Sonntag, 24. September 2017

Ja, aber...? | Predigt im Jubiläumsgottesdienst (Mt 6,25-34)

Manchmal erwischt es einen. So wie vor ein paar Tagen. Irgendwo zwischen theologischem Nachmittag und Jugendausschuss ein Anruf. Die Band braucht noch irgendetwas, das wir nicht haben. Weitere Anrufe bei diversen Leuten, wer so etwas haben kann. Niemand. Haut das trotzdem hin? Ein sorgenvoller Blick auf die Wetter-App. Bleibt’s dabei, Sonne und kein Regen? Und die ganzen anderen Fragen: Wie viele Leute kommen wohl heute? Hoffentlich haben wir genug zu essen, und wer wollte nochmal den Getränkestand besetzen? Und mittenrein spricht Jesus: Darum sollt ihr euch nicht sorgen. 

Ein Teil in mir atmet für einen winzigen Moment erleichtert auf. Und ein anderer Teil, der, der in der Regel um einiges größer ist, sagt sofort: Ja, aber… In der Seelsorgeausbildung habe ich gelernt, dass ein Aber immer alles, was davor gesagt wurde, zunichtemacht. Das war ganz beeindruckend, wie laut sie vorhin alle gesungen haben, richtig mitreißend. Aber das waren ja auch bekannte Lieder. 

Ja, aber. Nicht „Ja“ und „Amen“. Ja, aber. 
Wenn ich ehrlich bin, durchzieht das „Ja, aber“ meinen Glauben. Vielleicht ist das zutiefst menschlich. Von der Stelle bringt es allerdings nicht: Ja, aber… ein halber Schritt nach vorn, ein ganzer wieder zurück. 

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Ja, aber satt werden möchte ich schon. 

So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel… unser tägliches Brot gib uns heute. Ja, aber wenn ich davon etwas einfrieren kann, ist auch gut. 

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Ja, aber auch Vögel sterben doch. Verhungern oder werden gefressen oder knallen gegen Fensterscheiben. 

Sorgt euch nicht. Ja, aber wir sorgen uns doch, wir, die wir hier sitzen, in unserem Teil der Erde vielleicht nicht um Essen und Kleidung, aber Sorgen gibt es weiß Gott genug, Sorgen von der Sorte, die sich nicht einfach so mit einem Blick in den Himmel oder die Botanik wegwischen lassen. 
Woher kommt das Geld für die Stromrechnung in diesem Monat? 
Ist meine Ehe noch zu retten? 
Was steht am Montag rot auf weiß unter der Mathearbeit? 
Was heißt das für mich, wenn in den Nachrichten gesagt wird, dass bei Thyssenkrupp 2000 Stellen gestrichen werden sollen? 
Ist dieser Knoten, den ich da ertaste, echt, und verbirgt sich dahinter etwas Böses? 
Was wird aus uns, wenn sich tatsächlich viele Leute verarschen lassen und die AfD wählen?

Und seltsamerweise – wenn die Fragen so hart auf hart kommen, verstehe ich einen Teil von dem, was Jesus sagt. Es gibt ein Zuviel an Sorgen. Es gibt die Gefahr, sich zu versteifen, zu fixieren, nichts mehr zu sehen als das, worüber man sich Sorgen macht, weil alles nur noch darum kreist. Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt, hat Robert Gernhardt einmal gesagt. Luther, neben anderen, hat vom in sich selbst verkrümmten Menschen gesprochen. Und Jesus sagt: Ihr seid mehr. Mehr als die Spatzen am Himmel, mehr als die Wildblumen auf dem Feld. Mehr als das krumme Holz, zu dem ihr euch selber macht. Kopf hoch. Wenn Ihr keinen Ausweg mehr seht, wenn Ihr merkt, dass sich all Euer Denken nur um den morgigen Tag dreht, Ihr an nichts anderes mehr denken könnt als an Essen und Anziehen – dann guckt nach oben. Dazu müsst ihr Euch aufrichten. Und guckt in den Himmel und sehr euch die Vögel an. Und atmet einmal tief durch, fühlt, wie die Lungen sich mit Luft füllen und der Kloß im Hals sich ein bisschen bewegt. Und wenn Ihr keine Vögel seht und keine Blumen um Euch herum habt, dann tut es auch der Blick in das unendliche Blau einer sternenklaren Nacht oder auf das kleine Grasbüschel, das sich einen Weg durch eine Ritze im Asphalt bahnt. Alles, was Euch davon abhält, die halbe Nacht darüber nachzudenken, was morgen unter der Mathearbeit steht, oder im Internet in allen möglichen Gesundheitsforen nachzuschlagen, was ein Knoten oder auch nur ein simpler Husten alles für schreckliche Dinge sein können. 

