Mittwoch, 22. Oktober 2014

Im Heiligen Land (V): Wüste, Totes Meer, Masada

Am Ende meines Aufenthalts in Nes Ammim breche ich auf Richtung Westen, zum Toten Meer. Mein Reiseführer warnt davor, diese Strecke durch weitgehend nicht-judaisierte Gebiete in einem Auto mit israelischem Kennzeichen zurückzulegen und empfiehlt, sich einen Palästinenserschal oder einen Rosenkranz ins Auto zu hängen, um von weitem als Nicht-Jude erkennbar zu sein. Es ist nicht das erste Mal, dass das Thema Religion im Heiligen Land für mich einen schalen Beigeschmack bekommt – und die Maßnahme scheint äußerst unnötig, zumindest interessiert sich niemand für mein israelisches Auto, selbst an den Checkpoints werde ich durchgewunken. Obwohl, wer weiß, vielleicht gerade wegen des Rosenkranzes, der am Rückspiegel baumelt. 

Der Weg zum Toten Meer führt buchstäblich durch die Wüste, und dieses Erlebnis ist beeindruckend, wenn auch nicht ausschließlich positiv: Selbst im vollklimatisierten Auto mit vollem Tank auf einer viel befahrenen Straße wird deutlich, dass diese lebensfeindliche Landschaft mit ihren kargen Geröllhängen jeder Zeit in der Lage ist, einen in die Knie zu zwingen. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die irgendwo hier in dieser Gegend spielt, gewinnt einiges an Dramatik, und wie so oft im Heiligen Land verkompliziert dies das Verständnis: Die schier aussichtslose Lage des Mannes, der verletzt und ausgeraubt am Wegesrand liegt, wird in aller Schärfe deutlich – und gleichzeitig kann ich auch diejenigen verstehen, die vorbeigehen, die einknicken vor der brachialen Landschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist, kann mich nicht mehr ganz so leichtfertig über ihren Mangel an Hilfsbereitschaft empören. 




Kurz vor dem Toten Meer biege ich beim Qumran-Museum ab und zahle ein paar Schekel für etwas, das man mit nur wenig Übertreibung als Touristennepp bezeichnen kann: Man sieht einen kurzen, überaus kitschigen Film über die Qumran-Essener, läuft danach durch ein kleines Museum voller Repliken (Originale bekommt man hier natürlich nirgends zu sehen, zu den Höhlen kommt man auch nicht), und wandert ein bisschen über die Ruinen einer Anlage, die aller Wahrscheinlichkeit nach von einem deutlich jüngeren Kloster stammen. Vielleicht ist es auch nur für einen Theologen uninteressant, die Busladung russischer Touristen, die mit mir unterwegs sind, scheint tief beeindruckt. Aber ich glaube, das liegt auch an den künstlerischen Mitteln, die beim kurzen Infofilmchen zum Einsatz kommen: Viel Weichzeichner, wabernde Hintergrundmusik und dramatisch-proklamierende Sprache. 


Irgendwann komme ich in der Senke an, in der das Tote Meer liegt, und in der einige der biblischen Geschichten spielen, die die Dramatik der Landschaft spiegeln: Der Krieg der Könige, Sodom und Gomorrha, Davids Flucht vor Saul. Genau dort, nahe der Oase En Gedi, mache ich halt und begebe mich auf einen kleinen Badeausflug, an einer der wenigen Stellen, an denen das erlaubt ist. Pflichtschuldig wate ich in die salzige Brühe und lasse mich ein wenig treiben, bin erstaunt, dass der Effekt doch um einiges stärker ist als beim Solebad in der Sauna: Man treibt, und schwimmen geht praktisch gar nicht, weil der Unterkörper nach oben gedruckt wird. Am Ufer sehe ich lauter dunkelgraue bis tiefschwarze Menschen, mein Spieltrieb erwacht, und ich will unbedingt auch mit dem berühmten Uferschlamm vom Toten Meer rummatschen, fürchte aber ein wenig, dass man auch den bezahlen muss. Nach einiger Suche gelange ich an die Quelle: Nur einige Meter vom Wasser entfernt hocken einige Menschen in einer kleinen Grube, greifen in ein tiefes Loch und fördern den schwarzglänzenden und entfernt nach Schwefel riechenden Schlamm zu Tage. Drumherum geht es äußerst geschwisterlich zu, wer etwas übrig hat, gibt es weiter, und Fremde reiben einander den Rücken ein oder bieten sich an, Fotos zu machen: Junge israelische Juden, arabische Mütter im Burkini, russische und amerikanische Touristen. Es soll das erste und einzige Mal im Laufe meiner Reise bleiben, dass ich ein so unkompliziertes Miteinander der Religionen und Kulturen erlebe – und es stärkt meine Überzeugung, dass die Menschen öfter mal im Matsch spielen sollten.




Nach dem kurzen Badeausflug geht es weiter nach Masada. Am Fuße des Berges, auf dem die berühmte Festung thront, oder das, was davon übrig ist, checke ich im Masada Hostel ein. Das Zimmer ist weit weniger schön als in Karei Deshe - und deutlich teurer, aber es ist nun einmal das einzige Haus am Platz. Da ich nach all der Wüstenfahrerei Sehnsucht nach Stadtluft und keine Lust habe, von meinem winzig kleinen Fensterchen auf den Korridor zu gucken, mache ich mich auf nach En Boqeq, das sich aber als wenig reizvolle Hotelhochburg mit einigen klaustrophobischen Shopping Malls entpuppt, das ganz auf die Bedürfnisse solventer, älterer russischer Herrschaften ausgelegt ist. 

Am nächsten Morgen geht es rauf auf den Gipfel. Und zwar im Dunkeln, weil der Sonnenaufgang von Masada aus besonders toll sein soll. Beim Losgehen bin ich ein wenig nervös - vor Sonnenaufgang kraxele ich äußerst selten in gebirgigen Wüsteneien herum, aber jeder, den ich frage, versichert mir: "No, no, you can't miss it, absolutely not." Nun, ich bin der lebende Beweis, dass es doch geht - als ich nach zwanzigminütiger Kletterei plötzlich fast in eine Baugrube falle, wird mir klar, dass die zahlreichen "No trespassing"-Schilder mitnichten antiken Ursprungs sind und sich gegen die belagernden Römer wandten, sondern eine moderne Baugrube anzeigen. Also geht es weiter auf den richtigen Weg, die Zeit wird langsam knapp, es wird schon hell. 

