Dienstag, 8. März 2016

Hitlergrüße und Ratlosigkeit - Demonstrieren im Bergischen



Die Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz, dem auch der evangelische Kirchenkreis angehört, hatte zur Gegendemo vor dem Barmer Rathaus gerufen. Anlass war die angekündigte Kundgebung von Pro Deutschland, die sich gesamtbergisch aufstellte und, wohl mangels Masse, zunächst in Remscheid, dann in Wuppertal demonstrieren wollte. Wofür, wogegen – wer weiß das schon, oder besser: Wayne interessiert’s. Eine knappe Stunde vor dem geplanten Auftritt der braunen Brüder geben sich erste Vertreter beider Seiten ein Stelldichein bei strahlendem Frühlingswetter. An der Drogeriekasse vor mir ein Nazi, also so ein richtiger, wie in den guten alten Zeiten, als gewitztere Rechtsüberholer sich noch nicht anzogen wie die Antifa: Bomberjacke, kahler Schädel, Runentattoos auf dem Fingern. Er hält der Kassiererin einen Deoroller entgegen und nöhlt: „Hamse den auch in sensitiv? Ich hab so empfindliche Haut.“ Na, wenn das der Führer wüsste. Draußen auf dem Alten Markt wiederum versammelt sich die Autonome Linke oder wer auch immer, auf jeden Fall demonstrationswillige Jugendliche in ebenfalls traditioneller Montur. Man diskutiert aufgeregt durcheinander, gibt Schätzungen ab über die Teilnehmendenzahl der Rechten und dergleichen. Irgendwann fährt sich eine mit der Hand durch den türkisen Irokesenschnitt, stöhnt: „Ich brauch jetzt erstmal einen Latte Macchiato“, und stapft Richtung Bäckerei. Es ist nicht wie früher.


ES IST NICHT WIE FRÜHER



„Es ist nicht wie früher“, stellen wir auch fest, als wir, wackere Vertreter_innen der Gemeinde mit Anhang, uns brüder- und schwesterlich eine noch schnell eingekaufte Packung Ohropax teilen. Sagt mir, was ihr rumgebt, und ich sage euch, wie alt ihr euch fühlt. Es ist aber auch laut mit all den Trillerpfeifen, die ein netter Mensch kurz vorher gratis verteilt hat. Meine ist knallpink, und die Kolleg_innen sind neidisch. Laut ist sie auch. Also die Pfeife. Die Kolleg_innen nicht minder – gut so. Ohnehin ist es laut im Kreise der Demonstrierenden, es wird gepfiffen, was das Zeug hält, und zwischendurch geschrien. Das macht Stimmung, aber sie ist eine andere als zum Beispiel beiden großen Demos in Köln. „Also, in Köln war immer auch Musik“, quengele ich ein bisschen, auch auf Facebook. Ein Presbyter meint dazu lakonisch: „Wir in Wuppertal sind halt ein etwas pietistisch.“ Ist ja auch gut so. Die Fähigkeit, jede Gelegenheit in einen Karneval zu verzaubern, ist trotzdem nicht zu verachten. 


Plötzlich schwillt das Pfeifkonzert an. Über den Köpfen der vor mir stehenden sehe ich weiße spitze Hauben. Der Ku-Klux-Klan, schnellt es durch den Kopf, aber es sind nur die Spitzen eines Pavillons, der gerade von der selbsternannten Bürgerbewegung aufgebaut wird. Auch das erscheint mir typisch bergisch: Es gibt einen Infostand. Eine Mitdemonstrantin sagt ungläubig: „Bah…“, und macht dabei ein Gesicht, als habe sie etwas sehr Ekelhaftes gesehen. Hat sie auch, ProDingsbums hat soeben ein Plakat entrollt: „Rapefugees not welcome“. Bäh. 

BIZARRE BILDER MIT POLIZEILICHEM IMPRIMATUR



Die Botschafter aus braunen Tiefen bieten ein bizarres Bild. Da stehen die üblichen Verdächtigen, verlorene Gestalten in Klamotten, von denen Ottonormalverbraucher wahrscheinlich gar nicht weiß, wo man sie bekommt – Bomberjacken, Armeegedöns. Bierpullen in der Hand, und man sieht förmlich, wie sie riechen. Bemerkenswert viele (so man bei dem Häufchen überhaupt von „viel“ sprechen kann) Frauen sind dabei, unter anderem eine ältere, offensichtlich gut situierte Dame, die ihren Nerz spazieren führt, sich angeregt mit einem der Rädelsführer unterhält und irgendwann, und das ist einer der bizarrsten Momente des Tages, anfängt zu tanzen. Überraschend sind die Koalitionen, die hinter dem Antikrawallzaun zu sehen sind. Einträchtig stehen Anzugträger und Pelzdame neben all denen, von denen sie sich sonst tunlichst fernhalten. Wer Augen hat zum Sehen, der sehe! 




Nicht nur rein farblich sticht ein grobschlächtiger Mensch in orangefarbenem Kapuzenpulli hervor: Mehrfach hebt er die Hand zum „deutschen Gruß“, merkwürdig unbelästigt von den zwanzig, dreißig oder auch vierzig Ordnungshütern, die die großflächig abgesperrte Demonstrationsfläche säumen. 
Überhaupt macht die Polizei das Bild noch schräger, als es ohnehin schon ist: Direkt hinter den Demonstranten, am Durchgang zwischen Rathausplatz und Heubruch, stehen zwei Hundertschaftswagen. Ein, zwei Demonstranten lehnen sich lässig an die Einsatzfahrzeuge. In Köln durften die das nicht – die Stadt Wuppertal sollte sehr darauf achten, was für Bilder sie hier produziert. Von Weitem sieht das nämlich ganz so aus, als unterstütze die Polizei das, was hier passiert, wofür die braune Meute steht. Vor dem Rathaus, in dem Johannes Rau dereinst residierte.


