Freitag, 29. September 2017

Zurück ans Lagerfeuer



Ich mag Abendgottesdienste. Vor allem, weil ich, glaube ich, eher Nachteule als Morgenmensch bin. Aber auch das ganze andere. Das Licht, das anders ist, die Kerzen, die umso heller leuchten. Das gute Gefühl, wirklich Feierabend zu haben, wenn ich die Kirche verlasse. Mit einem Segen in die Nacht zu gehen. Die selten gesungenen Abendlieder, die so viel lebensweiser und so viel poetischer als das (für mich immer halb gelogene) "All Morgen ist ganz frisch und neu" über das Leben mit einem mutmaßlich bewohnten Himmel überm Kopf singen. 


In der evangelischen Landeskirche sind Abendgottesdienste selten. Unter der Woche findet abends trotzdem ein Großteil des kirchlichen Lebens statt: Gruppen und Kreise, aber vor allem auch Gremienarbeit. Was nicht weiter verwundert, da in den Sitzungen überwiegend ehrenamtlich Engagierte sitzen, die hier ihren Feierabend verbringen. 

Letztens bin ich auf die Forschungen der US-amerikanischen Anthropologin Polly W. Wiessner gestoßen. Die hat längere Zeit bei den Ju|'hoansi gelebt, einem indigenen Volk in der Kalahari-Wüste. Sie hat dort die Kommunikationsgewohnheiten untersucht und in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz folgendes Ergebnis über den Unterschied der Gespräche am Tag und bei Nacht am Lagerfeuer festgehalten (wer nicht so viel Zeit hat, kann sich auch einen kürzeren Artikel zu Gemüte führen, aus dem das folgende Zitat stammt):

Tagsüber drehen sich die Gespräche vor allem um ökonomische Aktivitäten - Arbeit, Essensbeschaffung, Austausch über Ressourcen. [...] Es hat viel mit sozialen Themen und mit Kontrolle zu tun: Kritik, Beschwerden und Nörgelei. Abends und nachts lassen die Menschen los, werden lockerer und suchen Unterhaltung. Wenn es tagsüber Konflikte gegeben hat, lassen sie diese hinter sich und kommen wieder zusammen. Abendliche Gespräche haben mehr mit Geschichten zu tun, mit der Unterhaltung über die Charaktereigenschaften Dritter, die aber zum weiteren Netzwerk gehören, und mit dem Nachdenken über die Welt der Geister und wie diese die Menschenwelt beeinflussen. Es gibt auch Singen und Tanzen, was innerhalb einer Gruppe verbindet.

Wiessner bestätigt damit die umfangreiche Forschung vor ihr, die die Bedeutung der Kontrolle über das Feuer für die menschliche Entwicklung insbesondere im Blick auf sozial wirksame Narrative herausgestellt hat. Es scheint kein weiter Weg, von dort aus auf die Traditionsprozesse der biblischen Bücher zu schließen, deren Sitz im Leben ja zumal in früher Zeit das nomadische Lagerfeuer war. Wiessners Untersuchung macht deutlich, dass es hierbei nicht nur um bloße Unterhaltung und Wissensweitergabe, sondern auch um die Konstruktion sozialer und spiritueller Identitäten geht. Die Theologie weiß das schon länger, bei der Kirche bin ich mir nicht so sicher. 



Immerhin, eins haben wir behalten: Kerzen. Wiessner misst dem Feuer in der Nacht nicht nur als Schauplatz sozialer Interaktion, sondern auch als Medium große Bedeutung bei: 

Ausreichend heller Feuerschein unterdrückt die Melatoninproduktion und sorgt für Energie zu einer Tageszeit, zu der wenig wirtschaftlich produktive Arbeit geleistet werden kann, dabei gibt es genug Zeit. In der heißen Jahreszeit hilft die Kühle des Abends, aufgestaute Energie zu entladen, in der kalten Jahreszeit rücken die Leute zusammen. Die Gemeinschaft am Feuer setzt sich oft, wenn auch nicht immer, aus Menschen verschiedener Altersstufen und Geschlechter zusammen. Mond und Sterne wecken Imaginationen des Übernatürlichen ebenso wie ein Gefühl der Verwundbarkeit gegenüber bösen Geistern, Raubtieren und Feinden, denen man die Gemeinschaft entgegenhält. Körpersprache wird im Feuerschein weniger deutlich, das Bewusstsein für sich selbst und andere ist geringer. [...] Die Themen des Tages werden fallen gelassen, während kleine Kinder im Schoß von Verwandten einschlafen. [...] Die Sehnsucht nach dem Feuer als Schauplatz sozialer Vertrautheit und Offenheit im Gespräch bleibt in hohem Maße ein Bestandteil modernen Lebens und ein potenzielles Forschungsfeld. Obwohl Gespräche am Lagerfeuer in unserem täglichen Leben selten sind, bleiben sie ein geschätzter Bestandteil von Pfadfinderausflügen, Picknicks, Outdoor-Trips und ökotouristischen Unternehmungen, die auf soziale Intimität und das Teilen von Wissen zielen. Die Macht der Flamme wird in unseren Häusern durch Kamine und Kerzen reproduziert. Der dänische Geist des "hygge" (Gemütlichkeit in Gemeinschaft) ist vom planvollen Platzieren von Kerzen, "lebenden Lichtern" gekennzeichnet, um vertrauliche Gespräche zu ermöglichen.