Außer mir sind noch ein deutsches Pärchen und eine extrem laute Gruppe junger Amerikaner unterwegs, auf dem Gipfel stoßen außerdem einige Familien zu uns, die von der Seite der römischen Rampe den Aufstieg gewagt haben ("It's shorter, but harder!"). Die Amerikaner nehmen den Gipfel sogleich in Besitz, legen Tallit und Tefillin an, packen ihre Gebetsbücher aus und beginnen ihr Schacharit, das traditionelle Morgengebet - nicht ohne recht deutlich gemacht zu haben, dass sie die Präsenz offensichtlicher gojim und ihrer Ansicht nach deutlich laxerer jüdischer Familien als Sakrileg empfinden. Ich kann nachvollziehen, dass der Mythos von Masada eine enorme symbolische Bedeutung hat: Im Laufe des jüdischen Kriegs im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung war Masada eine Bastion des jüdischen Widerstandes gegen die Römer. Mehrere Monate wurde die Festung belagert, erst mithilfe einer künstlichen Belagerungsrampe gelang es den Römern, die Mauern zu überwinden - von den fast 1000 Bewohnern der Insel hatten jedoch fast alle den Freitod gewählt, um der römischen Gefangenschaft zu entgehen. Kein Wunder also, dass die Freiheitskämpfer von Masada eine wichtige Rolle für die narrative Identitätskonstruktion innerhalb des Judentums spielen. Und es sei einem jeden und einer jeden von Herzen gegönnt, seinen und ihren Wurzeln nachzuspüren. Gleichzeitig ahnt man doch eine gewisse Symbolik darin, wie die Gruppe amerikanischer Jugendlicher versucht, den Berggipfel in Besitz zu nehmen und ihren Vorstellungen zu unterwerfen. Und ich frage mich, ob nicht, wenn man sich die religiöse Landschaft der Modernen als Schulhof vorstellt, die Neo-Orthodoxen aller Religionen dem Wesen nach zu den typischen High School Bullies gehören, die breitschultrig ihr Revier ablaufen und den anderen ihre Regeln diktieren wollen. Gleichzeitig kann man froh sein, dass es keine Überlieferung gibt, nach der Jesus auf dem Berg von Masada herumgelaufen ist - sonst stünde hier nämlich schon mindestens eine Kirche, ein Kloster, zwei Andenkenläden, und die Juden könnten sehen, wo sie bleiben...


Zeit für Selfies ist zwischendurch natürlich auch...
Auf jeden Fall ist der Sonnenaufgang auf Masada ein Erlebnis, das sich lohnt. Man muss gut zu Fuß sein, auch für den steilen Weg bergab. Etwa eine Stunde nach Sonnenaufgang ist der Berggipfel erfüllt vom Stimmengewirr der mittlerweile zahlreichen Bergsteiger, und so geht es wieder hinab Richtung Hostel, und von dort aus Richtung Tel Aviv.

Samstag, 18. Oktober 2014

Im Heiligen Land (IV): Yom Kippur

In die Zeit meines Israelaufenthaltes fiel auch der höchste jüdische Feiertag, Yom Kippur. Für die Reiseplanung wollte das beachtet werden, handelt es sich doch bei Yom Kippur um eine Art verschärften Sabbath, den auch nicht-observante Juden in hohem Maße begehen, sprich: Alle Geschäfte zu, aller Verkehr eingestellt - das Land hält den Atem an. Ein bisschen Unruhe gab es im Vorhinein, die deutsche Botschaft publizierte Reisehinweise, weil in diesem Jahr das muslimische Opferfest auf Yom Kippur fiel, seines Zeichens auch einer der höchsten Feiertage, der jedoch dezidiert anders, mit viel Feierei (und Salutschüssen) begangen wird. Die befürchteten Krawallen blieben aber meines Wissens aus. Schon am vorhergehenden Tag wirft Yom Kippur seine Schatten voraus - am frühen Nachmittag sind alle Geschäfte zu und die Straßen weitgehend leer. 
Am nächsten Morgen merkt man eine feierliche Ruhe, die sich wie ein Schleier über das Land gelegt hat. Man kann ja Stille tatsächlich hören, und es macht etwas mit einem - man bewegt sich vorsichtiger, spricht ein bisschen leiser. Aber es hat nichts Drückendes, eher etwas Entspanntes. Und mir wird auf einmal unsere Sonntagsruhe wieder noch ein bisschen wichtiger.
Wir gojim brechen ein bisschen gegen das Autofahrverbot, fahren über Land bis ins nächste muslimische Dorf, parken dort und machen uns dann zu Fuß über menschen- und autoleere Autobahnen auf nach Nahariyyah, wo wir zwei Synagogen besuchen.

Thx Ronald for the picture! :-)
Nach einer kurzen Stippvisite in der orthodoxen Shul geht es in die reformierte Synagoge – wie überall haben die Reformgemeinden auch in Israel mit deutlichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil ihnen nicht dieselben finanziellen Unterstützungen gewährt werden wie den orthodoxen oder ultraorthodoxen. Entsprechend zusammengewürfelt ist die Einrichtung, aber die Stimmung ist offener, und wir haben nicht dasselbe Gefühl, ständig etwas falsch machen zu können wie im orthodoxen Gotteshaus. Der Gottesdienst beginnt irgendwie – liturgische Präsenz im Sinne moderner praktischer Theologie ist sicherlich nicht die größte Tugend im Judentum überhaupt und die größte Stärke der federführenden Rabbinerin. Erstaunlich viele Besucher_innen der Synagoge sprechen untereinander Spanisch, und ich lerne bei meinem Besuch, dass die Sephardim mittlerweile den größten Anteil der in Israel lebenden Jüdinnen und Juden ausmachen. Das finde ich interessant, denn in Europa begegnet man in der Regel Ashkenasim. Wir bekommen Machzorim mit Übersetzungen – die bringen uns jedoch nur wenig, weil zuerst andere Dinge, Regularien und Gemeindeinterna dran sind. Irgendwann beginnt die Rabbinerin aus einer Schriftrolle vorzulesen, und bei den ersten Sätzen hüpft mein Herz ein bisschen: Wajhi dewar adonaj äl Jona Ben-Amittai lemor: Kum, lech... Ha!, den Text erkenne ich sogar auf Hebräisch, es ist das Buch Jona, die Standardlesung im nachmittäglichen Yom-Kippur-Gottesdienst und mir besonders lieb, seit ich meine Examensarbeit darüber geschrieben habe. 