Mit Ruhm bekleckert sich die Polizei auch nicht, als eine Mitdemonstrantin einen brandzwiebackpackungsgesichtigen Wachtmeister aufgeregt auf den gleich mehrfach gezeigten Hitlergruß aufmerksam macht. „Ich kann ja weder etwas sehen, noch etwas machen, solange Sie hier stehen und mich anschreien“, ist seine (sinngemäße) Antwort. Es muss erst ein weiterer Mitdemonstrant auf ihn einreden, und es muss es ihm erst gesagt werden, dass es sich bei diesem Mitdemonstranten um den Oberbürgermeister Andreas Mucke handelt, bis man tätig wird. Allerdings wird der Hitlergrüßende nicht verhaftet, wie die WZ noch am Nachmittag meldete; die Polizei beschränkt sich darauf, seine Personalien aufzunehmen. Die ganze bizarre Situation ist übrigens auch auf Video gebannt:



Irgendwann versinkt die ansonsten unpassend strahlende Nachmittagssonne hinterm Rathaus. Die Versammlungen lösen sich auf. Übrig bleibt Ratlosigkeit. Und ein ganz und gar nicht guter Gesamteindruck. Auf der Facebookseite der WZ schreibt eine Leserin: „In Wuppertal läuft gewaltig etwas schief.“ Und, wie wir spätestens seit der Hessenwahl wissen, in Deutschland überhaupt.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Weihnachten schmutziggraubraun. Es taut. Titus 3,4-7. Und ein Lied.

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
(Titus 3,4-7)

(c) pixabay.com

Dreaming of a white Christmas


Er hält sich hartnäckig, der Traum von einer weißen Weihnacht,
es soll wieder so sein, wie es früher eigentlich auch selten gewesen ist.
Leise rieselt der Schnee,
legt sich gnädig und verhüllend
wie eine weiche Decke
über die Welt mit ihren Rissen und Schlaglöchern,
über unser Leben mit seinen Ecken und Kanten,
soll das Schroffe zudecken und weichzeichnen,
das Hässliche verstecken
die Schritte dämpfen,
der Stadt den Glitzer der Unberührtheit schenken,
die sie sonst nicht hat.
Wir legen uns in den Schnee, wedeln mit Armen und Beinen,
stehen auf und zeigen auf den Boden und sagen:
Engel gibt es doch.


Amtlich: Weihnachten schmutziggraubraun


Am 15. Dezember war es so gut wie amtlich. Die Rheinische Post meldete:
"Genau kann man das jetzt noch nicht sagen, aber der Weihnachtstrend sieht so aus, dass es doch eher mild wird", sagt Maria Hafenrichter vom Deutschen Wetterdienst. Mit Niederschlägen dürfe zwar gerechnet werden – allerdings in Form von Wasser. Schnee und Frost seien nicht in Sicht. Das Weihnachtswetter liegt laut Expertin bei rund zehn Grad.“

Heute wissen wir: Die Wetterpropheten hatten recht.
Kein Schnee, der leise rieselt, der See liegt nicht still und starr, sondern kräuselt sich unter herbstwarmem Regen und gänzlich unweihnachtlichen Windböen, und die Wupper fließt sowieso ungerührt weiter. Weihnachten in Wuppertal 2015 ist nicht weiß.

Die erste Weihnacht in Bethlehem war auch nicht weiß. Müsste man ihr eine Farbe geben, wäre sie vielleicht
schmutziggraubraun:
Holzbretter,
Lehmboden,
staubiges Stroh,
ungefärbtes grobes Leinen,
ungewaschenes Schaffell,
eingetrocknetes Blut.
Und mittendrin: Der Retter der Welt.
Der König kommt in niedern Hüllen.

(c) pixabay.com

Klimatische Gebetserhörung


Vielleicht sind wir es ja selbst schuld. Die Erde fiebert unter den Händen der Menschen, das Klima wandelt sich, und die Sonne blickt böse. Vielleicht sind wir es aber auch selbst schuld, weil unsere Gebete erhört wurden – all unsere Gesänge der letzten Wochen, vom Tau und Regen– „o Heiland, reiß die Himmel auf, o Herr, ein Tau auf Erden“, „Tauet, Himmel, den Gerechten...“ 
So wie damals, als es zum ersten Mal Weihnachten wurde, als erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Als der Himmel offen stand, Engel die Erde besuchten, die Sterne ihren Lauf änderten und der erste Schrei eines neugeborenen Kindes eine neue Zeitrechnung ausrief. Und es taute.
Die Welt war schmutziggraubraun,
aber Gefrorenes schmolz,
Festes wurde weich.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und Gottes Wort wird nicht leer zu ihm zurückkehren,
sondern es wird ihm gelingen, wozu er ihn sendet.

Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes kommt nicht leise und sanft wie der Schnee, sondern nass und ungestüm wie der feuchte Schmatzer eines kleinen Kindes, wie ein Regenguss nach langer Dürre. Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln! Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen, heißt es in Psalm 84. Wie ein Wolkenbruch überzieht sie die Welt, sucht sich einen Weg durch Ritzen und Löcher und wird zum Bad der Wiedergeburt und Erneuerung, in dem alte Verkrustungen abgewaschen werden und das neue Leben begossen wird.
Möglich, dass das im ersten Moment erschreckend wirkt, unweihnachtlich auf jeden Fall.
Denn wie die platzregende Gnade Gottes Menschen mitreißt, kann sie auch einreißen und wegschwemmen.
In der Bibel erschrecken die Menschen immer wieder, wenn Gott plötzlich auf den Plan tritt – ähnlich wie die Hirten in der Weihnachtsgeschichte. Denn wo Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe die Erde tränken, so ungestüm, undosiert und vorbehaltlos – da erscheint auch vieles, was wir als Zeichen der Freundlichkeit und Menschenliebe deuten, plötzlich dürr und morsch wie ein Haus, dessen Fundamente vom Regen ausgehöhlt werden. Wo der Schnee zudeckt, wo die starken Bilder von Weihnachten, unsere Sehnsüchte von einer heilen Welt, die wir mit unseren Mitteln zumindest an Heiligabend unter dem Lichterbaum herzustellen versuchen, die Schroffe der Welt verstecken und weichzeichnen sollen, da reißt Gottes Weihnacht wie ein Monsun das um, was auf Sand gebaut ist – aber schafft damit eben auch Raum für neues, gesundes, tragfähiges Leben.
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit
Im Großen ist das vor fünfhundert Jahren geschehen, als Martin Luther und mit ihm viele andere die Freundlichkeit und Menschenliebe in den Worten der Bibel neu fanden und sich in der Folge von vielen Praktiken ihrer Kirche, die handgemachtes Heil versprachen, trennten. Im Kleinen geschieht das überall dort, wo Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe Menschen dazu befähigt, aus religiösen oder gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen.
Die Welt war schmutziggraubraun,
denn es taute:
Gefrorenes schmolz,
Festes wurde weich.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und Gottes Wort wird nicht leer zu ihm zurückkehren,
sondern es wird ihm gelingen, wozu er ihn sendet.