Schon hier könnte man pausieren und darüber nachdenken, wo solche Erfahrungen im kirchlichen Leben jenseits von Konfifreizeiten ihren Sitz im Leben haben könnten. Wiessner geht aber noch einen Schritt weiter und wirft Fragen auf, die sich an der Möglichkeit der Tagesverlängerung durch elektrisches Licht entzünden - damit ist sie keineswegs allein, zahlreiche Vertreter religiöser und säkularer Spiritualitätsansätze thematisieren das in schöner Regelmäßigkeit: 

Wie Jäger und Sammler wächst unsere Vorstellungskraft, gewinnen neue Perspektiven und erweitert sich unsere Horizont anhand von Geschichten. Nichtsdestotrotz dringen künstliches Licht und digitale Kommunikation weltweit in die Nacht ein, verwandeln Stunden der Dunkelheit in ökonomisch produktive Zeit und überlagern so die Zeit für Geselligkeit und Geschichten. Der Tag endet auf Knopfdruck, ohne dass man sich die Zeit nimmt, Beziehungen zu pflegen, zu entdecken, zu reflektieren oder zu heilen, oder die Themen des Tages mit der Kohle verglühen zu lassen. 




Wiessners Gedanken beschäftigen mich schon eine ganze Weile, weil in der von ihr untersuchten Gemeinschaft am Lagerfeuer Dinge aufscheinen, die mir (und, wenn ich meinen Gemeindegliedern glauben kann, anderen auch) im kirchlichen Alltag fehlen: Das scheinbar ziel- und zwecklose Beisammensitzen, das Teilen von Geschichten und Erfahrungen, das gemeinsame Erleben des Ausgesetztseins und gleichzeitigen Gehaltenseins unter freiem Himmel. Mit Abendgottesdiensten allein ist das sicherlich nicht zu ersetzen, und natürlich lassen sich nicht alle Sitzungen am Abend einfach so abschaffen. Immerhin: In unserem Presbyterium (und in anderen auch) gibt es den klugen Grundsatz, dass nach 22 Uhr keine Beschlüsse mehr gefasst werden. Vielleicht lassen sich durch kleine Akzentverschiebungen bereits Dinge wiedergewinnen, die im Alltag leicht verloren gehen. Zum Beispiel dadurch, dass die unvermeidliche Andacht nicht zu Beginn, sondern am Ende einer Sitzung gehalten wird. Die wird nicht mehr nach dem Muster einer Mini-Predigt zur Tageslosung oder zu einem bestimmten Thema funktionieren, sondern wahrscheinlich zur Entwicklung oder Wiederentdeckung eigener Formen führen, die stärker auf Gemeinschaft, stärker auf Spüren, Erleben und Teilen abzielen.

Bewahre uns, o Herr, wenn wir wachen,
behüte uns, wenn wir schlafen,
auf dass wir wachen mit Christus
und ruhen in Dir.

Sonntag, 24. September 2017

Ja, aber...? | Predigt im Jubiläumsgottesdienst (Mt 6,25-34)

Manchmal erwischt es einen. So wie vor ein paar Tagen. Irgendwo zwischen theologischem Nachmittag und Jugendausschuss ein Anruf. Die Band braucht noch irgendetwas, das wir nicht haben. Weitere Anrufe bei diversen Leuten, wer so etwas haben kann. Niemand. Haut das trotzdem hin? Ein sorgenvoller Blick auf die Wetter-App. Bleibt’s dabei, Sonne und kein Regen? Und die ganzen anderen Fragen: Wie viele Leute kommen wohl heute? Hoffentlich haben wir genug zu essen, und wer wollte nochmal den Getränkestand besetzen? Und mittenrein spricht Jesus: Darum sollt ihr euch nicht sorgen. 

Ein Teil in mir atmet für einen winzigen Moment erleichtert auf. Und ein anderer Teil, der, der in der Regel um einiges größer ist, sagt sofort: Ja, aber… In der Seelsorgeausbildung habe ich gelernt, dass ein Aber immer alles, was davor gesagt wurde, zunichtemacht. Das war ganz beeindruckend, wie laut sie vorhin alle gesungen haben, richtig mitreißend. Aber das waren ja auch bekannte Lieder. 

Ja, aber. Nicht „Ja“ und „Amen“. Ja, aber. 
Wenn ich ehrlich bin, durchzieht das „Ja, aber“ meinen Glauben. Vielleicht ist das zutiefst menschlich. Von der Stelle bringt es allerdings nicht: Ja, aber… ein halber Schritt nach vorn, ein ganzer wieder zurück. 

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Ja, aber satt werden möchte ich schon. 

So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel… unser tägliches Brot gib uns heute. Ja, aber wenn ich davon etwas einfrieren kann, ist auch gut. 

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Ja, aber auch Vögel sterben doch. Verhungern oder werden gefressen oder knallen gegen Fensterscheiben. 

Sorgt euch nicht. Ja, aber wir sorgen uns doch, wir, die wir hier sitzen, in unserem Teil der Erde vielleicht nicht um Essen und Kleidung, aber Sorgen gibt es weiß Gott genug, Sorgen von der Sorte, die sich nicht einfach so mit einem Blick in den Himmel oder die Botanik wegwischen lassen. 
Woher kommt das Geld für die Stromrechnung in diesem Monat? 
Ist meine Ehe noch zu retten? 
Was steht am Montag rot auf weiß unter der Mathearbeit? 
Was heißt das für mich, wenn in den Nachrichten gesagt wird, dass bei Thyssenkrupp 2000 Stellen gestrichen werden sollen? 
Ist dieser Knoten, den ich da ertaste, echt, und verbirgt sich dahinter etwas Böses? 
Was wird aus uns, wenn sich tatsächlich viele Leute verarschen lassen und die AfD wählen?