Bild: shunammite.com


Danach geht es irgendwie weiter, und ich blättere ein bisschen in dem Bündel Fotokopien herum. Dabei stoße ich auf ein aramäisches Gebet, das zu Yom Kippur gehört und das mich immer sehr fasziniert hat: Kol Nidre, „alle Eide“. Darin bittet man um Verzeihung für all die Eide, Versprechen und Schwüre, mit denen man sich im Laufe des nächsten Jahres binden wird. Das Gebet hat eine äußerst wechselhafte Wirkungsgeschichte, war längere Zeit im Judentum verboten und wurde trauriger Weise von Christen als Beweis angeführt, dass die Versprechungen von Juden nichts wert sind. Dass es nicht darum geht, dürfte jedem außer den Inquisitoren, die den Juden alles ad malam partem auslegten, klar sein. Und ich gerate ins Nachdenken über Binden und Lösen, über Situationen, in denen man sich selbst unfrei macht – und über Jesu Mahnung: „Ihr sollt überhaupt nicht schwören“, die ich hier wiederum als äußerst jüdisch wahrnehme. Bevor es aber zum Kol Nidre kommt, von dem es eine ganze Reihe äußerst ergreifender Vertonungen gibt, müssen wir aufbrechen und zurückwandern, über menschenleere Autobahnen in einem Land, das für eine kurze Zeit den Atem anhält.



Freitag, 17. Oktober 2014

Im Heiligen Land (III) - Nazareth



„Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?!“ bin ich geneigt, dem Nathanael des Johannesevangeliums beizupflichten, als ich auf dem Weg vom See Genezareth an die Ostküste einen Abstecher nach Nazareth mache. Schon von weitem bin ich überrascht – wenn man allein von den biblischen Geschichten ausgeht, hält man Nazareth für ein kleines, verschlafenes Dörfchen irgendwo in den galiläischen Bergen. Zu Jesu Zeiten mag das so gewesen sein, jetzt ist es definitiv anders: Ein Geschwür aus Stahl, Beton und Staub wuchert zu allen Seiten die Berghänge hoch. Kein Zweifel, Nazareth ist eine Großstadt. Eine vorwiegend arabische Großstadt, und ich muss in irgendeine Form von rush hour geraten sein, die den Feierabendverkehr in der Kölner Innenstadt wie einen verschlafenen Verkehrsübungsplatz aussehen lässt. Fast eine Stunde brauche ich, um von einem Berggipfel runter in den brodelnden Talkessel zu gelangen, in dem sich die Innenstadt befindet. Wie alle Israelis hupen auch die modernen Nazarener gern und viel. Prophylaktisch, wenn man auf eine Kreuzung zufährt. Wenn man einen Bekannten auf der Straße begegnet. Oder wenn sich der Verkehr wieder einmal staut, weil irgendjemand mitten auf der Straße sein Auto abgestellt hat, um schnell einen Brief einzuwerfen, Geld abzuholen, etwas einzukaufen oder einen ausgedehnten Besuch bei Oma zu machen. 

In der Innenstadt angekommen, entdecke ich etwas, das mir das zum ersten Mal in Israel etwas beschert, das sich irgendwie nach einem religiösen Erlebnis anfühlt: Ein Parkhaus! Ein richtiges, modernes, klimatisiertes Parkhaus, mit einer Schranke, einem Ticketautomaten und moderaten Preisen. Auf, auf, macht mein Herz mit Freuden, ich rufe „Victoria“, stelle mein Auto ab und stürze mich ins Getümmel. Zunächst entschließe ich mich, meinem Instinkt zu folgen. Das ist meistens ein Fehler, und ist es auch jetzt: Etwa eine Stunde lang latsche ich durch ein gammeliges Industriegebiet, bis mir ein hilfsbereiter Schreibwarenhändler erklärt, dass sich alles Innenstädtische in der Richtung abspielt, wo ich mein Auto stehen habe. Also geht es wieder zurück, und ich stelle fest, dass die große Verkündigungskirche nur ein paar Meter vom Parkhaus entfernt ist. Man muss allerdings ein bisschen suchen, bis man die Stelle findet, an der man hinter die große Mauer kommen kann. 



Im großzügig angelegten Vorhof hängen Verkündigungsdarstellungen aus aller Herren Länder, darunter unglaublich kitschige Darstellungen, aber auch faszinierende Beispiele für kulturspezifische Kontextualisierungen der biblischen Geschichte. In der Kirche stellen sich gemischte Gefühle ein: Interessante Lichteffekte, aber im Ganzen verströmt sie den Charme des Eingangsbereichs eines Schulzentrums aus den Siebzigerjahren, das um ein antikes Gewölbe herum gebaut ist. 


Außer mir sind nur zwei koreanische Touristen und zwei Franziskaner, die hingebungsvoll Blumen auf dem Altar arrangieren, in der Kirche – ausnahmsweise ist es wohltuend still in einer der großen Gotteshäuser auf geschichtsträchtigem Boden. Das wird sich bald ändern, als ich die Kirche verlasse, spucken gerade zwei Reisebusse ihre Ladungen mit italienischen Touristen auf den Vorhof. Eine Besucherin wird sofort von einem wortkargen Torwächter zurückgepfiffen, der indigniert auf ihre knapp über den Knien endenden Shorts zeigt und immer wieder „Holy play, holy place!“ ruft. Das ist etwas, was mir immer ein wenig sonderbar vorkommt, sei es in Nazareth, in Kafernaum oder in Rom: Dass für alles Mögliche in oder vor der Kirche Geld die Hände wechselt (Eintritt, Fotoerlaubnis, Führung, Führungserlaubnis, Souvenirs), wird offensichtlich von niemandem als Entweihung wahrgenommen – aber wehe, jemand untersteht sich, die Kirche mit unbedeckten Schultern oder Knien betreten zu wollen. 

Einmal um die Mauer herum, entdecke ich endlich jene Souvenirläden, von denen im Reiseführer die Rede ist. Wie überall, so denkt man auch hier in die Breite und bietet nicht nur spezifisch nazarenische Motive, sondern auch Devotionalien, die nach Jerusalem, Mekka oder Bethlehem weisen, feil – ganz so, wie man in Heidelberg erstaunlich viele Souvenirs mit dem Schloss Neuschwanstein drauf bekommt. Die Lädchen bieten ein hübsches Motiv, und so stelle ich mich auf die andere Straßenseite und beginne zu zeichnen. 




Plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter, eine Stimme mit deutlich amerikanischem Akzent sagt: „Hey, guy…“ Ich drehe mich um. Hinter mir steht der Besitzer des Ladens, vor dem ich stehe. In der Hand hält er einen kleinen Hocker: „Here, have a seat, you don’t have to stand doing this.“ Das Angebot nehme ich gerne an, und die Zeichnung wird ein wenig ausführlicher als geplant. Zwischendurch bleiben viele Leute stehen, man kommt ins Gespräch, irgendjemand bringt mir eine Flasche Wasser. Das gehört zu den tollen Erfahrungen, die ich beim Urban Sketching öfters gemacht habe – man lernt nicht nur die Plätze, sondern auch die Leute kennen. Das macht auch etwas mit dem, was auf dem Papier entsteht. Am Ende unterhalte ich mich noch länger mit dem Ladenbesitzer, er heißt Leon und stellt sich als äußerst weitgereister Zeitgenosse heraus, der u. a. in Essex studiert hat. Er erzählt, wie eng er die Gesellschaft in seiner Stadt mitunter empfindet – daher auch das Engagement um den Zeichner aus Deutschland: „You know, it doesn’t happen very often that someone is being creative around here, so I think they should be supported.“ Er hat auch einige Anekdötchen über Touristen parat, die dringend einer karikaturistischen Aufarbeitung bedürfen. Von ihm bekomme ich dann auch noch einige Insidertipps, unter anderem schickt er mich zu einem sehr guten Restaurant in der Nähe von Mary’s Well. Mein Aufenthalt in Nazareth wird deutlich länger als geplant, und als ich mit dem Auto aus dem Parkhaus und auf die Schnellstraße Richtung Haifa fahre, fühle ich mich wieder ein bisschen wie Nathanael – am Ende seiner Geschichte.


Donnerstag, 16. Oktober 2014

Im Heiligen Land (II) - Rund um den See Genezareth

Eine ganze Reihe der schönsten biblischen Geschichten spielen rund um den See Genezareth (oder Tiberias): Der Fischfang des Petrus, das Männgergespräch am Ende des Johannesevangeliums, und viele mehr. Grund genug also, von Nes Ammim aus einen kleinen Abstecher dorthin zu machen. 

Relativ schnell fahre ich die Nordspitze ab und besucht pflichtschuldig die wichtigsten Stationen: Primatenkirche, Kafernaum, die UFO-hafte Kirche über Petrus seiner Schwiegermutter ihrem Schlafzimmer. In der Brotvermehrungskirche beobachte ich eine junge Frau, die vor einer Christus-Ikone eine Kerze anzündet. Sehr langsam. Und wieder eine. Und noch eine. Irgendwann höre ich das Klicken. Und eine enthusiastische Regieanweisung: "Come on, honey, try to look a bit more... ya know, reverent, pious, will ya... damn it, we could make the front page of next month's parish newsletter!" 

Die geballte Ladung religiöser Touristik ist nur mit einer Portion Galle zu ertragen. Und trotzdem... Als ich am Abend vom Privatstrand meines Hostels Karei Deshe aus im flachen, fischreichen Wasser des Sees Genezareth herumwate, denke ich: Ja. Hier ist es gewesen, hier ist er gegangen. Das weckt in mir nicht das Bedürfnis, irgendwelche Steine zu verehren oder gar eine Kirche darüber zu bauen. Aber... es erdet. Es sind keine Märchen aus dem Nimmer- oder Taka-Tuka-Land, die wir uns erzählen. Und es ist nicht herauszulösen aus diesem Kontext: Jesus hat einen Stallgeruch.


Wenn schon die Geschaftelhuberei am Nordstrand irritierend war, dann ist das nichts gegen das, was mich am nächsten Tag erwartet...


YARDENIT - "SIEHE, DA IST WASSER - WAS HINDERT'S, DASS ICH MICH TAUFEN LASSE...?!"



Ein ganz besonderes Kleinod religiöser Nahosttouristik ist Yardenit - The Baptismal Site on the Jordan River, ein an sich wunderschönes Stück Fluss mit fast lagunenhaft anmutender Atmosphäre. Womöglich seit vormittelalterlicher Zeit als angeblicher oder symbolischer Ort der Taufe Jesu ein beliebtes Ziel christlicher Pilgerinnen und Pilger, hat sich auch hier der Betrieb seit dem 19. Jahrhundert ordentlich professionalisiert - wie so häufig im Heiligen Land mit tatkräftiger amerikanischer Unterstützung. Nunmehr kann man in Yardenit alles und jeden taufen, was nicht bei drei auf dem Bäumen ist, und das geschäftstüchtige Management hält das passende Merchandising bereit: Nachthemdartige Taufkleider zum Ausleihen (10 $), zum Kaufen (20 $) und zum Bedrucken (noch mehr $), "offizielle Taufzertifikate" und eine ganze Menge an Zubehör, von der Ikone bis zur Spezerei. 



Als ich ankomme, ist vergleichsweise wenig los. Schade eigentlich, ich hatte mich sehr auf eine ekstatische Massentaufe gefreut. An einer Taufbucht tummeln sich ein paar Amerikaner um einen farbigen Guru mit Khakihemd, Cowboyhut und beachtlicher Leibesfülle. Zwei Ladies älteren Semesters waten knöcheltief im Jordan und reiben sich das lauwarme Wasser auf verschiedene (wahrscheinlich chronisch schmerzende) Stellen. Eine verkündigt unmittelbare Linderung - Praise da Lord! - und plantscht ein wenig auf der Stelle, die andere klettert missmutig wieder aus dem Wasser. Der Mann im Cowboyhut hat sich derweil einen Ölzweig organisiert, tunkt ihn ins Wasser und fuchtelt damit in Richtung einer Sechzigjährigen mit Bubikopf und Sonnenbrille, die sich immer wieder in atemberaubender Geschwindigkeit bekreuzigt und zwischendurch juchzt wie ein Teenager beim Boybandkonzert.



Ein durchaus beachtliches Spektakel, aber leider keine Taufe. Schade, denke ich - da betritt auch schon eine zweite Gruppe die Taufbucht, die wohl nicht von ungefähr an ein kleines Amphitheater erinnert. Das Grüppchen kommt unüberhörbar aus Russland - und der einzige Mann im Bunde trägt tatsächlich schon ein weißes Unisex-Taufkleid aus dem Souvenirshop. Er geht etwas zögernd ins Wasser, ich frage mich, wer hier wohl taufen wird - aber Pustekuchen, es geht nur um ein Foto. Und wahrscheinlich auch um eine kleine Abkühlung, denn es ist extrem heiß an diesem Morgen. 




