Montag, 15. Juli 2013

Dreimal: Nein. - Predigt über Lk 14,25-34

Liebe Gemeinde,

wer zum Judentum konvertieren, also Jüdin oder Jude werden will, muss zum Rabbiner gehen und mit ihm über die Gründe sprechen. Beim ersten Mal wird der Rabbiner sagen: Nein. Irgendwann wird es vielleicht, bei wirklichem Interesse, ein zweites Gespräch geben. Auch dann lautet die Antwort: Nein. Vielleicht wagt der Mensch einen dritten Versuch. Geht noch einmal zum Rabbi, erklärt sich ein drittes Mal – und der Rabbi wird sagen: Nein.
(c) Dieter Schütz / pixelio.de
Der Grund für dieses dreimalige Nein ist offensichtlich: Wer ein viertes Mal kommt, meint es wirklich ernst. Und wer nach dem dritten „Nein“ noch einmal zum Rabbi geht, der bekommt dann als Antwort: Vielleicht. Und dann beginnt ein langer Weg, mit theoretischem Lernen aus vielen Büchern, und dem praktischen Lernen durch die Teilnahme am Leben in jüdischen Gemeinden und Familien. Erst dann kann die Entscheidung getroffen werden.
Liebe Gemeinde, ich erzähle Ihnen das nicht, um Ihnen religiöse Bildung zu vermitteln. Sondern weil mir diese Tradition des Judentums hilft, den heutigen Predigttext besser zu verstehen. Dreimal sagt der Rabbiner: „Nein“, und erinnert damit daran, dass der Glaube nichts ist, was man wechselt wie seine Kleidung, dass es um eine Lebensentscheidung geht.
Ich lese aus dem Lukasevangelium, Kapitel 14:


Es zogen aber viele Leute mit ihm. Und er wandte sich um und sagte zu ihnen: Wer zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und dazu auch sein eigenes Leben hasst, kann nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und in meine Nachfolge tritt, kann nicht mein Jünger sein. Wer von euch wird sich, wenn er einen Turm bauen will, nicht zuerst hinsetzen und die Kosten berechnen, ob er auch genug habe zur Ausführung. Es könnten sonst, wenn er das Fundament gelegt, den Bau aber nicht fertig gestellt hat, alle, die es sehen, sich über ihn lustig machen: Dieser Mensch hat zu bauen angefangen und war nicht in der Lage, es fertig zu stellen. Oder welcher König wird sich, wenn er auszieht, um mit einem anderen König Krieg zu führen, nicht zuerst hinsetzen und überlegen, ob er imstande ist, mit zehntausend Mann dem entgegenzutreten, der mit zwanzigtausend Mann gegen ihn anrückt? Andernfalls schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch weit weg ist, und bittet um Frieden. So kann denn keiner von euch, der sich nicht von allem lossagt, was er hat, mein Jünger sein. Salz ist etwas Gutes. Wenn aber auch das Salz fade wird, womit soll es wieder salzig gemacht werden? Es ist weder für den Acker noch für den Misthaufen zu gebrauchen; man wirft es fort. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Liebe Gemeinde, was Jesus hier sagt, klingt womöglich ungewohnt hart in unseren Ohren, kalt und verrechnend, Kosten und Nutzen abwägend. Und es soll und kann in dieser Predigt nicht darum gehen, mit einem Weichzeichner über diese Worte zu fahren, die Kanten abzuschleifen und den ganzen Text auf einen einzigen griffigen Satz zu bringen, den wir mit nach Hause nehmen und widerstandslos in unseren Alltag übertragen können, auf dass möglichst alles so bleibt, wie es ist.

Dreimal sagt der Rabbiner, wenn jemand zum Judentum konvertieren will: Nein. Dreimal sagt Jesus, wer nicht sein Jünger, seine Jüngerin sein kann:

Wer zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und dazu auch sein eigenes Leben hasst, kann nicht mein Jünger sein.

Liebe Gemeinde, ich habe vorhin gesagt, es geht nicht darum, mit einem Weichzeichner über den Text zu fahren und den Anspruch kleinzureden, den Jesus an die stellt, die mit ihm durchs Leben gehen wollen. Aber in diesem Abschnitt geht es doch vielleicht darum, ein Missverständnis aufzuklären: Wenn in der Bibel von „hassen“ die Rede ist, dann ist das nicht das Gefühl totaler Abneigung, das wir heutzutage meinen. Mit Lieben ist es übrigens genauso: Unser schönes Wort Nächstenliebe heißt ja auch nicht, dass wir anderen Menschen gegenüber ein warmes Gefühl haben, sondern dass wir ihnen tatkräftige Unterstützung zukommen lassen, ihnen zu ihrem Recht verhelfen – ganz unabhängig von persönlicher Sympathie. Vater und Mutter, die ganze Familie, sogar sein eigenes Leben hassen – das meint in diesem Sinne: Ansprüche zurückstellen und sich befreien von dem Netz aus Traditionen, alten Angewohnheiten und Erwartungen, die, auch, wenn sie von der Familie kommen, nicht immer gerechtfertigt sind.
Ohne die Kanten abschleifen zu wollen, möchte ich Ihnen einen jüdischen Witz erzählen:

Drei ältere Damen unterhalten sich darüber, wessen Sohn seine Mutter am meisten liebt.
Die erste erzählt stolz: „Mein Sohn hat zu meinem Achtzigsten eine Kreuzfahrt mit mir gemacht! Zwei Wochen Erster Klasse durch die Karibik – 8.000 Dollar hat ihn das pro Person gekostet!“
„Das ist noch gar nichts“, unterbricht die zweite, „mein Sohn hat zu meinem Achtzigsten für ein ganzes Wochenende ein Hotel gemietet, die ganze Familie, sogar die Verwandten aus Israel eingeflogen, für insgesamt 25.000 Dollar!“
„Ach“, winkt die dritte ab, „das ist doch überhaupt nichts. Mein Sohn ist seit fünf Jahren in Psychotherapie, zweimal die Woche trifft er sich mit seinem Therapeuten, zahlt jedes Mal 80 Dollar für eine Stunde – und worüber reden sie, die ganze Stunde lang? Über mich!“
Es gibt also durchaus familiäre Bindungen, aus denen wir uns lösen müssen, meist geht das ganz von selbst, bis auf ein paar Rangeleien in der Pubertät – manchmal ist dieser Schritt aber auch für beide Seiten anstrengender, wenn die Erwartungen überzogen sind. Wer sich hier nicht löst, wird kein freier Mensch sein, auch in seinem Glauben nicht. 

Und so höre ich aus diesem Satz Jesu zweierlei heraus:
Einerseits die Frage zum Nachdenken: Wo halten dich die Erwartungen deiner Familie oder deiner Umgebung zurück? Wo tust du nicht das, was du für richtig hältst, weil du Angst hast vor den Reaktionen deiner Verwandten oder deiner Freunde?
Und andererseits die Einladung: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid – mit ungeklärten Verhältnissen und brüchigen Beziehungen, mit Euren Eigenheiten und Geschichten, die es euch schwer machen, euch selbst zu mögen. Niemand muss eine Bilderbuchfamilie vorweisen, und niemand muss restlos von sich selbst überzeugt sein.

Ein zweites „Nein“ hören wir von Jesus:
Wer nicht sein Kreuz trägt und in meine Nachfolge tritt, kann nicht mein Jünger sein.

Liebe Gemeinde, als Jesus das sagt, ist er auf dem Weg nach Jerusalem, kurz davor, sein eigenes Kreuz aufzunehmen und zu tragen. Wer ein paar Kapitel weiterblättert, wird Zeuge eines anstrengenden Zwiegesprächs im Garten Gethsemane, in dem deutlich wird: Der Weg, den Jesus geht, ist nicht einfach, führt mitten durch die nackte Angst ums Überleben, bringt ihn zu dem, was er am Meisten fürchtet. Dadurch, dass Jesus diese Angst ausspricht und vor Gott ablegt, wird der Weg frei, der Weg zum Kreuz und darüber hinaus, der Weg vom Tod in das Leben, für ihn und für uns.
„Jeder hat sein Kreuz zu tragen“, seufzen wir manchmal. Dahinter steckt das ganz banale und doch so schwer zu akzeptierende Wissen, dass das Leben nie perfekt ist. Und es geht noch ein bisschen tiefer:

In der Psychologie spricht man Kernverletzungen, also von Wunden an der Seele, von Ängsten oder Erfahrungen, die ganz tief sitzen und unser Verhalten prägen. Der Ostberliner Rapper Sido hat das in einem Lied sehr plastisch ausgedrückt, er beschreibt schwere Erfahrungen seines Lebend und singt: „In einem schwarzen Fotoalbum mit nem silbernen Knopf/ bewahr‘ ich alle diese Bilder im Kopf.

(c) lichtkunst.73 / pixelio.de
Ich glaube, jeder von uns hat so ein schwarzes Fotoalbum mit düsteren Bildern, die uns belasten, die uns schwerfallen, zu betrachten, die Geheimnisse, die wir mit uns tragen: Traumatische Erinnerungen, Eigenschaften, die wir uns und anderen gegenüber nicht eingestehen wollen, oder tief sitzende Ängste. Sein Kreuz zu tragen heißt dann: Das schwarze Fotoalbum nicht in den hintersten Ecken des Unterbewusstseins zu verstecken und weiter so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das klappt nie so richtig, die Bilder holen uns ein – und ein Glaube, der diese Abgründe zu verdecken versucht, bleibt oberflächlich und banal, weil er immer wieder Untiefen ausweichen und Tabuthemen vermeiden muss. Sein Kreuz tragen heißt, sich mit der Hand Jesu auf der Schulter den eigenen Kernverletzungen zu stellen – und dann kann etwas Erschreckendes und Wunderbares zugleich passieren: Kernverletzungen und Kernkompetenzen (oder Kernberufungen) liegen oft nah beieinander. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten und Abgründen macht sensibel im Umgang mit anderen. Das ist nicht einfach, denn das heißt oft, sich von Bildern, die man sich von sich selbst macht, von Vorstellungen eines gelungenen Lebens zu verabschieden. Und das geht vielleicht nur aus dem Vertrauen heraus, dass ich vor Gott meine Schattenseiten nicht verstecken kann – und auch nicht muss.

Liebe Gemeinde, das alles führt zum dritten „Nein“ Jesu:
So kann denn keiner von euch, der sich nicht von allem lossagt, was er hat, mein Jünger sein.

