Sonntag, 2. Februar 2014

Predigtpop im Selbstversuch - Slam-Predigt über Mk 4,35-41a

Sooo, ich habe dann direkt mal meine Überlegungen zum Thema "Predigt und Poetry-Slam" in die Tat umgesetzt, bzw. heute morgen auf die Kanzel gebracht. Das war ein interessanter Prozess, bei dem mir so einige Dinge klar geworden sind, bestimmte Fragen sich nochmal neu und anders gestellt haben. Aber die ausführlichere Reflexion und meine HIntergedanken beim Schreibprozess und zur Performance kommen dann morgen. Jetzt erstmal viel Spaß - und ich freue mich natürlich über Rückmeldungen!



Am Abend jenes Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Kommt, wir fahren ans andere Ufer!« Sie schickten die Menge nach Hause, stiegen in das Boot, in dem Jesus bereits war, und fuhren mit ihm ab. Einige andere Boote begleiteten sie. Plötzlich brach ein heftiger Sturm los; die Wellen schlugen ins Boot, und es begann sich mit Wasser zu füllen. Jesus aber schlief im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Die Jünger weckten ihn und schrien: »Meister, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?« Jesus stand auf, wies den Wind in seine Schranken und befahl dem See: »Schweig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es trat eine große Stille ein. »Warum habt ihr solche Angst?«, sagte Jesus zu seinen Jüngern. »Habt ihr immer noch keinen Glauben?« Jetzt wurden sie erst recht von Furcht gepackt. Sie sagten zueinander: »Wer ist er eigentlich?« 

Wer ist er eigentlich? Das könnte und soll die Überschrift, der Refrain, das Motto dieser Predigt sein, so wie diese Frage vielleicht für alle ein Lebensthema ist, die sich auf das Abenteuer des Glaubens einlassen. 

Wer ist er eigentlich? Dieser Jesus? 
Der neue Mann. 
Das Christkind. 
Man sagt, er war ein Gammler, 
er zog durch das ganze Land. 
Meister. Lehrer. Freund. Sohn. 
Ein Mensch wie Du und ich. 
Ohne Sünde. Ein Vorbild, 
ein großes, aber doch eins neben anderen und unter vielen? 
Irgendsoein guter Typ, der hatte alle Leute lieb. 
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. 
Religionsstifter, Brunnenvergifter, 
Prophet, Poet, Asket, Athlet, der mit mir geht, 
der’s Leben kennt, der mich versteht? 
Seelenführer, Herzberührer, 
Aufrührer, Verführer, Märtyrer. 
Revoluzzer, Tempelputzer, 
Überflieger, Geradebieger, Todbesieger. 
Mein Herr und mein Gott. 
Arzt und Heiler, Fischbrotteiler, 
Zaubershow mit Weltniveau. 
Lebensspender, Schicksalswender, 
oder doch - ein Blender, Verschwender, 
Verurteilter Verbrecher, leerer Versprecher, 
Ein Fresser und Weinsäufer- 
was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? 
Ein Herz voll Glut und Wunder, 
ein Haupt voll Blut und Wunden, 
gebunden. Geschunden. Verschwunden? 
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. 

Einfach ist das Ganze nicht. Wer ist er eigentlich, dieser Jesus? 

Gehen wir an den Anfang der Geschichte. Die Häuser werfen lange Schatten, und die Sonne versinkt irgendwo im spiegelglatten See. Sie stehen am Ufer, nach einem langen und aufregenden Tag, was an sich nichts Besonderes ist in der letzten Zeit – ziehen Sie mal mit dem Sohn Gottes um die Häuser, da ist es mit der Ruhe erstmal vorbei. Obwohl es heute doch noch vergleichsweise und verhältnismäßig ereignisarm geblieben war. Ja, wäre man sich sicher gewesen, dass man so etwas in dem Zusammenhang sagen darf, hätten die etwas Hitzköpfigeren unter den Jüngern den Tag womöglich als ein bisschen langweilig bezeichnet, allerdings – ziehen Sie mal mit dem Sohn Gottes um die Häuser, da vermeiden Sie solche Vokabeln. Jedenfalls: Kein einziges Wunder, nicht mal ein kleines, und infolgedessen auch keine Auseinandersetzungen mit den üblichen Bedenkenträgern, Leserbriefschreibern, Wutbürgern und Schriftgelehrten. Stattdessen lange Vorträge über schwierige Themen, noch dazu in für das Publikum nur teilweise nachzuvollziehenden Bildern. 

