Montag, 4. September 2017

Zukunftsgraffitti - Predigt über Jes 29,17-24

Nach urlaubs- und vor allem doktorarbeitsbedingter Pause endlich wieder ein bisschen Text. Die Predigt war für die Kanzel etwas gekürzt, hier gibt es die Langversion.

Es geht in die Vergangenheit, ein paar tausend Jahre zurück nach Jerusalem. Auf dem Marktplatz herrscht emsige Betriebsamkeit. Der neue Tempel erstrahlt in nie zuvor gesehenem Glanz, die Stadt ist wieder aufgebaut, unter viel Schweiß und Tränen. Aber die Erinnerung an das Exil wenige Generationen zuvor sitzt tief. Mit den Persern hat man sich irgendwie arrangiert, aber aus der eigenen Geschichte weiß jedes Kind, dass jeder Zeit ein neues Reich aus den Trümmern auferstehen und das kleine Volk Israel mühelos wie die Katze die Maus fangen kann. Noch schreckt man bei jedem lauten Geräusch auf, aber die Arbeit macht sich schließlich nicht von allein. Und so gehen sie ihrer Arbeit nach, die Handwerker bringen ihre Waren zum Markt, ein paar Gelehrte sind in tiefsinnigen Diskussionen versunken und einige Kinder spielen im Sand. Am Rand stehen die Bettler, die Blinden und Lahmen. 



Plötzlich betritt ein Mann die Szene. Ein paar Kinder fangen an zu kichern, ein paar Erwachsene blicken betreten zu Boden, ein paar Jugendliche feixen und sind gespannt, welche Show ihnen der Mann heute bieten wird. Er ist ein Prophet. In der Sprache der meisten Leute ist das ein nur wenig netteres Wort für „Störenfried" oder schlichtweg „Spinner". Den Propheten interessiert das wenig. Er stellt sich in die Mitte des Platzes - und beginnt zu malen. In großen Gesten schwingt er den Pinsel, und bald werden Einzelheiten erkennbar. An einer Stelle entsteht eine Landschaft: Ein zerklüftetes Hochbebirge, von gelbbraunen Steppen gesäumt, zwischen den schneebedeckten Gipfeln hindurch sieht man das Mittelmeer. „Das ist der Libanon", ruft einer aus der Menge, die Umstehenden nicken anerkennend. Das Nachbarland im Norden ist gut erkennbar, gerade zeichnet der Maler mit einem feinen Haarpinsel ein paar Risse in den staubtrockenen Boden. Er tritt einen Schritt zurück, betrachtet sein Werk, nickt, dann taucht er plötzlich den Pinsel in sattes Grün und macht sich noch einmal an der Landschaft zu schaffen. Ein paar schnelle Bewegungen, ein paar Tupfer hier, ein paar Striche da - ein Raunen geht durch die Menge, als der Maler den Blick auf sein Bild wieder freigibt. Der staubige Wüstenboden, die verschneiten Berggipfel - alles ist über und über mit leuchtend grünen Bäumen bedeckt. „Aber im Libanon wachsen doch gar keine Bäume", ruft ein Kind, die Menge raunt zustimmend. Einige schnauben verächtlich, machen eine wegwerfende Handbewegung und gehen wieder an die Arbeit. 

Den Maler interessiert das alles nicht, er schwingt den Pinsel weiter. Immer bunter wird das Bild, immer wilder und detailreicher: Ein dunkelgrüner Wald, dessen Wipfel im Wind zu flüstern scheinen, wo heute noch große graue Steine im brennenden Sonnenlicht schweigen. „Was soll das, das ist doch gar nicht echt", ruft ein Mann. „Wir haben wichtigeres zu tun, als uns irgendwelche Fantasiebilder anzugucken", ruft ein zweiter. „Meine Kinder glauben jetzt, der Libanon wäre ein riesiger Baumgarten, was soll das, denen solche Flausen in den Kopf zu setzen?!" schimpft eine Mutter und zieht ihre quengelnden Kinder mit sich. Immer mehr Leute wenden sich ab, nehmen ihre Werkzeuge wieder in die Hand und machen sich kopfschüttelnd wieder an die Arbeit. Die macht sich schließlich nicht von selbst, und bevor man sich Sorgen um irgendwelche Bepflanzungen im Libanon macht, hat man vor der eigenen Haustür noch genug zu tun. 