Und seltsamerweise – wenn die Fragen so hart auf hart kommen, verstehe ich einen Teil von dem, was Jesus sagt. Es gibt ein Zuviel an Sorgen. Es gibt die Gefahr, sich zu versteifen, zu fixieren, nichts mehr zu sehen als das, worüber man sich Sorgen macht, weil alles nur noch darum kreist. Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt, hat Robert Gernhardt einmal gesagt. Luther, neben anderen, hat vom in sich selbst verkrümmten Menschen gesprochen. Und Jesus sagt: Ihr seid mehr. Mehr als die Spatzen am Himmel, mehr als die Wildblumen auf dem Feld. Mehr als das krumme Holz, zu dem ihr euch selber macht. Kopf hoch. Wenn Ihr keinen Ausweg mehr seht, wenn Ihr merkt, dass sich all Euer Denken nur um den morgigen Tag dreht, Ihr an nichts anderes mehr denken könnt als an Essen und Anziehen – dann guckt nach oben. Dazu müsst ihr Euch aufrichten. Und guckt in den Himmel und sehr euch die Vögel an. Und atmet einmal tief durch, fühlt, wie die Lungen sich mit Luft füllen und der Kloß im Hals sich ein bisschen bewegt. Und wenn Ihr keine Vögel seht und keine Blumen um Euch herum habt, dann tut es auch der Blick in das unendliche Blau einer sternenklaren Nacht oder auf das kleine Grasbüschel, das sich einen Weg durch eine Ritze im Asphalt bahnt. Alles, was Euch davon abhält, die halbe Nacht darüber nachzudenken, was morgen unter der Mathearbeit steht, oder im Internet in allen möglichen Gesundheitsforen nachzuschlagen, was ein Knoten oder auch nur ein simpler Husten alles für schreckliche Dinge sein können. 

Ja, aber… meldet sich ein Teil in mir, und vielleicht auch in Ihnen, und diesmal bin ich ganz froh darüber, weil er mich davon abhält, die Bergpredigt nur in lauter Kalendersprüche und Wellnessweisheiten zu zerlegen. Jesus sagt nicht: Wenn euch die Welt zu gemein ist, dann guckt euch ein paar Katzenvideos an. Das wäre für eine Antrittspredigt, und das ist die Bergpredigt im Matthäusevangelium, doch ein bisschen zu wenig, und für eine Predigt zum Jubiläum auch. Jesus sagt nicht: Ertränkt eure Sorgen in Kitsch oder Natur oder sonstwo, sondern mutet uns eine ganz andere Logik zu als die, der wir im Alltag folgen – die Logik des Sabbats, wenn man so will. Die Erfahrung: Ich lege die leeren Hände in den Schoß, lasse alle Arbeit ruhen, lege alles zur Seite, was mich die ganze Woche beschäftigt – und die Welt dreht sich doch weiter. Das ist keine Entspannungsübung. Im Judentum gilt das Halten des Sabbats als eines der wichtigsten Gebote überhaupt – und gleichzeitig als eins der schwersten. Vielleicht, weil Ruhe ohnehin schwer auszuhalten ist, vielleicht auch, weil dieses Nicht-Sorgen an den Fundamenten rüttelt, auf denen wir unser Leben aufbauen, weil es ent-täuscht im wahrsten Sinne des Wortes, an der Illusion kratzt, dass wir alle unser Leben selbst in der Hand haben. 

Das wiederum passt sehr gut zu einer Predigt zum Jubiläum. Denn wir feiern nicht uns selbst. Obwohl, doch, ein bisschen tun wir das, und das ist auch gut so. Aber [sic] wir sagen auch Danke dafür, dass wir hier in diesem Haus seit 50 Jahren Gemeinde sein durften und weiterhin dürfen. 

Die allermeisten von Ihnen sind viel länger in der Gemeinde als ich, aber auch ich habe in zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass alles Planen, alles Vorbereiten, alles Absichern hin nach allen Seiten seine Grenzen hat. Der letzte Sonntag war so ein Beispiel, ein Gottesdienst, der über wochenlange Chorproben und das Bestellen von Stempeln und UV-Farbe und besonderen Lampen sehr ausführlich vorbereitet wurde, und vor dem mindestens der Pfarrer ein bisschen schlecht geschlafen hat wegen all der Unwägbarkeiten. Und die, die nicht dabei gewesen sind, können sich erzählen lassen, wie es war, und wie viel da mit reingespielt hat, das wir weder voraussehen noch planen konnten. Und andersherum – wir haben auch in anderen Zusammenhängen erlebt, dass zum Beispiel Geld allein ein schlechter Ratgeber ist, weil selbst bei gewissenhafter Planung ein Restrisiko bleibt, in welche Richtung auch immer. In dem Vers direkt vor unserem Predigttext sagt Jesus: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 

Das hat etwas Frustrierendes und Entlastendes zugleich – letzten Endes können wir als Gemeinde, das hat Jan Hendriks einmal gesagt, nichts anderes tun als Fässer mit Wasser herbeizuschaffen und darauf zu hoffen, dass der Herr sie in Wein verwandelt. Frustrierend, weil so auch unser kirchliches Leben viel weniger planbar ist als wir das gern hätten, als es eigentlich sein müsste angesichts der vielen Menschen, die davon abhängen. Und entlastend zugleich, weil die Zukunft unserer Kirche letzten Endes weder an Verwaltungsstrukturreformen, noch an Rücklagen oder Imagekampagnen hängt. So wichtig das auch alles ist – am Ende liegt die Zukunft dieses Hauses, dieser Gemeinde, liegt unser ganzes Leben in anderen Händen als in unseren. 

Und wem das jetzt zu wenig ist, der gehe nach dem Gottesdienst raus und gucke auf die Vögel am Himmel und die Blumen, die überall wild auf der Wiese wachsen und lasse sich daran erinnern, dass wir in guten Händen sind. Das befreit. Und das verändert den Blick auf die Welt. Interessanter Weise – den Vögeln zugucken, Blumen in Ruhe anschauen… das ist auch das, was einem Sterbende regelmäßig sagen, wenn man sie fragt, was sie anders machen würden. 

Es befreit, und es verändert den Blick auf die Welt In der Bergpredigt, in der Antrittsrede Jesu ist von Essen und Trinken die Rede, und vom Anziehen. In seiner letzten öffentlichen Ansprache wird auch nochmal davon die Rede davon sein, allerdings in einer etwas anderen Tonlage: Ich war hungrig, und Ihr habt mir zu Essen gegeben, ich war nackt, und Ihr habt mich gekleidet. Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan... Ich glaube nicht, dass diese Querverbindung ein Zufall ist. Wenn wir die Sorge um das eigene nackte Leben in andere Hände legen, wird der Blick frei, weitet sich der Horizont, und wir entdecken Gemeinschaft. Mit Barbara Brown-Taylor gesagt: Wenn wir uns als das erkennen, was wir sind, als Erdlinge, deren Leben nicht in der eigenen Hand liegt, finden wir uns plötzlich mit allen Menschen der Welt auf dieser Seite von Gottes Theke wieder.