"Ja, die Russen... bei denen meint man manchmal, das sei ein Badeausflug... or like a countryclub swim", seufzt wenig später eine englische Mitarbeiterin des wohlsortierten Souvenirladens. Sie ist clearly not amused über diese Unart, das Tauferlebnis als Ferienspektakel zu begehen. Soso. Viel lieber seien ihr da "those Africans", die brächten wenigstens Enthusiasmus und ab und zu ein bisschen Exstase mit, just like "those South Americans". Auf meine Frage, wer denn hier eigentlich taufe, erklärt sie, dass die Gruppen meist ihre eigenen Offizianten mitbrächten, "wir haben aber auch ein paar ältere Priester, die ein paar Vormittage die Woche da sind und sozusagen Bereitschaftsdienst machen". Irgendwann macht meine Fragerei sie wohl neugierig, sie will wissen, wer ich bin, was ich so mache - als ich ihr erzähle, dass ich auch Pfarrer bin, jubelt sie: "Well, that's just perfect, see, we are in a bit of a pickle here... There are some people coming this afternoon who don't bring a priest of their own, and it would be frightfully nice if you could just..." Ich verabschiede mich schnell und breche auf Richtung Nazareth. Als ich den großen Parkplatz von Yardenit verlasse, läuft im Radio "Wicked, wicked Wonderland". Ich nicke im Takt und trete aufs Gas.



Mittwoch, 15. Oktober 2014

Im Heiligen Land (I): Der hohe Norden

Es gibt so Dinge, die muss man als Pfarrer irgendwie gemacht haben, um dazuzugehören, um mitreden zu können. Dazu gehören eine richtig fette Panne bei einer Beerdigung, eine haarsträubend chaotisch verlaufene Prüfung im zweiten Examen, man sollte mindestens einen Band der KD gelesen haben - und einmal im Heiligen Land gewesen sein. Und vor ein paar Wochen war für mich endlich die Zeit, auch den letzten Punkt abzuhaken, alle Sorgen angesichts der politischen Lage über Bord zu werfen und Richtung Süden zu reisen, mit kaum mehr im Gepäck als einem Rückflugticket, ein paar vagen Vorstellungen und einem Skizzenblock. Ende September ging es los, und nach fast enttäuschend kurzen Sicherheitsroutinen an den Flughäfen in Düsseldorf und Tel Aviv saß ich schneller als erwartet im Abendzug nach Nahariyyah, wo mich die erste Station meiner Reise erwartete: 


"ZEICHEN FÜR DIE VÖLKER" IM NORDEN



"Kommt nach Israel und Palästina" - diesem Aufruf von Rainer Stuhlmann bin ich allzu gerne gefolgt und habe meine erste Woche in Nes Ammim verbracht, einer christlichen Siedlung, die seit 1960 besteht. Was Nes Ammim ist und will, lässt sich am besten mit eigenen Worten beschreiben; in einer 1982 überarbeiteten Fassung des konstitutiven Memorandums heißt es:
Nes Ammim ist eine christliche Siedlung im Staat Israel, gegründet von Christen aus verschiedene Ländern und Kirchen. Die Christen, die in und für Nes Ammim arbeiten, glauben an Jesus von Nazareth, als ihren Herrn. Sie haben erkannt: Es widerspricht Seinem Willen, dass die Christenheit jahrhundertelang das jüdische Volk, dem Er entstammt und in dessen Mitte Er lebte, als Gott verworfen behandelt und deshalb verfolgt hat. Darum treten sie dafür ein, daß Christen das jüdische Volk anders sehen lernen, als sie es bisher getan haben. 
Sie bezeugen in Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift:Gott hat sein Volk Israel nicht verstoßen; Sein Bund mit ihm besteht vort, Seine Verheißungen an Israel bleiben wirksam. Darum kann die Christenheit weder gegen noch ohne Israel, sondern nur mit Israel im Dienste Seiner Gerechtigkeit in der Welt handeln und in der gemeinsamen Erwartung der kommenden Gottesherrschaft leben. 
Nes Ammim will• dem jüdischen Volk in seinem Land begegnen und dort mit ihm leben und arbeiten;• dazu beitragen, daß Juden und Christen einander besser kennen und verstehen lernen und voneinander lernen;• das Gespräch zwischen Juden und Christen im Staat Israel fördern, wobei jeder die Identität des anderen achtet;• darum auf missionarische Aktivitäten praktisch und prinzipiell verzichten; 
dazu beitragen daß• die Christen das neue Verhältnis zu Israel verstehen und verwirklichen;• die Verkündigung der Kirche sichtbar macht, wer das jüdische Volk ist, welchen Sinn sein leben in dem von Gott seinen Vätern verheißenen  Land hat und was es für Leben, Denken und Handeln der Kirche bedeutet. 
Als Nachgeborener, der noch jünger ist als der Rheinische Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, kann ich nur ungefähr ermessen, wie zukunftsweisend die Grundlagen der Arbeit in Nes Ammim damals waren - ich kann aber einen etwas deutlicheren Eindruck davon haben, wie wichtig diese Art von theologisch fundierter Dialogarbeit zwischen Ethnien, Kulturen und Religionen ist. 




In Nes Ammim nehme ich an den gemeinsamen Mahlzeiten, und damit ein kleines bisschen auch an dem Leben dort. Die Umgangssprache bei Tisch ist Nes Ammimisch - so wird, scherzhaft in eigenen Publikationen, das mit zahlreichen Niederlandismen und Germanismen durchsetzte Simple English genannt, das sich überraschenderweise wie ein cantus firmus durch meinen gesamten Israelaufenthalt zieht: Am Ende werde ich weit weniger Ivrit als erhofft aufgeschnappt haben - dafür hat sich mein eingerostetes Niederländisch wieder etwas verflüssigt. Bei den Mahlzeiten kommt man auch leicht mit den Menschen in Kontakt, für die Nes Ammim für kurz oder lang Zuhause, Zwischenstation oder ein Stück Lebensgeschichte ist. Manche sind bereits in dritter Generation Teil dieses Projektes - während ihre Großeltern Rosen oder ihre Eltern Avocados gezüchtet haben, helfen sie nun im Hotelbetrieb mit und unterstützen vor Ort Begegnungen von Juden, Christen und Muslimen. Das Projekt wird gebraucht - von den Menschen vor Ort, die vor nicht allzu langer Zeit darum gebeten haben, nach grundlegenden Veränderungen in der Landwirtschaft und im Tourismus nach der zweiten Intifada Nes Ammim nicht aufzugeben. Und von den es unterstützenden christlichen Kirchen, die vom Judentum immer noch zu lernen haben. Und das Projekt braucht wiederum Unterstützung - das Angebot von vor ein paar Monaten gilt übrigens noch! 