In der Kirchengeschichte haben immer wieder Menschen das als Aufforderung verstanden, in Armut und Anspruchslosigkeit zu leben, und dieses Verständnis hat seine Berechtigung, wenn wir darüber nachdenken, wie sehr wir dann doch an materiellen Sicherheiten und Statussymbolen hängen und uns davon blockieren lassen. Und in vielen Ländern dieser Welt, wo Christen ihren Glauben nur heimlich ausleben dürfen, bedeutet etwa ihre Taufe wirklich einen Bruch mit dem bisher dagewesenen Leben, weil ihnen Karrieremöglichkeiten verschlossen bleiben,  weil sich Familienmitglieder von ihnen abwenden, weil sie, wie in Nordkorea, ins Visier des Geheimdienstes geraten. 

Wir leben Gott sei Dank in anderen Verhältnissen, aber auch für uns bedeutet der Glaube doch den Abschied von Selbstverständlichkeiten: Allein die Einsicht, dass jeder Mensch, dem wir begegnen, ein Bruder oder eine Schwester Jesu, ein Kind Gottes ist, verändert doch eine ganze Menge, wird einige Schranken und Schubladen in unseren Köpfen durcheinander bringen und unser Verhalten ihnen gegenüber ändern. Das wird das Leben nicht einfacher machen, und das wird Widerspruch auslösen – denn uns liegt doch sehr viel an unseren überschaubaren Einteilungen in „wir“ und „die“. Und Jesu nachzufolgen, heißt letztlich ja auch, dass ich mich von Illusionen über mich selbst verabschiede, von der Vorstellung, ich könnte selbst durch das, was ich leiste und was ich besitze, meinem Leben Sinn geben und mein Dasein rechtfertigen.

Liebe Gemeinde, dreimal sagt der Rabbi „Nein“.
Drei Gründe, warum man sich gut überlegen sollte, ob man sich auf dieses Abenteuer einlassen will.
Drei Erinnerungen daran, dass unser Glaube mehr ist als eine Weltanschauung oder ein irgendwie-gut-Finden.
Drei Spitzen, die, glaube ich, auch jetzt noch nicht abgeschliffen sind und womöglich an der einen oder anderen Stelle bohren, und das ist nicht der schlechteste Dienst, den Jesus uns mit diesen Worten erweist:
Drei Anlässe, sich selbst darüber Rechenschaft abzulegen, warum wir eigentlich sagen: „Trotzdem“.
Drei Fragen, was dieser Glaube für unser Leben zwischen Montag und Samstag eigentlich bedeutet.
Dreimal „Nein“, die aber eine Sache voraussetzen: Gott sagt ja.

Amen.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Zur Kritik an der Kritik der Kritik... oder so

Ich persönlich bin ja kein Freund von Denkschriften und anderem derartigen Papierkram. Weder habe ich das Gefühl, mir von Expertenkommissionen sagen lassen zu müssen, was man als evangelischer Christ glauben sollte, noch kann ich der EKD die lehramtliche Autorität zugestehen, die ihr zumindest in den medialen Diskussionen immer wieder zugesprochen wird. Das sei vorausgeschickt, wenn es jetzt um die viel gescholtene Orientierungshilfe (!) zum Thema Familie ("Zwischen Autonomie und Verlässlichkeit") geht. Genauer gesagt soll es in diesem Beitrag gar nicht so sehr um die Orientierungshilfe selbst als vielmehr um einige der -gelinde gesagt- heftigen Reaktionen darauf gehen. Denn die sagen in den meisten Fällen mehr über die Kritiker als über das Familienpapier aus, bzw. über das der Kritik zu Grunde liegende Verständnis von Kirche und Theologie. 

Der Evangelist. 

 

Ulrich Parzany etwa, den selten Sorgen um die eigene Meinung plagen, schämt sich gar für seine evangelische Kirche. Zumindest sagt das IDEA Spektrum (für Nicht-Eingeweihte: die BILD-Zeitung der frommen Subkultur):
Parzany erinnert daran, dass die evangelische Kirche entstanden sei, weil die Reformatoren sich auf das vierfache „Allein“ beriefen: allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift. Nun bescheinigten der Kirche sogar die säkularen Medien einen laxen Umgang mit der Bibel. 
Quelle: idea.de
Das reformatorische Stichwort sola scriptura ("allein die Schrift") muss also wieder für so einiges herhalten, und wie so viele vor ihnen verwechseln Parzany selbst und die von ihm zitierten "säkularen Medien" dies mit einem platten Biblizismus. Das ist ein hermeneutischer Fehlschluss, zudem trifft die pauschale Kritik, die EKD kümmere sich nicht um die Bibel, auf die Familien-Orientierungshilfe gerade nicht zu: Das Kapitel "Theologische Orientierung" nimmt sich zwar in der Tat auf das Ganze des Papiers gesehen ziemlich gering aus, weil man, wieder einmal, sehr damit beschäftigt ist, anderen staatspolitischen Akteuren zu sagen, was sie tun sollen - das hat u.a. auch Ulrich Eibach besonders hervorgehoben. Aber es ist eine Stärke ebendieser theologischen Orientierung in all ihrer Kürze, dass sie das breite biblische Zeugnis für unterschiedliche Lebensformen ernst nimmt und aufdeckt, dass das von vielen Kritikern propagierte Eheideal mitnichten irgendwann zu biblischen Zeiten vom Himmel gefallen ist, sondern in weiten Teilen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts stammt. 

