Samstag, 22. November 2014

Fernsehpfarrer: Fast ein bisschen Fernsehgeschichte

Man fällt förmlich von der Fernsehcouch vor lauter Aktualität in der neuen Folge der Herzensbrecher (hier zu sehen): Letzte Woche hat nun auch die westfälische Landessynode festgehalten, dass Winkelmessen vorreformatorischer Schnickschnack und "päbstische Grewel" und Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Gottesdienst erlaubt sind. Und auch in der Heilandkirche geht es diese Woche kaum um etwas anderes, nebenbei wird fast ein bisschen Fernsehgeschichte geschrieben. 

DIE DIENSTLICHE EBENE


Schon letzte Woche hatte sich Sohn Nummer II in privatim geoutet, nun auch vor der ganzen Familie. Und auch dienstlich bekommt der Fernsehpfarrer es mit dem Thema zu tun: Ein schwules Paar möchte sich kirchlich trauen lassen und wendet sich dafür an den jungen Nachwuchspastor Wenkstern. Der jedoch entpuppt sich als erzkonservativer Knochen und weigert sich. Die beiden Amtsbrüder streiten sich lauthals darüber und führen die üblichen Argumente beider Seiten ins Feld; sogar das EKD-Familienpapier und der es verantwortende Ratsvorsitzende finden Erwähnung, das Drehbuch zeigt hier fast schon ans Schlüsselromanhafte grenzende Qualitäten. 

Dadurch, dass die beiden Talarträger sich vor der gesamten Belegschaft streiten, haben alle anderen auch Gelegenheit, ihre persönliche Meinung zum Thema abzusondern; das Spektrum dürfte so ziemlich alles abdecken, was auch in Gemeinden kursiert, besonders positiv fällt dabei wieder einmal die in letzter Zeit ohnehin aus dramaturgischen Gründen ganz stark menschelnde Presbyteriumsvorsitzende auf.



Wie realistisch das ist? Nun ja. Der theologische Nachwuchs steht im Moment gerade bei älteren Kolleg_innen unter einer Art Generalverdacht, engstirnig, rückwärtsgewandt, konservativ zu sein. Ich bezweifle das, zumal in der Postmodernen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten konfessionellen Milieu nicht mehr automatisch an bestimmte theologisch-ethische Grundsätze geknüpft sind - eine Studentin sagte einmal: "Ich kann doch Lobpreislieder mögen und gleichzeitig für die Homo-Ehe sein!" Sicherlich gibt es Generationskonflikte (die allerdings selten ausgefochten werden, weil auf den Pfarrkonventen die Pfarrer_innen U40 in der absoluten Minderzahl sind, wenn sie denn überhaupt vorkommen), die auch mit Prägungen und Vorstellungen von Wesen und Auftrag der Kirche zu tun haben. Das hängt aber m. E. damit zusammen, dass heutige Studierende sich aus bestimmten Gründen sehr bewusst für ein Theologiestudium und für den Pfarrberuf entscheiden - heutzutage studiert niemand mehr Theologie, weil der NC für Sozialpädagogik zu hoch ist.
Von daher ventiliert die Serie an der Stelle durchaus Stereotypen, die in mancherlei Köpfen genauso existieren. 

Aber damit ist der dienstliche Teil der Affäre noch nicht beendet: Nachdem Pfarrer Tabarius die Kasualie übernommen hat, kommt es zum Konflikt mit besagtem Paar, als er ihnen eröffnet, dass er sie mitnichten "trauen", sondern nur "segnen" könne. Das entspricht geltendem Kirchenrecht im Rheinland (nur handeln die Artikel 16 und 17, die Tabarius in dem Zusammenhang nennt, von den Aufgaben des Presbyteriums) - und es ist auch in der Hinsicht realistisch, dass der Unterschied zwischen Trauung und Segnung Außenstehenden (und denkenden Menschen im Allgemeinen) nur schwer zu vermitteln ist. Einer der beiden Trauwilligen macht daraufhin einen Rückzieher, im entsprechenden Gespräch finden auch durchaus aktuelle Toleranzdiskurse ihren Niederschlag (btw.: Das Wort wurde nachweislich zum ersten Mal von Martin Luther im Deutschen verwendet und war bei ihm, wie es sich auch noch bei Goethe andeutet, explizit negativ besetzt). Pfarrer Tabarius kann sie natürlich doch überreden, weist auf den demonstrativen Charakter einer öffentlichen gottesdienstlichen Handlung hin, und so wird wenig später in der Bonner Heilandkirche aus vollem Männerherzen (und mit farblich falscher Stola) gesegnet. 


Wie realistisch das ist, darüber ließe sich streiten, denn: Es dürfte nicht selten vorkommen, dass Pfarrer_innen (in Absprache mit dem Presbyterium und mit guten theologischen Argumenten) über die noch bestehenden Regelungen hinweggehen und regelrechte "Traugottesdienste" auch mit schwullesbischen Paaren feiern. In der Praxis führt das nur zu dem Problem, dass die bestehenden Regelungen, die in allem "Interimslösung" atmen, nicht angetastet werden, weil niemand die Notwendigkeit sieht. Das ZDF jedenfalls schreibt damit fast Fernsehgeschichte, denn es zeigt m. W. die zweite gottesdienstliche Begleitung eines schwulen Paares im deutschen Fernsehen - die ersten waren 2010 die Kollegen von der ARD, als Dirk Bach die (nicht mehr) Verbotene Liebe von "Chrolli" öffentlich segnete (hier gibt es sogar eine Radioandacht dazu). Und ich finde es durchaus festhaltenswert (auch im Blick auf die legendäre Lindenstraßenfolge von 1990), dass ethisch motivierte und notwendige Tabubrüche auch heute noch vor allem bei den Öffentlich-Rechtlichen stattfinden, während die Privaten sich oft auf das Durchbrechen von Geschmacksgrenzen beschränken.

(c) express.de

Nun hat aber das Thema Homosexualität nicht nur eine dienstliche Dimension; wie bereits gesagt, beschäftigt die Familie Tabarius das Coming-Out des Zweitältesten. 