„Ja, aber…“ sagt etwas in mir, aber der Teil ist ein bisschen kleiner als sonst. Und ich denke mir die Antwort: Ja, aber alles wird gut. Jetzt wird gefeiert.

Beten wir mit Worten von Jeremias Gotthelf:

Herr, unser Gott, du hast unzählige Wege, 
auf denen du möglich machst, 
was unmöglich scheint. 
Gestern war noch nichts sichtbar, 
heute nicht viel, 
aber morgen steht es vollendet da, 
und nun erst gewahren wir rückblickend, 
wie du unmerklich schufst, 
was wir unter großem Lärm nicht zustande gebracht haben.
Amen. 

EINGANGSGEBET AUS DEM JUBILÄUMSGOTTESDIENST

Ewiger Gott,

wir sind heute zusammen, um zu feiern und zu danken. 50 Jahre. Für uns ist das eine lange Zeit, für dich nicht mehr als ein Wimpernschlag. Aber wir vertrauen darauf, dass Du Dich auf unsere Maßstäbe einlässt, dass nichts, was wir tun, in deinen Augen zu klein ist. Und so treten wir vor dich, nicht nur mit dem Dank für alles, was wir erreicht haben. Sondern auch mit dem, was uns nicht gelungen ist, mit den dunklen Flecken unserer ganz eigenen Geschichte.

Gott, du suchst das Verlorene und bringst es heim.
Wir klagen dir die vielen Male, an denen wir Menschen verloren haben,
um die wir nicht genug gekämpft haben,
bei denen wir versäumt haben, genauer hinzuhören und zu verstehen.
Wir bitten dich auch für die blinden Flecke, die wir heute haben.
Die Menschen, die wir aus dem Blick verlieren,
nicht sehen, um die wir uns nicht kümmern.
Lass sie nicht allein, wo wir versagen,
und mach unsere Herzen weit
unsere Augen offen,
unsere Ohren hellhörig.

Gott des Friedens,
wir klagen dir das, wovon wir auch nicht frei sind.
Streit, Konflikte und Zwietracht um Dinge, die es nicht wert sind.
Wir bringen die Menschen vor dich,
die uns im Streit verlassen haben,
wir lassen die Frage los, ob sie recht hatten oder wir,
und legen sie Dir einfach ans Herz,
dass Du ihre Wege begleitest und sie segnest.

Gott, du sorgst für uns wie für die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Feld.
Wir klagen dir die falschen Entscheidungen,
die wir aus Angst getroffen haben.
Weil es uns schwerfällt, zu glauben, dass du für uns sorgen willst.
Weil es nicht einfach ist, uns einzugestehen,
dass letzten Endes alles in deiner Hand liegt.
Hilf uns, die Balance zu finden
zwischen Loslassen und Anpacken.
Und lass auch dort, wo wir falsch entscheiden,
aus deiner Gnade Gutes wachsen.

Gott, wir haben Grund zum Feiern und zum Danken.
Und Grund, einzusehen:
Wir haben keine Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen.
Darum bitten wir dich.
Für uns und alle Welt:
Herr, erbarme dich.

Mittwoch, 20. September 2017

Wenn Du am Sonntag AfD wählen willst...

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text veröffentlichen soll. Weil ich der Meinung bin, dass die Botschaft der Bibel zwar immer und unmissverständlich auch politische Bedeutung hat, Pfarrerinnen und Pfarrer sich aber in Sachen Parteipolitik zurückhalten sollen. Ich könnte jetzt sagen, dass das hier private Äußerungen sind, aber das wäre irgendwie auch Quatsch - nichts, was ich als Pfarrer in der Öffentlichkeit sage, wird einfach so als Privatmeinung abgetan, ob ich dabei jetzt Talar oder Badehose trage. Aber ich glaube, dass wir vor einer Weggabelung stehen, wenn in Deutschland erstmals eine rechtsextreme Partei ins Parlament gewählt werden kann. In solchen Situationen blitzt etwas auf, das man in der Kirchengeschichte den status confessionis nennt: Ein Moment, in dem der Glaube zu Reden und Handeln und Stellungnahme zwingt, in dem Schweigen schuldig macht. 



Vielleicht überlegst Du, bei der nächsten Wahl, wenn Du überhaupt hingehst, die AfD zu wählen. Und - weißt Du was? Ich glaube, Du hast gute Gründe dafür, das zu wollen. Vielleicht bist Du angepisst von der Politik. Vielleicht hast Du das Gefühl, dass unser Land von Politikerinnen und Politikern geführt wird, die die Bodenhaftung verloren haben, die eigene Interessen verfolgen und sich nicht um Dich und deine Probleme kümmern. Ich glaube nicht, dass das so ist, zumindest nicht in der Regel. Aber ich kann verstehen, dass das Gefühl da ist und Dich wahnsinnig macht. Hey, ich fahre selber Diesel, habe bewusst ein Auto gekauft, das der Hersteller als besonders umweltfreundlich anpreist und frage mich jetzt, ob ich nächstes Jahr damit noch in die Innenstadt darf. Ich war in den letzten Jahren viel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg unterwegs und habe Dörfer gesehen, in denen Geschäfte, Kirchen und ganze Straßen verrammelt und verlassen waren, bin Menschen begegnet, die von der Gesellschaft im Großen und Ganzen im Stich gelassen wurden. Auch von der Politik. Ich habe mit Menschen gesprochen, die in den Neunziger Jahren aus Russland oder Kasachstan hierher kamen und höchstens die kalte Schulter gezeigt bekommen haben und bis heute noch gezeigt bekommen. Und die jetzt das unglaubliche Engagement für die Geflüchteten aus Syrien mitbekommen und fragen: Wo wart Ihr damals? Wo seid Ihr jetzt? Ich freue mich, dass wir es dieses Mal besser hinbekommen haben, unsere Arme zu öffnen - und was Ihr erlebt habt, tut mir leid. Und ich sehe in unserem Stadtteil auch die Probleme, die es gibt. Die Schwierigkeiten, die Geflüchtete beim Einleben haben. Aber ich glaube nicht, dass wir das durch Verbote, Diskriminierung und dichte Grenzen lösen werden.