Die Übriggebliebenen rücken etwas näher, langsam werden Details sichtbar. Eine Szene am rechten Bildrand: Da sitzen Menschen im Tempel um einen Mann herum, der aus einer Buchrolle vorliest. Wenn man ganz nah herangeht, kann man sogar die Schrift auf der Buchrolle entziffern: Ich bin der Herr, Dein Gott, der Dich aus der Knechtschaft in Ägyptenland befreit hat... Der Anfang der Geschichte ihres Volkes. Ein paar aus der Menge seufzen, als sie leise die alten Worte vor sich hin sprechen. Eine schöne, eine aufregende, eine feierliche Geschichte. Auf dem Bild scheinen die Figuren an den Lippen des Vorlesers zu hängen. Mit großen Augen und gespitzten Ohren sitzen sie nach vorn gebeugt... Plötzlich geht ein empörter Aufschrei durch die Menge der Bildbetrachter. Eine junge Frau zeigt aufgeregt auf das Bild. „Den kenne ich", ruft sie. „Es ist der alte Jizchak, der Blinde, der immer am Stadtrand sitzt!" Diejenigen, die nahe genug dran sind, kneifen die Augen zusammen - und in der Tat, Einer der Menschen auf dem Bild trägt unverkennbar die Gesichtszüge des stadtbekannten Blinden - nur seine Augen sind offen und klar. „Hier sind noch mehr", ruft die Frau anklagend, und tatsächlich, in der Gruppe der Lesenden und Hörenden erkennen sie noch andere Blinde und Taube aus ihrer Stadt. Immer wieder werden Namen gerufen, doch diese gehen im wütenden Gemurmel der Volksmenge unter. „Was für ein Unsinn", ereifert sich ein reicher Handwerker. „Da lesen und hören Leute, die blind und taub sind. Das können die gar nicht, und in unserer Stadt geht es ihnen doch gut damit!“ „Und überhaupt - anstandslos ist das", schimpft eine ältere Schneiderin, „diese armen Leute mit ihrem Leiden in die Öffentlichkeit zu stellen!" Die Umstehenden nicken. Einer der Gelehrten der Stadt, ein Schreiber, schüttelt sorgenvoll den Kopf. „Das stimmt auch sachlich nicht", bemerkt er, „Taube und Blinde und Lahme dürfen nach dem Gesetz gar nicht in den Tempel." Plötzlich fasst ihn einer am Arm. „Hey, guck mal, Du sitzt auch mit den Tauben und Blinden da im Kreis!" Ungläubig geht der Gelehrte näher an das Bild- und tatsächlich, er erkennt seine eigenen Gesichtszüge auf dem Bild. „Frechheit", faucht er, steckt die Hände in die Taschen und eilt davon. 

„Liebe Leute", sagt ein anderer Gelehrter versöhnlich, „lasst den armen Maler doch in Ruhe. Es ist doch ein schönes Bild, und gerade die kleinen Leute, unsere armen und kranken Brüder und Schwestern, brauchen solche Bilder vom Himmel, in denen es ihnen besser geht." Er zeigt auf eine Stelle des Bildes, auf der die Armen der Stadt jubeln und ihre Hände zum Himmel erheben. Die Menge nickt zustimmend. Ein junger Mann legt die Stirn in Falten, schließlich fragt er: „Aber wenn das der Himmel sein soll - warum sind denn da keine Wolken auf dem Bild? Und keine Engel? Das sieht doch alles nach der Erde aus. Nur halt - anders als es jetzt ist." „Revolution", krächzt ein alter Bettler und schwingt seinen Stock. „Da haben wir's", ruft ein Großgrundbesitzer, „das bringt die Leute nur auf dumme Ideen. Wir haben gerade alles hier wieder aufgebaut, wir haben endlich wieder so etwas wie einen Alltag. Wir wollen Ruhe und Frieden!" Einige Leute klatschen. „Ich habe Besseres zu tun als mir solche Fantasien anzugucken", erklärt er und verlässt den Platz. Viele folgen ihm. „Hey, Du bist auch drauf", ruft ihm ein kleiner Junge hinterher. Die Wenigen, die noch übrig geblieben sind, gucken neugierig auf die neue Szene, die der Prophet in der Zwischenzeit gemalt hat. Tatsächlich zeigt eine Figur den reichen Großgrundbesitzer, doch er sieht ganz anders aus als der selbstbewusste Patriarch, den sie gerade haben weggehen sehen. Auf dem Bild steht er abseits, neben dem Stadttor, dem Ort der Gerichtsbarkeit. Beschämt senkt er den Blick. Im Stadttor, man erkennt ihn klar und deutlich, und einige der Beistehenden ziehen laut hörbar die Luft ein, im Stadttor steht jubelnd Binjamin, ein armer Kleinbauer, dem der reiche Großbauer erst vor einigen Wochen mit Hilfe einer juristischen Grauzone die Hälfte seines Landes abgeluchst hat. Der echte Binjamin, der in der hintersten Reihe steht, macht eine Faust in der Tasche und denkt: „Wenigstens einer hat‘s begriffen!" 

Ein phönizischer Händler hat das Ganze interessiert betrachtet. Religiöser Kitsch verkauft sich gut, aber das, was er da sieht, dürfte den Geschmack seiner Kunden kaum treffen. Und der Maler sieht nicht so aus, als könnte man ihn überreden, diese unschönen Szenen, vor allem diese Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, wegzulassen. Nein, erkennt er, hier gibt es nichts zu holen, was man den Leuten verkaufen könnte, und eilt zurück zum Hafen. Auch die übrig gebliebene Zuschauermenge zerstreut sich schnell. 

Einzig ein Töpfer, der sich selbst für ein wenig kunstverständiger als der Rest hält, bleibt noch zurück. Er tippt dem Propheten auf die Schulter, der gerade sein Werk betrachtet. „Was hat denn dein Bild jetzt für einen Titel?" fragt er. „Das Himmelreich?" Der Prophet lässt den Pinsel sinken und denkt eine Weile angestrengt nach. Dann lächelt er und schreibt in die Mitte des Bildes: „Nur noch eine kleine Weile..." Der Töpfer schüttelt den Kopf und geht zurück in seine Werkstatt. 

