Montag, 12. Mai 2014

Von Amsterdam nach Athen und weiter nach Köln - Predigt über Apg 17,18-32

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Liebe Gemeinde, 
Vor fast einem Jahr war ich in Amsterdam. Mit einer Gruppe Pfarrerinnen und Pfarrern haben wir uns dort ermutigende Beispiele für kirchliche Arbeit angeguckt, Gemeinden, die neue Wege gegangen und eine Heimat für Menschen geworden sind, die mit Kirche nie etwas anfangen konnten. Wir haben viele tolle Projekte gesehen, große, blühende Gemeinden - aber die Gemeinde, die mich, wenn ich mit etwas Abstand zurückblicke, am Meisten berührt hat, war eine winzige Gemeinde, die in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Ladenlokal ihre Räume hatte, die sie sich außerdem noch mit der Volkshochschule teilen musste. Für uns, Pfarrerinnen und Pfarrer aus Rheinland und Westfalen, waren das Zustände, die wir nicht gewohnt sind, und unter denen wir uns kaum vorstellen können, wie man da sinnvolle, gute Gemeindearbeit machen konnte. Aber wir alle hatten so eine Ahnung, dass es auch bei uns irgendwann einmal so sein könnte wie in den Niederlanden: Dass wir Kirchen verkaufen müssen, Mitarbeiter entlassen, dass wir an Orte kommen, an denen die Formen von Gemeindearbeit, die wir kennen und lieben, keine Chance haben. Das war die Erkenntnis, die die dortige Pfarrerin zu Beginn ihrer Arbeit hatte. Ihr Name ist Margrieta Reinders. Nett, sympathisch, ein bisschen verhuscht – und unglaublich neugierig auf die Menschen, die ihr begegnen. Sie erzählte, dass man in ihrer Gemeinde besonders gerne und besonders aufmerksam die Briefe von Paulus liest, sie sagt: Paulus hat an kleine, gefährdete, unsichere Gemeinden, an Gemeinschaften voller Pioniere geschrieben – und wir sind eine kleine, gefährdete, unsichere Gemeinde, und wir sind vielleicht in unserem Umfeld auch so etwas wie kleine Pioniere. 

Ich möchte das heute mit Ihnen und Euch heute auch tun, nachlesen: Was hat Paulus gesagt und getan? Und was können wir sagen und tun in einer Zeit, in der es für Menschen nicht mehr selbstverständlich ist, zur Kirche zu gehören? Der Predigttext aus der Apostelgeschichte, der für heute vorgeschlagen ist, ist in dieser Hinsicht echt interessant; es geht um Paulus, der mittlerweile in Europa angekommen ist. Wer das zuhause noch einmal nachlesen will – die Geschichte steht in Apg 17; es ist ein langer Text, und wir werden ihn gleich noch Stück für Stück durchgehen. 

Da trat Paulus vor die Ratsmitglieder und alle anderen, die zusammengekommen waren, und begann: »Bürger von Athen! Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹. Ihr verehrt also ein göttliches Wesen, ohne es zu kennen. Nun, gerade diese euch unbekannte Gottheit verkünde ich euch. Meine Botschaft handelt von dem Gott, der die ganze Welt mit allem, was darin ist, geschaffen hat. Er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschen erbaut wurden. Er ist auch nicht darauf angewiesen, dass wir Menschen ihm dienen. Nicht er ist von uns abhängig, sondern wir von ihm. Er ist es, der uns allen das Leben und die Luft zum Atmen gibt und uns mit allem versorgt, was wir zum Leben brauchen. Aus einem einzigen Menschen hat er alle Völker hervorgehen lassen. Er hat bestimmt, dass sich die Menschen über die ganze Erde ausbreiten, und hat festgelegt, wie lange jedes Volk bestehen und in welchem Gebiet es leben soll. Mit allem, was er tat, wollte er die Menschen dazu bringen, nach ihm zu fragen; er wollte, dass sie – wenn irgend möglich – in Kontakt mit ihm kommen und ihn finden. Er ist ja für keinen von uns in unerreichbarer Ferne. Denn in ihm, dessen Gegenwart alles durchdringt, leben wir, bestehen wir und sind wir. Oder, wie es einige eurer eigenen Dichter ausgedrückt haben: ›Er ist es, von dem wir abstammen.‹ Wenn wir nun aber von Gott abstammen, dürfen wir nicht meinen, die Gottheit gleiche jenen Statuen aus Gold, Silber oder Stein, die das Produkt menschlicher Erfindungskraft und Kunstfertigkeit sind. In der Vergangenheit hat Gott gnädig über die Verfehlungen hinweggesehen, die die Menschen in ihrer Unwissenheit begangen haben. Doch jetzt fordert er alle Menschen an allen Orten zur Umkehr auf. Er hat nämlich einen Tag festgesetzt, an dem er durch einen von ihm bestimmten Mann über die ganze Menschheit Gericht halten und über alle ein gerechtes Urteil sprechen wird. Diesen Mann hat er vor aller Welt als den künftigen Richter bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.« Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, brach ein Teil der Zuhörer in Gelächter aus, und andere sagten: »Über dieses Thema wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt mehr von dir erfahren.« Damit endete die Anhörung, und Paulus verließ die Ratsversammlung. Doch einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, so zum Beispiel Dionysios, ein Mitglied des Stadtrats, und eine Frau namens Damaris; und es gab noch andere, die zusammen mit diesen beiden an Jesus glaubten. I. Da trat Paulus vor die Ratsmitglieder und alle anderen, die zusammengekommen waren. 

Liebe Gemeinde, Paulus ist nicht ganz freiwillig vor den Rat getreten, das Ganze hat eine Vorgeschichte: Paulus ist schon einige Zeit in Athen, und er redet in den Synagogen mit den Leuten, aber ein paar Verse vorher steht auch: Auf dem Marktplatz unterhielt er sich Tag für Tag mit denen, die er dort antraf. Diese kleine Notiz finde ich unglaublich wichtig, und sie fordert mich gleichzeitig heraus, denn ich muss mich fragen: Wo bin ich eigentlich unterwegs, um mit den Menschen über den Glauben zu sprechen? Paulus geht dahin, wo die Menschen sind, wo Menschen unterwegs sind mit ihren Fragen, ihren Sehnsüchten, aber auch ihren Alltagsgeschäften. Und ich frage mich: Wo könnte das hier in Dellbrück sein? Und ein paar Leute wundern sich, und in der Stadt geht das Gerücht um, dass da jemand ist, der versucht, eine fremde Religion unter die Leute zu bringen. Und so bringt man Paulus auf den Areopag, ein großer Hügel mitten in Athen, auf dem der Stadtrat tagt. Und dort fragt man ihn: Was sind das eigentlich für komische Sachen, die Du da erzählst? Und alle Gespräche verstummen, und alle Augen richten sich auf ihn. 

Vielleicht haben Sie, habt Ihr das auch schon mal erlebt. Manchmal passiert das ja, weil es in unserer Gesellschaft immer weniger selbstverständlich wird, Mitglied einer Kirche zu sein – oder zumindest aktiv am Gemeindeleben teilzunehmen. Da kommt es vor, dass man auf einer Geburtstagsfeier oder im Kollegenkreis sitzt und nebenbei erwähnt: Am Sonntag gehe ich in die Kirche. Oder: Ich singe im Kirchenchor. Oder: Dienstags habe ich Konfirmandenunterricht. Und Menschen sind ganz erstaunt, und fragen vielleicht: Warum denn das? 

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In unserem Glaubenskurs, der jetzt schon fast zu Ende ist, gibt es einen festen Punkt, an dem viele Leute Spaß haben. Wir nennen das: Der heiße Stuhl. Den ganzen Abend über haben die Teilnehmer die Möglichkeit, jede Frage, die sie immer schon zum Thema Glauben oder Kirche oder Religion im Allgemeinen stellen wollten, auf einen Zettel zu schreiben und an die Pinwand zu heften. Und gegen Ende des Abends werden alle Zettel nach vorne geholt, und ein Pfarrer muss all diese Fragen innerhalb von zwei Minuten verständlich beantworten – das wird sogar mit Stoppuhr kontrolliert. Mir macht dieser Punkt auch Spaß, aber ich bin danach richtig kaputt – und ich weiß nicht, was am schwierigsten ist: Die Fragen an sich, denn alle Antworten habe ich auch nicht, oder die Zeitgrenze von zwei Minuten, oder die Aufgabe, die Frage verständlich zu erklären – Kürze und Klarheit sind ja nicht unbedingt die Tugenden, für die wir Pfarrer allgemein bekannt sind. 

