Sonntag, 13. Juli 2014

Faust öffnen, loslassen, frei werden - zu Röm 12,17-21

Irgendwie hat sich die Predigt auf der Kanzel dermaßen verändert, dass es nur schwer möglich ist, sie hier einzustellen. Aber schön, wenn zwischendurch immer wieder deutlich wird, dass Predigt ein dialogisches Geschehen ist. Deswegen hier nur mein "Aufhänger" (es ging allerdings eher um das Thema "Loslassen und Freiwerden" als um die Suche nach Wasser...) und der Predigttext.



Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht: Haltet Frieden mit allen Menschen! Übt nicht selber Rache, meine Geliebten, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum! Denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache, ich werde Vergeltung üben, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.


Samstag, 12. Juli 2014

Blumen. Gießen. Tränen - Preacher-Slam auf der Landesgartenschau

"Bergsommer" (by Nussjeck / pixelio.de)
(c) Nussjeck / pixelio.de


Wenn sommerzeits die Blumen sprießen,
geht es auf zur Riesen-
Party auf die Wiesen.

Unter Sonnenstrahlen, 
die seit den frühen
Morgenstunden vorglühen
klatscht der Mohn
den Beat im Beet
das Espenlaub zittert
und zuckt im Takt
und wippt mit einem Beifuß,
die Blumen, denen schon die Puste
ausgegangen ist, verziehen sich
an die Bar,
da lehnt seit einem Weilchen
der Enzian,
er ist so blau, blau, blau
wie ein Veilchen,
aber nur die harten
kommen in den Garten.
Und die schönen!
kichert die Kamille
mit der Vanille,
sie lästern über das zu enge Outfit
von Fettkraut und Butterblume,
aber denen ist das egal,
sie wollen keine Mauerblümchen mehr sein,
nicht als Trockenblumen enden
lieber verblühn als verwelken,
schmeißen sich einem Typ an den Stängel,
der sich aufführt wie der Waldmeister
und gerade an einem steilen Löwenzahn rumgräbt,
will ihn zu einem schattigen Plätzchen locken
wo die ganzen Bestäubungswilligen hocken,
wo die Löwenmäulchen züngeln,
die Rosen sich kosen,
und die Wicken… ach, die wollen immer nur reden,
sie rufen den Mimosen
schüchtern zu: Vergissmeinnicht,
und raunzen eine Klette an:
Kräutchen, rühr mich nicht an!
In dunklen Ecken auf langen Stielen
stehen und dealen
das Hanf, das Gras, die Engelstrompete
und all die anderen Nachtschattengewächse,
vor denen das Mutterkraut Euch immer gewarnt hat.

Doch hier, von oben
sieht man nur ein Meer aus Blüten
im Sommerwind wogen,
Flower Power, Love Parade,
und ich will durch die Wiese toben,
zwischen den Pflanzen tanzen
in Blumenerde wühlen,
mich frei und als kleiner Teil
vom großen Ganzen fühlen.
mich im grünen Gras rollen,
durch die Landschaft tollen –

wären da nicht
die beschissenen Pollen!

Ja, ich habe Heuschnupfen
und würde am Liebsten das ganze Zeug ausrupfen,
und denen, die sagen:
Sommer ist, was in deinem Kopf passiert,
denen kann ich gerne mal fest vor denselben schlagen
und dann scheinheilig fragen,
wie sich das für sie so anfühlt,
mit triefender Nase und dicken Augen,

die kaum noch zum Gucken, nur noch zum Tränen taugen.