Machen wir einen Zeitsprung. Deutschland, 3. September 2017. Das Bild gibt es noch. Heute wird es landauf, landab in den Kirchen aus dem Keller geholt. Zum ersten Mal seit einigen Jahren. Es hat Staub angesetzt, Spinnenweben verdecken fast die Hälfte des Rahmens. Es gehört nicht zu den Bildern, die oft hervorgeholt werden, die man in den Kirchen gerne zeigt, auf Postkarten druckt oder bei Facebook und Twitter teilt. Gerade weil es so wenig greifbar ist, so unrealistisch, so unverkäuflich. Die Überschrift „Nur noch eine kleine Weile..." macht das Ganze etwas lächerlich, nach ein paar Tausend Jahren, deswegen hängt man das Bild mancherorts so auf, dass man den Titel gar nicht mehr sieht. Ein paar kunsthistorisch informierte Kommentare werden abgegeben, Mutmaßungen über den Maler und die von ihm benutzte Technik. Mit seinen groben Pinselstrichen und seiner simplen Farbgebung wirkt es fast wie primitive Höhlenmalerei oder wie eine naive Kinderzeichnung, vor allem neben den anderen Bildern, die daneben aufgehängt sind: Hochaufgelöste Digitalfotos von zerstörten Städten und Leichenbergen, bewegte Bilder von LKWs, die in Menschenmengen fahren - Bilder, die auf erschreckende Art daran erinnern, dass die Hölle auf Erden ausbricht, wenn Menschen im religiösen Wahn egal welcher Couleur versuchen, den, ihren Himmel selbst herbei zu holen. Nach einiger Zeit wird das Bild wieder abgehängt. 

Irgendwo in Deutschland steigt eine Küsterin auf die Leiter. Es ist schon Sonntagabend, sie ist nicht vorher dazu gekommen. Als sie das Bild von seiner Halterung lösen will, fällt ihr etwas ins Auge, es sieht aus wie ein Fleck. Irritiert kneift sie die Augen zusammen - und fällt vor Schreck fast von der Leiter! Irgendjemand hat auf dem Bild herumgeschmiert! Sie fasst sich an den Kopf, hätte sie das Bild doch vorher schon wieder sicher in den Keller gebracht. Sie geht noch ein bisschen näher ran. Unter der Titelzeile „nur noch eine kleine Weile" steht mit Filzstift geschrieben: „Bitte jetzt!!!", mit drei Ausrufezeichen. „Ja, das wär was", seufzt sie. Neugierig sucht sie das Bild nach anderen Kommentaren ab. Und tatsächlich. Über den begrünten Karmel hat jemand geschrieben: „Israel + Palästina = endlich Frieden." „Amen", denkt die Küsterin. Neben den jubelnden Armen steht: „Familie X. und alle Trauernden." In einer anderen Schrift, mit einem anderen Stift steht direkt daneben: „Danke!" Und ihr schießt ein Satz aus einem Bibeltext durch den Kopf: „Und die Fesseln seiner Zunge lösten sich... Die Sprachlosen macht er redend." Einen Moment lang überlegt sie, dann lächelt sie, halb verschwörerisch, halb verlegen, holt ihren Kugelschreiber hervor und setzt ihren Namen unter einen der Tauben, die Gottes Wort hören. Sie klettert von der Leiter herunter. Und das Bild kann ruhig noch eine Weile hängen bleiben. 

Was sehen wir, wenn wir uns das Bild anschauen? Nicht wahr? 

Nicht wahr, nur noch eine kleine Weile, dann verwandelt sich der Libanon in einen Baumgarten, und der Karmel wird dem Wald gleich geachtet. Und die taub sind, werden an jenem Tag die Worte des Buchs hören, und befreit von Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen. Und die Armen werden sich wieder freuen über den HERRN, und die Ärmsten der Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels. Denn es ist aus mit dem Tyrannen,und der Schwätzer ist am Ende, und ausgerottet werden alle, die auf Unheil aus sind, die in einer Rechtssache Menschen zur Sünde verleiten und dem, der sie im Tor zurechtweist, eine Falle stellen und den Gerechten mit Nichtigem verdrängen. Darum, so spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Haus Jakob: Nun wird Jakob nicht mehr zuschanden werden, und sein Angesicht wird nun nicht mehr erbleichen. Denn wenn er seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, wird man meinen Namen heilig halten,und man wird den Heiligen Jakobs heilig halten, und vor dem Gott Israels wird man sich fürchten. Und die irren Geistes sind, werden erkennen, was Erkenntnis ist, und die Nörgler werden lernen, was Einsicht ist.

Dienstag, 30. Mai 2017

Symphonie der Großstadt (IV): Tempo

Zweite Sequenz aus der Performance vom Kirchentag 2017 in der Parochialkirche. Hier gibt es mehr dazu, auch den Link zum Video. Der Text bezieht sich auf den vierten Akt von Ruttmanns Berlin - Sinfonie der Großstadt.

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde
und als aus Abend und Morgen der erste Tag wurde,
schuf er, quasi im Vorbeigehen,
ohne hinzusehen,
auch gleich die Zeit

- und er schuf leider viel zu wenig davon.
Und die Terminkalender wurden wüst und voll.
"Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes",
aber zum Glück weiß niemand,
wer die wohin gelegt hat. 
Wann sollten wir das denn noch schaffen?! 

PC ausmachen 
Schreibtisch abschließen 
Jacke im Gehen anziehen 
Feierabend!
Schnell jetzt…  nochmal zurück, 
die Autoschlüssel liegen noch in der Schublade 
PULS!
Wer rastet, der rostet 
sowieso 
aber jetzt musst du dich beeilen 
Du hast noch einen Termin 
Die Treppe runter 
in die Tiefgarage 
rein ins Auto, 
Schlüssel rein 
der Sicherheitsgurt 
kann bis zur nächsten roten Ampel warten 
Ab zur Schranke 
fummelst nach der Karte 
die Schranke hebt sich quälend langsam 
Du lässt den Motor aufheulen 
schießt die Rampe hoch 
auf der Straße eine Lawine aus Blech 
PULS!
Du trommelst auf dem Lenkrad herum 
dein Puls spielt Housemusik 
140 Beats per Minute 
Irgendwann im Mittelalter
waren es mal 70

aber 140 ist immerhin
nur ein Drittel von dem,
was das Herz einer Spitzmaus als Spitzenleistung leistet 
und man sagt doch immer, 
dass beim Atomkrieg das Kleinzeug überlebt 
- da geht noch was! 