DIE PRIVATE EBENE


In der Familie geht es hoch her: "Tom" outet sich mit einigem Getöse beim brüderlichen Fernsehabend, und jeder geht so nach seiner Facon damit um: Tabarius demonstriert Akzeptanz und Vaterliebe, neigt aber ein bisschen zu großen Gesten, was dem Sohn negativ aufstößt. Auch der älteste Sohn zeigt uneingeschränkte Solidarität bei gleichzeitigem Rückfall in pathologisches Vokabular. Der Zweitjüngste findet's schlimm und ekelig, was er bei Tisch in Knittelversen unmissverständlich kundtut, wird aber gegen Ende der Folge zur Räson gerufen. Der Jüngste betet bei Tisch: "Mach, dass Tom doch nicht schwul ist, damit er nicht so viele Probleme bekommt..." - eine nette gebetstheologische Reminiszenz an die alte von Praunheim'sche Erkenntnis: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (besagter Film wurde 1970 übrigens im Auftrag des WDR gedreht). 

Die Serie wagt dabei ein offenes Ende: Während sich Pfarrhaus, Kirche und gottesdienstliche Gemeinde als Schutzräume erweisen, erfährt "Tom" bei der Rückkehr in die Schule unverhohlene Diskriminierung. Das ist selten für das Vorabendfernsehen und bei allen Cliffhangerfunktionen zu würdigen. 



A propos Cliffhanger: Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Der Zweitälteste muss sich mindestens mit seinem besten Freund noch versöhnen (man munkelt, dass die Frauenhilfen in den Gemeinden bereits um Kuchen wetten, ob sie sich nicht vielleicht doch am Ende kriegen). Und in der Gemeinde hängt nach dem dramatischen Streit der Pfarrer und dem energischen Auftritt der Sekretärin der Haussegen mehr als schief. 

Sie ist es auch, die, vom pastoralen Konsensfähigkeitsdiktat ihres Vorgesetzten befreit, deutlich macht: Nach zwanzig Jahren der Diskussion auf allen kirchlichen Ebenen ist die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität in erster Linie keine Frage der Theologie mehr. Sondern des Charakters.



Übrigens: Im Nachgang der Folge unternehmen die Herzensbrecher wieder einmal den Durchbruch durch die vierte Wand: Kurz nach Ausstrahlung der Folge meldet sich auf der FB-Page der Serie Wenkstern-Darsteller Lee Rychter per Video zu Wort und lädt zur Debatte ein: "Mich würde sehr interessieren, wie ihr das seht, inwieweit man dazu heutzutage überhaupt noch die Bibel zitieren kann und sich darauf berufen kann, inwiefern das alles überhaupt noch so funktioniert und ob das alles nicht längst schon überholt ist. Und inwiefern das überhaupt mit der Institution Kirche zu vereinbaren ist. Deswegen könnt Ihr hier fleißig kommentieren, liken, sharen, bzw. teilen... Sharing is Caring, "Geben ist seliger denn Nehmen", hab' ich gelernt, Apostelgeschichte 20,35."

Cartoon zum Ewigkeitssonntag...


Was da los ist, erfährt man HIER...!

Donnerstag, 20. November 2014

Followerpower - Tolles aus "diesem Internet"

Zeit, mal wieder ein bisschen die Werbetrommel zu rühren. Denn es gibt ja so viel Tolles in dieser Welt und auch und vor allem in der theologischen Boggersphäre! Zum Beispiel:

Lernwege im Vikariat


Ganz großartig: Pastor's Diary von einer lieben Freundin und Kollegin, die übrigens auch schon einmal hier gastgebloggt hat. Im Moment bietet sie einen faszinierenden Einblick in das, was sie im Vikariat gelernt hat, und ermutigt damit zum eigenen Fragen und Suchen.


Also, alle reingucken: http://pastorsdiary.wordpress.com/


Predigten hören

Es gibt viele Blogs, auf denen Predigten zur Verfügung gestellt werden. Auch dieser ist einst mit dieser Idee entstanden. Manchmal, so wie auch manchmal hier, wird ein bisschen Reflexion öffentlich gemacht über das Werden der Predigt, die Denk- und Formulierungsprozesse, die das Manuskript auf dem Weg zur Kanzel entstehen lassen.

Eine interessante Variation des Themas Homiletik bietet Christoph Barnbrock, hauptberuflich Professor für Praktische Theologie an der Lutherisch-Theologischen Hochschule Oberursel. Der konzentriert sich auf das "Abenteuer des Predigthörens", und kommt dazu auf viele lesenswerte Gedanken:





Blauäugig glauben - scharfblickig beobachten

Kein Neuling unter den Bloggern ist der blue eyed believer - und gerade deswegen sehr empfehlenswert: Lesenswerte Analysen zum Leben als Christenmensch, schöne Wortspielereien und weitere Verweise auf tolle Fundstücke im Internet. Reingucken, tollfinden, durchlesen!








Samstag, 15. November 2014

Fernsehpfarrer im Realitätscheck 2.0: Amtsschimmel und Bürohengste

Bevor gleich die neue Folge über den Bildschirm flimmert, noch schnell ein kleiner Rückblick auf die Irrungen und Wirrungen der letzten Woche. Mit besonderer Freude, denn: Wir hatten Kreissynode, mit einem Gottesdienst in der Kartäuserkirche - der Kirche also, in der (und um die) Andreas Tabarius unterwegs ist. Doll, wa? Da macht die Synode doch gleich noch mehr Spaß!

"DER NEUE" - ÜBERRASCHENDE KLÄRUNGEN

Ereignisreich wie immer gestaltet sich das Leben in der Bonner Heiland-Kirchengemeinde, die diesmal (die Folge gibt es hier) ordentlich von der Ankunft "des Neuen", Nachwuchspfarrer Wenkstern, in Aufruhr versetzt wird. Der wird aber dringend gebraucht: Als Entlastung für den überarbeiteten Tabarius - und aus dramaturgischen Gründen, denn: In dem Maße, in dem die bislang recht einseitig böse Presbyteriumsvorsitzende vermenschlicht wird, steigt das Bedürfnis nach einem zweiten Hauptantagonisten, gegen den Tabarius heldenhaft anrennen kann. 
Vor allem aber führt die Ankunft des Neuen zur Klärung einer Frage, die den eifrigen Seriengucker seit der ersten Folge nicht schlafen lässt: Wer ist eigentlich Schwester Sabine, oder "Frau Breckwoldt", die stets im Kielwasser der Presbyteriumsvorsitzenden die Bildfläche kreuzt und immer mal wieder gerne die Pfarrerschaft angurrt?