Paulus wird auf den heißen Stuhl gesetzt, und er sagt: »Bürger von Athen! Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹ 

Liebe Gemeinde, wir wissen nicht, ob es so einen Altar wirklich gegeben hat – bei allen Ausgrabungen in und um Athen hat man zumindest keinen gefunden. Aber ich glaube, zumindest im übertragenen Sinne trifft Paulus einen Nerv: Menschen sind auf der Suche, nach Sinn und Bedeutung, nach dem, was trägt, nach irgendetwas oder irgendjemandem, der ihnen sagt: Du bist gut - in den Straßen von Athen vor 2000 Jahren, und in Köln 2014. 

Bilder (c) blog.nn-online.de und sol.de/dpa


Mit dem Predigttext im Hinterkopf gehe ich über die Dellbrücker Hauptstraße. Einmal rauf, einmal runter. Gucke mir die Menschen an, die dort unterwegs sind. Am Postbank-Automaten an der Kemperwiese steht eine Schlange Menschen. Einer geht weg, blättert durch seine Kontoauszüge und lächelt zufrieden. Ein junge Frau, ein Kind auf dem Arm, eins im Kinderwagen, tippt hektisch ihre PIN-Nummer ein und wartet ungeduldig. Ihre Lippen bewegen sich leise, sie murmelt Unverständliches, während der Automat arbeitet, ihr Blick zuckt immer wieder nach oben, Richtung Decke. Oder dahinter. 

Im Buchladen ein ganzes Regal mit der Aufschrift: „Esoterik/Lebenshilfe“. Eine ganze Reihe Bücher, die meisten in bunten, hellen Farben: Erfolg und Ausdauer durch kosmische Energie – mit Übungsbuch und Gratis-Edelstein. // Astrologie für Gesundheitsbewusste – schlank und schön mit der Kraft der Sterne. // Wegbegleiter für jeden Tag – Engelkalender mit 52 Engelkarten. Dazwischen, passend, kleine Engels- oder Buddhastatuen. 

Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass ihr außergewöhnlich religiöse Leute seid. Als ich nämlich durch die Straßen eurer Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, stieß ich auf einen Altar mit der Inschrift: ›Für einen unbekannten Gott‹. 

Liebe Gemeinde, mir fällt auf, dass Paulus diese Suche der Menschen nicht abwertet. Er sagt ihnen nicht: Das ist falsch. Auch, wenn er das bestimmt so sieht. Sondern er nimmt ihr Suchen, ihre Sehnsucht, ihre selbstgebastelten Antwortversuche ernst. Daran muss ich mich selbst erinnern. Ich gehe meistens sehr schnell und meist mit einem etwas geringschätzigen Blick an den Esoterikecken in den Buchläden vorbei, meistens riecht es da ja auch etwas penetrant nach Lavendel oder Patchuli. Aber ich mache mir selten Gedanken über die Menschen, die dort nach Antworten suchen. 

Paulus nimmt diese selbstgebauten Heiligtümer ernst – aber er bleibt nicht dabei stehen, sondern er sagt ganz vollmundig: Ich erkläre euch diesen unbekannten Gott. Und dann erklärt er. Meine Botschaft handelt von dem Gott, der die ganze Welt mit allem, was darin ist, geschaffen hat. […] Mit allem, was er tat, wollte er die Menschen dazu bringen, nach ihm zu fragen; er wollte, dass sie – wenn irgend möglich – in Kontakt mit ihm kommen und ihn finden. Und eine ganze Menge anderes sagt er, wir brauchen das nicht alles zu wiederholen, Ihr könnt es ja zuhause nachlesen. Aber: Er benutzt dabei Ausdrücke und Bilder, die nicht direkt aus der Bibel stammen, sondern aus dem Sprachgebrauch der Philosophie seiner Zeit, benutzt also Begriffe, die die Leute kennen, aber er füllt sie mit neuem Inhalt. Und an ganz zentraler Stelle sagt er: Keinem von uns ist Gott fern. 

Er spricht auch von Jesus Christus, allerdings ohne ihn beim Namen zu nennen, er sagt von ihm nur: Diesen Mann hat er vor aller Welt als den künftigen Richter bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. 

Und an der Stelle passiert etwas: Seine Zuhörerschaft zerstreut sich. 

Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, brach ein Teil der Zuhörer in Gelächter aus, und andere sagten: »Über dieses Thema wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt mehr von dir erfahren.« Damit endete die Anhörung, und Paulus verließ die Ratsversammlung. 

Das kenne ich aus meiner Arbeit. Solange wir irgendwas allgemeines reden, von einem Gott, den es irgendwie gibt, einem höheren Wesen, das irgendwie allen nah ist, nicken die Menschen. Aber wenn es konkret wird, regt sich Widerstand, und Leute sagen: Naja, zu religiös wollen wir bitte doch nicht werden. Und mir macht das Mut, dass das bei Paulus nicht viel anders war. Die meisten drehen sich weg und gehen. Alle, bis auf eine Handvoll; unsere Geschichte endet mit einer kleinen Notiz, die oft übersehen wird: Doch einige Leute schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, so zum Beispiel Dionysios, ein Mitglied des Stadtrats, und eine Frau namens Damaris; und es gab noch andere, die zusammen mit diesen beiden an Jesus glaubten. 



Als wir unseren Glaubenskurs vorbereitet haben, haben wir über tausend Karten verschickt, die meisten handgeschrieben, mit einem persönlichen Gruß und einer Einladung. Als der erste Abend näher rückte, hatten wir sogar einen Plan B in der Tasche, hatten die Kirche aufgeheizt und vorbereitet – falls mehr als die dreißig Leute kommen würden, für die wir im Gemeindehaus Stühle gestellt hatten. Und wir warteten. Um kurz vor sieben war eine Person da, kurz darauf kamen noch vier andere. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Ich war nicht enttäuscht, nach all der Arbeit, nach der ganzen intensiven Vorbereitung im Team. Aber am Ende des Abends standen wir zusammen und blickten zurück auf einen interessanten und intensiven Abend, mit vielen persönlichen Gesprächen und spannenden Diskussionen. Und das hat eigentlich jeden unserer bisherigen Abende geprägt. 

Liebe Gemeinde, die kleine Gemeinde in Amsterdam trägt den stolzen Namen Heilig Vuur, heiliges Feuer. Und das, was Margrietha Reinders von ihrer Arbeit erzählt hat, und das, was in der Apostelgeschichte über die Erfahrungen von Paulus in Athen schreibt, das alles macht mir nochmal klar: Das heilige Feuer muss kein Flächenbrand sein. Es kann auch die Flamme sein, die in den Herzen von einzelnen entzündet wird, und die im persönlichen Gespräch von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Und dieses Gespräch, das müssen wir suchen, stärker als bisher. Denn auch eine kleine Flamme wärmt. Und macht das Leben heller. Und wer weiß, was sich daran noch alles entzündet. Amen.