Sie waren von Karlsruhe nach Oberfranken gekommen. Nach einem Ausflug suchte das Paar schließlich nach einem Lokal - und fand einen alten Gasthof. Dort ließen sich die beiden Touristen bedienen, es gab Brot, Marmelade, Eier, Käse und Tee. Dann verlangte der Mann nach der Rechnung, doch die bekam er nicht. Denn die vermeintlichen Köche und Kellner waren Flüchtlinge, und das Restaurant in Wahrheit ein Asylbewerberheim.
So erfuhren die Gäste erst nach der Mahlzeit, dass sie in keinem Restaurant gelandet waren: Das ehemalige Wirtshaus im oberfränkischen Zapfendorf ist längst außer Betrieb, seit Monaten leben dort Migranten aus Krisengebieten. Einer davon bediente das Paar trotzdem. "Ich sagte: Kommen Sie herein, machen Sie es sich bequem, fühlen Sie sich wie zu Hause", sagte Kawa Suliman nun über die Szene.
Die 68 Jahre alte Frau sagte dem "Fränkischen Tag", sie hätten geglaubt, die Flüchtlingsunterkunft sei noch immer eine Wirtschaft. "Der junge Mann, der nach unseren Wünschen fragte, war so nett - so nette junge Gastronomen muss man doch unterstützen." Die Asylbewerber um den 30-jährigen Kawa Suliman reagierten spontan. "Wir stellten den Tisch voller Essen", sagte Suliman. Als sich herausstellte, dass das hungrige Paar in einer Flüchtlingsunterkunft gelandet war, sei sie zu Tränen gerührt gewesen, sagte die Frau. (SPON)

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, machte er uns selig.  Und die Welt ist schmutziggraubraun, und es taut. Gefrorenes schmilzt, Festes wird weich. Und Gottes Wort wird nicht leer zu ihm zurückkommen, und ihm wird gelingen, wozu er es sendet. Heute wissen wir: Die Propheten hatten recht. Und Engel gibt es doch.

„Herr“, fragt ein zeitgenössischer Dichter,
„es regnet, was 
soll man tun
und seine antwort wächst
grün durch alle fenster ...“

Liebe Gemeinde,
er hält sich hartnäckig, der Traum von einer weißen Weihnacht,
es soll wieder so sein, wie es früher eigentlich auch selten gewesen ist.
Leise rieselt der Schnee,
legt sich gnädig und verhüllend
wie eine weiche Decke
über die Welt mit ihren Rissen und Schlaglöchern,
über unser Leben mit seinen Ecken und Kanten.

Aber das erste Weihnachten in Bethlehem war nicht weiß, und auch Weihnachten in Wuppertal 2015 ist nicht weiß. Müsste man ihm eine Farbe geben, wäre sie vielleicht schmutziggraubraun: Nasser Asphalt, Matschflecken auf Wiesen und Wegen, Hundehaufen, aufgeweichtes Altpapier. Schmutziggraubraun, aber auch: Ein bisschen grün. Der König kommt in niedern Hüllen. Gott sei Dank.

Amen.



Dienstag, 29. Dezember 2015

Heilige Familie - Christnacht queer 2015



Am Ende des Jahres steht sie im Wohnzimmer,
aus Keramik oder Holz,
inmitten süddeutsch anmutender Stallromantik,
wir holen sie raus,
stauben sie ab,
stellen sie hin,
singen sie an:
Die Heilige Familie.
Eine Frau, ein Mann,
und ein Kind,
holder Knab‘ mit lockigem Haar
und Heiligenschein.

Landauf, landab wird sie beschworen,
bei den selbsternannten Rettern
des Abendlands,
sie zeigen sie vor,
halten sie hoch,
beten sie an:
Die Heilige Familie.
Eine Frau, ein Mann,
und 1,38 Kinder, durchschnittlich,
holder Knab‘ mit lockigem Haar oder
liebreizendes Mädel mit strengem Zopf
und glänzenden Zukunftsaussichten.

Am Ende des Jahres sitzt sie im Wohnzimmer,
aus Fleisch und Blut,
inmitten einer Wolke aus Old Spice und Kölnisch Wasser.
Wir laden sie ein,
füttern sie durch,
halten sie aus,
zweifeln sie an:
Die Heilige Familie.
Eine Frau, ein Mann,
Kinder und Enkelkinder,
Schwippschwägerinnen und Cousins
und Oma und Onkel Karl,
und deine alte Großtante
- Moment, ich dachte: Deine alte Großtante?!
Faltiges Haupt mit silbernem Haar,
und das Christkind kommt erst in die Krippe,
wenn wir in der Kirche waren,
und Oma legt es selbst rein.
Dann wird gegessen,
dann sehen wir uns die Weihnachssendung im dritten Programm an,
dann gibt es Bescherung,
und dann wird es gemütlich.