Der konservative Kolumnist.


Daran möchte man auch Jan Fleischhauer erinnern, dessen Kolumne bei S.P.O.N. Parzany womöglich vorschwebt, wenn dieser von säkularen Medien spricht: Fleischhauer konzentriert sich bei seiner Kritik an der "Orientierungshilfe" (ach ja, Anführungszeichen können ja doch verräterisch sein) vor allem auf das Versprechen beim Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung:
Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen - auch wenn der Pastor sagt, es gelte, "bis dass der Tod euch scheidet". Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.
Auch die EKD denkt die Ehe nun von ihrem Ende her, also der Trennung. Deshalb empfiehlt sie allen, die sich binden wollen, genau zu bedenken, wie es danach weitergeht und sich beizeiten über den Stand des Scheidungsrechts zu informieren.
Allein die kurze Skizze der Szenerie deutet an, dass Fleischhauer bestimmte Dinge nicht
www.spon.de
verstanden hat. Einen "Traualtar" gibt es in evangelischen Kirchen nicht, weil es - streng genommen - keine "richtigen" Altäre gibt, und weil in evangelischen Gottesdiensten keine Ehen geschlossen, sondern bereits bestehende Ehen gesegnet werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied, den man allerdings nicht der EKD, sondern Luther anlasten muss - die Einsicht, dass Ehen nicht im Himmel geschlossen werden, ist so alt wie die evangelische Kirche selbst. Bei aller Sympathie für Verlässlichkeit und Exklusivität von Paarbeziehungen: Die ätzende Unterstellung, es würde hier um leichtfertige Floskeln gehen ("nicht länger wirklich ernst gemeint"), geht an der seelsorglichen Realität vorbei. 

Das Zugeständnis, dass auch die Ehen evangelischer Christinnen und Christen in die Brüche gehen können, ist ebenfalls kein Geistesblitz der Expertenkommission gewesen und somit auch kein "neuer Höhepunkt" der "Selbstsäkularisierung der Protestanten" oder ein Erguss "heiliger Teestubeneinfalt" (schade übrigens, dass konservative Kreise anscheinend nie ganz ohne Käßmann-Bashing auskommen). Die Ehescheidung war schon in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts eine durchaus realistische Option, als man erkannte, dass Gelingen oder Scheitern ehelichen Lebens nicht allein in den Händen der Beteiligten liegt. So heißt es etwa in der Pommerschen Kirchenordnung von 1535, die gleichzeitig dem Scheidungsrichter die Chance gibt, seine Hände in Unschuld zu waschen: 
"wenn överst einer sick weder godt scheidet dorch unvorhapentlick wederkamendt eder unvorsoenlicken ehebröcke, so schide wi se nicht, sünder de düvel hefft se gescheidet."
- zitiert nach Gerold Tietz, Verlobung, Trauung und Hochzeit 
in den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Univ.-Diss. Tübingen 1969, 24.

Neben dem Ehebruch akzeptierten die Reformatoren auch die "bösliche Verlassung" und die Zerrüttung der Ehe als Scheidungsgründe. Natürlich kann und muss man sich fragen, ob man die sozialdisziplinierenden Ordnungen des 16. Jahrhunderts als Grundlage heutiger ethischer Entscheidungen heranziehen will - immerhin sehen die meisten dieser Ordnungen für diejenigen, die nicht solvent genug sind, überhaupt keine Ehe vor, weil weder weltliche noch geistliche Obrigkeit ein Interesse an der Reproduktion von Armut hatte. Wenn man sie dennoch als Inspirationsquelle nutzen möchte, könnte man vielleicht den Blick auf die äußerst zahlreichen Verbote allzu exzessiver Hochzeitsfeiern lenken, aber das nur am Rande. 

Nicht alles, was Fleischhauer schreibt, ist gänzlich verkehrt, ich nehme ihm sogar zu hundert Prozent ab, dass die Konfirmation seines Sohnes nicht schön war. Und, ja, ich bin auch der Meinung, dass die Folgen von Ehescheidungen für das Umfeld und nicht zuletzt für die Kinder (wenn auch hier sicherlich gilt, dass in manchen Fällen ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende) zu wenig bedacht sind. 
Und ich kann auch seine Enttäuschung verstehen, ohne sie zu teilen, wenn er plötzlich gewahr wird, dass die Kirche nicht dafür da ist, konservativen politischen Meinungen ein religiöses Finish zu verpassen. 

Der Karrrdinal.