Sonntag, 11. Mai 2014

Offtopic: Warum Deutschland beim ESC so oft abschmiert und Conchita Wursts Sieg politisch ist

Kleine Kritzelei am Rande

Nein, ich spare sie mir hier und jetzt, die ganzen Rumkalauereien mit "Wurst". Da haben die Leute von Extra3 schon alles nur irgend mögliche aufgelistet. Unterm Strich: The same procedure as last every year. Deutschland ist erwartungsgemäß abgestunken - irgendwie bringen es die meisten Auswahlprogramme der letzten Jahre nicht so wirklich: Die gewollt glamourösen Beiträge (auch, wenn sie dreimal klingen wie ein Aufguss des Vorjahressieges) haben eine Bühnenpräsenz wie die Schaufensterauslage von Strauss Innovation, der Versuch, nach Nicole mal wieder auf grundpatente Schlagersängerinnen zu setzen, geht regelmäßig (etwa mit Bianca Shomburg 1997 oder Corinna May 2002) und kräftig in die Binsen. Pomadenglatte Budenluis und Eintänzertypen (Leon 1996, Roger Cicero 2007 oder Oscar Loya 2009) versprühen statt der gewollten swingig-guten Laune einen Hauch von Kaffeefahrt. Wessen castingshowgepushte five minutes of fame schon im Heimatland seit längerem vorbei ist, der reißt auch im Paradies des Eurotrash nichts (Gracia 2005 oder No Angels 2008). Und auch die vielleicht schon etwas gestandenen, sich bewusst von der ESC-eigenen Kunststoffästhetik abhebenen Vollblutmusiker, die "ganz ehrliche Musik" machen wollen, schaffen es selten übers Mittelfeld hinaus - ein Schicksal, das Lou (Gruseln im Jahr 2003) und Texas Lightning (2006) teilen. 

Vielleicht liegen diese Desaster an der sehr deutschen Einstellung, Charisma und Erfolg seien mit genug Professionalität und behördlich organisiertem Vorgehen plan- und machbar. Im letzten Jahr zum Beispiel war es das Votum der Jury, das die drolligen und publikumsaffinen Lederhosensepperl von LaBrassBanda zugunsten von Cascada aus dem Rennen kickte - und das, obwohl schon die eigene Statistik zeigt, dass sowohl ethno- (Sürpriz 1999) als auch nonsenslastige (Gildo Horn 1998 und Stefan Raab 2000) Beiträge ganz gut laufen. Auch in diesem Jahr gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen den Punkten der Jury und des Publikums. Mich erinnern diese top-down-Prozesse immer ein wenig an die Schröderisierung der Hochschullandschaft im Rahmen der Exzellenzinitiative. Und irgendwie erinnert es mich auch ein bisschen an Kirche der Freiheit. Von wegen behördliche Anordnung von Kreativität und Profilierung, ya know?

Womöglich hängt das auch mit der Zusammensetzung der Jury zusammen; in diesem Jahr waren es Sido, Andreas Bourani, Madeline Juno (ja, ich musste auch erst googeln) und Jennifer Rostock, in den letzten Jahren war das Lineup ganz ähnlich, und man kann sich die Mitglieder der nächsten Jahre, wenn sich nichts ändert, ohne weiteres vorstellen: Adel Tawil, Inga Humpe, Mieze Katz von MIA, Glasperlenspiel, Annett Louisian, Tim Bendzko, einer oder zwei von Culcha Candela oder Revolverheld, Philipp Poisel, Max Prosa und so weiter. Alles sicherlich irgendwie gestandene Musiker_innen mit Ahnung vom Musikkommerz, die bestimmt auch gerne von Goetheinstituten als "witzige, freche, selbstbewusste und unverkrampft deutsche" Protagonisten der hiesigen Musikszene gehypet werden. Ihnen allen ist auch gemeinsam, dass sie recht humorlos und ironiefrei Musik machen. Natürlich wird da mal gelacht, aber, bitte, mit Anspruch. Es fehlt diese diebische Freude am Trash, die für den ESC aber überlebensnotwendig ist. Die allermeisten Jurymitglieder verbindet dementsprechend auch, dass sie sich aus ESC-Zusammenhängen bislang weitestgehend rausgehalten haben und höchstens mal in einem deutschen Vorentscheid mitmachen durften. 

Aber nun. Jetzt hat ja Conchita Wurst für Österreich gewonnen - überraschen dürfte dabei höchstens der deutliche Punkteabstand; sogar ich habe, vielleicht zum zweiten Mal in meinem Leben seit Lena Meyer-Landruth, richtig getippt.

Natürlich ist ein solches Abstimmungsergebnis politisch. Transnationale Musikwettbewerbe sind, genauso wie Olympische Spiele, eine hochpolitische Angelegenheit; in beiden Fällen werden die selbst gesetzten neutral and nonpartisan goals of unity and cooperation through shared [...] culture (so die Grundsatzerklärung der ESC-Verantwortlichen) dadurch konterkatiert, dass die Veranstaltungen als "Mittel national-kultureller Repräsentanz" (Irving Wolther 2006, 1) erkannt und wahrgenommen werden. Auch dann, wenn man sich politischer Kommentare enthält - einen lobenswerten Bruch mit dieser auch von IOC und FIFA bekannten Schweige- und Aussitzungstaktik, die besonders bei den Debatten um die Auftritt von t.A.T.u 2003 einen traurigen Höhepunkt erreichte, verdanken wir Anke Engelke mit ihrem Kommentar zur Lage beim ESC in Bakü 2012, mit dem sie aber leider allein auf weiter Flur blieb. Auch das Wort zum Sonntag, souverän, sympathisch und ungekünstelt vorgetragen von Annette Behnken, blieb da letzten Endes ein wenig zahnlos und ventilierte mehr oder weniger die aus vielen ESC-Beiträgen sattsam bekannten Moralappelle.

Natürlich ist der Sieg von Conchita Wurst politisch, die ganze Figur ist ein einziges politisches Statement. Sie spielt mit Genderstereotypen und bringt stammtischaffine Kommentatoren in Verlegenheit - heißt es jetzt "der, die oder das" Wurst? Harhar. Die Sache dürfte eigentlich klar sein: Die Kunstfigur Conchita Wurst ist phänotypisch eine Frau, trotz der Gesichtsbehaarung, der Künstler Tom Neuwirth ein Mann. In der englischsprachigen Presse wurde Wurst häufig als "bearded lady" bezeichnet - eine Reminiszenz an die freak shows und Kuriositätenschauen des frühen 20. Jahrhunderts, bei denen die bärtige Dame (in der Regel an Hirsutismus leidende Frauen) neben siamesischen Zwillingen und groß- oder kleinwüchsigen Menschen zum Standardfigurenkabinett gehörte. Aus heutiger Sicht sind derartige Zurschaustellungen körperlicher Devianzen natürlich und aus gutem Grund moralisch verfemt - man darf dabei aber nicht vergessen, dass sie bis in die 1920erjahre hinein Menschen, die heute als "Behinderte" oder "Menschen mit besonderen Herausforderungen" auf ihre medizinischen Normabweichungen reduziert werden, nicht nur ein Auskommen, sondern auch eine Möglichkeit zum kreativen Selbstausdruck ermöglichten. Der US-amerikanische Regisseur Tod Browning setzte diesen selbstbewussten freaks (übrigens sprachhistorisch gesehen ein Geusenwort) 1932 ein filmisches Denkmal - sie einfach nur als Opfer gieriger Kunstmanager und voyeuristischer Zuschauer zu sehen, entspricht nach gegenwärtigem Forschungsstand nicht ihrem Selbstverständnis. Mein gestriger Lieblingstweet zum Thema:



Unterm Strich: Der diesjährige ESC hat gezeigt, dass die wirklich politischen Beiträge nicht diejenigen sind, die vom Händereichen und Brückenbauen und Einanderliebhaben singen. Off topic? Nicht ganz. Auch, wenn ich kein Freund davon bin, Personen öffentlichen Lebens ohne deren Zustimmung zu unterstellen, sie würden für etwas einstehen, was die (evangelische) Kirche immer schon gewusst oder getan hat - als Theologe kann ich nicht anders als an eine subversive Stelle Galater 3 denken: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Das letzte Wort hat deshalb Eva Brunne, Bischöfin in Stockholm: "Ein Sieg für Österreich, und noch viel mehr. Danke Conchita Wurst und allen, die für Freiheit und Vielfalt abgestimmt haben. Es gibt Hoffnung!"



Samstag, 10. Mai 2014

What is the Song in Your Heart? - Erinnerungen an den ESC 2011...

