Montag, 29. Mai 2017

Was vom Tage übrig bleibt? #dekt17

Hui. Knappe zehn Stunden für eine Fahrt von Berlin nach Wuppertal, Kirchentagsende, Himmelfahrtswochenende und BVB-Endspiel sei Dank, und ich bin trotzdem blendender Laune. Für mich spricht das mehr als alles andere für den soeben zu Ende gegangenen Kirchentag - das Gefühl dauert an, begleitet in den Westen. Eigentlich zu früh danach und zu spät am Tag, um da noch groß herumzureflektieren, aber what the heck. 

ALLES LEBEN IST BEGEGNUNG


Am Abend der Begegnung merke ich, dass ich älter geworden bin. Nicht unbedingt, weil das Laufen schwer fiele, sondern weil ich den Unterschied zu den Jahren davor merke. 2007 (Köln) war erst mein zweiter Kirchentag, an besagtem ersten Abend bin ich u. a. mit älteren Kollegen unterwegs gewesen und war fasziniert bis befremdet von der Grußfrequenz - wir mussten gefühlt alle drei Meter stehen bleiben, weil irgendjemand Bekanntes unseren Weg kreuzte. Jetzt, zehn Jahre später, ging es mir so. Gefühlt alle drei Meter: Ehemalige Komiliton_innen, Kolleg_innen, Studierende, Konfis, Profs, Gemeindeglieder... Toll war das. Und schade, weil natürlich keine Zeit ist für längere Gespräche. Und entlarvend ist es auch: Wer beim Kirchentag in lauter Bekannte rennt / gehört schon zum Establishment. 

Insbesondere am Tag darauf verstärkte sich das auf eine schöne Weise: Dankenswerterweise wurde eine Podiumsdiskussion zu #smartchurch per Livestream übertragen - eine Diskutantin stellte beim Blick ins Publikum fest: "Meine Timeline materialisiert sich gerade!" Ähnlich ging es mir beim Preacher Slam am Abend.

KLASSENTREFFEN, KLASSE KAMPF

 


Donnerstagabend war der erste Aktionspunkt für mich: Preacher Slam in einer bis auf den letzten Platz besetzten (und leider etwas schwer zu beschallenden) Gethsemanekirche. Ich durfte als Opferlamm den Publikumsanheizer für ein erlesenes Line-Up mit grandiosen und sehr unterschiedlichen Texten spielen (nachzulesen zum Beispiel hier und hier und hier) und endlich auch einfach nur mal Zuschauer sein. Gewonnen hat der Beitrag, der am deutlichsten auf Pointe geschrieben war und der deswegen aus homiletischer Sicht besonders interessant ist - und weil sich hier eine (auch nur so halb wahre) Tendenz aus dem "richtigen" Poetry Slam abzuzeichnen scheint: "Es gewinnen ja eh die lustigen Texte." Musik gab es von der grandiosen Miriam Buthmann, die jede_r kennen sollte! 
Der Abend war dann auch so eine Gelegenheit, viele neue Lieblingsmenschen aus den sozialen Medien kohlenstofflich kennen zu lernen, zum Teil erstmalig dreidimensional zu erleben - ich freu mich sehr aufs nächste Timeline-Klassentreffen! Aber vielleicht sollte ich auch dem Rat des WELT-Kolumnisten Matthias Kamann folgen, der der Meinung ist, ich sollte besser was mit Medien machen?


FREITAG - FEIERTAG - STATT - FREIER TAG



Ungleich voller war mein Terminplan am Freitag. Zuerst zwei kurze Auftritte in der liebevoll und regionenspezifisch aufgebauten Westfalenhalle, in der zwischen Buden und Süßigkeitenregalen ein Hauch von Ruhrgebiet mitten durch Berlin zog - und in der die Bühne leider ein bisschen publikums- und auftretendenunfreundlich am Rand platziert war. Sowieso war die Messe, wie der gesamte Kirchentag, sehr weitläufig - manche Abstecher blieben dann doch nur Theorie.




Der Abend bot den Programmpunkt, auf den ich selbst am gespanntesten war: Die Vorführung des bombastischen Stummfilms "Berlin - Symphonie der Großstadt" von 1927 mit Livemusik und kurzen eingeschobenen Zwischentexten. Schon die Location, die Parochialkirche in Mitte, hätte ich am liebsten mitgenommen...





Die Parochialkirche war Schauplatz des Liturgischen Tages Großstadt, für den unter anderem das Theologische Labor Berlin und einige Protagonist_innen der deutschsprachigen fresh-x-Bewegung verantwortlich zeichneten. Auch diese Kirche war mit einem überaus wachen und begeisterten Publikum fast voll besetzt, Film, Musik und Texte passten überraschend gut zusammen - und am Ende des Tages ist mir bewusst, dass ich das Thema "Urbane Theologie" gern weiterdenken möchte.

SKANDAAAAAL!

