Sonntag, 23. August 2015

"...von einem stinkenden Stern"

FREITAL.
HEIDENAU.
HOYERSWERDA.
ROSTOCK-LICHTENHAGEN.
Aber auch:
MÖLLN.
KÖLN-MÜLHEIM.
SOLINGEN.


"In Solingen brannte ein Haus, Frauen und Kinder verbrannten. Betroffenheitsadressen wurden abgegeben. Ratlosigkeit herrschte vor. Wahrscheinlich waren die Mörder Jugendliche. Sie haben ihren Hass gegen das Ganze, gegen uns gerichtet - und Muslime getroffen. Wer vergiftete sie? Wir. Die Jugendlichen fielen nicht von einem stinkenden Stern, sondern wuchsen unter unseren kalten Händen auf. Wir, traditionell auf dem rechten Auge blind, verniedlichten doch die Nazischweinereien. Wir hatten drei Jahrzehnte anderes zu tun, als unserer Jugend Rede und Antwort zu stehen. Wir lehrten sie den Gebrauch der Ellenbogen, wir ersetzten Rückgrat und Anstand durch die harte Mark - und wundern uns. Wir werden uns verrückt wundern. Johannes Rau hat schon recht, wenn er sagt: 'Wir können Gesetze schaffen und anwenden, wie wir wollen. Findet keine Veränderung in den Köpfen und in den Herzen statt, sind wir verloren!' 'Die Stadt liegt wüst, und die Häuser sind ohne Menschen', sagt Jesaja."
Peter Beier, 1993.

Bild von der Aachener Zeitung.

Donnerstag, 13. August 2015

Analog-Exerzitien | Lebenskunst unter Künsten

Schwer liegt sie in der Hand, die alte Kamera, eine Revueflex AC2. "Gute Kamera", brummen die, die sie noch kennen. Ich habe sie geerbt, generalüberholen lassen, und will damit jetzt das Fotografieren lernen. Wenn es ohne Bildstabilisator, Autofokus und Blitzautomatik geht, dann geht alles andere erst recht.



Sie bringt einen Hauch von Gestern ins Leben - wo bekommt man eigentlich noch Rollfilme? Und wie überbrückt man die gefühlte kleine Ewigkeit, bis die Bilder endlich entwickelt sind und man mit klopfendem Herzen noch im Fotoladen den Umschlag aufreißt? 

Warten. Nägelkauen. Loslassen. Überrascht Werden.

Das Warten auf ein Ergebnis eigener Arbeit hat fast etwas Exerzitienhaftes. Die Entwicklungszeiten zwingen zu Geduld, verlangen, dass ich ein Projekt erst einmal ruhen lasse und woanders weiter mache. Das bedeutet auch: Ergebnisse können nicht direkt abgeglichen werden. Ich drehe an der Blende, schraube ein anderes Objektiv auf, drücke ein paar Mal auf den Auslöser - und hoffe, dass ich in ein-zwei Wochen noch weiß, warum das eine Foto besser oder schlechter oder einfach nur anders ist als das nächste. Einerseits führt das zu einem bewussteren Tun: Ich schraube nicht einfach so herum, versuche, mir Einstellungen zu merken, vielleicht sogar zu notieren. Andererseits bringt es eine Gelassenheit mit sich: Es wird sich schon zeigen, welche Einstellung die richtige war. Oder, bei mir im Moment eher der Fall, welche die falsche, wann ich die Kamera nicht ruhig genug gehalten habe. Und so. Ich akzeptiere, habe ja auch gar keine andere Wahl, als mich überraschen zu lassen. 



Kontrollverlust.