Und wie ich so steh'
und auf die Natur glotze,
mein Gesicht ganz nass
von Tränen, Schleim und Rotze,
denk' ich:
Ey, ist das gemein,
muss das immer so sein,
gibt's keine Liebe ohne Zorn,
keine Rose ohne Dorn?!
Warum kann man nur siegen
wenn andere verliern,
und warum gibt's Schokolade
nur mit ganz viel Kalorien?!
Und ich schrei' in den Himmel:
"Gott, was soll die Scheiße?!" -
und ich hör seine Stimme, er
sagt: "Jetzt mal leise!
Gefährlich ist immer, aber
ganz ehrlich: Viel schlimmer
wär langweilig.
Und richtig perfekt wird es sowieso selten
in dieser der besten aller schlechtesten Welten.
Und Ambivalenztoleranz
ist nur ein Anagramm für
Das Leben ist ein Ponyhof.
Du kannst es machen
wie die Feigen und Zarten
und dein Leben lang auf die perfekte Welle warten,
die vielleicht niemals kommt.
Aber die Harten,
die gehn in den Garten.
Also los!"

Dienstag, 8. Juli 2014

Kirchenschwedisch - ein bisschen Fachvokabular für Interessierte

(c) kirchengeschichten.blogspot.de - Tack mamma för den fina bilden ;-).

In NRW sind die Sommerferien gerade losgegangen, und so manche Ferienfreizeit führt nach Schweden. Woher die unleugbare Sympathie für dieses Land unter Kirchenmenschen kommt, harrt noch einer genaueren Untersuchung; meine Arbeitshypothese ist, dass Schweden seit den 1970ern ein beliebtes Reiseziel gerade für Familien aus einem bildungsbürgerlichen und/oder alternativen Milieu gewesen ist und viele Pfarrer_innen und andere Hauptamtliche dort als Kind gewesen sind. Aber das sind Vermutungen, um die es jetzt auch gar nicht geht. Jedenfalls: Manch Eine_r hat sich ja vielleicht im Vorhinein ein paar Sätze in der Landessprache reingepaukt. Den oft in Reiseführern zu lesenden Satz, dass „die Schweden sich sehr freuen, wenn man sich die Mühe macht, ihre Sprache zu sprechen“, möchte ich an dieser Stelle ein bisschen relativieren: Natürlich hat es etwas mit Höflichkeit zu tun, dass man nicht einfach auf Leute zuläuft und sie auf Deutsch vollquatscht. Von daher ist es sicherlich gut und richtig, wenigstens ein paar Standardphrasen dreschen zu können, allen voran richtig und oft „Danke“ (tack) zu sagen – das tun Schwed_innen nämlich gewohnheitsmäßig weitaus öfter als Deutsche oder andere Kontinentaleuropäer. Nur: Die meisten Einheimischen können besser Englisch als die meisten Deutschen, und wahrscheinlich auch besser Deutsch als sie Schwedisch. Von daher sollte man sich nicht täuschen lassen, selbst wenn das Gegenüber artig bekundet, dass man ja sehr gut Schwedisch könne, wartet er oder sie meist darauf, in eine Sprache zu wechseln, in der die Kommunikation flüssiger läuft. Aber für alle, die schon ein bisschen was können, denen aber das Vokabular fehlt, um aus der eigenen Berufs- und Lebenswelt zu erzählen, gibt es hier einen kleinen Ausflug ins Kirchenschwedische. Vielleicht wird das bei Bedarf und Interesse auch noch einmal ausgebaut, mal sehen. Ein bisschen was an Grundlagenwissen ist vorausgesetzt, d.h. ich erspare mir in den meisten Fällen Hinweise zu Aussprache und Grammatik. Jetzt aber los. 

Kirche und Gemeinde 

„Kirche“ kann im Deutschen ja so einiges meinen: Das Gebäude, die Institution, das theologische Konzept. Im Schwedischen ist es zum Glück genau so, und es gibt auch nur ein Wort: kyrka, auf Hinweisschildern und Landkarten oft als k:a abgekürzt. Wenn sie größer und Sitz eines Bischofs (biskop) und damit die Hauptkirche einer Diözese (stift) ist, dann domkyrka. Gerade in ländlichen Gebieten liegt um die Kirche herum der kyrkogård (wörtlich: „Kirchhof“), also der Friedhof. Ähnliches gilt für das Wort Gemeinde (församling), damit kann eine kleinere Verwaltungseinheit innerhalb einer Religionsgemeinschaft (samfund), aber auch die konkret versammelte Schar von Gottesdienstbesucher_innen gemeint sein. Im Gegensatz zum Deutschen ist damit aber nie die Kommunalgemeinde gemeint. Eine Gemeinde kann ihrerseits in mehrere Bezirke (distrikt) aufgeteilt sein, und ist Teil eines Kirchenkreises (kontrakt), der vom Superintendenten (kontraktsprost) geleitet wird.