Nicht weniger spannend ging der Kirchentag zu Ende, weil auf dem Programm noch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Gottesdienst als Skandal" stand. Ich durfte vorne sitzen neben lauter Menschen, die ich bewundere und mag - mein alter Lehrer Peter Bukowski, Birgit Mattausch und Christina Brudereck, fach- und sachkundig moderiert von Johannes Michael Modeß. Alles Leute, mit denen ich gern über Gottesdienst nachdenke und mit denen ich noch lieber zusammen feiere - auch das stand auf dem Programm. Skandalöser wäre das Ganze sicherlich gewesen, wenn wir als Panel uns nicht in eigentlich allem so rührig einig gewesen wären... Evangelisch.de hat dem Ganzen einen sehr ausführlichen Bericht gewidmet, und auch an diesem Abend war die Gethsemanekirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Fast schon überraschend angesichts des Veranstaltungsformats, aber auf jeden Fall sehr fein!


DER LANGE WEG NACH HAUSE


Nach diesem Nachmittag war der Kirchentag für mich zumindest offiziell beendet, auch wenn der Abend mit weiteren kohlenstofflichen Begegnungen noch lang wurde. Zum Abschlussgottesdienst nach Wittenberg haben weder Benzin noch Lust gereicht, aber ein Stau kurz vor Magdeburg (der sich wundersamer Weise auflöste, als der Ratsvorsitzende die Einsetzungsworte sprach...) machte es möglich, das Ganze live im Radio zu verfolgen und irgendwie doch auch das offizielle Ende noch mitzunehmen.


Die Fahrt war noch deutlich länger, Zeit genug, um beim nächsten längeren Totalstau den ernüchterten Rückblick von Sebastian Baer-Henney zu lesen und zu fragen: Was ist eigentlich mein Fazit, was nehme ich mit?



WAS VON DEN TAGEN ÜBRIG BLEIBT


KIRCHENTAG VON INNEN IST NICHT KIRCHENTAG VON AUSSEN


Bei der Berichterstattung über den Kirchentag dominieren in aller Regel die gesellschaftspolitischen Themen. So auch in diesem Jahr: Spaltenmeter um Spaltenmeter über Obama, von der Leyen und alle anderen wahljahresaktiven Politiker_innen, Käßmanns verkürzt wiedergegebene AfD-Kritik, AfD sowieso und so weiter. Das ist nicht unproblematisch, weil sich so in der Öffentlichkeit der Eindruck festigt, die evangelische Kirche sei vor allem eine Gesinnungsanstalt. Das entspricht nicht der unglaublichen Breite an Angeboten, die tatsächlich so ziemlich jede Facette evangelischen Lebens abzubilden vermag. Es lässt sich kaum vermeiden, weil eben mit berühmten Gesichtern bessere Schlagzeilen zu machen sind. Es ist aber trotzdem schade, wenn der aufwändig gestaltete Abschlussgottesdienst diesen Eindruck verstärkt. Bei aller Vorsicht angesichts des nicht-vor-Ort-gewesen-Seins: Die Predigt des südafrikanischen Bischofs Thabo Makgoba war aus homiletischer Sicht streckenweise eine Enttäuschung. So gut die Idee, jemanden aus der weltweiten lutherischen Ökumene einzuladen, so spannend die afrikanische Perspektive auf die Geschichte von Hagar, so faszinierend die Performance - am Ende bleiben Appelle hängen, die zwar engagiert vorgetragen wurden, deren Nachhaltigkeit aber noch zu beweisen ist.

Aber, wie gesagt: Kirchentag von innen ist nicht Kirchentag von außen. Das macht mich vorsichtig beim Urteilen über Programmpunkte, die ich gar nicht oder nur durch externe Berichterstattung vermittelt erlebt habe. Und mir bleiben neben den vielen Begegnungen auch die gottesdienstlichen Momente im Gedächtnis, die Abendsegen nach den Veranstaltungen: Ich wurde gesegnet und durfte segnen, mit Lieblingsmenschen im Arm und Tränen in den Augen Der Mond ist aufgegangen und Der Lärm verebbt singen, mit vielen anderen zusammen beten und Gottesdienst feiern in Formen und zu Tageszeiten, die mir näher liegen als mancher Sonntagsgottesdienst. 


PERSONENKULT


Im Vorfeld wurde mehrfach und zu Recht eine einseitige Reduzierung des Reformationsjubiläums auf die Person Martin Luthers kritisiert. Auf dem Kirchentag habe ich das sehr anders wahrgenommen, in Berlin waren wenige bis gar keine Luthersocken, -enten und andere Devotionalien zu sehen. Trotzdem bleibt (oder entsteht) nach vielen Gesprächen, Artikel- und Tweetslesen der Eindruck, dass wir nicht ohne Held_innen können. Für die Einen ist es Obama, für die Anderen Fulbert Steffensky. In meiner Filterbubble vor allen anderen Nadia Bolz-Weber. Was das für die Kirche der Reformation, für unser Gedenken und Handeln bedeutet, müsste noch mal diskutiert werden. 


DIE DA DRAUSSEN...