Von Nes Ammim aus mache ich ein paar Ausflüge nach Akko und Haifa. Hier schaffe ich es leider nicht innerhalb der Öffnungszeiten zu den berühmten Gärten der Baha'i, einer noch recht jungen Religion, die sich aufgrund ihrer individualistischen, synkretistischen Grundstruktur steigender Beliebtheit erfreut, hier an der nördlichen Mittelmeerküste bedeutende Zentren unterhält, anderswo jedoch immer noch grausamen Verfolgungen und Repressalien unterworfen ist. Beim Anblick der symmetrisch angelegten und minutiös gepflegten Gartenanlagen beschleicht mich aber das Gefühl, dass das nicht unbedingt die Art von Glauben und Leben ist, der ich groß etwas abgewinnen könnte - ich denke da immer an den Fluxus-Künstler Nam June Paik: "When too perfect, lieber Gott böse". 



Außerdem gilt es ja, vor der eigenen Haustür zu kehren, und so mache ich mich von Nes Ammim aus auf einen etwas längeren Ausflug an den See Genezareth, an dessen Ufer eine ganze Menge von Erinnerungsorten des Christentums liegen, und um den herum viel Platz ist für allerlei Kurioses...

Montag, 22. September 2014

Warum früher nicht alles besser war und eine Kindheit auch nach 1980 noch glücklich sein kann

Alle Jahre wieder packt Einen oder Eine die große Lust, etwas über die „Jugend von heute“ zu schnarren und die Tages- oder Wochenpresse, wenn die Sterne besonders ungünstig stehen, sogar den Büchermarkt um die weder besonders neue, noch besonders fundierte Erkenntnis zu bereichern, dass früher alles besser gewesen sei. 

Klagen über die Jugend des jeweiligen Heute sind so alt wie die Schriftstellerei im Ganzen, neu sind allenfalls zwei besonders nervige Phänomene: Zum einen das Alter der Wüstenrufer. Früher waren es vornehmlich elegante und weltläufige Herren, die im Spätherbst eines langen Lebens zum Lamento über die Nachgeborenen ansetzten. Diesem kulturpessimistischen Männergesangsverein, in dem schon Sokrates den zweiten Tenor sang, gesellen sich aber seit Neuestem Angehörige der geschassten Generation selbst hinzu, die sich als einsame Rufer in der Wüste inszenieren, eigentlich aber nur aufgeregt mit den Fingern schnipsen, auf ihrem Platz auf und ab hüpfen und den grandseigneurs des Feuilletons wahlweise die Tasche hinterhertragen oder vor ihnen auf die Knie gehen – was immer sich schon in der eigenen Schulzeit als probate Garantie für gute Kopfnoten bewährt hat. 

Den Reigen eröffneten weiland, reichlich altbacken und, wie ein FAZ-Rezensent mit dem großartigen Namen Ernst Horst befand, „wie die Spießer von 1964“ nörgelnd, das Autorenduo Anne Weiss und Stefan Bonner mit ihrem Bestseller „Generation Doof“ von 2008. Schon damals war das Etikett „Generation plus Buchstabe/Adjektiv/Substantiv/irgendein anderes Wort“ genauso blöde, abgeschmackt und pauschal wie die Rede von der „Jugend von heute“. Das aber hat weder Weiss/Bonner, noch Oliver Jeges gestört, der 2012 in der WELT (wo sonst?) der „Generation Maybe“ einen fernsehonkelhaften Weckruf ins Stammbuch schrieb, der in keiner Rundfunkandacht mehr so durchgehen würde: 
„Wir […] wollen überall dabei sein und nichts verpassen. Ein Irrweg. Der Mut zur Entscheidung ist wieder gefragt. Auch wenn das manchmal unangenehm ist.“ 
Mit ähnlich moralisierender Sozialnostalgie landete die Bergisch Gladbacher Mundartcombo Cat Ballou vor einigen Jahren einen großen Hit:




Eine zweite, äußerst nervige Entwicklung ist die mediale Vulgarisierung dieses Genres. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass in meiner Facebook-Timeline irgendein Textfeld auftaucht, in dem die Weihen vergangener Kindheitszeiten besungen werden. Die ewig gleichen Strophen dieser Hymne auf die strukturelle Aufsichtspflichtsverletzung handeln stets von aufgescheuerten Knien, Schulhofkeilereien und gesundheitsschädlichen Essgewohnheiten. 

Ich bezweifle immer noch, dass es pauschal besser und wertvoller war, in einer Welt zu leben, in der Vergewaltigung in der Ehe noch kein Strafbestand war, der Besitz eines Videoaufnahme- und –abspielgerätes der behördlichen Genehmigung bedurfte und sich immer mal wieder, aufgrund der fehlenden Bekleidungsbestimmungen, Kinder an Rutschen und Klettergerüsten strangulierten. 


(c) houndsandpeople.com

Ein etwas längerer Text mit der kennzeichnenden Eingangsphrase „Wenn Du nach 1980 geboren bist, hat das hier nichts mit Dir zu tun“ wird immer mal wieder kolportiert. Mir persönlich ist er zum ersten Mal untergekommen, als der Kölner Stadt-Anzeiger ihn um die Jahrtausendwende abdruckte und meine Eltern ihn mit schlecht versteckter Genugtuung beim Abendessen deklamierten. In diesem Text heißt es u. .a: 
„Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt mit Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche Brechmittel.“ 
Auf ein Gespräch über die Ursachen dieser Entwicklungen wollten sich meine Eltern nicht so recht einlassen. Wahrscheinlich hatten sie wie ich noch einen schwarzen Vormittag irgendwann um 1987 herum in Erinnerung, als nach Erscheinen eines alarmierenden Artikels in der damals noch recht jungen Ökotest sämtliche Kindergartenmütter in einer konzertierten Aktion alle unsere oft über Jahre bereicherten Filzstiftsammlungen entsorgten und durch langweilige Ökostifte auf Wasserbasis ersetzten. In einer damaligen Fernsehwerbung für Bastelkleber spielten zwei Kinder den aufschlussreichen Dialog vor: „Gib mal den Kleber rüber… Der riecht ja gar nicht!“ – „Ja, sonst hätte Mami den auch nicht gekauft.“ Any questions? 

In besagtem Text heißt es weiter: 
„Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Fahrräder (nicht Mountain-Bikes!) wurden von uns selbst repariert! Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch die Prüfungen und wiederholten die Klassen. Das führte damals nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zu Änderung der Leistungsbewertung.“ 
Er schließt mit der erstaunlichen Feststellung: „Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht.“ Das gilt natürlich auch für jede Generation vorher, aber wer wird sich schon mit solchen historiografischen Petitessen aufhalten wollen – wie zum Beispiel mit dem Umstand, dass die Generation der Vor-1980er auch und gerade jene Eltern hervorgebracht hat, die jetzt abends bei den Lehrern anrufen und sich beschweren, der eigene Nachwuchs würde wahlweise unterfordert, untervorteilt oder unterbeaufsichtigt. 