Billdals kyrka am Rand von Göteborg - "meine" alte Kirche. Bild: stefanity@photobucket.com


Berufe und Personen 

In der Gemeinde leben und arbeiten eine Reihe von Menschen. Zum Beispiel Pfarrerinnen und Pfarrer, beide nennt man (weil in Schweden Berufsbezeichnungen grundsätzlich unisex sind) präst, also wörtlich „Priester“, und das ist in der Tat auch so gemeint, weil sie, ähnlich wie ihre anglikanischen Kolleg_innen, geweiht werden. Deswegen spricht man auch von prästvigning, nicht von „Ordination“. Das Wort pastor gibt es natürlich auch, klingt aber sehr nach Freikirche (frikyrka). 
Innerhalb der Priesterschaft wird je nach Aufgabe weiter differenziert: Der oder die kyrkoherde (wörtlich „Kirchenhirte“) ist so etwas wie ein hauptamtlicher Presbyteriumsvorsitzender; sie sitzt im Kirchenvorstand (kyrkoråd), der etwas anders gewählt wird als in Deutschland, und ist Chef oder Chefin der gesamten Gemeinde. Wenn es in einem Bezirk mehrere Pfarrer_innen gibt, ist eine den anderen übergeordnet und heisst dann distriktspräst, ansonsten spricht man von komminister (mit Betonung auf dem letzten „i“). In der Regel sind die Pfarrerinnen am Kollarhemd (frimärksskjorta) erkennbar, aber hier muss man auf die Farbe gucken: Ist das Hemd grün, handelt es sich um einen diakon, ist es in Rot- oder Lilatönen gehalten, hat man eine Bischöfin (biskop), vielleicht sogar die Erzbischöfin (ärkebiskop) vor sich sitzen. Die stammt allerdings aus dem westfälischen Herdecke und wird deutsch mit einem sprechen. 



Bevor man geweiht wird, studiert man Theologie (läsa teologi) und macht eine Ausbildung am Predigerseminar (pastoralinstitut), entweder in Lund oder Uppsala. Danach ist man Vikarin oder Pfarrer z.A. und arbeitet zunächst mit reduzierter Stundenzahl als pastorsadjunkt. Übrigens haben auch in Schweden die Assessmentcenter Einzug gehalten, jede_r angehende Theolog_in muss an einer uttagningskonferens teilnehmen.

Daneben gibt es natürlich eine Reihe anderer Berufsgruppen: Im Gemeindebüro (församlingsexpedition) sitzen Sekretäre (sekreterare), kamrer (Verwaltungsmitarbeiter), manchmal auch ein klockare, also ein „Glöckner“. Ursprünglich war das eine Art Küster oder Mesmer, gerade an der Westküste hat aber die traditionelle Aufgabe des Kollektenzählens Überhand genommen, sodass der Glöckner hier eine Art Schatzkirchmeister ist. Der Küster heißt schlicht vaktmästare, also „Hausmeister“. Auf dem Gemeindeamt haben aber auch andere Mitarbeitende ihr Büro, etwa die Organisten und/oder Kantoren (heißen genauso), also die Kirchenmusiker (kyrkomusiker). Daneben gibt es in der Regel auch Gemeindepädagogen (församlingspedagog), mit ähnlichen Aufgaben befasst sind die „Gemeindeassistenten“ (församlingsassistent). Oft gibt es einen Kindergarten (förskola) mit entsprechendem Personal (förskollärare). 