In Kopenhagen läuft der Countdown zum diesjährigen ESC-Finale, auf dem Laptop läuft ein etwas bemühtes Warming Up mit Barbara Schöneberger und Adel Tawil - in Sachen ESC sind die Skandinavier einfach besser. Ich jedenfalls kommentiere das gerne auf Twitter, und erinnere mich ansonsten sehr gerne an den ESC 2011 in Düsseldorf. Ich war damals Vikar in Kaiserswerth, hatte für das Zweite Theologische Examen ein Praxisprojekt abzuliefern - und eine Gemeinde mit vielen Muttersprachen und Lust auf Neues. Also haben wir einen mehrsprachigen Abendgottesdienst zum ESC veranstaltet - und zwischen Werkwinkeln, Eurovisionsschlagern und Fürbitten in einszweidreivierfünfSECHS Sprachen viel Spaß gehabt!


Zur Nachlese nochmal die Predigt von damals, betitelt, wie der ganze Gottesdienst:


What is the Song of Your Heart?

(I.) 
When we started telling people about our plans concerning this ESC-service, reactions were almost entirely positive, or rather, downright enthusiastic: “Eurovision Service… wow, what a brilliant idea, I have never heard of such a thing before” – and that was what, on second thought, made most people wonder: “Sure, it is a brilliant idea… but why? What does the church have to do with the Eurovision Song Contest?” When you think about it, you’ll find a couple of rather striking similarities between the two. And some tiny, yet significant differences. First of all: It is all about bringing people together. People from different countries, different cultural backgrounds, coming together in a friendly, harmless, joyful competition. That has been the basic idea ever since the very first contest in Lugano in 1956, the Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea. And we can experience that ourselves these days, with the city packed with people from all over Europe, chattering away in their own languages, recognizing each other from one of the finales or from one of the numerous parties. Now, admittedly, the church hasn’t been that good at that particular point. The church has always been very keen on bringing only the right people together, carefully shutting out those who - in one way or another - don’t fit in, strictly dividing between insiders and outsiders. However, I think we should be careful not to mix up things here. God wants to bring people together, it’s his fan clubs that keep on messing things up. The Good News is: God is still finding his ways through all our human boundaries and blockades, softening the walls we built, broadening our views and widening our hearts, ultimately bringing people closer to Himself – and to one another. For all we can hope for, he might even do so tonight, at this very moment, God is working our hearts and minds and creating an experience that we here are sharing. That is why we begin our services “in the name of the Father and the Son and of the Holy Spirit”. In that way, major events like the Eurovision Song Contest can remind us of the dream that Jews and Christians share and that we are likely to forget in the chaos of our everyday life: A dream of a world to come, in which all nations will be united in peace and worship, no more weapons, no more territorial quarrels, no more battle of the cultures, just peace, everlasting and stable. So, by the looks of it, we will all be spending eternity together – so why not try getting on with one another already here and now? I think, this year’s song from Denmark sums it up quite well: Come on boys, come on girls, in this crazy, crazy world, you’re the diamonds, you’re the pearls, let’s make a new tomorrow. Come on girls, come on boys, it’s your future, it’s your choice, and your weapon is your voice, let’s make a new tomorrow – today. And I would like to add: With God’s help. 

(II.) 
Secondly, it’s all about music, and singing in particular. And there is an obvious parallel, because singing has always been one of the most basic religious rites, one of the essential experiences and ways of expressing yourself in the presence of the Holy One. For all we can tell, the absolute oldest text in the Bible is just a song, sung for the very first time thousands of years ago, that has been passed on from mouth to mouth and from heart to heart. And when you scan through the pages of the Bible, you’ll meet loads of characters who whenever there are in great danger, whenever they are despaired, whenever they are bubbling over with joy, start singing. The psalms, for instance, are basically a collection of songs to be sung in all sorts of situations. So singing is a basic religious experience, because singing involves the whole body, muscles from your head to your toes, your mind and your soul. And so does God, by the way, faith is never just in your head or just in your heart. So singing enables us to get in touch with deeper lying emotions, deeper layers of ourselves. Victor Hugo, the famous French writer, is quoted to have once said: Ce qu'on ne peut pas dire et ce qu'on ne peut pas taire, la musique l'exprime. Musik drückt das aus, über das man nicht sprechen kann und über das zu schweigen unmöglich ist- Music expresses that which cannot be said and on which it is impossible to be silent. That’s why we asked you, at the very beginning of this project, when we started dishing out our posters and leaflets and tiny little business cards one of which each of you has been so lucky to pick up: What is the song in your heart? You have had some time to try and get in touch with this question, and I think that for those who can hear it, this room is full with all sorts of different songs, some glad and energetical, some sad and desperate, some laid-back and peaceful, some full of heartbeat and romance, some fast and confusing and hard to hear in this crazy, noisy world. At these stations, you found Bible verses as well as pictures and symbols and colours and stuff. And it was not all too difficult to find fitting verses – finding fitting songs was far more difficult, because the Bible is a book bursting with experience and feelings. And the one thing we can tell you today, whichever the song in your heart may be: GOD KNOWS. God knows. Not in a nasty “uuuh, God is watching you” sort of way, but God knows, because God himself has come down to earth, has become Jesus Christ, to get some first hand experience of how it is like, being human in this crazy, crazy world. Whatever song is in your heart – you are never alone, however lonely and detached you may feel, from the world, from yourself, from God – whatever song your heart is humming on, you can be sure there is someone who knows is and joins in. 

(III) 
And God, and that is the big difference from the Eurovision Song Contest, God won’t vote on you and your song, like the millions of fans from all over Europe will be doing this time tomorrow. God won’t judge on you like you are judging on yourself or like we all are judging on one another, by looks, by status, by any weird instinct or old habits. It’s not that God won’t judge or won’t vote, but God’s vote on all of us has already been given. And it is no such vote we will be seeing tomorrow, God’s vote won’t be like: “Here are the results of how Heaven has voted – you, zero points. You there, eight points. You, well, three points. You, ten points. You, you, you – zero.” And so on. The result of God’s vote cannot be expressed in figures, numbers and statistics. The result of God’s vote can be told in the Great Story of God and his people, and the result of God’s vote can be summarized like in the gospel according to St. John, chapter 3: “For God so loved the world that he gave his one and only Son, that whoever believes in him shall not perish but have eternal life.” 

(IV) 
And maybe the effects of God’s vote could be seen on us. If you’re following the Eurovision Song Contest through the years, you might have noticed that you can always tell what the absolute best performance of the night will be, it has always been the same and I guess it won’t be any different tomorrow night: The best show is always the performance of the winning song after it has been announced. When all the pressure is gone, when it’s just about singing and dancing, when no jury, no voters have to be impressed upon anymore, when the other contestants don’t have to be fought, but can be hugged and invited to share the stage with the winner, when the show becomes just a good piece of music. And the same is true for our lives: You don’t have to fight. You don’t have to compare yourself to others all the time. You don’t have to be afraid of other people’s songs, just because they are different from yours. You don’t have to impress on the great judge in heaven. Let’s picture that for the moment. You may close your eyes, if it makes it easier for you. Imagine what the world could be like if we all remembered, that God already has spoken his word, his vote full of love and compassion and forgiveness. The battle is over. The contest is won. The votes are out. We are not each other’s rivals or competitors. We are just fellow human beings, neighbours, brothers and sisters, each and every one loved by God and destined to spend eternity with him. And now open your eyes again, take a look at each other. There they are, your brothers and sisters. Take that feeling with you. May God bless you, and may you become a blessing for those around you as well, in Düsseldorf or wherever the road may lead you. Amen.

