Sonntag, 3. November 2013

Fernsehpfarrer im Realitätscheck (I)

Ob dem deutschen Fernsehen wieder eine "Geistlichenschwemme" bevorsteht? So nennt das Fernsehlexikon das Phänomen des gehäuften Vorkommens evangelischer Pfarrer_innen und ihrer Familien in den 1980erjahren, angestoßen von Robert Atzorns stil- und genrebildender Performance. Den möglichen Grund für den Erfolg fasst Heike Huppertz in  der FAZ ganz treffend zusammen:
Das Pfarrhaus aber war und ist ein dankbarer Ort für Familienserien. Ein Ort, an dem Werte ventiliert werden (können), das Familienleben ein Muster für das Gemeindeleben abgibt und kleine und große Konflikte des Zusammenlebens auf gemeinschaftsstiftende Art zu verhandeln sind.
Am Samstag war es Zeit für einen neuen und von immerhin 14% der Zuschauerinnen begleiteten Anlauf auf den familienfreundlichen Tatort Dienstwohnung; mit der Neuproduktion "Herzensbrecher" wird das ZDF zumindest an den nächsten neun Samstagen also Bilder pastoraler Qualitätsarbeit ins Land senden, die dem einen oder der anderen von uns irgendwie, irgendwo, irgendwann wieder begegnen werden, weil sie für viele Menschen die einzige Informationsquelle über den doch recht exotischen Beruf darstellen. 



Bei Ärzteserien ist der Faktencheck gang und gäbe, deswegen halte ich mich gar nicht lang beim Inhalt auf (den hat Heike Huppertz ganz treffend zusammengefasst: "[...] im Positiven wie im Negativen nichts Überraschendes").
Stattdessen soll es darum gehen, wie realistisch der Berufsalltag eines Pfarrers im Rheinland (laut Senderinformationen spielt das Ganze in Bonn) und das Leben in einer evangelisch-landeskirchlichen Gemeinde dargestellt werden. Viel Spaß also beim Fernsehpfarrer im Realitätscheck! Die ganze Folge gibt es übrigens in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Exposition, oder: Was macht ein Pfarrer eigentlich vor dem Gottesdienst?


Was Kolleg_innen am Morgen vor dem Gottesdienst machen, ist sehr verschieden. Manche stehen um 5 Uhr auf, um ihre Predigt fertig zu schreiben, andere gehen nochmal joggen oder machen Atemübungen, wieder andere, so wie ich, frühstücken ein bisschen schneller als sonst, weil sie noch ein ungeknicktes Beffchen suchen müssen. Bei Pfarrer Tabarius (der latinisierte Name signalisiert alte Bildungselite) ist das anders: Dessen Wecker klingelt, und in dem Moment, in dem er ihn ausstellt und sich im Bett nochmal umdreht und man die Umzugskartons im Hintergrund sieht, weiß man: Das geht schief. Die jüngsten Söhne kommen zum Toben, bis der älteste Sprössling fertig angezogen die Familie zur Eile mahnt. Der Pfarrer findet seine schwarzen Schuhe nicht und trägt deshalb zu Stola und Albe Jeans und Sneakers (diese wenigstens farblich passend zur Albe, dazu später mehr).
Der zweite Teil der Exposition spielt in der "Heilandkirche", wo sich die skeptische Presbyteriumsvorsitzende (man ahnt die Hauptantagonistin der Serie) und der eigens angereiste Superintendent über den Verbleib des neuen Kollegen wundern, der doch wohl hoffentlich nicht seinen "Einführungsgottesdienst" verschlafen haben wird..?

Wie realistisch das ist? Nicht sehr. Natürlich kommt es vor, dass Pfarrer_innen sonntags verschlafen. Vielleicht eine handvoll Mal in vierzig Dienstjahren, und dann bestimmt nicht zur Antrittspredigt. Die findet nämlich an diesem Morgen statt, und kein "Einführungsgottesdienst". Der hat einen ganz eigenen Ablauf und ist für Außenstehende vor allem an der beliebten Pinguinparade erkennbar - weil Superintendent und Kolleg_innen allesamt in Amtstracht aufmarschieren. Immerhin: Schauspieler und Scriptschreiberinnen haben Vokabeln gelernt und verwenden kirchliches Spezialvokabular. Eine Kleinigkeit noch: Tabarius wechselt von Plettenberg nach Bonn. Wer nordrhein-westfälische Kirchengeografie kennt, weiß, dass auch das nicht so einfach ist. Denn Plettenberg liegt im Sauerland, das bekanntlich zur Evangelischen Kirche von Westfalen gehört, während man sich in Bonn landeskirchlich wie mentalitätsmäßig unzweifelhaft im Rheinland befindet. Und so ein Wechsel geht nicht von heute auf morgen. Aber das nur am Rande.