"Was ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, war Binnenkirche. Es waren viele Menschen unterwegs, die sich flotte Ideen für ihre Kirche angesehen haben – dabei aber in ihrer Welt dermaßen gefangen sind, dass sie nicht wahrnehmen, dass die Menschen von außen das Allermeiste davon nicht interessiert. [...]
Diese Art von Kirche nimmt so viel Raum ein. Hunderttausend Menschen zelebrieren sie und sehen dabei gar nicht, wie viele andere sie damit ausschließen. Es ist ein Missverhältnis, dass diese Binnenkirchlichkeit uns so unverhältnismäßig viel beschäftigt. Unsere theologisch korrekten Antworten, unsere politisch korrekten Aussagen – all das ist richtig. Aber all das erstickt uns. Betäubt von dem Glauben, dass die, die nicht kommen, ein Problem haben, dass doch alles so gut und makellos ist, was wir machen, fehlt uns der Zugang zu denen da draußen. Wir rudern und rudern, wollen uns nicht angreifbar machen, gelähmt von der Angst, politisch inkorrekt oder oberflächlich zu werden. Und ertrinken in einem Strom binnenkirchlicher Leitkultur."
So fasst Sebastian Baer-Henney im oben erwähnten Blogpost seine Kirchentagserfahrung zusammen. Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen, auch, wenn mir weniger zum Heulen ist, weil ich in meinem Gemeindealltag sehr binnenkirchlich unterwegs bin und glaube (oder glauben möchte), dass diejenigen, die gestärkt vom Kirchentag zurückkehren, in ihren Kontexten vor Ort mit neuer Energie wirken können. Trotzdem bleibt ein schales Gefühl, weil so viele Programmpunkte auf dem Kirchentag geschlossene Veranstaltungen sind - und zwar nicht nur milieumäßig: Zutritt zu den Veranstaltungsräumen haben nur diejenigen, die eine Eintrittskarte besitzen. Das war für einige Freunde von mir ärgerlich, weil sie vorbeikommen wollten, das aber nicht konnten. Mir ist vollkommen klar, dass der Kirchentag irgendwie finanziert werden muss. Mir ist auch klar, dass es Abendkarten gibt - die sind aber sehr schwer zu bekommen: Wer sich nicht vorher mit einem recht aufwändigen Prozedere anmeldet, hatte in Berlin nur an ausgewählten Vorverkaufsstellen die Chance, eine Abendkarte zu erwerben. Mit Abendkassen wäre das Problem zu lösen - und, ja, mir ist auch klar, was das an organisatorischem Mehraufwand bedeuten würde. Aber es ist doch schade, wenn die gastgebende Stadt weitestgehend bloße Kulisse bleibt und die Menschen dort den Eindruck haben, dass, wer mit Gott unterwegs sein will, einen orangefarbenen Schal braucht. 
Ich wünsche mir, dass wir in Dortmund mehr wagen. Dass im Nachgang dieses Kirchentages Wege gefunden werden, das Engagement der vielen, vielen Leute zu würdigen und gleichzeitig offen zu fragen, ob die Idee eines "Kirchentages auf dem Weg" und eines Abschlussgottesdienstes in Wittenberg so gut war. Dass wenigstens ein Preacher Slam nicht in einer Kirche mit Pfadfindertürstehern, sondern irgendwo an einer öffentlich zugänglichen Speakers' Corner stattfindet, ohne Kulleraugen und sonstige Banner, ohne anstrengende Anmoderation. Dass wir uns der Stadt aussetzen, nicht die Stadt uns. Ich freu mich drauf! #dnkgtt

Montag, 15. Mai 2017

Das Bibelregal

Vorbemerkung: Wie immer, so ist auch dieser Konfisamstag (10-15 Uhr inklusive Mittagspause) die reinste Materialschlacht (Kosten ca. 100 EUR, Bücher nicht mitgerechnet) und wahrscheinlich in 1-2 Stunden unter der Woche nicht zu bewerkstelligen. Vor allem braucht es Teamer_innen, die Verantwortung für die Vorbereitung übernehmen und mit einigem Bastelaufwand eine Bibel präparieren. Was genau zu tun ist, wird gleich erklärt.

DIE BIBEL - BUCH VOLLER BÜCHER

Quelle: Württembergische Bibelanstalt via rpi-virtuell.de


Aus Religions- und Konfirmandenunterricht bekannt ist das Arbeitsblatt, bei dem die Bibel als Bücherregal gezeichnet wird, manchmal mit Lücken, in die die Konfis die fehlenden Titel einsetzen können. Das Bild finden wir genial, aber nur auf Papier zu schwach. Also bestücken wir in der Einheit ein Bücherregal mit Büchern und arbeiten damit. Das Ergebnis ist und bleibt work in progress, weil nur exemplarisch einzelne Bücher bearbeitet werden, sodass noch genug Arbeit für spätere Konfi- oder sonstige Gemeindegruppen übrig bleibt. 