Ich habe auch keine Lösungen parat. Und das ist das einzige, was mich mit der AfD verbindet: Sie hat sie auch nicht. Sie tut so. Und sie tut das auf eine Art und Weise, die viele Leute anspricht, weil sie einfache Lösungen verspricht und auf die Leute zeigt, die angeblich schuld sind. Dabei scheut sie auch vor Lügen nicht zurück - überall in sozialen und sonstigen Medien findet Ihr gerade vor der Wahl Faktenchecks, die Aussagen von hochrangigen Parteivertretern sehr glaubhaft widerlegen. Ich weiß, dass es manchmal einfach ist, Lügen zu glauben, selbst wenn man sie als solche erkennt. Weil wir Menschen halt so ticken. Aber das ist das Blöde am Leben: Es ist nie einfach. Nie. Wer das Gegenteil behauptet, ist blind. Oder betrügt die Leute, die ihm zuhören. Schon deswegen sollte man vorsichtig sein, wenn die AfD sich als besonders "christlich" aufspielt, wenn auf Pegida- und sonstigen Demos Kreuze getragen werden. Jesus hat einmal gesagt: "Die Wahrheit wird euch freimachen" (Johannes 8,32). Die Wahrheit, so schmerzhaft und kompliziert und vernebelt sie manchmal ist. Und bestimmt haben auch in der Vergangenheit Politikerinnen und Politiker gelogen, bestimmt stehen in manchen Zeitungen Dinge, die nicht stimmen. Das ist aber kein Grund, das bei der AfD zu akzeptieren. Wenn sie alles besser machen will, sollte sie hier anfangen. Das tut sie aber nicht. 

Vielleicht hast Du das Gefühl: Wenigstens sagen die mal was! Auch das kann ich verstehen. Ja, es hat in unserer Gesellschaft, gerade in den Kreisen, in denen ich mich bewege, Tabus gegeben, Probleme, die man nicht beim Namen genannt hat. Vielleicht war das wichtig, weil die AfD zeigt, dass es schwierige Themen sind, bei denen man oft in brutalsten Populismus verfällt. Aber gerade in ihrer Anfangszeit hat die AfD auch zwischendurch mal richtige Fragen gestellt - ihre Antworten sind aber scheiße. Was die einfachen Lösungen angeht: Siehe oben. 

Vielleicht hast Du Vertrauen in die AfD, weil so viele Wirtschaftsprofessoren Mitglied sind. Oder eher früher mal waren. Vielleicht denkst Du deswegen: Früher hab ich für mein Geld viel mehr bekommen, und die müssen doch wissen, wie man das wieder ändern kann. Dann informier' Dich mal über die Vertreterinnen und Vertreter der AfD, wie viele von ihnen Unternehmen in den Sand gesetzt haben, wer alles vor Gericht steht wegen Betrug, Volksverhetzung und Körperverletzung. Es sind nicht alle, aber es sind erschreckend viele. Und überleg Dir, ob Du wirklich glaubst, dass sie es anders machen werden, wenn sie an der Macht sind. Nochmal Jesus: "Wer im Kleinen unzuverlässig ist, der ist auch im Großen unzuverlässig" (Lk 16,10).

Vielleicht bist Du schwul und hast Angst, dass Du mit deinem Freund nicht mehr Hand in Hand durch die Straßen gehen kannst, insbesondere dort nicht, wo viele Menschen aus anderen Kulturkreisen wohnen, die das nicht verstehen oder verstehen wollen. Auch das kann ich nachvollziehen. Rechte Parteien, von PRO-NRW bis zur AfD, haben auch diese Angst aufgegriffen und damit schwule Wähler geködert. Wenn Du mutig bist, probier mal ein Experiment: Schnapp Dir deinen Freund (wenn Du keinen hast, darf es auch ein anderer Angehöriger des gleichen Geschlechts sein), und dann geht zu einer AfD-Wahlveranstaltung. Und guck mal, wie es da mit der Toleranz aussieht. Wie gesagt, Du musst ein bisschen mutig sein. Oder wahnsinnig. Und denk dran: Das Verständnis, was Du von anderen für Dich einforderst, haben Generationen vor Dir hart erkämpft. Und andere können es von Dir genauso verlangen. 

Vielleicht hast Du die Schnauze voll vom ganzen Gerede über die Nazizeit und findest deshalb gut, was Alexander Gauland und Björn Höcke sagen. Dann frag Dich mal ernsthaft, ob Du in deinem Leben jemals dadurch Nachteile hattest. Oder ob deine Abneigung gegenüber dem Thema damit zusammenhängt, dass man Dich in der Schule damit bis zum Erbrechen genervt hat. Mir ging das so. Und ich kann auch nicht garantieren, dass ich das in den Zeiten, als ich an Schulen gearbeitet habe, besser rüberbringen konnte. Aber ein Teil meiner Familie kommt aus Schlesien (deswegen zähle ich in allen Statistiken als "Deutscher mit Migrationshintergrund"), ich hatte Verwandte in Auschwitz. Und glaub' mir: Die Leute wussten, was da abging. Alle. Und die allermeisten haben zugesehen. Am Ende hat das 80 Millionen Menschen das Leben gekostet. Zum Teil auch die, die dachten, sie wären aus dem Schneider. 