Der Tag hätte entspannt zu Ende gehen können, doch die Chance auf einen ruhigen Abend verflüchtigt sich sich ja in dem Moment, in dem Jesus sagt: „Wir wollen ans andere Ufer fahren.“ Das wäre, nebenbei bemerkt, heute in der Kirche so ohne weiteres nicht mehr möglich, da würde sich sofort Widerstand regen, wer denn bitte genau „wir“ sei, wer das denn entschieden habe und ob für eine Seefahrt am Abend überhaupt noch Geld vorhanden sei. Das ist dann aber auch der einzige Unterschied, ansonsten sind die Jünger uns im Allgemeinen sehr ähnlich oder wir ihnen, und die Gemeinden haben sich schon sehr früh in den Jüngern wiedererkannt. Vielleicht nicht immer gerne, aber doch unvermeidlich. Vor allem eine Tatsache trifft auf die Jünger damals wie auf uns gleichermaßen zu: Es gibt solche und solche. 

Es gibt solche, die Abenteurer und Draufgänger, die sich auf diesen Satz hin sagen: Jawohl, oder: Ahoi, auf zu neuen Ufern, ein Schiff liegt im Hafen sicher, dafür ist es aber nicht gemacht. Es wird auch solche geben, die sich bereitwillig mitziehen lassen, aber doch einen nostalgischen Blick zurück aufs Festland werfen, es ist doch eigentlich gerade so nett gewesen. Es wird solche geben, die den Schriftgelehrten gleich erstmal ihre Bedenken vortragen, zum Beispiel: Der kürzeste Weg zum anderen Ufer führt immer mitten über den See, und damit meist über die tiefsten Tiefen – also nichts, was man unbedingt in der Abenddämmerung unternehmen will. Manchen ist vielleicht auch aufgefallen, dass Jesus mit keiner Silbe erwähnt, was um alles in der Welt er eigentlich an diesem anderen Ufer will. Wir wissen ja die Lösung, und wir kennen die Pointe, und können uns denken: Hier ist der Weg das Ziel. 

Wer ist er eigentlich, dieser Jesus? Vielleicht erkennt der eine oder andere ihn wieder: 
Er ist der Rufer zum andern Ufer. Der Wind, der, je nach Stärke, den Duft von Weite und Abenteuer in die Nase weht – oder gleich ein ganzes Dach abdeckt und zum Umzug bewegt. Der den Mut ins Herz legt, den Blick vom Ufer abzuwenden, um in der anderen Richtung neues Land zu entdecken. Der den Augenwischern die Hand festhält und Weitsicht für ein paar Meter nach vorn schenkt: Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber ich weiß, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll. 
Und vor allem: Der immer schon in dem Boot sitzt, in das er andere einlädt. 

Szene Zwei: Totale. 
Eine peitschende, tiefschwarze See. Am Himmel Wolken wie Fäuste, geballt. 
Schnelle Kamerafahrt über Berge und Täler aus Wasser, 
dazwischen ein winziger, heller Punkt, 
der aufgeregt hin und her flackert. 
Ein Boot, das sehr klein aussieht zwischen den ganzen nassen, kalten und harten Elementen, voller Menschen, die sich sehr klein fühlen und sich kaum festhalten können inmitten der Gewalten, die an ihnen reißen. Kamera fährt weiter ran, Halbnahe, Fokus auf einen dieser Menschen an Deck. 

Detailaufnahmen: Eine Hand, krampfhaft zur Faust geballt, das Seil schneidet tief ins Fleisch, brennt, egal, zwei Füße, die keinen Halt finden auf glitschigen Planken, der Rücken gekrümmt, die Knie gebeugt, die Welt im Wanken. Und nichts, nichts zum Festhalten, im Nassen und Kalten. 

Fokus auf das Gesicht. Die Stirn in tiefen Falten, der Mund zu einem Strich gepresst, der Blick aus tränenden Augen starr geradeaus gerichtet. Die Kamera folgt dem Blick – und der liegt nicht auf dem tosenden See, von wo aus in jedem Moment die eine Welle rausspringen kann, die zu groß, zu schwer, zu mächtig ist, das Fass zum Überlaufen und das Boot zum Kentern bringt, 

Nein, der Blick bohrt sich durch sprühende Gicht hindurch nach hinten, zum Bug, wo an etwas erhöhter und deswegen vom Wasser verschonter Stelle auf einem bequemen Kissen und in tiefem Schlaf der vielleicht schlimmste Typ Zweifel Gestalt annimmt: 

Nicht die Überzeugung, dass da oben nichts ist 
und niemand, dass mit dem Tod alles am Ende ist 
und jeder sich selbst der Nächste und Beste 
und Du, Hand aufs Herz, doch allein bist. 

Sondern die Angst, die von innen her frisst, 
der Glaube, dass da schon jemand sitzt 
oder kauert und lauert, 
dem aber alles und jeder egal ist, 
der sich für das Leben hier nicht intressiert, 
der alles Weinen brutal ignoriert, 
mit uns höchstens experimentiert. 

Wer ist er eigentlich, dieser Jesus? Vielleicht erkennt die eine oder andere ihn wieder: Manchmal fühlt er sich ganz weit weg an und ich frag mich, ob ich ihm vertrauen kann. 