Ja, aber… meldet sich ein Teil in mir, und vielleicht auch in Ihnen, und diesmal bin ich ganz froh darüber, weil er mich davon abhält, die Bergpredigt nur in lauter Kalendersprüche und Wellnessweisheiten zu zerlegen. Jesus sagt nicht: Wenn euch die Welt zu gemein ist, dann guckt euch ein paar Katzenvideos an. Das wäre für eine Antrittspredigt, und das ist die Bergpredigt im Matthäusevangelium, doch ein bisschen zu wenig, und für eine Predigt zum Jubiläum auch. Jesus sagt nicht: Ertränkt eure Sorgen in Kitsch oder Natur oder sonstwo, sondern mutet uns eine ganz andere Logik zu als die, der wir im Alltag folgen – die Logik des Sabbats, wenn man so will. Die Erfahrung: Ich lege die leeren Hände in den Schoß, lasse alle Arbeit ruhen, lege alles zur Seite, was mich die ganze Woche beschäftigt – und die Welt dreht sich doch weiter. Das ist keine Entspannungsübung. Im Judentum gilt das Halten des Sabbats als eines der wichtigsten Gebote überhaupt – und gleichzeitig als eins der schwersten. Vielleicht, weil Ruhe ohnehin schwer auszuhalten ist, vielleicht auch, weil dieses Nicht-Sorgen an den Fundamenten rüttelt, auf denen wir unser Leben aufbauen, weil es ent-täuscht im wahrsten Sinne des Wortes, an der Illusion kratzt, dass wir alle unser Leben selbst in der Hand haben. 

Das wiederum passt sehr gut zu einer Predigt zum Jubiläum. Denn wir feiern nicht uns selbst. Obwohl, doch, ein bisschen tun wir das, und das ist auch gut so. Aber [sic] wir sagen auch Danke dafür, dass wir hier in diesem Haus seit 50 Jahren Gemeinde sein durften und weiterhin dürfen. 

Die allermeisten von Ihnen sind viel länger in der Gemeinde als ich, aber auch ich habe in zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass alles Planen, alles Vorbereiten, alles Absichern hin nach allen Seiten seine Grenzen hat. Der letzte Sonntag war so ein Beispiel, ein Gottesdienst, der über wochenlange Chorproben und das Bestellen von Stempeln und UV-Farbe und besonderen Lampen sehr ausführlich vorbereitet wurde, und vor dem mindestens der Pfarrer ein bisschen schlecht geschlafen hat wegen all der Unwägbarkeiten. Und die, die nicht dabei gewesen sind, können sich erzählen lassen, wie es war, und wie viel da mit reingespielt hat, das wir weder voraussehen noch planen konnten. Und andersherum – wir haben auch in anderen Zusammenhängen erlebt, dass zum Beispiel Geld allein ein schlechter Ratgeber ist, weil selbst bei gewissenhafter Planung ein Restrisiko bleibt, in welche Richtung auch immer. In dem Vers direkt vor unserem Predigttext sagt Jesus: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 

Das hat etwas Frustrierendes und Entlastendes zugleich – letzten Endes können wir als Gemeinde, das hat Jan Hendriks einmal gesagt, nichts anderes tun als Fässer mit Wasser herbeizuschaffen und darauf zu hoffen, dass der Herr sie in Wein verwandelt. Frustrierend, weil so auch unser kirchliches Leben viel weniger planbar ist als wir das gern hätten, als es eigentlich sein müsste angesichts der vielen Menschen, die davon abhängen. Und entlastend zugleich, weil die Zukunft unserer Kirche letzten Endes weder an Verwaltungsstrukturreformen, noch an Rücklagen oder Imagekampagnen hängt. So wichtig das auch alles ist – am Ende liegt die Zukunft dieses Hauses, dieser Gemeinde, liegt unser ganzes Leben in anderen Händen als in unseren. 

