Montag, 29. Mai 2017

Was vom Tage übrig bleibt? #dekt17

Hui. Knappe zehn Stunden für eine Fahrt von Berlin nach Wuppertal, Kirchentagsende, Himmelfahrtswochenende und BVB-Endspiel sei Dank, und ich bin trotzdem blendender Laune. Für mich spricht das mehr als alles andere für den soeben zu Ende gegangenen Kirchentag - das Gefühl dauert an, begleitet in den Westen. Eigentlich zu früh danach und zu spät am Tag, um da noch groß herumzureflektieren, aber what the heck. 

ALLES LEBEN IST BEGEGNUNG


Am Abend der Begegnung merke ich, dass ich älter geworden bin. Nicht unbedingt, weil das Laufen schwer fiele, sondern weil ich den Unterschied zu den Jahren davor merke. 2007 (Köln) war erst mein zweiter Kirchentag, an besagtem ersten Abend bin ich u. a. mit älteren Kollegen unterwegs gewesen und war fasziniert bis befremdet von der Grußfrequenz - wir mussten gefühlt alle drei Meter stehen bleiben, weil irgendjemand Bekanntes unseren Weg kreuzte. Jetzt, zehn Jahre später, ging es mir so. Gefühlt alle drei Meter: Ehemalige Komiliton_innen, Kolleg_innen, Studierende, Konfis, Profs, Gemeindeglieder... Toll war das. Und schade, weil natürlich keine Zeit ist für längere Gespräche. Und entlarvend ist es auch: Wer beim Kirchentag in lauter Bekannte rennt / gehört schon zum Establishment. 

Insbesondere am Tag darauf verstärkte sich das auf eine schöne Weise: Dankenswerterweise wurde eine Podiumsdiskussion zu #smartchurch per Livestream übertragen - eine Diskutantin stellte beim Blick ins Publikum fest: "Meine Timeline materialisiert sich gerade!" Ähnlich ging es mir beim Preacher Slam am Abend.

KLASSENTREFFEN, KLASSE KAMPF

 


Donnerstagabend war der erste Aktionspunkt für mich: Preacher Slam in einer bis auf den letzten Platz besetzten (und leider etwas schwer zu beschallenden) Gethsemanekirche. Ich durfte als Opferlamm den Publikumsanheizer für ein erlesenes Line-Up mit grandiosen und sehr unterschiedlichen Texten spielen (nachzulesen zum Beispiel hier und hier und hier) und endlich auch einfach nur mal Zuschauer sein. Gewonnen hat der Beitrag, der am deutlichsten auf Pointe geschrieben war und der deswegen aus homiletischer Sicht besonders interessant ist - und weil sich hier eine (auch nur so halb wahre) Tendenz aus dem "richtigen" Poetry Slam abzuzeichnen scheint: "Es gewinnen ja eh die lustigen Texte." Musik gab es von der grandiosen Miriam Buthmann, die jede_r kennen sollte! 
Der Abend war dann auch so eine Gelegenheit, viele neue Lieblingsmenschen aus den sozialen Medien kohlenstofflich kennen zu lernen, zum Teil erstmalig dreidimensional zu erleben - ich freu mich sehr aufs nächste Timeline-Klassentreffen! Aber vielleicht sollte ich auch dem Rat des WELT-Kolumnisten Matthias Kamann folgen, der der Meinung ist, ich sollte besser was mit Medien machen?


FREITAG - FEIERTAG - STATT - FREIER TAG



Ungleich voller war mein Terminplan am Freitag. Zuerst zwei kurze Auftritte in der liebevoll und regionenspezifisch aufgebauten Westfalenhalle, in der zwischen Buden und Süßigkeitenregalen ein Hauch von Ruhrgebiet mitten durch Berlin zog - und in der die Bühne leider ein bisschen publikums- und auftretendenunfreundlich am Rand platziert war. Sowieso war die Messe, wie der gesamte Kirchentag, sehr weitläufig - manche Abstecher blieben dann doch nur Theorie.




Der Abend bot den Programmpunkt, auf den ich selbst am gespanntesten war: Die Vorführung des bombastischen Stummfilms "Berlin - Symphonie der Großstadt" von 1927 mit Livemusik und kurzen eingeschobenen Zwischentexten. Schon die Location, die Parochialkirche in Mitte, hätte ich am liebsten mitgenommen...