Aber – und ich glaube, dieses Aber wäre mal grundsätzlich eine eigene Predigt wert, am Ende bleibt er nicht da liegen, sondern steht auf und stellt sich in den Wind, zwischen uns und den Sturm, steht im Regen, als Wegbegleiter und Blitzableiter. 
Nicht im voraus, wann wir das wollen, sondern ganz aktuell in dem Moment, in dem wir es brauchen - damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. 
Und an der Stelle passiert in Klein auch das, 
was wir uns im Gottesdienst versprechen, 
was wir in unseren Liedern singen, und hoffen, 
dass es wahr wird, dass es erfahrbar wird, 
wenn das Leben zur Gefahr wird, 
wenn in der Welt die Dämme brechen: 
Ins Trockne wandelt er die Meere, gebot dem Strom vor uns zu fliehn 
und lässt uns durch die Fluten ziehn. 
Er fährt auf Wolkenwagen, und Flammen sind sein Kleid, 
Windfittiche ihn tragen, zu Diensten ihm bereit, 
sodass in allen Fällen er uns zur Rechten steht, 
und dämpfet Sturm und Wellen, und was mir bringet Weh. 

Erklären kann ich das nicht, aber ich bin auch kein Meteorologe, sondern Theologe, und wenn ich das direkt in einen handlichen seelsorglichen Rat verpacken sollen würde müsste, dann wäre es genau das: 
Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie, 
fürchtet euch nicht, denn siehe, Euer Gott kommt und schweigt nicht. 
Und ihr, schweigt ihr auch nicht. 
Um Gottes Willen. 
Lasst nicht zu, 
dass die Angst Euch die Kehle verschnürt, 
wenn sie mit kalter Hand euer Herz berührt, 
Euch den Atem hemmt, alles Warme nimmt, 
bis ihr langsam erfriert 
und im Schweigen versinkt. 
Hol einmal ganz tief Luft, 
und schrei, 
schrei so laut du kannst, 
schrei, bis du du selbst bist, 
schrei gegen Wind und Wellen 
und mach’s wie die Jünger, 
lauf zum Bug, wo er liegt und zu schlafen scheint, 
und schrei, 
lieg ihm in den Ohren und steig ihm aufs Dach, 
Das macht bei dem ganzen Lärm auch keinen Unterschied mehr, 
und Streiten muss man in jeder Beziehung lernen, 
und manchmal macht man die entscheidenen Erfahrungen gerade dann, 
wenn es schwierig wird: 

Wer ist er eigentlich, dieser Jesus? 
Er ist der, der dazwischen geht. 
Zwischen die Angeklagte und ihre Henker mit den Steinen in der Hand. 
Zwischen uns und die Mächte und Gewalten, die uns ans Leben wollen, 
zwischen uns und das, was kommen muss, wenn keiner etwas tut. 
Und der, der uns hört, wenn wir schrein. 

Letzte Szene. Blick auf die Jünger: Sie stehen da, wie begossene Pudel, wie durch die Mangel gedreht, wie vom Donner gerührt, wie vom Blitz getroffen, wie… naja, wie man halt so steht, wenn‘s einem nicht nur den Magen auf links, sondern die Welt auf den Kopf dreht. Und als ob es nicht genug wäre, gibt’s jetzt noch einen Tadel vom Meister selbst, kein Anschreien, kein Toben und Schreien, sondern viel schlimmer, so eine leise, vorwurfsvolle Frage, in der mehr Enttäuschung als Wut, mehr Trauer als Ärger mitschwingt: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben? Nach den Geschichten, die ihr von mir gehört habt, nach all den Wundern, die ihr gesehen habt? 

Und im Nachhinein ist das vielleicht der Teil der Geschichte, der mich am meisten bewegt hat, weil ich mich selbst darin erkenne , weil ich im Grunde und irgendwie und doch ganz sicher davon ausgehe, dass Gott mit dieser Welt nicht fertig ist, dass er noch was vor hat, und dass er dazu diese Kirche und an irgendeiner kleinen Ecke auch mich gebrauchen kann. Und dann kommt irgendeiner mit einer neuen Statistik über sinkende Kirchensteuereinnahmen, steigende Austrittszahlen, über den demografischen Wandel, und ich gerate in diesen Sturm von Ziffern und Zahlen und stehe da wie das Kaninchen vor der Schlange, ersticke in Statistik und lerne die falsche Mathematik, bei der ich mich immer verrechne, weil wir die Rechnung ohne den Wirt machen, wenn wir nicht damit rechnen, dass mit Gott zu rechnen ist. Und aus dem Verrechnen wird dann ganz schnell ein Verrennen. 
Und da tut es mir gut, wenn mir diese Frage gestellt wird, manchmal tun das auch Gemeindeglieder, manchmal auch ganz fremde Menschen: Warum hast Du Angst? Hast Du immer noch keinen Glauben? 
Denn dann wird es mir aufs Neue bewusst: Wunder geschehn, und ich bin dabei, heute oder morgen können sie geschehn, aber wenn sie Dir begegnen, dann musst du sie auch sehn. 