Unterm Strich: Nein, früher war nicht alles besser. Und, ja, wer über die „Jugend von heute“ oder wahlweise die „Generation plus Buchstabe/Adjektiv/Substantiv/irgendein anderes Wort“ lamentiert, mag sich selbst ungemein prophetisch vorkommen, steht aber tatsächlich in der Gefahr, größtmöglichen Blödsinn zu verzapfen. Nicht zuletzt dann, wenn er oder sie selbst zu der angenörgelten Generation gehört und das Klagelied sich vor allem als das erweist, was es tatsächlich ist: Die späte Verarbeitung von Scheiternserfahrungen angesichts gnadenloser schulkindlicher Selektionsprozesse - "beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen."

Samstag, 20. September 2014

Wenn Behördenkirche und Rundfunkanstalt sich küssen...

Es gibt einige Dinge, deren Existenzgrund, Sinn und Mehrwert mir auf ewig verborgen bleiben wird. Stechmücken gehören dazu, außerdem so ein seltsamer Metallstab mit Applikationen, der seit Jahren ungenutzt in meiner Küchenschublade herumliegt, weil es sein einziger Verwendungszweck ist, rohe Kartoffeln in hauchdünne Spiralen zu schneiden. Dann wiederum gibt es Dinge, die ich an sich für eine grandiose Idee halte, aber deren Umsetzung ich total bescheuert finde. Hierzu fallen mir gerade keine Beispiele ein, ist aber auch egal.

Jedenfalls: Irgendwo dazwischen liegt das Wort zum Sonntag, mit seinem Start am 8. Mai 1954 die zweitälteste Sendung im deutschen Fernsehen nach der Tagesschau. In den mittlerweile 60 Jahren hat sich an Sendeplatz und -konzept einiges geändert, an der Umstrittenheit des Formats eher wenig. In den letzten Monaten stand die Kirchensendung gleich mehrfach in der Kritik, so etwa im März dieses Jahres. Da war es Arno Frank in den Zeitzeichen, der eine eher theoretische Debatte anstieß. Mitte Juni dann brachte es ein Beitrag von Verena Maria Kitz über die Fußball-WM sogar zu einem eigenen Twitter-Hashtag (#huch) und sorgte für derartiges (und in seiner Schrillheit letztlich auch ungerechtes) Hohngelächter in den sozialen Medien, dass zum Glück niemand auf die Idee kam, sich des noch weitaus bestürzenderen ZDF-Fernsehgottesdienstes vom Morgen danach anzunehmen.





Die Kritik am Format ist dabei alles andere als neu. Schon 1965 befand ein TV-Kritiker unter dem Pseudonym "Momos" in der ZEIT (29/1965):
Ein Spektakel der Unangemessenheit, ein Schauspiel der Anbiederung, eine peinliche Moritat. Setzt euch zusammen und studiert die Homiletik des Bildschirms; lernt, daß man vom Kreuz heute nicht mehr im Spener-Ton, aber noch weniger im Stil der Madison Avenue predigen kann. Schweigt eine Weile, laßt an eurer Stelle Menschen reden, Böll oder Dirks, die ein wenig von der Sache, von der Wahrheit und von der Sprache, verstehen. Lest aus der Bibel vor. 
Der SPIEGEL bilanzierte in einem Artikel anlässlich des 15jährigen Bestehens (an dem nebenbei auch auf faszinierende Weise deutlich wird, wie unverhohlen und triefend sexistisch man noch 1969 vor sich hin onkeln konnte):
Das Gros der Bildschirm-Hocker schätzt die Fünf-Minuten-Pause vor dem erwarteten Krimi oder Western. Sie ist willkommen für den Austausch von Meinungen und Bierflaschen sowie für Abstecher auf Aborte. 
Barbara Sichtermann sparte 1994 nicht mit Galle, als sie, im milieutypisch verquasten Ton der Alt-68er, in der ZEIT schrieb:
"Es läßt sich aber doch aus dem „Wort zum Sonntag“ was lernen. Und zwar: daß jede Dogmatik, ob geistlich oder profan, jede Einlassung zu Welt und Mensch, die nicht mehr tun kann, als im Sinne des Dogmas interpretieren, da alle Rätsel bereits im Kanon gelöst sind, entsetzlich dumm macht. All die Gleichnisse, Histörchen, Lehren und Moralen, vorgetragen bis in unsere Tage mit jenem eisgrauen, anmaßenden Tremolo, das einst vielleicht eine mimetische Antwort auf das Echo in den Kirchen war, heute aber nur noch unerträglich verstockte Besserwisserei mitzittern läßt – all das ist von einer so erbarmungswürdigen geistigen Armut, daß man unseren Talk-Show-Mastern und Volksmusik-Conférenciers, die im TV für Flachsinn stehen, Abbitte leisten möchte."
Bei dem frustrierten Sonntagsbeworteten, der seine Kritik 1965 unter die menetekelhafte Überschrift "Galater 6,7" stellte ("Täuscht euch nicht: Gott lässt sich nicht verhöhnen! Denn was ein Mensch sät, das wird er auch ernten"), handelte es sich übrigens um den Tübinger Altphilologen und Universalgelehrten Walter Jens, und er steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Kritikern, die nicht die Existenz des Wort zum Sonntag an sich, sondern inhaltliche Grundentscheidungen bemängeln. Wie zum Beispiel Dorothee Sölle, die irgendwann Anfag der Siebziger sagte:
"Die Anpassung, das Nett-zueinander-Sein ... die Vermeidung jeglichen Ärgernisses ist der Tod des Evangeliums ... das ist das reine, freundliche Geschwätz."
Oder auch jüngst Arno Frank. Er fordert gleich in der Überschrift: "Schafft es ab!" Man kann ihm widersprechen, wer das tut, sollte aber auch Antworten auf die mehr als berechtigten Fragen parat haben, die Frank in seinem Votum stellt:
Welchen Trost könnte privater Sonnenaufgangskitsch jenen Menschen spenden, die in einer existenziellen Krise stecken? Wie sollten ausgerechnet kritische Kirchenferne von vitalistischer Glaubensheiterkeit angezogen werden? Welchen Sinn stiftet überhaupt ein "Wort zum Sonntag", das allwöchentlich den ohnehin Bekehrten rein gar nichts predigt, was über das Niveau handelsüblicher Frauenzeitschriften hinausginge? Wo bleibt bei aller Verkündungsfreude der Begründungsfleiß? Denn gute Gründe für den Glauben gibt es doch, oder?
Was mich wundert: Wann immer beim Wort zum Sonntag besonders tief ins Klo gegriffen wird, wird der betroffene Sprecher oder die betroffene Sprecherin kübelweise mit Häme übergossen, als seien sie die Verantwortlichen für das, was samstagsabends über die Bildschirme flimmert. Nur: Das sind sie gar nicht. Zwischen den Erstentwurf des Sprechers und das sendefertige Endprodukt hat der liebe Gott oder der Sender oder das Rundfunkreferat oder auch alle drei zusammen eine Reihe redaktioneller Instanzen gestellt, das ist bei ARD und ZDF nicht anders als bei den Radioandachten im öffentlichen oder privaten Lokalfunk. Und man kann davon ausgehen, dass der Umfang der redaktionellen Eingriffe proportional zum Verbreitungsradius der Sendung ansteigt - wo auf Lokalradio Niveau Experimente gewagt werden können, muss im Ersten eingepasst werden. Das merkt man dann, wenn man Sprecherinnen und Sprechern des Wort zum Sonntag im richtigen Leben begegnet und erstaunt feststellt, dass sie mitnichten so platt, gekünstelt und angestrengt sind, wie ihre Texte und Performances vor der Kamera es glauben machen.