Schickst per Telefon den Sohn zum ALDI 
wo die Kassiererin 930 Produkte pro Schicht über den Scanner zieht 
rufst kurz bei Vatter im Heim
schaffst es heute leider wieder nicht
Er ist schon bettfertig gemacht
viereinhalb Minuten dauerte das heute wegen Krankenstand 
Ein Krankenwagen blockiert die rechte Spur.
Du ziehst rüber,
preschst bei Kirschgelb über die Kreuzung 
vor dir schon wieder rote Bremslichter 
PULS! 
du trommelst auf dem Lenkrad 
PULS! 
die Uhr rast 
Du stehst schon wieder 
PULS! 
biegst endlich in die Straße ein 
fährst um den Block erst ein-, dann zweimal 
alles voll 
PULS! 
Das Auto piept 
Sicherheitsgurt braucht man jetzt auch nicht mehr 
stellst dich mit quietschenden Reifen in die zweite Reihe 
das Ordnungsamt wird doch schon Feierabend haben 
Du hast noch einen Termin 
raus aus dem Auto um die Ecke 
durch die schwere gläserne Eingangstür 
suchst auf der Hinweistafel nach dem richtigen Raum 
findest ihn nicht 
PULS! 
findest ihn doch, 
da… ganz oben… 
tausende von Treppen 
PULS! 
mit klopfendem Herzen bleibst du vor der Türe stehen 
fährst dir durch die Haare 
hoffst, dass dein Kopf nicht so rot ist, wie er sich anfühlt 
PULS! 
Öffnest die Tür 
alle Blicke auf dich
deine Stimme hoch und atemlos...

„Entschuldigung...
Ist das hier der Kurs Entschleunigung im Alltag?“
„Ja“, sagt die Kursleiterin in wallenden Kleidern
und nickt auf einen leeren Stuhl.

„Jetzt aber schnell“, scherzt sie. 
Vereinzelte Lacher. 
Hahaha.
PULS! 
Und dir fällt jetzt erst auf,
dass Entschleunigung

fast so klingt wie Entschuldigung
Und Oma hat immer gesagt:
Man kann sich selbst nicht entschuldigen,
nur um Entschuldigung bitten.


Vielleicht ist das mit Entschleunigung genauso.

Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volk Gottes.

Berlin - Symphonie einer Großstadt (II): Volksmassen. Nähe.

Zweite Sequenz aus der Performance vom Kirchentag 2017 in der Parochialkirche. Hier gibt es mehr dazu, auch den Link zum Video. Der Text bezieht sich auf den zweiten Akt von Ruttmanns Berlin - Sinfonie der Großstadt.


Im gleichförmigen Strom der Menschenmassen irgendwann zur Rush Hour stelle ich fest: Bei Fischen erhöhen sich im Schwarm Schnelligkeit und Reaktionsvermögen. Bei Menschen nicht unbedingt. Der Fluss aus Mensch stockt wie das WLAN bei mir im Hotel stolpert nimmt Umwege, teilt sich rund um einen jungen Mann, der schlecht rasiert, mit Schweißflecken unter den Armen und überaus missmutigem Gesichtsausdruck im Weg steht und ein Schild hochhält wie eine Drohung: „Free Hugs!“ Und jeder stolpert, springt, zuckt zur Seite, und der Strom von Körpern aus 50% Wasser und ein bisschen Mikroplastik spuckt mich vor einer Kirche aus. 

Ich gehe hinein und finde mich in einer Umarmung aus sakraler Kühle und stillem Ernst. Die Umarmung bleibt reserviert, es ist eine evangelische Kirche, und evangelische Kirchen haben eine bestimmte Art, einen zu umarmen. Ganz anders als so eine alte polnisch-katholische Kapelle, die mich ohne Rücksicht auf irgendwas in einen weichbusig kohlduftigen Arm zieht, in die Wange kneift und fragt, wo ich so lang gewesen bin. Ganz anders als so ein freikirchliches Gemeindezentrum, das mich in den Arm nimmt und abknutscht und festhält mit Haut und Haaren, dass ich schon sagen möchte: Das ist mir zu nah, aber dann habe ich auch schon einen Schrubber oder einen Kollektenbeutel oder einen Aktenordner in der Hand und irgendeinen Dienst übernommen. 
Eine evangelische Kirche tut so, als ob sie mich in den Arm nimmt, aber sie tut es doch nicht, sie fasst mich mit den Händen bei den Oberarmen und hält mich dabei auf gehörigem Abstand und lächelt mich an und wünscht mir eine „gute Zeit“, drückt nochmal was fester fürs Herz, weil sie mich nicht überwältigen, mir nicht die Luft abschnüren, mir Raum lassen will und das ist ja auch ganz okay so, aber ich spüre weder ihren Herzschlag, noch höre ich ihren Atem. 

Nach den Menschenmassen draußen ist mir das ganz recht und ich setze mich in die sachlich-kühle Heiligkeit, die bald jäh unterbrochen wird von der Stimme eines moppeligen Jungen irgendwo aus Süddeutschland, offensichtlich katholisch sozialisiert, der mit schnodderigem Zeigefinger nach vorne-oben zeigt und quakt: „ Mama, ‘s Greuz is leer, deä Jesus is wech!“ Und seine an interkonfessionell-religiöser Bildung momentan oder grundsätzlich weniger interessierte Mutter sagt etwas theologisch ganz Wertvolles, sie antwortet: „Na, er wird wohl nach drause gegange sein.“ Und ich gehe hin und tue desgleichen und stürze mich in die Menschenmassen vor der Tür und will ihn suchen und finden, damit wir auf einer Parkbank sitzen und philosophieren oder in einem dieser Berliner Hipster-Cafés eine Guave-Liebstöckl-Bionade trinken und dabei die Welt retten können. 