Montag, 28. April 2014

Followerpower: Bloggende Kollegen

Es ist nicht Freitag, der Tag, an dem sich bei Twitter der Brauch etabliert hat, User zu empfehlen. Aber auch unter der Woche kann man ja Empfehlungen aussprechen, und ich möchte heute auf ein paar bloggende und schreibende Kolleg_innen hinweisen. Einige findet man ja schon in meinem Blogroll (gucksu rechts), und wenn man Google anschmeißt, wird man auch schnell fündig. Deswegen im Folgenden ein paar lesenswerte Adressen, die (noch!) so etwas wie Geheimtipps sind, weil sie noch nicht so lange schreiben oder weil sie in den entsprechenden Verzeichnissen nicht auftauchen:


krankenhauspfarrer.net - Achtsames, Tiefgründiges, Wichtiges


Seitdem ich im Vikariat (und auch schon davor) in der Krankenhausseelsorge gearbeitet habe, liegt mir dieser Arbeitsbereich sehr am Herzen, und ich habe großen Respekt vor den Kolleg_innen, die dort fast die ganze Zeit an kritischen Grenzpunkten des Lebens arbeiten, nebenbei noch ein offenes Ohr für die Mitarbeitenden haben und an strukturellen Prozessen, in Ethikkommissionen und in der Weiterbildung beteiligt sind. Auf dem in Westfalen beheimateten Blog findet man hilfreiche Informationen zur Patientenverfügung, ausgewogene und gewichtige Gedanken zur Debatte um unterstützten Suizid und so einiges mehr.




http://larspruessner.wordpress.com/ - Aus dem prallen Gemeindeleben

Auch wieder ein Kollege aus Westfalen, der auf einer Tagung zum Thema "Pfarrer/in im Netz" den Anstoß zum Bloggen bekommen hat. Zum Glück, möchte man sagen, denn Lars Prüßner bietet unter der schönen Überschrift "Es lebe das Leben..." eine stetig wachsende Sammlung von Predigten, Andachten und interessanten Gedanken. Unbedingt lesen, bookmarken, abonnieren und weiterempfehlen!




mjema.de - Israelbewusste, reformierte Theologie at its best

Kein richtiger Blog, aber dafür eine Website mit viel Lese- und Nachdenkstoff: Marten Marquardt, ehemals Leider der Kölner Melanchthonakademie, veröffentlicht hier seine Predigten, Vorträge und einige Praxismodelle. Meine persönlichen Highlights: Ein Vortrag zum biblisch-jüdischen Hintergrund des Abendmahls, den er bei einem Workshoptag in unserer begeisterten Gemeinde gehalten hat. Und ein paar bissige und sehr zutreffende Bemerkungen zum Theotainment in hiesigen Gottesdiensten.

Samstag, 12. April 2014

Der Hieb mit der Kelle - Wider die Sarrazinierung der kirchlichen Diskurskultur

Ich bin Pfarrer der evangelischen Kirche. Also solcher leide ich, wie wahrscheinlich jede_r Kolleg_in, oft und viel an ihr, an ihren verkrusteten Strukturen, an ihrer selbstfabrizierten Milieuverengung, an der naiven und unredlichen Blauäugigkeit, mit der in übergriffiger Weise denjenigen, die in verheerend großer Zahl in den immer wieder erhobenen Mitgliederbefragungen dokumentieren, dass sie so gut wie keine Bindung an die Kirche haben, unterstellt wird, sie seien irgendwo doch alle gut evangelisch. Am krampfhaften Festhalten an ortsweise überkommenen Strukturen wie dem Parochialsystem und der Dienstwohnungspflicht. An handwerklich schlecht gemachten Gottesdiensten und selbstgenügsamer Beliebigkeit in wohlfeilen Worten zum Sonntag, zur Lage oder zum Morgen. An zeitfressenden Verwaltungsprozessen, die nur wenig Zeit für das Wesentliche lassen und dadurch die Qualität kirchlicher Arbeitsfelder in Mitleidenschaft ziehen. An der kaninchenhaften Schockstarre, mit der sie so oft vor der angeblich unvermeidbaren demografischen Entwicklung steht und sich dann eben damit abfindet, dass unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen stellenweise nur noch im Promillebereich Mitglieder erreichen. An den klandestinen Bedingungen, unter denen die EKD in abgeschiedener Expertenklausur Denkschriften und Arbeitshilfen entstehen lässt und damit alle presbyterial-synodalen Grundsätze über Bord wirft (als Rheinländer bin ich an der Stelle besonders empfindlich) - hat zum Beispiel irgendjemand, der nicht zufällig jemanden kennt, dem die Ehre zu teil wurde, in eine entsprechende Kommission berufen zu werden, schon irgendwas Konkretes zur geplanten Gesangbuchrevision gehört? 

Das alles würde bei Weitem schon für eine Beschäftigung reichen, aber öffentliche Debatten über solche und vergleichbare Fragen zu führen, ist schwer. Zum Einen aus internen Gründen - Systeme haben, wie wir wissen, ein unglaubliches Selbstschutzpotenzial. Was den Diskurs meiner Wahrnehmung nach aber auch erschwert, und zwar in nicht geringem Maße, ist das gerade wieder in Mode kommende Kirchenbashing. Ich meine damit nicht die berechtigte Kritik an den Vorgängen im Bistum Limburg oder am kirchlichen Arbeitsrecht - das kann in einigen Fällen vielleicht sogar ein Beweis für die Existenz einer prophetia extra muros ecclesiae sein, einer Prophetie, die von außen kommt. Ich meine das populistische und pauschalisierende Rummeckern, das sich einer ernsthaften Auseinandersetzung verschließt. Lange Zeit war das eine Spezialität irgendwelcher diffus links stehender Milieus, jede Kabarettnummer konnte mit ein paar Seitenhieben auf die Kirchen und ihre Botschaft einige sichere Lacher abernten. Mittlerweile ist das anders - Michael Herbst hat jüngst zu Bedenken gegeben, dass viele, gerade jüngere Leute, keine schlechten, sondern gar keine Erfahrungen mehr mit Kirche haben. Und bei Kabarettisten der jüngeren Generation wie Marc-Uwe Kling, der in seinen Känguru-Texten ab und an auf kirchliche und theologische Themen kommt, bleibt letztlich nur witzig präsentierte Ahnungslosigkeit. 

Der Triumphzug eines medialen, kulturellen und politischen Populismus, der in den letzten Monaten wieder um scheinbar sichere Errungenschaften der Zivilisation fürchten lässt, macht auch vor der Kirche nicht halt. Das Klima ist günstig für reaktionäre Stammtischparolen, die sich der gerechtfertigten gesellschaftlichen Ächtung entziehen können, wenn sie sich unter den nur scheinbar demokratisch anmutenden Titel "Man wird doch noch mal sagen dürfen..." stellen. Konservativen Marktschreiern wie Martin Lohmann (ein Blick in das Programm des von ihm verantworteten katholisch-vagabundierenden Nischensenders K-TV müsste ausreichen, ihn als repräsentativen Christenvertreter zu diskreditieren), Hartmut Steeb oder dem schwäbischen Volksschullehrer Gabriel Stängele, Urheber der Petition gegen den Bildungsplan in BaWü (ein Blick in die Redaktionsgeschichte der Petition offenbart nicht nur orthografisch-stilistische Schwächen und argumentative Schlichtheit, sondern auch eine frappante sprachliche Nähe zu rechtspopulistisch agierenden Splitterparteien) wird in öffentlich-rechtlichen Talkshows eine Bühne geboten, auf der sie, meist als alleinige Kirchenvertreter, ihre Vorstellung vom Christsein unwidersprochen zelebrieren können. 

Seit einigen Tagen wird in den sozialen Medien ein Artikel aus der Illustrierten FOCUS geteilt, mit Stirnrunzeln bedacht, aber auch frenetisch beklatscht. Unter dem markigen Titel Vom guten Geist verlassen. Warum diesen Kokolores der Evangelischen Kirche kein Gläubiger braucht lässt sich Klaus Kelle (ja, es ist der Ehemann jener Birgit, die von Matthias Mattussek jüngst als Kuh bezeichnet wurde) über von ihm konstatierten Missstände in deutschen Amtskirchen aus. 