Es ist ein Reflex. Wenn das Foto geschossen ist, kippe ich die Kamera nach unten und gucke auf ihre Rückseite. Dummerweise sehe ich da aber keinen Bildschirm, sondern eine Tabellen mit irgendwelchen Zahlenwerten, die wahrscheinlich kolossal wichtig sind, deren Sinn mir aber bislang verborgen bleibt (was sich wahrscheinlich auch auf die Fotos auswirkt). Ich kann nichts bewusst korrigieren, kann nicht garantieren, dass das Foto dem Motiv, das ich im Moment so toll finde, auch nur annähernd gerecht wird. Vielleicht wird sich das im Laufe der Zeit ändern, im Moment ist zumindest der gefühlte Kontrollverlust total und lässt sich auch durch das drei- oder viermalige Knipsen zur Sicherheit nicht ausgleichen. Es nervt, ungemein. Auf jeden Fall am Anfang. Und gleichzeitig merke ich: Es fällt mir leichter, mich von Motiven zu lösen, aus Situationen zu verabschieden und weiterzuziehen. 



Grenz 'n' Werte.

Sechsunddreißig. Zum ersten Mal seit über fünfzehn Jahren kriegt diese Zahl etwas Magisches. Sechsunddreißig Bilder passen auf einen Film, eigentlich noch weniger, das erste und das letzte Bild werden ja nie etwas. Was für andere Dimensionen sich hier auftun, wird mir bewusst, als ich mir den Ordner mit meinen Bildern aus dem Israelurlaub im Herbst angucke. Das sind 1.327 Fotos. Tausenddreihundertsiebenundzwanzig. Schon das Zahlwort ist unübersichtlich. Tausenddreihundertsiebenundzwanzig. Sechsunddreißig. Die Rolle hat einen Anfang und ein Ende, dazwischen ist Platz, und der reicht eigentlich, ist knapp, aber nicht zu knapp. Und Verknappung bedeutet ja Intensivierung. Schon im Prozess des Fotografierens. Der wird langsamer. Für zig Versuche, unter denen mit etwas Glück schon etwas Gutes dabei ist, ist schlicht kein Material da. Das ändert das Fotografieren: Ich mache mir mehr Gedanken über das einzelne Foto. Und irgendwie macht es auch was mit den fertigen Fotos. Sie sind weniger. Und wertvoller. Wahrscheinlich nicht aus künstlerischer Sicht. Aber aus meiner. Vielleicht, weil in Kopf und Herz kein Platz für tausenddreihundertsiebenundzwanzig Geschichten ist, für 36 aber schon.



Verlangsamung. Ungleichzeitigkeit.

Die ungewohnt lange Zeitspanne zwischen dem Knipsen und dem fertigen Bild führt dazu, dass die analog entstandenen Bilder, auch wenn die Fotolabore mittlerweile immer eine CD dazuliefern, für bestimmte Dinge nicht geeignet sind. Zum Beispiel für keine unmittelbaren Statusupdates, für Selfies oder Momentaufnahmen, die anderen zeigen: Hier bin ich, das mache ich gerade. Die Gefahr ist deswegen geringer, dass sie Fotos werden, die eigentlich für andere sind. Und die Zwischen-Zeit verändert das Betrachten der Bilder: Zwischen ihrem Entstehungsmoment und dem ersten Angucken liegt eine Zeit des Wartens, aber auch eine Zeit des Erinnerns und des Verarbeitens, aus der Gegenwart ist Vergangenheit geworden. Auch das entlastet die Bilder, und lädt sie gleichzeitig auf mit etwas Anderem, Tieferen. Der ausgedehnte Entwicklungsprozess, der Wert der einzelnen Bilder, all das macht auch etwas mit dem Fotografieren an sich. Ich bin langsamer geworden. Ertappe mich immer wieder dabei, bei meiner Kompaktkamera unwillkürlich am optischen Zoom drehen zu wollen, habe das Handy gar nicht mehr so schnell in der Hand. Dadurch gehen Motive verloren, aber gleichzeitig entstehen weniger Fotos, die ihnen nicht gerecht würden. 



Die Würde des Unperfekten.