Aber ich habe das Gefühl, ich ertrinke beim Bad in der Menge, dass der Strom mich mitreißt, wohin auch immer. Und ich wäre gern Mose, der das Meer teilt – vielleicht sollte ich mir so ein Free-Hugs-Schild anschaffen – oder Jesus, der übers Wasser läuft, über den Dingen schwebt, aber ich bin eher der sinkende Petrus und gehe unter und werde mitgerissen an Parkbänken vorbei und an Hipster-Cafés und der Menschenfluss zieht mich immer weiter Richtung Stadtmitte und Kirchentag, und der Fluss wird orange und vor mir sehe ich, wie er sich teilt, weil da vorne, 100 Meter vor mir, dieser Typ mit dem Schild „Free Hugs“ steht, immer noch unrasiert, immer noch in demselben T-Shirt wie schon vorgestern, und ich versuche, nach rechts zu schwimmen, nach links, während wir unaufhörlich die Straße hinunterstürzen, und es sind keine 20 Meter mehr, und ich treibe geradewegs auf ihn zu, noch zehn Meter, noch fünf...

Und plötzlich scheint alles still zu stehen und einzufrieren und sich in Zeitlupe zu bewegen, und der Lärm der Stadt wird tiefer und leiser und die Polizeisirenen klingen wie Walgesänge, und ein Lichtstrahl fällt vom wolkenverhangenen Himmel genau auf den Typen mit dem Free-Hugs-Schild und eine überirdische Stimme perlt durch die Luft: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, und für eine Sekunde bleibt alles stehen und die Welt wird hell und klar.

Und dann stürzt der Lärm der Stadt wieder auf mich ein, und ich werde nach vorn getrieben und will gar nicht mehr ausweichen, sondern kenne meinen Weg und reiße die Arme auseinander und rufe dem Typ mit dem Schild zu: „Hier bin ich!“, denn ich habe ihn erkannt, und falle ihm um den Hals und spüre, wie sein Herz stockt und rieche seinen Atem und weiß, dass er vorhin Döner gegessen hat, und die Duftruinen seines Deos, das schon lange versagt hat und spüre seine Bartstoppeln am Hals und das schweißnasse Hemd unter meinen Händen und dann reißt er sich los und glotzt mich an und bellt: „Soch mal, host du’n Knoll?!“ Aber mir ist das egal.

Montag, 29. Mai 2017

Berlin - Symphonie einer Großstadt: Autoerotik und Industrieporno



Zu den spannendsten Projekten, bei denen ich am Kirchentag mitmachen konnte, gehörte die abendliche Performance Berlin - Die Sinfonie der Großstadt, mit der der Liturgische Tag: Großstadt in der Parochialkirche in Mitte endete. Im Zentrum stand der gleichnamige Stummfilm von Walther Ruttmann aus dem Jahr 1927, der auf einer Leinwand in dieser großartigen Kirche gezeigt wurde. Dazu gab es Livemusik am Klavier, die sich auf den Originalsoundtrack von Edmund Meisel bezog und das Geschehen auf der Leinwand kommentierte und voranbrachte. Da der Film in fünf Akte aufgeteilt ist, gab es sinnvolle dramaturgische Zäsuren, an denen ich mit mehr oder weniger poetischen Texten einhaken konnte. Der Arbeitsauftrag war, theologische Dimensionen freizulegen oder, zumindest habe ich es mir so zurechtgebogen, Gott da irgendwie inmitten der Bilder zu finden und/oder reinzumalen. 

Kleine Leseanweisung: Den Meisel-Score gibt es meines Wissens nicht einfach so in diesem Internet, von daher geht eine Dimension unweigerlich verloren. Man kann sich etwas Atonales, Bildreiches dazu denken. Und dann den Film bis zum Ende des I. Aktes (das Video sagt einem, wann es soweit ist) gucken und unten weiterlesen.




AUTO-EROTIK UND INDUSTRIEPORNO



Langsam und methodisch arbeitet er sich vor. 
Der Handschuh aus Lammfell gleitet über perfekte Rundungen, 
mit sanftem Druck in kreisenden Bewegungen 
massiert er jeden Quadratzentimeter 
pustet in den sich bildenden Schaum 
- schneeweiß, verspielt sich auftürmend - 
ahnt diesen ganz besonderen Duft 
mehr als er ihn riecht 
Lack und Leder und warmes Wachs 
massiert hier und dort noch ein bisschen extra 
nicht weil er müsste, 
sondern weil es sich so gut anfühlt 
nimmt einen Schwamm und taucht ihn in warmes Wasser 
lässt ihn sich vollsaugen und wringt ihn aus 
und sieht, wie Wassertropfen abperlen 
und langsam die perfekten Rundungen hinabgleiten 
und sich auf dem Boden sammeln. 

Und seine Frau hängt die Wäsche auf 
und beobachtet ihn und wünscht sich, 
er würde sie einmal so zärtlich berühren 
an allen möglichen und unmöglichen Stellen 
so liebevoll ansehen 
wie sein Auto bei der Wäsche. 