Zum Beispiel letztens hier in der Kirche: Im hektischen Aufbrechen und Ineinerreiheaufstellen nach dem Grundschulgottesdienst kommt ein Zweit- oder Drittklässler nach. Er druckst ein bisschen rum und sagt leise dann: "Ich brauch eigentlich heute ein bisschen mehr Segen. Ich geb meinen ganzen nämlich meinem Cousin, der ist ganz schwer krank." Vier Mädels, wahrscheinlich aus der Klasse über ihm, bekommen das mit. "Dann kriegst Du unseren auch", kräht die eine, sie nehmen ihn in die Mitte, legen ihm die Hände auf Kopf und Schultern, und eine sagt: "Gott segne Dich. So!" "Amen heißt das", zischt eine andere, "jetzt war das doch falsch..." "Hat auch so geklappt. Danke", sagt der Junge und rennt raus. 
Und solche Momente wiegen mehr als die Zahlen, auch, wenn man sie nicht in Statistiken erfassen kann. 

Wer ist er eigentlich, dieser Jesus? Er ist auch der, der meine Zweifel hört und heilsam meinen Alltag stört. Der hier und da ein Wunder und Geschmack fürs Unendliche schenkt, meinen Blick zum Himmel lenkt, wann immer er sich denkt, dass ich das gerade brauch – und meistens hat er damit recht. Wer ist er eigentlich, dieser Jesus? Das alles, und noch viel mehr. Und ich weiß nur eins: Man wird nicht schlauer nur als Zuschauer. Nicht, wenn man am Ufer bleibt. Amen.

Freitag, 31. Januar 2014

Literarisches Goldstück zum Thema "Langweilige Sitzungen"

Pünktlich zum casual friday gefunden, und zwar im Knigge für Pastoren von Will Praetorius, 1963 erschienen im Presseverlag der EKiR.
Unter dem Stichwort "Umgang mit Amtsbrüdern" heißt es zum Thema "Sitzungen":
"Wir alle kennen Sitzungen, in denen eine gereizte Atmosphäre herrscht, in denen Unsinn für Sinn gehalten und Weisheit als mangelnde Klugheit und Entscheidungskraft beurteilt wird. Da muß man ertragen lernen. Am schlimmsten sind bekanntlich langweilige Sitzungen, in denen man die Wände hinaufgehen möchte. Vielleicht ist es ein Kennzeichen guter Erziehung, wenn man es versteht, sich mit Anstand zu langweilen."


Dienstag, 28. Januar 2014

"Erstmal Opferlamm!" - Eindrücke vom Poetry-Slam-Workshop (Predigtpop I)


Als predigender Mensch sollte man den Kontakt zu Leuten suchen, die sich auf hohem Niveau mit Sprache beschäftigen. Gestern war dazu mal wieder die Gelegenheit, und zwar im Rahmen eines Poetry-Slam-Workshops zusammen mit fünf Kolleg_innen aus Düsseldorf. Dabei ging es nicht nur um zweckfreies Fortbildungsinteresse, sondern war gleichzeitig ein Instant-Trainingslager für den ersten PreacherSlam in NRW (Infos siehe unten), bei dem wir in zwei Wochen dabei sind und unter dem Motto "Schöpfung und Evolution" gegen die deutsche Poetry-Slam-Oberliga antreten. Juhu. Ich bin ja seit einem überaus demütigenden Erlebnis mit prominentem Besuch bei uns im Judo-Verein anno 1993 zurückhaltend, was das Sparring mit deutschen oder sonstigen Meistern im größeren Stil anbelangt... Aber das vergessen wir ganz schnell wieder, und ich bin guter Hoffnung, dass wir eine reelle Chance haben. Immerhin haben manche von uns länger studiert als die meisten Profislammer alt sind - das muss sich doch irgendwie lohnen! In einer früheren Auflage dieses pastoral-laikalen Dichterwettstreits unter schöpfungstheologischen Vorzeichen Anfang des letzten Jahres in Hannover hat dann auch gleich eine Theologin gewonnen - das Video der großartigen Christina Brudereck lässt mich allerdings vor Neid erblassen und fragen, ob das wirklich so eine gute Idee war, bei diesem Slam mitzumachen. Aber ums Gewinnen geht es ohnehin nicht, belehrt mich unser Referent Jan-Philipp Zymny, seines Zeichens tatsächlich deutscher Meister, und wirkt dabei so entspannt, dass ich es ihm tatsächlich glaube. Fast. Doch, eigentlich schon. Aber nun denn - worum geht es eigentlich? 

Slampoetry, Poetry Slam - weg vom Wasserglas und rein ins Zeitlimit!