Im Gespräch mit dem Neuen wird klar: Sie ist "stellvertretende Presbyteriumsvorsitzende" (und spekuliert auf die nächste Wahl). Im wirklichen Leben wäre sie das höchstwahrscheinlich nicht, denn: Die Vorsitzende ist ja Nicht-Theologin, und da gilt Art. 21 KO: "Wird der Vorsitz einer Presbyterin, einem Presbyter übertragen [...], soll für die Stellvertretung eine Pfarrerin, ein Pfarrer [...] gewählt werden." Und "soll" heißt in Gesetzestexten bekanntlich "muss, wenn kann!". Dahinter steckt der theologische und kirchengeschichtliche Hintergrund, dass im Rheinland, in dessen kollektiven Gedächtnis die reformiert-niederrheinischen Flüchtlingsgemeinden des 17. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle spielen, und daher großer Wert darauf gelegt wird, dass kirchliche Gremien mindestens paritätisch besetzt sind oder sogar von mehr Laien als Theolog_innen geleitet werden. Insider erkennen hier Luthers "Priestertum aller Gläubigen", aber das spielt in der Heilandkirche ohnehin keine so große Rolle.



Jedenfalls: Der Neue kommt, und wie schon aus seiner Frontstellung gegen die patente Sekretärin Frau Markwart in Sachen "Lakritze" (bäh...) deutlich wird, haben wir es hier mit dem nächsten Unsympathen zu tun. Der sorgt allerdings zunächst erstmal für große Verwirrung: Wie immer in der Gemeinde des Herzensbrechers, so "passieren" Personalentscheidungen irgendwie so über Nacht. Und so gibt es für den jungen Pfarrer z. A. (zur Anstellung) auch erstmal keinen Schreibtisch. Den muss er sich selbst aus der Rumpelkammer holen, wird aus den heiligen Hallen des Chefs verjagt und muss sich das ohnehin enge Büro mit der Sekretärin teilen. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Für das Amtszimmer eines Pfarrers oder einer Pfarrerin gibt es relativ strenge Regeln, die v. a. absichern sollen, dass die seelsorgliche Schweigepflicht gewahrt bleibt. Niemand residiert auf dem Gemeindeamt, wie Andreas Tabarius das tut - und keine Gemeindesekretärin führt dem Pfarrer den Kalender, die haben schon genug anderes zu tun. 
Interessant gestaltet sich das erste Dienstgespräch, bei dem Termine hin- und hergeschoben werden. Denn da zeigt sich, dass der Stelleninhaber eigentlich gar nicht so recht entlastet werden will. Und das ist gar nicht mal so unrealistisch - Hand aufs Herz: Wir glauben fast alle im tiefsten Innern, dass die ganze Welt nur wegen uns evangelisch ist, und dass der demografische Wandel nur dadurch aufzuhalten ist, dass wir uns um jeden Termin höchstselbst kümmern.



DER PFARRER UND DIE LIEBE

Zwischen Pfarrer Tabarius und seinem letzten Gspusi, besagter Sekretärin, kriselt es ja seit einigen Folgen. Und wer Augen hat zum Hören, der konnte schon erahnen, dass die neue Chorleiterin hier großangelegte Kabalen vorbereitet - und noch dazu mit unfairen Mitteln kämpft, denn: Sie ist Psychologin, und das heißt in Vorabendseriensprache so viel wie: "Kann Gedanken lesen". Auch hier schimmern die Regeln des Fernsehabends durch - ganz ohne weibliches Biest geht es also offensichtlich nicht. 


Und so enden Pfarrer und Chorleiterin nach kurzem Landeanflug in der Kneipe schließlich im Lotterbett. Schön blöd, möchte man sagen, vor allem dann, wenn es schon in der alten Gemeinde Zoff deswegen gab. Die Sache mit den Beziehungen ist spannend - und gehört auch zu den Dingen, die man als Pfarrer gerne mal gefragt wird: "Darfst du denn...?" Ja. Dürfen wir. Heiraten. Kinder kriegen. Verpartnern. Scheiden lassen. "Evangelische Freiheit", nennt man das wohl - historisch hat das etwas mit der Aufhebung des (Pflicht-)Zölibats durch die Reformatoren zu tun. Die waren nämlich einstimmig dagegen: Luther forderte die Abschaffung schon 1520 in seiner Adelsschrift (und setzte das, zum anfänglichen Missfallen einiger seiner Mitstreiter, darunter Melanchthon, schon 1525 in die Tat um), Johann Eberlin von Günzburg schrieb 1522 gar ein ganzes Büchlein darüber, Wie gar gefährlich es sei, so ein Priester kein Eheweib hat. 1530 schließlich stellte die Confessio Augustana (Art. XXIII) fest, dass der Zölibat weder mit der Schrift, noch Tradition und Vernunft zu vereinbaren sei. Und so kam das evangelische Pfarrhaus.

Dürfen - ja. Aber: Wie immer bei evangelischer Freiheit, so gilt auch für Pfarrer_innen im Besonderen der paulinische Grundsatz (1Kor 10,23f.): "Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf." Und so gelten für evangelische Theolog_innen (bereits in der Ausbildung) bestimmte Regeln: Eine Eheschließung/Verpartnerung ist dem Landeskirchenamt anzuzeigen. Partner oder Partnerin soll evangelisch sein, muss einer Kirche angehören, mit der die evangelische Kirche im ökumenischen Dialog steht (ACK-Fähigkeit) - Ausnahmen sind stets Einzelfallentscheidungen, die in den Landeskirchen unterschiedlich streng gehandhabt werden (wer erinnerte sich nicht an den großen Knall in Württemberg 2011?). Im Hintergrund dieser Überlegungen steht das Ideal des Pfarrhaus(halt)es, in dem die ganze Familie den Dienst des Amtsinhabers unterstützt. Und ganz von der Hand zu weisen sind manche Bedenken nicht, selbst, wenn man nicht das klassische Ideal der bürgerlichen Familie lebt - ein hohes Maß an Toleranz braucht der Pfarrberuf seitens der Familie allenthalben. Nur wird man als Pfarrer_in kaum jemanden ehelichen, der oder die so überhaupt gar nichts für den Beruf übrig hat.