Ich muss sagen: Beim ersten Lesen der Titelschlagzeile bin ich zusammen gezuckt, teils aus einem Gefühl schuldbewussten Ertappt-Werdens, teils aus einer diebischen Vorfreude - wie gesagt, auch ich leide, wie wahrscheinlich alle meiner Kolleg_innen, immer wieder an meiner eigenen Kirche. Und mir fallen spontan so einige Dinge ein, die ich selbst fabriziert habe und die man im Rückblick sicherlich mit Fug und Recht als Kokolores bezeichnen könnte. Doch was dann folgt, ist keine ernst gemeinte Analyse und auch keine launige Satire, sondern schlichtweg ein krudes Sammelsurium von Pauschalvorwürfen, ein wildes Assoziieren von miteinander in keinem Kausalzusammenhang stehenden Phänomenen - und über weite Strecken ein Beispiel für unredliche Argumentationstechniken. Aber der Reihe nach:

Nach einem Einstieg über Martin Luther (man muss sich ja Gewährsmänner holen), schießt Kelle gegen die Aktion Eine Tür ist genug. Ich musste selber erst ein bisschen rumgooglen, um zu verstehen, worum es geht. Offensichtlich hat das etwas mit der vor einigen Monaten durch die Medien gehenden Diskussion um die genderneutrale Beschilderung von Klotüren zu tun - ich muss gestehen, dass ich das damals als Adiaphoron abgetan habe und "Eine Tür" jetzt vor allem als Sammlung schöner, weil unterschiedlicher Liebesgeschichten kenne - der Konnex war mir nicht bewusst und ist mir auch jetzt noch nicht klar. Aber das zu erklären, liegt auch nicht im Interesse des Autors, denn der poltert munter weiter, das Schlagwort "Gender" ist sein Stichwortgeber: Er habe es "erst für einen Aprilscherz gehalten, aber es ist leider wahr": Die EKD hat ihr Studienzentrum für Genderfragen eröffnet - mit einem Vier-Gänge-Menü! Ich habe zunächst nicht verstanden, was daran so skandalös ist, bis mir eingefallen ist, dass in dem Milieu, dem sich Kelle hier in Herz und Hose schreibt, "Gender" ein Reizwort ist, das pars pro toto für alles steht, was die  eigene Weltsicht in Frage stellen könnte und damit per se von Übel ist. 
Kelle zetert noch ein bisschen über den jüngst eröffneten LesbenFriedhof in Berlin. Dieser hat erst einmal nichts mit der EKD zu tun - was Kelle hier betreibt, nennt man in der Rhetorik Brunnenvergiftung, oder, etwas feiner gesagt, guilt by association: Er schmeißt seiner Leserschaft Stichworte hin, von denen er weiß, dass sie sie doof finden und sorgt dafür, dass sich ihre negative Meinung dadurch ohne sachlichen Grund potenziert. 

Das kann er übrigens gut: "Aber ich frage mich, was ihre Repräsentanten umtreibt, sich in diesen Tagen vor dem Osterfest mit Feminismus und Klotüren zu beschäftigen", lamentiert Kelle weiter - auch diese Taktik ist so perfide wie sie unappetitlich ist: Denn damit unterstellt er kirchlicherseits ein Desinteresse an, wie er ja gar nicht so falsch schreibt, "dem Fest der Auferstehung Christi, das viele tiefgläubige Christen - ebenso wie die katholischen - würdevoll feiern werden." Interessant übrigens, dass "tiefgläubig" offensichtlich ein Gegenbegriff zu "katholisch" ist - aber lassen wir die Haarspaltereien. Jedenfalls suggeriert Kelle, die "Repräsentanten" der evangelischen Kirche, dazu gehören dann wohl auch wir Pfarrer_innen, würden sich nicht um Ostern, sondern um sozialpolitische Orchideenthemen kümmern. Traurig, dass man erwähnen muss, dass landauf, landab die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, anderes dafür mit Recht liegen bleibt - aber traurig ist ja so einiges. Jedenfalls wird es dann noch theologisch, und Kelle verketzert Gendertheorien in Gänze als "Irrlehre", die dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht widersprechen. Nach diesem Anathema endet die erste Seite des Artikels mit dem Link zu einer weiteren FOCUS-Meldung: "Großer Fortschritt: England und Wales erlauben Homo-Ehe". Guck an.

Auf der zweiten Seite geht es unter der Zwischenüberschrift "Wasserköpfe und Klotüren: So vergrault man junge Menschen" wieder mit Luther weiter, von dem wir, wie Kelle richtig bemerkt, nie erfahren werden, was er zur EKD heute sagen würde. Es folgen einige Auslassungen zur kirchlichen Landschaft, die an sich gar nicht so falsch sind - er wehrt sich dagegen, den (unleugbar niedrigen) Gottesdienstbesuch allzu schlecht zu reden, verweist auf die aufgeblähte Verwaltung hier und spirituelle Aufbrüche dort. Aber dann geht es wieder los: "Zeitgeistiges Mainstream-Gedöns" brauche, so poltert Kelle, kein Mensch - genau dieses Stichwort ist mit einem Link unterlegt, der zur "FightChurch", einer krawallevangelikalen Initiative aus den USA führt, bei der sich Pastoren um der Männlichkeit des Glaubens Willen prügeln. Das ist in der Tat Gedöns - aber man fragt sich, was ein solcher Hinweis in einem Text über die EKD zu suchen hat, zumal Kelle damit etwas anprangert, was auch und gerade aus gendertheoretischer Perspektive problematisch ist: Die unkritische Rezeption und Perpetualisierung überkommener Männlichkeitsideale. Warum "die Amtskirchen sich mit so viel Kokolores beschäftigen", will Kelle wissen - auch hier findet sich wieder ein Link, der zu einem Bericht über den "amerikanischen Tebartz-van Elst" führt, Erzbischof Wilton Gregory von Atlanta (USA) - was der wiederum mit der EKD zu tun hat, wird nur mit Blick auf die von Kelle nun mehrfach demonstrierte rhetorische Taktik klar: Wenn zu befürchten ist, dass die aufgezählten "Argumente" nicht ausreichen, um die Pumpe des spladderjournalismusverwöhnten Lesers ans Rasen zu bringen, sucht man also wild in der Weltgeschichte rum und verknüpft wahllos Beispiele für die seltsamen Blüten, die das religiöse Leben unleugbar treiben kann, zu einer kakophon-larmoyanten Motette über den allgemeinen Niedergang. Am Ende könnte Kelle sogar fast wieder meine Zustimmung finden - er berichtet abschließend von einer Begegnung mit einem ranghohen Katholiken (der wiederum wenig mit der EKD zu tun hat) und dessen Unverständnis auf seine Nachfrage, wie die kirchliche Strategie aussähe, mit der dem erwarteten Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen entgegengesteuert werden solle. Wie gesagt: Könnte meine Zustimmung finden - aber da ist das Kind im Brunnen schon lange ersoffen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich solchem Spökes einmal so viel Platz in den Kirchengeschichten einräumen würde, war immer geneigt, dem Volksmund zu glauben, der davor warnt, sich mit Hunden schlafen zu legen und mit Flöhen wieder aufzuwachen. Aber mich hat ein sehr lesenswerter Artikel von Antje Schrupp eines Besseren belehrt, sie schreibt dort:
"Das Problem ist nicht, dass solche Ansichten vertreten werden, sondern dass sie von den Fundamentalisten eben gerade nicht vertreten werden, weil sie nämlich Andersdenkenden von vornherein die Ernsthaftigkeit absprechen, zum Beispiel, indem sie ihnen Ideologie, Zeitgeistigkeit und so weiter vorwerfen. Ihr Anliegen ist nicht die Auseinandersetzung, sondern sie hoffen auf das Prinzip “Wer am lautesten schreit, hat recht” – und kommen damit leider eben allzu oft durch.