Das Format Poetry Slam stammt aus den USA und ist dort, wie der Zymny erklärt, als Alternative zu den klassischen "Wasserglaslesungen" entstanden, bei denen junge und nicht mehr ganz so junge Literaten das Publikum mit ihren Texten beglücken. In Deutschland, wo man nunmehr nach dem Mutterland die weltweit zweitgrößte Poetry-Slam-Szene findet, hat man sich auf relativ fest umrissene Eckpunkte geeinigt: Vorgetragen werden ausschließlich selbstgeschriebene Texte im engen zeitlichen Rahmen von wahlweise fünf oder sechs Minuten. Requisiten sind nicht erlaubt, die Slammer_innen arbeiten nur mit dem eigenen Körper und vor allem der eigenen Stimme. Dabei wird recht schnell deutlich, dass es Grenzfälle gibt: Verkleidungen sind nicht gern gesehen, gesungen wird nur kurz, abschnitts- und zitatweise. Anmoderationen werden nicht zum eigentlichen Votrag gerechnet, sie sind aber wichtig, um eine Beziehung zum Publikum aufzubauen - außerdem soll es Untersuchungen geben, die besagen, dass Zuhörer_innen sich nie an die ersten paar Sätze eines Votrags unterhalten können, weswegen man nicht mit dem hart erarbeiteten Text anfängt. Die Wertung nimmt das Publikum vor: Für jeden Vortrag werden sieben Anwesende ausgesucht, die ihn mit Punkten von 0-10 bewerten. Um den Einfluss allzu parteiischer Wertungen möglichst gering zu halten, werden jeweils die höchste und die niedrigste Punktzahl außer Acht gelassen. Eine Regel gilt übrigens auch für das Publikum: Respect the poets - das bedeutet zum Beispiel, dass es immer einen Höflichkeitsapplaus gibt. Und dass die Zuhörer_innen nicht reinquatschen. All das kann man auch ausführlichst bei wikipedia nachlesen. 

Wenn ich diese zunächst rein formalen Punkte mit unserer Predigtpraxis vergleiche, fallen mir, je länger ich darüber nachdenke, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf. Ein Unterschied ist natürlich die Zeit - noch wird uns die gute Viertelstunde zugestanden. Und wir dürfen freier mit dem Material von Kolleg_innen umgehen - die Predigtideen anderer Leute zu übernehmen und damit auf die Kanzel zu gehen, ist ausdrücklich erlaubt. Der Wettbewerbscharakter, die formalen Regeln, all das scheint zunächst den Poetry-Slam von der Predigt zu unterscheiden. Der Unterschied liegt aber meiner Meinung nach höchstens darin, dass die Regeln im einen Fall ausgesprochen sind, im anderen Fall stillschweigend vorausgesetzt werden können: Natürlich vergleichen Gemeindeglieder die Predigten verschiedener Prediger_innen, und natürlich spielen dabei auch persönliche Sympathien eine Rolle. Bei einem Stichwort halte ich mich dann doch länger auf und komme ans Nachdenken: Respect the poets. Die Slammer_innen bekommen einen Höflichkeitsapplaus, allein aus dem einen Grund: Weil sie sich trauen, auf die Bühne zu gehen. Diese Haltung finde ich eigentlich auch im Gottesdienst angemessen - gebe aber auch zu, dass ich mich als Predigthörer selbst daran erinnern muss. Respect the poets lässt sich aber auch als Aufforderung an die Mitstreitenden verstehen. Auch das ist mir sympathisch.

Was mir auch noch durch den Kopf geht, ist die Frage nach den Anmoderationen. Als Pfarrer_innen haben wir es da leichter und schwerer zugleich, denn bei uns ist die Predigt nicht unsere erste Wortmeldung im Gottesdienst, und wir haben geprägte Formeln und Wendungen zur Verfügung. Ich frage mich allerdings, ob liturgische Grüße in einer tradierten Sprachform tatsächlich noch als Begrüßung verstanden werden - auch wenn eine captatio benevolentiae, mit der man sich des Wohlwollens seiner Hörerschaft versichert, seit der Antike in jeder Rede, jedem Brief buchstäblich zum guten Ton gehört, muss man ja nicht zwingend antike Formulierungen verwenden. Auf der anderen Seite kennt man natürlich das andere Extrem, das belanglose Geblubber, mit denen in Gottesdiensten Spannungsbögen zerkloppt werden - unser Referent warnt uns wohl nicht ganz ohne Grund, die Anmoderation nicht zu zerreden. Mehr zum Thema "Liturgische Moderation" hat übrigens Harald Schroeter-Wittke in PTh 99 (2010) geschrieben. 