 

Ach ja, der hat ja auch noch gefehlt (hat eigentlich Matthias Mattussek noch nichts gesagt?). Der Kölner Erzbischof Kardinal Meisner hat es sich nicht nehmen lassen, äußerst wortreich zu urteilen und in gewohnt zelotischer Manier sich selbst und seine Kirche als weihrauchgeschwängerte Bastion all dessen zu inszenieren, was früher angeblich besser gewesen ist. Zwar schreckt auch Meisner bei aller Altehrwürdigkeit nicht vor dem Gebrauch von Kampfbegriffen aus dem vulgärfundamentalistischen Standardrepertoire zurück ("Zeitgeist statt Heiliger Geist"); die Wurzel allen Übels indes liegt seiner Meinung nach weiter zurück:
Die Reformatoren haben die christliche Überzeugung von der Sakralität der Ehe aufgegeben und diese zu einem "weltlich Ding" erklärt, worauf sich auch das vorgelegte Dokument beruft. Wie sich nun in aller Deutlichkeit zeigt, wird die Ehe so zu einer rein innerweltlichen Institution, die durch andere Zweckverbindungen ersetzt werden kann. Dass ausgerechnet Christen einen solchen Rückschritt im Verständnis von Ehe und Familie initiieren würden, hätte ich nicht für möglich gehalten!
Das unpräzise Gerede von "der christliche[n] Überzeugung von der Sakralität der Ehe"  suggeriert, es habe vor der Reformation keine andere gegeben. Das jedoch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Unsinn. In einer apologetischen Schrift vom Anfang des 3. Jahrhunderts heißt es über die Christen, diese seien eigentlich Menschen wie alle anderen auch, sie
"sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden [...], heiraten und zeugen Kinder, setzen aber die geborenen [Kinder] nicht aus."
- Zitiert nach Chr. Grethlein, Grundinformation Kasualien. 
Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens, Göttingen 2007, 218.

Und noch in den Entscheidungen der Konzile von Basel/Ferrara/Florenz und Trient mehr als 1000 Jahre später zeigt sich, dass die Sakramentalität der Ehe alles andere als eindeutig ist. Ganz abrunden lässt sich die Kirchengeschichte also nicht.

Es ist im Übrigen auch nicht so, dass die EKD hier mit dem Zeitgeist im Rücken irgendwelche Dämme einreißen würde. Die Kritik an einer offenbarungstheologischen Überhöhung biologischer oder sozialer Strukturen hat gute Tradition. Schon 1951 schrieb Karl Barth:

Es waren Denkgewohnheiten und praktische Gepflogenheiten der ‚christianisierten‘ Heidenvölker, die dem Begriff der ‚Familie‘ später den Glanz eines Grundbegriffes christlicher Ethik gegeben haben. Wir haben keinen Anlaß, uns ihnen anzuschließen
- K. Barth, KD III/4, Zürich 1951, 271.

Man mag sich ja fragen, warum sich ein katholischer Erzbischof bemüßigt fühlt, derart ausführlich Stellung zu einer evangelischen Orientierungshilfe zu beziehen. Die Antwort gibt der Kardinal selbst: 
Im Zeitalter der Ökumene ist es geradezu die Pflicht der katholischen Kirche, an den Geschehnissen in anderen Kirchen und Gemeinschaften Anteil zu nehmen. Darum bitte ich die Evangelische Kirche in Deutschland eindringlich, ihre Position hinsichtlich von Ehe und Familie zu überdenken und zurückzukehren zur Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat.
Die "Überzeugung, die unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat" ist natürlich keine andere als die, die der Kardinal selbst vertritt. Aber da treffen sich evangelische und katholische Christen durchaus - man hat ja immer die gleiche Meinung wie der Herr Jesus. Und natürlich ist es gut, wenn wir Stellungnahmen der anderen wahrnehmen, gerne auch kritisch. Aber nicht alle Kritik geht eben von theologischen oder hermeneutischen Voraussetzungen aus, die unkritisch übernommen werden können. Einige kritische Stimmen allerdings sehr wohl:

Begründete Kritik

 

(c) de.wikipedia.org
Trotz aller erfreulichen Tendenzen ist die Orientierungshilfe sicher nicht frei von problematischen Passagen und Schlussfolgerungen. Wäre ja auch schlimm, wenn das anders wäre. Zwei Kritikern aus den eigenen Reihen kann ich mich streckenweise anschließen:

Frank Otfried July, Bischof der Württembergischen Landeskirche, findet viel Positives an der Orientierungshilfe, kritisiert jedoch vor allem zwei Punkte: Mit der Relativierung der Ehe sei eine Institutionenethik zugunsten einer Beziehungsethik verändert worden, was in der Tat bedenkenswert ist. Gewichtiger scheint mir seine Anfragen an den Entstehungsprozess der Orientierungshilfe zu sein:

Grundsätzlich bin ich im Zweifel, ob bei solch grundlegenden Fragen – wie in der vorgelegten Orientierungshilfe – das Verfahren zur Entstehung sachgerecht ist. [...] Als evangelische Kirche tun wir gut daran, bei derartigen Fragen in einem ausführlichen Konsultationsprozess die Landeskirchen, Synoden, Kirchengemeinderäte etc. zu beteiligen, um zu einer weithin getragenen Orientierung zu kommen. Eine solche Konsultation rege ich ausdrücklich an.