Zu den Zielen der Einheit gehören die Reaktivierung von bereits vorhandenem Wissen, Grundkenntnisse über den Aufbau der Bibel und die kreative Auseinandersetzung mit einem konkreten Text aus einem konkreten biblischen Buch. Es geht nicht darum, den Aufbau der Bibel auswändig zu lernen - wofür sollte das gut sein, falls nicht einzelne Konfis später Theologie studieren und dann weniger für die Bibelkundeprüfung lernen müssen?

DIE VORBEREITUNG



Man braucht ein Bücherregal. Wir haben ein halbhohes BILLY-Regal (80 cm Breite) genommen. Dann braucht man Bücher. Wir hatten einen ziemlich großen Vorrat an alten Bibeln (Spenden von Schulen und dergleichen), die z. T. kaputt und gammelig waren und deswegen nicht mehr gelesen und auch von keiner Büchersammelstelle mehr angenommen werden, außerdem ein paar alte Gesangbücher. Als die ausgingen, behalfen wir uns mit Ladenhütern aus dem Büchertauschregal im Gemeindehaus. Die Bücher werden in verschiedenen Farben mit dcfix-Folie beklebt und beschriftet (um Platz und Material zu sparen, haben wir einige zusammengefasst, z. B. 1./2. Samuel, Dodekapropheton usw.). Im Team haben wir zu den einzelnen Büchern zentrale oder besonders ansprechende Texte gesammelt, für die jeweils zwei Teamer_innen die Verantwortung übernommen haben: Die Konfis sollen das entsprechende Buch gestalten, sei es als Buchtresor, sei es als Pop-Up-Buch (Anleitungen gibt es im Internet). Gerade das Herstellen von Buchtresoren, bei denen große Teile aus der Mitte herausgeschnitten werden, ist zeitaufwändig und muss vorher passieren. Außerdem machten sich die Teamer_innen ein paar Gedanken um die kreative Gestaltung - manche wollten etwas zum Mitnehmen in die Bücher legen, andere schöne Szenen entstehen lassen. Auf jeden Fall hilft es, wenn man mit den Konfis nicht bei Null anfängt. Material wurde auf Wunsch angeschafft. Das Bücherregal wollte eigentlich ein Teamer während der ersten einführenden Spieleinheiten aufbauen, dann aber spielte es eine Rolle bei der Konfliktbearbeitung zweier Konfis - nach gemeinsamem Möbelaufbau lässt sich bei einer fairtrade-Limo gut über Probleme reden. 

ZUM EINSTIEG: SPIELE


Wir starten mit dem allseits (allerdings eher als Kennenlernspiel) beliebten Klopapierspiel: Eine Rolle Klopapier wird rumgegeben, die Konfis dürfen sich so viele Blätter abreißen, wie sie wollen/brauchen. In der Originalversion des Spiels geht es dann darum, pro Blatt eine persönliche Sache von sich zu erzählen, wir variieren hier: Pro Blatt sollen die Konfis eine biblische Figur oder eine Geschichte, vielleicht sogar einen Vers nennen - die anderen dürfen dabei helfen, damit möglichst viele Geschichten zusammenkommen und nicht gleich am Anfang der Einheit stockende Langeweile aufkommt. So füllt sich der Raum mit bereits vorhandenem Bibelwissen, über dessen schiere Größe die Gruppe staunen kann. 

Dann spielen wir eine Runde Bibelfußball: Die Konfis benutzen ihre eigenen Bibeln, um Fragen zu beantworten - solche Fragenkataloge gibt es dankenswerter Weise schon im Internet, etwa hier. Weil wir gern groß denken, verteilen wir die Konfis tatsächlich im Raum und lassen sie einen Ball nach vorn bewegen. So prägen sich einzelne Bücher ein, und die Konfis kommen ins Blättern. Das kennen sie bei uns bereits, weil wir biblische Texte konsequent aus der Bibel lesen und nicht auf Arbeitsblätter drucken.


DAS REGAL UND DIE BÜCHER


Nach der Spieleeinheit zeigen wir den Konfis das Bücherregal. Einige kennen das Konzept bereits aus der Grundschule, zeigen sich aber sehr interessiert an der dreidimensionalen Umsetzung - unsere Erfahrung ist, dass Konfis es durchaus wertschätzen können, wenn Arbeitsmaterial sorgfältig vorbereitet wird. 


Die ehrenamtlichen Teamer_innen hatten im Vorfeld die Verantwortung für ein biblisches Buch übernommen, hatten die ihnen zur Verfügung stehende Bibel entsprechend vorbereitet und sich einen kleinen Werbeslogan zurechtgelegt, anhand dessen sich jeweils zwei bis drei Konfis für eine Kleingruppe entscheiden konnten. In diesem Erstversuch hatten wir im Team folgende Schwerpunkte ausgewählt: Deuteronomium (10 Gebote, konkret Sabbatsheiligung), Jesaja (Tierfrieden aus Jes 11), Psalter (Ps 23), Apostelgeschichte (Apg 2 - Pfingstwunder) und 1. Korinther (Abendmahl). Den Teamer_innen stand zudem Zusatzmaterial mit Einleitungswissen über Entstehungskontext und Inhalt der biblischen Bücher zur Verfügung, das sie, je nach Bedarf, einfließen lassen konnten. 