Von geschriebenen und gesprochenen Wörtern: Text und Performance

Die Herkunft des Poetry Slam aus Literaturlesungen scheint bedeutsamer, als im ersten Moment gedacht, denn unser Referent spricht durchgängig und mit großem Respekt vom "Text". Diese Hochschätzung des literarischen (Zwischen-)Produkts überrascht mich, weil sie quer steht zu einer Tendenz in manchen Teilen von Kirche und Theologie, das Predigtmanuskript per se für ein Übel zu halten. (Wer tiefer in die Debatte einsteigen will, dem sei die Streitschrift von Alexander Deeg, Christian Stäblein und Michael Meyer-Blanck ans Herz gelegt.) Das hat seinen wahren Kern: Es gilt das gesprochene Wort, und man merkt es einer Predigt oft auf unangenehme Weise an, wenn beim Formulieren nicht bedacht wurde, dass der Text auch noch zu Gehör gebracht werden muss. Beim Workshop wird deutlich, dass es sich hier um zwei zwar aufeinander bezogene, aber doch separate Arbeitsschritte handelt: Der Text mit einer eigenen Dignität, der dann aber zur Performance drängt. Und die wiederum ist abhängig von ihrer literarischen Vorlage - "was hilft dem Text am Besten?", oder, pädagogisch gesagt, "form follows function". Dabei wird nicht verschwiegen, dass ein tendenziell eher schlechterer Text durch eine gute Performance deutlich gewinnen kann - und umgekehrt. Das kann man finden, wie man will, aber es ist nunmal einfach so und zeigt, dass die Trennung von Form und Inhalt gar nicht scharf ist, wie wir immer tun oder es gerne hätten.

Was ich fürs Erste mitnehme:
 
 

Den letzten Satz hat unser Referent uns mitgegeben, als wir innerhalb einer halben Stunde eigene Texte vorbereiten sollen, und er bezieht ihn auf Form wie Inhalt gleichermaßen.
Am Abend komme ich nach dem Kurztraining nicht unbedingt weniger aufgeregt, aber ermutigt nach hause. Ich bin gespannt, wie die Poetry-Slam-Experience weiter geht - vielleicht sehen wir uns live am 9.2.? Und: Ich bin "angefixt" im Blick auf mein eigenes Predigen, fühle mich bestärkt und herausgefordert von diesen klugen, kreativen und engagierten Menschen, die ihre Texte unters Volk bringen wollen. Und ich freu mich, nach fast einem Monat Kanzelurlaub, total auf die nächste Predigt! Und allein dafür lohnt es sich. 



Achso, wer sich über den fachtheologisch anmutenden Titel wundert: Das "Opferlamm" ist ein Beitrag, der am Anfang eines Slam-Abends das Publikum in Stimmung bringen soll. Der läuft außerhalb der Wertung - hence the name.

Samstag, 25. Januar 2014

Predigtpop - eine kleine Themenreihe für größere homiletische Referenzrahmen


Das Predigen ist eine "Kunst unter Künsten", findet Martin Nicol im Rahmen seiner zu Recht viel beachteten dramaturgischen Homiletik. Mhhm, denke ich. Einerseits: Ja, das ist sicherlich richtig, und es gibt viel zu entdecken. Allerdings ist mir auch Kristian Fechtners Ansatz äußerst sympathisch, Predigt und Gottesdienst als Kunsthandwerk zu denken. 

Wenn man die Beispiele, die Nicol in seinen Büchern zur dramaturgischen Homiletik anführt, ernst nimmt, dann ist andererseits aber auch klar, dass die Predigt unter manchen Kunstformen eher zuhause zu sein scheint als unter anderen: Nicol geht es um DOGMA-Filme. Bach-Fugen und die unvermeidlichen Goldberg-Variationen. Miró-Skulpturen. Und dergleichen, es wird jedenfalls relativ deutlich: Homiletische Kunstgriffe lernt man am Besten in Programmkinos, beim Schlendern durch einen Skulpturenpark, in der Konzerthalle, beim jazzuntermalten Fingerfoodnaschen auf Ausstellungseröffnungen, während eines arte-Themenabends oder beim Blättern im Feuilleton.

http://idealcoffee.ca/files/2013/08/coffee-snob-you-say.jpg
Bild: idealcoffee.ce

Dagegen ist zunächst einmal überhaupt nichts zu sagen. Nur: Bei den Kunstformen, denen gemeinhin eine homiletische Verwertbarkeit zugestanden wird, handelt es sich um einen äußerst schmalen und von persönlichen Präferenzen der Predigenden bestimmten Ausschnitt aus dem gesamtkulturellen Angebot. Und hier liegt, glaube ich, ein Problem: Denn es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Mensch, der mit dem neuesten filmischen Meisterwerk von Lars von Trier schlichtweg nichts anfangen kann, sich von einer Predigt mitreißen lässt, deren Sprache und Struktur sich genau daran orientieren und die sich sich eine Ästhetik zum Maßstab nimmt, die vielen Predigthörenden nicht zugänglich ist. Das ist kein kleines Problem, denn: Ob Kunst oder Handwerk - die Predigt ist auch immer und vor allem Dienst, und zwar ein Dienst an den faktisch in der Kirche Anwesenden. Nicht an denen, die sich Prediger_in als Gesprächspartner für einen netten Abend bei einem schönen Glas Rotwein und einem guten Käse wünschen würde. Es gibt Gemeinden, in denen das deckungsgleich ist. Dann: Yippie! 