Nun ging es ja jetzt ums Heiraten. Bei Tabarius und seinen Organistinnen aber eben nicht. Und hier wird es haarig, denn: Auch dort, wo die Kirche begrüßenswerter Weise ihr Partnerschaftsverständnis im Geist der Bibel geweitet hat, gehören zu den grundlegenden Eigenschaften einer aus christlich-ethischer Sicht vertretbaren Beziehung solche Dinge wie Treue, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit. Bisschen schwierig bei One-Night-Stands, schließlich heißt es im Ordinationsvorhalt: "Verhalte dich so, dass dein Zeugnis nicht unglaubwürdig wird" - und das betrifft nach allgemeiner Lesart auch das Privatleben. Früher, so erzählt man, wurde in Predigerseminaren zu allem Möglichen die Parole ausgegeben: "..., nur nicht in der eigenen Gemeinde!" 
Umso haariger wird es dann, wenn es um eine_n Mitarbeiter_in geht. Denn: Privatbeziehungen beeinflussen das berufliche Umfeld, vor allem dann, wenn es um ein öffentliches Amt geht. Ob man soweit gehen muss wie einige Kolleg_innen, die strikt auch von persönlichen Freundschaften in der Gemeinde abraten, halte ich für fraglich - aber nachdenken sollte man darüber schon. Im Extremfall kann nämlich ein tiefgreifender (und womöglich noch offen ausgetragener) persönlicher Konflikt dazu führen, dass der Zustand der "Ungedeihlichkeit" festgestellt wird - und das ist so ziemlich der einzige Grund, aus dem man eine_n Pfarrer_in aus der Gemeinde auch gegen seinen Willen entfernen kann. 

Wie gedeihlich das Verhältnis des Vorabendpfarrers Tabarius zu seiner Gemeinde ist, von einigen heroischen Einsätzen in Einzelschicksalen abgesehen, sei mal dahingestellt. Aber Vorsicht ist angesagt - man ahnt: Das gibt noch Zoff.

Sonntag, 2. November 2014

Fernsehpfarrer 2.0: Von Schweigepflicht und Dienstverhältnissen

Seit einigen Wochen hat Fernsehpfarrer Andreas Tabarius wieder den Talar vom Nagel genommen und fegt durch die Bonner Heiland-Kirchengemeinde. Zeit, den Alltag im Männerpfarrhaushalt und vor allem die Amtsführung des fiktiven Kollegen weiter unter die Lupe zu nehmen - und wie schon bei der ersten Staffel, so gilt auch jetzt: Hier wird nicht rezensiert, weder das genre- und sendezeittypische Drehbuch, noch die Leistung des (durchgehend eigentlich sehr solide agierenden) Schauspielensembles. Stattdessen geht es darum, die Darstellung des pastoralen und gemeindlichen Alltags einem Praxischeck zu unterziehen - denn: Ob wir wollen oder nicht, der Fernsehpfarrer prägt landauf, landab die Vorstellungen davon, wie ein "richtig guter Pfarrer" so schaltet und waltet. 

TABARIUS UND DIE SCHWEIGEPFLICHT


Gleich die erste Folge der zweiten Staffel hat mit einem großen ethischen Dilemma aufgewartet (nach dem Tabarius eigentlich sein Amt gar nicht mehr ausüben dürfte): Im Rahmen eines ausdrücklich seelsorglichen Gesprächs teilt ein junger Mann dem Pfarrer mit, er sei der bislang flüchtige Fahrer, der seine Frau totgefahren habe, und er möge ihm doch bitte unter Christenmenschen vergeben. Das klingt ein bisschen wie die leidlich aussagekräftigen Fragespielchen, mit denen man immer mal wieder konfrontiert wird, um irgendwelche ethischen Grundsatzfragen abzuwägen. Das wäre natürlich eine pastoralpsychologische Kernschmelze, mit der aber das gravierende Dienstvergehen nicht zu rechtfertigen ist: Denn Tabarius bespricht seine Situation in aller Ausführlichkeit mit einer ganzen Reihe von Unbefugten, darunter der Sekretärin und seinen Söhnen. Und das geht nicht. Ab-so-lut und überhaupt gar nicht, so nachvollziehbar das Bedürfnis auch in dieser überfordernden Situation sein mag. Die Problematik zieht sich durch die gesamte Serie, auch, weil die Gemeindeamtssekretärin offenbar auch den Kalender des Herrn Pfarrer führt, und deswegen muss an dieser Stelle einmal gesagt sein: Liebe Herzensbrecher-Fans, bitte, bitte, bitte glaubt uns, dass wir im wirklichen Leben sorgfältiger mit dem Seelsorgegeheimnis umgehen!

Aber: In und um die Heilandkirche interessieren solche dienstrechtlichen Petitessen bekannter Maßen niemanden - wie schon mehrfach betont, lebt die Serie davon, dass sie den Antagonismus von Amt vs. Charisma inszeniert: die verknöcherte, menschenfeindliche Institution der Amtskirche (in der Regel personalisiert in der Figur der verbitterten Presbyteriumsvorsitzenden) gegen den charismatischen, unkonventionellen, menschen- und lebensnahen Pfarrer, den dann auch das Pfarrdienstgesetz wenig kümmert. Ebensowenig wie die Straßenverkehrsordnung - denn am Anfang der vorletzten Folge parkt der Kollege bräsig im absoluten Halteverbot vor dem Krankenhauseingang und wird folgerichtig abgeschleppt, ob man nun "im Dienste des Herrn" unterwegs ist oder nicht. 

VON WEGEN KOLLEGIALITÄT UND SO...


Da die Presbyteriumsvorsitzende plötzlich so etwas wie Gefühle zeigt, muss natürlich ein neuer Antipathieträger her. Zu diesem Zweck treffen sich Höchstselbe, die allgegenwärtige Schwester Sabine (wer ist das eigentlich?) und der Superintendent in konspirativer Absicht, denn: Pfarrer Tabarius ist offensichtlich überlastet, deswegen soll ein zweiter Pfarrer berufen werden. Das findet Tabarius natürlich gar nicht gut und erinnert die verschworenen Freunde wütend daran, "dass ich einen Vertrag habe." Äh, nein. Hat er nicht. Denn: Pfarrer_innen arbeiten (zumindest in der Regel) in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis, das heißt: Sie werden in den Dienst berufen (deswegen hat Tabarius keinen Vertrag, sondern eine Urkunde) - und auch nicht für abgeleistete Stunden bezahlt, sondern alimentiert, um ihr Leben und Arbeiten in den Dienst der Kirche stellen zu können. 