Und wem das jetzt zu wenig ist, der gehe nach dem Gottesdienst raus und gucke auf die Vögel am Himmel und die Blumen, die überall wild auf der Wiese wachsen und lasse sich daran erinnern, dass wir in guten Händen sind. Das befreit. Und das verändert den Blick auf die Welt. Interessanter Weise – den Vögeln zugucken, Blumen in Ruhe anschauen… das ist auch das, was einem Sterbende regelmäßig sagen, wenn man sie fragt, was sie anders machen würden. 

Es befreit, und es verändert den Blick auf die Welt In der Bergpredigt, in der Antrittsrede Jesu ist von Essen und Trinken die Rede, und vom Anziehen. In seiner letzten öffentlichen Ansprache wird auch nochmal davon die Rede davon sein, allerdings in einer etwas anderen Tonlage: Ich war hungrig, und Ihr habt mir zu Essen gegeben, ich war nackt, und Ihr habt mich gekleidet. Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan... Ich glaube nicht, dass diese Querverbindung ein Zufall ist. Wenn wir die Sorge um das eigene nackte Leben in andere Hände legen, wird der Blick frei, weitet sich der Horizont, und wir entdecken Gemeinschaft. Mit Barbara Brown-Taylor gesagt: Wenn wir uns als das erkennen, was wir sind, als Erdlinge, deren Leben nicht in der eigenen Hand liegt, finden wir uns plötzlich mit allen Menschen der Welt auf dieser Seite von Gottes Theke wieder.

„Ja, aber…“ sagt etwas in mir, aber der Teil ist ein bisschen kleiner als sonst. Und ich denke mir die Antwort: Ja, aber alles wird gut. Jetzt wird gefeiert.

Beten wir mit Worten von Jeremias Gotthelf:

Herr, unser Gott, du hast unzählige Wege, 
auf denen du möglich machst, 
was unmöglich scheint. 
Gestern war noch nichts sichtbar, 
heute nicht viel, 
aber morgen steht es vollendet da, 
und nun erst gewahren wir rückblickend, 
wie du unmerklich schufst, 
was wir unter großem Lärm nicht zustande gebracht haben.
Amen. 

EINGANGSGEBET AUS DEM JUBILÄUMSGOTTESDIENST

Ewiger Gott,

wir sind heute zusammen, um zu feiern und zu danken. 50 Jahre. Für uns ist das eine lange Zeit, für dich nicht mehr als ein Wimpernschlag. Aber wir vertrauen darauf, dass Du Dich auf unsere Maßstäbe einlässt, dass nichts, was wir tun, in deinen Augen zu klein ist. Und so treten wir vor dich, nicht nur mit dem Dank für alles, was wir erreicht haben. Sondern auch mit dem, was uns nicht gelungen ist, mit den dunklen Flecken unserer ganz eigenen Geschichte.

Gott, du suchst das Verlorene und bringst es heim.
Wir klagen dir die vielen Male, an denen wir Menschen verloren haben,
um die wir nicht genug gekämpft haben,
bei denen wir versäumt haben, genauer hinzuhören und zu verstehen.
Wir bitten dich auch für die blinden Flecke, die wir heute haben.
Die Menschen, die wir aus dem Blick verlieren,
nicht sehen, um die wir uns nicht kümmern.
Lass sie nicht allein, wo wir versagen,
und mach unsere Herzen weit
unsere Augen offen,
unsere Ohren hellhörig.

Gott des Friedens,
wir klagen dir das, wovon wir auch nicht frei sind.
Streit, Konflikte und Zwietracht um Dinge, die es nicht wert sind.
Wir bringen die Menschen vor dich,
die uns im Streit verlassen haben,
wir lassen die Frage los, ob sie recht hatten oder wir,
und legen sie Dir einfach ans Herz,
dass Du ihre Wege begleitest und sie segnest.

Gott, du sorgst für uns wie für die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Feld.
Wir klagen dir die falschen Entscheidungen,
die wir aus Angst getroffen haben.
Weil es uns schwerfällt, zu glauben, dass du für uns sorgen willst.
Weil es nicht einfach ist, uns einzugestehen,
dass letzten Endes alles in deiner Hand liegt.
Hilf uns, die Balance zu finden
zwischen Loslassen und Anpacken.
Und lass auch dort, wo wir falsch entscheiden,
aus deiner Gnade Gutes wachsen.

Gott, wir haben Grund zum Feiern und zum Danken.
Und Grund, einzusehen:
Wir haben keine Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen.
Darum bitten wir dich.
Für uns und alle Welt:
Herr, erbarme dich.

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