Vielleicht braucht man eine gewisse Reife, um in dem Etikett "Interessantes Gesicht!" das Kompliment wahrnehmen zu können. Denn zuallererst signalisiert es ja ein Abseits von gängigen Schönheits- und Perfektionsidealen. Hand aufs Herz: Der zeitliche Abstand zwischen dem Anblick des Motivs im Sucher und dem ersten bangen Blick auf die Bilder birgt auch Enttäuschungspotenzial. Das Motiv wandert in den Kopf, nistet sich dort ein, wird schöner und ausdrucksstärker und rundum perfekter und überhaupt. Und beim Durchblättern der Fotos stelle ich fest: Autofokus, Bildstabilisator - ganz so verkehrt ist das alles nicht. Und ärgere mich über Körnung, verwackelte Bilder, ganze Filme, die nichts geworden sind. Zum Glück gibt es kluge Leute wie Henri Cartier-Bresson. Der hat einmal gesagt, Schärfe sei ein bourgeoises Konzept. Und recht hat er ja. Zu glatte Fotos sind nicht nur unrealistisch, sie sind auch uninteressant. Warum auch sonst sollten wir Instagram- und sonstige Retrofilter über unsere Digitalbilder jagen, die ihnen einen Anschein von der guten alten Zeit und irgendetwas ungreifbar "Echtem" verleihen sollen? Wer an den vermeintlichen Schönheitsfehlern vorbei sieht, kann sich der Geschichte öffnen, die ein Bild oder auch ein Gesicht erzählt. The supreme vice is shallowness (Oscar Wilde). Trotzdem brauche ich unbedingt ein lichtstärkeres Objektiv. Und vielleicht doch was mit Bildstabilisator...


Mittwoch, 5. August 2015

Plädoyer fürs Händchenhalten - gegen neumodische Abständigkeit

Auf dem Abendmahlstisch stehen halbleere Kelche, ein-zwei Teller mit Brotstückchen und -krümeln, ein paar zusammengeknüllte Stoffservietten. Ein bisschen unordentlich, aber irgendwie stimmig. Man sieht, dass Menschen hier gefeiert, gegessen und getrunken haben, wie ein Esstisch nach einer Feier. Die Feiernden stehen noch im Kreis um den Tisch, und während die Orgelmusik langsam verebbt, nehmen sie sich bei der Hand. Manche greifen beherzt und routiniert nach der Hand ihres Nebenmanns oder ihrer Nebenfrau. Andere zögern, lächeln nervös, ihr Blick flackert unsicher im Kreis umher. "Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben... so geht hin im Frieden des Herrn." Bei den letzten Worten blicken sich die Leute an, nicken einander zu, manche drücken die Hand ein bisschen extra. Schnell lösen sich die Hände wieder voneinander, der Moment ist verflogen, alle gehen zurück zu ihren Plätzen, manche bleiben noch ein wenig stehen, spüren nach, schmecken nach, folgen ihren eigenen Gedanken oder beten.

Die evangelische Liturgik gefällt sich, nach Jahrzehnten des Pädagogisierens und Elementarisierens, seit Neuestem wieder in der Kultivierung von Abständigkeiten. Man wendet sich u. a. gegen das (zugegebener Maßen nervige und kontraproduktive) Toterklären eines jeden gottesdienstlichen Elements, gegen eine angebliche "Gebetsstille", bei der der Liturg das Gebet mit mehr oder weniger geistreichen Kommentaren zum Thema "Schweigen" stört. Oder gegen die vermeintliche Volksnähe der Liturgin, die begeistert und in blumigen Worten einen Segen anmoderiert, darüber aber das tatsächliche Segnen vergisst. Soweit, so gut. 