Hier stellt sich die Frage nach Autorität(sanspruch) und Selbstverständnis der EKD, wenn Stellungnahmen hinter verschlossenen Türen durch einige wenige Experten produziert und dann gegenüber der Öffentlichkeit, auch der kirchlichen, quasi als "Überraschung" aus dem Hut gezaubert werden. Ähnlich scheint das Vorgehen bei der sich in Arbeit befindlichen Orientierungshilfe zum Thema "Sexualität" zu sein, über die sich der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in Schweigen hüllt

(c) EKiR-Archiv
Markus Dröge, Bischof der EKBO, spricht sich in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel für die Aufwertung ehelicher und partnerschaftlicher Treue aus, allerdings gänzlich ohne moralisierendes Beharren auf tradierten Lebensformen, sondern unter Rückgriff auf die gut biblisch-theologische Kategorie des Bundes. Er schreibt abschließend:

Ich begrüße die Orientierungshilfe ausdrücklich als einen wichtigen Diskussionsbeitrag. Allerdings hätte ich mir mehr theologische Klarheit gewünscht, um die verlässliche Gemeinschaft sowohl in der Ehe als auch in anderen Lebensformen noch deutlicher zu stärken. Die Ökumene könnte gestärkt werden, wenn die katholische Kirche den Ball als Herausforderung aufnimmt und nun selbst konstruktiv darlegt, wie sie neue Lebensformen angemessen ethisch würdigen will.
Ich würde einen Schritt weiter gehen und mir nicht nur mehr theologische Klarheit, sondern mehr Vertrauen in die Theologie wünschen. Es ist richtig und gut und unaufgebbar, dass wir humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst- und aufnehmen. Es wird aber den berechtigten Erwartungen, die Menschen an die Kirche richten, nicht gerecht, wenn wir uns darauf beschränken, allgemeine Richtigkeiten und einen breiten gesellschaftlichen Konsens mit einigen Bibelversen und Zitaten aus der Theologiegeschichte zu schmücken. Das ist kein prophetisches Wagnis, denn was in der Orientierungshilfe als status quo festgestellt wird, entspricht, auch, wenn es in kirchlichen Kreisen für Aufruhr sorgt, weitestgehend dem absoluten common sense der Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte. Vom Politikunterricht der siebten Klasse habe ich behalten, dass es ein typisches Vorgehen von Leitungsfiguren mit schwacher Autorität ist, genau das anzuordnen oder zu erlauben, was die Gruppenmitglieder ohnehin tun. Vielleicht würde es uns als Kirche gut tun, uns auf unsere Kernkompetenzen zu besinnen und uns, bei aller notwendigen Dialogbereitschaft, nicht so sehr nach dem erhofften Höflichkeitsapplaus Außenstehender zu richten. 


Zum Schluss: Meine fuffzich Cent

 

(c) de.wikipedia.org
Vieles ist ja schon gesagt worden. Das ist gut so, das wollte die EKD nach eigenen Aussagen. Und s.c.j. wird die Diskussion weitergehen und vielleicht die theologischen Lücken in der Argumentation durch den vielstimmigen Chor der Gemeinden und Einzelstimmen auffüllen. Ich glaube, die Diskussion kann noch gar nicht zu Ende sein, weil evangelische Ethik an einem besonderen Maßstab zu messen ist: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen", sagt Jesus - und für mich hängt die Glaubwürdigkeit (oder meinentwegen auch die Verlässlichkeit) der Orientierungshilfe u.a. daran, inwieweit die hier vertretenen Thesen die Selbstverständlichkeiten in der Institution in Frage zu stellen vermögen und sich etwa im Pfarrdienstrecht niederschlagen: Hier sind viele Grundannahmen und Konsequenzen noch einem idealisierten Bild des evangelischen Pfarrhauses verpflichtet, das aber ebensosehr ein Kind des 19. Jahrhundert und von dessen bürgerlichen Tugenden beeinflusst ist wie diejenigen Vorstellungen von der Ehe, die in der Orientierungshilfe zurückgewiesen werden. Die Entscheidung muss hier bei den Gemeinden liegen: wenn die klassische Institution "Pfarrhaus" mancherorts milieubedingt dem Gemeindeaufbau dienen kann - wunderbar! Aber wenn Gemeinden den Schritt in Milieus wagen, die von bürgerlichen Lebensentwürfen abgestoßen werden (Insider erkennen die Eindrücke aus den Niederlanden wieder), dann muss das Pfarrdienstrecht es auch ermöglichen, "den Griechen ein Grieche zu sein".

Dienstag, 9. Juli 2013

Niederländische Notizen - Teil 3: Auf Pilgrimsväterspuren in Rotterdam

Am vorletzten Tag unseres Pastoralkollegs in den Niederlanden, in dessen Rahmen wir uns innovative  Gemeindeprojekte ansehen, geht es in die zweitgrößte Stadt des Landes, nach Rotterdam.

Oude of Pelgrimvaderskerk

Vom pittoresken, im strahlenden Sonnenlicht Urlaubsfeeling versprühenden Kai im Rotterdamer Stadtteil Delfshaven betreten wir die kühle Stille der Oude of Pelgrimvaderskerk (Alte oder Pilgerväterkirche) - und atmen historische Luft: Von hier aus sind 1620 die puritanischen Pilgerväter, die vor religiöser Verfolgung aus England flüchten mussten, aufgebrochen, um auf der Mayflower in die Neue Welt zu ziehen. Das geschichtliche Erbe ist allgegenwärtig, in vielen Räumen hängen Memorabilien, Schaukästen und Infotafeln. Der Kirchraum selbst lässt mein reformiertes Herz höher schlagen: Dunkles Holz, viele Presbyterbänke, im Zentrum des Chorraums eine gewaltige Kanzel mit einem riesigen Schalldeckel (oder, noch schöner gesagt, Kanzelhimmel), davor ein schlichter Abendmahlstisch. An den Wänden die zehn Gebote. Es erinnert mich ein bisschen an die
Synagoge in Kopenhagen, und ich denke: Genauso muss es sein, mehr Bethaus und Schule als Kultstätte. In meine Schwärmereien mischt sich aber auch der Gedanke, dass es auch hier nicht besonders innovativ aussieht, und Pieter L. de Jong, der mittlerweile emeritierte, aber deswegen nicht weniger umtriebige senior pastor der Gemeinde mit schlohweißem Wuschelhaar, der uns empfängt, würde sich wohl auch gegen diese Etikettierung wehren.

