und ist das irgendwo unangebrachter als in einer Gemeinde, in der, wie wir aus Galater 3 wissen, "weltliche" Statussymbole und -elemente doch keine Bedeuung haben (sollten)?

Dritte Wege


Es gibt ja eine ganze Reihe von Möglichkeiten, den mit der Anrede verbundenen Schwierigkeiten auszuweichen. Gerade in Fällen, in denen man sich nicht sicher ist, kann man oft ganz jovial von einem "wir" oder scheinbar neutral von einem "man" sprechen. Wenn man ein Du anstrebt, aber nicht derjenige sein will, der die Gretchenfrage stellt, kann man mit karikierenden Übertreibungen darauf hinwirken ("Frau Kantorin, ...?!"). 

Mir fällt auf, dass ich in wenigen Fällen einen dritten Weg beschreite und manche Menschen in der zweiten Person Plural anspreche ("Ihr"). Das ist der Fall bei manchen Russlanddeutschen, die eine solche Anrede gewohnt sind. Oder bei älteren Urgesteinen der Gemeinde, mit denen ich Kölsch spreche, also in ihrer Mutter- und meiner Zweitsprache ("Frau Schmitz, wie isset üch dann hück?").

(c) Ich und Du / pixelio.de


Fragen über Fragen also. Wie haltet Ihr es mit dem Du und dem Sie? Ach so, im Internet gilt das "Du" als gängigste Anrede, das "Sie" mitunter fast als Beleidigung. Von daher...

Und immer wieder gut: Loriots Kosakenzipfel!


Kommentare:

  1. Ich finde die Praxis des "Kurs-Du"immer noch kurios. Nur "die gestaltete Mitte" ist noch kurioser.

    Bei mir läuft es unter "typisch evangelisch". Ich bin jemand, der nicht besonders schnell duzt. Wenn ich alleine Kurse leite, dann sieze ich - und je nach dem kommt es während des Kurses zum Du oder auch nicht.

    Ich drücke mich um das Kurs-Du herum. Wenn ich mit jemand anderem einen Kurs leite, das ist dann ein/e evangelische/r Pfarrer/in, dann schiebe ich das Kurs-Du auf sie / ihn ab und sage in der Vorbesprechung, daß ich es nicht einführen werde, aber er es einführen kann wenn er mag.

    Bei Kursen, in denen die Mehrzahl der Teilnehmenden aus dem Bereich der EKiR kommt, ist man am Kursende ziemlich sicher beim Du. Scheint eine Mentalitätsfrage zu sein. In Aufbaukursen, in denen ich meist die Mehrzahl der Teilnehmendenen kenne und es mir zu umständlich wäre, beides abzudecken, frage ich die unbekannten Teilnehmenden, ob das DU für sie in Ordnung wäre. Da gibt es dann durchaus den Wunsch nach der Mischform Vorname-und-Sie, wenn ich die Person einzeln anspreche (nicht-Rheinland!).

    Wenn ich PfarrerINNEN eines Kirchenkreises im Kurs habe, dann spreche ich auch mit der Co-Leitung ab, daß kein Kurs-Du eingeführt wird - auch nicht im Rheinland ;-) . Ich möchte das Binnengleichgewicht und die Verhältnisse wie sie gewachsen sind, nicht stören.

    Im Frankreich, wo man tendentiell langsamer beim Du landet als in Deutschland, war ich ganz erstaunt darüber, daß gleich am Anfang des Kurses gesagt wurde, es sei üblich sich zu duzen. Ich empfand das sehr schnell als stimmig, denn tendenziell haben die französischen Kursteilnehmenden sehr viel mehr persönlich über sich und ihre jeweilige Situation erzählt als ich das aus den Kursen im deutschsprachigen Raum kenne. Das mag aber auch damit zu tun haben, daß die evang. Kirche in Frankreich sehr klein und über das ganze Land verteilt ist und die Pfarrer nicht die Strukturen wie hier haben, wo man sich regelmässig aus Kirchenkreisebene trifft. Von daher ist das Bedürfnis nach persönlichem Austausch ein anderes. Außerdem dauern die französischen Pastoralkollegs von Dienstag bis Dienstag.

    In den Pastoralkollegs und TPIs in den neuen Bundesländern ist das Kurs-Du übrigens nicht so selbstverständlich und eingeführt wie in den alten Bundesländern.

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    1. Hallo und vielen Dank für die geteilten Erfahrungen! Den Hype um die gestaltete Mitte kann ich auch nicht wirklich nachvollziehen - umso schöner, dass man bei Bibliologen gute Gründe hat, eine solche nicht hinzustellen. Auch das Kurs-Du war und ist für mich neu und irgendwie auch fremd, aber das hängt vielleicht am Ehesten damit zu tun, dass ich solchen "offiziellen Ansagen" skeptisch gegenüber stehe - ich frage mich, ob es wirklich möglich ist, sich dagegen auszusprechen, wenn man nicht damit einverstanden ist. Und ich habe auch noch nie erlebt, dass das Duzen am Ende eines Kurses endet - auch nicht in Fällen, in denen es die Kommunikation eher stört, wenn sich zum Beispiel zwei Teilnehmende schon länger kannten und einander bislang siezten.

      Stimmt, das "Hamburger Sie" (Vorname und Sie) funktioniert im Rheinland nicht - und wahrscheinlich hängt es tatsächlich viel an der Mentalität.

      Sehr einleuchtend finde ich die Praxis, als Kursleitung nicht in gewachsenen Kommunikationsstrukturen einer bereits bestehenden Gruppe einzugreifen.

      Dass es in den neuen Bundesländern nicht so geläufig ist, war mir neu und wundert mich fast ein bisschen - die Diasporasituation ist ja doch stärker gegeben als in Frankreich.

      Herzliche Grüße von den Kirchengeschichten

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  2. Im Beruf wird bei mir auf der gleichen Hierarchieebene meist geduzt, ansonsten dann, wenn man sich anderweitig kennt, ansonsten gesiezt. Als Lehrling habe ich damals noch das sog. 'Hamburger Sie' (Sie + Vorname) kennengelernt, das heute aber kaum noch üblich ist. Kurs-Du kenne ich auch, Rücknahme ist eher selten.

    Ich sehe die Entwicklung zum Du im Beruf ambivalent. Für mich ist das in beruflichen Zusammenhängen mehr mit den USA als mit Schweden assoziiert, wo man sich scheinbar immer duzt, auch unheimlich offen und herzlich tut, dahinter aber viel in Master-Slave-Denke unterwegs ist und Leute schneller und emotionsloser feuert, als das hier üblich ist. Da ist mir der Stil und die Differenzierung des freundlichen Sie schon lieber.

    Schön fand ich mal die Geschichte von Kishon, wo er Gott siezt...

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    1. Hallo und danke für den Kommentar!
      Die Rückname eines Kurs-Du habe ich auch noch nicht erlebt, und frage mich, ob das nicht auch etwas mit sozialem Zwang zu tun hat?

      Die Geschichte von Kishon muss ich glatt mal raussuchen. Im Niederländischen, wo man ja auch relativ schnell und gerne duzt, wird Gott ja gesiezt...

      Herzliche Grüße von den Kirchengeschichten

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