Vielleicht bist Du Christin oder Christ und denkst: Die schreiben sich das wenigstens auf die Fahnen. Das tun sie. Aber sie meinen es nicht ernst. Oder sie haben ein paar ganz entscheidende Dinge nicht verstanden. Das "christliche Abendland" zum Beispiel ist keine Erfindung von Jesus, sondern der Romantik und der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die ersten Gemeinden kurz nach Jesu Tod waren auch deswegen so erfolgreich, weil sie erkannten, dass der Glaube Menschen über die Kulturgrenzen hinweg verbindet: "Es spielt keine Rolle mehr, ob Ihr Juden seid oder Griechen" (Galater 3,24). Und die größte Bedrohung für Christentum und Kirche geht nicht von "dem Islam" aus - im Gegenteil, bei uns in der Stadt erlebe ich es, dass gerade der Kontakt zu Muslimen Christen dabei hilft, über ihren Glauben zu sprechen. Die größte Bedrohung für Christentum und Kirche ist nicht eine andere Religion, sondern geht von denen aus, die sich zu einem Glauben bekennen, von dem sie nichts wissen, und dessen Schätze sie missbrauchen, um Wählerstimmen zu fischen. 

Ich weiß nicht, ob Du bis hierher gelesen hast. Wenn ja: Danke! Für deine Zeit, für deine Aufmerksamkeit. Bestimmt bist Du in ganz vielen Dingen nicht meiner Meinung, vielleicht stempelst Du mich jetzt als dämlichen Gutmenschen ab. Damit kann ich leben, Jesus hat ja mal gesagt, man soll auch noch die andere Backe hinhalten, wenn man eine Ohrfeige bekommt, und sei es mit Worten. Aber ich finde das Wort "Gutmensch" sehr okay - in der Bibel steht auch: "Gutes zu tun vergesst nicht" (Hebräer 13,16). Und ich vertraue lieber einmal zu viel, als dass ich meine Stimme einer Partei gebe, die dieses Land, unsere Kultur, unseren Sozialstaat, unser Grundgesetz und unseren Glauben verraten und vernichten will. In dieser Frage lässt mir mein Glaube keine Wahl. Lässt mir Jesus keine Wahl.

Wenn Du am Sonntag AfD wählen willst: Bitte, tu es nicht. Sei weiter wütend, wenn Du Grund dazu hast, aber mach was Positives draus. Und denk immer dran: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe - und der Besonnenheit. 

Und wenn Du Dich am Sonntag für die AfD in ein Amt wählen lassen willst: Tu Buße. Und kehr um. Es gibt Ausstiegshilfen, und es gibt Kirchen und Gemeinden, die Dich mit offenen Armen empfangen werden. Und im Himmel ist die Freude über einen Verlorenen, der zurückfindet, sowieso größer als über 100 Gutmenschen. 

Gottes Segen Dir.

Montag, 4. September 2017

Zukunftsgraffitti - Predigt über Jes 29,17-24

Nach urlaubs- und vor allem doktorarbeitsbedingter Pause endlich wieder ein bisschen Text. Die Predigt war für die Kanzel etwas gekürzt, hier gibt es die Langversion.

Es geht in die Vergangenheit, ein paar tausend Jahre zurück nach Jerusalem. Auf dem Marktplatz herrscht emsige Betriebsamkeit. Der neue Tempel erstrahlt in nie zuvor gesehenem Glanz, die Stadt ist wieder aufgebaut, unter viel Schweiß und Tränen. Aber die Erinnerung an das Exil wenige Generationen zuvor sitzt tief. Mit den Persern hat man sich irgendwie arrangiert, aber aus der eigenen Geschichte weiß jedes Kind, dass jeder Zeit ein neues Reich aus den Trümmern auferstehen und das kleine Volk Israel mühelos wie die Katze die Maus fangen kann. Noch schreckt man bei jedem lauten Geräusch auf, aber die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein. Und so gehen sie ihrer Arbeit nach, die Handwerker bringen ihre Waren zum Markt, ein paar Gelehrte sind in tiefsinnigen Diskussionen versunken und einige Kinder spielen im Sand. Am Rand stehen die Bettler, die Blinden und Lahmen. 



Plötzlich betritt ein Mann die Szene. Ein paar Kinder fangen an zu kichern, ein paar Erwachsene blicken betreten zu Boden, ein paar Jugendliche feixen und sind gespannt, welche Show ihnen der Mann heute bieten wird. Er ist ein Prophet. In der Sprache der meisten Leute ist das ein nur wenig netteres Wort für „Störenfried" oder schlichtweg „Spinner". Den Propheten interessiert das wenig. Er stellt sich in die Mitte des Platzes - und beginnt zu malen. In großen Gesten schwingt er den Pinsel, und bald werden Einzelheiten erkennbar. An einer Stelle entsteht eine Landschaft: Ein zerklüftetes Hochbebirge, von gelbbraunen Steppen gesäumt, zwischen den schneebedeckten Gipfeln hindurch sieht man das Mittelmeer. „Das ist der Libanon", ruft einer aus der Menge, die Umstehenden nicken anerkennend. Das Nachbarland im Norden ist gut erkennbar, gerade zeichnet der Maler mit einem feinen Haarpinsel ein paar Risse in den staubtrockenen Boden. Er tritt einen Schritt zurück, betrachtet sein Werk, nickt, dann taucht er plötzlich den Pinsel in sattes Grün und macht sich noch einmal an der Landschaft zu schaffen. Ein paar schnelle Bewegungen, ein paar Tupfer hier, ein paar Striche da - ein Raunen geht durch die Menge, als der Maler den Blick auf sein Bild wieder freigibt. Der staubige Wüstenboden, die verschneiten Berggipfel - alles ist über und über mit leuchtend grünen Bäumen bedeckt. „Aber im Libanon wachsen doch gar keine Bäume", ruft ein Kind, die Menge raunt zustimmend. Einige schnauben verächtlich, machen eine wegwerfende Handbewegung und gehen wieder an die Arbeit. 