Und der Kameramann 
lässt sein Linsenauge durch die Maschinenhalle gleiten 
über blank poliertes Kupfer 
und glänzenden Stahl 
im Licht der Morgensonne 
fängt die gleichmäßige Stoßbewegungen ein 
perfekte Kurven und Wellen 
eisenharte Arme mit geölten Scharnieren 
kraftvoll zupackende Hände mit eisernen Greifern 
Zahnräder, deren Zacken sich vereinen und wieder trennen 
und laufen und laufen und laufen 
und es wird gehobelt und gestoßen 
und gehoben und geschoben 
unter hydraulischem Stöhnen und Pulsieren 
und ein Schwall weißer Milch ergießt sich 
in hochdruckgereinigte Flaschen aus Glas 
und füllt sie bis zum Rand 
und die Maschinen bewegen sich wie von Zauberhand 
Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar. 

Früher bauten die Menschen noch Türme 
deren Spitze bis in den Himmel reichen sollten 
um sich Denkmäler zu setzen und einen Namen zu machen 
doch der Herr fuhr hernieder und schuf das erste Weltwunder, 
babylonisches Sprachgewirr. 

Dann bauten die Menschen Kathedralen 
deren Spitzen bis in den Himmel reichen sollten 
um dem Ewigen näher zu kommen, 
doch der hatte schon längst den Abstieg gewählt 
und mischte sich unters Volk 
und verwirrte die Sprache 
und die Gebete klangen wie Hokuspokus 
und die Predigten wie tönendes Erz und klingende Schellen. 

Dann ließ man die Kirche im Dorf 
und baute in den Städten 
noch höher höher als alle Tumkreuze und Wetterhähne 
ragen die Fabrikschlote in den Himmel 
und wo sie die Wolken nicht berühren, 
spucken sie selber welche aus, 
wattigweiß wie die verlorene Unschuld. 
Die Fabrikglocke schrillt 
und ruft zum Schicht-, statt zum Gottesdienst. 
Non ora, sed labora 
der Vorbeter weicht dem Vorarbeiter, 
das Pfeifen und Dröhnen der Maschinen, 
das Brausen des Fließbands 
ist lauter als die größte Orgel der Welt 
ein geseufztes Kyrie eleison, 
ein unausgesprochenes Stoßgebet 
wenn der Rücken steif geworden ist 
wenn der Vorarbeiter seinen Zigarettenatem 
in den Nacken der Näherin bläst 
die Fürbitte ist was für die Mutigen, 
wenn der Chef wieder eine Predigt hält 
über Produktionssteigerung und Arbeitsmoral 
und den Lehrling am Ohr zieht. 

Nimm hin und iss 
statt Oblaten aus der silbernen Patene 
Kartoffelstampf aus einem abgestoßenen Henkelmann Butterbrot aus rostiger Büchse, 
ein Schluck gestreckter Kaffee aus der Thermoskanne 

Und am Ende des Tages: 
Ite, missa est, 
morgen geht es weiter von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Und der Herr fuhr hernieder zur Erde und 
verwirrte die Sprache der Menschen 
dass sie von Humankapital sprachen statt von Menschen 
und statt von Gottesurteilen von betriebsbedingten Kündigungen 
und statt von Ferien von vorlesungsfreier Zeit 

Die Menschen bauten weiter Bankenhäuser, 
die an den Wolken kratzen 
und den, der im Himmel wohnt, 
unter den Füßen kitzeln 
und der im Himmel wohnt, lacht ihrer 
zumindest am Anfang, 
und dann nervt es 
und er seufzt 
und fährt wieder hernieder 
und verwirrt ihre Sprache 
und die Menschen hören nicht auf einander nicht zu verstehen.

Was vom Tage übrig bleibt? #dekt17

Hui. Knappe zehn Stunden für eine Fahrt von Berlin nach Wuppertal, Kirchentagsende, Himmelfahrtswochenende und BVB-Endspiel sei Dank, und ich bin trotzdem blendender Laune. Für mich spricht das mehr als alles andere für den soeben zu Ende gegangenen Kirchentag - das Gefühl dauert an, begleitet in den Westen. Eigentlich zu früh danach und zu spät am Tag, um da noch groß herumzureflektieren, aber what the heck. 

ALLES LEBEN IST BEGEGNUNG


Am Abend der Begegnung merke ich, dass ich älter geworden bin. Nicht unbedingt, weil das Laufen schwer fiele, sondern weil ich den Unterschied zu den Jahren davor merke. 2007 (Köln) war erst mein zweiter Kirchentag, an besagtem ersten Abend bin ich u. a. mit älteren Kollegen unterwegs gewesen und war fasziniert bis befremdet von der Grußfrequenz - wir mussten gefühlt alle drei Meter stehen bleiben, weil irgendjemand Bekanntes unseren Weg kreuzte. Jetzt, zehn Jahre später, ging es mir so. Gefühlt alle drei Meter: Ehemalige Komiliton_innen, Kolleg_innen, Studierende, Konfis, Profs, Gemeindeglieder... Toll war das. Und schade, weil natürlich keine Zeit ist für längere Gespräche. Und entlarvend ist es auch: Wer beim Kirchentag in lauter Bekannte rennt / gehört schon zum Establishment. 

Insbesondere am Tag darauf verstärkte sich das auf eine schöne Weise: Dankenswerterweise wurde eine Podiumsdiskussion zu #smartchurch per Livestream übertragen - eine Diskutantin stellte beim Blick ins Publikum fest: "Meine Timeline materialisiert sich gerade!" Ähnlich ging es mir beim Preacher Slam am Abend.