Er erzählt von seinen Dienstjahren zwischen 1991 und 2012, während der eine massive white flight einsetzte, also "autochthone (ethnische) Niederländer" den Stadtteil verließen. Sie machen mittlerweile knapp 20% der Einwohnerschaft des Rotterdamer Westens aus. Er beschreibt die Stimmung bei seinem Amtsantritt, zu einer Zeit, als man begann, Kirchen zu verkaufen und Restgemeinden zusammen zu legen. Auch seine Gemeinde verkaufte ihre Kirche, allerdings, und das erscheint als ein äußerst cleverer Kniff, an eine staatliche Stiftung zum Erhalt wertvoller Gebäude, deren Hauptmieter die Gemeinde wurde. Die historische Kirche wurde so erhalten, aber der Gemeindehaushalt ist nicht mehr mit den horrenden Instandhaltungskosten belastet. 
Trotz eines vergleichsweise florierenden Gemeindelebens (mit 150 Gottesdienstteilnehmenden im Jahr 1992) entschied man sich, auf die jüngere Generation in den 20ern und 30ern zu setzen und zwar, wie Pieter erklärt, aus pragmatischen Gründen: "Alte Menschen sind viel flexibler als junge. Junge Menschen suchen Gott und sich selbst, aber sie haben auch mit 30 ihren ersten Job, gründen eine Familie und sind dermaßen eingespannt, dass man auf sie besser eingehen muss. Die Alten ziehen dann mit." Von Niederschwelligkeit im landläufigen Sinne kann dabei keine Rede sein: Wer Mitglied der Gemeinde sein will, verpflichtet sich zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch (und das heißt: jeden Sonntag, den man in der Stadt verbringt!) und zur Teilnahme an einem Hauskreis sowie, wenn noch Ressourcen vorhanden sind, in einem Arbeitskreis oder Ausschuss. Der Gottesdienst soll ein Heimkommen ermöglichen und gleichzeitig deutlich machen, dass es um den/die/das "ganz Andere" geht, sprich (wie Pieter es ausdrückt): "Gute biblische Predigt. Zeitung lesen können die jungen Leute selber. Von uns erwarten sie etwas, das sich sich nicht selbst sagen können."

Zu Anfang sehen wir einen Videoausschnitt aus einem Taufgottesdienst - und das eigentlich Spektakuläre ist nicht eine besonders ausgefeilte Liturgie (mit dem, was Pieter de Jong und sein Kollege Martijn van Laar da vorne veranstalten, würden sie aus jedem Thomas-Kabel-Seminar hochkant rausfliegen!), sondern die brechend volle Kirche und die Anteilnahme der Gemeinde an der Taufe der sechs Erwachsenen. Spannend finde ich auch, aber das nur als Randbemerkung, wie ungeniert in dieser doch eher streng reformierten (hervormden) Gemeinde fotografiert und gefilmt wird, während sich in fast jeder neueren Kasualhandreichung ein mehrseitiger Eiertanz findet, was wie wo und wem erlaubt sein kann... Jedenfalls: Es ist offensichtlich nicht die Ästhetik, die anspricht, sondern der Inhalt und die Gemeinschaft, die in der Pelgrimvaderskerk etwa dadurch gefördert wird, dass junge Familien zum Bleiben animiert werden. Der Eindruck verstärkt sich abends beim Hören einer Audioaufnahme eines Gottesdienstes: Das Orgelspiel ist nicht wirklich virtuos, aber gut mitsingbar, die liturgische Sprache einfach und dabei konzentriert, die Predigt ausgefeilt und biblisch fundiert, allerdings ohne große Schnörkel. Das Konzept geht jedenfalls auf: 400 Menschen besuchen durchschnittlich den Gottesdienst am Sonntagmorgen, darunter ein Viertel zwischen 20 und 30 Jahren, zu den Gottesdiensten am Nachmittag und am Abend kommen jeweils noch etwa 100 Teilnehmende. 

Einen zweiten Arbeitsschwerpunkt stellt uns Martijn van Laar vor, seines Zeichens missionary minister und als solcher mit der Arbeit der Gemeinde im Stadtteil betraut. Einen Großteil dieser Arbeit macht die Begegnung mit Muslimen aus, die Martijn als äußerst fruchtbar empfindet: In einem Dialog auf Graswurzelniveau (vorwiegend junge Leute treffen sich in gemeinsam vorbereiteten und getragenen Gesprächsgruppen) treffen Menschen inmitten der hitzigen Debatte um die "Islamisierung" der Gesellschaft zusammen und lernen mit- und voneinander - Christen und Muslime suchen gemeinsam "der Stadt Bestes" (Jer 29,7). Für die Gemeinde bedeutet dies die Chance, sich über Inhalte und Konsequenzen ihres Glaubens klarer zu werden und, redend wie handelnd, Rechenschaft abzulegen - "because Muslims ask the right questions". Gleichzeitig bleibt mir etwas im Ohr, das so ähnlich klingt wie das, was Rikko Voorberg zum Kontakt mit Atheisten gesagt hatte: "The missionary knife cuts on both sides - Das Messer der Mission schneidet nach beiden Seiten." Der Dialog verändert beide, und es scheint ihnen und dem Stadtteil gut zu tun.