Im Gottesdienst 

Gottesdienst (gudstjänst, mit kurzem „u“) wird meist mehrfach wöchentlich gefeiert, allerdings differenziert man hier ähnlich wie in der katholischen Kirche: Streng genommen meint gudstjänst den Wortgottesdienst, ansonsten spricht man auch hier von Messe (mässa), und da von Wochenmesse (veckomässa), wenn sie alltags, von Hochamt (högmässa), wenn sie sonntags stattfindet. Den Anfang macht meist ein Lektor (kyrkvärd), der die Anwesenden begrüßt und zu Gebet und Stille einlädt („Nu stillar vi oss inför gudstjänsten“). Dann ziehen unter stehendem Gemeindegesang die Hauptbeteiligten ein, meist geht ein Jugendlicher mit Tragekreuz voraus, dann folgen die Übrigen, am Ende der/die Liturg/in mit dem Abendmahlsgeschirr. Man verneigt sich vor dem Altar (altare), dann geht jeder an seinen Platz. Gebete werden in der Regel mit dem Rücken zur Gemeinde gesprochen, Lesungen und Predigt (predikan) von Ambo (heißt auch so) oder, falls vorhanden, von der Kanzel (predikstol) aus. Zum Abendmahl (nattvard) begibt man sich zum Altarring (altarring), meist wird die Kommunion kniend empfangen, in Kombination mit Wandelkommunion: Wer fertig ist, steht auf und macht Platz für den Nächsten, der dann Brot und Wein (bröd och vin) empfängt. In Schweden werden fast durchgehend glutenfreie Oblaten gereicht und starker Wein bevorzugt, etwa Marsalla). 

Am Schluss spricht der Liturg den aaronitischen Segen (välsignelse), mit trinitarischem Schluss und Kreuzzeichen (korstecken), danach ziehen alle wieder aus. Die Kinder sind während des Großteils des Gottesdienstes meist im Kindergottesdienst (söndagsskola). Das Vaterunser (Herrens bön) existiert momentan in zwei Varianten, einer älteren (Fader vår) und einer jüngeren (Vår fader), wobei letztere nach einer längeren Übergangszeit auch in den Auslandsgemeinden nun eingeführt wird. Wer sich mal einen schwedischen Gottesdienst angucken möchte, kann das entweder in den vier Auslandsgemeinden in Deutschland (Berlin, Frankfurt, Hamburg, München) tun, oder sich einen Fernsehgottesdienst im Internet angucken - www.svt.se/gudstjanst/.

(c) Arne Hyckenberg / dagen.se

Ein absolutes Muss ist das Kirchenkaffee hinterher (kyrkkaffe), bei dem es meistens mehr zu essen gibt als die in Deutschland üblichen Kuchen und Plätzchen (kakor); meist steht Brot, Butter, Käse und Marmelade auch bereit. Gesungen wird natürlich auch, das Gemeindelied heißt psalm und steht im psalmbok; wenn man die biblischen Psalmen betet, spricht man vom psaltarpsalm (das „p“ wird in beiden Fällen nicht gesprochen).

Die liturgische Gewandung in Schweden entspricht weitestgehend der in der anglikanischen Kirche: Zum Gottesdienst trägt man alba und stola, vor dem Abendmahl wird eine Kasel (mässhake) übergestreift. Es gibt auch Talar (kaftan) und Beffchen (elva), diese finden aber höchstens noch bei Beerdigungen (begravning, jordfästning) Verwendung. In Wortgottesdiensten wird auch oft Rochette (röcklin) mit Stola getragen. Zu besonderen Alltagssituationen haben die Kolleg_innen neben dem Kollarhemd noch eine andere Option: In Schweden ist es noch vielerorts üblich, bei Einladungen einen Dresscode (klädkod) auszugeben. Bei hohen diplomatischen oder akademischen Feiern, manchmal auch bei Hochzeiten, wird hier högtidsdräkt gefordert, also noch eine Stufe über der Abendkleidung. Konkret heißt das: Frack und Ballkleid, oder aber Gesellschaftsuniform, Volkstracht – und bei Pfarrerinnen und Pfarren, sofern vorhanden, Lutherrock (prästrock).