Der Gottesdienst


Nachdem der Pfarrer endlich eingetroffen ist und auf den Kommentar des Superintendenten zu seiner Beschuhung mit einem geschickt gewählten Bibelzitat (1Sam 16,7) gekontert hat, kann der Gottesdienst beginnen, und zwar in der Mitte: Pfarrer Tabarius tut so, als läse er von der Kanzel Johannes 14 (schon die zweite Jahreslosung innerhalb weniger Minuten) aus der Lutherbibel vor, pfuscht allerdings in die 1984er Revision ein paar archaische grammatische Formen ("glaubet") rein, damit die Zuschauer_innen auch akustisch registrieren: Hier wird aus der Bibel vorgelesen. Dann klappt er die Bibel zu, verlässt die Kanzel und erzählt ein bisschen von sich: Dass er in Albe und Stola (wieder: die Vokabeln sitzen!) vor die Gemeinde trete, weil er ja Dinge gerne anders mache und sich nicht verstellen werde, dass "dieses Gotteshaus und damit mein Ohr" ab jetzt für jeden offen stünde und er zu spät zum Gottesdienst gekommen sei, weil Familienorganisation eben nicht einfach ist. 

Wie realistisch das ist? So halb und halb. Ein paar Sachen stimmen nicht, das verrät der ersten Blick in den Kirchraum: Das Durchschnittsalter der versammelten Gottesdienstgemeinde dürfte bei etwa Ende Dreißig liegen - für einen Sonntagmorgen ist das überaus ungewöhnlich. Außerdem sitzt der Küster meistens hinten. Dass die liturgischen Farben wild durcheinander gehen, ist zwar streng praktisch-theologisch gesehen falsch, aber keine Seltenheit. Was das Gerede angeht, bin ich mir nicht so sicher. Natürlich ist es unrealistisch, dass jemand bei seiner Antrittspredigt spontan die Eingebung hat, irgendetwas über sich zu erzählen. Das denkt man sich schon vorher und baut es in die Predigt ein. Die programmatische Grundsatzerklärung, ein "Pfarrer zum Anfassen" sein zu
wollen, ist wiederum so klischeebeladen und phrasenschwer ("auch und gerade!"), dass man fast befürchten könnte, die Drehbuchautoren seien regelmäßige Kirchgänger und würden aus Erfahrung schreiben. Immerhin: Der Kollege entschuldigt sich für und begründet sein Zuspätkommen. Das ist auch im wirklichen Leben guter Stil. Dass Menschen nach einer Predigt klatschen, kommt vor - das sind aber in den seltensten Fällen ausgerechnet die Pfarrerskinder, die in der Kirchenbank sozialisiert werden. Ein angemessener Kommentar zur "Predigt" kommt von der schmallippigen Prebyteriumsvorsitzenden ("Bisschen viel "Ich" in der Predigt!"), wird aber natürlich von einem engagierten Gemeindeglied (die großartige Schwester Sabine aus Doctor's Diary) sofort zurückgewiesen.

Das Leben im Pfarrhaus


Der Männerhaushalt in der Tabariusschen Dienstwohnung ist, natürlich, eine sympathische Mischung aus ganz doller Liebe und babylonischem Urchaos. Und natürlich haben seine allesamt nach biblischen Vorbildern benannten Söhne mit altersspezifischen Problemen zu kämpfen: Der 20jährige Lukas, Medizinstudent, würde gern ins Studierendenwohnheim ziehen, muss aber natürlich zuhause die Stellung halten. Thomas, 17, ist ein stilles Wasser und hat es laut Programminfo "als ruhigerer Mensch gar nicht so leicht, sich zu behaupten." Johannes ist 13 und rebelliert pubertätshormongesteuert gegen zu viel Nähe im Pfarrhaus und besteht auf der Exklusivität seiner Zahnbürste. Und der sechsjährige Jakob ist, wie alle Sechsjährigen im Vorabendfernsehen, furchtbar niedlich und tut mit seinem Kindermund/ manch unerwünschte Wahrheit kund. Natürlich sind alle mit der neuen Situation überfordert, aber das ist nicht nur normal, sondern auch gewollt. Als Pfarrer Tabarius während einer psychotischen Episode seiner epiphanös daherkommenden verstorbenen Ehefrau sein Leid klagt ("Ich gehe so vollkommen in meinem Beruf auf... Ständig kümmere ich mich um andere, nur nicht um..."), beruhigt sie ihn: "Das ist dein Beruf. Und das wissen die Jungs auch."