Ein Neuer steht trotzdem schon in den Startlöchern, er weiß, wie der Herr Superintendent betont, "dass es sich nur um ein Pfarrdienstverhältnis auf Probe handelt", außerdem habe er ihn "mit Bedacht ausgewählt". Auch das ist ziemlicher Quatsch: Superintendenten suchen sich ihre Pfarrer_innen z.A. (zur Anstellung) nicht einfach so aus, diese werden vielmehr von der Landeskirche zugewiesen - natürlich zum Teil mit Rücksprache. Aber: Solche Dinge werden nicht einfach so hinter verschlossenen Türen geregelt - auch da ist das Pfarrdienstgesetz vor. Dass der Fernsehpfarrer darüber verärgert ist, ist angesichts des konspirativen Charakters kaum verwunderlich - und stimmt auch noch auf einer tieferen Ebene: Eine ganz Reihe von Kolleg_innen wollen sich nämlich gar nicht entlasten lassen... Jedenfalls tritt der Neue schon am Ende der letzten Folge auf, und schon die gestalterischen Mittel lassen erkennen, welche Konflikte auf die brave Bonner Kirchengemeinde zukommen: 



DAS PRIVATLEBEN IM PFARRHAUS...


Ansonsten steht in der Folge vor allem das Privatleben im Tabarius'schen Pfarrhaus im Vordergrund: Sohn I schleppt eine Freundin an, die "nur" Friseuse ist und überhaupt sehr nervig. Die beiden ziehen zusammen, sehr zum Verdruss aller Beteiligten. Gerade dabei wird deutlich, dass das Drehbuch letzten Endes inhärent sexistisch strukturiert ist: Es ist natürlich eine Frau, die die traute Männerwirtschaft aufbricht. Sohn III gerät in falsche Gesellschaft, sitzt mit Bierflasche in der Hand vor einem Plattenbau und ist ganz offensichtlich derjenige, der, wie evangelisch.de unlängst spoilerte, "ins Drogenmilieu abrutscht" - dann wissen wir auch, dass Sohn II sich im Laufe der nächsten Folgen outen wird. Entgegen der letztjährigen Kritik von Jörg Tilmes am Format sind die Söhne also nicht mehr "zu jung um schwul oder drogensüchtig zu sein". Es bleibt also spannend in der Fernsehgemeinde...


Freitag, 31. Oktober 2014

Gerechte Karikaturen: Traueransprachen als Porträtskizzen





Erkennen Sie diese Dame? Wahrscheinlich nicht, denn: Sie kennen sie ja nicht. Obwohl - manche hier Lesende sind ja Theolog_innen, wieder manche davon wissen um das konfessionelle Profil und die theologischen Vorlieben des hier Schreibenden, haben also aufgrund des Kontextes vielleicht eine Idee? 

Immer noch nicht?



Na denn. Es ist Lollo von Kirschbaum, kongeniale Gefährtin von Karl Barth. 


Wer jetzt nochmal drauf nach oben scrollt, erkennt sie - trotz aller Weglassungen, trotz aller Abweichungen vom Original: Das Lächeln ist ein bisschen weniger breit, die Nase charmant korrigiert, die Augen etwas größer, die Zähne weniger betont. Die Zeichnung wirkt dadurch weniger lebendig, etwas zu schön gezeichnet, weil Charakteristika zurücktreten. Das hat aber etwas damit zu tun, dass das genau die Dinge sind, die man bei einer Karikatur vor allen anderen übertreiben würde, dazu aber später mehr. Wer das Originalfoto lange genug anschaut, wird gar nicht mehr anders können, als in der Skizze oben die Person wiederzuerkennen. Das hat was mit dem Gehirn zu tun: Skizzen bauen auf eine Kooperation mit dem Betrachtenden, der das, was offen geblieben ist, vor seinem inneren Auge ausfüllt. Man macht also im Kopf das hier:



Die Skizze ist dabei gleichzeitig leichter und schwerer als eine "gewöhnliche" Zeichnung. Leichter, weil es weniger Striche sind, da man sich auf die Kooperation mit den Betrachtenden verlassen kann - und weil gerade Zeichnungen von Gesichtern komplizierter und aufwändiger sind als andere, denn unser Gehirn ist auf Gesichter besonders "geeicht" und registriert Abweichungen besonders deutlich, sodass sehr schnell ein gestörter Gesamteindruck entsteht. Desginer oder Zeichnerinnen, die sich mit menschlichen Figuren in 2D oder 3D beschäftigen, wissen um und fürchten das Phänomen des uncanny valley. Das besagt, dass es bei menschenähnlichen Darstellungen auf einem recht hohen Niveau einen Punkt kurz vor der absolut fotorealistischen Abbildung gibt, an dem die Akzeptanz beim Betrachter radikal sinkt und in Abwehr umkippt. Klassisches Beispiel ist zum Beispiel eine Handprothese, die anatomisch sehr genau ist, aber aufgrund der unnatürlichen Kunsttoffoberfläche und ihrer Unbeweglichkeit von nicht wenigen Menschen als abstoßend empfunden wird. Diesem Risiko entgeht man bei einer Skizze. Schwerer als ein Gemälde ist eine skizzenhafte Darstellung, weil man auswählen und sich für eine sehr geringe Anzahl von Strichen entscheiden muss - und gegen eine ganze Masse anderer. Man muss entscheiden: Welche Konturen, Flächen, Akzente sind besonders wichtig, sind die absolut notwendigen Guidelines, damit die Betrachtende das Bild in der vom Zeichner beabsichtigten Weise vervollständigen kann? In der obigen, etwas schematischen Skizze, sind einige Entscheidungen gefallen, in denen gleichzeitig natürlich sehr viele Spekulationen über die Persönlichkeit der Abgebildeten stecken. Der strenge Seitenscheitel wird rausgelassen, die prominenten Augenbrauen, verschmitzte Augen, ein breit lächelnder Mund mit recht schmalen Lippen - und die teils kokette, teils fast stereotyp die Gelehrte ausweisende Handhaltung. Die Bücher hätten auch noch mit dazu gekonnt, das hätte diesen Aspekt noch verstärkt.