Wir schenken uns ja nichts.
Wir schenken uns wirklich nichts.
„Also, wir machen den Rotkohl ja immer selbst. Aber jedem das Seine.“
„Sag mal, Junge, warum hast Du denn immer noch keine Freundin?“
„Früher war mehr Lametta.“
„Sag mal, ist deine Vorstrafe eigentlich verjährt oder wie das heißt?“
„Hast Du eigentlich zugenommen?“
Wir schenken uns nichts.
Und im Schein der Heiligen Nacht scheint mancher Heiligenschein
doch sehr scheinheilig zu sein.
Und es riecht nicht nach Zimt, sondern nach verbrannter Erde.
Und mittendrin steht die Krippe aus dem Erzgebirge,
und die hat beim letzten Umzug gelitten:
Josef hat nur einen Arm,
die Heiligen drei Könige haben ihre Geschenke verloren,
und die Futterkrippe ist weg,
und das, wo Oma doch gleich das Jesuskind reinlegen wollte.

Aber die Krippe stimmt eh nicht.
Sie ist zu schön.
Christ ist geboren,
aber nicht in weißgetünchtem Stall in Oberbayern,
sondern in einer Höhle zu Bethlehem,
und es roch nicht nach Zimt oder Glühwein oder Gänsebraten
oder nach Old Spice und Kölnisch Wasser,
sondern nach Schafmist und Schweiß,
nach stockigen Kleidern und schnellem Aufbruch.
Freue dich, o Christenheit,
denn alle Jahre wieder kommt das Christuskind,
auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.
Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
auch, wenn es nicht nach Zimt riecht,
sondern nach Einsamkeit und kalten Zigaretten,
nach Kummer und Kümmerling,
und vor der Tür stehen nicht die Weisen aus dem Morgenland,
sondern die Abschiebeamten aus dem Abendland.
Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Und die Krippe stimmt eh nicht.
Sie ist zu klein,
obwohl sie größer sein kann,
sein müsste:
Eine Frau, ein Mann,
holder Knab mit lockigem Haar,
ein paar Hirten, drei Könige,
aber es fehlen ein paar,
es fehlt die ganze Welt.
Freue dich, o Christenheit,
denn das erwachsene Christkind wird sagen:
Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?
Wer Gottes Willen tut, der ist meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester.
Die Heilige Familie ist Wahlverwandtschaft.
Nicht ihr habt mich erwählt, wird das erwachsene Christkind sagen,
sondern ich habe euch erwählt.
Die Heilige Familie ist Patchwork:
Das Christkind ist unehelich,
seinen Vater hat nie jemand gesehen.

Und die Krippe ist kaputt.
Josef hat nur einen Arm,
die Heiligen drei Könige haben ihre Geschenke verloren.
Und das Christkind hat nichts, auf das es sich betten kann.
Und Oma steht auf, feierlich,
nimmt das Christkind,
geht zur Krippe – und stutzt.
Nimmt den Aschenbecher vom Tisch,
stellt ihn in den Stall,
legt das Christkind rein,
tritt einen Schritt zurück.
Sie nickt, und sie lächelt,
und sagt zufrieden:

„Jetzt stimmt es.“

Sonntag, 6. Dezember 2015

Hurra, die Welt geht unter - Predigt über Jak 5,7-8

Predigt zur Einführung in eine neue Pfarrstelle am 2. Advent 2015

Liebe Gemeinde, mit der Einführung eines neuen Pfarrers in der Adventszeit ist es so eine Sache. ”Seht auf und erhebt eure Häupter”, raunt es an den Tischen der Seniorenadventsfeier, ”seht auf und erhebt eure Häupter, weil - der neue Pfarrer ist da!” Er kommt, das ist ist der Kehrvers, der den ganzen Advent durchzieht, und gemeint ist (Gott sei Dank!) nicht der neue Pfarrer. 
Er kommt. Das raunen sich seit der Entstehung der ersten Gemeinden die Christinnen und Christen zu, als Ermutigung, als Anker in stürmischen Zeiten. So wie im fünften Kapitel des Jakobusbriefs: 

So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. 

Er kommt. Advent. Advent, ein Lichtlein brennt. Der Abzählreim aus Kindermund, der Adventskranz des alten Wichern, kleine Geduldsübungen, gestaltetes Warten: Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, bis dann endlich das Christkind vor der Tür steht. Das Gute ist: Bei Weihnachten weiß man, dass es kommt, daran konnte vor einigen Jahren nicht einmal der Maya-Kalender etwas ändern, man weiß sogar genau, wann es kommt, bei mir mit ziemlicher Präzision einen Tag nachdem ich endlich geklärt habe, was für Weihnachtsgeschenke ich noch kaufen oder basteln muss. Er kommt. Aber gemeint ist nicht irgendein Geschenkelieferant, das Christkind ist längst erwachsen geworden und soll keine Playstation bringen, keinen Familien-Original-Benutzer, formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völig zweckfrei. Sondern einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der kein Tod mehr sein wird und kein Leid und kein Geschrei, und das bitte möglichst bald. Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. Also: Seid geduldig

 Ich bin das nicht. Wenn ich, wie so oft in diesen Tagen, von Köln nach Wuppertal fahre, trommle ich schon am Hildener Kreuz auf dem Lenkrad herum, irgendwo bei Haan-Ost zische ich durch die Zähne und spätestens am Sonnborner Kreuz singen sie im Radio „Hurra, die Welt geht unter“ und ich fluche laut vor mich hin. 

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig. Manche hier im Uellendahl kennen das noch, als hier noch Höfe standen, bevor der Stadtteil dicht besiedelt wurde, als das Leben auf dem Döppers Hof, dem Haus Mirke, dem Wülfing- und Duckmauser Hof bestimmt war von der Abfolge von Saat und Ernte. 