Wie realistisch das ist? Nun ja. Das älteste Kind, nach dem Tod eines Elternteils zur Übernahme altersuntypischer Verantwortung gedrängt, das pubertäre Aufbegehren gegen Verletzungen der Intimsphäre, all das sind ja keine Phänomene, die man nicht schon gesehen hätte. In einer hübschen Szene, die beim Kirchkaffee spielt, kommt eine gut im Futter stehende  Stütze der Gemeinde auf die beiden jüngsten Kinder zu und wuschelt dem Kleineren ungefragt durch die Haare. Die beiden wissen sich zu verteidigen ("Hey, anfassen verboten!" - "Füttern aber erlaubt!"), aber die kleine Szene erinnert mit der nicht selten ungenierten Übergriffigkeit der Gemeinde gegenüber den Pfarrerskindern doch an ein ernstes Thema. Auch die quasi-religiöse Legitimierung (in dem Fall durch den Geist der Ehefrau) solcher Grenzüberschreitungen ist nichts Unbekanntes. Und dass "Beten" irgendwo zwischen Selbstgespräch und der Zwiesprache mit Verstorbenen anzusiedeln ist, ist zwar nicht unbedingt durch evangelische Dogmatik gedeckt - aber machen Sie mal eine Passantenbefragung zu dem Thema...

Arbeitsstil und Gemeindeleben


Neue Besen kehren gut, sagt sich der Herr Pfarrer. Stellt auf eigene Faust eine Gemeindesekretärin ein und gerät darüber natürlich mit der Presbyteriumsvorsitzenden aneinander, die dem alten Pfarrer hinterhertrauert und gern die Ehrenamtlichkeit ihrer Tätigkeit betont. Pastor Tabarius hält mit prophetischem Tremolo in der Stimme dagegen, dass zum Glauben auch Handeln gehört, und begegnet dem nicht ganz aus der Luft gegriffenen Vorwurf der Selbstherrlichkeit, indem er seiner Vorsitzenden unterstellt, sie sei frigide, und drohend hinzufügt, dass er nicht so immer so nett sei, wie er wirke. Auf jeden Fall wird den Zuschauenden deutlich: Die beiden werden bestimmt noch öfter in die Haare kriegen.

Wie realistisch das ist? Auch so halb und halb, würde ich fast sagen. Pfarrer Tabarius und seine Vorsitzende Frau Abels inszenieren letztlich einen Konflikt, der lange Zeit ein Deutungsmuster der Kirchengeschichte gewesen ist: Den Antagonismus zwischen Amt/Institution und Charisma. Ob und inwieweit der seine Berechtigung hat, sei mal dahingestellt. Natürlich geraten Pfarrer und Vorsitzende mal aneinander, und oft geht es dabei um Geld oder Verwaltung. Und sicherlich gibt es auch Mitarbeitende, die ihr unentgeltliches Engagement wie einen Bauchladen vor sich hertragen. Ebenso wie Pfarrer, die im Alleingang umwälzende Entscheidungen treffen. Aber: Kein Pfarrer kann auf eigene Faust eine Stelle, die noch nicht einmal beschlossen ist, besetzen. Zum Glück nicht. Und diakonische Arbeit ist immer noch eine der wichtigsten Motivationen für Menschen, sich zur Kirche zu halten - das gilt auch für Aspiranten auf einen Sitz im Presbyterium, sogar für Vorsitzende.

Unterm Strich?