KLASSENTREFFEN, KLASSE KAMPF

 


Donnerstagabend war der erste Aktionspunkt für mich: Preacher Slam in einer bis auf den letzten Platz besetzten (und leider etwas schwer zu beschallenden) Gethsemanekirche. Ich durfte als Opferlamm den Publikumsanheizer für ein erlesenes Line-Up mit grandiosen und sehr unterschiedlichen Texten spielen (nachzulesen zum Beispiel hier und hier und hier) und endlich auch einfach nur mal Zuschauer sein. Gewonnen hat der Beitrag, der am deutlichsten auf Pointe geschrieben war und der deswegen aus homiletischer Sicht besonders interessant ist - und weil sich hier eine (auch nur so halb wahre) Tendenz aus dem "richtigen" Poetry Slam abzuzeichnen scheint: "Es gewinnen ja eh die lustigen Texte." Musik gab es von der grandiosen Miriam Buthmann, die jede_r kennen sollte! 
Der Abend war dann auch so eine Gelegenheit, viele neue Lieblingsmenschen aus den sozialen Medien kohlenstofflich kennen zu lernen, zum Teil erstmalig dreidimensional zu erleben - ich freu mich sehr aufs nächste Timeline-Klassentreffen! Aber vielleicht sollte ich auch dem Rat des WELT-Kolumnisten Matthias Kamann folgen, der der Meinung ist, ich sollte besser was mit Medien machen?


FREITAG - FEIERTAG - STATT - FREIER TAG



Ungleich voller war mein Terminplan am Freitag. Zuerst zwei kurze Auftritte in der liebevoll und regionenspezifisch aufgebauten Westfalenhalle, in der zwischen Buden und Süßigkeitenregalen ein Hauch von Ruhrgebiet mitten durch Berlin zog - und in der die Bühne leider ein bisschen publikums- und auftretendenunfreundlich am Rand platziert war. Sowieso war die Messe, wie der gesamte Kirchentag, sehr weitläufig - manche Abstecher blieben dann doch nur Theorie.




Der Abend bot den Programmpunkt, auf den ich selbst am gespanntesten war: Die Vorführung des bombastischen Stummfilms "Berlin - Symphonie der Großstadt" von 1927 mit Livemusik und kurzen eingeschobenen Zwischentexten. Schon die Location, die Parochialkirche in Mitte, hätte ich am liebsten mitgenommen...





Die Parochialkirche war Schauplatz des Liturgischen Tages Großstadt, für den unter anderem das Theologische Labor Berlin und einige Protagonist_innen der deutschsprachigen fresh-x-Bewegung verantwortlich zeichneten. Auch diese Kirche war mit einem überaus wachen und begeisterten Publikum fast voll besetzt, Film, Musik und Texte passten überraschend gut zusammen - und am Ende des Tages ist mir bewusst, dass ich das Thema "Urbane Theologie" gern weiterdenken möchte.

SKANDAAAAAL!

Nicht weniger spannend ging der Kirchentag zu Ende, weil auf dem Programm noch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Gottesdienst als Skandal" stand. Ich durfte vorne sitzen neben lauter Menschen, die ich bewundere und mag - mein alter Lehrer Peter Bukowski, Birgit Mattausch und Christina Brudereck, fach- und sachkundig moderiert von Johannes Michael Modeß. Alles Leute, mit denen ich gern über Gottesdienst nachdenke und mit denen ich noch lieber zusammen feiere - auch das stand auf dem Programm. Skandalöser wäre das Ganze sicherlich gewesen, wenn wir als Panel uns nicht in eigentlich allem so rührig einig gewesen wären... Evangelisch.de hat dem Ganzen einen sehr ausführlichen Bericht gewidmet, und auch an diesem Abend war die Gethsemanekirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Fast schon überraschend angesichts des Veranstaltungsformats, aber auf jeden Fall sehr fein!


DER LANGE WEG NACH HAUSE


Nach diesem Nachmittag war der Kirchentag für mich zumindest offiziell beendet, auch wenn der Abend mit weiteren kohlenstofflichen Begegnungen noch lang wurde. Zum Abschlussgottesdienst nach Wittenberg haben weder Benzin noch Lust gereicht, aber ein Stau kurz vor Magdeburg (der sich wundersamer Weise auflöste, als der Ratsvorsitzende die Einsetzungsworte sprach...) machte es möglich, das Ganze live im Radio zu verfolgen und irgendwie doch auch das offizielle Ende noch mitzunehmen.


Die Fahrt war noch deutlich länger, Zeit genug, um beim nächsten längeren Totalstau den ernüchterten Rückblick von Sebastian Baer-Henney zu lesen und zu fragen: Was ist eigentlich mein Fazit, was nehme ich mit?



WAS VON DEN TAGEN ÜBRIG BLEIBT


KIRCHENTAG VON INNEN IST NICHT KIRCHENTAG VON AUSSEN


Bei der Berichterstattung über den Kirchentag dominieren in aller Regel die gesellschaftspolitischen Themen. So auch in diesem Jahr: Spaltenmeter um Spaltenmeter über Obama, von der Leyen und alle anderen wahljahresaktiven Politiker_innen, Käßmanns verkürzt wiedergegebene AfD-Kritik, AfD sowieso und so weiter. Das ist nicht unproblematisch, weil sich so in der Öffentlichkeit der Eindruck festigt, die evangelische Kirche sei vor allem eine Gesinnungsanstalt. Das entspricht nicht der unglaublichen Breite an Angeboten, die tatsächlich so ziemlich jede Facette evangelischen Lebens abzubilden vermag. Es lässt sich kaum vermeiden, weil eben mit berühmten Gesichtern bessere Schlagzeilen zu machen sind. Es ist aber trotzdem schade, wenn der aufwändig gestaltete Abschlussgottesdienst diesen Eindruck verstärkt. Bei aller Vorsicht angesichts des nicht-vor-Ort-gewesen-Seins: Die Predigt des südafrikanischen Bischofs Thabo Makgoba war aus homiletischer Sicht streckenweise eine Enttäuschung. So gut die Idee, jemanden aus der weltweiten lutherischen Ökumene einzuladen, so spannend die afrikanische Perspektive auf die Geschichte von Hagar, so faszinierend die Performance - am Ende bleiben Appelle hängen, die zwar engagiert vorgetragen wurden, deren Nachhaltigkeit aber noch zu beweisen ist.