Ich sähe nicht und ernte nicht, nicht im handgreiflichen Sinn, aber auch ich versuche, Geduld zu lernen und tue das mit Mehlstaub und Teigresten an Händen, Kleidern und Haaren. Ich habe bislang auf keiner Fortbildung, keinem Spiritualitäts- oder Achtsamkeitsworkshop so viel über Geduld gelernt wie beim Brotbacken. Also nicht mit Backmischung und Brotbackautomat, sondern so richtig mit Sauerteig, und das heißt vor allem: Warten, damit aus wenig viel werden kann. 



Ein Esslöffel Roggenmehl, zwei Esslöffel Wasser. 
Lauwarm. 
In ein großes Glas an einen warmen Ort gestellt. 
Und warten. 
Bis der Vorteig Blasen wirft. 
Das kann dauern. Zwei bis drei Tage. 
Alles Klopfen an das Glas bringt nichts, 
nur warm muss man es halten. 
In der Zwischenzeit geht das Leben weiter. 
Wenn der Ansatz aussieht wie helle Mousse au Chocolat, dann ist es Zeit. 
Für den nächsten Schritt. 
Das Brot ist noch mindestens einen Tag weit weg. 
Mehr Roggenmehl. Mehr Wasser. Und ein bisschen Weizen, wegen dem Kleber. 
Und: Warten. 
Ab und zu umrühren. 
Und: Warm halten. 
Am nächsten Tag mehr Mehl, Roggen und Weizen, ein bisschen Wasser. 
Und dann: Kneten. 
Bei Roggenmischbrot mindestens eine halbe Stunde, 
von Hand natürlich. 
Bis der Teig sich wieder von den Händen löst 
und die Schultern fast weh tun. 
Und dann: Warten. 
Drei-Vier Stunden. 
Und in der Zwischenzeit geht das Leben weiter. 
Und die Gärkörbe müssen vorbereitet werden. 
Dann den Teig zu Laiben formen, 
ein großes und ein kleines kommt bei mir raus. 
Rein in die Körbe, 
und wieder: Warten. 
Aber nur zwei Stunden. 
In der Zwischenzeit geht das Leben weiter, 
aber ich muss den Ofen vorheizen. 
Knallheiß, so viel es geht. 
Das dauert. 
Es gibt keine Abkürzungen, 
und leider auch keine absoluten Zeitangaben. 
Die Backzeit variiert, auf jeden Fall je nach Ofen 
und wahrscheinlich auch je nach Wetterlage und Mondphase. 
Von dem Tag aber und der genauen Stunde weiß niemand, 
auch nicht die Engel im Himmel, 
und es heißt wieder: Warten. 
Aber die Küche kann schonmal aufgeräumt 
und das Tuch für das Brot rausgeholt werden. 
Die Butter muss zimmerwarm werden. 
Von der genauen Stunde weiß niemand... 
Irgendwann ist es halt fertig, 
und das ganze Haus duftet vom frischen Brot, 
und die Butter zerfließt langsam 
auf dem dampfenden Knäppchen 
(oder wie auch immer sie das Endstück nennen) 
und ich schmecke und sehe: 
Es lohnt sich. 
Seid geduldig, bis der Herr wiederkommt. 

Seid geduldig, bis der Herr wiederkommt. Das durchzieht die Briefe des Neuen Testaments als Echo der Hoffnungen des Volkes Israel. Das raunen sich die ersten Christinnen und Christen zu, als Ermutigung, als Anker in stürmischen Zeiten. Und die lassen keinen Zweifel daran, dass die Geduld nicht unsere eigene ist, sondern dass dieser lange Atem von Gott selbst kommt. Gott hat einen langen Atem, Gott selbst ist geduldig. Zum Glück, denn sonst sähe die Welt wohl ganz anders aus. Leider, denn eigentlich müsste die Welt doch ganz anders aussehen? 

Bis der Herr wiederkommt. Es steht noch etwas aus. Die Welt ist noch nicht am Ende. Christus ist noch nicht fertig mit uns – Gott sei Dank. Denn am Ende ist alles gut, und solange nicht alles gut ist, es ist noch nicht das Ende. Und nichts ist gut. In Afghanistan. Nichts wird gut sein in Syrien, solange wir meinen, mit Waffen den Frieden schaffen zu können. Nichts ist gut an den Grenzen der Festung Europa. Und darinnen auch nicht. 

Manche spüren das deutlicher als andere, leiden an der Welt, wie sie ist, und wissen, dass es anders werden muss, wenn es gut werden soll: ER muss wiederkommen und richten. Ausrichten, wo das Ziel verfehlt wird, verrichten, was nur er tun kann: Das Krumme gerade biegen. Das Verlorene heimholen. Das Verletzte heilen. 

Manche spüren das mehr als andere, wir nennen sie, je nach Leitkultur und Stimmungslage, Prophetinnen oder Poeten, Künstlerinnen und Dichter oder sagen ihnen nach, sie seien nicht ganz dicht, wenn wir sagen: „Es ist doch alles ganz schön“, und sie sagen: „Eben nicht!“, die Knechte und Mägde, die Visionen haben und Träume träumen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. An der Spitze der deutschen Albumcharts standen im Sommer K.I.Z. und sangen: „Hurra, die Welt geht unter“: 

Seit wir Nestlé von den Feldern jagten 
Schmecken Äpfel so wie Äpfel 
und Tomaten nach Tomaten 
Und wir kochen unser Essen 
in den Helmen der Soldaten 
Komm wir fahren in den moosbedeckten Hallen 
im Reichstag ein Bürostuhlwettrennen 
Unsere Haustüren müssen keine Schlösser mehr haben, 
Geld wurde zu Konfetti 
und wir haben besser geschlafen 
Ein Goldbarren ist für uns das gleiche 
wie ein Ziegelstein 
Ich zeig den Kleinen Monopoly, 
doch sie verstehn's nicht 
"100€ Schein? Was soll das sein? 
Wieso soll ich dir was wegnehm' wenn wir alles teilen?" 