Das beruhigt einerseits im Blick auf die betroffenen Kolleg_innen. Aber es weckt andererseits auch die Frage, wo die Stellungnahmen der Verantwortlichen bleiben, wenn in der Öffentlichkeit qualifizierte und drängende Fragen zu ihrem Sendeformat gestellt werden. Als Arno Frank weiland die Abschaffung forderte, äußerte sich wenigstens Alfred Buß, ehemaliger Präses der Westfälischen Landeskirche, dazu - allerdings erst auf Einladung der UK, und dann auch "nur" als Teil des aktuellen Sprecherteams. Nikolaus Schneider streifte in seiner Laudatio zum Jubiläumsfestaktes Anfang des Jahres die Kritik am Format nur im Nebensatz und verlor sich in kirchentypisch wolkigen Formulierungen, die immer dann abgesondert werden, wenn man sich verunsichernden Zielgruppen- oder gar Effizienzanalysen verweigern möchte:
Seit sechs Jahrzehnten werden wir durch dieses beständige Format am Samstagabend daran erinnert, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten, seiner Taten und der Werke seiner Hände. Menschen sind Geschöpfe und Ebenbilder Gottes, und unser Leben ist ein Geschenk – das ist die Grundbotschaft, der cantus firmus seit 60 Jahren.
Möglicherweise wird sich ja gar nichts ändern lassen. Denn viele Aspekte der Kritik treffen über das Wort zum Sonntag hinaus nicht nur die Kirche im Allgemeinen, sondern auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seiner spezifischen Ästhetik. Auch da gibt es Stilmanierismen, gestelzte Formen jovial-unpersönlichen Journalistensprechs, die Pfarrer_innen mitunter in Workshops als nachahmenswert untergejubelt werden. Wenn man sich andere kirchlich verantwortete Formate anschaut (es ist ein Grund zur Dankbarkeit, dass bislang keine größere Öffentlichkeit von Frisch! Fromm! Frei!, einem besonders abstrusen Machwerk der Württemberger, Notiz genommen hat), dann scheint es sich hier um einen Systemdefekt zu handeln: Das Wort zum Sonntag und der wöchentliche Fernsehgottesdienst sind die blässlichen Kinder einer Zweckehe von Behördenkirche und Rundfunkanstalt. Das klingt nicht nur unsexy, sondern irgendwie auch inzestiös. 

Nur: Selbst dann muss man sein Tun und Lassen doch begründen können, selbst das dispensiert nicht von den Antworten. Ich kann nur mit den Achseln zucken, wenn mir kirchenferne Bekannte erzählen, sie seien zufällig zwischen Tagesthemen und Spätfilm sitzen geblieben und würden nun noch Wochen später rätseln, ob sie einer Satire auf den Leim gegangen wären. Oder wenn sie fragen, ob ich in meinen Gottesdiensten auch dauernd Sprechmotetten (ein seltsames Kleinsttheatergenre, das endemisch evangelisch ist) zelebrieren würde. Ich kann nur mit den Achseln zucken. Aber es muss doch irgendwelche tragfähigen theologischen Begründungen, irgendwelches belastbares empirisches Material geben. Irgendetwas, mit dem sich der Enthusiasmus erklären ließe, mit dem Woche für Woche Gemeinden überredet werden, in ihrer Kirche einen Kessel Buntes auszukippen und sich bei der Inszenierung von etwas filmen zu lassen, das nach außen wirkt wie die kirchliche Laienspielversion des Fernsehgartens. Irgendwelche Gründe, vor deren Hintergrund ein "normaler" Sonntagsgottesdienst mit qualitativ hochwertiger Musik, einer ansprechenden und anspruchsvollen Predigt und animierenden Gebeten als nicht gut genug erscheint. Das hohe Alter der Formate ist respektabel, aber auch nichts ungewöhnliches, wenn man davon ausgeht, dass sich bei der Kollaboration zweier Institutionen mit traditionell langatmigen Entscheidungsprozessen beider Trägheit potenziert. Ab und an hört man, wenn die Wellen besonders hochschlagen, den üblichen Satz, der bei Kirchens immer dann beschwichtigend in die Runde geworfen wird, wenn irgendetwas so richtig in die Hose gegangen ist: "Immerhin haben wir erreicht, dass man darüber redet!" Hier kann man nur einen aufschlussreichen Artikel aus dem Economist zitieren, wo es prägnant heißt: 
"There is no such thing as bad publicity, goes the adage. This is bunk [...] For small brands fighting for recognition in crowded markets, almost any publicity is beneficial [...]. With established brands, on the other hand, the whiff of bad publicity lingers longer.
Ich habe großen Respekt vor allen, die mit besagten Formaten arbeiten, ich würde mir das nicht zutrauen. Aber eins würde ich mir von den Verantwortlichen wünschen: Ein klares Bekenntnis - "wir tun genau das, was wir für geboten halten, und wir erreichen damit, was wir erreichen wollen" - gerne mit einer schlüssigen Erläuterung. Aber das einzige, was man hört, ist betretenes Schweigen. Schade.