Andere Aktivitäten 

Auf jeden Fall gibt es Konfirmandenunterricht (konfirmandundervisning), wenn man in diesem Rahmen auf Freizeit fährt, nennt man das (konfirmand-)läger. Und mitunter gibt es auch Sommerfreizeiten, die nennt man entsprechend sommarläger. Oft sind hier jugendliche Teamer beteiligt, so genannte konfirmand- oder hjälpledare. Interessanter Weise gibt es im Schwedischen kein direktes Wort für „ehrenamtlich“, deswegen spricht man meist von frivillig, freiwillig. In einer singenden Nation wie Schweden gibt es natürlich den einen oder anderen Chor (kör), zum Beispiel einen Kinder- oder Jugendchor (barnkör, ungdomskör). Auch in Schweden gibt es natürlich die eine oder andere Sitzung (möte). 


Soweit erstmal. Wie gesagt, bei Interesse demnächst mal mehr!

Montag, 7. Juli 2014

Gegen das Beklatschen des Toleranzpreises für die Hessen-Nassauische Kirche

Ausschnitt aus: Wilhelm Linnig d.J., Luther predigt auf der Kanzel (um 1880), (c) kunstkopie.de / kirchengeschichten.blogspot.de (Montage)

Manchmal ist es soweit: Da packt einen der heilige Zorn, und während alle anderen klatschen, möchte man selbst aufspringen und mit prophetenhaft bebender Stimme zur Buße rufen. 
So wie ich jetzt gerade. Am Wochenende war wieder Karneval in Köln, weil Sommer ist, nannte man das aber nicht so, sondern sprach vom Christopher-Street-Day. Am Rande dieses mehrtägigen Großevents fand im Gürzenich die Verleihung der "Kompassnadel" statt, eines undotierten Preises, mit dem das Schwule Netzwerk und die AIDS-Hilfe NRW besondere Verdienste um Toleranz auszeichnen. Preisträger in diesem Jahr war der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung, dessen Kirche im vergangenen Jahr als erste evangelische Landeskirche die gottesdienstliche Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften quasi mit der kirchlichen Trauung gleichgestellt hat. Evangelisch.de jubelt heute: "Beim Verleih der 'Kompassnadel' treffen sich Kirche und CSD - mit Applaus". 

Soso. Die EKHN behandelt "Ehe" und "gleichgeschlechtliche Partnerschaften" gleich, die Aktivistenverbände honorieren das mit einem Preis, ein Innenstadtkollege hält die Laudatio, und alles klatscht und freut sich, auch und gerade das evangelische Köln. Und ich fasse mich an den Kopf und denke: Das kann doch nicht wahr sein!

Wer diesen Blog kennt und bis hierhin gelesen hat, wundert sich jetzt vielleicht. Und ich disclaime direkt: Keine Sorge, ich habe nicht die Seiten gewechselt und gröhle jetzt gemeinsam mit Christl Vornholt, Hartmut Steeb und allen anderen. 

Trotzdem ist für mich die Preisverleihung an den EKHN-Kirchenpräsidenten neben aller Freude auch ein Anlass zum Ärger. Und, ja, vielleicht bin ich da ein bisschen wie der Kölner Karnevalsfunktionär, der sich grämt, weil (ausgerechnet!) "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" mehr Einschaltquoten erntet als die Prunksitzung des Festkomitees. 

Aber: Der Preis für die hessisch-nassauische Kirche ist auch eine Erinnerung daran, dass wir im Rheinland unsere Hausaufgaben (noch) nicht gemacht haben! Das bislang letzte Wort in dieser Sache ist der Beschluss Nr. 42 der Landessynode 2000, dort heißt es unter anderem:

"Gleichgeschlechtliche Paare in verbindlichen Lebensgemeinschaften werden wie alle Gemeindeglieder seelsorglich begleitet. Es kann für diese Paare auch eine gottesdienstliche Begleitung geben. Dabei handelt es sich nicht um eine Amtshandlung. [...] Die gottesdienstliche Begleitung ist in der liturgischen Gestaltung von der Trauung deutlich zu unterscheiden."