Hurra, diese Welt geht unter / und unter Pflastersteinen wartet der Sandstrand / und auf den Trümmern wächst das Paradies / und heut nach denken wir uns Namen für Sterne aus. 

Geduldig, ja. Und beflügelt von Bildern wie diesen. 
Die Saat wächst von allein, 
nach Frühregen und Spätregen. 
In der Zwischenzeit: 
Werkzeuge reparieren, 
Scheunen leeren, 
Erntehelfer engagieren. 

Der Brotteig geht, ganz von selbst, 
ein bisschen Wärme reicht. 
In der Zwischenzeit: 
Schüsseln spülen, 
Arbeitsplatte putzen, 
Ofen vorheizen, 
Butter aus dem Kühlschrank holen 
und Leute zum Brotessen einladen. 

Seid geduldig, liebe Schwestern und Brüder, denn das Kommen des Herrn ist nah. Bald steht das Christkind vor der Tür, es ist erwachsen geworden und bringt einen neuen Himmel und eine neue Erde. 
In der Zwischenzeit: 
Herzen stärken. 
Mit den neuen Flüchtlingen am Röttgen Billard spielen, 
Deutsch lernen, Essen teilen, ohne zu wissen, wie lange sie bleiben. 
Gemeinsam sitzen bleiben, wenn es draußen dunkel 
und drinnen das Gespräch schwer wird. 
Zwischen Trümmern Brombeerbüschen beim Wachsen zusehen. 
Sich einen Namen für einen Stern ausdenken. 
Einen losen Pflasterstein hochheben 
und den Sandstrand darunter entdecken, 
und in den Spuren im Sand lesen, 
dass wir nie allein waren: 
Er, der kommt, ist immer schon da gewesen. 
Seid nun geduldig. 
Es lohnt sich. Seht auf und erhebt eure Häupter... 

Mittwoch, 11. November 2015

Näher ran! | Mehr analoge Exerzitien.

Wer ab und an hier liest, weiß, dass ich seit etwa einem halben Jahr stolzer Besitzer einer analogen Spiegelreflexkamera bin und darüber das Fotografieren angefangen habe. Seitdem schlage ich mich mit ISO-Zahlenreihen, Objektiven, Brennweiten und Ähnlichem herum, habe eigentlich viel Spaß. Und lerne viel. Zum Beispiel, dass ich nicht der Typ bin, der sich mit Stativ und Thermoskanne in malerische Landschaften setzt und mit langen Belichtungszeiten monumental-zauberhafte Panoramen verewigt. Oder der mit Makrolinse die Schönheit eines Schneckenfühlers zum Leuchten bringt. Was bleibt, ist (erstmal) die Straßenfotografie. 



Dazu gibt es eine Reihe von Ratgebern in digitaler und analoger Form. Beim ersten Lesen eine Enttäuschung: "Lassen Sie Ihr Teleobjektiv zuhause", sagen sie übereinstimmend. "Nähe lässt sich nicht vortäuschen." "Gehen Sie näher ran." Oha. Zum Glück folgen solchen Aufforderungen meist ein paar Aufwärmübungen, Tipps und Tricks im Umgang mit Menschen, denen man buchstäblich im Vorbeigehen begegnet. Nicht alle sind dabei so ermutigend, wie sie wahrscheinlich wirken sollen ("Ich habe fast nie schlechte Erfahrungen gemacht... bis auf das eine Mal, wo mich in Buenos Aires ein Boxer zusammenschlagen wollte..." oder ähnliches). Aber andere sind klug und sinnvoll, sogar sehr pädagogisch aufbereitet - und ich ahne, dass sie auf mehr Bereiche als nur das Fotografieren zu übertragen sind, etwa die von Eric Kim:

GEHEN SIE NÄHER RAN /// ZEIGEN SIE RESPEKT /// BITTEN SIE UM ERLAUBNIS (ERSTMAL). /// IGNORIEREN SIE DIE, DIE SIE FÜR VÖLLIG VERRÜCKT ERKLÄREN. /// MACHEN SIE SICH VORHER GEDANKEN ÜBER ANTWORTEN


Und noch so einiges mehr. Und mich mache mich auf, mal wieder Richtung Mülheim, genauer gesagt auf die Keupstraße. "Klein-Istanbul", wie manche sagen, für mich ist es die Straße, von der ich einen Steinwurf weit weg aufgewachsen bin und wo ich bis heute hinfahre, wenn ich anständige Wassermelonen kaufen will. Früher gab es hier auch noch Kokoreç, aber die Zeit scheint vorbei. Außerdem habe ich hier vor über zehn Jahren mein erstes eigenes Backgammon gekauft erspielt! bei einer Tasse Tee mit dem gemütlichen Ladenbesitzer. Und gutmenschig-abendlandsvergessen, wie ich bin, hoffe ich hier auf ein bisschen bunteres Leben (bei s/w-Fotos gar nicht so unwichtig). Hadi, gidelim...



Stehen und warten.

"Auf keinen Fall irgendwas, das anfängt mit: 'Ich warte auf den Bus'", wurde mir eingeschärft, als ich anfing, Radioandachten zu schreiben. Beim Fotografieren bleibt manchmal nichts anderes übrig, also stelle ich mich dezent an eine Friedhofsmauer, warte und versuche mir vorzustellen, was von dem, was ich da sehe, fotografierenswert wäre. Es dauert eine Zeit, aber irgendwann merke ich: Ich bin jetzt da. Ganz da, an dieser Straßenecke, bleibe mit den Gedanken in Sichtweite - und es wird immer schwieriger, mich für ein Motiv zu entscheiden, für eine Geschichte, die ich erzählen will. Denn es sind so viele! Da ist die alte Frau mit dem Einkaufswagen. Ich frage mich, was sie wohl eingekauft hat, ob sie für sich allein kocht, ob sie das überhaupt kann oder ob sie immer noch in Großfamilienportionen denkt und fühlt und schmeckt und kocht. Da ist der Kioskbesitzer, der mit einer Hingabe, wie ich sie nur bei Kopistenmönchen vorstelle, Getränkedosen in seiner Auslage drapiert. Alle mit dem Etikett nach vorn, Cola, Fanta, Sprite, Uludag, Reissdorf. Immer wieder dreht er eine um ein paar Grad, geht wieder raus und beäugt sein Werk, rennt wieder rein, tauscht zwei Dosen, kontrolliert das Ergebnis. Und lächelt. Die Welt ist voller Geschichten, "überall ist Wunderland", sagt Eric Kim, und ich traue mich noch viel weniger als vorher, irgendwelche Fotos zu machen - weil ich den Geschichten gerecht werden möchte. Und ihren Hauptfiguren.