Geloven in Spangen

Am Nachmittag geht es weiter zu einer church plant der Gemeinde im deutlich weniger pittoresken Stadtteil Spangen. Einige Zahlen können vielleicht einen ganz guten Eindruck von den Lebensumständen jenseits des "Zaubertunnels" vermitteln: 80 Nationalitäten bei knapp 10.000 Einwohnern, von denen 54% ohne Grundbildung sind, 33% kein Niederländisch sprechen, 21% Sozialhilfe beziehen und 33% unter der Armutsgrenze leben. In dieser Realität betreibt Nico van Splunter das Projekt Geloven in Spangen (Glauben in Spangen), bei dem zwischen diakonischem und missionarischem Handeln nicht zu trennen ist: Neben einer Vielzahl sozialer Aktivitäten (zum Beispiel der Vermittlung von Sprachpartnern - taal buddies -, die Frauen mit Migrationshintergrund, die ihre Wohnung nicht verlassen, Niederländisch beibringen) finden in einer Schule Gottesdienste mit Trommeln und einer Kurzpredigt statt, von denen einer im Monat eine doe-viering, also ein "Mitmach-Gottesdienst" ist, bei dem die Gemeinde mit einem praktischen Auftrag hinausgeschickt wird. Bei einem solchen Gottesdienst, in dem es um das Reich Gottes ging, hat man, so erzählt Nico, die Gemeinde mit Digitalkameras ausgestattet und sie gebeten, an diesem Sonntagvormittag Fotos im Stadtteil zu machen von Situationen, in denen sie das Reich Gottes angebrochen oder noch in weiter Ferne sehen (noch so eine Idee, die bei mir unter "Will! Ich! Auch!" abgespeichert wird). Daneben gibt es Alphakurse, eine Gruppe, die für den Stadtteil und die Menschen betet, Sozialberatung und vieles mehr; die Gemeinde ist Teil der internationalen Initiative Serve the City. Und natürlich wird viel gegessen.

Die aus ursprünglich fünf Personen bestehende Kerngruppe ist mittlerweile auf 30 Mitarbeitende angewachsen, die unter anderem damit beschäftigt sind, Mitglieder der Gemeinde für die Übernahme eigener Verantwortung zuzurüsten. Das erklärte Ziel ist es, die Initiative irgendwann ganz in die Hände des Stadtteils zu übergeben - so wie die Hauptaufgabe des Kirchenpflanzers Nico von Splunter darin besteht, sich selbst überflüssig zu machen. 


Auf dem Weg zurück nach Amerongen...

...denke ich viel nach über die großartigen Initiativen und die überaus sympathischen Menschen, die wir in Rotterdam getroffen haben. Grandios finde ich immer noch die Idee mit dem Kirchenverkauf. Sicherlich geht es nicht überall so einfach, und natürlich setzt es einiges an Mut voraus, die Herrschaft im eigenen Haus aufzugeben. Aber ich sehe auch, wie einige Gemeinden in Deutschland unter den finanziellen Lasten altehrwürdiger Gebäude ächzen oder der Erneuerung des Gottesdienstes durch die Architektur Grenzen gesetzt sind. Solche Aspekte sind mir wichtig, gerade angesichts der momentanen Anstrengungen in der Praktischen Theologie, das Konzept der "Heiligen Orte" für den Protestantismus salonfähig zu machen und so kirchlichem Bestitzstandswahrungsdenken noch mehr Argumente an die Hand zu geben.  

Auch in Rotterdam ist uns wieder die Konzentration auf das "Kerngeschäft" begegnet - Bibel. Beten. Essen. Und eben auch: Tun. Das hat mich sehr beeindruckt - die zumindest auf Gemeindeebene kranke Trennung zwischen Kirche und Diakonie ist hier (noch?) nicht vollzogen.

In Spangen hat mich begeistert, dass die Verantwortlichen hier nicht auf gut ausgebildete Menschen zielen, um ihnen Leitungsaufgaben anzutragen, sondern auf die Zurüstung der Menschen vor Ort setzen. Erinnert ein bisschen an den schönen Satz, der vor einem Jahr oder länger mal ein kurzzeitiges Facebook-Meme war: Gott beruft nicht die Qualifizierten - er qualifiziert die Berufenen

Schließlich bleibe ich auch, noch einmal, am Konzept des church plantings hängen, diesmal eher an der Person des Kirchenpflanzers, dessen oberstes Ziel es ist, eine Arbeit in Gang zu bringen, die ihn selbst überflüssig macht und ihn irgendwann weiter ziehen lässt. Sehr apostolisch-paulinisch, das. Und sehr weit weg von so mancher pastoraler Praxis in Deutschland...