Screenshot von deutschlandradiokuktur.de
In den letzten Wochen macht in liturgisch versierten Kreisen bei Facebook ein Interview die Runde, das Deutschlandradio Kultur mit dem Mainzer Praktischen Theologen Kristian Fechtner geführt hat. Der hat zum Thema "Scham" geforscht - ein überaus ergiebiges und derzeit daher auch von allen Seiten beackertes Feld. "Der 'Mitmachgottesdienst' kommt nicht bei allen an", so ist der etwas reißerische Titel über dem Interview, und das ist ein wenig schade, denn eigentlich geht es nur im letzten Absatz darum, der Rest bietet durchaus Interessantes zu Scham und Religiosität und nicht zuletzt auch zur Kopftuchfrage. Fechtner plädiert dafür, "Bedürfnisse von Distanz" ernst zu nehmen, auch in liturgischen Formen. 

Und ich bin etwas ratlos. Weil ich mich frage, ob hier nicht, wie das sonst immer bei den EKD-Mitgliedsuntersuchungen der Fall ist, ein eigentlich defizitärer Befund und damit der eigentlich unbefriedigende status quo theologisch geadelt werden soll. Weil ich den statistischen Beleg dafür vermisse, dass Kirchgängerinnen landauf und landab allsonntäglich mit "bunten Zetteln" oder ähnlichen Anleihen aus Primarpädagogik und Moderationsworkshops gequält werden. Meine Wahrnehmung ist da eine andere. In den letzten Gottesdiensten, die ich in Urlaubs- und predigtfreien Zeiten in fremden Städten besucht habe, hat man im vorauseilenden Gehorsam auf Fechtner gehört und mich "undercover im Gottesdienst unterwegs sein" lassen: Mein Gesangbuch durfte ich mir selbst aus einem Regal ziehen oder aus der Hand von Gemeindegliedern entgegennehmen, die eher nach Wachtposten als nach Willkommenskomitee aussahen. In meiner Bank irgendwo in der Mitte des Kirchenschiffs saß ich allein, der einzige, der sich mir in der knappen Stunde näherte, war ein Presbyter, der Geld von mir wollte, mir wort- und blickkontaktslos den Klingelbeutel in die Hand drückte und ungeduldig am Rand stehen blieb, bis ich mein Scherflein entrichtet hatte. Nach dem Orgelnachspiel verließ ich, weiterhin unbehelligt, meinen Platz, stellte das Gesangbuch ab, wo es offensichtlich hingehörte, und ging meiner Wege.

Ich glaube nicht, dass "Mitmachgottesdienste" gar so häufig sind. Und ich glaube, dass die bloße Existenz des Wortes auf etwas aufmerksam macht, das mir in der liturgischen Debatte oft zu kurz kommt: Offensichtlich ist das "Mitmachen" im Gottesdienst nicht der Normalfall, die häufig angeführte Behauptung, liturgische Wechselgesänge allein böten reiche Partizipationsmöglichkeiten, ist letztlich und vor allem ein romantisierendes Schreibtischprodukt. 

Die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich als fremder Gottesdienstbesucher mit den anderen Mitfeiernden in Kontakt gekommen bin, war beim Abendmahl. Ausnahmslos wurde sich da ans Händchen genommen, eine Praxis, die in der aktuellen liturgiewissenschaftlichen Debatte aus nachvollziehbaren Gründen keinen guten Stand hat (vgl. etwa Thomas Klie in Fremde Heimat Liturgie, der an dieser Stelle nicht mit Galle spart). Mir ist dieser Moment wichtig, weil mir in dem fragilen Moment der Gemeinschaft deutlich wird, dass ich Teil von etwas bin, das über meinen eigenen Horizont und die von mir selbst definierten Grenzen von Nähe und Distanz hinausgeht. Etwas, das im alltäglichen Leben peinlich und undenkbar wäre, wird für einen Moment möglich und berührend.