In einer Traueransprache arbeite ich ähnlich. Ich bekomme meist eine Fülle von Informationen über den Verstorbenen - und muss auswählen, denn: Oft ist mir die Person nicht so gut bekannt, dass ich mich ohne die Lebendvorlage an einem Porträt versuchen würde. Das Risiko ist zu groß, dass bei einem an sich ganz realistischen Porträt wenige geringe Abweichungen dazu führen, dass die Zuhörer_innen ein gestörter Gesamteindruck entsteht, die Predigt also gewissermaßen im literarischen uncanny valley untergeht. Also versuche ich mich an einer Skizze. Voraussetzen muss ich dabei, dass das Bildmaterial, das mir Angehörige im Gespräch zur Verfügung stellen, einigermaßen repräsentativ für das Bild ist, das der Rest der Trauergemeinde hat. In der homiletischen Praxis heißt das, dass ich keine Lebensläufe verlese, sondern auf Anekdoten setze, also in der Predigt kurze Szenen skizziere, bei denen ich den Eindruck habe: Die erzählen etwas Grundlegendes über den Menschen, wie ihn seine Angehörigen erlebt haben. Ich wähle aus und verstärke vielleicht das eine oder andere. Das kann bis dahin führen, dass die Grenze zur Karikatur tangiert wird. In obiger Porträtskizze wäre das kein großer Aufwand, es würde reichen, die Zähne etwas prominenter darzustellen, die Nase etwas zu vergrößern und das Kinn deutlicher hervortreten zu lassen und vielleicht den Seitenscheitel zu betonen. "Karikatur" hat in dem Zusammenhang natürlich einen negativen Beigeschmack, wie "Ironie" in der Predigt ja auch. Aber ich gehe von dem Grundsatz des deutschen Karikaturisten Hans
Gutes Beispiel: Pfannmüllers
Karikatur von Theo Lingen
(c) wikipedia.de
Pfannmüller
aus, der einmal gesagt hat: "Karikieren darf nur, wer gerecht sein kann" - eine gute Karikatur entblößt also nicht oder macht lächerlich, sondern hebt liebenswerte Eigenheiten hervor, an die sich Bekannte gern erinnern. In der Situation der Trauerpredigt kann das manchmal für eine Art comic relief sorgen, ein Schmunzeln unter Tränen, das die Ambivalenzen der Trauer und der Erinnerung offen hält. Das muss natürlich dem individuellen Kontext entsprechen und ist deswegen nicht immer möglich. Und das setzt neben Fingerspitzengefühl auch einen guten Kontakt zu den Angehörigen voraus, das bedeutet unter Umständen auch, dass ich mir für manche Bildmotive eine Erlaubnis hole, etwa dann, wenn ich das Gefühl habe, dass eine sehr repräsentative Anekdote zu persönlich ist oder missverstanden werden kann. Und der Grundsatz der Gerechtigkeit gilt auch hier - Wilhelm Gräb hat einmal gesagt, bei Kasualien geht es um "Rechtfertigung von Lebensgeschichten". Das heißt für Trauergottesdienst und Bestattung, dass Ambivalenzen und Schattenseiten nicht krampfhaft verschwiegen werden - aber auch, dass der Liturg oder die Liturgin sich kein letztes Urteil über den Verstorbenen und seine Beziehungen anmaßt. 

Spannend finde ich den Gedanken der Skizze auch deswegen, weil eine Skizze ja in einem weitaus höheren Maß als etwa ein Ölgemälde die Kooperation mit den Betrachtenden voraussetzen: Sie vervollständigen das Bild, füllen die Lücken mit eigenen Bildern, Erfahrungen, Gefühlen. Auch in der Traueransprache predigt die Gemeinde mit, die Menschen bringen eigene Erfahrungen mit ein. Auch deswegen vermeide ich absolute Aussagen wie "NN war so und so". Und setze stattdessen auf Bilder - die dann wiederum Anknüpfungspunkte für die Theologie sein können, wenn eine charakteristische Szene aus dem Leben des Verstorbenen in eine biblische Szene überblendet.

Apropos Lollo von Kirschbaum: In seiner Traueransprache für sie, als sie nach einer langen zelebralen Erkrankung gestorben war, und die mit den berührenden Worten beginnt Jetzt ist sie unseren Blicken ganz entschwunden. Es war ein langes, langsames Weggehen, sagte Helmut Gollwitzer: 

"Als Lollo bei Karl Barth auf ein Denken stieß, das ganz von diesem Geheimnis [des Todes Jesu Christi] in Anspruch genommen war, da war sie gefesselt davon und wollte dabei sein und hat ihren wichtigen Beitrag geleistet zu einer Denkarbeit, die dem Leben erweckenden Weitererzählen des Sterbens unseres Herrn Jesus dienen kann."

Das ist für mich ein Paradebeispiel für eine gelungene Skizze: Entschiedene Striche, die das Bild einer leidenschaftlichen Frau und leidenschaftlichen Denkerin und Theologin zeichnen, die auch das Wagnis einer liebenswürdigen und würdigenden Karikatur riskieren ("gefesselt", "wollte dabei sein") - und gleichzeitig Raum lassen für Ambivalenzen: Für den kognitiven Abbau - und für die destruktive Seite der Leidenschaft von Kirschbaums nicht nur für Karl Barths Theologie, sondern auch für Karl Barth selbst, die sie auch "gefesselt" und diesem Leben nicht wenig Leid beschert hat und von der alle Anwesenden im Trauergottesdienst wussten. 

Sonntag, 26. Oktober 2014

Warum die Kirche eine Hochschule braucht



Zunächst: Ein Disclaimer. Das Folgende ist meine Privatmeinung und in keinster Weise eine Stellungnahme der Hochschule, deren Angehöriger ich bin. Man mag mich daher für befangen halten. Ich finde eher, dass Insiderkenntnisse eine Meinung erst recht interessant machen. Aber nun denn. 