Bild: ebay.de
Was aber, wenn sich die Gottesdienstgemeinde am Sonntag oder, vielleicht eher, bei einer Kasualie überwiegend aus Menschen zusammensetzt, die mehr Helene Fischer als Heinrich Schütz hören, eher den Landarzt als Dogville gucken und sich lieber ein Poster mit einem Delfin als einen Chagallnachdruck übers Sofa hängen? Deren Esszimmerwand kein schlichtes, aber elegantes Kreuz, sondern ein großes "LOVE" aus totaaal süß bemalten Holzbuchstaben ziert? Die in der Küche einen Fernseher stehen haben? Die in einer sonntäglichen Predigt nach zwei Minuten wegknicken, aber Mario Barth (hier verläuft meine persönliche Schmerzgrenze und Ekelschranke) zwei Stunden zuhören? Es dürfte klar sein, was gemeint ist.

In der nächsten Zeit werden hier bei den Kirchengeschichten also Kunstformen ausgesprochen populärer Kultur auf ihre homiletische Verwertbarkeit hin abgeklopft, sprich: Ich gucke Schlagertextern, Comedy-Writern, StandUp-Komikern und Poetryslammern über die Schulter und versuche, für meine Predigtpraxis etwas mitzunehmen. Da die meisten Texte quasi schon fertig sind, kann ich das Fazit ja verraten: Ich finde, wir müssen unsere homiletischen Referenzrahmen erweitern. Das hat durchaus etwas Politisches, denn damit verbunden ist die Frage, welchen Milieus eigentlich die Deutungshoheit über kirchliches Leben und Handeln zusteht.

Wer sich über die kulturpolitische Forderung hinaus für homiletisches Handwerkszeug interessiert und wissen will, was Schlagertexter, Stand-Upper und Poetry-Slammer zur Predigt beitragen können - ab nächster Woche geht's los!

Donnerstag, 23. Januar 2014

Heute mal mehr Segen

Im hektischen Aufbrechen und Ineinerreiheaufstellen nach dem Grundschulgottesdienst kommt ein Zweit- oder Drittklässler nach. Er druckst ein bisschen rum und sagt leise dann: "Ich brauch eigentlich heute ein bisschen mehr Segen. Ich geb meinen ganzen nämlich meinem Cousin, der ist ganz schwer krank." Vier Mädels, wahrscheinlich aus der Klasse über ihm, bekommen das mit. "Dann kriegst Du unseren auch", kräht die eine, sie nehmen ihn in die Mitte, legen ihm die Hände auf Kopf und Schultern, und eine sagt: "Gott segne Dich. So!"
"Amen heißt das", zischt eine andere, "jetzt war das doch falsch..."

"Hat auch so geklappt. Danke", sagt der Junge und rennt raus.
 
(c) Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de
Eine erzählte Version von der Heilung des Gelähmten (Mk 2), darauf aufbauende Fürbitten, eine kurze erklärende Hinführung zum Aaronitischen Segen. Und halt Heiliger Geist. Das war eigentlich alles. So. Äh - Amen.

Mittwoch, 8. Januar 2014

Der Winter, der Hitzlsperger, die Kosten, der Nutzen, das Schweigen der Lämmer

Es dauert ja noch einen Monat, aber ich habe schon entschieden: Ich werde die Olympischen Spiele in Sotschi boykottieren. Jawoll, basta aus! Der Fairness halber muss ich dazu sagen, dass das wahrscheinlich keine Nase interessiert, weil meine Einschaltquote ohnehin nicht gezählt wird. Und ich muss zugeben, dass mir das nicht sonderlich schwer fällt, denn ich wüsste nichts, was ich langweiliger fände als Wintersport im Fernsehen. Das Testbild vielleicht, aber das gibt es ja so gut wie gar nicht mehr. Wie gesagt, es kostet mich nicht viel, mich hier heroisch zu zeigen.

(c) brash.de

Unterm Strich wird es auch den ehemaligen Amtsbruder Joachim Gauck wenig kosten, ihm aber viel einbringen, dass er nicht nach Sotschi fährt - auch, wenn das ausdrücklich nicht als Boykott zu verstehen, sondern allein protokollarischen Gründen geschuldet sei. Laut einer Stern-Umfrage finden das trotzdem 65% der Befragten richtig super. Aber den eigenen Unmut über das, was auch immer der Putin da drüben in Russland wieder anstellt, öffentlich zu machen, dürfte wiederum einen Teil dieser Befragten weitaus weniger kosten, als etwa die Lebensgefährtin der eigenen Tochter so mir nichts, dir nichts zu akzeptieren. 