Ich frage mich, ob Fechtners Theorie vom "diskreten Christentum" nicht ein hübscher Name für eine an sich problematische Entwicklung ist. Natürlich hat jeder und jede das Recht auf einen Platz am Zaun, den Ausgang ständig im Blick, falls einem irgendetwas oder irgendjemand im Gottesdienst zu nahe kommen sollte. Gleichzeitig habe ich die Menschen vor Augen, die in der angeblichen Volkskirche Gemeinschaft suchen - und sie nicht finden. Und in der Bibel lese ich ständig Geschichten von zum Teil recht gewaltsamer Distanzüberwindung, und zwar von beiden Seiten: Da ist Zachäus, der Jesus von seinem Versteck im Baum aus beobachten will und lernt, dass gerade dort nichts über ihn zu erfahren ist. Da sind die Hirten der Weihnachtsgeschichte, die sich hinter ihren Hürden außerhalb der Stadt verschanzen und buchstäblich heimgesucht werden. Da sind die vier Freunde, die Jesus aufs Dach steigen und ihren gehbehinderten Freund zu ihm runterlassen. Da ist die blutflüssige Frau, die Jesus hinterherläuft und sein Gewand berührt. 

Unterm Strich: Ich habe nicht ganz so viel übrig für bunte Zettel im Gottesdienst. Und trotzdem möchte ich weiter nach gottesdienstlichen Formen suchen, die der Vereinzelung der Gesellschaft etwas entgegen setzen, und sei es auch nur für einen Moment. Es geht um viel.

Montag, 6. Juli 2015

Geschichte mit Flügeln. Düfte. Predigt über Lk 15,1.11-32

Bild geliehen bei deutschlandfunk.de


An seinem 18. Geburtstag erklärt der Sohn seinem Vater vollmundig: 
„Papa, ich bin jetzt achtzehn, ich bin volljährig, jetzt lass‘ ich die Sau raus, geh in alle Bars und Kneipen und mache, was ich will!“ 
Der Vater lächelt geduldig und sagt: „Tu, was Du nicht lassen kannst.“ 
„Ach so“, fügt der Sohn hinzu, „ich bin gerade ein bisschen pleite – kannst Du mir was leihen?“ 
Der Vater lächelt wissend und fährt fort: „Und lass, was Du nicht tun kannst…“ 

Liebe Gemeinde, ihr ahnt, worum es geht. Eine Geschichte von einem Vater und seinen zwei Söhnen, eine Geschichte zwischen dem heimischen Viehstall und der großen weiten Welt, eine Geschichte von Verschwendung und dem Ende aller Aufrechnerei, von Aufbruch, Höhenflügen und Tiefpunkten, von Reue und Heimkehr, zwischen Alltag und Fest. Eine Geschichte, die gut genug ist, sich selbständig zu machen, Flügel zu bekommen und immer wieder erzählt zu werden. Die aber zum ersten Mal in einer bestimmten Situation erzählt wird. 

Da ist Jesus, unterwegs irgendwo zwischen Janin, Nablus und Ramallah, einer kargen, hügeligen Landschaft, dem heutigen Westjordanland. Damals wie heute ein Gebiet, das von Juden gemieden wird, ungastlich und fremd. Und Jesus tut, was er auch sonst tut: Er spricht zu den Menschen, teilt Essen und Trinken mit ihnen, und an seine Fersen heften sich Leute, deren Applaus verdächtig macht und deren Gesellschaft ehrenrührig ist. 

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. 

(c) USRFoto / pixelio.de

Liebe Gemeinde, irgendwann im Leben wird das Alte zu eng, das Kinderzimmer zu klein, die aufgetragenen Kleider sind endgültig verschlissen und aus der großen weiten Welt lockt der Geruch der Freiheit: 

Nach Salz und Seetang und Motorenöl, 
nach Sonne auf der Haut, 
nach Lagerfeuer und nach Leder 
und Zimt und Koriander, 
Sandelholz und Minze, 
nach neuen Autositzen und Diesel, 
Zigarrenrauch, Doppelapfel und Malz, 
nach Schweiß und billigem Parfüm, 
Kerzenwachs, Latex und heißer Haut, 
Schießpulver und verbranntem Gummi.