„Theologie ist eine Funktion der Kirche“, darin stimmten Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer überein. In ihrem Geist wurde am 1. November 1935 die Kirchliche Hochschule Elberfeld eröffnet, mit einem Abendgottesdienst, der ursprünglich in der Gemarker Kirche hätte stattfinden sollen, wo anderthalb Jahre zuvor die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet worden war. Die staatlichen Fakultäten konnten nach der „Gleichschaltung“ und der damit verbundenen Unterwerfung unter eine dem Evangelium diametral widersprechende Ideologie kein kritisches Gegenüber mehr zu Kirche und Gesellschaft sein. Die Pressemeldung, am 27. Oktober 1935 im Barmer Sonntagsblatt erschienen, brachte das Anliegen auf den Punkt: 
„Die Kirche ist gerufen, für die Ausbildung ihrer Diener am Wort selbst zu sorgen. Diese Sorge ist der Kirche gerade heute aufgetragen, da die Theologischen Fakultäten an den Staatlichen Universitäten weithin mit solchen Lehrern besetzt sind, die den Deutschen Christen angehören. […] Die Gemeinden selber sollen sich aufrufen lassen, diese Arbeit der Kirchlichen Hochschule als ihre eigene Verpflichtung anzuerkennen.“ 
Die Gestapo verbot nicht nur den Gottesdienst, sondern auch, noch vor der Aufnahme des Lehrbetriebs, die Kirchliche Hochschule. Der Gottesdienst fand trotzdem statt, in einer kleinen Friedhofskapelle. Und Theologie getrieben wurde trotzdem, unter anderem Namen und in den Räumen einer leeren Freimaurerloge und dann, nach 1937, heimlich in Pfarrhäusern. 




Zeitsprung – dreißig Jahre zurück. 1905 eröffnete Friedrich von Bodelschwingh eine Kirchliche Hochschule auf dem Gelände der Betheler Anstalten. Auch hier sollten Theologen unabhängig von staatlichen Fakultäten und in ständigem Austausch und kritischer Begleitung der dortigen diakonischen Einrichtungen lernen. Auch diese Hochschule musste unter dem Druck der Nationalsozialisten 1939 ihre Tätigkeit unterbrechen. Im Jahr 2007 fusionierten beide Einrichtungen zur letzten verbliebenen Kirchlichen Hochschule nördlich der A 6. 

Im September 2014 hat die Evangelische Kirche im Rheinland einen Plan zur „Haushaltskonsolidierung“ vorgelegt (hier einzusehen). In Zeiten von Kirchensteuereinnahmen in Rekordhöhe will man für schlechte Zeiten vorsorgen und knapp zwölfeinhalb Millionen Euro einsparen. Neben vielen kleinen Wunderlichkeiten, die einen die Stirn runzeln lassen, gibt es einen Gesamteindruck, der mir persönlich Bauchschmerzen bereitet. Und zwar richtige. Knapp die Hälfte der zwölfeinhalb Millionen (wie gesagt, ich hab’s nicht mit Zahlen, correct me, if I’m wrong) soll nach meiner Rechnung aus Arbeitsbereichen abgezogen werden, die sich vorzugsweise an Menschen U30 wenden. Ein Teil dieses Pakets ist der Jugendförderplan: „Fördergelder sollen nicht mehr“, wie es vielleicht unbewusst abschätzig heißt, „nicht mehr in die Breite verteilt“ werden, stattdessen werden „Projekte […] gefördert, die modellhaften Charakter haben.“ Das klingt nach Kirche der Freiheit und dem penetranten Gerede von Leuchtfeuern, das vor einigen Jahren die Debatten beherrschte – das Kölner Jugendpfarramt hat in einem youtube-Video die Konsequenzen dieser Entscheidung erklärt. Zu dem Paket gehören auch Einsparungen in Höhe von 4,5 Millionen EUR (für alle Älteren: Das sind fast 9.000.000 Mark) im Bereich der evangelischen Schulen. Und eine Million, etwas mehr als die Hälfte der bisherigen Ausgaben, soll an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel eingespart werden. Die EKiR wünscht sich, dass die anderen Trägerkirchen diese Million übernehmen – wer weiß, vielleicht stellt sich ja bei der Gelegenheit heraus, dass das Leben doch ein Ponyhof ist. Sollten die anderen Trägerkirchen (die ja immerhin auch Rekordkirchensteuereinnahmen verzeichnen) das nicht wollen, erwägt die EKiR einen Rückzug aus der Trägerschaft und nimmt damit eine Schließung in Kauf. 

Ich halte diesen Weg für falsch. Mehr noch: Ich halte ihn für gefährlich. Bin ich parteiisch? Natürlich – ich bin Theologe, ich kann und darf nicht anders! Ich bin der Meinung: 

DIE EKIR BRAUCHT DIE KIHO. 


Weil Theologie und Biografie zusammen gehören. 

Theologie und Biografie sind untrennbar. Das eigene Erleben und die Reflexion persönlicher Prägungen wirken sich auf das akademische Lernen aus, an biografischen Wendepunkten liegen auch theologische Weichenstellungen – und das ist gut so: Wann immer man sich einbildet, die Bruchlinien des Lebens außer Acht lassen zu können, wird Theologie hohl, nichtssagend und langweilig und fällt unter das Verdikt Oscar Wildes: „The supreme vice is shallowness.“ Das Campusleben an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel ermöglicht es durch den engen Kontakt aller Hochschulgruppen, solche Zusammenhänge zu entdecken, andere daraufhin zu befragen und eine eigene theologische Persönlichkeit zu entwickeln. 


Lebensweg von Markus Müller - MM
(c) Markus Müller / fotocommunity.de

Weil Theologie Erdung braucht. 

„Was ist mit Erwin, jetzt, wo er tot ist?“ Diese Frage stellte uns der Leiter des Predigerseminars, als wir im Oktober 2002 im Rahmen einer Einführungsveranstaltung im ersten Studiensemester dort zu Gast waren. „Was ist mit Erwin, jetzt, wo er tot ist? – Das werden Ihre Gemeindeglieder Sie später fragen.“ Der Satz hat sich mir tief eingegraben, er hat mich immer wieder daran erinnert, dass Theologie kein Glasperlenspiel ist, sondern Antworten auf existenzielle Fragen geben soll. Für solche Antworten braucht es freilich Freiräume, in denen gedacht, geforscht, gefragt wird, ohne gleich zu verzwecken. Aber erfahrungsgemäß hilft es, wenn diese Zusammenhänge, in denen Theologie sich bewähren muss, nicht ganz außer Acht fallen.
Eine ganz andere Art der Erdung verdanke ich persönlich der KiHo: Die ersten vier Semester dort haben mich weitgehend immun gemacht und kritisch gegenüber den Eitelkeiten des universitären Lebens, weil sich die dortigen Lehrenden und Assistierenden in der Regel solchen erwachsenen Kinderspielen entziehen - und das strahlt aus und lässt mich bis heute wachsam sein gegenüber den Selbstvergewisserungsmechanismen von Institutionen und Systemen. 