Es kann durchaus sein, dass die EKiR damit im Jahr 2000 vorbildlich agiert hat, I wouldn't know, ich war damals noch in der Schule, und natürlich kann man immer mit der Arroganz der Spätgeborenen nöhlen, die Altvorderen seien nicht konsequent genug gewesen. Aber: Seitdem sind 14 (in Worten: vierzehn!) Jahre vergangen, Zeit genug auch für pietistische oder reaktionäre Regionen und Gruppen, von denen es im Rheinland recht wenige gibt, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Gottes Pläne mit den Menschen nicht immer mit unseren spießbürgerlichen Lebensentwürfen konform gehen. Langsam ist es doch an der Zeit, endlich unsere theologischen Grundlagen konsequent weiterzudenken. Damit meine ich nicht, dass Kirche  um jeden Preis "liberaler" oder "toleranter" werden muss, sondern: Es gibt keine kirchliche Trauung! "Die Ehe ist ein weltlich Ding", hat bekanntlich schon Luther gewusst, und aus diesem Grund werden in evangelischen Gottesdiensten keine Ehen geschlossen, sondern bestehende Ehen gesegnet, für sie gedankt und gebetet. Es gibt keinen theologisch zu verteidigenden Grund für die seltsame und gänzlich untheologische, da nur politisch motivierte Einschränkung: "Die gottesdienstliche Begleitung ist in der liturgischen Gestaltung von der Trauung deutlich zu unterscheiden." Auch, wenn es natürlich eine gewisse behördenkirchliche Tradition hat, schwierige theologische Fragen hinter Verwaltungsentscheidungen zu verstecken.

Die Entscheidung der EKHN macht dieses Versäumnis auf schmerzhafte und peinliche Art deutlich, und wer bei der Preisverleihung für Volker Jung geklatscht hat, sollte das Seine tun, dass dem abgeholfen wird. Das geht ganz schnell: Brief ans Presbyterium, die nächste Kreissynode möge an die nächste Landessynode den Antrag stellen, hier endlich Klarheit zu schaffen. Sogar in Westfalen (!) hat das schon ein Kirchenkreis geschafft.

In diesem Sinne - an die EKHN herzliche Glück- und Segenswünsche. Und an alle anderen: Ite, missa est!

Donnerstag, 3. Juli 2014

Wort zum Sonntag?



Jaja, es ist ja noch kein casual friday, aber: Man muss ja die Bilder machen, wie sie kommen. Oder so. Übrigens: Das Wort zum Sonntag versucht sich gerade an einer Verjüngungskur und hat zu einem Wettbewerb aufgerufen. Die Nominierungsphase ist jetzt vorbei, ab sofort kann abgestimmt werden. Wenn man sich das bisherige Ranking anguckt, drängt sich der Verdacht auf, dass nicht unbedingt nur diejenigen viele Stimmen kriegen, die besonders gute Videos gemacht haben, sondern auch und vor allem die, die einen großen Verein und dementsprechend viele Groupies hinter sich haben. Ich finde ja, dass die Poetry-Slammerin auf einem unverdient abgeschlagenen Platz ist, aber guckt selber mal rein unter


Mittwoch, 2. Juli 2014

Wenn möglich, bitte wenden!


Als Einstimmung auf Sonntag (Ez 18) ein kleiner Text vom letzten Slam-Poetry-Gottesdienst. Ausgangspunkt war eine seit dem Hebräischkurs im ersten Semester schwelende Textidee - denn im Hebräischen heißt Prophet nav'i. Das schreit ja förmlich nach Bearbeitung! In Schriftform nicht ganz wiederzugeben ist der Mitmachcharakter - der Kehvers Wenn möglich, bitte wenden! wurde auf Handzeichen jedes Mal von der Gemeinde gesprochen. 