Früher habe ich mich als erklärter Krankenhausserienfan über befreundete Mediziner gewundert, wenn sie sich, zum Mitgucken gezwungen, unter Stöhnen auf der Fernsehcouch wanden. Ein bisschen kann ich sie jetzt verstehen, auch wenn der Pastorenalltag des "Herzensbrechers" nicht mehr und nicht weniger mit Klischees beladen ist als alle anderen Fernsehspiele aus dem Vorabendprogramm. Der adrette neue Herr Pfarrer wird an den Samstagabenden die Herzen so mancher Zuschauerinnen und Zuschauer bewegen, und auch wir werden uns Andreas Tabarius nicht ganz vom Hals halten können: Kai Witzel hat in seiner Dissertation die Auswirkungen von Arztserien auf die Erwartungshaltungen von Patienten untersucht. Im Interview mit der Pharmazeutischen Zeitung erklärt er: "Je häufiger Patienten diese Serien im Fernsehen sahen, desto eher gingen sie davon aus, dass der Arzt bei der Visite Händchen hält und hübsche Krankenschwestern dazu noch Kaffee servieren. Die heile Bilderwelt aus dem Fernsehen führe bei nicht wenigen Patienten zu einer Enttäuschung über den wirklichen Krankenhausbetrieb." Wer weiß, welche Erwartungen hier geschürt und im wirklichen Leben enttäuscht werden? Dass sie geschürt werden, darüber sollten wir uns keine Illusionen machen - auf einer Facebook-Fanpage des Hauptdarstellers kann man lesen:




Trotzdem: Als Kollege wäre der neue Fernsehpfarrer eine absolute Pest.

Kommentare:

  1. Ich wusste gar nicht, dass evangelisch auch so kompliziert ist. Eine weiße Albe habe ich bei einem ev. Pfarrer noch nie gesehen. Macht sich gut. Die Kommentare zum Blick auf die Gemeinde treffen ins Schwarze.

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    1. Doch, es gibt die Albe mit Stola auch in evangelischen Gottesdiensten; allerdings muss das vom Presbyterium beschlossen und der Gemeinde in angemessener Weise mitgeteilt werden, und es darf sozusagen nicht die Regel-Amtstracht werden, sondern sollte besonders festlichen Anlässen vorbehalten sein; die Regeln sind da verschieden. Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass der Wunsch nach anderer Gottesdienstkleidung mal stärker war, als er es jetzt ist. So ab 2000 dürfte das für ein paar Jahre mal ein Boom gewesen sein, aber mittlerweile scheint es wieder ein bisschen abgeflaut zu sein.

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  2. Super! ich habe das zwar nicht gesehen. Aber jetzt weiß ich, was mir entgeht und warum ich es mir ruhig entgehen lassen kann.

    Eine Frage: Kann es sein, dass dem Pfarrer auf der Kanzel nur die Revision von 1956 zur Verfügung stand?

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    1. Ich weiß leider nicht, welchen Wortlaut die 56er an der Stelle hat, aber in der Szene (im Film ist es deutlicher zu sein als auf dem Screenshot) ist definitiv die aktuelle 1984er-Ausgabe in schwarz. Ich halte es eher, wie oben angedeutet, für einen akustisches Mittel, tatsächliche oder vermeintliche Hörgewohnheiten der Zuschauenden zu aktivieren und deutlich zu machen: "Jetzt wird aus der Bibel gelesen, die ist ja ein altes Buch."

      Also, bei mir ist der Samstagvorabend jetzt definitiv gebucht! Das kann man sich ja kaum entgehen lassen - zumal es ja tatsächlich Vorstellungen sind, mit denen wir auf kurz oder lang konfrontiert werden, bzw. bei denen das jetzt schon der Fall ist - besonders innovativ ist das Pfarrbild ja nicht. Und hier wird ja auch fleißig weiter gecheckt ;-)

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  3. Interessant - aber es heißt "Evangelische Kirche von Westfalen" ... Viel Spaß beim weiteren Fernsehen ...

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  4. Ich hatte einen kurzen Moment überlegt, war aber zu faul zum Googeln... wird natürlich sofort berichtigt! ;-)

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  5. Der Artikel hat mir gefallen und Lust gemacht, der Serie eine Chance zu geben. Bei Schauen hat es mich jedoch geschüttelt, nicht gerührt. Zugegeben sind im Vorfeld Dinge besser recherchiert worden als in anderen Pfarrerserien/-filmen, aber im Ganzen stimmt da zuviel nicht.
    Allein schon die Autos. Hat man da den Fundus von Forsthaus Falkenau hergenommen?

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