Unschwer zu erkennen: Psalm 23

BASTELN UND GESTALTEN


In den Kleingruppen lasen die Konfis zunächst den betreffenden Text, dann ging es an die kreative Umsetzung. Die Erfahrung zeigt, dass es hilfreich ist, wenn die Teamer_innen schon ein paar mehr oder weniger lose Vorstellungen haben, was möglich wäre - so fängt man nicht ganz bei Null an, sollte aber flexibel bleiben für die Ideen der Konfis. Für die Vorbereitung haben sich die Fragen aus der Werkwinkel-Arbeit als zielführend erwiesen, die ohnehin für das Ganze hier Pate steht, nur halt in ganz klein. Den Arbeitsschritt hatten wir mit einer Stunde veranschlagt, es hat sich aber gezeigt, dass die allermeisten Gruppen auch noch mehr Zeit hätten gebrauchen können, weil die Bastelfreude relativ groß war. Zum Arbeitsauftrag gehörte außerdem die Vorbereitung einer Mini-Mini-Präsentation mit 1-2 Einleitungssachen zum bearbeiteten Buch und das Beschriften einer Leseempfehlung ("Warum sollte man dieses Buch lesen, wem würdet Ihr es zum Lesen geben?"), die von den Konfis unterschrieben und vorne auf die Bibel geklebt wird - wie diese Empfehlungen der Belegschaft, die es in manchen Buchhandlungen gibt. Das diente einerseits der Bündelung, andererseits dem Einstieg in das Gespräch über die Bibel über die Konfigruppe hinaus (dazu später mehr).




Dann war erstmal eine längere Pause überfällig. 


Der sog. Tierfrieden (Jesaja 11)


WIE ES WEITERGEHEN KANN


Das Bücherregal steht an prominenter Stelle bei uns im Gemeindezentrum, vor dem Eingang zum Kirchraum. Geplant ist, die gesamte Ecke noch ein wenig einladender zu gestalten, mit Lesesessel und ein paar Bildern zur Bibel und einem Karton mit Bibeln zum Mitnehmen. Ein Punkt auf dem Buchrücken verrät der Gemeinde, welche Bücher schon bearbeitet sind. Mit den nächsten Konfijahrgängen werden wir weiter daran arbeiten, der Impuls soll aber auch in andere Gemeindegruppen gegeben werden. Als wir die Aktion im Gottesdienst tags darauf kurz vorstellten, war die Resonanz jedenfalls sehr positiv, von einigen Eltern kam die Rückmeldung, dass das jeweilige Buch und die Bibel allgemein noch beim Abendessen Thema war. Wir freuen uns, dass das Bücherregal weiter mit Leben gefüllt wird und würden das Ganze auf jeden Fall wieder machen. Sind aber auch froh, dass nicht mehr 40+ Bücher mit dcfix beklebt werden müssen - und losen jetzt schon aus, wer die nächsten Büchertresore vorbereiten muss. Hand aufs Herz, die Aktion war bislang die arbeitsreichste und hat uns in der Woche davor ein bisschen Nerven gekostet. Wir fanden, dass es sich gelohnt hat, aber man braucht wirklich die Ressourcen dafür.


Die Interpretation einer Jungsgruppe zum 3. Gebot: "Du sollst den Sabbat heiligen" (Dtn). Nicht im Bild sind die letzten Änderungen: Ein QR-Code mit Chill-Out-Musik und ein Schild mit dem Gebot. Auf die Zettel haben die Konfis kleine Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen notiert.



Dienstag, 11. April 2017

Triduum Sacrum | Drei Tage mit alles.

jetzt ist sie da. die intensivste zeit des jahres. zerbrechliche gemeinschaft. abschied, tränen, tod. und neues leben. sich verlieren. gehalten werden. für alle, die sowieso dabei sind. und für die, die sich noch fragen: soll ich..? ja.


Montag, 10. April 2017

Die Stunde der mutigen Frauen | Palmsonntag | Mk 14,3-9



Predigttext steht hier.

In Jerusalem verdichtet sich die Handlung, laufen die Fäden zusammen. In Jerusalem, am Tiefpunkt der Passionszeit, schlägt die Stunde der mutigen Frauen. Die dorthin gehen, wo keiner sonst hingehen will, die das tun, was dran ist, egal, was andere denken. So wie heute. Eine Frau, deren Namen die Geschichte vergessen hat, aber nicht ihren Mut, ihre verschwenderische Liebe. 