Wie im Internet so ist auch in der Kirche der Ratschlag “Don’t feed the Trolls” falsch, denn Trolle geben sich immer gut an den Zeitgeist angepasst, sodass sie auf den ersten Blick harmlos und sogar plausibel aussehen. Natürlich sind alle Christen dagegen, die Botschaft des Evangeliums zu verwässern. Und natürlich sind wir alle dagegen, Männer zu diskriminieren. Es ist daher notwendig, sich öffentlich von solchen Positionen zu distanzieren und den quasi unbeteiligten und wenig im Thema versierten Zuschauer_innen zu erläutern, warum diese Unterstellungen (Nicht-Fundis wären nicht fromm oder Feministinnen wollten Männer unterdrücken) erstens falsch sind und zweitens unverschämt."
Es kann und darf nicht sein, dass wichtige Debatten über notwendige Veränderungen in der Kirche ersticken, weil krawallreaktionäre Schreihälse bestimmte Themen kapern, Begriffe besetzen und Brunnen vergiften. Es kann und darf nicht sein, dass die zunehmende Sarrazinierung öffentlicher Kirchen- und Religionsdiskurse fraglos hingenommen wird. Deswegen nochmal: Ite, missa est!

Von Dämonen, Monstern und anderem Getier - fremde Mächte in deutschsprachigen Popsongs

(c) moviepilot.de

WUNDERGESCHICHTEN - (M)EINE ENTDECKUNGSREISE

Ich habe lange Zeit Problem mit Wundergeschichten gehabt, genauer gesagt mit Exorzismen, also solchen Geschichten, in denen Jesus Dämonen austreibt. Dabei hat mich weniger die mythologische Sprache gestört (ich habe noch in der Schule Bruno Bettelheim rauf und runter gelesen und dabei gelernt: (Nicht nur) "Kinder brauchen Märchen"), meine Schwierigkeiten lagen an anderer Stelle: Zum Einen hat mich die Stigmatisierung offensichtlich psychisch kranker Menschen gestört, zum Anderen die mit Heilungsgeschichten unweigerlich verbundene Theodizeefrage, die Frage: Warum ging es da, und warum geht es in anderen Fällen nicht? Beide Problemkreise sind für mich immer noch relevant, im Blick auf die zweite Frage habe ich aber gelernt, dass die Theodizeefrage letzten Endes nicht auf einer abstrakt-argumentativen Ebene generell gelöst, sondern nur im Einzelfall beantwortet werden kann - ich finde also die Klagepsalmen hier weitaus hilfreicher als Leibniz

Im Blick auf die erste Problematik, die Sache mit der Stigmatisierung, habe ich einerseits viel durch meine Arbeit in der Krankenhausseelsorge, andererseits viel von der modernen Wunderrezeption gelernt, die nicht so sehr über Bultmann, sondern vor allem über eine allzu simple Vorstellung von Entmythologisierung hinausgeht: Zum Beispiel bei Gerd Theißen, der, seine Exorzismendeutung in einer Predigt über Mk 1,32-39 zusammenfassend, über "Dämonen" sagt:
"Dämonen sind eine mythische Deutung dissoziativer Phänomene, einer Spaltung unseres Bewusstseins, bei denen ein Teil in uns keinen Zugang zu anderen Teilen unserer Person hat. Die Vertreibung von Dämonen ist eine Aufhebung solcher dissoziativer Zustände. Sie bedeutet: Menschen werden wieder Herr in ihrem eigenen Leben."
Ich habe auch gelernt, dass in der sog. "Dritten Welt" der seitens der abendländischen Theologie immer wieder mit großer Verve unternommene Versuch, eine "vernünftige", entmythologisierte Wunderdeutung durchzusetzen, nicht selten mit der Hemmung befreiungstheologischer Emanzipationsbewegungen, die durch die Wundergeschichten inspiriert werden, sich mit dem vermeintlich Faktischen nicht abzufinden, einhergeht. So stellt Wolfgang Schoberth fest:
"Die prinzipielle Kritik am Wunderglauben erweist sich auch als eine eurozentristische Perspektive, die den Glaubensstil gebildeter Europäer mit christlicher Religion insgesamt identifiziert. [...] Säkularisierung wird so zum Moment kolonialistischer Herrschaft, das den Leidenden Hoffnung und Kraft raubt. Zur materiellen Enteignung tritt die geistliche. [...] Die Zeichen und Wunder Jesu [...] öffnen die Augen für den Gott, der die Welt verwandelt."
Der Aufsatz von Schoberth in dem von Werner H. Ritter und Michaela Albrecht herausgegebenen Band Zeichen und Wunder. Interdisziplinäre Zugänge (Göttingen 2007, Biblisch-Theologische Schwerpunkte 31) ist bei google Books fast komplett lesbar; ich kann das Buch aber uneingeschränkt zur Anschaffung empfehlen. 

Ein dritter "Meilenstein" auf meiner Reise in die neutestamentlichen Wundergeschichten war eine Entdeckung, die ich zweier meiner Lieblingstheologen verdanke (Karl Barth und Peter Bukowski) zu verdanken habe und die im Kontext der sog. Accra-Erklärung von 2004 stand; der Reformierte Weltbund erklärt dort zur kapitalistisch-globalisierten Wirtschaftsordnung der Gegenwart:
"Diese Ideologie, die von sich behauptet, es gäbe zu ihr keine Alternative, verlangt den Armen und der Schöpfung unendliche Opfer ab und verspricht fälschlicherweise, die Welt durch die Schaffung von Reichtum und Wohlstand retten zu können. Sie tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen zu wollen und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst gleichkommt. [...] Als Wahrheits- und Gerechtigkeitssuchende, die sich die Sichtweise der Machtlosen und Leidenden zu Eigen machen, sehen wir, dass die gegenwärtige Welt-(Un)Ordnung auf einem außerordentlich komplexen und unmoralischen Wirtschaftssystem beruht, das von (einem) Imperium verteidigt wird. Unter dem Begriff "Imperium" verstehen wir die Konzentration wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht zu einem Herrschaftssystem unter der Führung mächtiger Nationen, die ihre eigenen Interessen schützen und verteidigen wollen."
Peter Bukowski hat in einem großartigen Vortrag auf dem Kölner Kirchentag auf Karl Barth hingewiesen, der in den Nachlassfragmenten zu KD IV,4 eine Lanze für mythologisches Reden bricht. Er schreibt dort (§78, S. 363ff.) über die "herrenlosen Gewalten" und stellt fest: 
Das Neue Testament "sieht und versteht die Menschen als Schiebende nicht nur, sondern auch als Geschobene - als Treibende nicht nur, sondern als Getriebene … Ohne deren Verantwortlichkeit und Schuld in Frage zu stellen, sieht es hinter und über jenen … jene unangreifbaren, aber höchst wirksamen Potenzen, Faktoren und Agenten, jene imaginären, aber gerade in ihrem imaginären Charakter erstaunlich aktiven ,Götter' und ,Herren'"
Ein weiterer Schritt für mich war die Arbeit in der Krankenhausseelsorge. Peter Bukowski hat uns im Predigerseminar beigebracht, "die Bibel ins Gespräch zu bringen", den unglaublichen Reichtum an menschlichen Erfahrungen, die vor dem Horizont des Glaubens gedeutet werden, zu benutzen, der Menschen dabei hilft, ihre Situation in Worte zu fassen. Und mir ist dort aufgefallen, dass die (bewusst mythologische/metaphorische) Rede von "Dämonen" Menschen hilft, eine Art dissoziativen Transfer vorzunehmen, einen Schritt, der ihnen hilft, sich selbst nicht mit ihrer Krankheit zu identifizieren. Wer in dieser Hinsicht weiterlesen will: Auch Rudolf Bohren beschreibt in seinem Buch Aus der Tiefe der Zisterne die "Schwermut" als eine Art machtvolles Gegenüber, die katholische Pastoraltheologin und Psychiaterin Doris Nauer schafft es in ihrem Grundlagenwerk Seelsorge. Sorge um die Seele (Stuttgart 2007) sogar, den Exorzismus pastoralpsychologisch zu rehabilitieren. 