Heimlich?

Ein Tipp aus meinem Street-Photography-Ratgeber, der mir mehr und mehr wie ein Exerzitienbuch vorkommt, lautet: "Tun Sie so, als würden Sie irgendetwas anderes fotografieren." Ich probiere es ein paar Mal - und es gelingt mir nicht. Weil ich analog fotografiere, merke ich das natürlich auch erst ein-zwei Wochen später. Aber auch dann trägt die Einsicht: Heimlich ist scheiße. Wie im Gottesdienst auch: Man kann eh nichts verstecken, also sollte man es möglichst gleich offen machen. Und wie sonst im Leben eigentlich auch. Die Bilder werden schlecht, verwackelt (and not in a good way), nichtssagend, leer, irgendwie, und flach. Trotz Tiefenschärfe und Festbrennweite und so. 


Ansprechend.

"Sprechen Sie Leute an, fragen Sie, ob Sie sie fotografieren können", so geht eine Aufwärmübung (hust) im Fotografierratgeber. Einen Teufel werde ich tun, denke ich. Wer weiß, wie die Leute reagieren. Wer weiß, was die dann für Fotos sehen wollen. Und ich kann sie noch nicht einmal zeigen. Also versuche ich weiter, mich möglichst unauffällig zu verhalten, heimlich unterwegs zu sein, eins mit dem Ort zu werden (auch so ein Tipp), mit der Menge zu verschmelzen... "Eeeey, fotografierst Du uns?!?!" röhrt es mir plötzlich entgegen, und mir bleibt fast das Herz stehen. "Äh, nein", rufe ich instinktiv in die Richtung, aus der das Rufen kam und aus der mir jetzt ein Vater mit seinem Sohn entgegen kommen. Kacke. "Nee, keine Angst", sage ich wieder beschwichtigend. "Warum nicht?!" fragt der Vater, fast ungehalten, "wir sind doch gut!" Und eigentlich hat er recht. Also wird eine kleine Fotosession eingelegt, mit der Exklusiverlaubnis traue ich mich,  näher ranzugehen. Ein bisschen gestellt wirkt es schon, aber wenn ich mir die Fotos angucke, sehe ich dahinter Geschichten. Vielleicht auch nur, weil ich sie kenne. Ich weiß, warum der Junge sein Trabzonspor-Trikot trägt, obwohl es zerrissen und ein bisschen zu klein ist. Ich weiß, was sie gerade in Köln machen, wo sie eigentlich irgendwo im Mittelfränkischen wohnen. Und ich weiß vor allem, wie tierisch stolz der Vater auf seinen Sohn ist. 

Nein, hier kommen jetzt keine Fotos, weil ich natürlich keine schriftliche und juristisch wasserdichte Erlaubnis habe, die Bilder, die mehr Portraits sind, zu veröffentlichen. Mit den Horden von Abmahnanwälten da draußen, die raubvogelgleich ihre Kreise ziehen, ist mir das zu haarig. Nächstes Mal. Vielleicht. 

Die beiden bleiben nicht die einzigen, die mir buchstäblich und in vollem Bewusstsein vor die Linse laufen, bei weitem nicht. Ganz ehrlich: Das hätte ich nicht gedacht. Denn, postmoderne Zeigewut hin oder her - sich von jemandem auf der Straße fotografieren zu lassen, ist etwas anderes als ein Selfie, denn es beinhaltet Kontrollverlust, und es heißt auch, den Blick von außen zuzulassen. Auch nach längerem Nachdenken ist mir nicht klar, was es für sie bedeutet, das Fotografiertwerden. Aber nach längerem Nachdenken ist mir immerhin aufgefallen, dass ich sie das ja auch einfach hätte fragen können. 

Dönüşte / bugün, dört ay sonra.

Auf dem Nachhauseweg rumort es in mir. Die Geschichten klingen nach, die Leute, die ich getroffen habe, die Erfahrungen mit dem missglückten Heimlichsein. Vor allem aber wird mir eins bewusst, und das nagt auch ein paar Monate später noch: Seit drei Jahren bin ich Pfarrer. Vorher war ich Vikar. Ich bin in diesen fünf Jahren nie (lies: überhaupt! kein! einziges! Mal!) in einer Situation gewesen, in der ich von Berufs wegen ungeschützt auf mir fremde Menschen hätte zugehen müssen, mir von ihnen eine Erlaubnis abgeholt oder ihnen einfach gesagt hätte: Ich möchte etwas von dir. Mit dir. Vielleicht auch für dich.
Selbst bei Angeboten oder Tätigkeiten, die sich durch vermeintliche Niederschwelligkeit auszeichnen sollten, ging es im Kern immer nur darum, dass die Leute schon von sich aus irgendwie kommen würden. Und ich frage mich, ob ein Großteil von dem, was wir so von "Offenheit", "Niederschwelligkeit" und dergleichen erzählen, in Wahrheit ganz, ganz großer Bullshit ist...

A propos #Mülheim: Da gibt es auch ein Kirchenprojekt, dass das mit der "Geh"-Struktur tatsächlich macht - die beymeister sind einer der ersten Versuche in Deutschland, fresh expressions zu gestalten. Hingucken lohnt sich, unterstützen auch!