Sie muss mutig gewesen sein, als sie auf den Marktplatz in Jerusalem geht. Vorbei an Gemüseständen und Hühnerställen, vorbei an den Teppichhändlern und Töpfern, immer geradeaus zu dem großen, luxuriös ausgestatteten Zelt eines Gewürzhändlers, der keine großen Stände, keine einladende Auslagen hat, sondern nur kleine Mengen vom Teuersten, das es gibt. Es braucht Mut, in die aromaschwere Luft des Zeltes einzutreten, an den Wächtern vorbei, alles Ersparte und noch einiges mehr auf die Theke zu legen für eine kleine Flasche mit dickflüssigem Nardenöl. Ein Parfüm, ein Beruhigungsmittel, das sich eigentlich nur die Reichsten leisten können. Indische Narde wächst, in der Antike wie heute, nur auf dem Himalaya. 300 Dinar, zwanzigtausend Euro wären das heute. Es braucht Mut, mit einer so teuren Substanz in einem so zerbrechlichen Gefäß durch die Straßen der Stadt zu gehen. 

Sie muss mutig sein, um dieses eine Haus am Rand der Stadt zu betreten. Das Haus eines Aussätzigen, eines Menschen, der durch seine chronische Hautkrankheit, gezeichnet ist, der sich damit nicht verstecken kann und für den die Gesellschaft nur einen Platz am äußersten Rand übrig hat. Wer in dieses Haus einkehrt, stellt sich mit an den Rand, gesellt sich mitten unter die Ausgestoßenen und Heimatlosen. Es braucht Mut, Jesus dort zu suchen. Aber da ist er. Da, wo keiner freiwillig hingeht. 



Sie muss mutig sein, um einfach so in die Männerrunde einzubrechen, in den engsten Kreis der Tafelrunde einzutreten, wo noch alle Plätze besetzt sind. Die Blicke auszuhalten, das leise Flüstern. Um den Tisch herum zu gehen, hin zu dem, dem kurz zuvor noch die ganze Stadt zugejubelt hat. Ihm so ganz nahe zu kommen, seinen Kopf zu berühren, in einer Geste, die so intim ist, so unerhört, die so sehr an das erinnert, was er sonst macht: Die Hände auflegen und segnen. Aber das ist das, was Menschen in der Bibel tun: Sie segnen Gott. Für Luther war das unverständlich, bis heute steht bei uns in den Übersetzungen „Gott loben“ statt „Gott segnen“, im Judentum ist es seit jeher Gang und Gäbe. Menschen segnen Gott über dem, was sie empfangen, ob es das Essen auf dem Tisch oder das Geschenk des nackten Lebens ist. Gott segnen heißt, sich tastend an seine Nähe zu wagen, Gemeinschaft zu suchen, den Segen, den er austeilt, zu ihm zurückfließen zu lassen. 

Jesus sagt und tut nichts. Auch das braucht Mut – eine Berührung zu wagen, ohne zu wissen, ob das gewollt oder okay ist. Die Hand für einen Wimpernschlag länger zu halten als nötig. Einen Menschen in den Arm zu nehmen, bei dem man das sonst nicht tut, bei dem man aber ahnt, dass er es gerade gebrauchen kann. Jesus sagt und tut erstmal nichts. 



Umso mehr die anderen am Tisch, aus den anderen Schilderungen dieser Geschichte ist anzunehmen, dass es die Jünger sind. Die, die meinen, dass sie so gut Bescheid wissen, über das, was Jesus umtreibt. Sie ärgern sich. So eine Verschwendung! Was hätte man nicht alles mit diesem Geld anfangen können. Was hätte man nicht alles Gutes für die Armen tun können. Hätte, hätte… sagen die, die gerade am gedeckten Tisch sitzen. Es braucht Mut, das zu tun, was gerade dran ist, auch wenn alles dagegen spricht, auch, wenn die Vernunft anderes sagt, auch wenn es tausend andere Dinge gäbe. Es braucht Mut, geschäftliche Termine abzusagen, um zum Fußballspiel der Tochter oder zum Cellovorspiel des Sohnes zu gehen. Es braucht Mut, Liebe zu geben, verschwenderisch mit sich selbst umzugehen, wenn alles dagegen spricht, wenn bedeutende Stimmen wichtige Argumente vorbringen. So wie die Jünger. 

Aber als sie anfangen zu lamentieren, spricht Jesus zum ersten Mal in dieser Geschichte. „Lasst sie.“ Denn sie hat es begriffen. Sie tut das, was Jesus in seinem ganzen kurzen Leben und in seinem kurz bevorstehenden Sterben getan hat: Geben, ohne etwas zurückzuhalten. Lieben, ohne eine Hintertür offen zu lassen. Nähe wagen, ohne sprungbereit zu bleiben. „Sie hat getan, was sie konnte“ – mehr braucht es dabei nicht, von niemandem von uns. 
Und noch etwas hat sie getan: „Sie hat meinen Leib im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.“ Da ist es wieder, das Thema, von dem Jesus die ganze Zeit spricht, dem auch wir uns in der Passionszeit und in der Karwoche besonders zuwenden, auch, wenn es weh tut: Es geht um Tod und Sterben, um das Ende, um Verlust, um Schmerz und Trauer. Es braucht Mut, das auszuhalten. Mut, die in der Leidensgeschichte Jesu vor allem die Frauen aufbringen, deren Stunde in Jerusalem schlägt, wenn die Fäden zusammenlaufen und der Himmel sich verdunkelt: Sie bleiben am Kreuz stehen, wenn alle anderen fliehen. Sie werden am Ostermorgen als erste zum Grab gehen, um seinen Leichnam zu salben, zu berühren, zu begreifen, was kaum zu verstehen ist. Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. Und Jesus hat recht behalten. 