(c) Volker Derlach

WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
Du fährst.
Der Fahrtwind krault dir das Haar,
die Sonne scheint dir auf den Arm,
alles ist super, alles ist wunderbar!
Und während du cool
durch die City cruist
mit dem Radio mitgroovst
und den Takt schlägst mit deinen Händen
hörst du eine Stimme, die sagt:
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
Diese Stimme.
Du kennst sie, du liebst sie,
du hörst ihr gern zu, sie
heißt Susi
und wohnt in dem kleinen Kasten
unter deiner Windschutzscheibe.
Wie oft hat sie dich auf langer Fahrt
auf den rechten Weg gebracht.
Und ob du schon fuhrest im finsteren Tal,
hast Du keine Angst, denn mehr als ein Mal
hat sie dich mit untrüglichem Gespür
sicher nach Hause geführt.
Und mit brüchiger, bebender Stimme
singst Du eine Lobeshymne
für Susi,
die Königin unter den Navigationsgeräten.
Und Du stellst dir vor, dein Leben hätte ein GPS,
und egal, wo du bist, es
würde dir zeigen, wo’s lang geht,
es wüsste alle Sackgassen
und Einbahnstraßen
alle Flucht-
und Um-
und Schleich-
und Rettungswege,
eine Stimme, die Dich warnt
und Dir vor dem bösen Ende sagt:
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
Und dann denkst Du an all die Situationen im Leben,
in denen es sowas geben
müsste, einen Kompass, ein Navi,
eine Stimme, die zur richtigen Zeit ruft:
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
Du denkst an diese Nacht / in deiner Kindheit / als du nicht schlafen konntest / und dich gewundert hast über die komischen geräusche / und du ganz mutig sein und nachgucken wolltest / und Du fragst dich / ob du dir deine Unschuld / die Unschuld deiner Augen / ein bisschen länger hättest bewahren können / wenn jemand im letzten Moment gesagt hätte: WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN! / als Du die Klinke schon in der Hand hattest zum Schlafzimmer deiner Eltern…
Und du denkst an Boris aus eurer Klasse / der immer ein bisschen zu dick / ein bisschen zu langsam / ein bisschen zu unbeherrscht war / um wirklich beliebt zu sein / und du fragst dich / ob es nicht so weit gekommen wäre / er seinen Hund nicht ersäuft / das Asylantenheim nicht angezündet / das Gewehr im Schrank gelassen hätte / wenn damals, als ihr ihn über den Schulhof gejagt habt / jemand gesagt hätte: WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
Und wieder hörst Du die Stimme,
ganz leise:
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN.
Und sie kommt nicht von dir,
sondern von Susi,
du hörst ihr zu, sie
klingt irgendwie müde,
vielleicht aber auch rüde,
oder auch resigniert,
und bevor du reagierst
wird der Bildschirm schwarz
und du bildest dir ein,
du hörst, aber das kann ja nicht sein,
ein leises: „Dann eben nicht.“
Dann siehst Du die Wand,
versuchst noch zu lenken,
schaffst gerade noch zu denken:
„Das ist alles nur in meinem Kopf!“
Und dann knallt er auf das Lenkrad
und alles ist still.
Du wachst auf.
Weißt nicht, wo du bist,
weiß bist du, steckst in Gips,
vom Kopf bis zum Zeh, und
aaaau, tut das weh,
kannst dich kaum bewegen,
bist wundgelegen
und in einer Ecke in deinem Zimmer
flimmern die Nachrichten
über den Fernseher:
Die AfD holt acht Prozent,
die ganze Ukraine brennt,
in einer Welt, die sich verrennt,
die Unrecht nicht beim Namen nennt,
wo keiner seinen Müll mehr trennt
und niemand mehr Heinz Erhardt kennt,
in einer Welt, die schier zerfällt
in Trümmer und Stücke und
- aaah, dein Rücken! –
und du tastest nach Fernbedienung
oder Schwesternknopf,
irgendwas, mit verbundenen Händen,
dein ganzer Körper ein einziger Satz:
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
WENN MÖGLICH, BITTE WENDEN!
Aber nichts passiert?!