Aber, wie gesagt: Kirchentag von innen ist nicht Kirchentag von außen. Das macht mich vorsichtig beim Urteilen über Programmpunkte, die ich gar nicht oder nur durch externe Berichterstattung vermittelt erlebt habe. Und mir bleiben neben den vielen Begegnungen auch die gottesdienstlichen Momente im Gedächtnis, die Abendsegen nach den Veranstaltungen: Ich wurde gesegnet und durfte segnen, mit Lieblingsmenschen im Arm und Tränen in den Augen Der Mond ist aufgegangen und Der Lärm verebbt singen, mit vielen anderen zusammen beten und Gottesdienst feiern in Formen und zu Tageszeiten, die mir näher liegen als mancher Sonntagsgottesdienst. 


PERSONENKULT


Im Vorfeld wurde mehrfach und zu Recht eine einseitige Reduzierung des Reformationsjubiläums auf die Person Martin Luthers kritisiert. Auf dem Kirchentag habe ich das sehr anders wahrgenommen, in Berlin waren wenige bis gar keine Luthersocken, -enten und andere Devotionalien zu sehen. Trotzdem bleibt (oder entsteht) nach vielen Gesprächen, Artikel- und Tweetslesen der Eindruck, dass wir nicht ohne Held_innen können. Für die Einen ist es Obama, für die Anderen Fulbert Steffensky. In meiner Filterbubble vor allen anderen Nadia Bolz-Weber. Was das für die Kirche der Reformation, für unser Gedenken und Handeln bedeutet, müsste noch mal diskutiert werden. 


DIE DA DRAUSSEN...


"Was ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, war Binnenkirche. Es waren viele Menschen unterwegs, die sich flotte Ideen für ihre Kirche angesehen haben – dabei aber in ihrer Welt dermaßen gefangen sind, dass sie nicht wahrnehmen, dass die Menschen von außen das Allermeiste davon nicht interessiert. [...]
Diese Art von Kirche nimmt so viel Raum ein. Hunderttausend Menschen zelebrieren sie und sehen dabei gar nicht, wie viele andere sie damit ausschließen. Es ist ein Missverhältnis, dass diese Binnenkirchlichkeit uns so unverhältnismäßig viel beschäftigt. Unsere theologisch korrekten Antworten, unsere politisch korrekten Aussagen – all das ist richtig. Aber all das erstickt uns. Betäubt von dem Glauben, dass die, die nicht kommen, ein Problem haben, dass doch alles so gut und makellos ist, was wir machen, fehlt uns der Zugang zu denen da draußen. Wir rudern und rudern, wollen uns nicht angreifbar machen, gelähmt von der Angst, politisch inkorrekt oder oberflächlich zu werden. Und ertrinken in einem Strom binnenkirchlicher Leitkultur."
So fasst Sebastian Baer-Henney im oben erwähnten Blogpost seine Kirchentagserfahrung zusammen. Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen, auch, wenn mir weniger zum Heulen ist, weil ich in meinem Gemeindealltag sehr binnenkirchlich unterwegs bin und glaube (oder glauben möchte), dass diejenigen, die gestärkt vom Kirchentag zurückkehren, in ihren Kontexten vor Ort mit neuer Energie wirken können. Trotzdem bleibt ein schales Gefühl, weil so viele Programmpunkte auf dem Kirchentag geschlossene Veranstaltungen sind - und zwar nicht nur milieumäßig: Zutritt zu den Veranstaltungsräumen haben nur diejenigen, die eine Eintrittskarte besitzen. Das war für einige Freunde von mir ärgerlich, weil sie vorbeikommen wollten, das aber nicht konnten. Mir ist vollkommen klar, dass der Kirchentag irgendwie finanziert werden muss. Mir ist auch klar, dass es Abendkarten gibt - die sind aber sehr schwer zu bekommen: Wer sich nicht vorher mit einem recht aufwändigen Prozedere anmeldet, hatte in Berlin nur an ausgewählten Vorverkaufsstellen die Chance, eine Abendkarte zu erwerben. Mit Abendkassen wäre das Problem zu lösen - und, ja, mir ist auch klar, was das an organisatorischem Mehraufwand bedeuten würde. Aber es ist doch schade, wenn die gastgebende Stadt weitestgehend bloße Kulisse bleibt und die Menschen dort den Eindruck haben, dass, wer mit Gott unterwegs sein will, einen orangefarbenen Schal braucht. 
Ich wünsche mir, dass wir in Dortmund mehr wagen. Dass im Nachgang dieses Kirchentages Wege gefunden werden, das Engagement der vielen, vielen Leute zu würdigen und gleichzeitig offen zu fragen, ob die Idee eines "Kirchentages auf dem Weg" und eines Abschlussgottesdienstes in Wittenberg so gut war. Dass wenigstens ein Preacher Slam nicht in einer Kirche mit Pfadfindertürstehern, sondern irgendwo an einer öffentlich zugänglichen Speakers' Corner stattfindet, ohne Kulleraugen und sonstige Banner, ohne anstrengende Anmoderation. Dass wir uns der Stadt aussetzen, nicht die Stadt uns. Ich freu mich drauf! #dnkgtt