Den Maler interessiert das alles nicht, er schwingt den Pinsel weiter. Immer bunter wird das Bild, immer wilder und detailreicher: Ein dunkelgrüner Wald, dessen Wipfel im Wind zu flüstern scheinen, wo heute noch große graue Steine im brennenden Sonnenlicht schweigen. „Was soll das, das ist doch gar nicht echt", ruft ein Mann. „Wir haben wichtigeres zu tun, als uns irgendwelche Fantasiebilder anzugucken", ruft ein zweiter. „Meine Kinder glauben jetzt, der Libanon wäre ein riesiger Baumgarten, was soll das, denen solche Flausen in den Kopf zu setzen?!" schimpft eine Mutter und zieht ihre quengelnden Kinder mit sich. Immer mehr Leute wenden sich ab, nehmen ihre Werkzeuge wieder in die Hand und machen sich kopfschüttelnd wieder an die Arbeit. Die macht sich schließlich nicht von selbst, und bevor man sich Sorgen um irgendwelche Bepflanzungen im Libanon macht, hat man vor der eigenen Haustür noch genug zu tun. 

Die Übriggebliebenen rücken etwas näher, langsam werden Details sichtbar. Eine Szene am rechten Bildrand: Da sitzen Menschen im Tempel um einen Mann herum, der aus einer Buchrolle vorliest. Wenn man ganz nah herangeht, kann man sogar die Schrift auf der Buchrolle entziffern: Ich bin der Herr, Dein Gott, der Dich aus der Knechtschaft in Ägyptenland befreit hat... Der Anfang der Geschichte ihres Volkes. Ein paar aus der Menge seufzen, als sie leise die alten Worte vor sich hin sprechen. Eine schöne, eine aufregende, eine feierliche Geschichte. Auf dem Bild scheinen die Figuren an den Lippen des Vorlesers zu hängen. Mit großen Augen und gespitzten Ohren sitzen sie nach vorn gebeugt... Plötzlich geht ein empörter Aufschrei durch die Menge der Bildbetrachter. Eine junge Frau zeigt aufgeregt auf das Bild. „Den kenne ich", ruft sie. „Es ist der alte Jizchak, der Blinde, der immer am Stadtrand sitzt!" Diejenigen, die nahe genug dran sind, kneifen die Augen zusammen - und in der Tat, Einer der Menschen auf dem Bild trägt unverkennbar die Gesichtszüge des stadtbekannten Blinden - nur seine Augen sind offen und klar. „Hier sind noch mehr", ruft die Frau anklagend, und tatsächlich, in der Gruppe der Lesenden und Hörenden erkennen sie noch andere Blinde und Taube aus ihrer Stadt. Immer wieder werden Namen gerufen, doch diese gehen im wütenden Gemurmel der Volksmenge unter. „Was für ein Unsinn", ereifert sich ein reicher Handwerker. „Da lesen und hören Leute, die blind und taub sind. Das können die gar nicht, und in unserer Stadt geht es ihnen doch gut damit!“ „Und überhaupt - anstandslos ist das", schimpft eine ältere Schneiderin, „diese armen Leute mit ihrem Leiden in die Öffentlichkeit zu stellen!" Die Umstehenden nicken. Einer der Gelehrten der Stadt, ein Schreiber, schüttelt sorgenvoll den Kopf. „Das stimmt auch sachlich nicht", bemerkt er, „Taube und Blinde und Lahme dürfen nach dem Gesetz gar nicht in den Tempel." Plötzlich fasst ihn einer am Arm. „Hey, guck mal, Du sitzt auch mit den Tauben und Blinden da im Kreis!" Ungläubig geht der Gelehrte näher an das Bild- und tatsächlich, er erkennt seine eigenen Gesichtszüge auf dem Bild. „Frechheit", faucht er, steckt die Hände in die Taschen und eilt davon. 

„Liebe Leute", sagt ein anderer Gelehrter versöhnlich, „lasst den armen Maler doch in Ruhe. Es ist doch ein schönes Bild, und gerade die kleinen Leute, unsere armen und kranken Brüder und Schwestern, brauchen solche Bilder vom Himmel, in denen es ihnen besser geht." Er zeigt auf eine Stelle des Bildes, auf der die Armen der Stadt jubeln und ihre Hände zum Himmel erheben. Die Menge nickt zustimmend. Ein junger Mann legt die Stirn in Falten, schließlich fragt er: „Aber wenn das der Himmel sein soll - warum sind denn da keine Wolken auf dem Bild? Und keine Engel? Das sieht doch alles nach der Erde aus. Nur halt - anders als es jetzt ist." „Revolution", krächzt ein alter Bettler und schwingt seinen Stock. „Da haben wir's", ruft ein Großgrundbesitzer, „das bringt die Leute nur auf dumme Ideen. Wir haben gerade alles hier wieder aufgebaut, wir haben endlich wieder so etwas wie einen Alltag. Wir wollen Ruhe und Frieden!" Einige Leute klatschen. „Ich habe Besseres zu tun als mir solche Fantasien anzugucken", erklärt er und verlässt den Platz. Viele folgen ihm. „Hey, Du bist auch drauf", ruft ihm ein kleiner Junge hinterher. Die Wenigen, die noch übrig geblieben sind, gucken neugierig auf die neue Szene, die der Prophet in der Zwischenzeit gemalt hat. Tatsächlich zeigt eine Figur den reichen Großgrundbesitzer, doch er sieht ganz anders aus als der selbstbewusste Patriarch, den sie gerade haben weggehen sehen. Auf dem Bild steht er abseits, neben dem Stadttor, dem Ort der Gerichtsbarkeit. Beschämt senkt er den Blick. Im Stadttor, man erkennt ihn klar und deutlich, und einige der Beistehenden ziehen laut hörbar die Luft ein, im Stadttor steht jubelnd Binjamin, ein armer Kleinbauer, dem der reiche Großbauer erst vor einigen Wochen mit Hilfe einer juristischen Grauzone die Hälfte seines Landes abgeluchst hat. Der echte Binjamin, der in der hintersten Reihe steht, macht eine Faust in der Tasche und denkt: „Wenigstens einer hat‘s begriffen!" 