Und der jüngere Sohn sammelte alles zusammen und zog in ein fernes Land… Und der Vater lässt ihn gehen, und am Anfang dieser Geschichte entfaltet Jesus, wie nebenbei, seine Vorstellungen von Familie, und die hat immer etwas mit Freiheit zu tun, mit Selbständigkeit und Abnabelung seitens der Kinder und mit elterlicher Liebe, die groß genug ist, um im richtigen Moment loszulassen. Also wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, wir hören es in jedem Traugottesdienst, und die Geschichte nimmt ihren Lauf, eine Geschichte, die gut genug ist, Flügel zu bekommen und immer wieder erzählt zu werden. Und mir fallen Menschen ein, denen ich diese Geschichte erzählen möchte, zum Beispiel dem Vater einer Jugendlichen aus X. Gut gehende Anwaltskanzlei, spezialisiert auf Wirtschaftsrecht, also den Bereich, wo das Geld zuhause ist, und der geht natürlich davon aus, dass seine Tochter, die nächstes Jahr ihr Abitur macht, Jura studiert und dann einsteigt und später die Kanzlei übernimmt. Nur: Die weiß gar nicht, ob sie überhaupt studieren will, schwankt noch zwischen Sozialpädagogik und einer Ausbildung zur Erzieherin und traut sich nicht, das zuhause zu erzählen. Ihr Vater stellt sie bei gesellschaftlichen Anlässen gerne vor mit den Worten: „Ach, da kommt meine zukünftige Juniorpartnerin!“ 

Aber die Geschichte geht weiter, und steuert schon auf ihren Tiefpunkt zu: 

Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben.  

Liebe Gemeinde, vielleicht regt sich an dieser Stelle ein bisschen Schadenfreude, vielleicht liegt es nahe, an dieser Stelle den Finger zu heben und zu sagen: „Siehste!“, und einen klugen Ratschlag hinterherzuschieben: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not. Aber Jesus tut das nicht, und ein paar kleine Zwischenbemerkungen verhindern, dass wir seine Geschichte im Dienste unseres bürgerlichen Sicherheitsdenkens ausschlachten und aus der Geschichte vom Vater und seinen Söhnen umdichten zu der Fabel von der Ameise und der Grille, und mit der Ameise sagen: „Hast du im Sommer singen und pfeifen können, dann kannst du jetzt im Winter tanzen und hungern, denn Faulenzen bringt kein Brot ins Haus.“ Der Sohn bringt sein Geld irgendwie durch, und vielleicht muss man sich erst einmal klar machen, dass wir hier von keinen Reichtümern reden. Der Vater kann zwar Knechte und Tagelöhner beschäftigen, hat aber nur ein Mastkalb, wir bewegen uns also in kleineren Kreisen als einem mittelständischen Betrieb, und außerdem fällt das Erbteil des jüngeren Sohnes nach israelitischem Recht deutlich kleiner aus als das des älteren Bruders, denn die Aufteilungsrate betrug bei zwei erbberechtigten Söhnen zwei Drittel für den Älteren, ein Drittel für den Jüngeren. 

Der Jüngere bringt sein Erbteil irgendwie durch, und es spielt eigentlich auch gar keine Rolle, wie genau, denn: Als das Geld schon weg war, kam eine große Hungersnot über dieses Land. Und wenn in der Antike eine Hungersnot über das Land kommt, dann hungern alle, die ganz, ganz wenigen Superreichen vielleicht ausgenommen. Und ich glaube nicht, dass Jesus solche Randbemerkungen einfach so fallen lässt, und gerade das macht sie zu einer so guten Geschichte, die Flügel bekommen und immer wieder erzählt werden kann. Und mir fallen Menschen ein, denen ich diese Geschichte erzählen möchte. Zum Beispiel denen, denen es gut geht, die sich selbst versorgen können und felsenfest davon überzeugt sind: Jeder ist seines Glückes Schmied. Denn das stimmt immer nur unter sehr bestimmten Umständen und in sehr sicheren Verhältnissen. 