Weil Theologie aus der Begegnung mit dem Anderen lebt. 

Gemeinschaftliches Leben und Lernen führt zu Konflikten. Aus Konflikten, die aktiv bewältigt und reflektiert werden, kann man etwas lernen. Im besonderen Milieu einer Kirchlichen Hochschule kommt es zu Konfrontationen, die sich aus unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen, theologischen Traditionen und religiösen Sozialisationen ergeben. Da stellt die Studentin aus einer politisch sehr aktiven Stadtgemeinde plötzlich fest, dass ein Kommilitone eine andere Einstellung zur Bundeswehr hat - und sich damit genauso auf seinen Glauben bezieht. Da begegnet der Student aus der erwecklichen Gemeinde im Oberbergischen Gleichaltrigen, die lesbisch, schwul, trans oder Sozialisten sind - und genau darin aufrechte Christenmenschen. In solchen Begegnungen üben die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer etwas ein, das sie später in der Gemeinde brauchen, vielleicht mehr als vieles andere, nämlich konstruktiv mit Diversität umzugehen. Damit ergänzt die Kirchliche Hochschule auf sinnvolle Weise die Möglichkeiten des akademisch-interdisziplinären Arbeitens an den staatlichen Fakultäten.  


(c) updatenet.net


Weil Kirche nur in Vielfalt denkbar ist. 

Kirche ist bunt und vielfältig. In den verschiedensten Kontexten versucht sie, Menschen Glaubens- als Lebenshilfe anzubieten. Auf dem "Heiligen Berg" in Wuppertal sind eine ganze Reihe von Einrichtungen versammelt: Die Hochschule. Das Predigerseminar. Das Amt für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste. Die Polizeiseelsorge. Chorverband und Gottesdienststelle. Und noch so einige mehr. Im täglichen Miteinander und in punktuellen Kooperationen lernen Studierende ihre Kirche in ihrer ganzen Vielfalt kennen - und blicken weit über den Tellerrand hinaus: Die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Vereinten Evangelischen Mission wurde jüngst noch einmal intensiviert und das theologische und diakonische Lernen auf dem Berg in einem internationalen Kontext verankert. An der Kirchlichen Hochschule lernen angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirche multidimensional zu denken und Synergieeffekte zu nutzen. 


Weil Kirche und Diakonie ihr Verhältnis bestimmen müssen. 

Das Verhältnis von Kirche und institutionalisierter Diakonie bedarf seit den Anfängen im Urchristentum (vgl. Apg 7) der fortlaufenden Reflexion, unter theologischen, soziologischen, ökonomischen und noch ganz vielen anderen Aspekten. Das Institut für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement bietet derartige Möglichkeiten auf höchstem, interdisziplinären Niveau - durch vielfältige Lehrexporte von Bethel nach Wuppertal lernen Studierende, Kirche diakonisch zu denken.

Weil die Kirche sich verdammt noch mal um ihren Nachwuchs kümmern muss! 

Um mal ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern: Die EKiR ist keine Kirche, die sich allzu gluckenhaft um ihren Nachwuchs kümmert. Ich selbst habe das immer als äußerst positiv empfunden, weil ich nie das Gefühl hatte, von der Landeskirche auf irgendeinen Kurs getrimmt zu werden, sondern den Eindruck hatte: Man vertraut mir, dass ich mein Studium schon gut mache.
Nur: Die Kirche ist größer als die entsprechende Abteilung im Landeskirchenamt. Und wenn man sich auf Synoden, Pfarrkonventen, Presbytertagen oder ähnlichem umhört, wundert man sich ab und zu, welche Vorstellungen vom Theologiestudium oder von denen, die sich darauf einlassen, da so im Schwange sind. Das wundert sehr - denn eigentlich müsste es doch im Interesse aller sein, den Nachwuchs für die Führungspositionen (denn, ja, ob wir es wollen oder nicht, auch das Rheinland ist in hohem Maße eine Pastor_innenkirche) zu fördern und zu motivieren. Das wird noch wichtiger, wenn durch Einsparungen in Höhe von sechseinhalb Millionen (nochmal für die Älteren: Fast dreizehn Millionen Mark!) im Bereich der Jugend-, Schüler- und Studierendenarbeit die Kontaktflächen zwischen jungen Menschen und der Kirche noch mehr verkleinert werden als es der demografische Wandel allein schon hinbekommt. 


Liebe Landessynodale, lieber Landessynodaler,

Sie haben schwierige Entscheidungen vor sich. Und bis dahin werden Ihnen noch viel emotionale Appelle in den Ohren klingen - so wie dieser hier. Und das ist auch gut so, denn was wäre es für ein Zeugnis für unsere Einrichtungen, wenn die, die dort arbeiten oder deren Dienstleistungen in Anspruch nehmen, keine Leidenschaft für ihr Tun aufbrächten? Eigentlich würde ich Ihnen jetzt gerne nochmal zurufen: "Behalten Sie die KiHo!" Aber ich bin selbst auf genug Landessynoden gewesen um zu wissen, wie schwer es ist, bei Entscheidungen über Einschnitte, Einsparungen und derartig gravierenden Veränderungen im Leben der Landeskirche, wie es die Sparvorschläge mit sich führen, die richtige Wahl zu treffen. 
Darum nur die eine Bitte: Treffen Sie im Januar keine Entscheidung über die Zukunft von Einrichtungen, von denen Sie sich nicht selbst ein Bild gemacht haben. Fahren Sie nach Wuppertal oder Bethel - oder noch besser: Suchen Sie das Gespräch mit dem theologischen Nachwuchs Ihres Kirchenkreises - die Adressen hat die Superintendentur.