Die Parochialkirche war Schauplatz des Liturgischen Tages Großstadt, für den unter anderem das Theologische Labor Berlin und einige Protagonist_innen der deutschsprachigen fresh-x-Bewegung verantwortlich zeichneten. Auch diese Kirche war mit einem überaus wachen und begeisterten Publikum fast voll besetzt, Film, Musik und Texte passten überraschend gut zusammen - und am Ende des Tages ist mir bewusst, dass ich das Thema "Urbane Theologie" gern weiterdenken möchte.

SKANDAAAAAL!

Nicht weniger spannend ging der Kirchentag zu Ende, weil auf dem Programm noch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Gottesdienst als Skandal" stand. Ich durfte vorne sitzen neben lauter Menschen, die ich bewundere und mag - mein alter Lehrer Peter Bukowski, Birgit Mattausch und Christina Brudereck, fach- und sachkundig moderiert von Johannes Michael Modeß. Alles Leute, mit denen ich gern über Gottesdienst nachdenke und mit denen ich noch lieber zusammen feiere - auch das stand auf dem Programm. Skandalöser wäre das Ganze sicherlich gewesen, wenn wir als Panel uns nicht in eigentlich allem so rührig einig gewesen wären... Evangelisch.de hat dem Ganzen einen sehr ausführlichen Bericht gewidmet, und auch an diesem Abend war die Gethsemanekirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Fast schon überraschend angesichts des Veranstaltungsformats, aber auf jeden Fall sehr fein!


DER LANGE WEG NACH HAUSE


Nach diesem Nachmittag war der Kirchentag für mich zumindest offiziell beendet, auch wenn der Abend mit weiteren kohlenstofflichen Begegnungen noch lang wurde. Zum Abschlussgottesdienst nach Wittenberg haben weder Benzin noch Lust gereicht, aber ein Stau kurz vor Magdeburg (der sich wundersamer Weise auflöste, als der Ratsvorsitzende die Einsetzungsworte sprach...) machte es möglich, das Ganze live im Radio zu verfolgen und irgendwie doch auch das offizielle Ende noch mitzunehmen.


Die Fahrt war noch deutlich länger, Zeit genug, um beim nächsten längeren Totalstau den ernüchterten Rückblick von Sebastian Baer-Henney zu lesen und zu fragen: Was ist eigentlich mein Fazit, was nehme ich mit?



WAS VON DEN TAGEN ÜBRIG BLEIBT


KIRCHENTAG VON INNEN IST NICHT KIRCHENTAG VON AUSSEN


Bei der Berichterstattung über den Kirchentag dominieren in aller Regel die gesellschaftspolitischen Themen. So auch in diesem Jahr: Spaltenmeter um Spaltenmeter über Obama, von der Leyen und alle anderen wahljahresaktiven Politiker_innen, Käßmanns verkürzt wiedergegebene AfD-Kritik, AfD sowieso und so weiter. Das ist nicht unproblematisch, weil sich so in der Öffentlichkeit der Eindruck festigt, die evangelische Kirche sei vor allem eine Gesinnungsanstalt. Das entspricht nicht der unglaublichen Breite an Angeboten, die tatsächlich so ziemlich jede Facette evangelischen Lebens abzubilden vermag. Es lässt sich kaum vermeiden, weil eben mit berühmten Gesichtern bessere Schlagzeilen zu machen sind. Es ist aber trotzdem schade, wenn der aufwändig gestaltete Abschlussgottesdienst diesen Eindruck verstärkt. Bei aller Vorsicht angesichts des nicht-vor-Ort-gewesen-Seins: Die Predigt des südafrikanischen Bischofs Thabo Makgoba war aus homiletischer Sicht streckenweise eine Enttäuschung. So gut die Idee, jemanden aus der weltweiten lutherischen Ökumene einzuladen, so spannend die afrikanische Perspektive auf die Geschichte von Hagar, so faszinierend die Performance - am Ende bleiben Appelle hängen, die zwar engagiert vorgetragen wurden, deren Nachhaltigkeit aber noch zu beweisen ist.

Aber, wie gesagt: Kirchentag von innen ist nicht Kirchentag von außen. Das macht mich vorsichtig beim Urteilen über Programmpunkte, die ich gar nicht oder nur durch externe Berichterstattung vermittelt erlebt habe. Und mir bleiben neben den vielen Begegnungen auch die gottesdienstlichen Momente im Gedächtnis, die Abendsegen nach den Veranstaltungen: Ich wurde gesegnet und durfte segnen, mit Lieblingsmenschen im Arm und Tränen in den Augen Der Mond ist aufgegangen und Der Lärm verebbt singen, mit vielen anderen zusammen beten und Gottesdienst feiern in Formen und zu Tageszeiten, die mir näher liegen als mancher Sonntagsgottesdienst. 