Den Namen der Frau hat die Geschichte vergessen. Vielleicht ist das nichts Ungewöhnliches bei einer Geschichte, die von Männern aufgeschrieben wurde. Vielleicht ist das aber auch genauso gewollt: Wir wissen nichts über ihre Vorgeschichte. Nirgendwo vorher taucht sie auf und tut oder erlebt irgendwas, das uns sagen lässt: Gut, verständlich, dass sie das jetzt macht. Und vielleicht bedeutet das, dass man niemand Besonderes sein muss, um das zu tun, was gerade dran ist. 
Dahin gehen, wo sonst keiner hingeht – und dort Jesus finden. 
Gott segnen. 
Eine Berührung wagen. 
Einem Sterbenden nahe sein. 
Das, was man hat, in einem zerbrechlichen Gefäß durch die ganze Stadt tragen. 
Unfreundliche Blicke und abschätzende Kommentare ertragen 
und nicht so wichtig nehmen. 
Verschwenderisch sein, nicht immer und überall, 
aber da, wo Rechnen nicht angebracht ist. 
Und ihn hören: 
Du hast ein gutes Werk an mir getan. 
Danke dafür. 
Amen.

Montag, 13. Februar 2017

Wir waren jung und brauchten kein Geld



Kleiner Text, der auf einem Schreibwochenende in Hanau im Arm der Gastfreundschaft der Fachtstelle Zweite Lebenshälfte entstanden ist. Mit kleinen Anleihen an K.I.Z., Alligatoah und Barbara Brown-Taylor.



Wir waren jung und brauchten kein Geld
Wir waren alt und träumten von der Zukunft
Wir waren lahm und tanzten vorneweg
Wir waren blind und trauten unseren Augen
Und der Himmel stand offen
und Fesseln lösten sich
und Steine fielen von Herzen
und wir weinten und er lief umher
mit einem Krug
und Wasser wurde Wein
und aus Mehl wurde Brot wurde Leben
und aus der Welt eine Spielwiese.
Und wir sangen: Fuchs du hast die Gans gestreichelt,
Und wir machten Pflugscharen aus Schwertern
und kochten Süßkartoffelmöhrensuppe in Soldatenhelmen
und nähten Topflappen und Küchenschürzen
und Kirschkernkissen aus Heeresbannern und Kriegsflaggen
und wir waren eine Bewegung
waren Bewegung.
Und wir kauten die Worte wie hartes Brot
das mit dem Kauen immer süßer wird.
Lasen die alten Schriften als Landkarten
durch unwegsames Gelände und als Anleitung
zum Überleben in der Wildnis,
und wenn unsere Fußspuren die ersten im Sand waren
und wir Gegenden durchzogen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat,
dann schrieben wir unsere eigenen Geschichten
fanden eigene Worte, um andere durch die Untiefen zu lotsen
und waren doch nie so vermessen zu glauben
wir hätten die Welt im Ganzen durchmessen
und der Himmel stand offen
und Er holte die Leute vom Baum
und verscheuchte die Geister
und siehe, wir gingen hin und taten desgleichen
und wir waren in Bewegung, waren Bewegung
und der Himmel stand offen...


Und irgendwann legten wir ordentliches Pflastersteine
über den Sandstrand
und zogen Jägerzäune um die Spielwiese
und die Mütter holten die Kinder von den Löchern der Ottern weg
und sagten: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!
und wir stellten das Campinggeschirr in eine Vitrine
und holten für Sonntag das gute Service hervor
und schickten die farblich gar nicht passenden Topflappen und Küchenschürzen und Kirschkernkissen nach Afrika,
weil die es ja lieber bunt haben als wir,
und wir nahmen die Landkarten und hängten sie hinter Glas
in Büros und Museumssäle.
Und da hängen sie noch heute,
und wir bezahlen in sich gekehrte Gelehrte,
die mit staubiger Stimme erklären,
dass unsere Welt so aussieht wie auf den alten Karten
und dass bitte niemand mit den Fingern auf das Glas...
und Vorsicht an der Vitrine...
und Händewaschen, bevor du nach den Sternen greifst
und das gute Porzellan gibt’s nur für die,
die ordentlich essen können.
Wir sind alt und brauchen das Geld.
Wir sind jung und sehen keine Zukunft.
Aber der Himmel steht offen
und die Welt ist voller Spielwiesen
und Wunder, die gemacht,
und Tränen, die gesammelt
und Wunden, die verbunden,
und Geister die vertrieben werden wollen.
Und manchmal träumen wir,
wir klauen den Schlüssel zur Vitrine
und holen das Campinggeschirr raus
und nehmen die Landkarten aus dem Bilderrahmen
und packen Stifte und Papier ein
für die unbekannten Länder
und klettern aus dem Fenster nach draußen
und rutschen ab und fallen hin
und strahlen,
weil Hoffnung die Farbe von Grasflecken an den Knien hat
und Wunder mit dreckigen Händen am besten funktionieren
und der Himmel steht offen
immer.