Freitag, 16. Oktober 2015

"Immer erstmal auf dem Stuhl sitzen bleiben" - ein Besuch bei diesseits in Aachen

Plötzlich ist es ganz still, als die Glastür hinter uns ins Schloss gefallen ist. Nach dem Alltagslärm auf der Pontstraße tut das erstmal gut. Wir stehen in einem Ladenlokal, schwarze Fliesen, Tische und Stühle, vor den Fenstern stehen Pinwände und schützen vor neugierigen Blicken von außen. In einer Ecke ein blauer Flauscheteppich, darauf ein Rattankoffer, Sprechpuppen. Und ein Schmetterling. Es ist ruhig, aber nicht totenstill, und das ist wahrscheinlich gut so. Wir stehen in den Räumen von diesseits in Aachen, einem Projekt, das sich an trauernde Kinder und Jugendliche wendet, ihnen Raum und Gesprächsmöglichkeiten bietet. Wir, das sind jugendliche Ehrenamtliche aus der Kölner Jugendarbeit, die sich in den Osterferien weiterbilden zum Thema "Gruppen an der Grenze". Ein paar Grenzen haben wir schon passiert, heute soll es um diese letzte große gehen. Ob die Leute von diesseits sich vorstellen könnten, uns etwas von ihrer Arbeit zu erzählen und den Jugendlichen ein paar Tipps mit auf den Weg zu geben, hatten wir ein paar Wochen vorher mal gefragt. "Klar, herzlich willkommen!" war die prompte Antwort, und genauso herzlich und unkompliziert geht es an diesem Tag weiter. 

Wir sitzen im Stuhlkreis, und Adelheid Schönhofer-Iyassu und Maria Pirch, die beiden Hauptamtlichen des Projekts, beginnen zu erzählen. Über das Projekt, das von den Maltesern und der Pfarrei Franziska in Aachen gemeinsam getragen wird. Und immer wieder von ihren Erfahrungen mit der Trauer von Kindern und Jugendlichen. Man ahnt beim Zuhören, dass sich hier seelsorgliche Kompetenz und Leidenschaft treffen. Gutes Gefühl, das.



Aber es bleibt nicht beim Referat. Plötzlich ist der Ball zurück in die Gruppe geworfen. "Was habt Ihr für Erfahrungen mit Trauer oder Tod gemacht, bei euch selbst oder bei anderen?" fragen die Referentinnen. Und erstmal sagt niemand etwas. Doch dann löst sich irgendetwas, der Erste traut sich mit seiner Geschichte in die Runde. Alle hören zu. Dann die nächste. Dann noch jemand. Am Ende der Runde wird fast jede_r etwas gesagt haben, und auch diejenigen, die sich seit Jahren kennen, lernen Neues voneinander. "Krass, das wusste ich gar nicht", entfährt es einer Jugendlichen, als ihre Freundin vom Tod ihrer Oma erzählt. "Warum redet man da eigentlich nicht drüber?" fragt ein anderer, und so lernen die Jugendlichen ganz nebenbei, was es heißt, dass der Tod in unserer Gesellschaft marginalisiert wird. Die eigenen Trauererfahrungen spielen eine Rolle, wenn man Trauernde begleitet. Die eigenen Trauererfahrungen sind plötzlich mit im Raum, im Ladenlokal auf der Pontstraße. Und man hat das Gefühl, dass sie dort gut aufgehoben sind, bei den beiden Hauptamtlichen, die so aufmerksam und so wohltuend undramatisch zuhören. Und in der Gruppe, die gerade ein Stück zusammengerückt ist. 



In einer letzten Runde wird es wieder pragmatischer: Wie können ehrenamtliche Teamer_innen zum Beispiel mit einer Konfirmandin umgehen, deren Eltern uns bei der Abfahrt zur Wochenendfreizeit mitteilen: "Die Marie ist vielleicht ein bisschen neben der Spur, weil ihre Oma gestern gestorben ist?" Schon bei der Vorbereitung der Schulung wurde es deutlich, und bei der Nachlese mit anderen Referent_innen wird es sich bestätigen: Das Thema spielt bei der Teamerfortbildung, bei Schulungen für die JuLeiCa und dergleichen, so gut wie keine Rolle. Im Gespräch fallen, wie nebenbei, weise Ratschläge: "Immer erstmal auf dem Stuhl sitzen bleiben." - "Fragt euch mal, ob das auch schon eure beste Freundin war, bevor sie einen Trauerfall hatte." Und ähnliches. Die Jugendlichen hören aufmerksam zu, fragen engagiert nach, bringen immer wieder ihre eigenen Erfahrungen mit ins Spiel. 

Nach ein paar Stunden verlassen wir das Ladenlokal. Um uns herum die verkehrsreiche Pontstraße, der Alltag hat uns plötzlich wieder, verlangt, dass wir mitgehen, das Tempo halten, uns anpassen. Und noch einmal wird deutlich, wie wichtig solche Orte wie diesseits sind, an denen Kinder und Jugendliche sagen können: "Plötzlich ist alles anders."

Irgendwann geht es von Aachen zurück nach Vaals. Einkäufe, Abendessen, das Übliche. Aber der Besuch wirkt nach. Statt, wie sonst, lautes Gelächter aus einem der Bungalows zu hören, stößt man überall auf Zweier- oder Dreiergruppen, die sich zurückgezogen haben, unter einem Fliederbusch sitzen, auf der Terrasse, in einem Fenster. Einer der älteren Jugendlichen kommt rüber zum Leiterbungalow. Setzt sich zu uns an den Tisch. "Krass", sagt er, "da hat irgendwie jeder eine Geschichte, mit Trauer und so." Und dann beginnt er, seine zu erzählen. Es wird ein guter Abend. Ruhiger als sonst. Aber das braucht man manchmal. Danke dafür.