Und der Duft in der Luft hat sich gewandelt, 
das Land in der Fremde riecht plötzlich nach Staub und Schweiß, 
nach fauligen Abfällen und dem ganz besonderen Aroma, 
scharf und beißend, wie ihn nur Hungernde verströmen, 
nach ausgedörrter Erde, 
und dem Stallmist der Schweine, 
der einem jüdischen Sohn wie nichts anderes in der Nase brennt. 

(c) angieconscious / Pixelio.de

Und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 

Manchmal endet der Flug in die Freiheit auf dem harten, schmutzigen Boden der Tatsachen. Manchmal gehen Geschäftsideen nicht auf, zerplatzen Träume, Chancen werden verpasst, oder das Leben kommt dazwischen. Und übrig bleibt die Scham, die am Körper klebt wie die ungewaschene Kleidung, wie Straßenstaub und Schweinedreck, die den Blick in den Spiegel unerträglich macht. 

Und vielleicht ist das der größte Kampf, der in dieser Geschichte ausgefochten wird, der Kampf gegen den eigenen Stolz, das schwere Eingeständnis, dass der eigene Lebensentwurf gescheitert und alle Pläne zunichte gemacht sind. Und gerade wegen diesem Kampf ist diese Geschichte eine gute, die Flügel bekommen und Flügel wachsen lassen und immer wieder erzählt werden kann. Und ich möchte sie all denen erzählen, die mit schwitzenden Händen und hängenden Schultern und klopfendem Herzen vor einer Tür stehen, der Finger Zentimeter über dem Klingelknopf neben dem Schild mit dem so vertrauten und so gefürchteten Namen. All denen, die nicht wissen, ob sie heute zum Abendmahl gehen dürfen, weil sie lange nicht in der Kirche waren oder nicht wissen, ob sie gut genug sind. 

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 

Liebe Gemeinde, ein bisschen Essig bleibt im Wein, ein saurer, bitterer Geruch schleicht sich ein in Gestalt des älteren Sohnes, der damals den größten Teil des Erbteils abbekommen und wahrscheinlich vermehrt hat. Er begrüßt seinen Bruder nicht, spricht nicht mit ihm, klagt nur über ihn, stellt Mutmaßungen an über das, was gewesen ist, und fühlt sich zurückgesetzt, bedroht, untervorteilt. Und auch dieser letzte Schauplatz macht die Geschichte für mich zu einer guten Geschichte, weil sie glaubwürdig ist, und ich möchte sie weiterzählen. Zum Beispiel denen, die mit sicherer Rente und einem Dach über dem Kopf in Internetforen oder an Stammtischen darüber klagen, dass Flüchtlinge ein Handy besitzen und saubere Kleidung. 

Aber sie behalten nicht das letzte Wort. 
Zurück bleiben Vater und Sohn. 
Am Ende: Ein offener Arm, ein großes Fest. 

„Papa“, sagte der Sohn, „ich bin erwachsen, ich kann machen, was ich will!“ 
„Tu, was Du nicht lassen kannst“, sagt der Vater wissend. 
„Aber Papa, ich hab kein Geld! Kannst Du mir was leihen?“ 
„Lass, was Du nicht tun kannst“, sagt der Vater, „und wenn Du merkst, dass Du nicht mehr kannst, dann komm zurück mir, in meine offenen Arme, in meine verschwenderische Liebe.“ 

Und der Heimgekehrte lässt sich fallen in die offenen Arme, 
spürt ein anderes Herz gegen seine Brust schlagen, 
bohrt die Nase in die Kleidung 
und riecht den Duft von Zuhause. 
Nach Pfeifenrauch und Apfelkuchen, 
nach Hefe und Wick Vaporup, 
nach Niveacreme und ofenwarmen Graubrot, 
nach Schweiß und Zimt und Zucker, 
nach Bratkartoffeln und Waschmittel, 
Heizöl und Maiglöckchen, 
Wein und Grill und Braten, 
nach Verlorenem und Wiedergefundenem 
und einem großen Fest. 
Willkommen zuhause. 