Ein kleines Feature zum Preacher Slam in Hagen gibt es hier.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Die Letzte macht das Internet aus.

Irgendwann im Vikariat schlug ich einmal vor, eine Gemeindeveranstaltung bei Facebook zu bewerben. Und alle um mich herum rangen die Hände, schüttelten die Köpfe, und irgendjemand sprach ein Machtwort: "Nein, da kommen nachher tausend Menschen!" Es war die Zeit, als durch die Printmedien Geschichten von privaten Geburtstagsfeiern gingen, die, über Facebook beworben, aus dem Ruder liefen. Abgesehen davon, dass sich hier beispielhaft eine tief verwurzelte Angst der Kerngemeinde vor zu vielen fremden Leuten zeigt, macht es deutlich, woher das in Resten noch vorhandene protestantische Kernmilieu, also der traditionellere Teil der Großelterngeneration der Digital Natives, soziale Medien kennt: Vom Hörensagen. 

Ganz anders Margot Käßmann: In einer jüngst erschienenen Zeitzeichen-Kolumne, in der es eigentlich um anderes geht, rantet sie in ihrer üblichen und eigentlich gar nicht so unsympathischen Manier los: "Heute erzählen Menschen alles über sich. Bei Facebook posten sie unablässig, wo sie sind, wen sie treffen, was sie denken, was sie essen." Abgesehen davon, dass unbedachte Pauschalisierungen ("heute" im Gegensatz zu einem glorifizierten "Früher", "Menschen", "alles", "unablässig") mit Vorsicht zu genießen sind, irritiert ihr Bekenntnis, woher sie dieses Wissen hat. In einem Artikel, in dem es um "geschützte Räume", Beichte und Seelsorge geht, gesteht sie freimütig: "Ganz zu Beginn habe ich unter falschem Namen einen Facebook-Account eröffnet". In einem Text, der sonst vor Vertrauens- und Aufrichtigkeitspathos nur so strotzt, befremdet ein derart problemunbewusstes Bekenntnis zur Lüge ungemein. Es wundert nicht, dass auf solchem Unterfangen, an dessen Anfang alternative Fakten geschaffen wurden, kein Segen liegen konnte: "Obwohl ich selbst nichts aktiv gepostet habe, erhielt ich alle möglichen 'Messages' und dazu ständig Freundschaftsangebote." 

"Ich habe diesen Spuk jetzt ganz und gar beendet", versichert sie. Es fällt nicht schwer, sich eine Predigt vorzustellen, in der sie abschließend deklamiert: "Nichts ist gut bei diesem Facebook", oder eine sozialmedial averse Zeitzeichen-Leserin, die bei der Lektüre erleichtert aufatmet, mit der flachen Hand auf den Wohnzimmertisch schlägt und verkündet: "Endlich! Die Margot Käßmann hat das Internet ausgemacht!" Ich habe gerade nachgeguckt, sie hat es nicht getan, sondern anscheinend nur ihr Fake-Profil gelöscht - richtig so, "die Wahrheit wird euch freimachen", hat Martin Luther schon gesagt. Oder sonstwer. "Inmitten des enormen Mitteilungsbedürfnisses ist für Vertraulichkeit offenbar kein Platz mehr", so lautet ihre abschließende Einschätzung. 

"Offenbar" ist das Stichwort. Als Adverb gebraucht, bedeutet es laut Duden "dem Anschein nach" - es bleibt also, allem investigativen Wallraffen zum Trotz, bloße Unterstellung. Und "offenbar" ist mit "Vertraulichkeit" (die, wieder laut Duden, ja auch ein "aufdringliches, nicht genügend distanziertes Verhalten" meinen kann) ohnehin nicht ganz ohne Probleme zu vereinbaren. Natürlich gibt es Vertraulichkeit auch bei Facebook, sogar, seit dringend notwendige und überfällige Verschlüsselungstechniken implementiert wurden, in einem einigermaßen geschützten Raum. Nur eröffnen sich eben solche Räume im Messenger, sie "offenbaren" sich nicht auf der Timeline - dort gehören sie in der Tat nicht hin. Von professionellen Seelsorger_innen kann man erwarten, dass sie hier vorbildlich posten und etwa auf solche ungewollten Durchbrüche des Privaten ins Öffentliche hinweisen. 

Ein Artikel, in dem es um Seelsorge geht und damit, nach einem pastoraltheologischen Lehrbuch von 1850, um das "mühsamste, aber auch das edelste und wichtigste", das Pfarrer_innen aufgetragen ist, hat solche wohlfeile und selbstgerechte Polemik nicht nötig. Das Gute, das auch in dieser Kolumne steht, geht unter im reaktionären Geraune über das böse Internet und die wilden, kulturlosen Eingeborenen, die dieses unheimliche Neuland bevölkern. Schade.