Ein phönizischer Händler hat das Ganze interessiert betrachtet. Religiöser Kitsch verkauft sich gut, aber das, was er da sieht, dürfte den Geschmack seiner Kunden kaum treffen. Und der Maler sieht nicht so aus, als könnte man ihn überreden, diese unschönen Szenen, vor allem diese Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, wegzulassen. Nein, erkennt er, hier gibt es nichts zu holen, was man den Leuten verkaufen könnte, und eilt zurück zum Hafen. Auch die übrig gebliebene Zuschauermenge zerstreut sich schnell. 

Einzig ein Töpfer, der sich selbst für ein wenig kunstverständiger als der Rest hält, bleibt noch zurück. Er tippt dem Propheten auf die Schulter, der gerade sein Werk betrachtet. „Was hat denn dein Bild jetzt für einen Titel?" fragt er. „Das Himmelreich?" Der Prophet lässt den Pinsel sinken und denkt eine Weile angestrengt nach. Dann lächelt er und schreibt in die Mitte des Bildes: „Nur noch eine kleine Weile..." Der Töpfer schüttelt den Kopf und geht zurück in seine Werkstatt. 

Machen wir einen Zeitsprung. Deutschland, 3. September 2017. Das Bild gibt es noch. Heute wird es landauf, landab in den Kirchen aus dem Keller geholt. Zum ersten Mal seit einigen Jahren. Es hat Staub angesetzt, Spinnenweben verdecken fast die Hälfte des Rahmens. Es gehört nicht zu den Bildern, die oft hervorgeholt werden, die man in den Kirchen gerne zeigt, auf Postkarten druckt oder bei Facebook und Twitter teilt. Gerade weil es so wenig greifbar ist, so unrealistisch, so unverkäuflich. Die Überschrift „Nur noch eine kleine Weile..." macht das Ganze etwas lächerlich, nach ein paar Tausend Jahren, deswegen hängt man das Bild mancherorts so auf, dass man den Titel gar nicht mehr sieht. Ein paar kunsthistorisch informierte Kommentare werden abgegeben, Mutmaßungen über den Maler und die von ihm benutzte Technik. Mit seinen groben Pinselstrichen und seiner simplen Farbgebung wirkt es fast wie primitive Höhlenmalerei oder wie eine naive Kinderzeichnung, vor allem neben den anderen Bildern, die daneben aufgehängt sind: Hochaufgelöste Digitalfotos von zerstörten Städten und Leichenbergen, bewegte Bilder von LKWs, die in Menschenmengen fahren - Bilder, die auf erschreckende Art daran erinnern, dass die Hölle auf Erden ausbricht, wenn Menschen im religiösen Wahn egal welcher Couleur versuchen, den, ihren Himmel selbst herbei zu holen. Nach einiger Zeit wird das Bild wieder abgehängt. 

Irgendwo in Deutschland steigt eine Küsterin auf die Leiter. Es ist schon Sonntagabend, sie ist nicht vorher dazu gekommen. Als sie das Bild von seiner Halterung lösen will, fällt ihr etwas ins Auge, es sieht aus wie ein Fleck. Irritiert kneift sie die Augen zusammen - und fällt vor Schreck fast von der Leiter! Irgendjemand hat auf dem Bild herumgeschmiert! Sie fasst sich an den Kopf, hätte sie das Bild doch vorher schon wieder sicher in den Keller gebracht. Sie geht noch ein bisschen näher ran. Unter der Titelzeile „nur noch eine kleine Weile" steht mit Filzstift geschrieben: „Bitte jetzt!!!", mit drei Ausrufezeichen. „Ja, das wär was", seufzt sie. Neugierig sucht sie das Bild nach anderen Kommentaren ab. Und tatsächlich. Über den begrünten Karmel hat jemand geschrieben: „Israel + Palästina = endlich Frieden." „Amen", denkt die Küsterin. Neben den jubelnden Armen steht: „Familie X. und alle Trauernden." In einer anderen Schrift, mit einem anderen Stift steht direkt daneben: „Danke!" Und ihr schießt ein Satz aus einem Bibeltext durch den Kopf: „Und die Fesseln seiner Zunge lösten sich... Die Sprachlosen macht er redend." Einen Moment lang überlegt sie, dann lächelt sie, halb verschwörerisch, halb verlegen, holt ihren Kugelschreiber hervor und setzt ihren Namen unter einen der Tauben, die Gottes Wort hören. Sie klettert von der Leiter herunter. Und das Bild kann ruhig noch eine Weile hängen bleiben. 

Was sehen wir, wenn wir uns das Bild anschauen? Nicht wahr? 

Nicht wahr, nur noch eine kleine Weile, dann verwandelt sich der Libanon in einen Baumgarten, und der Karmel wird dem Wald gleich geachtet. Und die taub sind, werden an jenem Tag die Worte des Buchs hören, und befreit von Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen. Und die Armen werden sich wieder freuen über den HERRN, und die Ärmsten der Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels. Denn es ist aus mit dem Tyrannen,und der Schwätzer ist am Ende, und ausgerottet werden alle, die auf Unheil aus sind, die in einer Rechtssache Menschen zur Sünde verleiten und dem, der sie im Tor zurechtweist, eine Falle stellen und den Gerechten mit Nichtigem verdrängen. Darum, so spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Haus Jakob: Nun wird Jakob nicht mehr zuschanden werden, und sein Angesicht wird nun nicht mehr erbleichen. Denn wenn er seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, wird man meinen Namen heilig halten,und man wird den Heiligen Jakobs heilig halten, und vor dem Gott Israels wird man sich fürchten. Und die irren Geistes sind, werden erkennen, was Erkenntnis ist, und die Nörgler werden lernen, was Einsicht ist.