LEKTIONEN IN DÄMONOLOGIE VON PETER FOX, ICH + ICH UND ROSENSTOLZ

Obwohl Untersuchungen immer wieder zeigen, dass auch der moderne Mensch offensichtlich sehr schnell bereit ist, gerade im Krankheitsfall auf irrationale Erklärungsmuster und Hoffnungsperspektiven zurückzugreifen (Globuli und eine verheerende Vulgärpsychosomatik im Stil von "Krankheit als Weg" sind dabei nur die prominentesten Beispiele). Wie konsensfähig und massentauglich explizit mythologische Deutungsmuster sein können, ist mir erst auf einer Autofahrt nach Halle an der Saale aufgefallen: Peter Fox' Stadtaffe, eins meiner absoluten Lieblingsalben, lief auf autorepeat, und irgendwann hörte ich bei Das zweite Gesicht mal genauer hin:


In dem Song, in dem es, grob gesagt, um Schadenfreude, falschen Ehrgeiz und andere Untugenden geht, heißt es in Bridge und Refrain: 


Denn es steckt mit dir unter einer Haut,
Du weißt, es will raus ans Licht.
Die Käfigtür geht langsam auf, da zeigt es sich,
Das zweite Gesicht

Ein Biest lebt in deinem Haus,
du schließt es ein, es bricht aus.
Das gleiche Spiel, jeden Tag,
Vom Laufstall bis ins Grab.


Darüber fiel mir ein Lied von Rosenstolz ein. Auch da geht es, in Aufnahme volksmündlicher Farbenlehre, um Das gelbe Monster Neid als Antriebskraft destruktiver Verhaltensweisen.


Auch Rosenstolz wissen ein Lied davon zu singen, wie frustrierend der Kampf gegen den psychischen Eroberungskrieg einer fremden Macht sein kann:

Ich halt das nicht mehr lange aus,
Ich werf das gelbe Monster raus!
Es bohrt sich mitten in mein Herz
Und es fängt von vorne an,
dass ich gar nicht anders kann:
Der Neid verändert mein Gesicht -
das gelbe Monster bin ja ich! 

Und es macht mich blind,
lässt mich böse sein,
macht mich zum Sklaven 
meiner eigenen Gedankenwelt,
bis sie zusammenfällt
und mich nichts mehr hält.

Eine weitere theologische Pointe bei diesem Song: Der zweite Teil erinnert deutlich an die ursprüglich auf Augustin zurückgehende und von Martin Luther im 16. Jahrhundert wiederentdeckte Rede vom Sünder als homo incurvatus in se, dem "in sich selbst verkrümmten Menschen". Soll mal einer sagen, Rechtfertigungstheologie würde heute keinen mehr interessieren...

Ein drittes Beispiel ist mir erst vor ein paar Monaten in die Hände gefallen, bzw. zu Ohren gekommen: Auf dem ach-so-schönen Album Vom selben Stern von Ich + Ich gibt es ein Lied mit dem prägnanten Titel Dämonen. 


Das ist besonders interessant, weil es hier, im Gegensatz zu Peter Fox und Rosenstolz, nicht (nur) um Untugenden, sondern um Krankheit geht, genauer gesagt um Sucht - und weil die Metaphorik an die Grundbedeutung des griechischen Wortes für "Teufel" erinnert: διάβολος heißt nämlich so etwas wie "Durcheinanderbringer"...

Ich kämpfe gegen die Dämonen,
sie sollen nicht bei mir wohnen, sondern gehen.
Sie durchbrechen die Kontrollen,
sie machen, was sie wollen,
sie verdrehen [...]
Sie durchkreuzen die Gedanken,
bis man die letzten Schranken vergisst
[...]
Sie halten mich ganz klein 
und verstecken bei mir Wein
und Nikotin.
Ich will nichts mehr davon finden
Sie sollen sofort verschwinden 
und mich nicht stören.
Ich wünsch sie auf der Stelle in der Hölle,
wo sie hingehören.

Bezeichnend ist, dass in keinem der Lieder eine Lösung gefunden wird. Sie beschränken sich auf die Beschreibung vergeblicher Strategien - der Exorzismus bleibt aus, die Dämonen entziehen sich allen Selbstbefreiungsversuchen. In diesem Sinne: Ite, missa est!

Donnerstag, 10. April 2014

Gottesdienst "feiern"?

Der FeierSchleiermacher
Das im kirchlichen Sprachgebrauch dem Substantiv Gottesdienst entsprechende Verb ist feiern. Soweit ich sehen kann, ist diese enge Verbindung recht neu; im achten Band des Grimm'schen Wörterbuchs von 1958 taucht sie noch nicht auf, als historisch gebräuchliche Varianten werden dort tun oder erweisen und ähnliches genannt. Der Siegeszug des Verbs ist ohne weiteres: "Feiern" ist eindeutig positiv besetzt, außerdem vermag es das gemeinsame Tun von Liturgen und Gemeinde in ein einziges Wort zu fassen und klingt darüber hinaus nicht so technokratisch wie etwa "abhalten". Als einer der Kronzeugen wird in aller Regel Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) ins Feld geführt, der den Gottesdienst als "Fest" verstand, denn:
"Wenn die Menschen sich, indem sie die Arbeit und das Geschäft sistiren, in größeren Massen zu einer gemeinschaftlichen Thätigkeit vereinen, so ist das ein Fest."
Ein solches Gottesdienstverständnis schwingt mit, wenn es etwa auf der Website der Evangelischen Landeskirche in Württemberg heißt:
"Gottesdienst feiern heißt innehalten, den Alltag zu unterbrechen und die Seele mal wieder durchatmen zu lassen. Singen, Beten und Hören ist angesagt. Eine Einladung das Leben für eine größere Dimension zu öffnen. Eine Einladung, nicht im Vorletzten stehen zu bleiben, sondern dem Eigentlichen Raum zu geben. Menschen kommen so wie sie sind – mit ihrer Angst und Traurigkeit, ihrem Schmerz und Zweifel, ihrem Suchen und Fragen, ihrer Freude und Zufriedenheit. Durch das, was sie aussprechen, und durch das, was ihnen zugesprochen wird, sollen sie eine befreiende Erfahrung machen können."
Man kann darüber sicherlich darüber diskutieren, ob das eine angemessene Charakterisierung des Gottesdienstes ist, ob hier nicht ein wenig unterbestimmt, vielleicht sogar banalisiert wird. Aber darum soll es im Moment nicht gehen. Auch nicht um die (wie ich finde höchst interessante und m.W. namentlich von Falk Wagner gestellte) Frage, inwieweit sich die Kirche mit der häufigen Betonung des nötigen Ausstiegs aus dem Alltag nicht unbewusst und ungewollt spätkapitalistischen Verzweckungsmechanismen unterwirft - die Soziologie weiß einiges darüber zu erzählen, dass Ventilsitten und dergleichen letzten Endes immer der Befestigung bestehender Machtverhältnisse dienen.

Mein Problem ist: Ich weiß nie so richtig, was eigentlich gemeint ist, wenn in Diskussionen über Gottesdienstformen und -traditionen der Einwurf kommt: "Aber der Gottesdienst wird doch gefeiert!", wenn also die eigentlich funktionale Definition plötzlich in eine inhaltlich-ästhetische überführt wird. Heißt das, es möge bitte möglichst "feierlich" zugehen, also, nach Definition des Dudens, "der Würde des Augenblicks Rechnung tragend, würde-, weihevoll, erhebend", in Worten und Gestik "emphatisch, nachdrücklich"?

Das ist für mich eine offene Frage - ich freue mich über alle Anregungen! 

Jedenfalls: Grundlegend sind, auch in der liturgischen Forschung, meistens Theorien über das Fest, denen in aller Regel gemeinsam ist, dass sie von Unterbrechungen des Alltags und ähnlichem ausgehen. Bei der Arbeit an der Diss ist mir letzte Woche aufgefallen, dass in der Soziologie mitunter zwischen Fest und Feier unterschieden wird. Unter einer "Feier" versteht etwa Winfried Gebhardt eine 

"Form der Vergesellschaftung […], in der wertrationales Handeln institutionalisiert ist, und folglich alltägliche Wirklichkeit in ihrer Bedeutung für den einzelnen und die Gesamtheit der Feiernden bewußt gemacht wird."

Ich kann hier nichts zu Ende Gedachtes präsentieren - aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass damit auch Aspekte zumindest des real Sonntag für Sonntag "gefeierten" Gottesdienstes adäquat beschrieben werden?