Und der Friede Gottes…

(c) Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Mittwoch, 17. Juni 2015

Efter regnet... Andakt vid midsommarfirandet i Köln

(Betraktelsen fick skrivas om tidigt i lördags morse. Inspiration kommer, om man bortser från själva vädret, främst från Maria Bergius Krämer)



Sommar, sommar, sommar,
men det är inte så mycket till dans i folkets park,
och inga picknickfiltar på roddklubbens gröna
men ack så dyblöta äng.
Sommaren är kort,
det mesta regnar bort,
men måste det regna just idag?
Kan inte du beställa solsken,
var det någon som undrade häromdagen,
du som av yrkesmässiga skäl ändå borde ha
bra kontakter till vem det än är
som ställer och styr däruppe?

Men den som ställer och styr däruppe
kanske tyckte att det på tiden
att det regnade lite, just idag.
Fråga mina sloknade blommor i trädgården,
fråga det knastrande, gulnade gräset,
fråga den torra markens sprickor,
fråga allt det som väckts till nytt liv efter regnet,
se dig omkring och upptäck
den vackra och lysande grönskan
nu när de senaste dagarnas damm har sköljts bort.

Åh jag vandrar
i ett sommarregn
Ett regn som svalkar sanningen
Ett regn som sköljer dumheten
som vandrar
i ett sommarregn
så sjunger Per Gessle i musikgruppen Gyllene tider.

Sommarregn i all ära, men måste det regna just idag,
då vi firar vår anrika midsommarfest?
Kanske just det.
Jag ringde styrelsen i förmiddags, för jag undrade:
Blir det något firande i dag?
Absolut, sa de, då får vi väl trängas ihop under taket här.
Och när vi lagt på,
så tänkte jag att det kanske ligger en djupare mening
i det plaskande midsommarregnet,
som åtminstone då höll på att ösa ner utanför mitt fönster.
För ibland blir det inte som man har planerat.
Livet kommer emellan, helt enkelt.
Och visst kan man tycka att det är dumt,
och visst kan man gå omkring hela dagen
med bitter min och bistra tankar,
och mumla om hur orättvist det är,
hur synd om alla förberedelserna.
Men jag tror att man kan välja att acceptera det
och göra det bästa av situationen.
„Det blir aldrig fel, det blir bara annorlunda“,
var de någon som sa i min hemförsamling i Askim utanför Göteborg,
när årets tipsvandring precis blivit inställd pga åskväder
för ett par år sen.
Och precis som vi gör idag så bestämde vi oss då
att fira så bra det bara går,
och vad ska jag säga: Det blev en mycket lyckad eftermiddag.

Livet blir inte alltid så som vi har tänkt oss.
Och det kanske är bra att vi påminns om det då och då,
att våra prioriteringar inte alltid håller,
och att vi blir tvungna att släppa våra krav på perfektion
och öppna oss för nya möjligheter
bortom allt det som vi kan föreställa oss.

Ibland är den bästa festen den som börjar lite trögt och stapplande,
ibland är det lättare att brista ut i gapskratt när mascaran ändå runnit nerför ansiktet,
ibland leder det trånga myllret under ett skyddande tak
till spännande möten, givande samtal och nya bekantskap.
Ibland är det bara att göra som barnen
och ha kul ändå.

Kära vänner, om vi inte gjort det än,
så tycker jag att vi ska bestämma oss nu
för att ha en riktigt härlig dag tillsammans
härute i det gröna.

Där den som styr och ställer däruppe
är i full fart med att skapa nytt liv.


Hör, nu har regnet slutat att falla
Se, nu är luften klar och blå
Det är skönt att andas
Se, solen bryter äntligen fram
Och trollar med varje blad och strå
Jorden doftar ny
Solen värmer mot din hy
Allting har vilat
Allting får liv igen.
(Mats Nörklid)


Amen.