Kosten und Nutzen eben. Während diese Zeilen entstehen, poppt bei Facebook eine Meldung aus der ZEIT auf, von vier, fünf, sieben, zwölf, dreizehn Freunden in Windeseile geteilt: Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet, vier Monate nach dem Ende seiner aktiven Karriere. Ich habe das ZEIT-Interview noch nicht gelesen, teile die Nachricht aber natürlich auch brav. Weil ich meine Solidarität zeigen möchte, jaja. Und: Weil ich ein paar Leuten in meinem Freundeskreis gerne eine lange Nase mache, denn: Was hab' ich gesagt?! Mal ehrlich: So mutig das Outing ist, so wenig überraschend ist es unterm Strich. Das, was man von Thomas Hitzlsperger so in den letzten Jahren zu hören und zu lesen bekam, hat sich immer allzu sehr von dem entschieden, was die allermeisten Fußballer sonst absondern. Nicht nur quantitativ, im Blick auf die Anzahl der Wörter pro Satz und dergleichen. Sondern auch qualitativ, weil Hitzlsperger immer ein Maß an Nachdenklichkeit an den Tag gelegt hat, über das nicht verfügt, wer nicht einmal einen komplizierteren biografischen Bruch verarbeiten musste. Das hätte natürlich auch eine lange Krankheits- oder Verletzungsgeschichte sein können, in dem Fall war es nunmal die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Identität in einem oft nicht nur latent homophoben Milieu. Hitzlspergers Entscheidung ist mutig, sie ist gut - sie kostet ihn dabei nicht ganz so viel wie seinerzeit Anton Hysén oder einen anderen Spieler, der auf dem Höhepunkt oder, noch schwieriger, am Anfang seiner Karriere steht. Aber immer noch genug - und ihr Nutzen wird, so Gott will und wir leben, relativ hoch sein, weil aktive Spieler, die vor derselben Entscheidung stehen, die vielen, vielen Solidaritätsbekundungen wahrnehmen: Die Sportschau, die das Interview kurz und knapp mit "Respekt!" verlinkt, die 7.500, denen das gefällt und die die wenigen Irren, die irgendwelche rassistischen oder einfach nur dummen, die Grenzen sind bekanntlich fließend, Sprüche ablassen, in die Schranken weisen. 

Kosten, Nutzen, da waren wir ja. Und bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi, die ich, wie alle Olympischen und sonstigen Winterspiele zuvor, boykottieren werde - nur eben dieses Jahr mit politischer Agenda, die ich auch theologisch begründe - ich könnte ja gar nicht anders: Weil Gott Gott ist, der Schöpfer allen Lebens und Bundespartner des Menschen, gehören menschliche Grundrechte zu den unaufgebbaren Voraussetzungen, die eine Gesellschaft erfüllen oder zumindest tatkräftig erstreben muss, wenn sie sich selbst als human bezeichnen und das ihr aufgetragene dominium terrae treu ausüben will. 

Im mittlerweile letztjährigen "Sommer ohne Loch" war Sotschi schon einmal Thema hier bei den Kirchengeschichten. In der Nachrichtenflaute, in der sich unter die üblichen Meldungen über Lieben und Leiden der C-Prominenz unter anderem auch die Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Russland mischten, fragte ich damals nach der Rolle der Sportbeautftragten der EKD und ihrer Gliedkirchen, die sich nun langsam aufmachen Richtung Sotschi, um den Athlet_innen seelsorglichen Beistand zu leisten. Das an sich ist sicher ein guter und wichtiger Dienst. Aber noch immer wartet man, bislang vergeblich, auf ein kirchenleitendes Wort zur Lage in Russland. Das extra zur Winterolympiade herausgegebene Begleitheft Mittendrin enthält ein paar geistliche Impulse, darunter auch ein paar sehr originelle und gut geschriebene Andachtstexte. 
Was man indes vergebens sucht, sind Stichworte wie "Menschenrechte", "Meinungsfreiheit", "Vielfalt". Offensichtlich will man die Athlet_innen in dieser angespannten Situation damit nicht belasten, was sicherlich gut gemeint, aber ein Irrweg ist: Denn die Kirche suggeriert damit, sie selbst sei unpolitisch - und versucht gleichzeitig, ob gewollt oder nicht gewollt, die Sportlerinnen und Sportler mit auf diese Ebene herunterzuziehen. Schade eigentlich, denn so drängt sich auch die Frage auf, ob das ganze Bohei um das Familienpapier im letzten Jahr doch nur ein Theaterdonner war, wenn es offensichtlich nur darum geht, die eigene Anschlussfähigkeit an den humanwissenschaftlichen Diskurs der letzten Jahre zur Schau zu stellen, ohne die sich dabei aufdrängenden Konsequenzen für die eigene institutionelle Lebenspraxis zu ziehen. Kostet nicht viel, sowas. Nützt aber auch nichts.