PERSONENKULT


Im Vorfeld wurde mehrfach und zu Recht eine einseitige Reduzierung des Reformationsjubiläums auf die Person Martin Luthers kritisiert. Auf dem Kirchentag habe ich das sehr anders wahrgenommen, in Berlin waren wenige bis gar keine Luthersocken, -enten und andere Devotionalien zu sehen. Trotzdem bleibt (oder entsteht) nach vielen Gesprächen, Artikel- und Tweetslesen der Eindruck, dass wir nicht ohne Held_innen können. Für die Einen ist es Obama, für die Anderen Fulbert Steffensky. In meiner Filterbubble vor allen anderen Nadia Bolz-Weber. Was das für die Kirche der Reformation, für unser Gedenken und Handeln bedeutet, müsste noch mal diskutiert werden. 


DIE DA DRAUSSEN...


"Was ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, war Binnenkirche. Es waren viele Menschen unterwegs, die sich flotte Ideen für ihre Kirche angesehen haben – dabei aber in ihrer Welt dermaßen gefangen sind, dass sie nicht wahrnehmen, dass die Menschen von außen das Allermeiste davon nicht interessiert. [...]
Diese Art von Kirche nimmt so viel Raum ein. Hunderttausend Menschen zelebrieren sie und sehen dabei gar nicht, wie viele andere sie damit ausschließen. Es ist ein Missverhältnis, dass diese Binnenkirchlichkeit uns so unverhältnismäßig viel beschäftigt. Unsere theologisch korrekten Antworten, unsere politisch korrekten Aussagen – all das ist richtig. Aber all das erstickt uns. Betäubt von dem Glauben, dass die, die nicht kommen, ein Problem haben, dass doch alles so gut und makellos ist, was wir machen, fehlt uns der Zugang zu denen da draußen. Wir rudern und rudern, wollen uns nicht angreifbar machen, gelähmt von der Angst, politisch inkorrekt oder oberflächlich zu werden. Und ertrinken in einem Strom binnenkirchlicher Leitkultur."
So fasst Sebastian Baer-Henney im oben erwähnten Blogpost seine Kirchentagserfahrung zusammen. Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen, auch, wenn mir weniger zum Heulen ist, weil ich in meinem Gemeindealltag sehr binnenkirchlich unterwegs bin und glaube (oder glauben möchte), dass diejenigen, die gestärkt vom Kirchentag zurückkehren, in ihren Kontexten vor Ort mit neuer Energie wirken können. Trotzdem bleibt ein schales Gefühl, weil so viele Programmpunkte auf dem Kirchentag geschlossene Veranstaltungen sind - und zwar nicht nur milieumäßig: Zutritt zu den Veranstaltungsräumen haben nur diejenigen, die eine Eintrittskarte besitzen. Das war für einige Freunde von mir ärgerlich, weil sie vorbeikommen wollten, das aber nicht konnten. Mir ist vollkommen klar, dass der Kirchentag irgendwie finanziert werden muss. Mir ist auch klar, dass es Abendkarten gibt - die sind aber sehr schwer zu bekommen: Wer sich nicht vorher mit einem recht aufwändigen Prozedere anmeldet, hatte in Berlin nur an ausgewählten Vorverkaufsstellen die Chance, eine Abendkarte zu erwerben. Mit Abendkassen wäre das Problem zu lösen - und, ja, mir ist auch klar, was das an organisatorischem Mehraufwand bedeuten würde. Aber es ist doch schade, wenn die gastgebende Stadt weitestgehend bloße Kulisse bleibt und die Menschen dort den Eindruck haben, dass, wer mit Gott unterwegs sein will, einen orangefarbenen Schal braucht. 
Ich wünsche mir, dass wir in Dortmund mehr wagen. Dass im Nachgang dieses Kirchentages Wege gefunden werden, das Engagement der vielen, vielen Leute zu würdigen und gleichzeitig offen zu fragen, ob die Idee eines "Kirchentages auf dem Weg" und eines Abschlussgottesdienstes in Wittenberg so gut war. Dass wenigstens ein Preacher Slam nicht in einer Kirche mit Pfadfindertürstehern, sondern irgendwo an einer öffentlich zugänglichen Speakers' Corner stattfindet, ohne Kulleraugen und sonstige Banner, ohne anstrengende Anmoderation. Dass wir uns der Stadt aussetzen, nicht die Stadt uns. Ich freu mich drauf! #dnkgtt

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